Viktor Giacobbo

Vor drei Monaten sagte Viktor Giacobbo (65) dem SRF adieu. Doch langweilig ist es dem Neu-Rentner nicht. Der Satiriker plant eine Bühnentour und einen Kinofilm.

 

Viktor Giacobbo scheint tiefenentspannt. «Meine Neigung zur Faulheit kann ich nun besser strukturieren», sagt der 65-Jährige drei Monate nach Ende von «Giacobbo/Müller». «Obwohl ich momentan fast mehr arbeite als früher.» Die «Schweiz am Wochenende» trifft ihn in seiner Heimatstadt Winterthur im Casinotheater. Er spricht über «saudumme» Erdogan-Plakate, einen Egomanen aus den USA und den Schweizer Comedy-Nachwuchs.

Herr Giacobbo, wenn Sie morgen Sonntag auf Sendung gehen könnten, worüber würden Sie sich lustig machen?

Viktor Giacobbo: Das Schöne ist, dass ich mir darüber null Gedanken machen muss. Aber wenn Sie darauf bestehen: vermutlich über die Comedy-Woche auf SRF 3, die peinliche Femen-Parodie der Juso und natürlich über Donald Trump. Der liefert schön pünktlich neues Material, nur wird es langsam langweilig.

Ein bisschen schmerzen muss es doch: Sonntag 22.15 Uhr, aber kein «Giacobbo/Müller».

Ich sitze nicht dröge auf dem Sofa und denke, jetzt würden wir gleich auf Sendung gehen. Es freut mich, wenn mich Leute darauf ansprechen oder auf Twitter schreiben, dass sie «Giacobbo/Müller» vermissen, aber auch drei Monate danach bin ich immer noch der Meinung, es war die richtige Entscheidung, der perfekte Zeitpunkt.

Wäre mit Trump, Erdogan oder dem Brexit nicht vielmehr jetzt der beste Zeitpunkt für Satire?

Unter diesem Gesichtspunkt hätten wir nie aufhören können. Satire ist das nachhaltigste Business der Welt. Es gibt immer neue Peinlichkeiten und Sauereien, neue Figuren.

Welche Ihrer Figuren hätten Donald Trump gewählt?

Harry Hasler und Debbie Mötteli, also die beiden, die nicht gerade die Hellsten sind und trotzdem über ein starkes Ego verfügen. Und vielleicht Ueli Maurer, er ist ja eine Figur von mir, auch wenn er das bestreiten mag. Zumindest besitze ich die Bildrechte an seinem Gesicht.

Sie kennen sich mit Provokationen aus: Geht das Kill-Erdogan-Plakat der Berner Demonstranten zu weit?

Nein, aber das Plakat ist einfach nur saudumm. Das ist wie bei der Satire: Man kann zwar so weit gehen, wie man will, man muss sich aber im Klaren sein, was man damit auslöst. Wenn diese Dummköpfe ein solches Plakat zeigen, aber nicht merken, dass sie damit nicht der Opposition, sondern nur Erdogan helfen, dann ist denen nicht zu helfen. Sie finden sich dabei selbst toll und sind von der eigenen Radikalität beeindruckt. Aus politisch-taktischer Überlegung war das Plakat ein Rohrkrepierer.

Sie haben Ihre Provokationen auch nie politisch-taktisch abgewogen.

Nein, aber ich bin Satire-Macher, kein Demonstrant. Unser einziger Massstab bei Giacobbo/Müller war immer, ob es die Leute lustig finden. Okay, stimmt nicht ganz. Der Massstab war, ob wir zwei es lustig finden, nur das zählt, anders kann man keine Komik machen.

Unfreiwillige Komik liefern heute oft die Politiker. Wird die Politik gerade kabarettistisch?

Nein, den alltäglichen Nonsens von tragisch bis lustig, von tödlich bis lustvoll hat es immer gegeben. Nur ist heute alles sehr viel schneller. Die sozialen Medien verbreiten alles in wenigen Stunden, auch die komödiantische Seite eines Ereignisses. Aber das ist gut so. Heute kann man nicht einfach auf Trump verweisen und meinen, man erntet Lacher. Man muss deutlich mehr bieten. Darin sind die Amerikaner gut – nicht besser als die Schweizer – aber eben näher dran.

Welchem Satiriker schauen Sie gerne zu?

Grossartig war natürlich Melissa McCarthy, als sie Sean Spicer (Sprecher des Weissen Hauses, Anm. d. Red.) imitierte. Mein Favorit ist aber Bill Maher. Er pflegt die Debatte mit Gästen, muss daher auch mal improvisieren, etwas das wir auch gerne gemacht haben. Natürlich finde ich auch andere US-Satiresendungen wie von John Oliver oder Trevor Noah toll, auch wenn sie komplett gescripted sind.

Was war die schlimmste Konsequenz, die Sie je wegen eines Witzes aushalten mussten?

Ins Gefängnis muss hier glücklicherweise niemand. Bei uns gab es immer wieder Shitstorms, und wir verantworten zwei Konzessionsverletzungen, aber noch zu Zeiten von «Viktors Spätprogramm».

Und viele Meldungen bei der Ombudsstelle.

Ja, aber darauf haben wir es nicht angelegt. Die nachfolgende Empörung ist kein Massstab. Man kann wunderbar frech sein, was aber nicht unbedingt das Gleiche ist wie lustig.

Ist Jan Böhmermann frech und lustig oder einfach nur frech?

Bei ihm wechselt es sich ab. Manchmal ist er nur frech. Dann ist es reine Pose. Dagegen ist aber kein Komiker gefeit – wir auch nicht.

Wenn heute junge Menschen ihre News oft aus Satiresendungen beziehen…

…Moment, das bezweifle ich. Irgendwann zu Zeiten von Jon Stewart wurde das behauptet, dann immer wiederholt, aber nie bewiesen. Eine Satiresendung kann man gar nicht lustig finden, wenn man nicht über die aktuelle Nachrichtenlage informiert ist.

Die Sendungen machen ja nicht nur Witze, sie setzen mit echten Nachrichten den Kontext, um sich darüber lustig zu machen.

Da stimme ich zum Teil zu, aber es schalten fast nur Leute ein, die sich ohnehin für Politik interessieren. Das junge Satirepublikum informiert sich schon vorher über die Ereignisse, auf welchem Kanal auch immer.

Ein wachsendes Problem sind Fake News, die sich heute ebenfalls schnell über die sozialen Medien verbreiten. Ist das gefährlich?

Es ist vor allem deshalb gefährlich, weil der mächtigste Mann der Welt alles, was ihm nicht passt, als Fälschung deklariert. Und er tut das so oft, dass ihm seine Anhänger mit der Zeit vermutlich glauben. Wenn er nur lange genug sagt, Obama habe ihn bespitzelt, bleibt auch etwas hängen. Aber viel schlimmer ist doch, dass Trump nur piep twittern muss, und schon setzt er damit weltweit die Schlagzeilen. Seine Tweets haben mich eine Zeit lang amüsiert, aber ich followe ihm nicht mehr. Ich mag dieses Grosskotzige eines ahnungslosen Egomanen einfach nicht mehr lesen.

Machen die Medien einen Fehler, wenn sie oft über Trump berichten?

Ja, dieser Klick-orientierte Journalismus nervt mich. Da geht es längst nicht mehr um die Sache. Schauen Sie sich nur die Schlagzeilen an. Da werden Titel gesetzt, die nur noch entfernt mit dem Inhalt zu tun haben, Hauptsache, es klickt jemand drauf.

Dann warten Sie mal den Titel dieses Interviews ab.

(lacht) Ja genau, wahrscheinlich: «Viktor Giacobbos neue Freundin nackt».

Haben Sie eine neue Freundin?

(lacht und schweigt)

Dann eine andere Frage: Sie teilen oft gegen Journalisten aus. Sind Sie empfindlich?

Nein, ich gebe einfach gerne zurück, nur sind sich Journalisten das nicht gewohnt. Ich bin nicht empfindlich, ich liebe einfach den Streit. Ausserdem war Medienkritik immer ein wichtiges Thema in unserer Sendung.

Heute – nach Ende der Show – schwingt oft Wehmut in der Berichterstattung mit. Keine Sendung komme an «Giacobbo/Müller» heran. Früher hagelte es Kritik. Überrascht Sie das?

Nicht wirklich, das habe ich nach «Viktors Spätprogramm» bereits erlebt. Auf einmal kommt Lob von Leuten, die einen früher das Letzte fanden. Auch auf der Strasse werden wir oft angesprochen, ich sage dann aber: Gebt den Neuen erst mal eine Chance.

Wen meinen Sie? Dominic Deville?

Sein viraler Hit «Switzerland Second» war grossartig, der beste «Second-Film» unter vielen Ländern. Von wegen Schweizer Satiriker sind schlechter! Deville und seine klasse Crew sind auf einem guten Weg. Das SRF könnte ihn ruhig ein bisschen mehr unterstützen und ab und zu einen Trailer schalten.

Schawinski bekommt viele Trailer.

Wohl weil er als Comedian noch nicht so etabliert ist. Nein, man hätte Deville unseren Sendeplatz geben sollen.

Fehlte dem SRF der Mut?

Das müssen Sie diejenigen fragen, die das entschieden haben.

Die junge Schweizer Satirikerin Hazel Brugger ist lieber bei der deutschen Konkurrenz tätig. Das SRF hat es offensichtlich versäumt, ihr eine Plattform zu geben.

Ich verstehe nicht, weshalb beim Thema Satire immer auf das SRF gestarrt wird, notabene von Medien, die ich fragen muss: Wo findet denn bitte bei Tele Züri die grosse Satiresendung statt? Wo findet die respektlose, freche Satire bei Tamedia oder Ringier statt, wo man sich getraut, die eigenen Inserenten, Sponsoren und Chefs zu verarschen, so wie wir es beim SRF tun konnten?

Das SRF hat die grösseren finanziellen Mittel.

Sorry, aber «Giacobbo/Müller» war nicht wahnsinnig teuer. Und es gibt nicht nur Hazel, die by the way sehr wohl vom SRF angefragt worden ist – aber sie hatte keine Lust. Sie hat den Hype verdient, denn sie ist toll. Sie trat mit 17 Jahren hier im Casinotheater auf. Danach lud ich sie in die Sendung ein.

Und dann?

Nach den ersten beiden Auftritten hat das niemanden interessiert, obwohl sie schon damals brillant war. Aber uuuh, eine Schweizerin ist im deutschen Fernsehen! Egal in welcher Kunstform: Wenn ein Schweizer im Ausland Erfolg hat, reagieren viele mit einer kruden Mischung aus Selbstbeweihräucherung und Selbstkasteiung.

Das scheint Sie sehr zu stören.

Ja, weil es neben den bereits Etablierten so viele Talente hier gibt. Renato Kaiser, Lara Stoll, Joël von Mutzenbecher, Patti Basler. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Am Mittwoch trat Daniel Ziegler vor vollem Haus bei uns auf. Aber kein einziger Medienvertreter war anwesend.

Weshalb?

Weil ihr alle auf Hazel Brugger starrt und aufs SRF.

Und auf Trump.

Und Trump! Aber o.k., da starren alle hin, ich auch.

Was ist Ihr Rat an die junge Comedy-Generation?

Das zu tun, auf das sie Lust haben. Sich nicht dem Publikum anpassen und sich von niemandem sagen lassen, was sie dürfen und nicht dürfen.

Inwiefern würde eine Annahme der No-Billag-Initiative das SRF als Bühne für die Kleinkunst schwächen?

Das SRF macht viel für die Satire- und die Kleinkunstszene. Insofern fehlte ihr zwischenzeitlich eine Plattform seit dem Ende unserer Sendung. Deville führt dies aber nun auch immer mehr ein. Michel Gammenthaler auch. Offenbar kann das die SRG besser als die Privaten. Das Problem ist einfach, dass diese Sendungen lange Pausen haben. Deville geht erst im Oktober wieder los.

Ein Fehler?

Deville könnte nun von seiner Bekanntheit durch das Switzerland-Second-Video profitieren. Wieso platziert man eine Marke erfolgreich, um sie dann wieder ein halbes Jahr vom Markt zu nehmen? Mike und ich konnten von Anfang an voll loslegen.

Weil Sie und Mike Müller bereits etabliert waren.

Klar, aber auch wir waren nicht unumstritten. Die gleichen Leute, die uns jetzt vermissen, sagten uns damals «Eure Show wird keinen Erfolg haben».

Da wir von Mike Müller sprechen: Vermissen Sie ihn manchmal?

Nein, ich habe ihn ja nie verloren, und er mich auch nicht.

Worüber sprechen Sie denn heute miteinander?

Über das, was wir gesehen, gehört oder gelesen haben. Worüber Freunde halt so sprechen. Und wir haben ja auch mindestens ein gemeinsames Projekt. Das wird in ziemlich genau einem Jahr Premiere feiern und «Giacobbo/Müller on Therapy Tour» heissen. Wir spielen drei Wochen im Casinotheater und gehen dann auf Tour. Dani Ziegler und Dominique Müller werden auch dabei sein.

Sie haben auch einen neuen, humoristischen Dokumentarfilm im Stil von «Der grosse Kanton» angekündigt. Worum geht es?

Das ist so. Aber der Dokumentarfilm, quasi eine «Mockumentary», muss nun noch etwas warten, da ich zuerst an einem Spielfilm arbeite, den ich zusammen mit Domenico Blass schreibe.

Wie wärs mit einer Vorschau?

Es ist eine Schweizer Politkomödie, die mit dem Ausland zu tun hat, aber nicht mit Kuba wie in «Ernstfall in Havanna», sondern mit Schweden. Es geht um Rüstungslieferungen, Schweizer Lobbyismus und Regierungsmitglieder im Knatsch mit den Medien.

Gripen – der Film!

Es ist an die Gripen-Thematik angelehnt, hat aber nichts direkt damit zu tun. (schmunzelt)

Wie gross ist das Budget?

Keine Ahnung, darum kümmert sich unsere Produzentin Ruth Waldburger. Ganz billig wird es sicher nicht, da wir auch in Schweden drehen müssen. Aber das filmische Exposé steht bereits.

Dabei wurden Sie im Februar 65, könnten die AHV-Rente geniessen.

Ja, aber momentan arbeite ich fast mehr als früher. Immerhin kann ich ohne Deadline am Sonntag meine Neigung zur Faulheit besser strukturieren.

Welche Vorzüge geniessen Sie sonst noch? AHV-Reduktionen beim Kinoeintritt?

Bis jetzt noch nie, aber das ist eine gute Idee, stimmt!

Beim Casinotheater gibts das nicht?

Nein, wir haben nur für Studenten und Lehrlinge Rabatte, aber nicht für die reichen Alten. Die zocken wir ab! (lacht).

 

Der Dauerbrenner

Fast neun Jahre waren Viktor Giacobbo (65) und Mike Müller mit ihrer Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» auf Sendung. Über 400000 Zuschauer verfolgten jeweils die Sprüche der beiden Satiriker im Schweizer Fernsehen. Davor flimmerte Giacobbo bereits jahrelang mit den Satiresendungen «Viktors Programm» (1990– 1994) und «Viktors Spätprogramm» (1995–2002) über den Sender. Zu seinem Repertoire zählt aber nicht nur TV. So war er 2006 als Gaststar mit dem Schweizer National-Circus Knie auf Tournee. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Salzburger Stier (1991). Giacobbo ist Mitbegründer und Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur. Bald geht er mit «Giacobbo/Müller on Therapy Tour» auf die Schweizer Bühnen.

 

«Es gibt immer neue Peinlichkeiten und Sauereien»

1. April 2017, Schweiz am Wochenende, von Benjamin Weinmann, von Yannick Nock

Vor drei Monaten sagte Viktor Giacobbo (65) dem SRF adieu. Doch langweilig ist es dem Neu-Rentner nicht. Der Satiriker plant […]

Wie weiter mit der politischen Satire in der Schweiz nach dem Aus von «Giacobbo/Müller»? Talente gäbe es genug. Nur fehlt dem SRF der Mut, auf sie zu setzen.

Am Abschiedsabend von «Giacobbo/Müller» sass die Kulturintelligenz der Schweiz im Zürcher Kaufleuten und lachte über Scherze, die genau das waren: Scherze. Nicht besonders beissend, nicht besonders böse, eher bieder als bitter. Es war die letzte Wiederholung eines wohligen Rituals. Viktor Giacobbo und Mike Müller machten Satire für alle. Ihre Sendung war eine der letzten im Schweizer TV, die dieses Lagerfeuer­gefühl wie früher «Wetten, dass …?» oder «Benissimo» vermittelten. Eine Sendung, die jeder schaut, und selbst wenn man sie nicht schaut, hat man zumindest eine Meinung dazu.

Das allein war schon eine Leistung. Eine zweite, unterschätzte, war die grosse Bühne, welche die Sendung für Talente darstellte. Giacobbo und Müller betrieben genau die Nachwuchsförderung, die man beim Schweizer Fernsehen seit Jahrzehnten vernachlässigt. Und so ist das Ende von «Giacobbo/Müller» doppelt bitter: Ab sofort findet keine politische Satire mehr statt, weil jene ­Talente, die erst durch die zwei SRF-Haussatiriker einem breiten Publikum bekannt gemacht wurden, nicht jene ­Lücke füllen dürfen, die das Aus von «Giacobbo/Müller» hinterlässt. So viel Talent. Und so wenig Platz.

«Wir müssen aufhören, uns immer zu fragen, was das SRF für uns machen soll», sagt Renato Kaiser, «und es einfach selber tun!» Kaiser ist eines dieser Talente, ein Slampoet wie viele der hochbegabten jungen Satiriker, und schon seit Jahren zumindest eine feste Kleinkunstgrösse. Der 31-jährige Ostschweizer hat – lange, bevor in hiesigen Zeitungen das Fehlen eines echten Schweizer Politkabaretts beklagt und sehnsüchtig in die Romandie und nach Deutschland/Österreich/Amerika geblickt wurde – mit einem 20-minütigen Video bewiesen, dass es eben doch geht. Dass man kein zerfressenes politisches System wie in den USA haben muss, um jene Art von investigativ-böser Satire zu schaffen, für die ein John Oliver in der Schweiz so geliebt wird.

Im Video redet Kaiser über die Sozialhilfe und bringt das sperrige Thema auf eine Art und Weise auf den Punkt, dass man sich während der gesamten 20 Minuten fragt: Warum hat das noch niemand vorher gemacht? Die Einseitigkeit der Medien, die sich widersprechenden Forderungen der Politik, das absurde Verhalten der Gemeinden: Kaiser streift viele einzelne Aspekte und verdichtet sie zu einem klaren Bild. Er ist schnell und doch präzise, er verwebt Statistiken und lässt Betroffene zu Wort kommen. Eigentlich macht er Journalismus – einfach in lustig.

So viral, wie es geht

Das Video entstand im Auftrag der Hochschule für Soziale Arbeit in St. Gallen und war auch ein Test. Funktioniert so etwas in der Schweiz? Ist das Publikum gewillt, länger als die zwei, drei Minuten aufzubringen, die es für eines der normalen Videos von Kaiser braucht? «All die Leute, die vorher immer gesagt haben, das gehe nicht, haben es wohl noch nicht ausprobiert», sagt Kaiser, der von der Resonanz auf das Video selber überrascht war. Über 160’000-mal wurde es auf Facebook aufgerufen, für Schweizer Verhältnisse ist das so viral, wie es nur geht. Kaiser arbeitet nun an einem ausgebauten Konzept und trifft sich in diesen Tagen mit verschiedenen Interessenten. In der Schweiz gebe es viele Themen, die sich auf diese Weise einem breiteren Publikum präsentieren liessen.

Comedian Michael Elsener war regelmässig Gast bei «Giacobbo/Müller» und versucht, der politischen Satire in der Schweiz auf eine ähnliche Weise wie Renato Kaiser eine neue Sinnhaftigkeit zu verleihen. Seit einem Jahr veröffentlicht der 31-Jährige auf seinem Youtube-Kanal «Comedy Essays», in denen er das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP, Lobbyismus oder das populistische Phänomen zu ergründen sucht. «Alles Themen, die ein breiteres und jüngeres Publikum verdienten», sagt Elsener. In einer Zeit, in der die Nachrichten pausenlos auf einen einprasselten, brauche es Autoren, Feuilletonisten oder eben Comedians, die einen Schritt zurück machten und versuchten, das grosse Bild zu zeichnen. «Ohne politische Satire ist unsere aktuelle Zeit nur schwer auszuhalten.»

Kaiser und Elsener sind nicht die einzigen jungen Schweizer, die nach dem Aus von «Giacobbo/Müller» politische Satire machen. Da sind ausserdem: der nach wie vor zu wenig bekannte Gabriel Vetter, ein Ausnahmetalent auf vielen Kanälen mit aktuellem Stand-up-Programm; Lara Stoll, die experimentierfreudiges, sehr politisches und sehr böses Halbfernsehen macht; Laurin Buser, der schlaue Texte schreibt und neu auch Theater macht. Nils Althaus ist mit seinem vierten Soloprogramm unterwegs. Satire sei wie die Zeugen Jehovas, sagt er darin: Sie müsse ein wenig nerven. Und Hazel Brugger ist schon fast zu gross für die Schweiz und dabei, in Deutschland zur Marke zu werden.

Sie alle stehen für eine neue Art von Schweizer Satire. Die hat nichts mehr mit dem muffigen, sozialdemokratischen Politkabarett der 70er-Jahre zu tun. Sie ist böser, schwärzer, mehr ­Nische als Mainstream – und darum vielleicht auch gar nicht fürs Schweizer Fernsehen übersetzbar. Auf jeden Fall nicht im Hauptabendprogramm. In Deutschland versuchen ARD und ZDF seit vergangenem Herbst, das dortige Potenzial von Slam-Poeten, Youtubern und Videobloggern mit einer eigenen Plattform im Internet abzuholen. «Funk» heisst das Projekt und zielt auf jene junge Publikumsschicht, die sich schon lange vom linearen Fernsehen verabschiedet hat.

Ein Klima der Angst

Wahrscheinlich ist sogar ein solches Projekt fürs Schweizer Fernsehen zu heikel. Man darf die Auswirkungen, welche die nur hauchdünn gewonnene Abstimmung über das neue Radio- und TV-Gesetz im Sommer 2015 hatte, nicht unterschätzen. Ebenso wenig die nun anrollende Service-public-Debatte und die «No Billag»-Initiative. In ganz anderem Ausmass als früher ist das Schweizer Fernsehen auf Ausgewogenheit bedacht. In einem solchen Klima hat es alles schwer, was potenziell für Irritationen sorgen könnte.

Aber die Frage darf man sich schon stellen: Ist es nicht eine falsche Vorstellung, mit seinen Sendungen immer das breitestmögliche Publikum abholen zu müssen? Sollte ein Sender, gerade wenn er angeblich dem Service public verpflichtet ist, nicht auch etwas wagen? Auch mal unbequem sein? Selbst wenn das bedeutet, für einmal nicht allen zu gefallen.

Die Überwindung der Biederkeit

31. Dezember 2016, Tages-Anzeiger, von Philipp Loser

Wie weiter mit der politischen Satire in der Schweiz nach dem Aus von «Giacobbo/Müller»? Talente gäbe es genug. Nur fehlt […]

Die Satiresendung ist zu Ende, aber Viktor Giacobbo und Mike Müller bleiben dem Publikum auf Bühne, Bildschirm und Leinwand erhalten. Ein Gespräch über Freundschaft, Filterblasen, Missen und das satirische Potenzial von Rechtspopulisten. Denn: «Wir haben mit Trump verabredet, dass wir aufhören, falls Trump gewinnt».

Mike Müller und Viktor Giacobbo, 2016 ist zu Ende und damit auch Ihre gemeinsame Satiresendung «Giacobbo/Müller». Werden Sie die regelmässige Zusammenarbeit vermissen?

Viktor Giacobbo: Ich denke nicht, wir sind ja gute Freunde und haben bereits gemeinsame Pläne für die Zukunft. Für die ist es vielleicht sogar befruchtend, wenn wir mal für eine Weile nicht jede Woche neue Ideen aushecken müssen.
Mike Müller: Genau. Jeweils am Ende einer Staffel waren wir schliesslich ganz froh, wenn wir mal zwei, drei Tage nicht miteinander telefonieren mussten…

Giacobbo: …wenn nicht sogar vier oder fünf…

Müller: …dann hatten wir aber Streit, weil es so lange gedauert hat…

Giacobbo: …mehr als acht Tage waren es jedenfalls nie.

Macht es die Zusammenarbeit leichter oder schwieriger, wenn man so gut befreundet ist? Kann man sich eher mal sagen, wenn man etwas vom anderen nicht so witzig findet?

Giacobbo: Wir haben die Kritik institutionalisiert. Es war immer klar, dass man dem anderen sagen konnte, wenn man etwas nicht so gut fand, dann wurde diskutiert. Und wenn das nichts brachte, gab es ein Vetorecht, und die Idee kam nicht in die Sendung.

Kam das öfters vor?

Giacobbo: Nicht häufig, aber es kam vor.

Müller: Während der Sendung selbst nützte es uns enorm, dass wir uns so gut kennen. Da mussten wir manchmal spontan und schnell Entscheidungen treffen, und das konnte jeder von uns quasi blind – im Wissen, dass der andere genau gleich entschieden hätte. Wir sahen einander auch immer an, wenn der andere einen Hänger hatte und konnten schnell einspringen.

Giacobbo: Auch wenn der gerade an etwas anderes dachte, zum Beispiel an den Kühlschrank zu Hause.

Müller: Und das war dann nicht immer nur ich!

Giacobbo: Überhaupt nicht, das hat auch niemand behauptet…

Müller: Doch, doch, das ist wieder typisch, wir sind noch keine fünf Minuten hier und schon…

Giacobbo: …jetzt fühlt er sich gleich wieder angegriffen…

Das Zusammenspiel läuft offensichtlich prima…

Giacobbo: Genau. Es gibt in der Branche natürlich viele talentierte Kolleginnen und Kollegen, aber das gemeinsame Improvisieren funktioniert nicht mit jedem.

Müller: Wir kennen uns ja auch schon lange. Ich bin über «Viktors Spätprogramm» quasi schleichend in die Branche reingekommen…

Giacobbo: …ein blutjunger Newcomer war er. Eigentlich wollte er Schlosser werden, aber ich sagte, nein, werde Kabarettist.

Müller: Er hat mich als Verdingbub aus einem Kohlebergwerk gerettet. Jedenfalls entstand aus der Zusammenarbeit nach und nach eine berufliche Freundschaft und später auch eine persönliche. Mit vielen arbeitet man zusammen, ohne dass eine Freundschaft entsteht. Bei uns hingegen wuchs die Liebe sehr stark über die Jahre.

Giacobbo: Wir haben auch intensiv daran gearbeitet…

Müller: …und wir planen jetzt ein Buch darüber zu schreiben…

Giacobbo: …über Paarberatung. Es hilft auf jeden Fall, wenn man mit der Zeit die Macken des anderen kennt, sympathische wie schwierige.

Wie häufig haben sich Leute bei Ihnen über Beiträge in der Sendung beklagt oder offiziell den SRF-Ombudsmann angerufen?

Müller: Es kam schon regelmässig vor. Wir bekamen dann jeweils eine Kopie des Berichts vom Ombudsmann. In der Regel waren es fundamental-katholische Kreise oder Leute rechts der SVP.

Giacobbo: Oder Minoritätenkreise auf linker Seite.

Und fanden Sie jemals: Hm, doch, das war vielleicht ein bisschen zu heftig?

Giacobbo: Grundsätzlich finden wir es verständlich, dass sich jemand daran stört, wenn wir Witze über ihn machen. Und es kam durchaus vor, dass wir im Nachhinein unzufrieden mit uns waren. Nicht weil wir zu weit gegangen, sondern weil wir zu ungenau waren.

Müller: Wenn man geschludert hat, muss man das auch eingestehen können. Die Schweiz ist in diesen Dingen aber zum Glück sehr liberal, Satiriker geniessen grosse Freiheiten.

Letzten Frühling hat die Trans-Community sich medienwirksam über einen Beitrag beklagt – wie beurteilen Sie die Sache nun mit etwas Abstand?

Giacobbo: Wir betonen immer, dass wir mit dem Beitrag nicht auf Transmenschen gezielt haben, sondern auf die SP-Frauen, die ihren Namen neu mit einem * ergänzten, um ihre Offenheit gegenüber Transmenschen zu signalisieren. Dabei verwendeten wir ein paar zu saloppe Ausdrücke, wie wir danach auch selbst fanden.

Müller: Was wir aber auch korrigiert haben.
Giacobbo: Jedenfalls gab es ein kleines Shitstörmli, weil diese Community sehr gut vernetzt ist; es meldeten sich aber auch einige von ihnen, die fanden, sie hätten schon auch lachen müssen. In einer späteren Sendung hatten wir dann eine tolle Transfrau als Gast, die sich mit viel Humor gut geschlagen hat.

Müller: Und die das Sternchen einigermassen bescheuert findet.

Giacobbo: Wir fanden es darüber hinaus bemerkenswert, dass etwas anderes offenbar niemandem aufgefallen ist: Diese Minderheit scheint lediglich bei den SP-Frauen willkommen zu sein. Würde die Partei Transmenschen richtig ernst nehmen, müsste sie doch den Hauptnamen mit einem Sternchen schmücken, also SP*, nicht?

Der Sender, für den Sie neun Jahre gearbeitet haben, steht politisch unter Druck. Wie erleben Sie das?

Giacobbo: Mike, sag doch da mal was Gutes.

Müller: Dafür brauchen wir dann aber schon zwei Stunden… Interessant ist ja, dass ausgerechnet die Zeitungsverleger, die sich zunehmend auf Autoverkaufsanzeigen im Internet verlegen, so eifrig gegen die SRG schiessen. Aber schon klar, der Sender muss sich überlegen, wie er sich im Zeitalter der Digitalisierung positionieren und verändern muss. Wir hatten eigentlich nie den Eindruck, dass wir bei einem Sender arbeiten, der mit Geld um sich wirft – das gilt übrigens auch für «Der Bestatter», der trotz Schweizer Löhnen 10 bis 20 Prozent günstiger produziert wird als vergleichbare Formate in Deutschland.

Giacobbo: Auch publizistisch kann man die SRG gut in Schutz nehmen: Der Sender ist politisch nun wirklich ausgewogen. Es klagen immer regelmässig beide Seiten, die Beiträge seien zu einseitig – solange das der Fall ist, macht man dort definitiv etwas richtig. Und wir konnten eh immer tun, was wir wollten, sogar unsere eigenen Chefs namentlich kritisieren. Ich kenne keinen anderen Medienbetrieb in der Schweiz, der so liberal ist, ganz sicher nicht Ringier, Tamedia, NZZ oder die Wanner Medien.

Wie informieren Sie sich?

Giacobbo: Ich lese die wichtigsten Schweizer Tageszeitungen, zusätzlich noch elektronisch den britischen «Guardian», die «New York Times», den «Spiegel», ich schaue auch TV-Newssendungen.

Müller: Das gehört ein Stück weit zum Job, ich lese zusätzlich noch «Die Zeit» und höre auch gerne die Informations- und Talkssendungen von Radio SRF.

Giacobbo: Das Schöne ist, dass sich hier persönliche Interessen und Arbeit praktisch komplett überschneiden.

Müller: Man kann seine Newsjunkie-Beschäftigung immer als Arbeit rechtfertigen.

Der Medienkonsument hält ja vermehrt nur noch das für wahr, was dem eigenen Weltbild entspricht – der Rest ist «Lügenpresse». Erleben Sie das auch so?

Giacobbo: Ein bisschen macht das ja jeder. Mich interessiert aber schon, was die «Weltwoche» findet oder Erdogan oder Trump. Die Tendenz zu Filterblasen und zu fake news finde ich aber tatsächlich erschreckend.

Müller: Wir sind natürlich auch ältere, konservative Mitgenossen und zahlen noch für unsere Medien. Klar bin ich auch auf Facebook, käme aber nie auf die Idee, mich ausschliesslich darüber zu informieren, das wäre mir viel zu einseitig. Ausserdem gibt es noch immer Medienmarken, die für etwas stehen, auch wenn der Print unter Druck steht und die Qualität teilweise sinkt. Aber selbst, wenn man sich so informiert, wie wir das tun, muss man aufpassen, dass man nicht in einer Blase landet. Die elektronischen Medien haben dieses Risiko erhöht.

Linke und Liberale befanden sich wohl 2016 in einer solchen Blase – die meisten wurden vom Brexit und Doland Trumps Wahlsieg völlig überrascht. Satiriker wiederum dürfen sich auf eine Menge fantastisches Material freuen. Wie blicken Sie als linksliberale Satiriker auf das Jahr zurück?

Giacobbo: Klar sind Leute wie Trump für uns attraktiv. Auch ich lese jede Nachricht darüber, welche furchtbare Figur er nun wieder in sein Kabinett geholt hat. Auf der anderen Seite empfinde ich die politische Entwicklung als wirklich bedenklich. Wir stammen noch aus einer Zeit, in der man sich links oder rechts einordnete, aber diese Kategorien verlieren zunehmend an Bedeutung. Ich kann auch mich selbst nicht mehr so leicht wie früher der einen oder andern Seite zuschlagen. Populismus kommt von ganz links genauso wie von ganz rechts, und der Kampf um den Büezer ist voll entbrannt, obwohl es von denen gar nicht mehr so viele gibt.

Müller: Man sagt ja immer, dass krasse Zeiten oder ein gemeinsamer starker Gegner gut sind für die Satire. Und das stimmt natürlich auch. Andererseits muss man auch gestehen, dass einem bei jemandem wie Trump nach zwei, drei Monaten dann auch nicht mehr so viel Neues einfällt. Man kann sich nicht ewig über ihn lustig machen.

Und in der Schweiz? Man könnte ja argumentieren, dass wir mit der rechtspopulistischen Erweckung schon reichlich Erfahrung haben, die nun andere Länder erfasst und erschreckt.

Giacobbo: Da gibt es schon Unterschiede. Die SVP ist in der Schweiz ziemlich gut in die Institutionen eingebunden, auch wenn sie immer wieder mal verbal randaliert. Die Partei hat bei uns einiges absorbiert, was in anderen Ländern nun Gefahr läuft, ausser Kontrolle zu geraten.

Müller: Das hat sie selbst ja auch immer betont.

Giacobbo: Hinzu kommt, dass wir mit der direkten Demokratie ein grosses Korrektiv haben. Es kann sich einfach nicht so viel aufstauen, wie in Ländern, wo grosse Bevölkerungsschichten nur geringe Mitsprache haben.

Müller: Und die SVP ist Teil der Elite dieses Landes, auch wenn sie das bestreitet. Sie hat zwei Sitze in der Regierung, stellt 30 Prozent der Richter. Das ist schon ganz anders als bei der FPÖ oder Marine Le Pen. Immerhin lässt sich sagen: In ganz Europa sind derzeit nationalistische Tendenzen im Aufwind, von daher sind wir gute Durchschnittseuropäer.

Aber es ist schon ein ungünstiger Moment, um Ihre Sendung zu beenden, oder? Es gäbe soviel Material.

Müller: Wir haben mit Trump verabredet, dass wir aufhören, falls er gewinnt…

Giacobbo: Es gibt nie schlechte Zeiten für die Satire. Es passiert immer etwas, das man verwerten kann.

Fällt es leichter, solche Entwicklungen mit Humor zu nehmen, wenn man Komiker ist?

Giacobbo: Humor hilft in jeder Lebenslage, auch um sich und seine Situation objektiver zu sehen, quasi von aussen. Das ist häufig eine Erleichterung.

Müller: Als Komiker nimmt man sich vielleicht nicht so ernst, aber man wird nicht zwingend vom Pessimisten zum Optimisten.

Giacobbo: Nein, aber Humor ermöglicht uns, einige Leute mit etwas Witz bei ihrem Tun zu stören.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie andere zum Lachen bringen können?

Giacobbo: Ich habe das schon in der Schulzeit entdeckt, wo ich gerne Lehrer imitiert und rasch gemerkt habe, dass ich mit meiner frechen Schnurre weiter komme als mit Fussball oder Handball.

Müller: Auch bei mir waren es Lehrer-Imitationen. Den Französischlehrer nachahmen, während man mit ihm spricht und ohne dass er es merkt – sowas kommt an. Es geht natürlich auch darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Unser Job hat auch etwas damit zu tun sich auszustellen, das braucht eine gewisse Eitelkeit.

Giacobbo: Wir sind Rampensäue.

Sie werden ja auch nicht einfach verschwinden. Mike Müller ist ab 3. Januar wieder als «Bestatter» zu sehen. Und ab 2018 haben Sie ein gemeinsames Bühnenprojekt. Was erwartet uns da?

Giacobbo: Ein Theaterstück, in dem wir uns und die Sendung «Giacobbo/Müller» thematisieren, deren Verlust uns angeblich zu schaffen macht. Es wird auf einer Meta-Humorebene spielen, mit etwas Medienkritik und ein paar Elementen aus der Sendung, einfach live.

Sie planen ausserdem zwei Filme, Viktor Giacobbo?

Müller: Ja, das erzählt er allen. Dass er einen Film macht. Ich bin halt nur Seriendarsteller. Fiuum heisst das übrigens richtig, Fiuum.

Giacobbo: Ok, ich mache einen Fiuum. Einen Dok-Film im Stil von «Der grosse Kanton» und eine Politkomödie. Viel mehr kann ich noch nicht sagen.

Weil das unser Jahresend-Gespräch ist…

Müller: … wollt ihr unsere Vorsätze wissen?

Giacobbo: Mit denen habe ich schon viele enttäuscht.

Nein, eher allgemeiner: Was wünschen Sie sich selbst, der Schweiz, der Welt fürs 2017?

Giacobbo: Auf diese Frage kann man doch nur mit Banalitäten antworten: Friede, Fortschritt, Glück, Liebe. Mir noch viele tolle Frauen. Geld.

Müller: Kalorienfreie Mayonnaise…

Das war jetzt Ihr Missen-Moment.

Giacobbo: Freedom for the world! (lacht)

Müller: Wie im Film von Roger Moore…

Giacobbo: Was? Nein, das ist der Bond-Darsteller. Du meinst Michael Moore.

Müller: Ja, genau. Der hat doch einen Dok-Film über Schönheitsköniginnen gemacht, wo er sie was Ähnliches gefragt hat. Die hatten dann ebenso Tiefgründiges zu sagen.

Geht’s jetzt ab in die Ferien?

Müller: Ich nehme mir eine Auszeit für zweieinhalb Monate. In der Zeit möchte ich ein neues Solo-Programm schreiben. Mit 30 Sendungen «Giacobbo/Müller» und sechs Folgen «Bestatter» pro Jahr war das nicht machbar. Diese Freiheit nutze ich nun aus.

Verraten Sie, wohin die Reise geht?

Müller: Nein.

Giacobbo: Ich weiss es, ich sage es Ihnen gegen ein fettes Honorar.

Machen Sie auch eine Pause?

Giacobbo: Vielleicht spanne ich mal ein paar Tage aus, bin konzentriert faul und lese. Aber ich habe noch ein paar Auftritte, etwa am Humorfestival Arosa. Und dann überlege ich mir, an welches Projekt ich mich als erstes mache. Ich habe auch noch zwei Kurzaufenthalte im Ausland geplant.

Müller: Einkaufen in Konstanz?

Giacobbo: Genau! (lacht) In einem Einkaufszentrum, wo es nur Schweizer hat, die dann sagen: Ha, Herr Giacobbo, Sie sind auch da!

Ernsthaft: Sie können sich wohl schwer durchs Land bewegen, ohne erkannt zu werden?

Giacobbo: Man kennt uns natürlich. Aber man kann das selbst auch ein bisschen steuern.

Wie?

Giacobbo: Ich esse beispielsweise nicht alleine abends in einem Lokal.
Müller: Es kommt auch sehr auf den Wochentag und die Uhrzeit an. Tagsüber kann ich zum Beispiel gut in der Migros am Limmatplatz einkaufen. Sagt mir dann eine Kassiererin, sie sei aus Syrien, ihr 12-jähriger Sohn sei ein Fan unserer Sendung und bei ihnen zuhause sei Politik ein grosses Thema – dann ist das eine schöne Begegnung.

Sind sie das meistens?

Giacobbo: Ja, die Leute sind nur selten aufdringlich.
Müller: Etwa wenn Alkohol ins Spiel kommt. Und die Jungen machen gerne Selfies mit uns. Sie sind vielleicht schon manchmal aufdringlich – aber sehr ehrlich. Da machen wir gerne mit.

Giacobbo: Sehr viele Junge in ihren 30ern sagen mir, sie seien mit meinen Sendungen aufgewachsen, und haben sich so für Politik zu interessieren begonnen – das ist doch ein schönes Kompliment.
Müller: Als Komiker ist man diesbezüglich ohnehin verwöhnt. Man muss auch aufpassen, dass man das nicht immer alles zum Nennwert nimmt.

Der Jahresrückblick und der Abschied von «Giacobbo/Müller»

28. Dezember 2016, Migros-Magazin, von Monica Müller, von Ralf Kaminski

Die Satiresendung ist zu Ende, aber Viktor Giacobbo und Mike Müller bleiben dem Publikum auf Bühne, Bildschirm und Leinwand erhalten. […]

Eben hat er die letzte Sendung von Giacobbo/Müller hinter sich, nun kann der Kabarettist und Schauspieler eine Auszeichnung entgegennehmen.

Viktor Giacobbo ist am Donnerstag auf dem 25. Arosa Humor Festival mit dem Arosa Humorfüller ausgezeichnet worden. Die Trophäe solle «symbolisch für die vielen neuen Texte stehen», die man künftig vom «wichtigsten Produzenten hochwertigen Humors» erleben dürfe.

Im Anschluss an die Verleihung begeisterte Giacobbo das Festivalpublikum mit einer 90-minütigen Live-Talkshow mit Sportreporterin Steffi Buchli, Slam-Poetin Hazel Brugger und SVP-Nationalrat und «Weltwoche«-Verleger Roger Köppel.

Die Show in der ausverkauften Arosa Humorhalle sei bestens angekommen, meldeten die Veranstalter. «Das Publikum war sich einig, Viktor Giacobbo ist einer der originellsten Talker des Landes». (thu/sda)

Viktor Giacobbo am Arosa Humor Festival geehrt

15. Dezember 2016, Tages-Anzeiger

Eben hat er die letzte Sendung von Giacobbo/Müller hinter sich, nun kann der Kabarettist und Schauspieler eine Auszeichnung entgegennehmen. Viktor […]

Niemand geringeres als die Medienministerin und «Bundespräsidentin elect» Doris Leuthard beehrte die TV-Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller in ihrer letzten Sendung auf SRF1.
«Frau Leuthard sie wurden mit 188 von 207 Stimmen gewählt – 11 sollen allerdings Bundesratskollegen Ueli Maurer gewählt haben. Was denken Sie, von wem kommen diese Stimmen?», fragte Viktor Giacobbo den «hohen Gast» aus Bern. «Ich habe im Laufe der Jahre sicher einige verrückt gemacht», konterte die Bundespräsidentin in spe, «aber wenn Ueli Maurer Freude daran hat, ist das super.»

«Ja wir auch, uns geht das gleich. Mit dem verrückt machen, mit dem freuen – und mit Ueli Maurer», zog Giacobbo den Vergleich zu den letzten neun Jahren der beliebten SRF-Sendung, in der neben unzähligen anderen Politikern auch der SVP-Bundesrat das Ziel zahlloser Parodien war.

Und auch in der letzten Sendung sparten die TV-Satiriker nicht mit bissigen Pointen: «Welche Ausbildung benötigt es eigentlich als Bundesrat? Gibt es da eine besondere Anforderung?», wollte der Komiker Giacobbo wissen. Leuthard verneinte – wollte jedoch wissen, wie das denn als Komiker sei. «Man muss nur wissen, wann man aufhören sollte», gab Giacobbo schlagfertig wie eh und je zurück.

Auch über die Kompetenzen der Bundespräsidentin wurde diskutiert: So erzählte Leuthard, dass sie auch mitbestimmen dürfe, in welches Restaurant der Bundesrat essen gehe. «Wir laufen wie ganz normale ins Restaurant, essen dort ganz normal, was es auf der Karte gibt», erzählte die Medienministerin mit ironischem Unterton.

Natürlich waren nicht nur Doris Leuthard oder Ueli Maurer die Zielscheiben der Sprüche vom Duo Giacobbo/Müller – so wurde die Bundespräsidentin in spe auch gefragt, «welche Rede sie denn am Tag der Kranken halten will», als eine Anspielung auf die letztjährige Rede von Johann Schneider-Ammann, welche sogar Barack Obama zum Lachen gebracht hat.

Nastücher und Wein

«Wie geht man mit politischen Niederlagen um?», wollte Komiker Giacobbo wissen, mit Hinweis zu den verloren Abstimmungen um die Autobahn-Vignette und Zweitwohnungsinitiative. «Natürlich ist man da zuerst traurig, vielleicht braucht es Nastücher, Wein oder Freunde», antwortete Leuthard salopp.

Auch Leuthards Kleidungsstil wurde noch diskutiert: «Sie sind ja sehr modebewusst. Setzen Sie das auch bewusst ein? Etwa bei Staatsbesuchen oder bei Tunneleröffnungen…», als Anspielung an das Löcher-Dress, welche die Bundesrätin an der Gottharderöffnung trug. Leuthard erwiderte: «Ich eröffne jedes Jahr ein paar Löcher, da dachte ich, warum nicht?»

 

Doris Leuthard in der letzten Sendung „Giacobbo / Müller“

12. Dezember 2016, Aargauer Zeitung / MLZ

Niemand geringeres als die Medienministerin und «Bundespräsidentin elect» Doris Leuthard beehrte die TV-Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller in ihrer […]

Zum Abschied von «Giacobbo/Müller»: Eine politische Würdigung von neun Jahren «Late Service Public».

Wir Schweizer sind Opfer unseres Systems. Staunend und gruselnd sitzen wir da und schauen nach Amerika. Nach Deutschland. Frankreich oder Grossbritannien. Wie viel grösser und bedeutender uns das alles doch vorkommt. Wie viel wichtiger.

Nicht nur die Politik per se – sondern auch wie darüber geredet wird. Satiriker Jon Stewart prägte unser Bild der Bush- und Obama-Jahre. John Oliver bringt uns Abgründe des amerikanischen Systems näher (und was für Abgründe das sind). In Grossbritannien seziert Charlie Brooker die aristokratische Politiker-Klasse in einer Schärfe, die wir uns nicht gewohnt sind. «Stermann & Grissemann» sind unsere liebsten Österreicher. Es gibt die «Heute-Show» in Deutschland, die «Anstalt» und natürlich Jan Böhmermann.

Und wir?

Wir haben noch bis Sonntag Viktor Giacobbo und Mike Müller. Unter Kultur- und anderen Journalisten hat sich in den vergangenen Jahren ein starker Konsens gebildet, was wir von der Sendung zu halten haben. Die Einspieler sind meist okay und manchmal sogar lustig. Die Witze platt («Wer ist hier dick?»), die Interviews mit den Politikern brav und im schlimmsten Fall fraternisierend. Konsens ist auch, dass man die ausländischen Sendungen so viel besser findet; die Olivers und Stewarts und Böhmermanns. «Warum macht in diesem Land niemand ernsthaftes politisches Kabarett?»

Diese Erzählung wird den beiden Satirikern nicht gerecht. Und bevor die beiden am Sonntag dem Publikum zum letzten Mal – auch hier: gutschweizerisch – «e guete Obe» wünschen, ist es Zeit für eine Ehrenrettung. Denn so klein, wie die (politische) Leistung der beiden manchmal gemacht wird, ist sie nicht.

Dabei darf man gerne grundsätzlich werden: «Late Service Public» (und die Vorgängersendungen von Viktor Giacobbo) haben der Schweizer Politik eine Bühne und ein Publikum gegeben, die sie vorher nicht hatte. «Uns haben oft mittelalterliche Eltern erzählt, dass sie mit ihren halbwüchsigen Kindern unsere Show gucken. Und umgekehrt bestätigten uns Jugendliche, dass unsere Show ihr Interesse für Politik weckte. Das war für uns eigentlich immer das grösste Kompliment», sagt Mike Müller selber. Und er hat recht! Da können Politikjournalisten noch so schlaue Leitartikel schreiben, aufsehenerregende Recherchen veröffentlichen und hochtourige Diskussionssendungen organisieren: Sie werden niemals die gleichen Leute erreichen, niemals so niederschwellig sein, wie das «Giacobbo/Müller» während der acht Jahre ihrer Sendung waren. Da gibt es dann halt zuerst zwei Witze über den Bauch von Mike Müller und später drei halbe Pointen über das Alter und die Ohren von Viktor Giacobbo. Aber dazwischen verhandeln die beiden die Lächerlichkeit einer Minarett-Abstimmung, entlarven das Nachgeplappere von Christoph Blocher und Roger Köppel (und vice versa) und stellen dem Präsidenten der SP jene Frage, die normalen Journalisten eben nicht in den Sinn kommt.

Die Schweiz als Konsens

Nach der Wahl von Donald Trump war in der Schweiz oft die Rede davon, wie die direkte Demokratie als System einen zu tiefen Graben zwischen denen da oben und denen da unten verhindere. Warum diese Analyse stimmt, sah man in den vergangenen Jahren jeweils am Sonntagabend: «Giacobbo/Müller» waren Ausdruck dieses nicht vorhandenen Grabens. Banales und Hochpolitisches, Kindisches und halb Ernstes: Es geht eben beides. Es ist normal. Die Schweiz als Konsens, als Land des Ausgleichs und der Konkordanz, als ein Land, wo man alle Fragen von allen verhandeln lässt, wo die Mächtigen nicht ganz so mächtig und die Hilflosen nicht ganz so hilflos sind: Das war «Giacobbo/Müller». Es sind Sendungen wie ihre, in denen all diese theoretischen Schweiz-Begriffe plötzlich eine Bedeutung erhalten und – wenn auch indirekt – einem breiten Publikum fassbar gemacht werden.

Und abgesehen davon, waren die beiden oft auch einfach nur lustig. Ueli Maurer wird man nie mehr nur als Ueli Maurer denken können, sondern immer auch als dümmlich grinsende Parodie seiner selbst. Die Hilflosigkeit von Bundesrat Johann Schneider-Ammann bei allem, was mit direkter Rede zu tun hat; die glucksende Diktion von Roger Köppel; das «wüsset Si» von Christoph Mörgeli; das wiehernde Gelächter von Toni Brunner oder das verschnupfte Bündnerdeutsch der Baselbieterin (!) Susanne Leutenegger Oberholzer: Viktor Giacobbo und Mike Müller haben die Aussenwahrnehmung vieler Politikerinnen und Politiker nachhaltig geprägt. Sie haben auch, und das ging manchmal etwas unter, das Bewusstsein der Menschen für Schlagzeilen geschärft. Dass ein Thema nicht immer so ernst ist, wie es in den Medien oft verhandelt wird. Dass es manchmal viel schneller und lustiger erzählt werden kann.

Dass wir in diesem Land nicht immer die ganz grossen Fragen behandeln, dass unser politisches Personal eher zum Durchschnitt als zur Brillanz tendiert: Es ist nicht die Schuld von «Giacobbo/Müller». Sie taten, was sie konnten. Und wenn man jetzt überlegt, dass ihr Sendeplatz in Zukunft von Kurt Aeschbacher belegt wird, darf man zu Recht sagen: Sie werden fehlen.

 

Eine Sendung wie die Schweiz

9. Dezember 2016, Tages-Anzeiger, von Philipp Loser

Zum Abschied von «Giacobbo/Müller»: Eine politische Würdigung von neun Jahren «Late Service Public». Wir Schweizer sind Opfer unseres Systems. Staunend […]

Er hat die Satire ins Schweizer Fernsehen gebracht und jahrelang gepflegt. Jetzt geht es auf zu neuen Ufern. VIKTOR GIACOBBO über seine Pläne, das Schweizer Fernsehen und seine angebliche Harmoniesucht.

Viktor Giacobbo, Ihr Vorname bedeutet im Lateinischen «Sieger». Fühlen Sie sich als solcher?

Kaum. Ich bin eher ein Macher. Würde ich meinen Vornamen wörtlich nehmen, wäre ich Donald Trump. Ich bin kein Mann der Superlative.

Sie sind seit 25 Jahren beim Schweizer Fernsehen zu sehen und dabei nie einer Quotenschere zum Opfer gefallen.

Ich hatte eben das Glück, dass ich immer ein gutes Team hatte. Ganz allein wäre mir das vermutlich nicht gelungen.

Das gehört zu den Aussagen, die kreative Prominente heutzutage offenbar ganz zwingend machen müssen.

Bei mir passt sie. Fernsehen kann man nun mal nicht als Einzelmaske machen. Zudem sage ich nie etwas, was man grundsätzlich müsste. Sondern immer das, was ich will und meine.

Am 11. Dezember ist Schluss für «Giacobbo/Müller», die Frechdachsereien, die Sie sonntäglich mit Mike Müller aushecken. Steht das Careteam für Zuschauer mit Entzugserscheinungen schon bereit?

Keine Ahnung, wie viele heulend den Fernseher zum Fenster rausschmeissen werden. Aber einige lassen uns wissen, das Ende nach neun Jahren habe Stil. Mike Müller und ich haben schon am Anfang unserer Zusammenarbeit beschlossen, aufzuhören, wenn die grosse Lust langsam nachlässt. Ende Jahr kommt jetzt für beide der stimmige Zeitpunkt.

Markieren Sie in Ihrer Agenda jeden noch verbleibenden Sendetermin mit Trauerschwarz?

Keineswegs. Wir arbeiten so gelassen wie bisher weiter. Und ohne jede Wehmut, denn die ist nicht mein Ding. Es wird auch keine grosse Abschiedssause zu sehen sein auf dem Bildschirm. Wir hören mit einer normalen Sendung auf. Es gibt nichts Peinlicheres als TV-Leute, die sich öffentlich selber abfeiern. Viele machen einen pompösen Abgang und wollen dann schon nach drei Monaten wieder ihren Kopf zeigen. Ich nicht.

Die «NZZ am Sonntag» meinte unlängst, die Pointen der Sendung seien etwas stumpf geworden.

Die Leute dort haben recht. Ich muss früher unglaublich gut gewesen sein! Vermutlich seit meiner zweiten TV-Sendung 1990 schreiben Kritiker: «Er war früher besser», aber – das erleben alle Komiker. Mike Müller und ich machen ein Programm für Leute, die nicht ganz die Dümmsten sind, und es ist nur logisch, dass wir für die mal besser, mal mieser sind. Was solls?

Der Kabarettist Patrick Frey sagte einmal, Sie hätten ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis.

Das ist seine Ansicht, die hat er mir gegenüber auch schon geäussert. Doch ich teile sie nicht. Ich streite sehr gerne, finde mich zum Schluss der Gespräche aber immer wieder mit meinen verbalen Duellpartnern. Das ist für mich politische Kultur. Bei meinem Freund Patrick ist es umgekehrt, er ist von ausgesuchter Höflichkeit und endet dann im Jähzorn.

In der Promi-Sendung «Glanz & Gloria» mäkelten Sie kürzlich, es sei schade, dass der Sonntagabend Kurt Aeschbacher überlassen werde und nicht länger ein Feld für Wagnisse bleibe.

Das ist nach wie vor meine Haltung. Unser Termin ist eine Marke, die wir etabliert haben und an dem man Komik und/ oder Satire erwartet, und jetzt fällt das plötzlich weg. Das ist kein Vorwurf an Aeschbi, sondern einer an das SRF. Man hätte dort einen frechen, frischen Entertainer wie zum Beispiel Dominic Deville ins kalte Wasser schubsen sollen. So, wie sie das vor 25 Jahren mit mir gemacht haben.

Wann kommt Ihre Bewerbung als Programmchef?

Um Gottes willen, diesen Job möchte ich nie im Leben. Ich würde kein Bewerbungsverfahren überstehen.

Hat man es Ihnen übel genommen, dass Sie in eine Hand bissen, die Sie füttert?

Mike Müller und ich haben niemandem in die Hand gebissen – höchstens einen aufmunternden Tritt in den Hintern gegeben. Wir konnten ja immer sagen und machen, was wir wollten, auch gegenüber dem eigenen Unternehmen. Wir bekamen Freiheit, wie sie kein anderes Medienhaus in der Schweiz zwei Satirikern gewährt – und dafür lieferten wir Quote und auch ein bisschen Prestige. Win-win nennt man das doch, oder?

Der plakative Müslüm, der schrille Dominic Deville, der eher bedächtige Michel Gammenthaler – sind das valable Nachfolger des Gespanns «Giacobbo/Müller»?

Bestimmt. Und es gäbe noch etliche mehr. Michael Elsener etwa, Hazel Brugger oder Fabian Unteregger. Liesse man die machen, käme bestimmt was Fetziges heraus dabei. Allerdings darf sich die Hierarchie nicht einmischen – die ist dazu da, die Rahmenbedingungen für die Kreativen zu sichern. Bei Mike und mir hat niemand reingeredet. Darum hat «Giacobbo/Müller» funktioniert.

Mut in Sachen Humor scheint beim Schweizer Fernsehen keine Kardinalstugend zu sein.

Ist Mut denn eine Kardinalstugend der andern grossen Pressehäuser? Die sind doch ziemlich unbehelligt von solchen Fragen. Nur gegenüber dem SRF glaubt jeder im Volk, einen Massstab zu kennen, der dringend angewendet werden müsste.Die Leute dort machen meiner Meinung nach sehr viel Tolles. Ich bin allerdings keiner, der die einzelnen Sendungen gut kennt. Ich gucke wenig Fernsehen und wenn, dann zeitversetzt. Die einzigen klassischen Printmedien, die ich abonniert habe, sind der «New Yorker» und das gepflegt gemachte «Transhelvetica». Die vielen übrigen Titel habe ich digital abonniert.

Mike Müller kredenzt Ihnen regelmässig einen Espresso in der Sendung. Haben Sie beide schon mal kalten Kaffee aufgetischt?

Sicher haben wir das. Wir haben jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Aber auch machen dürfen soll. Es gibt keinen einzigen Künstler, der noch nie einen Flop geliefert hat. Aber enorm viele, die aus ihren Fehlleistungen gelernt haben.

Die Kirche, die SVP und neuerdings Gölä werden von euch am meisten bezündelt. Wertet man nicht auf, was man ständig angreift?

Das könnte man allen Medien vorwerfen. Wer am meisten Präsenz zeigt als Partei, Organisation oder Prominenter, ist halt einfach gesetzt als Thema. Um vieles und viele kommt man schlicht nicht rum. Auch wenn wir das oft möchten.

Gibt es satirische Grenzen, die noch ungesprengt sind?

Vermutlich schon. Die interessieren mich aber nicht. Ich wollte immer nur gute Unterhaltung machen und nie etwas in die Luft jagen.

Ist die Realpolitik nicht allmählich die einzig fulminante Satire?

Das war sie schon immer. Und TV-Zuschauer, die mit Humor behaftet sind, warten sicher nicht eine Woche lang auf Müller und mich, um etwas lustig zu finden. Die machen sich im Alltag ihre eigenen Sprüche auf alles.

Wie oft wurden Sie und Mike Müller TV-intern oder von moralischen Grenzwächtern gerüffelt?

Von aussen kamen einige Breitseiten, meistens von den üblichen Sofortbeleidigten oder Berufsmoralisten. Und intern gibt es Diskussionen, aber niemand macht uns Druck oder Vorschriften. Beides hätten wir nie akzeptiert.

Müller sagte einst, Sie würden mit dem erstbesten Tram abhauen, wenn Ihnen ein Chef quer käme. Wie oft hatten Sie das Billettmünz schon in der Hand?

Nie. Und zudem hätte ich nie das Tram genommen. Ein bisschen mehr Komfort muss sein.

Sie wären mit dem Rolls-Royce abgehauen. Oder ist kreatives Lästern am TV zu wenig lukrativ dafür?

Ich habe einen hundskommunen PW, mit dem ich allerdings vollelektrisch an meinen Arbeitsplatz Leutschenbach fahren kann. Und gemessen an Gagen in andern Ländern haben Müller und ich nicht mal den Hauch von Stargehältern.

Hofnarr des Schweizer Monopolsenders – ist das ein legitimes Etikett für Sie?

Es ist ein antiquierter Begriff. Ich bin Komiker, basta. Für wen, gegen wen, mit wem – das ist völlig unbedeutend. Meine Prädikate habe ich sowieso lieber andern überlassen. Jetzt zum Beispiel Ihnen.

Unverzichtbar fühlen Sie sich auch nicht?

Ach wo. Nie. Ich habe eine gewisse Bekanntheit, aber die ist auch nicht nur angenehm. Ich würde gerne wieder mal einkaufen gehen, ohne beim Anstehen an der Kasse in Konversationen über meine Arbeit verwickelt zu werden.

Hat das Zürcher Arbeitsamt schon zusätzliches Personal aufgeboten, um Harry Hasler, Debbie Mötteli und all Ihre andern Alter Egos zu platzieren?

Die sind allesamt schwer vermittelbar und werden darum als Gespenster in einem Kleiderschrank zwischengelagert. Und bei Bedarf werde ich sie reanimieren.

Was haben Sie mit den schrägen Gestalten ausgelebt, die zu Kultfiguren wurden?

Das fragt mich fast jeder Küchenpsychologe. Aber sie haben null und nichts mit mir als Person zu tun. Auch wenn ich gerne die Mötteli gebe, trage ich zu Hause keine Frauenunterwäsche. Zumindest hat mir das noch niemand nachweisen können.

Wissen Sie noch, was Sie als Knirps werden wollten?

Hotelconcierge. Ein gut angezogener Herr, der altmodisch dekorativ herumsteht und sich wichtig gibt. Diese Theatralik gefiel mir. So was mache ich heute als Verwaltungsratspräsident im Casinotheater in Winterthur. Man kann das auch Grüssaugust nennen.

Am 6. Februar des kommenden Jahres werden Sie 65. Eigentlich könnten Sie ab dann Rosen züchten oder Tauben füttern.

Die armen Tiere! Ich glaube nicht, dass ich auf so was verfallen werde. Momentan plane ich zwei Filme und mindestens eine Bühnenproduktion mit Mike Müller. Sämtliche Projekte sind aber noch zu unreif, um damit bereits hausieren zu können. Ich habe meine Karriere nie gross geplant. Alles, was ich tue, hat mich quasi angesprungen.

Sie bemänteln Ihre Pläne, als könnten sie Ihnen geklaut werden. Was macht Sie zum Geheimniskrämer?

Nichts. Ich rede ganz einfach ungern über ungelegte Eier. Danke übrigens, dass Sie mich nicht nach dem Zivilstand fragen.

Wie ist Ihr Zivilstand?

Weiterhin ungeklärt.

Jetzt noch eine Frage, auf die garantiert ein Nein kommt: Sind Sie eitel?

Ja. Jeder, der ein Publikum will, ist das. Und jeder, der das bestreitet, lügt sich was in die Tasche.

Giacobbo live erleben

Der Komiker tritt am 15. Dezember 2016 um 17.30 Uhr mit einer «Freestyle-Talkshow» am Arosa Humor-Festival auf. www.humorfestival.ch

«Ich sage das, was ich WILL UND MEINE»

10. November 2016, Schweizer Familie, von Roland Falk

Er hat die Satire ins Schweizer Fernsehen gebracht und jahrelang gepflegt. Jetzt geht es auf zu neuen Ufern. VIKTOR GIACOBBO […]

Künstlervermittler, Theaterchef und TV-Satiriker: An Viktor Giacobbo führt in der Kleinkunstszene kein Weg vorbei. Das schafft Missgunst: Marco Rima spricht von einem Klüngel, der auf andere Humoristen hinunterscheisst. Für Giacobbo absurde Vorwürfe.

Herr Giacobbo, Marco Rima findet, Sie würden gewisse Kabarettisten protegieren, andere wie ihn oder das Komiker-Duo Divertimento dagegen ignorierten Sie.

Marco Rima hat mittlerweile seine Aussagen zurückgezogen und wir haben uns freundschaftlich ausgesprochen. Jemand hat ihm gegenüber behauptet, ich hätte gesagt, nachdem wir alle Schweizer Topkomiker in der Sendung gehabt hätten, müssten wir auf deutsche ausweichen. Doch ich habe so etwas Idiotisches nie gesagt.

Er sagte auch, Sie stünden für einen «Klüngel, der sich gegenüber allen anderen Humoristen abschottet und auf die hinunterscheisst, die näher bei den Leuten sind». Wie weit reicht das Machtnetz von Viktor Giacobbo?

Dieser «Klüngel»-Vorwurf kommt alle Jahre wieder, seit es das Casinotheater gibt. Einmal im «Facts», einmal «die Weltwoche» und jetzt kommen Sie damit. Nur: keiner konnte diesen absurden Vorwurf erhärten. Ich wäre der dümmste Mafiaboss, weil ich stets nur zahle und nichts daran verdiene. Beim Casinotheater muss ich noch 50 Jahre Verwaltungsratspräsident bleiben, bis ich zurückerhalte, was ich dort reingesteckt habe.

Trotzdem haben Sie doch ein Interesse daran, die Künstler, die im Casinotheater Winterthur auftreten, möglichst gut in Ihrer Sendung zu promoten.

Im Casinotheater bin ich nicht Programmdirektor. Dort läuft vieles, das nie in unsere Sendung passen würde. Haben Sie wirklich das Gefühl, wir wählen die Künstler aus, weil wir denken: «Ou, damit verkaufen wir mehr im Casinotheater?» Trauen Sie mir das in allem Ernst zu? Die Redaktion würde sich das doch nie bieten lassen. Das Casinotheater ist nun mal ein Ort, wo viele Komiker spielen. Es gab bei der Planung unserer Sendung auch die Idee, sie statt im Kaufleuten im Casino zu produzieren. Dagegen habe ich mich vehement gewehrt, gerade um mögliche Konflikte zu vermeiden,

Sie haben soeben Ihren Einflussbereich ausgeweitet und sind nun auch VR-Präsident von Moonsticker.com, einem Onlineportal, das Künstler vermittelt.

Dort habe ich meinen Zahlungsbereich erweitert! Für Moonsticker.com habe ich erst einmal Geld locker machen müssen. Einfach weil ich die Idee gut finde und das Projekt eben gerade nicht mafiös ist. Sondern im puren Gegenteil, weil es alle Mafia-Strukturen, die es geben könnte, unterläuft. Denn alle Künstler haben auf dieser Plattform freien Zugang – das ist ja gerade die Grundidee.

Sie sehen also keinen Konflikt zwischen Ihrer Rolle beim Fernsehen und jener als Künstlervermittler?

Nein, denn ich bin kein Künstlervermittler. Bei Moonsticker besitze ich eine Aktie und habe meinen Namen für den VR hergegeben und übrigens noch an keiner einzigen Sitzung teilgenommen. Moonsticker ist doch – genau wie das Casinotheater – eben gerade nicht dafür da, um Leute zu verhindern, sondern um sie zu fördern.

Was in Ihrer Sendung auffällt: Kabarettisten, die Ihnen nahe stehen – Ursus & Nadeschkin, Andreas Thiel und Lorenz Kaiser – erhalten immer wieder Auftritte in «Giacobbo/Müller». Andere finden bei Ihnen nicht statt. Weshalb?

Wieso nennen Sie nicht die Künstler, die wir entdeckt und gefördert haben? Fabian Unteregger, David Bröckelmann, Michael Elsener und zahlreiche junge Autoren. Natürlich wollen viele Künstler zu uns in die Sendung, aber wir wählen diese halt aus, so wie das jede andere Redaktion auch tut.

In Ihrer vorletzten Sendung erhielten Ursus & Nadeschkin fünf Minuten Zeit, ihr neues Programm mit dem Symphonieorchester Camerata vorstellen. Lustig war’s nicht besonders, aber ein gelungener Werbespot für die beiden.

Gemäss Ihrer These hätte ich die ja verhindern müssen, weil sie mit dieser Produktion nicht im Casinotheater spielen… Dass Ursus & Nadeschkin bei uns aufgetreten sind, hatte einen einzigen Grund: Wir fanden die Idee toll, dass ein komplettes Symphonieorchester auf unserer kleinen Bühne auftritt. Im Übrigen brauchen die beiden keine Werbung. Wo sie auftreten, ist das Haus ohnehin immer voll. Hinzu kommt: Die Zuschauern fanden den Auftritt durchaus lustig. Am Ende der Sendung ist die Einschaltquote noch einmal in die Höhe geschnellt.

Sie haben mittlerweile eine Machtstellung in der Komikerszene, so dass an Ihnen kaum ein Weg vorbeiführt. Jene Künstler, die Sie nicht gut finden, haben es schwer.

Bei wem habe ich denn schon einmal etwas verbaut? Im Casino kann doch fast jeder Anfänger spielen. Nennen Sie mir ein anderes Theater in der Schweiz, bei dem das möglich ist. Nennen Sie mir andere Namen von Komikern, die junge Künstler fördern. Oder Marco Rima, der findet, «wir scheissen auf andere hinunter, die näher bei den Leuten sind» – ihn versuchen wir seit Jahren ins Casinotheater zu bringen. Doch er kommt leider nicht, weil er in den grossen Hallen mehr Zuschauer reinbringt – offenbar, um näher bei den Leuten zu sein.

Aber in der Sendung wollen Sie ihn nicht?

Wir machen erst seit einem Jahr diese Sendung – auch Emil, Loriot, Julia Roberts und der Papst waren noch nicht bei uns. Und «Giaccobo/Müller» ist nicht ein Präsentationsforum für Kleinkunst, sondern eine Late-Night-Sendung, die sich nun mal stil- und inhaltsmässig an den beiden Protagonisten orientiert – genau so, wie das in jeder andern Late-Night-Sendung auf dieser Welt der Fall ist.


Nachbemerkung:
Weil diese Art von Fragen bzw. Spekulationen seit ca. 10 Jahren mit schöner Regelmässigkeit grund- und humorlos auftauchen, ohne je durch Fakten erhärtet zu werden, habe ich das Interview hier quasi als Muster deponiert, damit es vom nächsten Medienschaffenden recherchefrei abgeschrieben werden kann. Trotzdem noch ein paar Fakten: Ich bin weder Programmverantwortlicher beim Casinotheater Winterthur noch beim Schweizer Fernsehen. Ich bin nicht Verwaltungsratspräsident von Moonsticker. Ich bin kein Künstlervermittler und betreibe keine Agentur. In der Sendung „Giacobbo / Müller“ werden auch in Zukunft Künstler auftreten, die von Mike Müller, der Redaktion und mir ausgewählt werden – skandalöserweise einige sogar mehrmals.
V.G. (Godfather)

Filzvorwürfe an Viktor Giacobbo: «Ich wäre der dümmste Mafiaboss»

1. Oktober 2016, Tagesanzeiger.ch/Newsnet, von David Vonplon

Künstlervermittler, Theaterchef und TV-Satiriker: An Viktor Giacobbo führt in der Kleinkunstszene kein Weg vorbei. Das schafft Missgunst: Marco Rima spricht […]

Satire als Geschäft Die Volkswirtschaftliche Gesellschaft schenkte sich zum Abschluss ihres 100-Jahr-Jubiläums einen Auftritt von Viktor Giacobbo. Der gab sich Mühe, nicht zu nett zu sein.

Einmal hat sich Urs Berger schon die Finger verbrannt an Viktor Giacobbo. Als die Mobiliar-Versicherung 2008 als Sponsor bei der Late-Night-Show «Giacobbo / Müller» einstieg, erhielt der damalige Firmenchef jede Menge böse Briefe. Was der Mobiliar eigentlich einfalle, «so einen Chabis zu unterstützen», wollten die Empörten damals wissen. Berger liess sich nicht beirren und hielt das Sponsoring vier Jahre lang aufrecht. Nun ging Berger noch einmal ein Risiko ein. Zum letzten Anlass unter seiner Leitung lud der abtretende Präsident der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern (VWG) keinen hochdekorierten CEO ins Zentrum Paul Klee ein, sondern einen KMU-Vertreter mit Spezialgebiet Comedy, der von sich sagt, er sei vermutlich der Einzige, der direkt vom Praktikanten zum Verwaltungratspräsidenten aufgestiegen sei.

Wer gehofft hatte, Viktor Giacobbo würde in Bern ein Pointenfeuerwerk zünden oder seine legendären Figuren Harry Hasler, Debbie Mötteli und Fredi Hinz zum Besten geben, wurde gestern Abend enttäuscht. Als er aus dem Publikum aufgefordert wurde, jemanden zu imitieren, entgegnete Giacobbo knapp, er sei heute als Unternehmer da, für alles andere brauchte er eine Extragage. Das klingt plausibel für einen, der sagt, als Satiriker dürfte man den Leuten nicht zu sympathisch sein, das wäre geschäftsschädigend. Aber natürlich lässt sich Unternehmertum und Satire in seinem Fall nie ganz trennen. Denn auch als Unternehmer ist Giacobbo nie um eine Pointe verlegen. Das Casinotheater Winterthur sei die einzige Aktiengesellschaft, die offen zugebe, dass ein Komiker das höchste Amt bekleide, bemerkte er beispielsweise.

Aber bei aller Selbstironie konnte Giacobbo nicht verbergen, dass er stolz ist auf das, was er in den letzten 15 Jahren mit befreundeten Künstlern aus dem maroden Winterthurer Casino gemacht hat. 700 Veranstaltungen stemmt das Haus pro Jahr mit 56 Festangestellten; rund die Hälfte der Events entfällt auf die Sparte Gastronomie, die einen Jahresumsatz von 5 Millionen Franken erzielt. Und die Bühnensparte unter der künstlerischen Leitung des Berners Nik Leuenberger schafft es laut Giacobbo immer wieder, «junge Talente zu entdecken und innovative Formate zu entwickeln». Das Casinotheater sei «der Leuchtturm der Schweiz im Bereich Kabarett», vergleichbar mit der Stellung des Zürcher Opernhauses, resümierte der Präsident ganz ohne Ironiesignale. Das provozierte prompt die Frage aus dem Publikum, was eine Aktie koste und wie hoch die Dividende sei. «Fast hätt ichs vergessen, ich bin ja hier unter Volkswirtschaftern», antwortete Giacobbo und führte aus, die untere Grenze für eine Beteiligung liege bei 10 000 Franken. Im Gegenzug erhielten Aktionäre diverse Ticketvergünstigungen und kämen in den Genuss einer rekordverdächtig kurzen Generalversammlung mit konkurrenzlos gutem Essen im Anschluss. Eine Eigenart des Hauses sei zudem, dass viele Künstler am Theater beteiligt seien und diese Künstleraktionäre über eine höhere Stimmkraft verfügten als die übrigen Teilhaber. Damit könne verhindert werden, dass finanzkräftige Investoren das Theater in ein Warenhaus oder ähnlich verwandeln würden.

Während andere Chefs gerne ein Maximum an Erfolgen für sich beanspruchen, gab sich Giacobbo alle Mühe, seinen Einfluss beim Casinotheater kleinzureden. Er fungiere hauptsächlich als «Grüssaugust», gab er zu verstehen, und er tauge als waschechter Winterthurer natürlich als Aushängeschild. Zudem sei er biografisch schon lange mit dem Casino verstrickt, habe er es in diesem Gebäude doch in jungen Jahren geschafft, dem Militärdienst zu entkommen. Er sehe noch heute das Gesicht des Leutnants vor sich, der ihn damals ungläubig gemustert habe und am Ende zum Schluss gekommen sei, dieser junge Mann stehe unter Drogen. «Damals schlüpfte ich erstmals unbewusst in die Haut des dauerbekifften Fredi Hinz.» Trotz solch schicksalshafter Verbindung mit dem Casino will Giacobbo nicht ewig im Chefsessel bleiben. «Wir Gründer waren schon vor 15 Jahren alt und sind seither nicht jünger geworden», sagte der 63-Jährige. Deshalb brauche es frischen Wind. Wenn er in 10 Jahren noch im Amt sei, sei etwas schiefgelaufen.

Gegen Ende der vergleichsweise ernsthaften Ausführungen wollte die bernische Finanzdirektorin Beatrice Simon dann doch noch wissen, worüber der Satiriker Viktor Giacobbo denn herzhaft lachen könne. Er sei ein eher ernsthafter Mensch und lache sich in seiner Freizeit nicht pausenlos tot, versicherte dieser. Ansonsten sei sein Humor durchaus ordinär: «Wenn Sie nachher hier vor meinen Augen auf einer Bananenschale ausrutschten, fände ich das wahnsinnig komisch.»

Die Lachnummer im Chefsessel

25. November 2015, Der Bund, von Mathias Morgenthaler

Satire als Geschäft Die Volkswirtschaftliche Gesellschaft schenkte sich zum Abschluss ihres 100-Jahr-Jubiläums einen Auftritt von Viktor Giacobbo. Der gab sich […]

Mit «Alonso», einem von Viktor Giacobbo eingeschweizerten Stück des österreichischen Kabarettisten Stefan Vögel, startet das umgebaute Casinotheater Winterthur in die neue Spielsaison.

Der Hund sei des Menschen bester Freund, sagt der Volksmund. Das mag zutreffen. Wenn er aber so klug und instinktsicher ist wie der mexikanische Nackthund Alonso, kann er durchaus auch Freundschaften beenden. – Das heisst, so richtig beste Freunde, wie sie einander mit penetranter Regelmässigkeit bestätigen, sind die Ehepaare Schultheiss und Walk eigentlich nicht. Anfangs ahnen sie dies höchstens, aber im Verlauf der eineinhalbstündigen Beziehungskomödie «Alonso» im frisch umgebauten Casinotheater Winterthur werden Gewissheiten demontiert, bröckeln Fassaden und brechen Abgründe auf, dass es ein Graus ist.

Das Personal des von Viktor Giacobbo inszenierten und eingeschweizerten Stücks des österreichischen Kabarettisten Stefan Vögel setzt sich zusammen aus einem Professoren-Geck kurz vor dem Aufstieg zum Chef des Instituts für vergleichende Sprachwissenschaften (Max Gertsch) samt auf spiritueller Sinnsuche befindlicher Ehefrau (Tamara Cantieni) sowie einem etwas schusseligen mittleren Angestellten und Hobbykoch (Dominique Müller) und dessen gleichfalls gelangweilten Ehefrau (Anne Hodler) und heimlichen Geliebten des Institutsleiters in Spe.

Max Gertschs aufgeblasener Intellektueller schreit von der ersten Minute an nach einer saftigen Ohrfeige. Einen Narzissten wie ihn kennt praktisch jeder, genauso wie Anne Hodels ach so brave Hausfrau, die einen ganz fürchterlichen Terror aufziehen kann. Tamara Cantienis leicht trashige Provinzschönheit, die um jeden Preis einen Professor haben wollte und einen Frosch kriegte, mutiert erschreckend heftig zum furiosen Racheengel mit Domina-Touch. Wenn diese Blicke tatsächlich töten könnten, wäre es schlimm bestellt um die Zuschauer in den vorderen Reihen. Dominique Müller schliesslich gibt den behäbigen, selbst beim Schimpfen und Poltern durch und durch harmlosen Biedermann. So eine Figur braucht’s bei so viel Falschheit, auch wenn er es gleichfalls faustdick hinter den Ohren hat.

Das Quartett trifft sich regelmässig bei den Walks zum Nachtessen und lässt sich vom Gehörnten bekochen. Dabei spritzen kleine Gifteleien hin und her, die Paare gehen sich gegenseitig auf den Wecker, und viel zu sagen hat man einander auch nicht. Aber irgendwie sind diese Abende zu Viert doch recht angenehm – bis dann Alonso ins Spiel kommt, ein kastrierter Rüde der 3500 Jahre alten Rasse Xoloitzcuintle . Die gibt es tatsächlich; ausgesprochen wird ihr Name Scholoitz-kuint-li.

In der Mythologie der Azteken begleiten diese Tiere mit dunkler ledriger Haut die Seelen der Toten auf dem Weg ins Jenseits. «Höllenhunde» nennt sie der Professor und beweist damit einmal mehr sein ach so bewundernswürdiges Allgemeinwissen. Als ein solcher entpuppt sich Alonso in einem gnadenlos bösen Showdown mit überraschenden Wendungen tatsächlich. Der Xoloitzcuintle führt die beiden Ehepaare gewissermassen als tierischer Lügendetektor in eine emotionale Hölle und das Publikum durch ein starkes Stück klamaukfreies Boulevard-Theater: Ein schöner Start in die neue Spielsaison des «neuen» Casinotheaters.

Casinotheater Winterthur, 3. September. Weitere Aufführungen bis 3. Oktober.

Beste Freunde und ein Höllenhund

6. September 2015, Neue Zürcher Zeitung, von Alois Feusi

Mit «Alonso», einem von Viktor Giacobbo eingeschweizerten Stück des österreichischen Kabarettisten Stefan Vögel, startet das umgebaute Casinotheater Winterthur in die […]

Casinotheater: Die Komödie «Alonso» führt vor, wie zwei mittelständische Ehepaare buchstäblich auf den Hund kommen. Bei der Premiere am Donnerstag erntete das Stück viele Lacher. Aber es ist auch eine Tragödie.

Zu Saisonbeginn präsentiert sich das Casinotheater mit aufgefrischten Räumen. Man ist daher umso gespannter, mit welchem Stück das Haus sein Premierenpublikum empfängt. Immerhin gilt es den Ruf zu verteidigen, eine der führenden Komödienbühnen der Schweiz zu sein. Das Theater tritt mit einem Stück von Stefan Vögel an. Der österreichische Autor verfasste bereits das erfolgreiche Premierenstück vom letzten Jahr, «Achtung Schwiiz!». Ein Wagnis ist bei der Premiere trotzdem dabei.

Es beginnt mit einer gewöhnlichen, allen bekannten Si­tua­tion. Zwei befreundete Ehepaare treffen sich zum Abendessen. Das Bühnenbild ordnet die vier Figuren dem modernen Mittelstand zu. Ihr Gespräch verweist auf gebildete, weit gereiste Personen. Sie sind alte, fast zu alte Freunde. Der Ton ist zänkisch, sogar giftig. Jeder weiss um die Schwächen des anderen und reitet gnadenlos dar­auf herum.

Etwas Fundamentales jedoch bleibt Rebecca (Tamara Cantieni) und Leo (Dominique Müller), dem Mann ihrer Freundin Trix (Anne Hodler), verborgen: Trix hat nämlich ein heimliches Verhältnis mit Rainer (Max Gertsch), Rebeccas Mann.

Hypersensibler Hund

Diese Ausgangslage führt zu Dialogen voller Pointen, die wie warmer Regen auf das Publikum niedergehen. Trotzdem bleibt zunächst unklar, wohin das Stück führt. Es nimmt sich Zeit, die Figuren zu etablieren. Viktor Giacobbos Regie unterstützt eine klare Charakterisierung der Personen. So bleibt man lange gespannt, was mit so unterschied- lichen Figuren noch geschehen wird.

Den Kristallisationspunkt des Stücks bildet eine fünfte Figur: ein Mexikanischer Nackthund mit dem Namen Alonso. Er soll Trix’ leerem Dasein einen neuen Inhalt verschaffen. Alonso ist hypersensibel. Er beisst zu, wenn man ihn nicht liebt. Vor allem aber bellt der Hund, sobald er Lug und Betrug wittert. Und in der gegebenen Konstellation hört er gar nicht mehr auf zu kläffen. Lügen haben jetzt im wörtlichen Sinn kurze Beine.

Dies wird zunächst Rainer zum Verhängnis. Alonso bringt seine Betrügereien an den Tag. Rainer hat weit mehr auf dem Kerbholz, als es den Anschein macht. Die sorgfältig aufgebauten Spannungen entladen sich nun in einem Donnerwetter. Alles fliegt auseinander, alles geht flöten, begleitet von Lachern und Szenenapplaus aus dem Publikum. Bald sind Ehen und Karrieren im Eimer. Schuld daran sind nicht etwas die Figuren mit ihren Lügen und ihrem Selbstmitleid. Nein. Es ist Alonso, das Hundsvieh! Eigentlich müsste man es abschlachten … Dieser Gedanke führt zu einer Wendung im Stück und zu seinem fulminanten Ende, das hier nicht verraten sei. Abendessen reiht sich an Abendessen, das Stück flitzt flott über die Bühne und kommt mit einem einzigen Bühnenbild aus. Das Schauspiel und die Schauspielführung zeichnen die Konflikte mit dem dicken Pinsel. Zwischendurch scheint Viktor Giacobbos Handschrift durch. Vor allem bei den Frauenfiguren. Rebecca wirkt schrill, Trix wahnsinnig nervös. So verleiht die Regie dem Stück ein paar knallige Farbtöne. Die Komödie «Alonso» ist ein Bonbon. Das Publikum nimmt es mit grossem Applaus entgegen.

In Wahrheit eine Tragödie

Erst beim Hinausgehen dämmert es einem, dass «Alonso» in Wahrheit ein ernstes Lehrstück ist. Es zeigt die Tragödie von Menschen gegen fünfzig. Ihre Kinder sind ausgeflogen, Schönheit und Potenz welken dahin, die Karrieren erleiden einen Knick. Weil man an den eigenen Lebenslügen festhält, gehen auch die Beziehungen zu Ehepartnern und alten Freunden in die Brüche. Zurück bleibt – der Hund.

Eine hohe Kunst ist es, einen tieferen Inhalt in eine witzige und geistreiche Komödie zu verpacken. So gesehen ist «Alonso» ein starkes Stück. Es ist dem Ruf des Casinotheaters als einer führenden Schweizer Komödienbühne mehr als angemessen.

Alonso wittert Betrug

5. September 2015, Landbote, von Christian Felix

Casinotheater: Die Komödie «Alonso» führt vor, wie zwei mittelständische Ehepaare buchstäblich auf den Hund kommen. Bei der Premiere am Donnerstag […]

Was macht gute Boulevardkomödien aus? Ein Gespräch mit dem Satiriker Viktor Giacobbo, der in der ­Komödie «Alonso» des Casinotheaters Regie führt.

In der Komödie «Alonso», die am Donnerstag im Casinotheater Premiere feiert, geht es um zwei Paare und Untreue. Und um einen Hund, der Betrug und Unwahrheit wittert. Was reizt Sie an diesem Thema?

Viktor Giacobbo: Es ist eine Boulevardkomödie, zwei der Part- ner gehen diagonal miteinander fremd. Der Haushalt, in dem sich das abspielt, ist bieder. Die Ehefrau ist etwas ratlos, weil der Sohn gerade von zu Hause ausgezogen ist. Diese Frau hat mit dem Mann ihrer besten Freundin ein Verhältnis, und zwar seit Jahren. Nun besitzt ihre vermeintlich beste Freundin eine Tierhandlung und schenkt ihr dann, weil sie ja wieder eine Aufgabe braucht, einen Hund. Das ist ein mexikanischer Nackthund, ein Xoloitzcuintle.

Den gibt es also wirklich?

Den gibt es. Es handelt sich um eine mit Mythen beladene Rasse, die jahrhunderte- oder sogar jahrtausendealt ist und mit den Azteken in Verbindung gebracht wird. Der Nackthund hat eine ledrige Haut und keine Haare. Mit der Zeit merkt das beschenkte Paar, dass der Hund auf die Bewohner unterschiedlich reagiert. Und die beiden, die betrügen, finden heraus, dass der Hund immer dann angibt, wenn sie lügen oder sich berühren. Die Freundschaft und mindestens eine Ehe gehen dabei zu Bruch. Das Ganze endet explosiv und mit einer Überraschung.

Braucht es bei Seitensprüngen Wahrheit?

Ich weiss nicht, ob es das braucht, ich weiss nur, dass Betrug und So-tun-als-ob eine gute Grundlage für Komik sind. Die Handlung ist im Alltag angesiedelt, andererseits kommt dieser exotische Hund vor. Dieser Mix gefällt mir, trotz der im Grunde genommen sehr biederen Anlage. Aber die Rollen sind ein gefundenes Fressen für gute Schauspieler. Von Stefan Vögel stammte bereits «Achtung Schwiiz», das Erfolgsstück vom letzten Jahr. Er ist selbst Kabarettist und zurzeit einer der erfolgreichsten Autoren von Boulevardkomödien.

Und über ihn sind Sie auf das neue Stück gekommen.

Ja, er selbst meinte, sein neues Stück sei sein interessantestes. Daraufhin haben wir es gelesen, nebst anderen Stücken, und gefunden, dass es passt. Für unsere Eigenproduktion brauchen wir jeweils ein Mainstream-Stück, bei dem man das Hirn nicht abschalten muss. Mit einem Wort, eine intelligente Boulevardko­mödie.

Wer wählt die Stücke aus?

Wir haben eine Stückauswahlgruppe mit Mike Müller, Patrick Frey, Domenico Blass und ein paar weiteren, wenn sie Zeit haben. Und dem künstlerischen Leiter Nik Leuenberger natürlich.

Der Seitensprung und die Frage, ob und wie er auffliegt, ist das Kernthema des Boulevardtheaters. Was macht eine gute Boulevardkomödie aus?

Sie ist dann gut, wenn man sie nicht boulevardesk spielt. Das heisst, die Schauspieler treten nicht an die Rampe und werfen die Pointen fast mit einem Zwinkern ins Publikum. Selbst relativ bescheidene Boulevardkomödien lassen sich so inszenieren, dass sie glaubwürdig wirken. Natürlich gibt es in «Alonso» Pointen. Aber streckenweise wird das Stück zum reinen Drama.

Auf Ihrer Bücherliste, die Sie auf Ihrer Website veröffent­lichen, finden sich so intellektuelle Autoren wie Marlene Streeruwitz und Thomas Pynchon. Gehen Sie mit dem Boulevard nicht unter Ihr Niveau?

Nein, denn in meiner Kunst gibt es den Begriff Niveau eigentlich nicht, ich bevorzuge den Begriff des Genre. In Niveauunterschieden wird vor allem in Mitteleuropa gedacht, Deutschland und die Schweiz sind besonders gefährdet, hier sind E-Kunst und U-Kunst streng getrennt. Die Angelsachsen machen das viel eleganter. Ein Filmregisseur wie Martin Scorsese ist sich nicht zu schade, auch mal einen Werbefilm zu ­machen. Selbst die berühmtesten Schauspieler machen ab und zu am Broadway in einer ruppigen Komödie mit. Robert Gernhardt hat es auf den Punkt gebracht, es ist eines meiner Lieblingszitate: «Es gibt so wenig niveauvolle Komik, wie es einen niveauvollen Orgasmus gibt.»

Man muss den Punkt finden, an dem es funktioniert.

Ja. Schliesslich mache ich Unterhaltung. Gut, Satire hat immer ein wenig mit Niveau zu tun, wenn man das Wort verwenden will. Aber wenn ich Komik mache, lese ich zum Beispiel selten komische Bücher.

Nach welchen Kriterien lesen Sie Ihre Bücher aus?

Da gibt es keine Kriterien. Es gibt Autoren wie Ian McEwan, von denen ich jedes Buch lese. Von anderen, deren Namen man oft hört, nimmt es mich dann einmal wunder, wie sie schreiben. So kam ich auf Hilary Mantel, von der lese ich seither auch alles. Die Literatur liegt mir auch deshalb am Herzen, weil ich beim Zürcher Verlag Kein & Aber im Verwaltungsrat bin.

Sie waren früher einmal Korrektor beim «Landboten». Wie kamen Sie zum Theater?

Ich hatte Schriftsetzer gelernt, und vor einer grossen Reise jobbte ich beim «Landboten» und setzte die Todesanzeigen. Später ar­bei­te­te ich hier auch als Korrektor. Ich hatte die Sprache immer gern. Zur Satire und zum Kabarett wollte ich von Anfang an, ich machte bereits Schulaufführungen und imitierte meine Lehrer. Ich wusste aber, dass ich eine Lehre machen musste, um später das machen zu können, was ich wollte. Zuerst dachte ich an eine Schauspielschule, merkte aber bald, dass das klassische Theater nicht mein Ding war. Ich wollte selber Texte schreiben, was ich dann mit verschiedenen Gruppen auch tat, von amateurhaften bis zu professionellen. So etwa bei den Stuzzicadenti. Wir machten Rock-Kabarett, wenn man so will.

Kommt es vor, dass Ihnen ­langweilig ist?

Nein, das kenne ich nicht. Es gibt gute Zeiten, wenn ich nichts zu tun habe, zum Beispiel wenn ich auf Reisen bin. Ich kann sehr gut faul sein und ausspannen. Das hat aber nichts mit Langeweile zu tun.

Keine Frage des Niveaus

29. August 2015, Landbote, von Helmut Dworschak

Was macht gute Boulevardkomödien aus? Ein Gespräch mit dem Satiriker Viktor Giacobbo, der in der ­Komödie «Alonso» des Casinotheaters Regie […]

Montagsinterview · Ade Sommerpause: Am Sonntag startet die Satiresendung «Giacobbo/Müller» des Schweizer Fernsehens in die neue Staffel. Zeit für ein Gespräch mit dem Winterthurer Kabarettisten Viktor Giacobbo (62) über Humor, sein Theater und das Pensionsalter.

Herr Giacobbo, wir fürchten uns ein wenig vor Ihnen…

Viktor Giacobbo: Das ist eine gute Voraussetzung. Ich mag ängstliche Journalisten. Aber wieso?

Im Gespräch mit Journalisten offenbarten Sie «Arroganz und Dünnhäutigkeit», war kürzlich in einer grossen Schweizer Tageszeitung zu lesen.

Ach, das war ein Spezialfall, das war kein verängstigter Journalist, sondern ein verärgerter – und er liess sich von Mike und mir so prächtig ärgern. Ich kann Sie aber beruhigen: Für gewöhnlich bin ich nicht so. Mich kann man alles fragen.

Sehr gut. Dann fragen wir, ob es Sie wurmt, dass Geri Müller seine Nacktselfies just in der Sommerpause von «Giacobbo/Müller» verschickt hat?

Nein, nein. Natürlich hätten wir zu Geri Müller möglicherweise ein paar pointierte Bemerkungen gemacht. Aber das nächste Gerigate kommt bestimmt. Die nachhaltigsten Rohstofflieferungen, die man sich vorstellen kann, finden ja in unserer Branche statt, in der Politik und auch sonst überall, wo auf der Welt was passiert.

Es wurmt Sie kein bisschen, wenn Sie etwas nicht in der Sendung verarbeiten können?

Natürlich kommt das vor. Aber ich habe ja auch andere Kanäle neben der Sendung. Ich twittere zum Beispiel oft oder verarbeite Ereignisse in Theaterproduktionen.

Welcher Politiker hat eigentlich den höchsten Unterhaltungswert?

Unfreiwilligen Unterhaltungswert haben viele, freiwilligen nur wenige. Alexander Tschäppät zum Beispiel ist einer der zweiten Kategorie, er ist schlagfertig und fightet gerne auf humorvolle Art. Toni Brunner kann das auch.

Viele Politiker sind bei «Giacobbo/Müller» zu Gast. Wie wählen Sie sie aus?

Mike Müller und ich brainstormen mit der Redaktion völlig unsystematisch nach möglichen Gästen, bei denen aber die Humorfähigkeit weniger Kriterium ist als deren Authentizität. In der Regel fragen wir unsere Wunschkandidaten dann am Dienstag oder am Mittwoch vor der Sendung an.

Und die kommen so kurzfristig?

Wenn sie sich freimachen können, schon. Die meisten Politiker nehmen die Einladung an und sind sich bewusst, dass man bei einem Auftritt in unserer Sendung gut wegkommen kann – oder eben auch nicht. So oder so ist unser Publikum grösser als jenes der «Arena», relativ jung und politisch noch unentschieden. Das ist für Politiker natürlich attraktiv.

Was bedeutet es Ihnen, wenn Sie Junge für Politik begeistern können?

Kürzlich hat mir eine Gymnasiastin gesagt, sie hätte die Sendung früher uninteressant gefunden, weil sie nie gewusst habe, wovon wir sprechen. Auf Anraten ihrer Freundinnen hätte sie begonnen, die politischen News zu verfolgen, und nun fände sie die Sendung toll. Es ist ein schönes Kompliment, wenn Junge «Giacobbo/Müller» schauen und merken, dass die Sendung zwar zum Lachen ist, dass es aber neben dem Klamauk auch um die politische Realität geht.

Sitzen Sie und Mike Müller die ganze Woche zusammen und hecken Sprüche aus?

Nein, das nicht gerade. Aber natürlich stehen wir in engem Kontakt. Unsere Partnerinnen haben uns auch schon als altes Ehepaar bezeichnet, das mindestens einmal pro Tag telefonieren muss. Wenn man eine solche Sendung zusammen macht, versteht man sich auch neben dem Beruf und ist befreundet.

Wie sieht eine Produktionswoche bei Ihnen aus?

Sie beginnt am Dienstag mit einer Telefonkonferenz. Wir schauen, welche Themen aktuell sind, welche Sketche wir machen könnten. Am Mittwoch werden diese geschrieben, danach ziemlich rasch produziert. Die Sketchtexte stammen von Mike Müller oder von mir, unser Headwriter Domenico Blass schreibt ab und zu auch einen, sonst niemand. Nur damit das mal gesagt ist.

Aber Sie arbeiten mit Pointenschreibern.

Ja, es gibt eine solche Gruppe. Sie bekommt jeweils am Donnerstag die Themen der Sendung, dann kann sie uns Pointen schicken. Wenn wir eine davon verwenden, wird der Schreiber entlöhnt. Das ist international Usus bei Late-Night-Shows. Ausserdem kommen jeweils drei von ihnen an unsere wöchentliche Inputsitzung.

Wie viel kostet eine Pointe?

Ungefähr 70 Franken.

Im Nachhinein müssen Sie sich Ihre Sendung anschauen. Tun Sie das mit Ihrer Freundin auf dem Sofa?

Nein. Ich sitze alleine auf dem Sofa.

Und wie ist das?

Es ist der härteste Teil meines Jobs. Denn es gibt immer Situationen, in denen ich etwas vermasselt habe. Dann muss ich beschämt wegschauen.

Sie sind streng mit sich.

Ja, Mike Müller und ich sind mit uns selbst am strengsten. Aber am Ende des Tages gibt es nur ein Kriterium für jemanden, der Satire macht: seinen eigenen Geschmack. Was wir gut finden, bringen wir. Wenn du anfängst, dich nach Mehrheiten zu richten oder gar Probeaufführungen durchführst, verlierst du deine Identität. Dann hast du auch keinen Mut mehr, Neues auszuprobieren.

Aber das Schweizer Fernsehen SRF nimmt doch bestimmt Einfluss.

Nein. Dass uns niemand dreinredet, war eine Grundbedingung für uns, diese Sendung zu machen. Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb vom Fernsehen abhängig, das gibt uns eine frische Haltung. Und die Situation ist ja für beide Seiten gut: Wir bescheren dem Sender tolle Quoten und er uns keine Vorschriften.

Selbst bei Kritik am SRF nicht?

Es ist ein viel gescholtenes Unternehmen, wir halten uns mit Kritik auch nicht zurück, machen uns über die Logos lustig oder über die Chefs. SRF hat früh realisiert, dass man Satiremacher walten lassen muss, wenn man Satire will. Anders geht es nicht.

Sie produzieren 30 Sendungen pro Jahr, damit Raum für andere Projekte bleibt. Aktuell haben Sie neben «Giacobbo/Müller» Auftritte in der Boulevardkomödie «Achtung Schwiiz» im Casinotheater Winterthur. Ist es schwierig, den Theatermann vom TV-Satiriker zu trennen?

Trennen muss ich da nichts. Ich spiele im Theater eine andere Figur, es ist ein anderes Medium. Manchmal wird es halt ein bisschen streng, wenn Theater und Fernsehen zusammenkommen, so wie jetzt gerade.

Sind Sie auf der Bühne freier als im Fernsehen?

Freier im Sinne von frecher sicher nicht. Die Form ist anders. Bei einem Theaterstück ist man über zwei Stunden auf der Bühne, man muss das Publikum abholen und den Spannungsbogen bis am Schluss durchhalten. Man kann am Ende nicht sagen: Diese Szene machen wir noch einmal und schneiden am Schluss etwas raus, was man beim Fernsehen theoretisch machen könnte. Ein Publikum zu begeistern, ohne Mikrofon, unverstärkt zu spielen, Dialoge mit anderen Schauspielern – das ist etwas Grossartiges. Fernsehen ist für mich in keiner Hinsicht besser.

Anfang Jahr löste ein TV-Sketch, für den sich Birgit Steinegger das Gesicht schwarz angemalt hatte, eine Grundsatzdebatte über Humor aus. Hat diese Diskussion etwas verändert?

Nein, solche Diskussionen kommen ja immer wieder. Meistens wird dabei nicht sachlich diskutiert, das zeigt auch diese sogenannte «Blackfacing»-Debatte. Es war ein misslungener Sketch – so was passiert jedem Komiker. Aber daraus zu schliessen, Birgit Steinegger sei eine Rassistin, ist absurd. Als ich vor über zehn Jahren Harry Hasler gespielt habe, brandmarkten Feministinnen die Figur als frauenfeindlich. Bei fast allen Figuren hat irgendein Bedenkenträger mal protestiert – ich versuche diese jeweils zu ermuntern, sich statt mit dem eigenen grossartigen Moralkodex doch eher mit dem Verstand zu fragen, wer denn die Satirezielscheibe ist – bei Hasler sicher nicht die Frauen, sondern der Depp, der so daherredet.

Manche Leute denken einfach nicht weit genug.

Ja, aber meist ist nicht das Publikum zu dumm, sondern Berufsempörte entdecken da für sich ein Podium. In der «Blackfacing»-Debatte waren es zwei Kulturschaffende, die auf Missachtung der Antirassismusnorm klagten. Wenn wir so weit sind, dass wir Pointen oder die Satire dem Urteil eines Richters überlassen wollen, dann gute Nacht.

Humor braucht also kein Leitbild?

Um Gottes Willen! Das wäre das Ende.

Wo liegen Ihre persönlichen Grenzen?

Es fordert mich nicht heraus, wenn jemand bereits am Boden liegt und alle auf ihn eintreten, wie bei Geri Müller. Man kann ihn wegen seiner Nahostpolitik kritisieren, aber sicher nicht, weil er blöde Fotos verschickte und sich daraufhin selber als «Tubel» bezeichnete. Schliesslich hat er seine Penisaufnahmen nicht der Hamas geschickt.

Im arabischen Raum wird Humor gegen IS-Terroristen eingesetzt – etwa durch Karikaturen. Es gibt Stimmen, die das pietätlos finden. Andere meinen, Humor könne eine Waffe sein.

Konkret ändern kann Humor oder Satire wahrscheinlich nichts. Aber es kann jemanden beim Weiterdenken helfen, wenn er mal lachen muss. Oder sich mal etwas komplett Absurdes anschaut. Diese Diskussionen gab es schon immer. Darf man Hitler verulken? Er war doch ein Böser, darf man über ihn lachen? Wieso sollte man nicht über ihn lachen dürfen? Das Böse hat sehr wohl seine lächerlichen Seiten. Und ich denke nicht, dass Neonazis einen Sketch amüsant finden, in dem Hitler als Dödel – der er ja nebst Massenmörder auch war – dargestellt wird.

Hat sich Ihr Humor seit dem Anfang Ihrer Karriere verändert?

Lustig ist lustig, überraschend ist überraschend, absurd ist absurd. Das ist gleich geblieben. Verändert hat sich, wie man Humor konstruiert. Wenn man sich zum Beispiel die alten Sketches aus «Viktors Spätprogramm» anschaut, sieht man: Die waren doppelt so lang und viel langsamer geschnitten. Die Ästhetik hat sich verändert und damit auch die Rezeption von Humor.

Humor entsteht oft aus Traurigkeit. Haben auch Sie eine melancholische Basis?

Ja, genauso wie alle anderen Menschen auch. Es gibt viele Leute, die müssen in ihren Jobs funktionieren und gleichzeitig mit ihren depressiven Momenten fertigwerden. Das Klischee vom Clown, der an seiner Traurigkeit besonders zu leiden habe, finde ich kitschig und verlogen. Nehmen wir Robin Williams: Der arme Kerl litt an Depressionen und er hätte auch unter Depressionen gelitten, wenn er kein Komiker gewesen wäre.

Zu einem erfreulichen Thema: Sie sind Initiator und Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur.

Ja, das Haus funktioniert auch nach über zwölf Jahren immer noch – und das vor allem wegen der vielen kreativen Leute, die es am Leben erhalten. Das Haus wird durch Sponsoren finanziert und kommt ohne öffentliche Gelder aus. Trotz treuer Sponsoren – es ist an jedem Jahresende ein Kampf um eine schwarze Null.

Wenn Sie wie im aktuellen Stück selber mitspielen, stürzen sich die Zuschauer auf die Tickets.

Das hat nicht nur mit meinem Namen zu tun – das ist eine Teamleistung von Ensemble, Regie, künstlerischer Leitung. Aber Publikumshits lassen sich nur beschränkt programmieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Institution?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Künstler der jüngeren Generation nachrücken und sich künstlerisch wie finanziell beteiligen. Wenn ich in zehn Jahren hier noch Verwaltungsratspräsident bin, stimmt etwas nicht.

Weil Sie in zehn Jahren in Pension sind? Sie sind 62-jährig …

Nein, aber dann mache ich etwas anderes. Vielleicht meine Zivilschutzkarriere fortsetzen.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, je in Pension zu gehen?

Schwer. Aber ich habe ja auch ein grosses Privileg: Die Wahl, nur noch Projekte in Angriff zu nehmen, auf die ich Lust habe.

SRF plant auf 2016 eine eigene Dramaserie. Wäre nach TV-, Kino-, Theater- und Zirkusauftritten eine Serienkarriere was für Sie?

Nein, das kann Mike Müller besser («Der Bestatter», SRF, Anm. d. Red.). Wahrscheinlicher ist wieder einmal ein Spielfilm.

Wie bewahren Sie sich Ihren jugendlichen Elan?

Ich habe das Glück, mit vielen jungen Leuten zusammenzuarbeiten. Meistens bin ich zwar in diesen Gremien der grösste Kindskopf. Man sollte sich immer die Lust auf Neues bewahren. Ich habe beispielsweise für mein Alter einen eher untypischen Musikgeschmack. Ich liebe Indierock. Die meisten in meinem Alter hören ihre Oldies.

Dann trifft man Sie regelmässig an Konzerten?

Ich bin kein grosser Konzertgänger. Wenn man eine so bekannte Fresse hat, ist das nicht immer nur locker.

Alle wollen ein Selfie?

Ja. Die Leute sind ja immer nett und ich sage sicher nicht Nein. Aber an einem Konzert möchte ich nicht über die Sendung reden und Selfies machen.

Aber wir dürfen jetzt noch ein Selfie mit Ihnen machen?

Gerne. Aber die Hosen lasse ich nicht runter.

Interview: Stefanie Christ Fabian Sommer Giacobbo/Müller: ab 28.9., immer sonntags, 22.15 Uhr, SRF 1.

Achtung Schwiiz!: bis am 4.10. im Casinotheater Winterthur.


Im Gespräch

Wir treffen Viktor Giacobbo im Casinotheater Winterthur. Der 62-jährige Schauspieler, Satiriker und Autor initiierte im Jahr 2000 die privat finanzierte Institution und steht ihr seither als Verwaltungsratspräsident vor. Während er sonntags im Schweizer Fernsehen mit Mike Müller durch die satirische Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» führt, tritt der Winterthurer noch bis zum 4. Oktober mit der Boulevardkomödie «Achtung Schwiiz!» im Casinotheater auf. Es ist ein familiäres Haus mit angegliedertem Restaurant, in dem die Mitarbeiter den Chef duzen und in dem auch kurz vor dem Auftritt noch alle gelassen scheinen.

Auch im Gespräch begegnet uns Viktor Giacobbo ruhig, reflektiert, herzlich. Wer einen aufgedrehten «Schnuri» erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Er nimmt sich Zeit für die Antworten, freut sich über ein vertieftes Gespräch – allzu oft halte ihm jemand unter Zeitdruck ein Mikrofon ins Gesicht. Man spürt: Giacobbo will nicht als Prominenter, der er zweifelsohne ist, wahrgenommen werden, sondern als Kulturschaffender. So werden denn auch Fragen zu seinem Privatleben höchstens mit einem schelmischen Grinsen gewürdigt.

Nach dem Interview mischt sich ein bescheidener Giacobbo unter die Gäste des Theaterrestaurants. Stunden später wird er sie auf der Bühne zum Lachen bringen.stc/fs

«Ich bin der grösste Kindskopf»

22. September 2014, Berner Zeitung, von Stefanie Christ und Fabian Sommer

Montagsinterview · Ade Sommerpause: Am Sonntag startet die Satiresendung «Giacobbo/Müller» des Schweizer Fernsehens in die neue Staffel. Zeit für ein […]

Schweizer und Deutsche „verbrezeln“: Der Kabarettist und Autor Viktor Giacobbo stellt auf dem Freiburger Filmfest seine satirische Dokumentation „Der große Kanton“ vor.

So ganz rund läuft’s ja nicht zwischen den Schweizern und den Deutschen: Steuerflüchtlinge aus Deutschland, das Schweizer Bankgeheimnis, der Schweizer Fluglärm und die Duldung deutscher Arbeitsimmigranten – um nur einige Beispiele zu nennen – sorgen hin und wieder für zwischenmenschliche und zwischenstaatliche Irritationen. Da kommt die „dokumentarische Konversation zur Beilegung eines nachbarschaftlichen Konfliktes“ doch gerade recht: Der Schweizer Autor, Kabarettist, TV-Moderator und Schauspieler Viktor Giacobbo hat in seinem satirischen Dokumentarfilm „Der große Kanton“ viele Interviews geführt, die sich alle um eine These drehen: Wären nicht alle Probleme gelöst, wenn Deutschland der Schweiz als neuer Kanton beiträte?

So absurd dieser Vorschlag ist – es ist ein Heidenspaß sich knapp 90 Minuten lang anzuschauen, mit welchem Ernst, mit welchem Engagement sich die vielen prominenten Interviewpartner mit der Idee auseinandersetzen. Schweizer und deutsche Politiker, Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler sitzen Giacobbo im heimischen Garten oder im Büro gegenüber oder schlendern mit ihm durch Städte und Landschaften und assoziieren, was das Zeug hält. Ex-Außenminister Joschka Fischer hält vor allem die Bayern für nicht Manns genug, sich den Eidgenossen unterzuordnen. Der Schweizer Journalist Roger Schawinski freut sich schon darauf, dass die Schweiz mit dem neuen Kanton dann endlich einen Zugang zum Meer – und Sylt! – bekommt. Linken-Politiker Gregor Gysi verspricht sich, da er selber Schweizer Vorfahren habe, einen weiteren Karriereschub in der Politik, möchte aber nicht, dass alle Deutschen das Verhältnis der Schweizer zum Geld übernehmen.

Klug und ironisch zugleich sind ganz viele Kommentare; Intellektuelle wie Peter von Matt oder Roger de Weck bemühen die gemeinsame Vergangenheit der Nachbarn, finden mehr kulturell verbindendes als trennendes. Großartig ist der Auftritt von Gerhard Polt, der ein berühmtes bayerisches Salzgebäck als Symbol für die natürliche „verbrezelung“ der beiden Nationen nimmt. Elke Heidenreich macht handstreichartig Düsseldorf zur neuen, gemeinsamen Hauptstadt des neuen Landes.

Auch fiktive Persönlichkeiten haben ihren Auftritt in „Der große Kanton“. So spielen etwa die Freiburger Kabarettisten der Truppe Oropax zwei Bodenseeschwimmer, die es schon jetzt nicht mehr in Deutschland aushalten und in der Schweiz Asyl beantragen wollen. Der Schweizer Schauspieler Michael Finger tritt als letzter Nachfahre derer von Habsburg auf, der in dem Schweizer Örtchen gleichen Namens im Kanton Aargau als Landwirt sein Auskommen hat. Und seine Milchkühe der adeligen „Verwandschaft“ eindeutig vorzieht …

Zur Bebilderung seiner Geschichte hat sich der Regisseur teils weit aus dem Fenster gelehnt: Er bedient sich historischen Materials, setzt aber auch schon mal dem Berliner Kanzleramt ein Schweizer Holzdach oben drauf oder versieht eine Passagiermaschine der Lufthansa mit dem Logo „Luftansli“. Dennoch ist Giacobbos satirische Doku nicht etwa nur albern oder nur absurd, sie liefert durchaus Stoff zum nachdenken über das Verhältnis der beiden Nachbarn. Und der Satz eines Schweizers ganz am Ende des Films produziert angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage auch gleich einen Knoten im Hals: „Wer will, kann kommen, der Welt kann es damit doch nur besser gehen.“ Wenn es doch nur so einfach wäre.

„Der große Kanton“ von Viktor Giacobbo läuft im Rahmen des Freiburger Filmfests am Sonntag, 27. 7. um 21.10 Uhr und dam Montag, 28.7., 16.45 Uhr Kino Harmonie. Am Sonntag ist Regisseur Viktor Giacobbo zu Gast.

„Der große Kanton“: Satirische Doku mit Gerhard Polt

27. Juli 2014, Badische Zeitung, von Heidi Ossenberg

Schweizer und Deutsche „verbrezeln“: Der Kabarettist und Autor Viktor Giacobbo stellt auf dem Freiburger Filmfest seine satirische Dokumentation „Der große […]

Wenn Deutschland Teil der Schweiz wäre: Regisseur Viktor Giacobbo hat mit „Der große Kanton“ einen Film mit Unterhaltungswert gemacht

Die Idee ist charmant, zumindest aus Schweizer Sicht: Würde es gelingen, Deutschland einzugemeinden, wären auf einen Schlag ganz viele Probleme gelöst. Möglicherweise würden sich ein paar neue ergeben, aber das vor allem für die Deutschen; die hätten im Kantonsverbund fortan nicht mehr zu sagen als etwa Appenzell.

Natürlich ist das nicht ernst gemeint, aber alle spielen mit: Dokumentarfilmer Viktor Giacobbo hat Menschen aus den Bereichen Politik und Kultur mit dieser Utopie konfrontiert, und jeder trägt seinen Teil dazu bei. Der Schweizer nennt seinen Filmstil eine „dokumentarische Konversation“, und daher besteht das Werk größtenteils aus Interviews. Trotzdem ist „Der große Kanton“ überraschend witzig und entsprechend unterhaltsam, weil viele der Gesprächspartner fröhlichen Unfug verzapfen, ohne eine Miene zu verziehen. Joschka Fischer dreht am ganz großen historischen Rad, Gregor Gysi träumt dank schweizerischer Vorfahren vom dritten politischen Frühling, Frank-Walter Steinmeier fragt sich sorgenvoll, was dann aus den ganzen Steuerfahndern wird, und der Schwabe Cem Özdemir schließt kurzerhand den zukünftigen Regionalflughafen Zürich und erklärt Baden-Württemberg, „wo die Intelligenz sitzt“, zum Kraftfeld des neuen Staatenbunds. Allerdings fürchtet er auch, dass diverse Provinzen umgehend von der Fahne gehen könnten; allen voran die Bayern, die sich mit Südtirol zusammenschließen würden. Nicht minder originell sind die (untertitelten) Schweizer Wortbeiträge, die vor allem mit dem Vorurteil aufräumen, dem Bergvolk mangele es an Selbstironie; und das bezieht sich keineswegs nur auf die Freude darüber, dank des großen Kantons im Norden endlich direkten Zugang zum Meer zu haben.

Natürlich gibt es nebenbei einen Abriss der gemeinsamen deutsch-schweizerischen Geschichte, und selbstredend kommen auch kommunale Vertreter zu Wort, etwa Horst Frank, ehemaliger Konstanzer Oberbürgermeister, oder Thomas Dörflinger, Bundestagsabgeordneter aus Waldshut-Tiengen. Die Improvisationen von Gerhard Polt sind allerdings ungleich witziger, auch wenn sich ein Vergleich verbietet. Aus der Lombardei kommt ein weiterer Vorschlag: Die norditalienische Provinz möchte ebenfalls mit ins Boot, würde der Schweiz daher pro forma den Krieg erklären und sich unmittelbar daraufhin ergeben.

Giacobbo würzt die verschiedenen Ausführungen immer wieder mit amüsanten Spielfilmausschnitten, die selbstredend kommentierende Funktion haben; auch die Musikauswahl treibt den satirischen Ansatz regelmäßig auf die Spitze. Aus dem Rahmen fallen allein die nicht immer treffsicheren kabarettistischen Einlagen. Sie orientieren sich am satirischen Wochenrückblick „Giacobbo/Müller“, den Giacobbo gemeinsam mit Mike Müller für das Schweizer Fernsehen veranstaltet. Davon abgesehen ist „Der große Kanton“ einer der originellsten Dokumentarfilme seit Langem.

Endlich Zugang zum Meer

17. Juli 2014, Südkurier, von Tilmann P. Gangloff

Wenn Deutschland Teil der Schweiz wäre: Regisseur Viktor Giacobbo hat mit „Der große Kanton“ einen Film mit Unterhaltungswert gemacht Die […]

Mit Scherzen über den Islam hat «Giacobbo/Müller» muslimische Kreise erzürnt. Jetzt nimmt Viktor Giacobbo Stellung: Er persönlich habe mehrheitlich positive Reaktionen erhalten.

Herr Giacobbo, Ihre Witze über den Islam haben in muslimischen Kreisen heftige Reaktionen ausgelöst. Überrascht Sie dies?

Dass religiöse Kreise keine Satire verstehen, bin ich gewohnt. Bis jetzt gab es solche Reaktionen aber vor allem von fundamentalistischen Christen. Wenn wir Religion zum Thema machen, passiert dies jedes Mal – egal, ob es um den Katholizismus, Evangelikale oder Scientology geht. Jetzt hat sich einfach gezeigt, dass die Muslime punkto Humor auch nicht besser sind als Christen.

Hatten Sie schon damit gerechnet, dass es Ärger geben wird, als Sie die
Islam-Witze vorbereiteten?

Es ging ja gar nicht um den Islam, sondern um ein Mars-Flugverbot. Wir machen uns keine Gedanken über die Reaktionen, sondern darüber, ob etwas aktuell und satirefähig ist oder nicht. Und wenn eine Religion ihren Gläubigen verbieten will, auf den Mars zu fliegen, dann ist das halt einfach komisch. Wenn der Papst den Katholiken verbieten würde, auf die Sonne zu fliegen, dann würden Muslime darüber auch lachen.

Was für Reaktionen haben Sie persönlich erhalten?

Mehrheitlich positive: Junge Muslime haben mir zum Teil über Twitter mitgeteilt, dass sie über unsere Scherze lachen konnten. Vom Islamischen Zentralrat übrigens bin ich enttäuscht. Von ihm hätte ich eigentlich ein Dankeschön erwartet.

Warum?

Weil wir uns regelmässig über islamfeindliche Schweizer lustig machen – das Minarettverbot ist bei uns mittlerweile ein Running-Gag. In der letzten Sendung sagte ich, dass es auf dem Mars wegen fehlender Minarette aussehe wie in der Schweiz. Und hier darf der Zentralrat dreimal raten, gegen wen das gerichtet war.

Werden Sie in den nächsten Sendungen weitere Islam-Witze bringen?

Es gibt keinen Fünfjahresplan darüber, worüber wir uns lustig machen wollen. Am meisten Stoff liefern immer noch unsere einheimischen Christen. Doch Thema wird, was aktuell ist – ob in der Politik, Wirtschaft oder Religion.

Nach Alexander Tschäppät, Birgit Steinegger und Massimo Rocchi sind nun erstmals auch Sie mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Hatten Sie erwartet, dass es auch Sie einmal treffen wird?

Der Rassismusvorwurf ist in diesem Fall völlig lächerlich. Der Islam vereinigt wie das Christentum fast alle Rassen, uns wegen dieser Witze Rassismus vorzuwerfen, ist daher völlig absurd.

Neben der Religion ist auch die Politik eine häufige Zielscheibe. Gibts auch aus diesen Kreisen heftige Reaktionen?

Es stimmt, in der letzten Sendung haben wir uns mehr über Ueli Maurer lustig gemacht als über Muslime.

Und, hat Maurer sich auch beschwert?

Nein, er konnte immer schon gut einstecken. Die Politiker selber beschweren sich nicht, höchstens ihre Anhänger, die teilweise ebenfalls über einen fast religiösen Eifer verfügen. Das zieht sich übrigens durch alle politischen Lager. Wobei SVP-Anhänger etwas besser einstecken können – gewisse Linke haben dagegen das Gefühl, man dürfe sich nur über Rechte lustig machen.


Twitter-Fight mit Nora Illi:

Auf Twitter hat Viktor Giacobbo sich am Dienstag einen Fight mit Nora Illi geliefert, der Leiterin des Departements für Frauenangelegenheiten beim Islamischen Zentralrat Schweiz. Auf Illis Frage an Giacobbo, ob er den Mut hätte, antisemitische Klischees in gleicher Dichte Juden an den Kopf zu werfen, wie er es bei den Muslimen getan habe, antwortete er der Burkaträgerin: «Hätten Sie den Mut, in einer öffentlichen Debatte Ihr Gesicht zu zeigen?»

«Junge Muslime konnten über die Scherze lachen»

6. Mai 2014, 20 Minuten Online, von Marco Lüssi

Mit Scherzen über den Islam hat «Giacobbo/Müller» muslimische Kreise erzürnt. Jetzt nimmt Viktor Giacobbo Stellung: Er persönlich habe mehrheitlich positive […]

Crowdtalking im Casinotheater: Viktor Giacobbo befragt im Auftrag des Publikums Roger Schawinski. Und Hazel Brugger macht aus dem Gast einen Buchstabensalat.

Es gibt das Jesus-Experiment. Das Stanford-Gefängnis-Experiment. Das Himalaja-Experiment. Das Experiment Selbstversorgung. Und es gibt auch das Ein-Mann-wagt-ein-Experiment-Experiment. Heute ist alles ein Experiment, was Versuch, Beweis, Prüfung oder Comedy ist.

Ein Experiment ist auch das neue Format im Casinotheater, es heisst Crowdtalking: Hier werden, wie das Casinotheater selber sagt, «die Fragen an eine interessante öffentliche Person nicht einfach nur vom Moderator gestellt. Dieser bespricht und verbündet sich vor dem eigentlichen Gespräch mit dem Publikum und plant mit diesem, in Gegenwart des vorerst zum Schweigen verurteilten Gastes, die Gesprächsführung.»

Ein Labor in Sachen Blabla ist also das Casinotheater mit diesem neuen Format. Die Versuchsanlage am Dienstagabend: Viktor Giacobbo befragt im Auftrag des Publikums Roger Schawinski. Und auf einmal war alles viel weniger kompliziert. Es war einfach: ein recht interessanter Abend. Und zwar für alle.

Mehr als ein Doppel-Solo

Die beiden Männer waren einmal nicht allein unter sich, wie sie es sonst immer in wechselnden TV-Formaten sind, sei es Giacobbo bei Schawinski oder Schawinski bei Giacobbo. Crowdtalking ist eben keine Doppel-Soloperformance. Denn das Publikum im Saal darf hier mitspielen. Allein der Casinotheater-Techniker, der aus Ostdeutschland kommt und Viktor Giacobbo am Anfang des Abends das Mikrofon richten sollte, machte hier nicht crowdmässig mit. Er hatte keine erste Frage an Schawinski: «Ich kenne den Mann nicht so.» Man hätte den Mann erfinden sollen.

Zweite Fragen gibt es dann zuhauf. Eine Auswahl: Welcher Schauspieler könnte die Rolle von Schawinski spielen, zum Beispiel in einem Biopic nach seiner Autobiografie? War­um hat Schawinski in Italien nicht einen anderen Hoger als den Pizzo Groppera gesucht, damit Radio 24 auch in Winterthur zu hören gewesen wäre? Was hat Schawinski zum Marathonlaufen gebracht? Wie würde er die Welt neu gestalten? Was ist sein Verhältnis zu Roger Köppel? Und so weiter und so fort, bis zum Haar und zur Farbe des Gesichts. Who cares?

Hazel Brugger, die den ganzen Abend am Rand der Bühne sass, macht dazu die Schnute. Denn sooo interessant sind für die Slam-Poetin die Fragen an Schawinski aus dem Publikum auch nicht: «Es zeigen sich eher ausserkörperliche Erfahrungen.» Hazel Brugger selber macht dann aus Schawinski einen Buchstabensalat – und setzte Vor- und Nachname ganz für sich neu zu risikoschwanger zusammen.

Für das Publikum bleibt aber Schawinski Schawinski: Radiomann, Fernsehmann. Marathonmann. The good looking man. So wie man ihn eben kennt.

Mit Format

Im Gespräch Giacobbo/Schawinski aber erweiterte sich zunehmend das Gebiet. Und da kann Hazel Brugger noch so die Schnute machen: Der Talk hatte Format – eben auch mit den Einwürfen des Publikums. Es war ein sehr lockeres Gespräch, mit kleinen Frotzeleien, natürlich – aber auch mit Momenten, die sehr persönlich sind. Ein Experiment unter Freunden.

Im Gespräch

27. März 2014, Landbote, von Stefan Busz

Crowdtalking im Casinotheater: Viktor Giacobbo befragt im Auftrag des Publikums Roger Schawinski. Und Hazel Brugger macht aus dem Gast einen […]

Viktor Giacobbo hält es für Unfug, wenn Richter über Satire entscheiden sollen. Im Interview erklärt er, warum verbotene Ausdrücke wie «Neger» die interessantesten sind.

Theatermacher Samuel Schwarz und Lyriker Rafael Urweider wollen Anzeige erstatten gegen das Schweizer Fernsehen wegen eines Sketchs, in dem Birgit Steinegger eine Schwarze spielt – was halten Sie davon?

Ich finde es praktisch, wenn Kulturschaffende keine Diskurse mehr führen, sondern die Frage, ob ein Sketch gelungen ist oder nicht, gleich von Anfang an bei einem Gericht deponieren.

Gut, jetzt bitte noch eine unironische Antwort.

Ich fand diese Nummer auch missglückt. Aber so etwas kommt vor, wenn man Satire macht – ich habe selber einige missglückte Produktionen zu verantworten. Darüber kann man debattieren. Dass nun ausgerechnet zwei Theatermacher, die sich sonst als Provokateure verstehen, gegen andere Künstler klagen, finde ich lächerlich. Sie behaupten, niemand sonst bringe diese Zivilcourage auf; das hat mit Mut gar nichts zu tun, im Gegenteil, es ist feige. Indem man beim Richter petzt, vermeidet man den Diskurs.

Schwarz und Urweider bemängeln, Satire in der Schweiz richte sich zunehmend gegen Randfiguren und Schwächere. Damit zielen sie gegen Ihre Sendung.

Natürlich – schade nur, dass sie uns nicht genannt haben. Jeder kann unsere Sendung Scheisse finden, damit habe ich keine Mühe. Aber offensichtlich wollen Schwarz und Urweider gerne die «Grenzen des guten Geschmacks», ein konservativ-bürgerliches Kriterium, im Strafgesetzbuch festschreiben. Vielleicht wollen sie ganz einfach schlechten Humor verbieten. Wie wärs mit einer Antidilettantismus-Kommission, betreut von der Pro Helvetia?

Die beiden sagen, Ihnen fehle «Reflexion und doppelter Boden». Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Da haben sie bei der inkriminierten Nummer sogar recht. Das Ziel dieser Satire war die Aufregung über den Täschli-Gate-Vorfall und diese Vaudeville-Negerinnen-Figur lenkte nur davon ab. Letztlich ist das eine ästhetische Frage. Ausserdem: Die «schwache Randfigur» in dieser Affäre war ja nicht die Multimillionärin Oprah, sondern die arme Verkäuferin.

Also geht es nur um Ästhetik, wenn sich jemand über Figuren wie Mergim Muzzafer und Fredi Hinz empört?

Die Frage muss doch sein: Auf wen zielt die Pointe und mit welcher Haltung macht der Komiker das? Nehmen wir Mergim Muzzafer. Hört man dem genau zu, dann ist das eine sehr positive Figur, und die Zielscheibe ist nicht er selber, sondern sind die Schweizer. Darauf achtet Mike Müller sehr genau. Bei Harry Hasler empörten sich anfänglich auch die Feministinnen. Wenn man ein Arschloch spielt, rechnet man halt damit, dass der «doppelte Boden» auch erkannt wird.

Verstehen Sie nicht, dass Minderheiten auf Spott vonseiten eines Massenmediums vielleicht sensibler reagieren als Durchschnittsschweizer?

Warum? Warum kann ich üble Schweizer spielen, aber keine üblen Figuren mit dunkler Hautfarbe? Oder gar einen üblen Juden? Die Frage ist: Wird da etwas generalisiert? Sind alle Schweizer Harry Haslers oder alle Inder wie Rajiv Prasad – wie Christoph Mörgeli mir einst vorwarf? Das fände ich tatsächlich problematisch. Mike und ich haben diese Grenzen immer beachtet.

Wie hätten die beiden die Auseinandersetzung denn suchen sollen?

Sie können durchaus die Nummer als misslungen bezeichnen. Dann müssen sie sich aber die Frage gefallen lassen, was es heisst, aktuelle, schnelllebige Satire zu machen. Einen aktuellen Stoff aufzugreifen und ihn sofort umzusetzen, ist etwas anderes, als ein Theaterstück oder Lyrik zu schreiben.

Inwiefern?

Es ist heikler und erfordert sehr schnelle Einfälle. Hin und wieder geht dann halt eine Nummer schief.

Muss man Grenzen überschreiten, um Satire zu machen?

Bei der Frage, was Satire darf, schlafen mir die Füsse ein. Genauso gut könnte man fragen: Was darf Meinung? Grenzen verletzen ist weder witzig noch mutig, das kann jeder zum Beispiel mit Verbalinjurien gegen Politiker. Aber Satire – und das wird die grossen Kulturschaffenden, die genau wissen, wie Satire funktioniert, entsetzen – ist eine Unterhaltungsform. Eine, welche die Realität nicht ausklammert, sondern als Material benutzt.

Welche Verantwortung trägt der Komiker?

Für sein Programm, für seine Witze und seine Haltung. Er hat weder einen didaktischen noch einen kulturellen Auftrag, sondern er muss unterhalten. Das Niveau und die Geschmacksgrenzen legt er selber fest. Das ist wie mit der Gürtellinie. Der eine trägt den Gürtel am Hals und der andere an den Knöcheln.

Gibt es Gruppen, über die Sie keine Witze machen würden?

Ja, jene, die ohnehin immer dran kommen, auf die jeder gratis losgehen darf.

Die Rechten?

Natürlich kommen die immer dran, aber mit ihrem lärmigen Populismus haben sie es auch verdient. Zurückhalten würde ich mich bei jemandem, der ohnehin am Boden liegt. Bei Mörgeli zum Beispiel ist es langsam so weit, da tritt inzwischen jeder nach. Auch bei meinen Strassenumfragen bin ich jeweils vorsichtig. Die wissen zwar alle, dass es sich um eine TV-Aufnahme handelt, aber trotzdem können diese Menschen oft nicht abschätzen, worauf sie sich einlassen.

Aufzuzeigen, dass die Schwachen nicht notwendig die Guten sind, sondern auch ganz schön ärgern können, das macht normalerweise die SVP. Rezyklieren Sie das einfach auf einer humoristischen Ebene?

Das muss ich nicht, denn die SVP rezykliert sich selber. Wenn Mike den Toni Brunner parodiert, dann äussert er sich auch wie Toni Brunner. Wer das dann für unsere Meinung hält, sollte sich keine Satiresendungen anschauen. Und Randfiguren sind deshalb interessant, weil sie Fleisch am Knochen haben, weil sie anders aussehen und reden, das ist seit Jahrhunderten eine Basis für Witze. Entscheidend ist immer: In welches Umfeld setzt sich eine Nummer, was sagt sie aus, was ist ihr Ziel? Dann kann man alles spielen, Schwule, Juden, Neger…

Wieso sagen Sie Neger?

Bei allem Diskurs über Satire: Jeder in meinem Beruf ist so weit Trotz- bzw. Kindskopf, dass er am liebsten Ausdrücke verwendet, die verboten sind.

Können Sie nicht verstehen, dass Schwarze das diskriminierend finden?

Es sind in der Regel nicht die Schwarzen, die die Metaebene nicht verstehen, sondern einheimische Moralanwälte.

Sie machen Ihre Sendung seit 10 Jahren – wurde diese Diskussion früher schon so geführt?

Momentan ist das ein Medienhype. Ein Stadtpräsident lässt sich auf einen gar nicht so schlechten Stand-up-Auftritt ein und macht dabei ein paar uralte Italienerwitze. Wochen später pickt ein Medium die heraus, darauf fühlt sich ein unterbeschäftigter Basler Anwalt persönlich zutiefst betroffen, die mediale Skandalisierung geht weiter. Dann wühlt ein Journalist im Archiv und findet bei Marco Rima eine alte Nummer, die übrigens ebenfalls nicht rassistisch gemeint war. Ich kenne Rima und Steinegger und es ist schwachsinnig, die beiden als Rassisten zu bezeichnen.

Nochmals: Wie haben die Reaktionen sich verändert?

In der Schweiz ist man eigentlich sehr liberal. Als wir mir «Viktors Programm» begonnen hatten, reagierten einige Leute verschreckt, weil das Publikum in der Hauptsendezeit so etwas nicht gewohnt war. Im darauf folgenden «Spätprogramm» gab es etwas weniger Klagen, obwohl wir die Konzession zweimal verletzt haben. Trotzdem lässt man uns bei SRF unsere künstlerische Autonomie. Da könnten sich Tamedia oder Ringier eine Scheibe abschneiden.

Welche Leute regen sich denn meistens auf? Die Betroffenen?

Im Gegenteil. Bei Fredi Hinz gab es von Anfang an eine Gruppe Eltern drogenabhängiger Jugendlicher, die sich ab ihm nervten, aber die Drogenfachstellen, die Junkies selbst, amüsieren sich. Als wir am Bahnhof Stadelhofen Premiere hatten mit «Der grosse Kanton», haben mich die Junkies im gegenüberliegenden Park freudig begrüsst. Probleme gibt es nur mit Leuten, die sich stellvertretend für andere empören.

Das ist ja eine für die Linke typische Haltung. Sind Linke humorloser als Rechte?

Leider häufig ja. Die Linken reagieren in der Regel beleidigter als die Rechten, weil sie es sich weniger gewohnt sind, Satirezielscheibe zu sein.

Die Linke setzt sich eben für die Schwächeren ein.

Wenn sie das in der Praxis machen, finde ich das toll. Aber dieser Kampf gehört vorwiegend auf die politische und weniger auf die juristische Ebene.

Müssen Komiker nun jeden Sketch darauf überprüfen, ob sich nicht jemand diskriminiert fühlen könnte?

Also bitte. Ich bezeichne mich ja selber als Tschingg, da wird bemängelt, dass wir Witze über Dicke machen. Mein Gott, Mike ist dick, ich bin alt und habe abstehende Ohren – wir veräppeln uns ja selber. Ich weiss nicht, wie viel Selbstironie Urweider und Schwarz haben, aber sie ist sicher von Vorteil, wenn man Komik macht.

Neulich fragte eine Moderatorin einer Podiumsdiskussion einen SVP-Politiker, woher seine Putzfrau komme. Danach beschwerte sich die Leiterin eines Putzinstituts, das sei abschätzig. Sind wir überempfindlich geworden?

Das ist die berühmte Political Correctness, die ja selber schon wieder ein Klischee ist, sogar sich darüber lustig zu machen, ist bereits politisch korrekt. Komik ist etwas Anarchisches und der eigene Lachreiz hält sich leider nicht ans Strafgesetzbuch.

Aber ist es nicht wichtig, dass man sich über einen Dieudonné aufregt?

Den finde ich weder komisch noch provokativ, sondern rassistisch beziehungsweise dumm. Dieudonné ist ein erklärter Antisemit, aber auch da frage ich mich: Was nützt es, das zu verbieten? Wenn der französische Staatspräsident sich zu diesem Komiker äussert, dann ist das die beste Werbung für ihn. Ausserdem darf man das Publikum nicht unterschätzen. Glauben Sie, die laufen alle da raus als Antisemiten? Viele werden abgeschreckt reagieren. Solange so einer nicht wirklich zur Gewalt aufruft, soll man ihn spielen lassen. Und natürlich muss sich ein Veranstalter fragen, ob er damit etwas zu tun haben will.

Sie interpretieren die Meinungsfreiheit also sehr weit.

Ja, auch was das Antirassismusgesetz betrifft. Wenn einer den Holocaust leugnet, ist der Fall klar. Aber bei einem abgehangenen Italienerwitz die Antirassismusstrafnorm zu bemühen?

In ihrer Anzeige kritisieren Urweider/Schwarz, dass man sich nach dem Massengeschmack richte, dass also das Publikum das auch noch gutheisse.

Kritiker begreifen in der Regel nicht, dass ihre Meinung nicht wertvoller ist als die Meinung jedes Einzelnen im Publikum.

Dann sind Sie der Meinung: Was Erfolg hat, ist auch gut?

Nein. Ich habe auch schon Witze gemacht und mir gesagt: Diesen Applaus habe ich jetzt zu einfach bekommen. Der Künstler muss selber wissen, ob er den Applaus unter, auf oder sogar über seinem Niveau bekommen hat. Darum sind Urweider und Schwarz ja so rührend, wenn sie sich wegen des niederen SRF-Niveaus entsetzen – Robert Gernhardt hat das mal so auf den Punkt gebracht: Es gibt ebenso wenig niveauvolle Komik wie einen niveauvollen Orgasmus.

«Linke reagieren schnell beleidigt»

18. Januar 2014, Tages-Anzeiger, von Michèle Binswanger

Viktor Giacobbo hält es für Unfug, wenn Richter über Satire entscheiden sollen. Im Interview erklärt er, warum verbotene Ausdrücke wie […]

Viktor Giacobbo ist der bekannteste Sohn der zweitgrössten Stadt des Kantons. Der Satiriker erzählt, warum er nicht von Winterthur loskommt, trotzdem immer wieder weg muss und wo er sich am liebsten aufhält.

Die ganze Schweiz weiss: Er ist Zivilschützer, alt und: Winterthurer. Diese Eckdaten sind ­regelmässig Teil von Running Gags seiner SRF-Sendung «Giacobbo/Müller». Dieser ältere Winterthurer Zivilschützer sitzt nun also entspannt im Foyer das Casinotheaters und stellt sogleich eines klar: «Ich bin kein Berufswinter­thurer.» Der 61-Jährige bettet diesen Satz in eine längere, pointiert vorgetragene Rede wider die Vereinnahmung durch Aussenstehende. Er ist nicht nur als TV-Talker schlagfertig.

Viktor Giacobbo, der Mann, der seit Anfang der 90er-Jahre als Kabarettist aus dem Fernsehen das Land zum Lachen bringt, Filmemacher, ­Kolumnist, Kommentator und Theaterboss in einem ist, lässt sich ungern einordnen, auf etwas festzurren. Auch wenn er in der zweitgrössten Stadt im Kanton geboren ist, hier eine Schrift­setzerlehre absolviert hat und heute mitten im Stadtzentrum lebt, spricht er von Winterthur nur als seinem Wohnort. Mehr nicht. Er sei auf Reisen, sagt er. Diesen Sommer war er monatelang in Nordamerika unterwegs. Dazu oft in Zürich, wo ein Grossteil seiner Freunde lebe. «Zu Winterthur habe ich eine betont pragmatische Beziehung. Ich wohne einfach hier.»

Kein eigentliches Wahrzeichen

Giacobbo, der Ur-Winterthurer, dürfte damit wohl für die Haltung vieler seiner rund 100’000 Mitbewohner stehen. Winterthur inspiriert niemanden zu flammenden Hommagen, dient nicht als Vorlage für opulente Gemälde. Die Stadt hat kein eigentliches Wahrzeichen. Statt eines majestätisch fliessenden Flusses mit direkter Meerverbindung gurgelt nur die Töss durch die brav gewellte Hügellandschaft. Und die gros­sen Seen liegen weit weg. Einer davon ausgerechnet in Zürich, der selbstbewussten, grossmäuligen Kantonshauptstadt, zu der man hier ein ambivalentes Verhältnis pflegt.

Winterthur ist nicht nur optisch unaufgeregt. Auch die Elite – da sind vor allem die einflussreichen, vermögenden Industriellenfamilien wie die Reinharts, Volkarts, Wolfers oder Sulzers – will vor allem eines: nicht auffallen. Protz ist verpönt. Auch die traditionell rote Stadtregierung agiert ebenfalls eher unauffällig und pragmatisch. Publizist Karl Lüönd, selbst in der Region wohnhaft, schrieb jüngst von einer Art knurrendem Einvernehmen mit den Geldleuten. Viktor Giacobbo muss schmunzeln, als er das hört. «Karl hat recht. Es gibt hier keine Partei, die richtig auf Kriegsfuss mit der Wirtschaft steht. Es ist halt so: Hier gibts nicht ständig Lämpen.»

Das war auch so, als Giacobbo mit einer vielköpfigen Gruppe von Kulturschaffenden vor über zwölf Jahren die Idee des Casinotheaters lancierte. Aus dem muffeligen städtischen Veranstaltungslokal an bester Lage sollte ein agiles Theaterhaus mit internationaler Austrahlung werden. Zwar musste vor dem Kauf zuerst eine Volksabstimmung gewonnen werden, aber das Bewusstsein von Behördenseite, dass die Stadt Erneuerung brauchte, war laut Giacobbo immer vorhanden. «Denn Winterthur war schon damals längst keine richtige Industriestadt mehr. Viele Unternehmen hatten ihre Produktionsstätten abgezügelt. Zurück blieben zahlreiche Brachen und leere Hallen, die mit neuen Inhalten gefüllt werden mussten.»

Fixpunkt der Schweizer Comedy Szene

Heute ist das einst abenteuerlich gestartete Projekt zur festen Institution geworden. Deutsche Grössen wie Gerhard Polt oder Dieter Hildebrandt lassen in diesem schmucken Saal gar ihre Shows für die eigenen DVDs aufnehmen. Und für die Schweizer Comedyszene ist Winterthur längst zum Fixpunkt geworden. Viktor Giacobbo spricht von einem starken Werbeträger für die Stadt. «Und das ohne Subventionen!»

Jetzt ist der Satiriker ganz der PR-Fachmann im Dienste seiner Aktiengesellschaft. Er steht nicht nur mit seinem Namen fürs Casinotheater, sondern auch mit seinem Geld. Er habe, sagt Giacobbo, einen grossen Teil seines Vermögens reingesteckt. Warum? «Ich investiere lieber in Ideen, als mein Geld auf der Bank zu horten.»

So ist er auch verfahren bei der Finanzierung seines Dokumentarfilms «Der Grosse Kanton», der in diesem Sommer in den Kinos erfolgreich gelaufen ist. Alles passierte in Eigenregie. So hat er sich künstlerische Unabhängigkeit bewahren können. Festzurren lässt er sich eben nicht gerne. Diese Freiheit wird er sich bewahren wollen: bei einem weiteren geplanten Kinoprojekt, bei der quotenstarken TV-Sendung, die er allsonntäglich weitgehend autonom mit Mike Müller durchboxt. Fix bleibt auch sein Wohnort. Wegziehen aus Winterthur komme für ihn nicht infrage. Die Stadt ist sein Ausgangspunkt, um in Bewegung zu bleiben. «Und das darf man ja vielleicht auch mal sagen: Winti ist mittlerweile auch sexy. Ein bisschen zumindest.»

MEIN WINTERTHUR:

Ristorante Sottovoce
Capo Michele war früher bei uns im Restaurant des Casinotheaters Chef de Service. Jetzt führt er zusammen mit seiner Frau dieses kleine italienische Restaurant hinter dem Bahnhof. Es ist nicht etepetete, eher deftig und hat eine einfache, übersichtliche und gute Karte. Wenn ich bei Michele esse, nehme ich meist die herr­lichen Mistkratzerli, nicht gerade typisch italienisch. Wartstr. 24. www.ristorantesottovoce.ch

Vollenweider
Unsere Traditionskonditorei hat die besseren Luxemburgerli, wie ich finde. Beim Vollenweider mitten in der Altstadt ?heissen diese süssen kleinen Dinger aber Macarons. Seit kurzem können sich ja auch die Stadtzürcher davon überzeugen. Der Vollenweider hat beim Opernhaus einen neuen Standort. Meine absoluten Lieblinge sind die Zitronen­törtchen. Kollege Mike Müller mags –natürlich! – etwas grösser: die Giraffentorte mit Schokoladenstückchen. Marktgasse 17. Standort Zürich: Theaterstr. 1 www.vollenweiderchocolatier.ch

Portier
Ich muss gestehen: Ich war noch nie an einem Konzert in dieser kleinen Bar auf dem Sulzerareal. Ich habs einfach noch nie geschafft, hinzugehen. Dabei schaue ich jeden Monat das Programm an und weiss, dass mich ganz viele Bands, die dort spielen, interessieren. Das Portier tüpft voll meinen Musikgeschmack. So Indierock- und Singer-Songwriter-Sachen. Lagerplatz 3 www.lagerplatz.ch/portier

Museum Oskar Reinhart
Wir haben ja im Casinotheater regelmässig Künstler aus Deutschland. Wenn ich denen sage, dass Friedrichs «Kreidefelsen auf Rügen» bei uns in Winterthur hängt, staunen die nicht schlecht. Dieses Bild ist ja so etwas wie das Nationalbild von Deutschland. Ein Besuch im Museum Oskar Reinhart lohnt sich aber auch sonst, Meister wie Hodler oder Anker gibts in diesem schönen Haus zu sehen. Stadthausstr. 6 www.museumoskarreinhart.ch

Eschenberg
Pro Woche gehe ich in der Regel mehrmals mit meinem Mountainbike auf Tour, meist gehts auf den nahen Eschenberg, am Wildpark Bruderhaus vorbei, dann runter zur Töss, wo der Sauhund wartet. Ich nenne die giftige Steigung ?hinauf zur Kyburg so, weil na ja?.?.?.?weil man da vor lauter Anstrengung ins Fluchen kommt. Der Vorteil: Ich kann ?meinen regelmässigen Weggefährten Domenico Blass dort demütigen und mit einem Antritt stehen lassen. Möglichkeit zur Rast: Restaurant Eschenberg. www.restaurant-eschenberg.ch

Markthalle Trivisano
An der Shoppingmeile Marktgasse ist der Trivisano einer der letzten echten Lebensmittelläden, die sich gegen die grossen cheapen Modeketten behaupten können. Ich gehe aus dieser italienischen Markthalle nie ohne Dolci raus. Da ich ein passionierter Kaffeetrinker bin und zu Hause eine Maschine im Industriedesign habe, weiss ich, dass sie dort auch den exquisiten Ferrari-Kafi aus Dietikon im Sortiment führen. Marktgasse 25 www.markthalle-winterthur.ch

Mein Winterthur: Viktor Giacobbo

14. November 2013, Züritipp, von Yann Cherix

Viktor Giacobbo ist der bekannteste Sohn der zweitgrössten Stadt des Kantons. Der Satiriker erzählt, warum er nicht von Winterthur loskommt, […]

Deutschland als 27 . Kanton der Schweiz? Satiriker Viktor giacobbo befragt in seinem neuen Film Persönlichkeiten beidseits der Grenze, was sie von der Idee halten. Und entlockt ihnen erstaunliche Aussagen.

Viktor Giacobbo, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem politischen Geschehen in der Schweiz. Warum gehen Sie nicht in die Politik?

Politik zu machen oder ein politisch inte­r­essierter Mensch zu sein, sind zwei Paar Hosen. Ich bin sicher, ich wäre kein guter Politiker.

Warum nicht?

Ich hätte schlicht zu wenig Geduld für die langwierigen demokratischen Prozesse. Und für eine Kollegialbehörde könnte ich meine Schnauze nicht halten.

In Ihrem neuen Kinofilm spielen Sie mit der Idee, Deutschland als 27 . Kanton der Schweiz aufzu­nehmen. Ist das nicht etwas absurd?

Natürlich ist es das. Doch die Absurdität ermöglicht erst die Satire. Deutschland wird der Schweiz nicht beitreten.

«Der grosse Kanton» ist ein satirischer Dokumentarfilm. Sie befragen darin Politiker, Wissenschaftler und Künstler, was sie von einem Beitritt Deutschlands zur Schweiz halten. Wie wählten Sie Ihre Gesprächspartner aus?

Ich fragte alle, deren Meinung mich interessierte.

Sie gründeten keine Kommission, um demokratisch auszuwählen?

Nein. Bei den Politikern schaute ich aber, dass unterschiedliche politische Lager ver­treten sind.

Warum kommen nur wenige Frauen zu Wort?

Ich hätte gerne Angela Merkel interviewt. Die Bundeskanzlerin und der CSU-Chef Horst Seehofer sind übrigens die einzigen deutschen Politiker, die auf meine Anfrage nicht antworteten.

Welche Schweizer reagierten nicht?

Ein einziger.

Wer?

Luca Hänni, der Sieger von «Deutschland sucht den Superstar 2012 ». Ein schmerzlicher Verlust für den Film.

Ist das Ihr Ernst?

Aber sicher. Er wird offenbar von seiner deutschen Agentur scharf bewacht.

FDP-Präsident Philipp Müller ist begeistert von der Idee, Deutschland aufzunehmen. Er sagt: «Die Schweiz hat immer und für jedes Problem eine Lösung, selbst für die Deutschen.»

Philipp Müller ist ein dankbarer Interviewpartner. Er fürchtet sich nicht, Pointiertes zu sagen. Im Film übertreibt er es absichtlich. Etwa wenn er sagt, mit den Deutschen müsse man vorsichtig sein: Gebe man ihnen zu viel, nähmen sie alles.

Wer Ihren Film anschaut, staunt, wie gut die Deutschen über unser Land informiert sind.

Das stimmt. Joschka Fischer, der ehemalige deutsche Aussenminister, und Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken, sind beeindruckt von der direkten Demokratie. Obwohl Gysi polemisch fragt: «Wann habt ihr schon wieder das Frauenstimmrecht eingeführt?»

Unser Land agiere zuweilen langsam, findet selbst ein hochrangiger Schweizer, der SBB-Chef Andreas Meyer.

Aber er ergänzt sofort: Wenn wir über etwas abgestimmt haben, wird es gemacht. Im Nachhinein gibt es keine Demos, weil ein Volksentscheid dahintersteht. Das imponiert den Deutschen, vor allem, wenn sie an Stuttgart 21 denken (Anm. d. Red.: ein teures Verkehrsprojekt, das seit Jahren umstritten ist und in Stuttgart zu heftigen Protesten führte).

Weniger Freude werden unsere Nachbarn an Natalie Rickli haben. Die SVP-Nationalrätin fordert, die Deutschen müssten nach einem Beitritt Züritüütsch lernen.

Ich bin gespannt, was Ricklis Parteikol­lege, der Walliser National- und Regierungsrat Oskar Freysinger, dazu sagen wird.

Er müsste einsehen, dass Züri­tüütsch vermutlich leichter zu lernen ist als Wallisertitsch. Apropos Sprache: Der Röstigraben wird nur kurz angesprochen.

Er wäre eines der grossen Probleme. Wir müssten den Welschen neue Rechte geben, ihnen einen Sitz im Bundesrat garantieren. Aber ich gebe zu: Im Film drücke ich mich vor dieser Schwierigkeit.

Sie lassen immerhin SP-Präsident Christian Levrat zu Wort kommen. Er sagt, wenn Deutschland der Schweiz beitrete, würden die Westschweiz und das Tessin erdrückt.

Und darum wäre ein Beitritt nur möglich, wenn Frankreich und die Lombardei ebenfalls zur Schweiz kämen.

Das wäre interessant, zumal die Stärke eines Landes sich daran misst, wie es mit seinen Minder­heiten umgeht.

Das sehe ich auch so. Deshalb müsste man nach dem Beitritt von Deutschland aus der Welschschweiz und dem Tessin geschützte Parks machen. Die Welschen und die Tessiner könnten sich zurücklehnen und sagen: «Hey, wir sind etwas Spezielles. Wir pflegen unsere Eigenart. Wir werden entsprechend subventioniert.»

Was können die Deutschen von uns lernen?

Beeindruckt sind sie von der direkten Demokratie und der wirtschaftlichen Stärke. Früher waren sie das auch von den Banken, in jüngerer Zeit lässt das aber nach.

Sprechen Sie das Schwarzgeld an, das Schweizer Banken horten?

Dass die Schweiz jahrelang als Hehler von Steuerflüchtlingen auftrat, ist fatal. Ich ver stehe nicht, warum Bundesrat und Banken nicht längst den grossen Befreiungsschlag lanciert haben. Der automatische Informationsaustausch wird so­wieso eingeführt. Je länger wir warten, desto mehr leidet unser Ansehen.

Und was können wir Schweizer lernen?

Ich schätze die klare politische Auseinander setzung in Deutschland. Auch im Alltag funktionieren die Deutschen direkter. Sie sagen: «Ich krieg nen Kaffee» und nicht: «Kann ich bitte einen Kaffee haben?»

Daran stören sich viele Schweizer.

Diese Direktheit kann zu Missverständ­nissen führen. Ich amüsierte mich, als SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Kampf gegen Steuerhinterzieher mit der Kavallerie drohte. Natürlich kann man sich fragen, ob es geschickt war, diese ­Redensart zu wählen. Aber die Schweizer sind immer schnell beleidigt: «Hu, der böse Deutsche droht uns. Hu, so brutal.»

FDP-Präsident Philipp Müller sagt: «Die Deutschen funktionieren wie Roboter.» Finden Sie das auch?

Die Deutschen haben etwas Korrektes, Zackiges. Das kann an einen Roboter erinnern. Es sind aber Äusserlichkeiten. Ich würde diese Bezeichnung nicht verwenden, aber wenn es der FDP-Präsident so sieht …

Wie würden Sie die Deutschen charakterisieren?

Sie sind fleissig, lösungsorientiert und ­haben auch kulturell viel zu bieten.

Wo gibt es Unterschiede?

Deutschland ist bürokratischer als die Schweiz, ihr Steuersystem ist eine bürgerfeindliche Zumutung. Probleme gehen unsere nördlichen Nachbarn korrekt-strategisch an. Was sie manchmal daran hindert, Probleme zu lösen.

Was nervt Sie an den Deutschen?

Fast nichts. Höchstens, wenn einer dauernd von Leckerli und Fränkli spricht.

Angenommen, Deutschland würde der Schweiz tatsächlich beitreten – wie hiesse das neue Land?

Der Name Schweiz bliebe bestehen. Einzig der neue Kanton bekäme einen anderen Namen.

Welchen?

Mein Favorit ist Tütschino. Oder Prolo- thurn.

Wenn Sie wählen müssten: lieber Berlin oder Bern?

Zwei extreme Gegensätze, aber beide sind toll. Ich nehme beide.

Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundespräsident Ueli Maurer?

Angela Merkel imponiert mir. Allerdings sähe auch Ueli Maurer in ihren Hosen­anzügen toll aus.

Curry- oder Bratwurst?

Currywurst. Weil ich mir von einem Kanton nicht vorschreiben lasse, ob ich zu meiner Wurst Senf nehme.

Boris Becker oder Roger Federer?

Roger Federer.

Zugspitze oder Matterhorn?

Matterhorn. Aber ohne Beleuchtung.

Heidi Klum oder Nadine Strittmatter?

Nadine Strittmatter. Sie ist schweizerisch bescheidener.

Schloss Neuschwanstein oder Schloss Chillon?

Neuschwanstein. Es ist absurder, kitschiger.

Dieter Hildebrandt oder Emil?

Beide Komiker kenne ich persönlich. Dieter Hildebrandt war mein Jugend­- idol, aber Emil ist der perfekte Schweizer Komiker.

Loreley oder Rütli?

Die Loreley ist sexyer.

Xherdan Shaqiri oder Miroslav Klose?

Beide. Schliesslich werden beide für unsere Nati spie­len.

Sie sagen: «Mein Film ist nicht ganz ernst gemeint.» Trotzdem: Was wollen Sie mit «Der grosse Kanton» erreichen?

Ich habe erreicht, was ich wollte. Die Filmarbeiten machten Spass. Geht nun der eine oder andere ins Kino, freut mich das.

Es geht Ihnen nicht um Völkerverständigung?

Nein, um Unterhaltung. Für Leute, die gerne spannenden Talking Heads zuhören. Wenn der Film dann zur Entspannung im nachbarschaftlichen Streit beiträgt, umso besser.

Würden Sie das Amt des Präsidenten für eine neue Schweiz annehmen?

Ich bin Verwaltungsratspräsident im Casinotheater Winterthur und bereits hier heillos überfordert. Ich hüte mich davor, mich je nochmals irgendwo als Präsident zu bewerben.

«Mein Favorit ist Kanton Tütschino»

16. Mai 2013, Schweizer Familie, von Bruno Bötschi

Deutschland als 27 . Kanton der Schweiz? Satiriker Viktor giacobbo befragt in seinem neuen Film Persönlichkeiten beidseits der Grenze, was […]

Humour • Dans son film «Le grand canton», l’humoriste alémanique Viktor Giacobbo interroge des dizaines de personnalités sur l’adhésion de l’Allemagne à la Suisse.

En Suisse alémanique, un cauchemar particulier se cristallise souvent dans les discussions de bistrot: la Suisse serait sur le point de devenir un Land allemand, l’annexion ne serait qu’une question de temps. ViktorGiacobbo, le satiriste le plusconnu outre-Sarine, a imaginé l’inverse: l’adhésion de l’Allemagne à la Suisse, et il en a fait un film qualifié de «documentaire satirique» – «Le grand canton» – qui sort la semaine prochaine.

Il y donne la parole à une trentaine de personnalités politiques, littéraires ou économiques de Suisse ou d’Allemagne, qui donnent leur avis, pince-sans-rire ou sérieux, sur l’opportunité de l’agrandissement soudain de la Suisse à près de 90 millions d’habitants (voir ci-dessous).

Document humoristique

«Le genre du documentaire satirique n’est pas très connu chez nous, mais il a un certain succès aux Etats-Unis, explique Viktor Giacobbo. Je suis un fan de l’humoriste américain Bill Maher, qui a réalisé «Religulous» («Relidicule», 2008). On pourrait aussi citer Michael Moore. Mon rêve, pour un prochain film, serait de réaliser un documentaire satirique mais joué par des acteurs.»

Des scènes jouées, il y en a déjà quelques-unes, dans «Der grosse Kanton». Celle montrant des réfugiés allemands tentant de rejoindre, à la nage, la Suisse par le lac de Constance est hilarante. Mais ces moments sont rares. L’ensemble du film rappelle plutôt les shows télévisés que Viktor Giacobbo codirige ou dirige – avec un succès quine se dément pas – depuis 1990 (avec une interruption de six ans jusqu’en 2008) à la télévision alémanique.

Un imitateur talentueux

Typographe, puis correcteur et documentaliste, Viktor Giacobbo (61 ans) est une véritable institution, outre-Sarine. Avec un sens consommé de la dérision, mais surtout une grande finesse dans l’observation du monde, Viktor Giacobbo s’est fait connaître grâce à ses personnages, du frimeur Harry Hasler au fumeur de joints Fredi Hinz, en passant par Debie Mötteli, parfaite cruche zurichoise, l’immigré italien à l’accent plus que prononcé Gian Franco Benelli ou Rajiv Prasad, l’Indien libidineux au sens des affaires sans pareil.

Mais Giacobbo et son équipe sont aussi très forts dans l’imitation. Certains tics de langage – comme le «who cares?» du journaliste et entrepreneur Roger Schawinski – sont devenus célèbres grâce à leur imitation. Gilbert Gress, Moritz Leuenberger, Carla Del Ponte ou Ueli Maurer (imité par Viktor Giacobbo lui-même) sont aussi régulièrement «invités» dans les émissions satiriques, qui engrangent parmi les meilleurs scores de la télévision publique, selon l’humoriste (entre 30 et 40% de parts d’audience).

Levrat est fan

Les «vraies» personnalités se pressent d’ailleurs au portillon. «J’adore aller dans son émission», dit Christian Levrat, qui, maniant lui aussi très bienl’humour – ainsi que l’allemand – y a fait de brillants passages. De son côté, Viktor Giacobbo est convaincu «que les politiciens ont envie de semontrer sous un autre jour et, ainsi, de toucher un autre public.»

Si ses liens avec la Suisse romande sont ténus – il dit avoir un peu honte de parler en anglais avec ses amis Pierre Naftule et Joseph Gorgoni, rencontrés avec le Cirque Knie – la Suisse romande vient à Giacobbo, ou plutôt dans son théâtre, fondé avec d’autres artistes en 2000, le Casinotheater de Winterthour: en décembre, le duo de «120 secondes» s’y produira dans le cadre de sa tournée. C’est la seule date pour laquelle des billets sont encore disponibles. I

Une Suisse à 90 millions d’habitants!

L’idée d’intégrer l’Allemagne à la Suisse, trame du documentaire satirique «Der grosse Kanton», est commentée par une trentaine de personnalités allemandes et suisses, qui se succèdent devant la caméra, parfois goguenardes, souvent franchement amusées et se prenant volontiers au jeu. Le chef de la SSR Roger de Weck, l’éditeur Michael Ringier, le banquier Oswald Grübel, le professeur zurichois Peter von Matt, la conseillère fédérale Doris Leuthard, le chef du PLR Philipp Müller ou Oskar Freysinger ont joué le jeu.

Le président du Parti socialiste suisse Christian Levrat a également été sollicité. «J’aimebeaucoup le basculement de logique opéré par Giacobbo, son ton décalé, surtout sur un sujet sérieux faisant intervenir des éléments identitaires. J’expérimente au quotidien à quel point, dans leurs rapports avec l’Allemagne, les Alémaniques sonttraumatisés.» AG

> www.der-grosse-kanton.ch

Un comique pour sauver la Suisse

11. Mai 2013, La Liberté, von Ariane Gigon

Humour • Dans son film «Le grand canton», l’humoriste alémanique Viktor Giacobbo interroge des dizaines de personnalités sur l’adhésion de […]

Viktor Giacobbo will die Steuerstreitigkeiten und Fluglärmdiskussionen mit Deutschland beenden, indem er den nördlichen Nachbarn in seinem Film «Der grosse Kanton» kurzerhand einverleibt. Eine gute Idee, findet «Screensavers»-Autor Reto Vogt.

Wenn zwei sich streiten… mach einen draus! Eine ziemlich simple Lösung für ziemlich grosse Probleme, mit denen sich derzeit die Verantwortlichen in Bern und Berlin herumschlagen müssen. Der Vorschlag kommt von Viktor Giacobbo – realisiert in seinem satirischen Dokumentarfilm «Der grosse Kanton». Das Konzept lässt sich im Trailer gut nachvollziehen: Giacobbo lässt mehrheitlich deutsche und Schweizer Politiker zu Wort kommen und das grenzenlose Zusammenleben kommentieren. Auf zwei Minuten zusammengeschnippelt durchaus amüsant, aber hält das Konzept knapp anderthalb Stunden Spieldauer stand?

Ich finde: Aber unbedingt! Der Film hat über seine gesamte Spieldauer keinen Hänger. «Der grosse Kanton» unterhält und informiert. Wie Giacobbo SVP-Nationalrätin Natalie Rickli zum Beispiel fünf Meter ennet der Schweizer Grenze nach ihrer Gefühlslage fragt, ist einfach nur herrlich. Auch andere Politiker wie Christian Levrat oder Philipp Müller, sonst nicht gerade für ihren Humor bekannt, kommen sympathisch und witzig rüber, wenn sie über eine Integration Deutschlands sinnieren. Ebenso ihre nördlichen Counterparts Gregor Gysi, Cem Özdemir oder Joschka Fischer. Letzterer allerdings warnt die Schweiz vor dem Schritt. Aber nur wegen den Bayern…

Der Freistaat wird im Film vom Kabarettisten Gerhard Polt repräsentiert. Giacobbo spaziert mit ihm auf der Suche nach geschichtsträchtigen Orten von König Ludwig dem Bayer durch die Landeshauptstadt München. Immer wieder gelingt es Giacobbo, historische Fakten amüsant in den Film einzubauen. Sei es im Gespräch mit einem Italiener in Melegnano oder dem angeblich letzten Habsburger im Aargau, einem mistschaufelnden Bauern. Dieser allerdings ist nicht echt, sondern wird vom Schauspieler Michael Finger gespielt. Genau so wie der Berlin-Auswanderer Frank A. Meyer auf einen Auftritt verzichtet und stattdessen von Mike Müller gemimt wird.

Leider, muss man sagen. Der Film verliert just in den Momenten an Reiz, wo Giacobbo Dr. Klöti und Adolf Hitler spielt oder die erwähnten Schauspieler auftreten. Das liegt gewiss nicht an deren Talent oder Engagement. Die Einspieler passen einfach nicht ins Konzept. «Der grosse Kanton» lebt von den Auftritten ohne Drehbuch. Zum Beispiel wenn das Filmteam bei einer Strassenumfrage in der ehemaligen «Schweizer Kolonie» Rottweil zufällig den örtlichen Nachtwächter trifft und dieser die gesamte Crew in seine Privatwohnung auf einen Schnaps einlädt, oder wenn der Nidwaldner Germanist Peter von Matt Giacobbos Idee mit feiner Ironie kommentiert: «I chönnt mer scho vorschtelle, dass öpper drgägä wäri.»

Tatsächlich. Nicht alle finden eine transparente Glaskuppel auf dem Bundeshaus, Wilhelm Tell auf dem Brandenburger Tor oder die Kantone «Prolothurn» und «Tütschino» eine gute Idee. Ich schon! Nur so könnten wir Schweizer schliesslich behaupten, leckeres Bier zu brauen und guten Fussball zu spielen. Lassen Sie sich ebenfalls überzeugen und sehen Sie sich Giacobbos neusten Film an. Es lohnt sich.

Grenzenloses Vergnügen

10. Mai 2013, Migros-Magazin, von Reto Vogt

Viktor Giacobbo will die Steuerstreitigkeiten und Fluglärmdiskussionen mit Deutschland beenden, indem er den nördlichen Nachbarn in seinem Film «Der grosse […]

Viktor Giacobbo rückt dem nördlichen Nachbarn zu Leibe. Er will auf seine spöttisch-spitzbübische Art die schweizerisch-deutschen Probleme lösen und schlägt vor, Deutschland solle sich der Schweiz anschliessen. Ein Mockumentary mit Pfiff und Biss.

Da stiefelt einer mit der wieder aufgeblühten SVP-Politikerin Natalie Rickli an der deutsch-schweizerischen Grenze entlang und schwadroniert über die kecke Idee, Deutschland als 27. Kanton in die Eidgenossenschaft aufzunehmen. Die Politikerin scheint eher skeptisch, während Literaturkennerin Elke Heidenreich den Gedanken genüsslich weiterspinnt und Fernsehchef Roger de Weck durchaus TV-Vorzüge sieht. Ex-UBS-Chef Oswald Grübel grübelt über die Erledigung des Bankgeheimnisses und Steuerfluchten nach, die dann ja hinfällig wären.

Ex-Aussenminister Joschka Fischer und Linken-Promi Gregor Gysi erkennen staatspolitische Vorteile. Germanist Peter von Matt zitiert Historisches und Ständeratspräsident Filippo Lombardi spekuliert gar mit einer Einverleibung der Lombardei, wie sie eben nach der verlorenen Schlacht 1515 von Marinagno nicht zustande gekommen war. Im April dieses Jahres wurde übrigens – unabhängig von Giacobbos satirischem Streifzug – in Norditalien eine Petition lanciert, die Lombardei zum 27. Schweizer Kanton zu machen. 20’000 Personen sollen diese satirische Provokation unterschrieben haben.

Was wäre, wenn? Giacobbo treibt ein beliebtes Spiel auf die Spitze. Wäre man nicht auf einen Schlag einen Haufen Probleme los – Fluglärm, Steuerflucht, Kavallerie-Bedrohung oder Einkaufstourismus? Und Deutschland hätte endlich wieder einen Top-Tennisspieler, die Schweiz dafür die EU-Mitgliedschaft und europäische Stärke. Giacobbos Provokation gipfelt schliesslich in der Krönung des Brandenburger Tores durch die Freiheitshelden Wilhelm und Walter. Mit einem Schlag wäre die kleine Schweiz ganz gross!

Erstaunlich, wie alle Befragten sich scheinbar ernsthaft mit der ironisch-provokanten These eines deutschen «Anschluss» auseinander setzen. Kaum einer verzieht die Miene, alle spielten brav mit. Übrigens auch ein gewisser Bauer, der als Nachkomme der Habsburger vorgestellt wurde. Da hatte sich der Satiriker einen Scherz erlaubt und unter seine illustren Gesprächspartner eine fiktive Figur (Michael Finger) gemischt. Das Mockumentary bietet bietet nicht nur Auftritte von Mike Müller und andere aberwitzigen Episoden, wenn etwa vermeintliche Boatpeople im Bodensee sich als «Swim-People» entpuppen,sondern auch witzige musikalische Untermalung. Das beginnt mit einem Auftritt von Roman Kilchperger und Heino und hört bei Hazy Osterwald oder Stiller Has noch längst nicht auf.

Kleine Schweiz ganz gross

7. Mai 2013, Cineman, von Rolf Breiner

Viktor Giacobbo rückt dem nördlichen Nachbarn zu Leibe. Er will auf seine spöttisch-spitzbübische Art die schweizerisch-deutschen Probleme lösen und schlägt […]

Die Filmsatire „Der grosse Kanton“ erkundet das Verhältnis der Schweiz zu den deutschen Nachbarn. Willig lassen sich Viktor Giacobbos Gesprächspartner aus Politik, Wirtschaft und Kultur auf ein Gedankenexperiment ein: Was wäre, wenn Deutschland sich der Schweiz als 27. Kanton anschlösse?

Nach der Anrufung der Ventilklausel und einer scharfen Reaktion der EU hat der Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» in seinem Blatt einen Kommentar in Sachen Schweiz publiziert. «Europas Prügelknabe» ist er überschrieben, Koydl stellt eine Frage an den Beginn: Was würde geschehen, wenn jedes Jahr 800 000 Wirtschaftsflüchtlinge aus allen Teilen Europas in Deutschland Lohn und Brot suchten – zusätzlich zu den rund vier Millionen Polen? Wie gelassen würde die Politik reagieren? Wie würden die Schlagzeilen der «Bild»-Zeitung aussehen? 800 000 Einwanderer pro Jahr. «Das», so Koydl, «sind, hochgerechnet auf die Bundesrepublik, die Grössenverhältnisse, mit denen sich die Schweiz seit Jahren herumschlagen muss. Welche Folgen das auf Wohnungsmarkt, Schulen und Infrastruktur hat, kann man sich leicht ausmalen.»

Ein Deutscher verteidigt die Schweiz. Kritisiert, dass sich die Europäer in letzter Zeit immer wieder «die mutmasslich ebenso dickköpfigen wie verschlagenen Eidgenossen» vorknöpfen. Denn die Ursachen «für die kleinen und grossen Fluchten in die Schweiz, sei es von unversteuertem Geld oder von unbeschäftigten Arbeitnehmern», lägen ja nicht in der Eidgenossenschaft, sondern im europäischen Umland. Trotzdem stellt auch Koydl fest: Irgendwie sind die Beziehungen vergiftet. Was also tun? Wie miteinander ins Gespräch kommen?

Viktor Giacobbo greift auf seine Spezialität zurück – die Satire. «Der grosse Kanton» heisst jene Erkundung des deutsch-schweizerischen Verhältnisses, die am 16. Mai in die Kinos kommt. Bei Walter Vintage Möbel & Accessoires an der Geroldstrasse in Zürich steht – oder vielmehr: sitzt – er für Interviews bereit. Während also um uns herum Stühle verkauft und Teppiche gemustert werden, reden wir über Deutschland und über das Verhältnis des Grossen zum Kleinen.

Wie ist der Film entstanden? «Zuerst hatte ich eine formale Idee – ich wollte einen satirischen Dokumentarfilm drehen», sagt Giacobbo. «Dann suchte ich ein Thema – und bin rasch auf das Verhältnis der Schweiz zu Deutschland gestossen. Das hat mit Aktualität zu tun, mit Emotion, mit jedem von uns.» Als Einstieg wählte Viktor Giacobbo dann eine absurde These: Was wäre, wenn Deutschland als 27. Kanton der Schweiz beitreten würde?

Präsentiert wird diese absurde Idee Vertretern von Politik, Wirtschaft und Kultur beider Seiten. Erstaunlich viele der Angefragten lassen sich darauf ein, die Palette reicht von Bundesrätin Doris Leuthard über die Medienunternehmer Roger Schawinski und Roger de Weck bis zum deutschen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und dem Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir. «Natürlich hätte ich gern mit Angela Merkel gesprochen», sagt Giacobbo. «Da habe ich aber nicht einmal Antwort bekommen.» Auch der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer liess nichts von sich hören. «Für ihn habe ich besseren Ersatz gefunden: den Kabarettisten Gerhard Polt.»

In der Tat. Polt stakst durch eine Unterführung und erklärt, hier habe «im Jahr dreizehnhundertundetwas Kaiser Ludwig der Bayer den Gedanken gefasst, denen in Waldstätten endlich die Reichsfreiheit zu gewähren.» Das hat ihn dann so durstig gemacht, dass er wahrscheinlich das Hofbräuhaus aufgesucht hat, um sich mit einer Mass Bier zu stärken.

Mit seinen Gesprächspartnern ist Viktor Giacobbo «mehr als zufrieden» und mag deshalb auch kein Rating veranstalten. Immerhin: Sehr gefreut hat ihn der Nachtwächter von Rottweil, das hundert Jahre lang zur Eidgenossenschaft gehört hat. «Wir haben ihn bei einer Strassenumfrage zufällig getroffen, und er hat dann die ganze Filmcrew zu einem Schnaps nach Hause eingeladen.»

Wenn schon die Rottweiler so freundlich reagieren – warum sind die Beziehungen dennoch so angespannt? «Es gibt da ein paar Konflikte, die mit Landesgrenzen nichts zu tun haben», sagt Giacobbo. «Der Fluglärmstreit ist ein typischer Nutzungskonflikt. Zudem sind wir jahrelang die Hehler der Steuerhinterzieher gewesen.» Schliesslich, kommt er aufs Grundsätzlich-Menschliche zu sprechen: «Wir sind einander unglaublich nahe.»

Da kann durchaus etwas dran sein. Auch wenn die Literaturkritikerin Elke Heidenreich meint, die Schweizer seien «ein putziges kleines Bergvolk, das ich nicht immer richtig verstehe». Sie meint es aber eher sprachlich. Früher habe sie nämlich geglaubt, Lausanne sei der französische, Lugano der italienische Name für Luzern. «Dieser Unsinn muss aufhören, die Schweiz muss einsprachig werden.» Wobei sie die Rechnung ohne den um die Westschweiz besorgten SP-Präsidenten Christian Levrat und ohne Ständeratspräsident Filippo Lombardi gemacht hat – der schon, augenzwinkernd, von der Eroberung der Lombardei träumt.

Auch wenn die Gespräche immer einen satirischen Touch behalten, ist Viktor Giacobbos «Der grosse Kanton» doch auch ein lehrreicher Film geworden. Dazu trägt der Germanist Peter von Matt bei, vor allem aber zwei deutsche und ein EU-Politiker mit Affinität zur Schweiz: Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag, dessen Vorfahren aus der Schweiz stammen, der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer und Michael Reiterer, ehemaliger EU-Botschafter in der Schweiz. Reiterer glaubt, dass man vor einer derartigen Ausweitung der Schweiz «noch ziemlich an der Schweizer Psyche arbeiten müsste». Was Roger de Weck nur bestätigen kann: «Die Deutschschweizer sind gerne eine Mehrheit in der Schweiz, aber sie hassen es, eine Minderheit im deutschsprachigen Raum zu sein.»

Trotzdem: Die Qualitäten der Schweiz sind erkannt. «Sie hat seit Jahrhunderten keinen Krieg mehr geführt, das wäre zweifellos ein Segen für Deutschland», sagt Gregor Gysi. «Auf der andern Seite hat die Schweiz ein Verhältnis zum Geld, das den Deutschen gar nicht gut bekäme.» Recht hat er wohl: Ex-UBS-Chef Oswald Grübel träumt schon von der Vereinigung mit Deutschland: «Dann würde alles unter das Schweizer Bankgeheimnis fallen, und es gäbe keine deutschen Steuersünder mehr.»

Joschka Fischer schliesslich, ein profunder Kenner der Schweizer Geschichte, kann nicht verstehen, weshalb man sich in der Schweiz derart aufgeregt hat über Peer Steinbrücks Drohung mit der Kavallerie. «Mit Kavallerie haben die Schweizer Bauern noch nie Probleme gehabt. Immerhin ist die burgundische Kavallerie von ihnen vernichtet worden.»

Giacobbos Flucht ins Grosse

, St. Galler Tagblatt, von Rolf App

Die Filmsatire „Der grosse Kanton“ erkundet das Verhältnis der Schweiz zu den deutschen Nachbarn. Willig lassen sich Viktor Giacobbos Gesprächspartner […]

Viktor Giacobbo glaubt, die beiden Nachbarn hätten deshalb ein schwieriges Verhältnis zueinander, weil sie sich so ähnlich sind. Sein satirischer Dokumentarfilm holt nun den grossen Kanton heim.

Deutschland tritt der Schweiz bei, das ist die Idee des Films. Nehmen wir sie mal kurz ernst. Ein Wunsch- oder ein Angsttraum für Sie?

Es ist eine absurde Idee, die mich zum Denken gebracht hat und mit der ich meine Gesprächspartner zum lockeren Spintisieren bringen wollte. Es ist ein Gedankenspiel, das anregen will, nicht irgendetwas lösen. Der Film will unterhalten, ohne dass man sein Hirn abschalten muss. Allerdings muss man zuhören wollen.

Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es zwei Dauerbrenner: Fluglärm und Steuern. Beim Fluglärm ist es einfach: Jeder will ihn zum Nachbarn schieben. Im Steuerstreit gibt es Verteidiger des Bankgeheimnisses und Transparenz-Fans, Käufer von Daten-CDs und andere, die das für Hehlerei halten. Ihre Position?

Klar, der Kauf von CDs mit Steuerdaten ist Hehlerei. Aber die Schweiz war auch jahrzehntelang Hehler für deutsche Steuerbetrüger. Ich bin für Transparenz, und ich verstehe auch, dass die Staaten heute mit ihren hohen Schulden ein Interesse daran haben, Steuergelder mit allen Mitteln einzutreiben. Ich verstehe dagegen nicht, dass sich die Schweiz Scheibe für Scheibe abschneiden lässt, statt ein für allemal aufzuräumen. Mittlerweile sind die Banker grössere Realisten als die bürgerlichen Politiker.

Jetzt gibt es den Fall Uli Hoeness, und wenn man die Diskussion verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, Steuerhinterziehung sei mindestens so schlimm wie Kindsmissbrauch. Verstehen Sie das?

Hoeness muss für das geradestehen, was er getan hat, that’s it. Er ist aber auch eine Lichtgestalt, alle haben seine Nähe gesucht. Wenn so einer fällt, ist das Geschrei grösser als bei irgendeinem Industriellen. In Deutschland ist, wenn es um das angebliche Fehlverhalten eines Grossen geht, die Hysterie immer besonders gross. Denken Sie an die Affäre Wulff, wo es jetzt nur noch um ein paar Hundert Euro geht. In Deutschland tobt sich die entfesselte Korrektheit aus, masslos und auch etwas kleinkariert.

Ist das deutscher Perfektionismus, der wieder einmal von einem Extrem ins andere fällt?

Genau den Eindruck habe ich. In Deutschland kommt es schnell zu einer Medienhysterie. Aber wir Schweizer kochen da auch gern mit.

Die Schweiz hat sich in Steuerfragen gegenüber Deutschland widerspenstiger verhalten als gegenüber den USA. Bei den Amerikanern ist man eingeknickt und hat Namen geliefert, selbst gegen eigene Gesetze. Kann man mit den Deutschen anders umspringen, weil die es nicht zum Äussersten kommen lassen, wegen ihrer Vergangenheit?

Was haben die USA gemacht? Sie haben den Ratschlag von Peer Steinbrück umgesetzt. Sie haben nicht nur mit der Kavallerie gedroht, sondern sie eingesetzt. Steinbrück hat recht bekommen: Die Schweiz hat vor der Kavallerie kapituliert oder wenigstens vor den Marines.

Apropos: Steinbrück hätte sich im Film gut gemacht. Warum fehlt er?

Wir haben ihn angefragt, aber eine höfliche Absage von seinem Büro bekommen. Mir gefällt der Steinbrück eigentlich. Er ist kompetent, unterhaltend und spielt mit offenen Karten. Ich habe damals die Aufregung um seinen Spruch mit Peitsche und Kavallerie nicht verstanden. Da haben sich die Schweizer wie Jammerlappen verhalten. Wir reden immer über unsere Eigenständigkeit – aber was für eine Freude haben wir erst, wenn uns jemand im Ausland lobt! Umgekehrt, wenn wir kritisiert werden, sind wir so was von wehleidig.

Bekommt die Schweiz jetzt den Ruf eines Schurkenstaates, weil sie so viel Schwarzgeld versteckt – von Deutschen, von griechischen Reedern, von Diktatoren? Das wäre dann eine neue moralische Schieflage zwischen Deutschland und der Schweiz.

Was Diktatorengelder angeht, waren wir lange tatsächlich ein Schurkenstaat. Das hat sich geändert, heute gehören unsere Kontrollen, wie mir Banker glaubhaft versichert haben, zu den schärfsten der Welt. Aber das Image wird uns noch eine Weile anhaften. In neuen amerikanischen Serien hat der Bösewicht immer noch ein Konto in Genf.

Es wird oft behauptet, die Schweizer hätten einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Deutschen. Aus Ihrer Filmidee spricht eher das Gegenteil: Schweizer können alles besser, deshalb nehmen wir Deutschland auf und lösen seine Probleme.

Wir haben beides, Minderwertigkeitsgefühl und bockigen Nationalstolz. Im Verhältnis zu Deutschland kommt noch etwas Spezielles hinzu, weil wir ja lang zum Deutschen Reich gehört haben und eigentlich eine Abspaltung sind – und diese Abspaltung ist nicht so lang her, wie viele meinen, und sie war auch nicht so heroisch, wie viele meinen.

Was kriegt Deutschland besser hin, was die Schweiz? Was könnte der eine vom anderen übernehmen?

Mir gefällt die Klarheit in der Auseinandersetzung. Ich halte unsere Konkordanzdemokratie für ein Auslaufmodell. Politische Gegner sind zur Zusammenarbeit in einer Kollegialbehörde verdammt, und man merkt immer mehr, dass das nicht klappt. In einer parlamentarischen Demokratie wie in Deutschland kann der Wähler entscheiden, ob er die Regierung behalten oder abwählen will. Wenn wir das übernähmen, hiesse das nicht, dass wir die direkte Demokratie aufgeben müssten. Es könnte weiter Referenden und Initiativen geben. So hätten wir vom deutschen und vom Schweizer System jeweils das Beste.

Es gibt ein paar Klassiker, wenn man über Mentalitätsunterschiede redet: Das Tempo, die Konfliktfähigkeit. Haben Sie einen Favoriten beim deutschen Wesen?

Die Konfliktfähigkeit. Die ist auch für Satiriker wichtig. Je klarer die politischen Gegensätze, desto besser greift die Satire. Was das Tempo angeht: Wir Schweizer brauchen manchmal länger, bis wir etwas per Volksabstimmung beschliessen, aber der Beschluss wird dann zügig umgesetzt. Volksferne Projekte wie Stuttgart 21 sind bei uns schwer vorstellbar.

In einer immer vernetzteren Welt vertrauen Schweizer Politiker gern auf die eigene Stärke.

Die Vorstellung, allein käme man am besten zurecht, ist rührend. Das zeigt schon die Immigration: Davon hat die Schweiz immer profitiert, sie hat zum Wohlstand beigetragen. Ich finde die Schweizer übrigens nicht nationalistischer als andere Nationen, aber unsere besondere Spielart geht mir natürlich mehr auf den Keks, weil ich hier lebe. Der Kult um die Neutralität – als ob wir die erfunden hätten! Dabei ist sie uns vom Ausland aufgezwungen worden.

Sprechen wir über die Deutschen in der Schweiz. Sind es zu viele? Nehmen sie den Schweizern wirklich die Frauen, die Jobs und die Parkplätze weg?

Bei den Parkplätzen kommen wir uns schon deshalb nicht in die Quere, weil wir parkieren und die Deutschen parken. Aber im Ernst: Ich habe die Deutschen gern. Sie bringen einen anderen Rhythmus ins Leben, bringen neue Elemente ins Land. Mich interessiert doch bei jedem nur: Macht er seine Arbeit gut? Ist er freundlich zu mir? Und als Chef kannst du ein deutsches Arschloch oder ein Schweizer Arschloch haben.

Warum gelingt es, alle drei Jahre eine Mediendebatte anzuzetteln, dass es zu viele Deutsche gibt?

Diese Debatten spielen sich innerhalb der Medien ab. Mit solchen Themen kann man Emotionen wecken, jeder kann mitreden, und man spielt schneller mit niedersten Instinkten, vor allem in den Onlinekommentaren – von denen ich denke, dass die sogenannte Qualitätspresse sie abstellen sollte.

Es gibt ein neues Modewort: Zuwanderungsstress.

Ein schönes Wort . . . Wobei nicht klar ist, wer den Stress hat: die Zugewanderten oder die Einheimischen. Ich fühle mich nicht gestresst, solange es sich nicht gerade um Verbrecherbanden handelt.

Haben es Deutsche und Schweizer so schwer miteinander, weil sie sich so ähnlich sind?

Ja. Wir sind uns grundsätzlich ähnlich – arbeitseifrig, ordentlich, leicht spiessig. Die Unterschiede sind Alltagsfolklore.

Sind die Schweizer die besseren Deutschen?

(lacht) Schweizer sind Deutsche.


«Der grosse Kanton»

Was wäre, wenn?

Nach der Schlacht von Marignano 1515 haben die Schweizer allen Grossmachts-ehrgeiz begraben. Sie beschlossen, ein «putziges Bergvolk» zu werden, wie Elke Heidenreich es nennt. Aber das Träumen vom Zugang zum Meer wird wohl noch erlaubt sein. Insbesondere mit den Deutschen, die uns unsere Putzigkeit unter die Nase reiben, haben die Deutschschweizer, die sich gern mit der ganzen Schweiz verwechseln, ja ihre Selbstbewusstseinsprobleme.

Und deshalb hat Viktor Giacobbo für seinen Film «Der grosse Kanton» darüber nachgedacht und etliche deutsche und Schweizer Prominenz darüber nachdenken lassen, wie das wäre, wenn Deutschland in seiner Gesamtheit (und womöglich auch die habsburgischen Erblande) ein Kanton der Schweiz würde, ständisch gleichberechtigt mit den beiden Appenzell. Gewissermassen: damit die dort drüben auch einmal von ihrem hohen Rössli herunterkommen.

Es ist eine sehr ironisch grundierte Unternehmung aus dem Geiste jener leisen Kränkung, die daher rührt, dass diese Schwaben dem Franken immer Fränkli sagen. Die Idee von der Einschweizerung Deutschlands gewinnt an Plausibilität durch den seriösen sittlichen Unernst. Am vergnüglichsten ist der Film dort, wo die, die Giacobbo zum lauten Denken provoziert, auf der Höhe des humoristischen Gedankens sind und die Unseriosität einmal konsequent ernst nehmen. Manche können das.

Joschka Fischer kann es in seinem natürlichen Vonobenherab; er ist ganz bei sich, wenn er den Schweizern erklärt, wie sie am Volksstamm der Bayern zerschellen werden. Peter von Matt kann es besonders gut; die Lakonik seiner detailfreudigen Ironie streift die Hochkomik. Manchen aber war die Humorlosigkeit, mit der sie Spass verstehen, einfach nicht auszutreiben. Die sorgen dann für einen rechten Überdruss an der ohnehin zur Monotonie neigenden Dramaturgie der sprechenden Köpfe. (csr)

Der grosse Kanton (CH 2013). 85 Minuten. Regie: Viktor Giacobbo. Mit Joschka Fischer, Doris Leuthard, Philipp Müller, Gerhard Polt, Peter von Matt u. a.

«Der grosse Kanton» läuft ab Donnerstag im Lunchkino im Le Paris.

«Schweizer sind Deutsche»

, Tages-Anzeiger, von Martin Ebel

Viktor Giacobbo glaubt, die beiden Nachbarn hätten deshalb ein schwieriges Verhältnis zueinander, weil sie sich so ähnlich sind. Sein satirischer […]

WIL. Viktor Giacobbo ist erster Botschafter der Stadt Wil. FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter ist überrascht, Stadtpräsidentin Susanne Hartmann lädt den Satiriker zum Essen ein, und SVP-Nationalrat Lukas Reimann hätte Mike Müller gewählt.

Das Lachen, die Fernsehschweiz kennt es. Das Giacobbo-Grinsen, es flimmert am Sonntagabend in die Wohnzimmer. Und genau dieses verschmitzte Lächeln setzt Viktor Giacobbo auf, als er am Montagabend den Stadtsaal betritt. Allen ein Schnippchen geschlagen zu haben, ein solches Lächeln ist es. Denn genau dies ist Wil Tourismus gelungen.

Der Verein ernennt Viktor Giacobbo zum ersten Botschafter der Stadt Wil. Niemand hat mit einer solchen Wahl gerechnet. Im Gegenteil. Giacobbo räumt mit Partner Mike Müller in der Satiresendung «Giacobbo/Müller» Wil regelmässig Platz ein. Es ist nicht immer schmeichelhaft, was über die Stadt gezeigt wird – Stichwort Taliban und Minarette in Wil –, meist drehen es Giacobbo/Müller aber derart ins Absurde, dass es schon wieder witzig, bisweilen sympathisch wirkt (siehe Kasten).
Wiler verstehen Spass

«Einen solchen Preis habe ich nicht erwartet», sagt denn auch Giacobbo, «schon gar nicht von Wil.» Noch nie habe jemand, der von ihm aufs Korn genommen worden sei, so originell reagiert. «Wir Wiler können über uns lachen und verstehen Spass», entgegnet Wil-Tourismus-Präsident Felix Aepli und begründet damit den Entscheid, den Satiriker, Kabarettisten und Schauspieler aus Winterthur zum ersten Botschafter der Stadt Wil zu ernennen.

Es ist eine Wahl, die bei den Wilern gut ankommt. Dies zeigt sich beim Apéro nach der Generalversammlung. Viele sprechen von einem Coup, der Wil Tourismus gelungen ist. So zum Beispiel Stadtpräsidentin Susanne Hartmann. «Mit Giacobbo hat Wil Tourismus eine national bekannte Persönlichkeit zum Botschafter der Stadt ernannt.» Giacobbo sei ein Schwergewicht der Schweizer Humorszene. Die Präsenz in Giacobbos Sendung sei quasi ein veritables Augenzwinkern für Wil. «Ich habe Giacobbo und Müller zu einem Essen nach Wil eingeladen. Zu meiner Freude haben sie spontan angenommen.»
Verein beweist Humor

Auch FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter lobt die Wahl von Giacobbo. «Mit seiner Wahl ist es Wil Tourismus gelungen, alle zu überraschen. Der Verein hat zudem Humor bewiesen.» Sie freue sich, wenn Giacobbo den Namen von Wil in die Schweiz hinaus- trage und sich mit der Stadt verbunden fühle. Giacobbo als guten Preisträger erachtet auch Ortsbürgerpräsident Norbert Hodel. Ein Botschafter müsse nicht zwingend aus dem Ort stammen, findet er. Giacobbo habe Wil bekanntgemacht, auch wenn die Fernsehbeiträge die Stadt nicht immer im besten Licht darstellten. «Doch wichtig ist nicht, was über einen gesprochen wird, sondern, dass über einen gesprochen wird.» Hodel hofft, dass Giacobbo dafür sorgen wird, dass Wil bekannter wird und man in der restlichen Schweiz merkt, «dass die Stadt nicht nur aus dem FC besteht».
Auf einer anderen Flugebene

Überrascht von der Wahl ist auch Jigme Shitsetsang. Der FDP-Präsident ist derart begeistert «vom Coup» von Wil Tourismus, dass er sich spontan als Mitglied anmeldet. Er findet die Idee kreativ, es aber auch mutig, eine Person zu wählen, die sich satirisch äussert. Er erwartet von Giacobbo, dass er den Namen Wil «auf einer anderen Flugebene» in die Schweiz hinausträgt.
Der mit den Fäusten spricht

Gar als «unglaublich raffinierte Idee» bezeichnet Monica Quinter die Ernennung von Giacobbo. Die bekannte Musicaldarstellerin, die neu im Wil-Tourismus-Vorstand Einsitz nimmt, glaubt, dass Giacobbo – «eine national bekannte Persönlichkeit» –, seine Aufgabe durchaus ernst nimmt, aber natürlich mit einer gehörigen Portion Humor. Einer, der mitverantwortlich ist, dass Wil in Giacobbos Sendung auftaucht, ist Lukas Reimann, vor allem wegen seines Engagements für die Minarett-Initiative. Trotzdem findet der SVP-Nationalrat die Wahl «eine originelle Idee».

Dass er Auslöser für Giacobbos bissige Kommentare ist, kann er verschmerzen. «Es ist ja eine Satiresendung.» Auch wenn Reimann erwartet, dass Giacobbo den einen oder anderen Besucher nach Wil lockt, hätte er Müller zum Preisträger ernannt, «weil der Wiler Botschafter auch mal Fäuste brauchen wird».

Ein Augenzwinkern für Wil

1. Mai 2013, St. Galler Tagblatt, von Philipp Haag

WIL. Viktor Giacobbo ist erster Botschafter der Stadt Wil. FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter ist überrascht, Stadtpräsidentin Susanne Hartmann lädt den Satiriker […]

Viktor Giacobbo über die prominenten Darsteller in seinem neuen Film, Einschaltquoten und Partner Mike Müller

Im Foyer des Casinotheaters Winterthur herrscht tagsüber eine stilvolle Leere. Viktor Giacobbo kommt herein – und die Stimmung hellt sich auf. Kaffee wird gebracht, der künstlerische Leiter Nik Leuenberger schneit herein. Kaum vorstellbar, welch grossspurige Annektionspläne der freundliche Theaterpatron Giacobbo in seinem neuen Film wälzt: Deutschland soll ein Teil der Schweiz werden.

Viktor, sind Sie ein Imperialist?

Nein. Ich fordere ja in meinem Film nicht wirklich, dass wir Deutschland annektieren. Ich schlage nur vor, dass wir eine Massnahme prüfen, die viele Probleme lösen könnte.

Würde der Anschluss von Deutschland an die Schweiz tatsächlich Probleme lösen?

Nicht wirklich. Aber der Film soll ja eher unterhalten als Probleme lösen. Am Anfang geht man bewusst naiv an die Sache heran, hat eine tolle Idee . . .

. . . eine absurde Idee . . .

Ja, natürlich ist die Idee absurd. Doch sie hat meine Gesprächspartner – und es sind nicht die unbedeutendsten auf dem politischen Parkett – dazu animiert, darüber nachzudenken. Womit mein Ziel erreicht wäre.

Bundesrätin Leuthard etwa sagt, mit dieser Massnahme könnte man den Deutschen unter die Arme greifen. War es schwierig, sie zum Mitmachen zu überreden?

Nein, überhaupt nicht. Das Gespräch war sehr entspannt. Sie wirkt im Film magistral, aber mit einem leisen ironischen Touch.

Hatte sie keine Angst, dass sie vorgeführt wird?

Nein, sie wollte – wie alle anderen Politiker im Film auch – nicht einmal eine Schlusskontrolle. Ich wollte die Gesprächspartner nicht verarschen, sondern sie zu spontanen Akteuren des Films machen.

Michael Moore hätte das Material boshafter geschnitten.

Vielleicht. Dummerweise bin ich nicht Michael Moore. Das wäre ein anderes Konzept gewesen. Ich wollte eine gewisse gelassene Ernsthaftigkeit drin haben.

Für Gaudi sorgen im Film die aus «Giacobbo/Müller» bekannten Figuren wie Donatella Versace oder Dr. Klöti. Recycling oder neu aufgenommen?

Donatella, die sich für die Lombardei starkmacht, und ein Frank-A.-Meyer-Sketch sind neu. Die anderen haben wir wiederverwendet – allerdings sind das nur Sequenzen von wenigen Sekunden.

Auch die Szene, wo Sie sich als Hitler im Tessin verbunkern?

Ja, das ist eine ganz alte Nummer. Das war noch vor Bruno Ganz.

Waren Sie also der erste Schweizer Hitler?

Höchstwahrscheinlich – ist ja auch egal. Damals brachte der inzwischen verstorbene deutsche Regisseur Christoph Schlingensief zum Entsetzen der Presse ein Stück mit Neonazis auf die Schauspielhaus-Bühne, angeblich, um die Jungs zu therapieren. Da machten wir einen Sketch, in dem Birgit Steinegger Carla Del Ponte war und ich Hitler. Zu Therapiezwecken führten wir gemeinsam einen Dialog aus Shakespeares «Romeo und Julia» auf.

Bissig ist im Film Mike Müllers Karikatur der grauen Eminenz Frank A. Meyer. Eine Korrektur, weil der «Blick»-Verleger Ringier so sympathisch rüberkommt?

Michael Ringier kommt gut rüber, weil er ein humorvoller Mensch ist. Bei uns in der Sendung hatte er mal – mit einem Knopf im Ohr – so getan, als ob ihm Frank A. Meyer die Antworten einflüstern würde. Wenn jemand so selbstironisch ist, kommt er halt sympathisch rüber. Im Film und in der Sendung.

Egal aus welchem politischen Lager er kommt?

Egal! Ob es der SVP-Politiker Toni Brunner ist oder die Grüne Aline Trede wie vor einer Woche – wer über sich selbst lachen kann, macht in einem satirischen Talk das einzig Richtige.

Darum staunen junge Menschen manchmal, dass Ihre Gäste echte Politiker seien?

Es ist tatsächlich so, dass unsere jungen Fans durch das Interesse an der Show auch Interesse für Politik, fürs Zeitgeschehen entwickeln. Erst kürzlich hat mir ein junges Mädchen erzählt, dass es unseretwegen angefangen habe, Zeitungen zu lesen. Das hat mich sehr gefreut.

Sicher nicht traurig waren Sie auch, als Sie erfahren haben, dass die Zuschauerquote von «Giacobbo/Müller» um 150 000 besser ist als bisher angenommen?

Das haben wir eh schon gewusst. Als die Presse schrieb, dass unsere Quote auf 30 Prozent gefallen sei, blieben wir locker. Erstens ist es im internationalen Vergleich für eine satirische Spätsendung sehr viel – ähnliche Shows im Ausland bewegen sich um die 10 Prozent –, und zweitens wussten wir, dass viele unsere Sendung als Podcast runterladen, was sich mit den neuen Zahlen bestätigt hat.

Wie stark beziehen Sie die Erwartungen des Publikums in die Gestaltung Ihres Programms mit ein?

Wir machen nie etwas, nur um dem Publikum zu gefallen. Im Gegenteil. Es gefallen uns nun mal Figuren, die nicht bei allen ankommen.

Welche zum Beispiel?

Boppeler und Stark etwa. Eine Minderheit findet die beiden super. Der Rest – darunter viele Frauen – findet sie grauenhaft. Aber wir mögen die beiden, und darum bleiben sie im Programm.

Nehmen Sie sich vor, wie dicht die Pointen aufeinanderfolgen sollen?

Das ist auch so ein Missverständnis. Wir sind keine Pointenshow. Wir kommentieren.

Oder machen Witze über Mikes Gewicht und Ihr Alter. Ein rettender Running Gag?

Es ergibt sich oft ganz natürlich. (lacht) Das ist allerdings etwas, was die Zuschauer echt lieben. Wenn man persönlich wird. Aber auch hier gibt es diejenigen, die uns auffordern, jetzt mal mit diesen Jokes aufzuhören. Und genau deshalb machen wir damit weiter.

Auf Kritik in der Presse antworten Sie gern mal mit einem bissigen Tweet.

Ja, ich finde Twitter ein tolles Medium. Interessiert mich viel mehr als Facebook. Kurz und inhaltsreich.

Fürchten Sie nicht, im Affekt etwas zu schreiben, was Sie nachher bereuen, wie das einigen Prominenten passiert ist?

Bereut habe ich noch keinen Tweet – auch wenn ich einige als weniger gelungen empfinde. Auf Twitter lässt sich entspannt streiten – auch mit Journalisten. Und natürlich mit meinen Followern.

«Bin aufgeflogen! AZ hat mein Netzwerk aufgedeckt!», twitterten Sie ironisch als Antwort auf die Kritik der «Aargauer Zeitung», dass «Giacobbo/Müller» aus dem Circus Knie sendet.

In diesem strunzdummen Artikel wurde wieder mal das Mafiaklischee herangewürgt, weil ich 2006 im Circus Knie gastierte und 2013 eine Sendung im Knie machte – so what? Die wenigen Journalisten, die da recherchieren, finden schnell heraus, dass ich keinen einzigen Künstler unter Vertrag habe und dass das Casinotheater mit Not und Mühe eine schwarze Null schreibt, weil es auch viel Nachwuchsförderung macht. Wir werden dieses Jahr sogar einen Verlust bekannt geben müssen.

Unabhängig vom Verdacht einer persönlichen Bereicherung – Sie sind schon eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Schweizer Showbusiness.

Natürlich, wenn man es so lange macht wie ich, dann kennt man alle. Deshalb haben wir das Casinotheater ja auch ins Leben gerufen, damit Künstler hier auftreten können und sich wohlfühlen.

Übrigens, was macht Claudio Zuccolini beim Knie falsch?

Als Stand-up-Komiker hat Claudio am Anfang wohl die spezielle Zirkussituation nicht richtig eingeschätzt. Aber er hat reagiert, seine Auftritte umgebaut, und die kommen seither beim Publikum gut an. Und genau darüber könnte die Presse zur Abwechslung jetzt schreiben . . .

Gibt es Regeln für Humor?

Objektive Regeln nicht, denn Humor ist Geschmackssache, sowohl für den Künstler als auch fürs Publikum. Es ist dann der Geschmack des Künstlers, der die Komik ausmacht. Und natürlich hofft er, dass das Publikum seinen Geschmack teilt. Und dann funktioniert es.

Die deutschen Brachialkomiker wie Mario Barth, die ganze Stadien füllen, finden in der Schweiz auch ihr Publikum. Überrascht Sie das?

Überhaupt nicht! Aber nicht jeder Komiker, der grosse Säle füllt, ist ein Brachialkomiker. Divertimento füllen mit einem tollen Programm auch Riesensäle. Andererseits finde ich einen Saal mit 400 bis 700 Plätzen viel schöner als ein Hallenstadion.

Zirkus ist mit Hallenstadion vergleichbar, nicht wahr?

Zirkus ist keine Comedyshow, sondern eben Zirkus, d. h. eine Liveshow mit den unterschiedlichsten Elementen.

Die letzte Gala im Casino war auch eine glamouröse Show mit viel Prominenz.

Ja, aber es waren nicht die üblichen Berufspromis, sondern Persönlichkeiten aus Kultur und Wirtschaft, die unser Haus unterstützen.

Es gab Austern auf dem Buffet und Herren im Smoking. Ist das Casinotheater unser Hollywood?

Viele Smokings habe ich nicht gesehen. Ist mir auch egal – wir sagen den Gästen: «Be beautiful but be yourself.» Immerhin haben wir den roten Teppich weggelassen. Der wird mittlerweile bei jeder Nagelstudio-Eröffnung ausgerollt.

Ihre Freundin Barbara Josef war auch da, ihr Kleid wurde aber in keiner Klatschkolumne abgebildet. Darf sie nicht fotografiert werden?

Das hat sie selber zu entscheiden. Wir finden beide die üblichen Eventfotos mit grinsenden Pärchen recht bescheuert. Sie ist übrigens nicht im Hauptamt meine Freundin, sondern Pressesprecherin von Microsoft Schweiz. Das musste ich kürzlich einer Klatschkolumnistin klarmachen.

Im Film sagt Roger Schawinski, wenn Deutschland und die Schweiz ein Land wären, hätte Christoph Blocher endlich die Heimat, die seinem Ego entspricht. Trifft das auch für Sie zu?

Nein. Ich hatte nie Deutschlandambitionen. Mir scheint das nicht einmal erstrebenswert, dort auf Tournee zu gehen: lange Reisen, schlechte Gagen. Muss nicht sein.

Aber als der Jugendsender Joiz einen Moderator für seine Berlinexpansion suchte, haben Sie sich per Twitter beworben.

Sie sollten meine Tweets nicht so ernst nehmen. Mir ist übrigens der experimentierfreudige Sender sympathisch.

Sie schauen ihn?

Nein. Ich bin ja nicht das Zielpublikum. Mit 61 . . .

Genau, 61 und nicht 84, wie Mike in der letzten Sendung behauptet hat. Bis zu welchem Alter machen Sie noch «Giacobbo/Müller»?

Ich habe noch nie Karriereplanung gemacht. Wir entscheiden nach Gefühl immer auf ein Jahr voraus. Ein Jahr machen wir sicher noch.

Wie gut sind Sie und Mike Müller tatsächlich befreundet?

Unsere Partnerinnen sagen, dass wir wie ein altes Ehepaar miteinander telefonieren.

Wie oft ist das?

Es gibt wenige Tage, an welchen wirs nicht tun.

Was wird da besprochen?

News, Komik, Tiere . . .

Haben Sie Tiere?

Ich hatte mal zwei Katzen.

Also ein Katzen-, kein Hundemensch wie Mike?

Nein, einen Hund hätte ich auch gern. Einen solchen, wie er am Schluss im Film vorkommt, der Hund des amerikanischen Botschafters.

Wird Ihr Film in Deutschland auch gezeigt werden?

Vielleicht läuft er mal als Kuriosität in einem kleinen Kino oder in der Schweizer Botschaft. Eine hochdeutsche Tonspur meines Textes habe ich schon aufgenommen.

Was sollen Zuschauer nach der Premiere sagen?

«Ich habe mich anderthalb Stunden gut amüsiert, und zwar nicht unter meinem Niveau.»

«Der grosse Kanton»

Deutschland als der 27. Kanton der Schweiz? Diesem Gedankenspiel widmet Viktor Giacobbo seinen neuen Kinofilm, den er gemeinsam mit Vega Film und ohne öffentliches Geld produziert hat (Budget: 800 000 Franken). Der Komiker spricht über eine Zusammenlegung beider Länder mit Schlüsselfiguren der deutsch-schweizerischen Politik und Kultur. Weil diese ihrerseits komödiantische Talente offenbaren (köstlich: Peter von Matt, der «Tiefenminarette» fantasiert), funktioniert der Film sehr gut als eine leichtfüssige Gedankenblase. Auftritte von befreundeten Kabarettisten wie Gerhard Polt, Mike Müller und Michael Finger ergänzen den Spass.

Ab 16. 5. in den Kinos

Was wäre wenn: Stimmen zum Anschluss

Michael Ringier, Verleger

«Ringier hat ja auch nach Ungarn und nach Tschechien expandiert, wir sind mit unserer Strategie den Habsburgern gefolgt»

Philipp Müller, FDP-Chef

«Wir kaufen jetzt den Gripen und fräsen ein bisschen entlang dem Bodensee, machen ein wenig Krawall, und dann haben die Deutschen auch den Stink in der Hose»

Doris Leuthard, Bundesrätin

«Mit einem Beitritt zur Schweiz hätte Deutschland natürlich gerade auf einen Schlag das Problem der Eurokrise gelöst»

Joschka Fischer, EX-Aussenminister

«Mit der Kavallerie hatten die Schweizer Bauern nie ein Problem. Die burgundische Kavallerie ging jämmerlich zu Grunde, und Karl dem Kühnen wurde der Kopf abgehauen»

Roger Schawinski, RadioBesitzer

«Die Deutschen bekommen ein bisschen Tessin, wir bekommen Sylt, ich glaube, es geht für alle auf»

Cem Özdemir, Deutscher Grüner

«In einer gemeinsamen Republik werden wir den Regionalflughafen Zürich gar nicht mehr benötigen, das macht man dann alles über Berlin und Frankfurt»

Elke Heidenreich, Literaturpäpstin

«Es heisst nicht Fränkli? Aber es heisst doch Leckerli? Na ja, ihr seid ein putziges, kleines Bergvolk, ich verstehe euch nicht immer richtig»

Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin

«Das ist doch normal, dass man ins Ausland geht, auch für eine SVP-Politikerin»

«Wer über sich selbst lacht, macht das einzig Richtige»

28. April 2013, SonntagsZeitung, von Ewa Hess

Viktor Giacobbo über die prominenten Darsteller in seinem neuen Film, Einschaltquoten und Partner Mike Müller Im Foyer des Casinotheaters Winterthur […]

Viktor Giacobbo (61) über seinen neuen Kinofilm «Der grosse Kanton»

Demnächst kommt «Der grosse Kanton» in die Kinos. Der Film, in dem frühere deutsche Spitzenpolitiker wie Joschka Fischer (64), aber auch Schweizer Parteipräsidenten wie Philipp Müller (60) und Christian Levrat (42) auftreten, handelt von der speziellen Beziehung zwischen der Schweiz und Deutschland. Regisseur und Protagonist Viktor Giacobbo gibt Auskunft.

Warum machen Sie sich über die Deutschen lustig?

Viktor Giacobbo: Mache ich nicht. Im «Grossen Kanton» geht es ebenso um Schweizer wie Deutsche. Komisch-satirisches Potenzial haben höchstens die gegenseitigen Missverständnisse.

Was nervt Sie an Deutschen?

Wenig. Vielleicht «Grüzzi», «Fränkli» oder «Verhüeterli».

Was passiert, wenn Deutschland der Schweiz beitreten würde?

Flughafen- und Steuerprobleme wären nahezu gelöst, wir hätten einen 27. Kanton, eine Autoindustrie und eine Kriegsmarine. Das Bruttosozialprodukt würde explodieren und Angela Merkel wäre Regierungsrätin.

Was können wir von den Deutschen lernen?

Die direkte Sprache und Auseinandersetzung, die Liebe zur Schweiz und die Bevorzugung der Currywurst gegenüber dem Cervelat.

Und was können die Deutschen von den Schweizern lernen?

Ganz sicher die direkte Demokratie. Nach floppenden Grossprojekten wie Stuttgart 21 schauen sie etwas neidisch Richtung Schweiz. In dieser Sache waren sich alle Gesprächspartner im Film einig.

Ihre grösste Erkenntnis?

Ich habe realisiert, dass unser Land während Jahrhunderten zum Deutschen Reich gehörte, auch wenn viele meinen, wir hätten 1291 die Neutralität erfunden. Ausserdem, dass viele Deutsche nicht die Schweiz, sondern eher Bayern als Sonderfall sehen. Es machte auch Spass, einen Low-Budget-Film unabhängig zu realisieren.

Wandern Sie jetzt nach Deutschland aus?

Wieso sollte ich? Bin ja nach «Ernstfall in Havanna» auch hier geblieben.

Warum machen Sie sich über die Deutschen lustig?

3. April 2013, Blick, von Dominik Hug

Viktor Giacobbo (61) über seinen neuen Kinofilm «Der grosse Kanton» Demnächst kommt «Der grosse Kanton» in die Kinos. Der Film, […]

Was Viktor Giacobbo von Beppe Grillos Wahlerfolg hält

Komiker erobern die Politik. Wann werden Sie Bundesrat?

Viktor Giacobbo: Das wäre undenkbar für mich. Erstens bin ich Konkordanz-unfähig. Und zweitens habe ich zu grossen Respekt vor dem, was ein Politiker leistet. Sitzungen wälzen, das wäre nichts für mich. Der Beruf des Satirikers ist es, zuzuspitzen, zu übertreiben und zu unterhalten. Aber zur Lösung von Problemen tragen Satiriker nichts bei. Als Bundesrat würde ich mich für eine Fehlbesetzung halten.

Mit Beppe Grillo erhält in Italien ein Komiker einen Viertel aller Stimmen. Waren Sie überrascht?

Wer Italien kennt, ist nicht überrascht. Diese Unterstützung hat wenig mit Grillo selbst zu tun, sondern mit Italien. Mit seinem wütenden Populismus ist er Berlusconi gar nicht so unähnlich – einfach ohne eigenen TV-Sender. Er wird gewählt, weil er alles andere scheisse findet – das ist ein bisschen wenig für ein Programm.

Was sagt diese Wahl über das Land Italien aus?

In Italien heisst der Hauptfeind: der Staat. Und darum ist es ein weit verbreitetes Ziel, diesen Staat zu hintergehen. Oder ihn, wie Berlusconi, zu seinem privaten Instrument zu machen. Beim kleinen Bürger kann ich das ja noch verstehen.

Aber?

Wenn auch die mächtigsten Leute den Beschiss nötig haben, wenn am Ende jene, die den Staat am besten hintergehen, immer noch am mächtigsten sind, ist das erschreckend. Allerdings ist der italienische Staat ein bürokratisches Monstrum, bei dem die Grenze zwischen Staatsmacht und Kriminalität nicht immer genau auszumachen ist.

Wäre so eine Wahl auch in der Schweiz möglich?

Das ist undenkbar. Das Parteiengefüge ist viel zu gefestigt. Natürlich könnte auch bei uns ein Komiker auf einer Liste kandidieren und in einem Parlament mitarbeiten. Aber ein Erdrutschsieg? Alleine? Nein, das geht nicht.

Wie würde sich Grillo als Minister schlagen?

Er hätte bald Probleme. Weil er sich nicht gewohnt ist, in einem Parlamentsbetrieb zu arbeiten. In seiner Bewegung fehlt es vermutlich an innerem Zusammenhalt. Jetzt denkt das Fünf-Sterne-Bündnis: «Alle anderen sind blöd!» Da haben sie vielleicht sogar recht. Nur denke ich, dass dies zum Regieren nicht reicht.

Wie wird sich die Bewegung des Grillo-Bündnisses entwickeln?

Ich gehe davon aus, dass die Bewegung innert weniger Jahre Probleme bekommen wird. Sie wird an den Ansprüchen der eigenen heterogenen Wählerschicht scheitern. So wie das häufig mit Protestwählern endet. Das jüngste Beispiel sehen wir bei den deutschen Piraten.

Haben Sie Grillo als Komiker einmal kennen gelernt?

Nicht wirklich. Ich kenne ihn nur aus den Medien. Da habe ich auch schon ein Programm von ihm gesehen. Aber zu wenig, als dass ich ihn beurteilen könnte.

Grillo und Silvio Berlusconi haben zusammen die Hälfte aller Stimmen erhalten. Wie denken Sie darüber?

Das macht mich ratlos. Italien war bis vor wenigen Jahren ein Land mit einer spannenden politischen Streitkultur. Und jetzt ist das Niveau derart tief gesunken. Berlusconi, die Karikatur eines Staubsaugerverkäufers, scheint vielen Italienern mit seinem ordinären Prunk zu imponieren. Und der Rest des Landes wird sich weiterhin fremdschämen.

Studien zeigen: Junge Leute informieren sich mit Satire-Sendungen über Politik. Ihre Ausgangslage, gewählt zu werden, wäre eben doch ausgezeichnet.

Ich denke, die Jungen informieren sich gerne bei Satirikern, weil sie wissen: Die sind unabhängig. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, unsere «Fans» würden uns dann auch wirklich wählen. Viel lieber habe ich das Kompliment, das uns mal ein junger Zuschauer machte: Er hätte gerade gemerkt, dass die Politiker, die bei «Giacobbo/Müller» vorkommen, auch wirklich existieren.

«Ich im Bundesrat? Nie!»

27. Februar 2013, Aargauer Zeitung / MLZ, von Etienne Wuillemin

Was Viktor Giacobbo von Beppe Grillos Wahlerfolg hält Komiker erobern die Politik. Wann werden Sie Bundesrat? Viktor Giacobbo: Das wäre […]

Das Verfahren gegen das Schweizer Fernsehen wegen unbefugter Nutzung des öffentlichen Grundes ist Realsatire – und ein Beispiel für Bürokratiewildwuchs.Zürich – Wenn die Geschichte nicht wahr wäre, hätte sie für eine Satiresendung mühsam erfunden werden müssen. Nach dem Stratosphärensprung von Felix Baumgartner vom 14. Oktober planten Viktor Giacobbo und Mike Müller für die Sendung vom 21. Oktober eine Veräppelung der Aktion anhand eines Rekordversuchs mit einem ZVV-Automaten. Um auf dem – meistens menschenleeren – Platz vor dem Hallenstadion filmen zu dürfen, stellten sie bei der Stadtpolizei den Antrag für eine Drehbewilligung. Das Schweizer Fernsehen füllte ein sechsseitiges Vertragswerk aus, in dem unter anderem Angaben zur geplanten Anzahl von WC-Häuschen und zu den Tribünengrössen verlangt wurden. Als Frist zur Erteilung der Bewilligung nannte die Polizei vier Wochen.

Giacobbo und seine Crew filmten daraufhin ohne Bewilligung, wie Tattergreis Jakob Liniger – eine von Giacobbos Figuren – mit Bauchkamera aus zehn Meter Distanz torkelnd einen blauen Billettautomaten ansteuerte und es in 15,96 Sekunden schaffte, ein Tramticket zu lösen. Giacobbo entschuldigte sich in der Sendung vom 21. Oktober öffentlich dafür, dass man illegal gedreht habe. Eine Anfrage an Rekordspringer Felix Baumgartner, in vier Wochen nochmals zu springen, sei abgelehnt worden, witzelte er weiter, weil Sponsor Red Bull «absolut unflexibel» sei.

Ein Fall für den Stadtrichter

In der neusten Sendung vom letzten Sonntag zeigten Giacobbo und Müller prompt einen amtlichen «Verzeigungsvorhalt», den sie vom Kommissariat Gewerbedelikte West erhalten hatten. Grund für das Verfahren: Benützen des öffentlichen Grundes ohne Bewilligung. Die beiden müssen nun innerhalb von zehn Tagen Stellung nehmen, dann geht der Fall ans Stadtrichteramt.

Beim Verfassen des Dokuments innert dreier Wochen musste die Stadtpolizei jedoch ihrem eigenen horrenden Tempo Tribut zollen. Adressiert war die Amtsschrift an «Giaccobo-Müller». Und der illegale Dreh soll sich laut Stapo am «ZSC-Lions Patz» zugetragen haben. Für die beiden Satiriker ein gefundenes Fressen. Da war erstens Giacobbo falsch geschrieben (mit zwei c statt mit zwei b). Zweitens verbinden sich die beiden in ihrer Satiresendung mit Schrägstrich und nicht mit einem Bindestrich wie verheiratete Paare. Dazu kommt der Patzer mit dem ZCS-Lions-Platz.

Giacobbo/Müller liefen am Sonntagabend im Kaufleuten zu Hochform auf – und die Stadtpolizei machte eine zunehmend schlechtere Falle. «Liebe Polizei, ich kenne niemanden, der sich so schreibt», sagte Giacobbo maliziös. Den «ZSC-Lions Patz» habe er bei Google und auf allen Stadtplänen gesucht – «aber einfach nicht gefunden». Und Mike Müller sagte im Stile des gestrengen Schullehrers: «Wir geben euch nun fünf Tage Zeit, das nochmals sauber abzutippen. Mit solchen formaljuristischen Böcken kommt ihr in Strassburg nicht durch.»

Fernsehen vermixt ZSC mit SCZ

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, hat sich am Sonntagabend während der Sendung «köstlich amüsiert», wie er sagt. Beim bürokratischen Irrlauf mit der Drehbewilligung habe sich das Schweizer Fernsehen aber mindestens ebenso ungeschickt angestellt. Das Fernsehen lud nämlich bei der Stadtpolizei fälschlicherweise das sechsseitige Formular für die Bewilligung einer Veranstaltung herunter – das sind Kaliber im Stile eines Züri-Fäschts oder des Sechseläutens. Das einfache Formular für Dreharbeiten hätte genügt. Zudem wollte das Fernsehen angeblich auf dem «SCZ- Lions Platz» filmen.

«Nachdem sich Giacobbo vor drei Wochen mit dem illegalen Dreh öffentlich gebrüstet hatte, mussten wir handeln», sagt Cortesi. «Wir müssen alle gleichbehandeln, auch das Schweizer Farbfernsehen.» Die Schreibfehler im amtlichen Verzeigungsvorhalt nimmt Cortesi auf die Kappe der Polizei. «Wir haben nun in unserem Korrekturprogramm den Namen Giacobbo gespeichert.» Die Anzeigeschrift hat Cortesi gestern nochmals fehlerfrei abgetippt – «und mit der Brieftaube an Giacobbo-Querstrich-Müller geschickt».

Giacobbo von Stadtpolizei verzeigt, weil das Fernsehen patzte

13. November 2012, Tages-Anzeiger, von Ruedi Baumann

Das Verfahren gegen das Schweizer Fernsehen wegen unbefugter Nutzung des öffentlichen Grundes ist Realsatire – und ein Beispiel für Bürokratiewildwuchs.Zürich […]

Viktor Giacobbo werkelt an einem satirischen Dokumentarfilm über das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland. Aus Politik, Wissenschaft und Kunst machen alle willig mit: Endo Anaconda schreibt den Titelsong, von Peter von Matt sind historische Weisheiten und von Oskar Freysinger die musikalische Einlage „Der Elefant im Fliegenland“ zu erwarten. Im Interview erklärt Giacobbo, wieso sich im Film niemand zum Affen macht und kein SVP-Politiker über seinen „Mockumentary“ stolpern dürfte.

 

Das Interview:Herr Giacobbo, Sie arbeiten an einem neuen Film. Worum geht es?

Zuviel verraten möchte ich noch nicht. Was ich sagen kann: Ich arbeite an einem satirischen Dokumentarfilm, einer sogenannten Mockumentary, die mit allen Mitteln des Dokumentarfilms arbeitet, aber gleichzeitig das Genre parodiert. Die Leute, die mitmachen, sind aber echt. Ich habe für den Film mit verschiedenen Persönlichkeiten aus der Schweiz und Deutschland gesprochen – mit Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Denn um das Verhältnis der beiden Staaten soll es im Film gehen. Im Film werden wir dann sowohl eine These als auch eine Lösung bereitstellen, die die Probleme im Verhältnis Schweiz/Deutschland aus der Welt schafft.

Wie sind Sie zur Ausgangslage des Films, dem Verhältnis Schweiz/Deutschland, gekommen?

Ausschlaggebend waren vor allem formale Gründe. Ich wollte schon lange mal einen Dokumentarfilm machen, der zwar mit dokumentarischen Mitteln arbeitet, diese aber gleichzeitig unterläuft. Was ich mit dem Film bewusst nicht will, ist die Gesprächspartner reinlegen. Gar nichts gegen eine gepflegte Verarschung, aber das würde nicht ins Konzept passen. Die Leute, die im Film Auskunft geben, können selber entscheiden, ob sie zu meinen Fragen ironisch oder ernst Stellung beziehen wollen.

Was ist genau Ihre Rolle in dieser Produktion?

Ich gestalte diesen Film, bin unterwegs und spreche mit den verschiedenen Protagonisten. Man sieht mich auch im Bild, wie ich mit diesen Leuten am Sprechen bin. Das Ganze ähnelt damit ‚Religulous‘ von Bill Maher oder vielleicht einem Michael-Moore-Film, einfach ohne moralischen Impetus.

Trifft der Zuschauer auch auf bekannte Figuren von Ihnen?

Nur marginal, vereinzelt erscheint vielleicht ein Zitat einer Figur. Der Film hat zwar ein paar kleinere, gespielte Episoden. Im Allgemeinen bin ich im Film aber Viktor Giacobbo und verstelle mich nicht.

Sie wollen dokumentarische Aufnahmen aus dem Archiv des Schweizer Fernsehens mit Interviews montieren – munkelt „20 Minuten“.

Da munkeln sie richtig. Die Archivaufnahmen sollen unseren Inhalt stützen. Wir machen also keinen Gag-Film, sondern einen Film, der eine kuriose Grundstimmung schafft und politische Unterhaltung bietet. Das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland wird auch stark historisch betrachtet, Stimmen wie Peter von Matt werden sich zu Wort melden. Auch Endo Anaconda wird mitwirken, indem er nämlich den Titelsong extra für den Film schreibt und aufnimmt.

Sie sagen, Sie wollen die Leute im Film nicht veräppeln. Auf 20 Minuten Online ist zu lesen, dass Oskar Freysinger ein eigenes Lied, „Der Elefant im Fliegenland“, singe. Das hört sich schwer danach an, dass sich Freysinger im Film zum Affen macht.

Macht er aber nicht. Das war ganz einfach eine Rechercheleistung von „20 Minuten“, die im Bundeshaus dieses Lied offensichtlich gehört und mich beim Drehen erwischt hat. Warten Sie erst mal den Film ab, was wir daraus machen.

Der Arbeitstitel heisst „Der grosse Kanton“, d.h. bis der Film im Kino läuft, kann sich das durchaus noch ändern.

Vermutlich wird der Film so heissen.

Der „SonntagsBlick“ schreibt, Sie würden im Film erstmals Regie führen.

‚Regie‘ ist das magische Wort, das der „SonntagsBlick“ unbedingt im Titel haben wollte. Ich führe schon bei all unseren Sketches am Fernsehen Regie. In diesem Projekt muss ich vor allem unterwegs sein und dann die Aufnahmen inhaltlich und formal zusammenmontieren, dies im übrigen gemeinsam mit Domenico Blass. Eine klassische Regieleistung ist das nicht.

Die Politiker in Ihrem Film machen offensichtlich bereitwillig mit. Dürfen die ihr eigenes Filmmaterial und die Kontextualisierung im Ganzen vor der Ausstrahlung sehen?

Nein, das wollen sie auch nicht. Es sind alle völlig entspannt, glaube ich. Das liegt daran, dass ich alle genau über unser Projekt aufgeklärt habe und alle wissen, dass sie sich in einer Mockumentary zu Wort melden, einem Film also, der nicht ganz ernst gemeint ist.

Der Film wird also keine weiteren SVP-Politiker zu Fall bringen.

Nein, das glaube ich nicht. So mächtig wird der Film nicht sein. (lacht)

Sie arbeiten mit Vega Film von Ruth Waldburger zusammen. Wieso kooperieren Sie nicht mit dem Schweizer Fernsehen

Das Schweizer Fernsehen unterstützt uns, natürlich auch mit dem Zugriff auf das Archiv. Wir haben aber keine nationalen Filmgelder beantragt. Der Grund ist ganz einfach: Ich wollte mich nicht vor Kommissionen rechtfertigen müssen, was lustig ist und was nicht. Das habe ich einmal erlebt und wollte ich nicht noch einmal erleben.

Beim Ernstfall in Havanna?

Ja, aber auch bei Undercover. Jeder subventionierte Filmemacher muss sich von Kommissionsmitgliedern und Marketingleuten belehren lassen, die noch keine Zeile in einem Drehbuch geschrieben haben. Solche Leute sagen einem dann, wie Komik funktioniert und monieren am Ende noch, es hätte im Film zu wenig starke Frauenfiguren. In diesem neuen Projekt kann ich von A bis Z alles selber gestalten. Wird es ein Flop, so bin ich auch selber schuld.

Wie finanzieren Sie den Film?

Neben dem Fernsehen finanzieren Ruth Waldburger und ich den Film privat. Dementsprechend ist die Produktion vom Aufwand her auch bescheiden. Zum Dreh in Berlin habe ich allein die Kameraausrüstung im Flieger mitgeschleppt.

Ist der Film nun schon abgedreht?

Nein, wir sind noch voll dran, auch wenn das Gegenteil zu lesen war. Viele Interviews sind schon im Kasten, aber es kommt noch einiges dazu. Der Plan ist, dass der Film im späteren Frühling in die Kinos kommt.

„Ich bin im Film Viktor Giacobbo“

9. Oktober 2012, persönlich.com, von Benedict Neff

Viktor Giacobbo werkelt an einem satirischen Dokumentarfilm über das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland. Aus Politik, Wissenschaft und Kunst […]

Dank Viktor Giacobbo ist das Casinotheater Winterthur zum Epizentrum des Schweizer Humors   geworden. In dem Haus fühlt sich Oswald Grübel ebenso wohl wie Moritz Leuenberger. Alles   lustig? Keineswegs, wie ein Blick hinter die Kulissen zeigt.Manchmal, da zieht es Viktor Giacobbos Mundwinkel auseinander, die Backen schwellen an, er versucht sich dagegen zu wehren, vergeblich. Es sind die seltenen Momente, in denen der Kontrollfanatiker und geübte Schauspieler für kurze Zeit die Beherrschung über seine Mimik verliert: «Wir sind nichts ­anderes als ein KMU», sagt er dann stolz und betont, dass sein Casinotheater keine Sub­ventionen erhalte, dass der Betrieb bis zu ­siebzig Mitarbeiter beschäftige, sieben Lehrlinge ausbilde und weit über die Landesgrenze hinaus bewundert werde.

Der bekannteste Komiker der Schweiz hat allen Grund, stolz zu sein: Das Casinotheater feiert in diesen Tagen sein Zehn-Jahr-Jubi­läum. Das Haus ist nicht nur innert kürzester Zeit zur bedeutendsten Unterhaltungsbühne des Landes geworden, sondern auch zum Anziehungspunkt für Wirtschaftskapitäne, TV-Bekanntheiten und Politiker: ein Opernhaus im Kleinformat, allerdings ungezwungener, ganz ohne Dresscode. 70 000 Personen besuchen jährlich eine Vorstellung in dem Haus in der Winterthurer Altstadt, knapp 10 Millionen Franken setzt der Betrieb pro Jahr um, 4,5 Millionen Franken davon mit dem Theater, den Rest im Event- und Gastronomiebereich.

Ein Haufen von Selbstdarstellern

Das Besondere an dem Unternehmen: Das Gebäude gehört den Künstlern, sie sind allein für den Betrieb verantwortlich. Zu den Aktionären gehören Branchengrössen wie Patrick Frey, Kurt Felix, Mike Müller, Fredy Knie, Walter Andreas Müller oder Ursus und Nadesch­kin. Aufgrund seiner schillernden Aktionäre werden die Casino Theater AG und die Casino Immobilien AG gerne als «die lustigsten Aktiengesellschaften der Schweiz» bezeichnet, und Giacobbo kokettiert damit, dass er der einzige Verwaltungsratspräsident sei, der ­zugebe, ein Komiker zu sein. Dies tönt amüsant, hat mit der Realität aber wenig zu tun.

So zuverlässig auf der Bühne die Pointen ­fallen, so ernsthaft und diszipliniert geht es hinter den Kulissen zu und her. Die kürzeste Generalversammlung der beiden Aktiengesellschaften wurde in knapp dreissig Minuten abgehalten; die Abläufe sind strikt, lange Diskussionen selten, Aufstände unzufriedener Aktionäre gab es bisher keine. Nur einmal sorgte ein Vorfall für Heiterkeit: als Patrick Frey, Verwaltungsratspräsident der Immobilien AG, die um zehn Uhr beginnende Generalversammlung verschlafen hatte. Die Disziplin ist in diesem aussergewöhnlichen Betrieb essenziell: Nur dadurch kann dieser Haufen an starken Egos und Selbstdarstellern zusammengehalten werden, nur dadurch konnte dieses kleine Schweizer Theaterwunder Realität werden.

Als Viktor Giacobbo 1999 mit seinem langjährigen Weggefährten Rolf Corver an dem baufälligen Casino-Gebäude im Zentrum Winterthurs vorbeispazierte, stehenblieb und die Idee äusserte, das Haus wieder zum Leben zu erwecken, war für ihn klar: Das funktioniert nur, wenn er die wichtigen Vertreter der Schweizer Komikerszene mit ins Boot holt. Er griff zum Telefon, versuchte Patrick Frey, die Acapickels, Walter Andreas Müller und viele mehr von seinem Ansinnen zu überzeugen – fast alle waren begeistert. Patrick Frey erinnert sich noch gut an den Anruf. «Ich war ziemlich ungläubig: Das Gebäude befand sich in einem miserablen Zustand, das Restaurant war furchtbar schmuddelig. Viktor schlug vor, das Haus der Stadt abzukaufen. Ich zögerte keinen Augenblick, sagte sofort zu.» Frey wurde ­neben Giacobbo zum grössten Einzelaktionär. Wie viel sie investiert haben, wollen sie nicht sagen.

Der Stadt Winterthur kam Giacobbos Angebot gerade recht: Mehrere Projekte zur Sanierung des Gebäudes waren zuvor aus Kostengründen gescheitert. Sie bot Giacobbo das Haus für symbolische 300 000 Franken an und stellte ein zinsloses Darlehen von zwei Millionen Franken in Aussicht. Unter der Voraussetzung allerdings, dass das Theater bei der Stadt nie Subventionen beantragen werde. Alle grös­seren politischen Gruppierungen befürworteten den Deal. Einzelne SVP-Exponenten um den heutigen Nationalrat Alfred Heer ergriffen allerdings das Referendum – gegen den Willen der Partei. Auf den Plakaten stand mit grossen Lettern: «Millionengeschenk für die Linksreichen». Doch Heer hatte gegen den beliebten Komiker keine Chance: Am 21. Mai 2000 sagten 73,3 Prozent der Winterthurer ja zum Verkauf. Heute lobt Heer «grundsätzlich» das Casinotheater, das Referendum sei aber trotzdem nötig gewesen. Giacobbo liess ein «Linksreichen»-Plakat einrahmen, es hängt an einem Ehrenplatz im ersten Stock des Hauses.

Machtspiel unter Komikern

Schon vor der ersten Vorstellung stiess das Haus schweizweit auf eine enorme Sympathiewelle. Giacobbo profitierte von seiner TV-Popularität, alle wollten mit dabei sein. Der Herdentrieb erfasste nicht nur die Künstler: Wirtschaftsleute wie Peter Spuhler (Stadler Rail), Fred Kindle (Ex-ABB) oder der Bankier Thomas Matter unterstützten das Projekt, Politiker zeigten sich begeistert, die Bevölkerung riss sich um Eintrittskarten. Sämtliche Vorstellungen der ersten Eigenproduktion, «Die Eröffnung», waren schon vor der ersten Probe ausverkauft. «Die Künstler waren von einer Euphorie getrieben, man glaubte, nichts falsch machen zu können», erinnert sich der damalige künstlerische Leiter Andrej Togni. «Die ­Eröffnung» wurde zu einem seltsamen bunten Abend, ein Jekami der bekanntesten Schweizer Künstler, die alle ihren kurzen ­Auftritt hatten: von Beni Thurnheer bis zum Chaostheater Oropax, von Joachim Rittmeyer bis zu den Acapickels, moderiert wurde das Ganze von Giacobbo und Frey. Kaum jemand wagte, diese von Kompromiss und Konsens ­geprägte Produktion zu kritisieren. Dabei war sie der eindrückliche Beweis dafür, dass viele grosse Namen kein Garant für eine gute ­Vorstellung sind.

Trotzdem wurden noch mehrere solcher All-Star-Produktionen auf die Bühne gebracht, auf die auch Viktor Giacobbo skeptisch zurückblickt: «Das waren zum Teil Klamaukvorstellungen, die mal mehr, mal weniger gelungen waren.» Zwar kamen die Zuschauer noch immer in Scharen, doch das vorauseilende Wohlwollen nahm ab. «Die beteiligten Künstler wollten auf der Bühne in erster Linie ihre eigene Haut retten», erzählt ein dem Casino­theater nahestehender Komiker. Wenn schon die Produktion nicht überzeugte, waren die Darsteller umso mehr bemüht, wenigstens selbst so gut wie möglich dazustehen – was der Situation nicht zuträglich war.

«Es war der Anfangsirrtum, dass einige Künstler meinten, eine Aktie sei ein Garantieschein, um auf der Bühne präsent zu sein», sagt Viktor Giacobbo. In einem Haus, in dem so viele Leute Ansprüche anmelden, sind harte Entscheidungen unerlässlich. Doch wer hat im Casinotheater tatsächlich das Sagen? Für den Spielplan und die Gastspiele ist der künstlerische Leiter zuständig, über die zwei jährlichen Eigenproduktionen bestimmt eine Stückauswahlgruppe, bestehend aus der Kerngruppe der Künstler. Dazu gibt es noch einen künstlerischen Beirat, dem sämtliche Künstlerak­tionäre angehören, ein «Operettengremium», wie Giacobbo sagt. Und für den Geschäfts­betrieb insgesamt ist der CEO verantwortlich.

Der Handlungsspielraum des künstlerischen Leiters ist in einem solchen Konstrukt beschränkt. Das musste auch Andrej Togni erfahren, der als Erster diese Position besetzte: «In diesem undurchsichtigen Spiel der ­Mächte war es nicht leicht, meine Rolle zu finden, ich fühlte mich manchmal richtig verheizt.» ­Togni, ein erfahrener Theatermann, beging ­einen kolossalen Fehler: Er versuchte gegen die Kerngruppe um Giacobbo, Frey und Mike Müller Widerstand zu leisten. Der Streit ­eskalierte, als Togni die Aufführung von Freys Kinderstück «Wyss wie Schnee» ablehnte. ­Giacobbo sprach ein Machtwort, das Stück kam auf den Spielplan, Togni verliess das Casino­theater. «Wenn die Mehrheit der Künstler­aktionäre anderer Meinung ist als der künst­lerische Leiter, so ergibt eine weitere ­Zusammenarbeit keinen Sinn», sagt Viktor Giacobbo.

Thiel in Champagnerlaune

Die Stückauswahlgruppe entscheidet demokratisch und weist manchmal auch Projekte renommierter Autoren zurück. Einmal lehnte sie ein Stück von Charles Lewinsky ab, der sich als Aktionär der ersten Stunde für das Theater engagiert hatte. «Das sind ganz normale Entscheidungen, wie sie in jedem Theater vorkommen», sagt Lewinsky. Obwohl er sich mittlerweile vom Casinotheater und der Komik entfernt hat, ist er des Lobes voll für das Haus: «Was Giacobbo mit dem Theater erreicht hat, ist noch höher einzuschätzen als seine Leistung im Fernsehen», sagt er. Würde es die Stückauswahlgruppe auch wagen, sich einem Vorschlag Giacobbos zu widersetzen? Er selbst glaubt schon. «Ein eigenes Stück von mir wurde zwar noch nie abgelehnt, aber ich habe schon oft Ideen vorgebracht, die die Mehrheit verworfen hat», sagt er.

Im Casinotheater galt von Anbeginn der Grundsatz: An erster Stelle stehen die auftretenden Künstler. Auch darum gehört das Theater im deutschsprachigen Raum zu den begehrtesten Auftrittsorten. Allerdings musste der Grosszügigkeit rasch Grenzen gesetzt werden. Nachdem der Satiriker Andreas Thiel und sein damaliger Bühnenpartner Wolfram Berger drei Tage lang von der freien Konsumation im Restaurant ausgiebig Gebrauch gemacht und reihenweise Champagnerflaschen geleert hatten, wurde eine Limite eingeführt.

Einschneidender war der inhaltliche Lernprozess. «Ursprünglich war geplant, das Casino­theater als Überraschungshaus zu positionieren», sagt der Kabarettist Joachim Rittmeyer. Dies erwies sich als Wunschvorstellung: Der ökonomische Druck lässt kaum Experimente zu. «Eine schlecht besuchte ­Eigenproduktion kann das Haus gleich in eine Schieflage bringen», sagt Giacobbo. «Die Preisverleihung», ein Stück von und mit ­Joachim Rittmeyer und Patrick Frey, zeigte 2009 knallhart die Grenzen des Projekts Casinotheater auf: Die beiden Komiker liessen im ersten Teil des Stückes nur die Hälfte des Publikums in den Theatersaal, die andere musste draussen warten und wurde mit einem Notprogramm verköstigt. Eine Provokation, die vom Publikum nicht goutiert wurde: Im Durchschnitt blieb über die Hälfte der Plätze leer, in der Kasse klaffte ein riesiges Loch. Diese Erfahrung erschütterte das Selbstverständnis der erfolgsverwöhnten Künstler. Es war ein klares Signal: Das Casinotheater ist kein Selbstläufer. Will man langfristig bestehen, muss man sich konsequent dem Publikumsgeschmack anpassen.

Gab Andrej Togni noch acht, nicht mit Komikern wie den Schmirinskis oder einem ­Peach Weber in Verbindung gebracht zu werden, so hat man heute keine Berührungs­ängste mehr. «Wir können es uns nicht leisten, ein zu enges Programm zu fahren und einige Stile auszugrenzen», sagt Patrick Frey. «Heute sind die Grenzen zwischen Comedy und Kabarett ohnehin nicht mehr so scharf wie noch vor zehn Jahren.»

Ganz subventionsfrei, wie Giacobbo betont, ist das Casinotheater allerdings nicht. So erhielt es zum Beispiel vom Zürcher Lotteriefonds eine Million Franken für den Umbau, nun ist wieder ein Gesuch hängig. Im Gespräch nimmt Giacobbo eine erstaunlich defensive Haltung ein. Wiederholt sieht er sich genötigt, Kritik zu widerlegen, die gar nicht geäussert wurde. Zum Beispiel, er sei ein Mafia­boss, der die gesamte Kabarettszene fest im Griff habe. «Wenn dem so wäre, wäre ich ein miserabler Mafioso; bisher habe ich nur Geld investiert und keines zurückbekommen.»

Dass Giacobbo die mächtigste Figur im Schweizer Humor ist, ist unbestritten. Er kann Künstler mit Einladungen in seine TV-Sendung «Giacobbo/Müller» bekanntmachen, und er kann ihnen eine Auftrittsmöglichkeit im Casinotheater vermitteln, der führenden Kabarettbühne der Schweiz. Von diesen Möglichkeiten macht er gerne Gebrauch. Alle paar Jahre wird ihm dies von einem Journalisten vorgeworfen. Was die Kritiker ausblenden: Macht ist erst dann ein Problem, wenn sie missbraucht wird. Giacobbo kann man einiges vorwerfen – Dünnhäutigkeit, eine gewisse Selbstgefälligkeit, manchmal mässig lustige TV-Sendungen –, aber sicher keinen Machtmissbrauch. Im Gegenteil: Niemand betreibt so viel Nachwuchsförderung wie er, niemand hat so viel für die Szene getan, niemand versteht es, so viele unterschiedliche Künstler und potenzielle Geldgeber zusammenzubringen.

Das Casinotheater Winterthur ist zum wahren Schweizer Volkstheater geworden, einem Ort, wo Oswald Grübel, Moritz Leuenberger und ganz normale Besucher Seite an Seite ungezwungen ein Glas Wein trinken können. Ein Kulturbetrieb mit einer grösseren Ausstrahlung als manch ein hochsubventioniertes Haus. Giacobbo ist sich bei aller Zurückhaltung bewusst, wessen Verdienst das ist. Trotzdem gibt es Dinge, die ihm in seinem Theater missfallen. Schuld daran ist auch sein anderer Arbeitgeber, das Schweizer Fernsehen: «Wenn ich bei einer unserer Kabarettpremieren aus der Vorstellung komme und mir dann jemand von ‹Glanz & Gloria› das Mikrofon vor den Mund hält und fragt: ‹Herr Giacobbo,   färben Sie die Eier selbst an Ostern?›, werde ich richtig zickig.»

Eine ernsthafte Angelegenheit

26. April 2012, Weltwoche, von Rico Bandle

Dank Viktor Giacobbo ist das Casinotheater Winterthur zum Epizentrum des Schweizer Humors   geworden. In dem Haus fühlt sich Oswald Grübel […]

Heute wird Viktor Giacobbo sechzig. Und noch immer ist vollkommen unklar, wer dieser Mann eigentlich ist.Lieber rede er über Themen, die ihn wenigstens ein bisschen interessieren, sagte er kürzlich in einem Interview auf die Frage, weshalb er selten über sich Auskunft gebe. Befragen wir deshalb Viktor Giacobbos Musik- und Literaturgeschmack. Der lässt sich anhand der «CD-Playlist» und der Bücherliste auf seiner Website ermitteln.

Beginnen wir mit den Büchern. Giacobbo mag es voluminös, er ist folglich ein ausdauernder Leser. Ganz zuoberst steht «2666» des chilenischen Autors Roberto Bolaño. Der über tausend Seiten starke, erst posthum erschienene Roman setzt mit einer Mordserie ein, die sich an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ereignet und dann immer weitere Kreise zieht, um schliesslich ein rabenschwarzes Bild des 20. Jahrhunderts zu zeichnen.

Aufs Ganze geht auch Haruki Murakami in seiner Romanserie «1Q84», die inzwischen bei «Buch 3» angelangt ist. Ähnlich wie Bolaño schickt sich der japanische Autor an, den inneren Kern der Gesellschaft zu ergründen, dabei stösst er auf ein dunkles Konglomerat aus geheimen Machtzentren, skrupel- loser Gewalt und fixen Ideen.

Daraus schliessen wir messerscharf: Wie weiland Faust möchte Giacobbo wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die faustische Frage trieb auch Friedrich Dürrenmatt um, der im Verbrechen eine zentrale Antriebskraft vermutete; die umfangreiche Dürrenmatt-Biografie von Peter Rüedi («Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen») steht ebenfalls auf der Liste.

Dicke Post ist das, die man nicht so einfach aus der Hand legt mit dem beruhigenden Gedanken: «Es kommt schon gut.» Eher wird man zum Denken angeregt. Ganz besonders ist das bei Philip Roth der Fall. Von ihm hat Giacobbo «Nemesis» auf der Liste, ein Werk von archaischer Kraft, das Sigmund Freuds Einsicht bestätigt, dass das Glück von der Natur nicht vorgesehen sei. Unterhaltsamer, wobei man seinen Tiefgang nicht unterschätzen sollte, ist der Wiener Schriftsteller Wolf Haas («Auferstehung der Toten»).

Ein Intellektueller

Um die Übersicht zu erleichtern, blenden wir nun das Zwischenergebnis ein. Es mag all jene überraschen, die in Viktor Giacobbo vor allem einen harmlosen Spassmacher sehen: In ihm steckt ein intellektueller Mensch, der sich fürs grosse Ganze interessiert.

Auch in der Musik schätzt Giacobbo Dinge mit geschärftem Profil. Seine Liste umfasst ausschliesslich Rock, mit Ausfahrten in Richtung Folk (zum Beispiel Emmylou Harris) und Country («The Lost Notebooks of Hank Williams»). Fast ganz oben steht zweimal Jack White, zum einen mit den (inzwischen aufgelösten) White Stripes, zum andern mit der genialischen Band The Dead Weather; von den Ersteren das überragende «De Stijl», ein Album voll roher und ergreifender Musik.

Für eine würzig-männliche Note sorgt der unvermeidliche Aufbruch ohne Rückkehr, der in keinem guten Western fehlen darf und etwa von den Avett Brothers im feinen Folk-Album «I and Love and You» vorgetragen wird: «Load? the car and write the note / Grab your bag and grab your coat / Tell the ones that need to know / We are headed north …» beginnt der Titelsong. Auf der Liste ferner die dunkel-euphorischen Kanadier Arcade Fire («The Suburbs»), die Country-Rocker Wilco («The Whole Love») und die vielseitigen Cake aus Kalifornien («Showroom of Compassion»).

Giacobbo schätzt in der Musik edlere Fabrikate der höheren Preisklasse, die sich schon etwas bewährt haben, er ist aber durchaus bereit, Jüngeren eine Chance zu geben – solange sie aus Übersee stammen wie Manchester Orchestra aus Atlanta («Simple Math») und Okkervil River aus Austin, Texas («Im Am Very Far») – oder zumindest eine Verbindung dahin nachweisen können wie das schwedische Folk-Duo First Aid Kit («The Lion’s Roar»), das sage und schreibe auf Platz eins rangiert: zwei blutjunge Sängerinnen um die zwanzig, die mit einem Coversong der Fleet Foxes bekannt wurden.

Ein Zug ins Weite

Hinweise auf heimatgeschützte Produkte aus Switzerland, wie sie Fernsehprominente gerne geben, sucht man vergebens, auch finden sich keine Liedermacher, Panflöten und Streichquartette, ja nicht einmal Britpop. Erdverbunden muss es sein statt kopflastig, rockig im weitesten Sinn, einen Zug ins Weite soll es haben – der ferne Horizont leistet hier dasselbe wie bei den dicken Büchern der Tiefgang: Das Ende darf so schnell nicht abzusehen sein.

Zum Interesse an der Welt als Ganzes, soweit sie in Form von Geschichten präsentiert wird, treten somit die in der amerikanischen Musik gegenwärtigen Mythen; zur Freude am Auffinden verborgener Zusammenhänge tritt der Wunsch, aufzubrechen und alte Illu­sionen hinter sich zu lassen.

Was ist das also für ein Mensch? Wir vermuten, ein neugieriger, unternehmerischer Geist – er wird heute, das erwähnten wir bereits, sechzig Jahre alt. Herzliche Gratulation.

Herr Giacobbo, wer sind Sie eigentlich?

6. Februar 2012, Landbote, von Helmut Dworschak

Heute wird Viktor Giacobbo sechzig. Und noch immer ist vollkommen unklar, wer dieser Mann eigentlich ist.Lieber rede er über Themen, […]

Viktor Giacobbo wird am Montag 60. Warum er nicht darüber reden möchte und mit wem er an seinem Geburtstag streiten wird, sagt er im Telefon-Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Herr Giacobbo, sind Sie gerade beim Zmittag?

Nein, nein, bei mir gibts selten Mittagessen. Um diese Zeit endet bestenfalls das langgezogene Frühstück. Ich esse dann erst abends wieder richtig und zwischendurch viel Süsses.

Kommenden Montag feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Sie haben aber vorgängig per Mail geschrieben, dass Sie eigentlich gar nicht darüber reden wollen.

Nicht weil ich Schwierigkeiten damit hätte – ich rede einfach lieber über Themen, die mich wenigstens ein bisschen interessieren. Aber schiessen Sie nur los.

Liegt es denn am Geburtstag an sich, oder an der Tatsache, dass es der sechzigste ist?

Mir sind Geburtstage einfach nicht so wichtig, sowohl bei mir, als auch bei anderen.

Es gibt am Montag also nicht dieselbe Geburtstagstorte, die Ihnen schon die Mama gebacken hat?

Nein, ich hänge generell nicht so sehr an alten Zöpfen beziehungsweise Kuchen. Ich kenne viele Gleichaltrige, die nur noch an früher denken und vor mindestens 20 Jahren mit Neuerungen aufgehört haben. Deprimierend. Wenn man einigermassen neugierig bleibt, ist das Alter eine super Zeit, auch weil man gewisse Dinge nicht mehr tun muss, die man als jüngerer Mensch musste.

Zum Beispiel?

Am Wochenende zwingend ausgehen.

Sie haben gerade gesagt, man dürfe nicht stehen bleiben. Eine Kritik an Sie ist: Der Giacobbo, der bringt seit Jahren immer dieselben Figuren, einige sogar noch aus «Viktors Spätprogramm».

So? Und dann gibt es die andern, die sagen, ich solle Figuren wie Harry Hasler oder Fredi Hinz häufiger spielen. Bei einer halben Million Zuschauern gibt es halt die eine oder andere unterschiedliche Erwartung und das ist auch gut so. Zudem bringen wir bei «Giacobbo/Müller» regelmässig neue Figuren. Nicht nur von mir, sondern vor allem von jüngeren Komikern.

Nervt Sie die ewige Kritik? Mit 60 könnte man ja sagen, lasst mich doch alle in Ruhe, das habe ich nicht mehr nötig.

Komik ist immer Geschmackssache, deshalb muss ich Kritik wie jeder andere Künstler, egal welcher Branche, aushalten. Ich teile ja auch aus. Das Einzige, was mich nervt, ist, dass die meiste Kritik nicht zu einem kampflustigen Dialog führt. Wir versuchen das in unserer Sendung zu unterlaufen und schiessen deshalb auch zurück. Das sind sich die journalistischen Kritiker nicht gewohnt und reagieren zuweilen empfindlicher als die katholische Kirche.

Sie reden ungern von Ihrem Privatleben. Vor ein paar Wochen haben Sie selber von Ihren Ferien in Südafrika getwittert, wo Sie wegen eines Flugzeugschadens festsassen. Einige Medien berichteten tagelang davon und bei Ihrer Ankunft in Zürich wurden Sie und Ihre Freundin von Fotografen abgepasst.

Das einzige private Wort in meinen Tweets war «Kapstadt». So intim war das nicht. Es entstand eine witzige multilaterale Twitter-Debatte. Bei Twitter ist übrigens genau das möglich, was ich vorher erwähnt habe: Keine simple Einwegkommunikation. Jemand muss etwas zu sagen haben, die anderen reagieren, nehmen Gegenpositionen ein, machen Jokes. Das finde ich toll. Wenn Social Media, dann so.

Ist es Ihnen nicht ein Bedürfnis, hie und da richtigzustellen, wie Sie als Person wirklich sind?

Wieso sollte ich? Als Person bin ich nun wirklich nicht so interessant. Deshalb spielen Mike und ich ja gerade in unserer Sendung mit Pseudo-Privatem und verarschen den jeweils andern mit seinen angeblichen Vorlieben. Es macht Spass, dass die Leute nicht genau wissen, was nun wahr ist, und was nicht.

Aber so erfährt zum Beispiel niemand, dass Sie Indie-Rock mögen. Wer hätte das von Viktor Giacobbo gedacht.

Über diese Informationslücke wird die Welt hinwegkommen. Ich stelle seit Jahren meine persönliche Playlist auf meine Website. Die Leute, die das interessiert, kennen meinen Musikgeschmack schon lange und ich tausche mich mit einigen jüngeren Fans auch aus. Beim Indie- oder Alternative-Rock drücke ich den Altersdurchschnitt brutal nach oben. Dagegen checken viele Gleichaltrige nicht, dass es gerade in dieser Musikrichtung einige junge Bands gibt, deren Wurzeln im Pop-Rock der 70er-Jahre stecken. Wenn jemand die Beatles toll findet, wird er auch eine aktuelle Indie-Rock-Band finden, die seinen Musikgeschmack in etwa abdecken würde. Aber wie Radio DRS 1 offenbar vor 20 Jahren aufgehört hat, ein neues Musikstück zu senden, so hat eine ganze Generation aufgehört, Neues zu entdecken. Schade.

Interessiert Sie denn das Vergangene überhaupt nicht?

Doch natürlich, aber einfach nicht mit dieser dämlichen nostalgischen Verklärung. Damals war nicht einfach alles besser – ich zum Beispiel war ein ziemlich bornierter Welterklärer.

Gibt es Dinge, die Ihnen im Alter zu schnell gehen?

Nein, eher zu langsam, und zwar auf fast allen Gebieten. Ich bin eher ungeduldig.

Wäre jetzt die Zeit, nochmals etwas ganz Neues zu wagen? Ein letzter beruflicher Richtungswechsel sozusagen?

Was denn, Surflehrer auf Ibiza? Das klingt vielleicht kokett, aber ich habe nie über ein Jahr hinaus geplant. Bevor wir «Ernstfall in Havanna» drehten oder ich mit einem Kamel durch die Zirkusmanege galoppierte, habe ich nicht gewusst, dass ich mal sowas machen würde. Was unsere Sendung anbelangt, haben wir jeweils nur einen Vertrag für die laufende Saison. Ich habe ein paar Projekte im Kopf. Wenn die mal spruchreif werden, ist das okay und sonst halt eben nicht.

Sie haben ja Schriftsetzer gelernt. Das war ein starker Richtungswechsel zu dem, was Sie heute sind.

Nein, das war kein Richtungswechsel. Ich habe schon während meiner Lehre in wechselnden Gruppierungen Komik gemacht. Später wurden diese Dinge immer aufwändiger und ich arbeitete als Mediendokumentalist, um Geld zu verdienen. Übrigens hat mich das Fernsehen damals überhaupt nicht interessiert. Ich war sehr zufrieden auf der Bühne, bis mich jemand fragte, ob ich in einer Sendung Sketche aufführen wolle. Es hat sich also alles organisch entwickelt.

Eine Ihrer Figuren, Roger Schawinski, regt sich öffentlich darüber auf, dass man im Alter auf ein Abstellgleis geschoben und zwangspensioniert wird.

Nun, er ist als Pensionär mit seiner Sendung höchstens zeitlich auf einem Abstellgleis, nämlich nachts um elf. Dort gehe ich übrigens am kommenden Montag hin. An meinem Geburtstag.

Freiwillig?

Ich mache solche Dinge immer nur freiwillig. Es belustigt mich, den ewigen Kampf, den Roger und ich schon seit Jahren öffentlich aufführen, quasi als Jubiläum nochmals auszufechten.

Gehen Sie normal oder als «Schawinski»?

Ich gehe immer als normal. Aber vielleicht empfängt mich Roger als Dr. Klöti.

Wie halten Sie es mit dem Abstellgleis? Wollen Sie auch so lange wie möglich weitermachen oder gibt es Momente, in denen Sie selber finden, jetzt ist es genug?

Bisher habe ich immer gespürt, wann genug ist. Als ich mit «Viktors Spätprogramm» aufhörte, waren wir im Quotenhoch. Ich fand trotzdem, es sei Zeit zum Aufhören. Fünf Jahre lang war ich nicht mehr am Fernsehen und dachte, ich würde nie mehr fürs Fernsehen arbeiten. Nicht, weil ich mich verkracht hätte, sondern weil mich anderes mehr interessierte. Irgendwann war die Lust wieder da. So werde ich das auch in Zukunft halten. Vielleicht bin ich in fünf Jahren aber auch gaga und Mike muss mir das schonend beibringen. Ich habe zum Glück ein paar Leute in meinem Umfeld, die mich darauf hinweisen werden.

Hören Sie denn auf sie?

Aber sicher. Das ist der Vorteil, wenn man auch Freunde hat, die nichts mit der Branche zu tun haben. Bei denen bin ich nicht der TV-Promi, die sagen mir, wenn ich beruflich Scheisse gebaut habe.

Trifft Sie das nicht?

Nein, meistens kommt das ja nicht überraschend. Nach einer Sendung merke ich sofort, wenn das nicht das Gelbe vom Ei war. Mike und ich sind da gnadenlos mit uns selber.

Diesen Sonntag beginnt die neue Staffel von «Giacobbo/Müller». Gibt es etwas Neues?

Wir werden die Sendung nicht grundlegend neu erfinden, sondern freuen uns weiterhin, die News der Woche verbal und mit Sketchen zu kommentieren. Neuerungen entstehen bei uns in der Routine der einzelnen Sendungen und nicht, weil wir uns vor der Saison zu einem Creativity-Seminar zurückziehen und grosse strategische Planungen erstellen. Dazu sind wir zu schlampig.

Ein Wunsch zum Geburtstag?

Viel Geld und schöne Frauen.

Eine schöne Frau haben Sie doch schon!

Stimmt, fehlt nur noch das Geld. Ehrlich gesagt habe ich keinen Wunsch zum Geburtstag. Wünsche sind bei mir nicht an den Kalender gebunden. Auch wenn Leute in meinem Umfeld Geburtstag haben, kriege ich sofort eine Leere im Kopf und weiss nie, was ich schenken soll.

Über welche Art von Geschenken freuen Sie sich denn am meisten?

Über Leckereien natürlich! Das schönste Geschenk wäre, wenn man mich 24 Stunden lang in das Ladenlokal von Honold einschliessen würde, der besten Bäckerei in Zürich.

«Als Person bin ich nicht so interessant»

3. Februar 2012, Tagesanzeiger.ch/Newsnet, von Denise Jeitziner

Viktor Giacobbo wird am Montag 60. Warum er nicht darüber reden möchte und mit wem er an seinem Geburtstag streiten […]

Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger sind abgetreten, jetzt haben die jungen Polit-Parodisten das Sagen. Sie sind unverfrorener und haben ihren Mäzen in Viktor Giacobbo.Papst gibt zu: Wir stammen vom Affen ab.» So lautete die Schlagzeile in den Boulevardmedien, die Viktor Giacobbo auf eine Idee brachte. Im Trailer für seine Satiresendung «Viktors Spätprogramm» spielte er einen ­Pfarrer, der Affen Oblaten verteilt. Die Überlegung: Wenn der oberste Hirte die Evolutionstheorie anerkennt, werden auch Primaten für kirchliche Dienste diensttauglich. Eine pragmatische Sicht, ein programmatischer Schluss. Mit ­Folgen: Für die «Lächerlichmachung der ­Hostie» verurteilte ihn die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) mit Entscheid vom 7. März 1997 wegen Konzessionsverletzung.

«Lächerlichmachung der Hostie» also – nein. Lächerlichmachung von Politikern hingegen – ja. Man nennt diese Art der Verlachung politische Parodie, und der Parodisten-Quo­tient ist landauf, landab so hoch, dass man daraus schliessen muss: Die Schweiz, ein Volk von Untertanen, ist vernarrt in das Genre, das den Mächtigen ans Eingemachte geht. Die dienstälteste Satiresendung der Schweiz, «Zweierleier» mit Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger, wurde zwar abgesetzt – nach 28 langen Jahren – und ihre Bundesrat-Parodie «Telefon ins Bundeshaus» aus «Benissimo» gekippt, doch die Talente, die sie ersetzen werden, sind bereits da.

Unheilige Dreifaltigkeit

Aber was ist das denn, politische Parodie? Politische Parodisten wollen Führungspersönlichkeiten und Artverwandtem den Spiegel vorhalten und sie im Kern ihres Widerspruchs treffen. Die versteckte Botschaft, die in Moritz Leuenbergers hängenden Mundwinkeln wie eine Nudel klebt; die unausgesprochene Feindseligkeit einer schweren Ueli-Maurer-Lippe; die sandige Banalität, die ein gut imitierter Roger Federer verbreitet – das Lachen bricht aus, wenn uns die Erkenntnis überfällt. Der Parodist als Spiessgeselle des Publikums dreht den Spiess um, er macht die Verführer zu Vorgeführten. Er befreit uns von unserer Ohnmacht. Und von unserer Verführbarkeit für Führungsfiguren.

Doch ist pure Parodie bereits das Ziel? Wenn Parodie nur Imitation ist, bleibt der Parodist auf halber Strecke stehen. Inhaltlich abendfüllend ist gute Parodie nur, wenn sich Handwerk und Intellekt auf Augenhöhe treffen.

Fabian Unteregger zum Beispiel, auch er bereits strafrechtlich aufgefallen wegen rele­vanten Sauglattismus. Unteregger ist das naturgetreueste «Mörgeli»-Plagiat seit der Er-   findung des besagten Leiters eines Medizinhistorischen Museums. Oder David Bröckelmann. Als «Dr. Klapp» ist er der kabarettis­tische Forschungsreisende in die verquere Psyche der politischen Chorführer. Und Michael Elsener, der jüngste Hoffnungsträger des Genres. Elsener, engelsgesichtig, er ist der Sven Epiney unter den Stimmparodisten. Unteregger, ­Bröckel-   mann und Elsener verkörpern die unheilige Dreifaltigkeit der Parodie, das breite Spektrum der Gattung, drei Namen, drei Typen, jeder für sich mit eigenen Stärken und Schwächen.

Eine Gemeinsamkeit indessen haben sie, sie sind feste Grössen in der Sendung «Giacob-   bo/Müller – Late Service Public», und das mit Grund. Giacobbo ist der Schweizer Parodistenmacher. Wie viele andere Jungtalente auch sind Unteregger, Bröckelmann und Elsener von ihm persönlich, oder von der Redaktion der Sendung, entdeckt worden. So auch die hinreissende Frau mit der Tuba, Irene Brügger alias «Frölein Da Capo». Die Sendung ­«Giacob-   bo/Müller» war deren erste grosse Bühne, hier fanden sie ihr erstes grosses Publikum.

Was führt einen ehrenwerten Satiriker wie Giacobbo dazu, die böse Saat der Parodie in ­alle Winde zu streuen? Ist es seine Lust an subversiver Politarbeit? Das Gegenteil ist wahr. Es sind, so sagt er, kapitalistische Gesichtspunkte. Es ist das Gesetz von Angebot und Nach-   frage. Konkurrenz belebt das Geschäft. «Je mehr Satiresendungen es gibt, umso besser ist es für uns.» Giacobbo begeistert sich also nicht ganz selbstlos für junge Talente; doch er versteht es als sein persönliches Anliegen, Newcomern ein Podium zu verschaffen. Sei’s in seinem ­satirischen Wochenrückblick, dort handfest sogar als Regisseur der Sketche, der den Jungen das schauspielerische Handwerk beibringt, sei’s auf der Theaterbühne.

Er und sein Koautor Markus Köbeli, Partner von Birgit Steinegger, schrieben im Übrigen auch zehn Jahre lang die Texte für Walter ­Andreas Müller. Giacobbo und Köbeli waren die Ersten, die den Schauspieler als Parodisten vor eine Fernsehkamera holten, 1990 in «Viktors Programm». Doch im flüchtigen Medienzeitalter kann nicht Vergangenheit, sondern muss Zukunft interessieren. Und diesbezüglich steht fest: Giacobbos Casinotheater in Winterthur ist eine Talentschmiede und das einzige Haus dieser Grösse, das Nachwuchsförderung als Programm betreibt. Regelmäs-   sige Gefässe wie die «Frischlingsparade», die Weihnachtsvorstellung «Stille kracht», der satirische Jahresrückblick «Bundesordner» oder der «Casino-Slam» sind die Spielplätze junger Parodisten-Hunde; «Frölein Da Capo» zum Beispiel fiel Giacobbo bei einem «Casino-Slam» auf, David Bröckelmanns Entdeckung geschah indirekter, er schickte ihm eine Arbeitsprobe auf DVD.

Dass das Publikum für Neues offener ist, als manche Experten mutmassen, hat Giacobbo am eigenen Leib erfahren. Seiner Pionier­sendung «Viktors Programm» (1990 bis 1994), dem Mix aus Polit-Parodie und Talk mit den Parodierten, gaben Medienspezialisten anfänglich wenig Chance. Erst seit die Neuauflage «Viktors Spätprogramm» (1995 bis 2002) und, ab 2008, «Giacobbo/Müller», wofür die Fernsehverantwortlichen fünf Jahre lang an Giacobbos Tür bettelten, in Spitzenzeiten ­einen Marktanteil von bis zu 57 Prozent haben, sind seine Kritiker ohne Argumente. Unbestritten dabei ist: Die Parodien sind das Kernstück der Sendung, sie sind ausschlaggebend für ihren Erfolg. Und Erfolg hat, was sofort unterhält und unmittelbar belustigt. Ob der portierte Nachwuchs dereinst die Klasse eines Klassikers hat, wird er noch beweisen müssen. ›››

Immerhin, die Konzessionsverletzung von 1997 ist bis heute die einzige ge­blieben. Politische Parodie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist salonfähig geworden. Unverändert aber blieb offenbar die Kritikunverträglichkeit zweier gewiss wesensver­wandter Berufsgruppen. Viktor Giacobbo: «Die Empfindlichsten sind Kirchenleute und Journalisten.»

Der Schöne _ Eine Sketch-Show für seine Mitschüler, der Deutschlehrer gab ihm regelmässig frei, um das Programm auszuarbeiten – Michael Elseners Karriere war früh auf der Spur, auf der er heute ist. Der Zuger, der später Politikwissenschaft studierte und sein Lizenziat über Comedy schrieb, hat drei Stärken, alle hilfreich, um sich ins Herz der Zuschauer zu spielen. Zwei der drei Talente sind allerdings nicht erarbeitet, sondern geerbt: seine blauen Augen und sein blonder Lockenschopf.

Michael Elsener ist der beste Parodist von Kurt Aeschbacher, denn der jugendliche Kabarettist hat mit dem dauerjugendlichen Moderator eine Gemeinsamkeit – beide sind der Traum aller Schwiegermütter. Die höheren Weihen in «Giacobbo/Müller» erhielt Elsener bereits mit 22 Jahren, mit einem Hanf-Medley im November 2008. Im selben Jahr und mit seinem ersten Programm «Schlaraffenland» gewann er den «Kleinen Prix Walo», als ­jüngster Nominierter in der Sparte Kunst. Nach dem Programm «Copy & Paste», einer ­Innenschau ins Handwerk der Parodisten, sprich Politiker, hat er nun sein drittes geschrieben, «Stimmbruch». Figuren im blitzschnellen Rollenwechsel, klassisches Nummernkabarett und als Highlight die Karikatur eines furiosen Langweilers: Didier Burkhalter, wie man ihn kennt und schätzt. Zumindest als Parodierten.

Der Schönböse _ David Bröckelmann ist kein Autodidakt wie die meisten seiner Kollegen, er hat das Theaterhandwerk von der Pike auf gelernt. Er besitzt ein eigenes Ensemble, «Das Theater am Weg», arbeitet seit mehr als fünfzehn Jahren als Darsteller und Regisseur im In- und Ausland, im Theater, in Film und Fernsehen und ist in Basel ein beliebter Charivari-Schauspier. Neben seinen Auftritten als Imitator und Kabarettist entwirft er szenische Stadtrundgänge für Basel Tourismus und schreibt eigene Texte.

Seine Komik ist genial-skurril, besteht aus der Beherrschtheit seiner Figuren – und seine beste ist Matthias Hüppi. Bei ihm nimmt der Sportreporter shakespearesche Züge an, beziehungsweise eine klassische Schwundform: Hüppi wird zu einem Ostschweizer Malvolio. Bröckelmanns überraschendstes Meisterstück ist kein Kabarettprogramm, sondern ein satirisches Hörspiel. Es heisst «Promis auf Achse» und verschneidet Plattitüden mit Cerve-   lat (-Prominenz) und mit der Suche nach dem Heiligen Gral. Das ist ein Ohrwurm, dem man einen idealen Förderer – und uns mehr davon wünscht.

Der Böse _ Er ist der Wahnsinnige unter den Verrückten, der Champion in der Liga der Imitatoren, der Zürcher Fabian Unteregger. Er ist unser Stück Monty Python diesseits des Kanals. Hintersinnig, schwarzhumorig, absurd. Er ist der begabteste Autodidakt seiner Zunft. Hier wird Parodie zu Politsatire und damit zur Kunstform.

Fabian Unteregger, 34 Jahre alt, hat drei Studienabschlüsse in der Tasche, und sein letztes Fach, Medizin, schärft seinen Blick für die ­Physiognomie potenzieller Neuzugänge in ­seinem Parodisten-Repertoire. Der Theatersport-Europameister 2008 besitzt die internationale Privatpilotenlizenz und beherrscht mindestens fünf Fremdsprachen. Als letzte kam Schwedisch dazu, da dieses wie Deutsch ­klinge, «wenn man Wein im Mund hat».

Präzise in Mimik, Gestik und genialisch in der Stimmführung, hat dieser Neue das Potenzial, dereinst in die Liga von Giacobbo auf­zusteigen. Das hat auch das Radio entdeckt. ­Jeden Freitagmorgen zwischen 6.30 und 8.30 Uhr präsentiert Unteregger auf DRS 3 live ­seinen Comedy-Aufwisch der Woche «Zum Glück ist Freitag».

Weniger Glück hatte er letzten Sommer auf Giacobbos Heimterritorium, Winterthur. Kostümiert mit einer echten Polizeiuniform, kontrollierte er vor versteckter Kamera (des Schweizer Fern­sehens) ahnungslose Velofahrer. Bussen ­drohte er den Verängstigten an, und dies offenbar so überzeugend, dass der VCS gut und   gerne Klage hätte erheben können wegen ­«Lächerlichmachung der Pedalisten». Unter­eggers martialische Parodie beschäftigte zwar das Winterthurer Parlament, aber sie führte zu keiner Klage wegen Konzessions­verletzung. Doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Plagiat ohne Pardon

26. Januar 2012, Weltwoche, von Daniele Muscionico

Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger sind abgetreten, jetzt haben die jungen Polit-Parodisten das Sagen. Sie sind unverfrorener und haben […]

Uraufführung der «Nepotistan-Affäre» im Casinotheater Winterthur: Ein Unheilbarer findet zur Realität zurück und treibt ein Irrenhaus zum Wahnsinn. In Annäherung an ein Stück jüngere Schweizer Geschichte ist dem Casino mit der «Nepotistan- Affäre» ein politischer Schwank mit Witz und Tempo gelungen.Die Vorgeschichte ist bekannt, die Details sind fiktiv. Im Alleingang und erfolglos hatte Bundespräsident Paul Jenni (Hanspeter Müller-Drossaart) versucht, zwei Schweizer Ornithologen aus der Geiselhaft in «Nepotistan» zu befreien. Der Bundesrats-Jet flog heim mit zwei leeren Vogelkäfigen. Jenni wurde abgewählt, als Einziger hat er es nicht realisiert. Also residiert er in einer Anstalt am Zürichberg und treibt gemeinsam mit seinen Mitbewohnern Jesus und Henri Guisan die Chefärztin (hinreissend gespielt von Esther Gemsch) beharrlich an den Rand des Wahnsinns. Regie führt Stefan Huber.
Gefangener Befreier

Es beginnt harmlos. Mit landesväterlicher Attitüde residiert der Abgewählte in der noblen Klinik, mit den Gedanken stets «in Bern oben». Er erteilt Weisungen zur Geiselaffäre und merkt nicht, dass er selbst zum Gefangenen einer ehrgeizigen Anstaltsleitung geworden ist. Im Gefühl der Überlegenheit versucht er auch, «Jesus» (László I. Kish) von seiner Wahnvorstellung zu befreien. Doch die Heilung durch Gegenüberstellung mit einem zweiten Sohn Gottes (Daniel Ludwig) scheitert, die beiden verbrüdern sich in penetranter Sanftmut und können alles erklären. Selbst die mitunter derbe Ausdrucksweise der Heiligen sei nicht neu; schliesslich hätten nicht all ihre Worte Eingang gefunden in die Bibel.

Zwischendurch überwacht Guisan (Rolf Sommer) mit dem Feldstecher den Zürichsee und entdeckt immer wieder Verdächtiges. Bald hält er die Fähre Meilen–Horgen für einen getarnten Flugzeugträger, bald wittert er am Ufer süddeutsche Taliban. Der stramme General in kurzen Hosen will alles sofort dem Bundesrat weitermelden, am liebsten direkt an Pilet-Golaz.

Im richtigen Bundeshaus werden derweil Pläne geschmiedet. Die Vorsteherin des EDA – auch im Stück trägt sie einen welschen Doppelnamen – entsendet einen Unterhändler (David Bröckelmann) in die Klinik am Zürichberg, um Jenni Erkenntnisse aus seiner gescheiterten Mission beim Geiselnehmer zu entlocken. Doch dieser gibt nichts preis, und weil in der Not selbst ernste Menschen erfinderisch werden, arrangiert der Unterhändler kurzentschlossen am Zürichberg ein Geheimtreffen mit dem unberechenbaren Diktator aus Nepotistan.

Dem Alt-Bundespräsidenten wird aufgetischt, seine Abwahl sei ein Täuschungsmanöver gewesen und der Aufenthalt in der Anstalt diene dem persönlichen Schutz. Er lässt sich überzeugen und spielt mit, aber die Tarnung der Klinik als Nobelresidenz hat ihre Tücken. Wertvolle Gemälde sollen ein staatstragendes Ambiente schaffen. Die Direktorin weiss, dass ein ebenfalls Abgewählter dem Haus nach seinem Aufenthalt Anker-Bilder vermacht hatte, aber die seien ein für alle Mal «politisch besetzt». Die Wegweiser zur Klinik werden verhüllt, doch ein findiger Journalist wird aufmerksam. Man erfindet ein Kunstprojekt von Christo und legt den Neugierigen mit kiloweise Fachliteratur und Erklärungen lahm.
Störfall Realitätssinn

Eine dramatische Wendung nimmt das Stück, als Jenni spontan seinen Realitätssinn wieder findet. Der geniale Plan des Abgesandten aus dem EDA droht zu platzen, der psychische Stress übermannt jetzt die Gesunden. Doch als bekennender Alt-Bundesrat und jetzt freier Bürger beschliesst Jenni im Interesse des Landes, die List nicht zu torpedieren. Er mimt den noch Amtierenden und bringt es schliesslich fertig, den wirren Auftritt des Diktators (Daniel Ludwig) für einen Verhandlungserfolg zu nutzen. Der Durchbruch hat aber seinen Preis, dem Diktator muss erlaubt werden, auf dem Rütli zu zelten.

Die Kombination aus Anstalt und Politik ist in der Satire bewährt und könnte zu Plattitüden verleiten. Die Autoren (Domenico Blass und Viktor Giacobbo) haben der Versuchung widerstanden und lassen es nicht auf Teufel komm raus krachen. Mit dosierten Respektlosigkeiten lassen sie auch Raum für feine Töne, nicht alles muss mit Hintersinn erschlagen werden. Gewitzte Unterhaltung, gespickt mit putzmunteren Anspielungen auf Prominenz aus Politik und Gesellschaft.

Nach zwei kurzen Stunden das Schlussbild: Blick aus dem Zelt des Diktators, auf dem Rütli tauchen Jesus und Guisan auf. Respektlos, frech und auch heimelig.

Casinotheater Winterthur, 1. September. Weitere Aufführungen: jeweils Dienstag bis Samstag, 20 Uhr. Bis 1. Oktober.

Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG

Staatskrise in der Anstalt

3. September 2011, Neue Zürcher Zeitung, von Florian Sorg

Uraufführung der «Nepotistan-Affäre» im Casinotheater Winterthur: Ein Unheilbarer findet zur Realität zurück und treibt ein Irrenhaus zum Wahnsinn. In Annäherung […]

Sie sind die Staatenbildner unter den Satirikern. Viktor Giacobbo und Domenico Blass haben die Komödie «Die Nepotistan-Affäre» geschrieben. Im September kommt dieses Stück Schweiz im Casinotheater zur Premiere.Es ist ein Ernstfall. Zwei Schweizer werden in einem Land, das eine Trallala-Diktatur ist, zur Geisel genommen. Der Grund: Die Schweizer Behörden haben den Sohn des Despoten hopsnehmen lassen, dafür soll das ganze Land nun büssen. Der Bundespräsident düst schnell hin, um die Sache zu bereinigen, allein: Die Aktion scheitert grandios. Die Konsequenz: Der Bundespräsident wird vom Parlament abgewählt, das akzeptiert er nicht und hält sich weiter für den Präsidenten. Aus diesem Grund wird der in die Psychi eingewiesen – ex und hop geht auch in einer Demokratie. In Sachen Geiseln will der Despot aus Nepotistan dann aber nur mit seinem Pendant in der psychiatrischen Klinik verhandeln, das Bedürfnis nach Grösse verbindet. So wird der Wahnsinn zum Sonderfall der Konkordanz. Gebraucht wird aber: der gesunde Verstand. Erinnert das uns nicht an eine andere Geschichte?

Hollywood hätte aus dieser Affäre, die grösser als das Leben in Wirklichkeit ist, schon längst einen Film gemacht. Der Titel hiesse vielleicht «The Mission», und zu sehen wäre der Zusammenstoss zweier Systeme in einer Art Operetten-Manier.

Unterbreitete man aber der Schweizer Filmkommission eine solche Geschichte, sie würde sagen: Erstens: zu oberflächlich. Zweitens: Frauenanteil zu gering. Drittens: Ausländerpro- blem nicht so richtig abgehandelt. Alles in allem: Gesuch abgelehnt.

Innenpolitischer Schwank

Die Pointe von der Filmkommission ist von Viktor Giacobbo und Domenico Blass. Sie sitzen im Casinotheater und erzählen von ihrem neuen Projekt. Die beiden kennen sich eben auch in Schweizer Filmpolitik light aus. Von ihnen stammen die Drehbücher für «Ernstfall in Havanna» und auch «Undercover». Jetzt haben Giacobbo/Blass die Geschichte der Nepotistan-Affäre geschrieben. Es ist wieder ein Versuch, die Schweizer Geschichte in der Möglichkeitsform zu zeigen. Diesmal als einen innenpolitischen Schwank, nach Vorlage Libyen/Merz.

Der Schweizer Film hat aber mit Querstrichen Mühe. Es ist eigentlich schon eigenartig, sagt Viktor Giacobbo, dass von der jüngsten Vergangenheit der Schweiz im Kino nichts zu sehen ist. Keine Rede von der Nähe der Politiker zur Presse, sprich Boulevard. Nichts von den grossen Schweizer Plänen und Abläufen, Stichwort Nagra und das Atomendlager. Nichts von der Konkordanz, die ein spannendes Thema ist. Nichts vom heute so grassierenden Bilderbuchpatriotismus. Nichts auch von der Armee, fügt Domenico Blass an. Nichts auch von Filippo Leutenegger, sagt Viktor Giacobbo. Und so sitzt man in der Schweiz auch meist im falschen Film.

Ein Heimspiel

Aber dafür gibt es ja zum Glück immer noch das Theater. Im September kommt «Die Nepotistan-Affäre» im Casinotheater Winterthur zur Premiere, Untertitel: Ein Diktator, ein Bundesrat und eine Geiselnahme. Da ist viel Schweiz drin. Und auch die grosse Welt. Also ein Heimspiel, im besten Sinn.

Ein Schwank. Eine Groteske. Man muss die Sachen ein bisschen verdrehen, damit sie deutlicher zu sehen sind, sagt Domenico Blass zur Anlage der «Nepotistan-Affäre». Zusammen mit Viktor Giacobbo hat er für die Satiresendung des Schweizer Fernsehens «Giacobbo/Müller» den Handel und Wandel im Figurenkabinett von «Schweiz aktuell» in den Texten plastisch gemacht – der Querstrich ist auch hier Programm. Die «Nepotistan-Affäre» bringt nun alles an einem Stück – das ist mehr als Fernsehen, Satire quasi in 3-D. Und in einem Stück können die Details viel besser ausgearbeitet werden.

Giacobbo/Blass sind eigentliche Landvermesser, sie «verändern politische Ereignisse aus jüngster Zeit bis zur Kenntlichkeit». Die «Nepotistan-Affäre» ist auch in anderer Hinsicht ein Modellfall.

Denn eine solche Produktion kann nur im Casinotheater gemacht werden. Die «Nepotistan-Affäre» zeitigt auch die Besonderheiten dieses Hauses: Was für andere nur eine Möglichkeitsform bleibt, wird hier Wirklichkeit. Die Voraussetzung: Alle verstehen sich auf die Sache. So ist es mit den Autoren. Wer ist im Schreibprozess der Diktator? Wer der Demokrat? Gibt es Geiseln? Domenico Blass und Viktor Giacobbo lachen. Es geht nur zusammen. Parallel haben sie das Stück geschrieben. Und die beste Idee gewinnt. Es gibt hier keine grosse Neigung zur Konkordanz. Und auch nicht zur ewigen Basisdemokratie: «So kommt kein Stück zusammen.»

Glücksfall Casinotheater

So ist es auch mit der Technik des Hauses. «Wir haben hier fantastische Leute», sagt Giacobbo, und sie machen alles, dass jedes Theater gut über die Bühne geht. Am 1. August muss schon das Bühnenbild stehen, damit mit den Proben für die «Nepotistan-Affäre»begonnen werden kann. Es wird stehen. Alles ordnet sich der Produktion unter.

Und dazu kommen natürlich noch die Superschauspielerinnen und -schauspieler, die für dieses Stück Schweiz aufgeboten wurden. Alle sind mit dem Haus verbunden, und einige zeigen sich in einer ganz neuen Rolle. Zu sehen sind: Hanspeter Müller-Drossaart, Esther Gemsch, David Bröckelmann, Rolf Sommer, László I. Kish und Daniel Ludwig. Ein Figurenkabinett mit allen Möglichkeiten. Regie führt Stefan Huber.

Und noch ein Detail: Wo -istan steht, ist keine Demokratie drin. Das ist mehr oder weniger allen klar. Was macht aber ein Nepot? Da kann man Wikipedia fragen, und Wikipedia sagt, das ist so etwas wie ein Nevö. Am einfachsten ist, ins Casinotheater zu gehen, um zu sehen, wie das Wort die Welt regiert. Der Ernstfall hat schon begonnen.

***

Die Nepotistan-Affäre
Ein Diktator, ein Bundesrat und eine Geiselnahme. Casinotheater Winterthur, Premiere 1. September. Aufführungen bis 1. 10.

www.casinotheater.ch

Die Landvermesser

20. Juli 2011, Landbote, von Stefan Busz

Sie sind die Staatenbildner unter den Satirikern. Viktor Giacobbo und Domenico Blass haben die Komödie «Die Nepotistan-Affäre» geschrieben. Im September […]

GENF – Für einmal ist es unserm schärfsten Satiriker Viktor Giacobbo todernst: Er will einen Kollegen aus dem Knast holen. Dafür reiste er heute nach Genf.

Dies ist sein Verbrechen: Er hatte die Militärdiktatoren von Myanmar (Burma) kritisiert: Sie würden ihr eigenes Volk nach dem tödlichen Wirbelsturm Nargis 2008 im Stich lassen. Und Hilfsgüter nicht weiterleiten. Seine Strafe: 35 Jahre Gefängnis. Die Rede ist von Zarganar, dem mutigsten Komiker des südostasiatischen Landes.

Rund 8000 Kilometer entfernt klopfte sein Kollege Viktor Giacobbo (59), der schärfste Satiriker und Komiker der Schweiz, heute bei der Vertretung von Myanmar in Genf an. Zusammen mit Daniel Graf von Amnesty International Schweiz überreichte er eine Petition, die die Freilassung von Zarganar fordert.

Blick.ch bekam Viktor Giacobbo im Zug nach Genf ans Handy. «Warum setzen Sie sich für einen Komiker ein, den hier niemand kennt?» ─ «Wir arbeiten in der gleichen Branche. Ich aber praktisch ohne Risiko. Da fühle ich eine Verpflichtung, mich für den Kollegen zu engagieren.»

Und was erlebt er selber an negativen Reaktionen? Giacobbo: «Ich kriege natürlich Drohungen und böse Mails.» Aber das gehöre zum Geschäft. Wer austeile, müsse halt auch einstecken können. Versuche, ihn per Gericht mundtot zu machen, habe er aber noch nicht erlebt.

Schon 25´000 Unterschriften gesammelt

In der Schweiz war die Kampagne ein voller Erfolg. Amnesty hatte einen TV-Spot mit Giaccobo als politischem Häftling aufgenommen: «Ich han e kei Ahnig woni da bin. Sie händ mir dAuge verbunde und händ mi da anä bracht. Ich bi zu 35 Jahr Haft verurteilt worde, will ich Witz über dä Bundesrat gmacht han», sagt der Satiriker mit trübem Blick in die Kamera. Auf Youtube wurde das Video schon mehr als 60´000 Mal angeschaut. Und 25’000 Personen haben bereits die Petition unterschrieben.

Aber könnte es seinem fernen Kollegen nicht schaden, wenn in der Schweiz Druck gemacht wird? «Im Gegenteil», ist Giacobbo überzeugt. Denn: «Nichts fürchten undemokratische Machthaber mehr als öffentliche Kritik!» Das würden Amnesty-Kampagnen immer wieder zeigen. Zum Beweis erklärt der Komiker in Diensten von Amnesty International, einige ebenfalls festgenommene Kollegen des inhaftierten Zarganar seien bereits freigekommen.

Giacobbo schiesst gegen Burma

17. Juni 2011, Blick Online, von Michael Scharenberg

GENF – Für einmal ist es unserm schärfsten Satiriker Viktor Giacobbo todernst: Er will einen Kollegen aus dem Knast holen. […]

Satiriker Viktor Giacobbo über «Giacobbo/Müller» als Geldquelle, seine Pläne für einen neuen Film, sein Engagement für Amnesty International und einen Heiratsantrag vom Trapez herunter

Er fährt mit dem Velo vor, springt die Treppenstufen zum Haupteingang des Casinotheaters hoch und führt die Besucher ins grosse Sitzungszimmer im ersten Stock. Viktor Giacobbo, Verwaltungsratspräsident der Casinotheater Winterthur AG, TV-Moderator, Kabarettist, Schauspieler, hat eine neue Freundin, eine neue Wohnung in Winterthur und ein neues Filmprojekt. Ganz schön viel für einen 59-Jährigen, der sich in Interviews regelmässig als faul bezeichnet.

Zusammen mit anderen Künstlern und privaten Geldgebern hat Giacobbo das 130-jährige Casinotheater 2002 zu neuem Leben erweckt – mit Theaterbühne, Festsaal, Bar und Restaurant. In dem Haus stecke fast sein ganzes Vermögen, dafür könne er hier immer gratis essen, erzählt Viktor Giacobbo und setzt sich.

Herr Giacobbo, wo hatten Sie Ihren allerersten Auftritt?

Hier – im Casinotheater Winterthur.

Wie bitte?

Ja, im Sitzungszimmer vis-à-vis. Ich war 18, ein Leutnant unterhielt sich mit mir, es ging um die Aushebung für die Rekrutenschule.

Sie spielten etwas vor?

Ich bereitete mich auf das Gespräch vor, indem ich drei Nächte nicht schlief und sehr viel Kaffee trank. So kam ich bleich und mit Augenringen her und schrieb einen schwurbeligen Aufsatz. Die Diagnose des Leutnants: Drogen!

So drückten Sie sich um den Militärdienst?

Ja, ich musste allerdings zweimal auftreten. Beim zweiten Mal war der Befund: Es ist noch schlimmer geworden mit den Drogen.

Jetzt kennen wir die Entstehungsgeschichte Ihrer Figur Fredi Hinz, des bekifften Obdachlosen aus «Giacobbo/Müller».

Ja, ich spielte eine Frühform von Fredi Hinz – allerdings noch ohne Plastiksack. Und wirklich verladen war ich auch nicht.

Nun drücken Sie sich vier Monate lang ums Sendungmachen: «Giacobbo/Müller» macht bis Anfang Oktober Sommerpause. Der beste Gag, den wir je von Ihnen gehört haben!

Das ist eher eine Sende- als eine Sommerpause. Mike Müller und ich machen nur 30 Sendungen pro Jahr, damit wir Zeit für andere Projekte haben. Und natürlich mache ich im Sommer auch Ferien.

Wohin fahren Sie?

In die USA, wie so oft.

Wieso?

Die USA sind ein spannendes Land, zum Reisen und zum Wandern. Dann habe ich dort einige Freunde. Und in den USA kennt mich keine Sau.

In einem Ferienresort in Thailand wäre das anders?

Ja. Es gibt natürlich auch in den USA gewisse Orte mit Schweizer Touristen, die mich ansprechen.

Sie lieben teure Resorts.

Ich mag die Abwechslung: Im letzten Sommer war ich in Sumatra, habe auf einer Pritsche im Urwald übernachtet. Dann als Kontrast in ein schönes historisches Hotel – wieso nicht?

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli will die TV-Gebühren halbieren und die SRG zum Sparen zwingen. Gibt es Ihre Sendung im Herbst gar nicht mehr?

Möglich. Aber wenn man ausrechnet, wie günstig wir produzieren, dann können wir es mit vielen Sendungen des Schweizer Fernsehens aufnehmen – erst recht, wenn man die Kosten mit den Zuschauerzahlen vergleicht. Kollegen, die im Ausland ähnliche Sendungen machen, kriegen zudem eine mehrfach höhere Gage als wir.

Wie hoch ist Ihre Gage?

Lassen wir die Gage. Wenn ich einen Abend als Fredi Hinz auftrete, erhalte ich dafür mehr als für eine Sendung «Giacobbo/Müller», auf die ich mich mehrere Tage vorbereite.

10 000 Stutz pro Fredi-Hinz-Auftritt?

Nein, Fredi kriegt nur zwei. Ich lange etwas kräftiger zu.

Rickli ist die umtriebigste SRG-Gegnerin – und sie bezeichnet «Giacobbo/Müller» als eine Ihrer Lieblingssendungen. Was machen Sie falsch?

Fast alle Politiker schauen gern unsere Sendung, wir machen politische Unterhaltung und verschonen dabei keine Partei. Man muss auch sagen, dass Frau Rickli nicht nur die umtriebigste SRG-Gegnerin ist, sondern auch eine gut bezahlte Lobbyistin. Sie verdient Geld mit den Werbefenstern ausländischer Privatsender.

«Giacobbo/Müller» läuft seit bald dreieinhalb Jahren. Ihre Bilanz?

Mike und ich haben immer noch Spass an der Sendung, und das zahlreiche Publikum offenbar auch. Zudem sind wir bei den Podcasts und den Internet-Downloads Nummer 1 – wobei die Downloads in den Zuschauerstatistiken nicht erfasst werden.

Das Highlight Ihrer Sendung sind die Sprüche zur Wochenaktualität und die Sketches. Ihre Politiker-Interviews sind dagegen oft zum Einschlafen.

Gut für Sie! Aber einige Leute finden die Interviews das Highlight, andere die Sketches, wieder andere die auftretenden Künstler. Das ist Geschmackssache. Man muss machen, was man selber gut findet. Der Massstab ist das, was Mike und mir gefällt. Wenn einer nur Pointen mag, dann ist er sicher kein Fan von Gesprächen.

Kürzlich war SVP-Ständerat Adrian Amstutz in der Sendung – und im Publikum hörte man fast niemanden lachen.

Er ist ja auch kein Komiker. Wieso sollte da jemand lachen?

Weil das Publikum «Giacobbo/Müller» schaut, um zu lachen.

Der Talk mit Amstutz ist beim Publikum sehr gut angekommen. Sie müssten mal im Livepublikum sitzen, um die Reaktionen beurteilten zu können.

Das Publikum hat sich gekrümmt vor Lachen?

Nein, das muss es auch gar nicht. Wir machen eine «Late-Night»-Sendung mit satirischen Elementen. «Late Night» heisst: eine nette Plauderei zu später Stunde.Hinzu kommt, dass wir mittlerweile eine der wenigen Unterhaltungssendungen sind, bei der weder künstliche Lacher noch Applause eingespielt werden und weder eine Signaltafel noch ein Aufnahmeleiter das Publikum zu Reaktionen nötigt.

Im Vergleich zu «Harald Schmidt» oder zur «Daily Show» wirkt «Giacobbo/Müller» sehr nett, sehr schweizerisch.

Wie soll sie denn wirken? Argentinisch? Die SonntagsZeitung wirkt gegenüber der «New York Times» auch schweizerisch. Deshalb braucht niemand einen Minderwertigkeitskomplex zu kriegen. Tatsache ist, dass ausländische Künstler – wie Josef Hader, Gerhard Polt oder Django Asül – gerne zu uns kommen, weil sie unsern eigenen Stil ausgesprochen mögen. Richtig ist aber auch: Wir sind mal besser, mal schlechter.

Üben Sie mit Ihrer Sendung politischen Einfluss aus?

Nein. Ich glaube, wir verstärken beim Publikum höchstens die schon vorhandenen Meinungen. Aber ich höre von jungen Menschen immer wieder, dass sie unsere Sendung schauen und sich daraufhin für Politik zu interessieren beginnen. Das ist für mich ein schönes Kompliment.

Ihr Fernsehkollege Matthias Aebischer will in den Nationalrat. Sie auch?

Ich? Nein! No way!

Wieso nicht?

Ich wäre zu faul. Parlamentarier müssen unglaublich viele Akten studieren. Bei Exekutivmitgliedern kommt das Konkordanzprinzip hinzu. Da wäre ich eine Fehlbesetzung.

Wen wählen Sie bei den nationalen Wahlen im Oktober?

Sicher Leute aus dem grünen Lager: Grüne, Grünliberale, aber auch einige Sozis und echte Gesellschaftsliberale, vormals Freisinnige. Es gibt nicht die eine Liste, die mich restlos überzeugt. Die deutschen Grünen könnte ich vorbehaltlos wählen. Die einheimischen haben leider ein sehr biederes Führungspersonal.

Sie meinen Ueli Leuenberger?

Ja, ihm und seiner Crew wünschte ich etwas weniger dröge Moral und etwas mehr humorvolle Kampfkraft.

Sie stehen politisch links. Macht Ihnen die Überfremdungsdebatte Angst?

Mich beschäftigt vor allem, mit welch einfachen Schlagwörtern man Volksinitiativen gewinnen kann. Das «Bireweichste» war die Anti-Minarett-Initiative – in einem Land mit drei, vier Minaretten! Jetzt sind die Ausländer sogar an der Atomenergie schuld. Bedenklich auch, wie aus dem einst wertfreien Begriff «Asylant» ein eigentliches Schimpfwort gemacht worden ist.

Wer ist der lustigste Politiker der Schweiz?

Schlagfertig ist Alexander Tschäppät, der bringt Pointen und schlägt zurück, wenn man ihn angiftelt. Es macht auch Spass, mit Toni Brunner zu streiten.

Sie führen die Gespräche, Mike Müller sitzt daneben, macht eine Bemerkung – und holt die Lacher ab. Stört Sie das nicht?

Nein, wieso auch? Mike und ich führen keine Prestigekämpfe gegeneinander, null, nichts. Schön finde ich, dass Sie offenbar doch einige Lacher gehört haben.

Wie eitel sind Sie?

So eitel, wie man in diesem Beruf sein muss. Eitelkeit stört nur dann, wenn sie neidisch auf andere macht, die Erfolg haben. So bin ich nicht. Im Gegenteil. Ich hole gern junge Talente in die Sendung.

Egozentrisch?

Nein, aber manchmal ein bisschen bestimmend.

Sie engagieren sich in einer Kampagne von Amnesty International für den burmesischen Komiker Zarganar, der zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde. Warum gerade dieses Engagement?

Ich unterstütze Amnesty seit langem. Ich habe der Organisation beispielsweise den Telepreis gespendet. Damals fragte ich Amnesty, ob es nicht Berufskollegen gebe, die wegen ihrer Tätigkeit im Gefängnis sitzen. So kam ich dazu, zwei burmesische Komiker zu unterstützen. Jetzt kam Amnesty auf mich zu, wieder ging es um einen Burmesen.

Der Spot ist sehr nüchtern. Stammt er von Ihnen?

Nein, der Spot ist nicht von mir und er war noch etwas pathetischer geplant, aber ich wollte das nicht. Von mir erwartet man eigentlich etwas Lustiges. Aber genau das ist der Spot nicht. Sehr gut konzipiert ist die Plakatkampagne – fadengerade, ohne Chichi.

Mussten Sie das Engagement dem Schweizer Fernsehen vorlegen?

Habe ich nicht getan. Dann wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass mein SRF-Vertrag eine Bewilligungspflicht beinhaltet. Ich erwiderte, das Engagement gehöre zu mir als Mensch, und als Mensch würde ich auch meine Sendung machen. Die Direktion hats dann durchgewunken.

Bei Giacobbo drückt das Fernsehen ein Auge zu.

Nein. Man kann ja nicht im Ernst gegen Amnesty sein. Ich mache keine kommerzielle Werbung – um meine Unabhängigkeit zu wahren. Um wirklich Geld zu machen, müsste ich den Job bei SRF an den Nagel hängen und mit Harry Hasler Autoleasingverträge verhökern.

Amnesty ist Ihr wichtigstes gemeinnütziges Engagement?

Ja. Es gibt noch andere Organisationen, die ich unterstütze. Ich bin ein grosser Tierfan, KAG Freiland darf zum Beispiel mit meinem Namen Inserate schalten.

KAG Freiland setzt sich gegen Massentierhaltung ein. Woher kommt Ihre Tierliebe?

Ich hatte Tiere immer schon gerne, schon als Kind.

Ihr Vater war Metzger.

Ja, aber er liebte die Tiere trotzdem. Er spielte noch im hohen Alter am Boden mit meinen Katzen. Mein Interesse an Tieren ist auch der Grund, warum ich vor einem Jahr nach Indonesien reiste, um Auswilderungsstationen von Orang-Utans zu besuchen.

Haben Sie Haustiere?

Ich hatte bis vor einem halben Jahr eine Katze.

Sie tauschten die Katze gegen Ihre neue Freundin?

Ja, für ein altes Tigerli kriegte ich eine junge Blondine. Quatsch, der 18-jährige Feld-Wald-und-Wiesen-Kater sollte nicht in die Stadt deportiert werden.

Wieso sind Sie umgezogen?

Ich wollte schon immer mal die grosse Welt sehen. Und die 13-Zimmer-Villa wurde zu eng.

Neue Wohnung, neue Freundin – das fällt zeitlich zusammen.

Überhaupt nicht, wir waren schon vorher zusammen. Lange hat es einfach niemand bemerkt.

Noch eine Frage zu Ihrem Arbeitgeber: Würden Sie den neuen SRG-Chef Roger de Weck als Talkgast in die Sendung laden?

Auf jeden Fall! Am letzten Sonntag haben wir ja zur Illustration des sogenannten Gebührenmonsters sein Foto gezeigt. Ich möchte mal sehen, bei welchem anderen Medienkonzern so etwas möglich wäre! Jedenfalls habe ich weder bei Tamedia noch bei Ringier jemals einen Witz über die eigenen Chefs gelesen. Der starre Staatsbetrieb beweist hier eine grosse Liberalität.

Sie werden im kommenden Jahr 60. Bereiten Sie sich auf die Pensionierung vor?

Ja, deshalb zog ich in eine betreute Alterswohnung – und das Mountainbike habe ich durch einen Rollator ersetzt. (Lacht.) Nein. Für mich ist das kein Thema. Ich stelle manchmal verwundert fest, dass ich 60 Jahre alt werde und weder Mühe mit dem Weitermachen noch mit dem Aufhören habe. Ich bin sehr gerne faul.

Wer so omnipräsent ist, kann nicht faul sein.

Fürs Amnesty-Plakat musste ich zwei Stunden investieren, das Fernsehen ist ein 60-Prozent-Job, in der Casinotheater Winterthur AG bin ich nicht operativ tätig. Es sieht bloss so aus, als ob ich sehr viel arbeiten würde.

Färben Sie eigentlich Ihre Haare?

Nein. Ich habe einem «Blick»-Redaktor dazu eine Wette vorgeschlagen: Stimmt die Aussage, zahle ich 20 000 Franken, sonst er. Er wollte leider nicht darauf einsteigen.

Sie reden ungern über Privates. Aber als Sie mit Nadja Sieger alias Nadeschkin zusammen waren, waren Sie ein öffentliches Paar. Und Ihre neue Freundin Barbara Josef präsentierten Sie den Medien im März, an der Premiere des Circus Knie . . .

Eigentlich wollte ich sie mit Fredy Knies Schimmeln durch die Manege traben lassen und ihr dann vom fliegenden Trapez herunter einen Heiratsantrag machen, um diesen dann der Boulevardpresse zu verkaufen. Aber ein eifriger Berufskollege von Ihnen fotografierte uns bereits vor der Vorstellung. Weil wir bereits seit Monaten ein Paar waren, haben wir genau dies bestätigt. So viel zum Thema Präsentieren.

Ihre neue Freundin ist 24 Jahre jünger als Sie. Eine Art, sich jung zu halten?

Ja. Aber eigentlich habe ich eine gesucht, die 34 Jahre jünger ist.

Wie lernten Sie sie kennen?

Wir haben Castings durchgeführt und Mike Müller hat sie dann für mich ausgewählt.

Ein alter VR-Präsident, der sich eine junge hübsche Freundin angelt – das klingt nach einer Giacobbo-Figur!

Ich bin ja auch eine Giacobbo-Figur. Was wollen Sie denn? Soll ich im Hotel über Dienstmädchen herfallen?

Planen Sie noch Kinder?

Nein. Aber wir möchten später einmal Katzen. Weil sich bei Katzen die Mundartfrage nicht stellt, würde ich jederzeit eine Katze einem Kind vorziehen.

Ihr erster Kinofilm «Ernstfall in Havanna» war ein Riesenerfolg, der zweite – «Undercover» – der grösste Flop Ihrer Karriere. Verspüren Sie Lust, nochmals auf der Leinwand zu reüssieren?

«Undercover» war kein Flop. Er hatte mehr Zuschauer als viele andere Schweizer Streifen – im Kino und vor allem auch bei der TV-Ausstrahlung. Ich war einfach mit meiner Leistung nicht zufrieden und sagte das auch öffentlich. Zu Ihrer Frage: Ich will nicht mehr erleben, wie irgendeine Kommission in Bern beurteilt, ob etwas lustig ist oder nicht. Das mache ich garantiert nicht mehr mit. Aber unter anderen Bedingungen habe ich grosse Lust auf einen neuen Film!

Das heisst?

Ich arbeite ohne Hektik an einem Filmprojekt. Die Idee muss aber noch reifen. Im Moment fehlt ohnehin die Zeit für die Realisierung. Es wäre eine Produktion mit relativ kleinem Aufwand.

Arbeiten Sie wieder mit Ruth Waldburger zusammen, der Produzentin von «Ernstfall in Havanna» und «Undercover»?

Das kann gut sein.

Spielt der Film in der Schweiz?

Nein.

Eine Komödie?

Komisch – ja. Aber keine Komödie im klassischen Sinn.

Ein Trickfilm?

(Lacht.) Nein. Ich werde Ihnen das noch nicht verraten.

Ein Dokumentarfilm à la Michael Moore?

Da kommen Sie der Sache schon etwas näher.

«Um wirklich Geld zu machen, müsste ich als Harry Hasler Leasingverträge verhökern»

29. Mai 2011, SonntagsZeitung, von Sebastian Ramspeck, von Simon Bärtschi

Satiriker Viktor Giacobbo über «Giacobbo/Müller» als Geldquelle, seine Pläne für einen neuen Film, sein Engagement für Amnesty International und einen […]

Regelmässig parodiert Viktor Giacobbo Diktator Ghadhafi. Der Satiriker über heikle Parodien, Kritik an seiner Person – und Blochers «Kunstfigur» Christoph Mörgeli.

Sie parodieren in Ihrer Sendung «Giacobbo/Müller» den libyschen Diktator Ghadhafi. Was gab den Ausschlag dazu?

Ausschlag war die Merz-Libyen-Affäre – wir zeigten, wie Hans-Rudolf Merz Ghadhafi in seinem Zelt besuchte und ihm Tee servierte. Ghadhafi ist eine einfache Figur. Wie andere Diktatoren hat er die Neigung, sich mit allerlei Firlefanz zu schmücken, Orden, Hüten, Brillen, seinem Bärtchen, oder er tritt mit weiblichen Bodyguards auf. Da muss man in der Maske nur die Form des eigenen Mundes verändern et voilà: Ghadhafi.

Warum lassen sich Diktatoren so gut parodieren?

Diktatoren sind ja nicht nur grausam, viele haben etwas von einer Comicfigur. Oft gibt es niemand mehr im persönlichen Umfeld, der es wagt, ihnen zu widersprechen, wenn sie overdressed rumlaufen. Die Leute im Umfeld von Ghadhafi sind nicht dumm, aber eingeschüchtert. Niemand traut sich mehr ihm zu sagen, wie er wirkt. Für uns wird es interessant, wenn es einen Link zur Aktualität oder zur Schweiz gibt. Wir imitieren ja auch Kim Jong-il – Mike Müller spielt den Sohn, der fliessend Berndeutsch spricht, weil er in Bern zur Schule gegangen sein soll.

Wie ist es mit dem Timing – muss man auf eine solche Parodie verzichten, wenn einer wie Ghadhafi sein eigenes Volk bombardiert?

Ja. Den letzten Ghadhafi-Sketch produzierten wir, als es in Ägypten gerade losging. Im Sketch besuchte Merz Ghadhafi im Zelt, um ihm beizubringen, wie Demokratie geht. Die Schlusspointe war, dass in einer Demokratie jeder sein eigenes Gewehr im Schrank hat. Das passte dort wunderbar. Jetzt ist die Situation anders. Man kann nicht einen Sketch vorproduzieren, wenn es die Möglichkeit gibt, dass dieser Wahnsinnige am Tag der Sendung gerade beschliesst, sein Volk mit Senfgas zu vergiften. Denn er ist eben nicht nur eine lächerliche Operettenfigur, sondern auch ein brutaler Diktator.

Wird Ihnen nie vorgeworfen, sie verhöhnten die Opfer eines Ghadhafi oder eines Hitler, den sie ja auch parodieren?

Doch natürlich. Aber davon lassen wir uns nicht abhalten, weil wir selbstverständlich nicht die Opfer thematisieren. Was der Machtapparat eines Diktators am meisten ängstigt, ist die Lächerlichkeit. Warum, das sehen wir gerade in Italien. Berlusconi ist zwar kein Diktator, aber eine lächerliche Führerfigur. Nachdem die Italiener ihn immer wieder gewählt, ihn entschuldigt und sogar die Gesetze geändert haben, merken sie nun, dass Berlusconi im Ausland zur Witzfigur geworden ist – und dies brachte eine Wende.

Trotzdem verstehen viele keinen Spass, wenn es um Figuren wie Hitler oder Ghadhafi geht.

Viele verstehen gar nie einen Spass… Als ich den Hitler zum ersten Mal spielte, schrieben die Zeitungen besorgt: Darf man das? Viele fanden, ich überschreite da eine Grenze. Für mich ist das wie eine Aufforderung, dann mache ich es mit doppeltem Vergnügen. Warum sollte man einen Hitler nicht lächerlich machen dürfen – wo es doch wieder Leute gibt, die seine Ideologie samt Heiratsschwindler-Schnäuzchen ernst nehmen?

Kann man sich da nicht einfach auf Charlie Chaplin berufen?

Oh nein! Dann heisst es immer, Chaplin dürfe das, weil er ein Genie sei. Für einen normalen Kabarettisten aber gelten ganz andere Regeln. Dahinter steckt natürlich ein geschmäcklerischer Kulturbegriff. Dabei haben die Juden Hitler ja selber parodiert, zum Beispiel der grossartige Ernst Lubitsch in «To Be or Not to Be». Auch jetzt bei der arabischen Revolution schrieben Leute, es sei unter jedem Niveau, darüber Witze zu machen. Wohin genau der Witz aber zielt, das bekommen sie vor lauter Empörung dann gar nicht mehr mit.

Haben Sie denn kein Verständnis dafür, wenn zum Beispiel jemand persönlich betroffen ist?

Ich habe für viele abweichende Meinungen Verständnis, aber ich teile sie nicht. Wenn jemand sich bei mir grundsätzlich über die Sendung beschwert, dann sage ich ihm: Ihre Meinung in Ehren, aber vielleicht sollten Sie sich die Sendung einfach nicht mehr anschauen. Ich schaue mir auch keine religiösen Sendungen an und gehe mich dann darüber beschweren, dass man dort Werbung macht für den Herrgott.

Welcher Diktator ist satirisch noch unentdeckt?

Einen Diktator habe ich gerade keinen auf der Liste, denn das kann man nicht im Voraus planen. Wen ich parodieren möchte, aber noch nicht so richtig hingekriegt habe, ist der Papst Benedikt. Sein Vorgänger Papst Wojtyła war da einfacher, den konnte man gut spielen, vor allem gegen den Schluss. Das wurde uns auch schwer verübelt.

Bekommen Sie auf andere Figuren auch negative Reaktionen?

Die Figur des Inders Rajiv gab ebenfalls schon Anlass für Beschwerden. Christoph Mörgeli forderte zum Beispiel, da müsse doch die Antirassismuskommission eingreifen. Die meldeten sich dann tatsächlich und forderte ernsthaft, ich solle dieser Kunstfigur doch ein paar positive Eigenschaften geben. Ich sagte, ich wäre dazu bereit, unter der Bedingung, dass Christoph Blocher seiner Kunstfigur Christoph Mörgeli auch ein paar positive Eigenschaften gebe.

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?

Wir teilen aus, also müssen wir auch einstecken können. Dazu kommt, dass wir mit uns selber einigermassen streng sind. Es gibt Sketche oder Sequenzen, die finden Mike und ich im Nachhinein auch einen Scheiss, wir waren nicht gut, die satirische Haltung war missverständlich usw. Letztlich ist es einfach eine entspannte Late-Night-Sendung, die wir mal weniger, mal besser hinkriegen.

Also trifft Kritik Sie persönlich nicht?

Doch, natürlich. Viele Künstler sind manchmal bei der kleinsten Kritik empfindlich, aber man steckt es professionell weg. Bei mir kommt dazu, dass ich gerne streite. Ich kann auch mit scharf formulierter Kritik leben. Mich nervt, wenn Unwahrheiten verbreitet werden oder wenn dem Kritiker die Fachkompetenz abgeht. Zum Beispiel die Aufregung wegen des Schnitts in der letzten Sendung. Wir schneiden ja oft, wie jede andere Late-Night-Sendung auch. Diesmal ist es einfach aufgefallen, weil der Schnitt so hart und technisch nicht einwandfrei war. Und wenn jemand das dann als Skandal aufbereitet, dann frage ich mich, was er von der Sache überhaupt versteht. Aber wir sind natürlich auch dankbar. Für uns ist das dann ja wieder Material für die nächste Sendung.

«Wir haben Ghadhafi gezeigt, wie Demokratie geht»

3. März 2011, Tagesanzeiger.ch/Newsnet, von Michèle Binswanger

Regelmässig parodiert Viktor Giacobbo Diktator Ghadhafi. Der Satiriker über heikle Parodien, Kritik an seiner Person – und Blochers «Kunstfigur» Christoph […]

Über den Humorfaktor in der sonntäglichen Satiresendung «Giacobbo/Müller» kann man sich ja streiten. Über jenen im Generalsekretariat der CVP Schweiz hingegen gibt es keinen Zweifel: Humor ist dort inexistent. Der jüngste Auftritt des handzahmen Mitkicherers Toni Brunner versetzte die CVP jedenfalls derart in Rage, dass sie gestern ein geharnischtes Communiqué versandte: Beim «Gratisauftritt» des SVP-Präsidenten «in launiger Atmosphäre» seien «Inhalt und Konsequenzen der Ausschaffungsinitiative verharmlost» worden. Das Politohr der CVP funktionierte aber nicht gut genug, um Viktor Giacobbos Abstimmungsempfehlung richtig mitzuschreiben: Der gab unmissverständlich zu Protokoll, dass er noch nicht wisse, ob er den Gegenvorschlag annehmen oder gleich mitsamt der Ausschaffungsinitiative ablehnen soll. «Bei einem Stimmzettel, der einem Lottoschein gleicht, ist Aufklärung nötig», findet hingegen die CVP Schweiz, Verfechterin des Gegenvorschlags und offenbar mit wenig Vertrauen in die Stimmbürger gesegnet. Zu Unrecht, liebe CVP: Die verstehen nicht nur Abstimmungszettel und taktische Stimmabgaben. Sondern auch Satire.

Die CVP lacht nicht mit

3. November 2010, Neue Luzerner Zeitung, von Fabian Fellmann

Über den Humorfaktor in der sonntäglichen Satiresendung «Giacobbo/Müller» kann man sich ja streiten. Über jenen im Generalsekretariat der CVP Schweiz […]

Die SF-Haussatiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller haben sich bei ihrer eigenen Pressestelle beschwert. Grund: Werbung ohne die Einwilligung des Duos.

Die Haussatiriker des Schweizer Fernsehens SF, Viktor Giacobbo und Mike Müller, haben sich bei ihrer eigenen Pressestelle beschwert. Diese erlaubte einem Elektronikfachmarkt, Werbung mit ihrer Sendung «Giacobbo/Müller – Late Service Public» zu machen.

Die SF-Pressestelle hatte Giacobbo und Müller allerdings nicht gefragt, ob die beiden damit einverstanden sind. Stein des Anstosses war eine Werbung eines Elektronikfachmarktes, die kürzlich mehreren Tageszeitungen beigelegt wurde. In den abgebildeten TV-Geräten wurden dabei Bilder der Satire-Sendung integriert.

Intern gab es Irritationen

Es habe deswegen intern einige Irritationen gegeben, sagte SF- Sprecher Marco Meroni zu einer Mitteilung, die der Sender am Montag verschickte. «Die beiden Satiriker wollen aus Prinzip für gar niemanden Werbung machen, damit ihre Unabhängigkeit nicht gefährdet wird», sagte Meroni weiter. Man habe es aber leider unterlassen, die beiden zu fragen.

Dass der Elektronikfachmarkt SF-Bilder verwenden darf, ist nichts Ungewöhnliches. Das Fernsehen stellt ihm regelmässig Aufnahmen ihrer Sendungen zur Verfügung und kommt so zu einer zusätzlichen Werbeplattform.

Giacobbo/Müller wehren sich gegen Werbung

18. Oktober 2010, 20 Minuten Online, von SDA

Die SF-Haussatiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller haben sich bei ihrer eigenen Pressestelle beschwert. Grund: Werbung ohne die Einwilligung des […]

«Ein Teil der Gans» – Premiere und Schweizer Erstaufführung im Casinotheater Winterthur

Mit der Schweizer Erstaufführung von Martin Heckmanns «Ein Teil der Gans» hat das Casinotheater Winterthur am Donnerstag die Herbstsaison eröffnet. Das Stück vermochte nicht durchwegs zu überzeugen, im Gegensatz zur Inszenierung.Es beginnt harmlos. Zwar herrscht häuslicher Ausnahmezustand, aber das Unheil kündigt sich nicht an. Ein rechtschaffenes Paar pendelt zwischen sterilem Esszimmer und dampfender Küche, es erwartet Gäste. Die zwei treten sich dezent auf die Zehen, die Nervosität wird von Bettina (Sabina Schneebeli) gelebt und von Pascal (Viktor Giacobbo) überspielt. Die Eingeladenen, Bettinas möglicher neuer Arbeitgeber und dessen Gattin, werfen ihre Schatten voraus.

Das Mahl wird zum Gericht

Martin Heckmanns «Ein Teil der Gans» wurde von Viktor Giacobbo für die Schweizer Erstaufführung in Dialekt übertragen und mit weiteren Eigenheiten des helvetischen Alltags ergänzt.

Die Vorbereitung auf Gäste hat im Theater ihre Tücken auch für Paare, die sich sonst einem unaufgeregten Leben verschrieben haben. Sie kocht, und er vergisst Wein heimzubringen; er macht hilflose Spässchen, und sie kriegt alles in den falschen Hals. Zunächst noch eine gute Handbreit von Gemeinheiten entfernt, entwickelt der Dialog bald kleine Giftpfeile, die sitzen. Eigentlich wären jetzt Gäste durchaus willkommen. Angenehme, weil sie ablenken, und unangenehme, weil ihre Anwesenheit die Marotten des eigenen Partners wieder in einem milderen Lichte erscheinen lassen. Aber es kommt anders.

Ein suspekter Überraschungsgast (Laszlo I. Kish) kommt den Eingeladenen zuvor. So eskaliert die Lage bereits, bevor die erwarteten Hoffnungsträger (Mike Müller und Norina Nobashari) endlich an der Tür klingeln. Der Fremde sucht nach einer angeblichen Autopanne in dieser gewittrigen Nacht Schutz und Telefon. Er wird wechselweise vor die Tür gestellt und dann wieder eingeladen.

Ist dann die ganze Gesellschaft einmal beisammen, geht das gnadenlose Spiel erst richtig los. Mit überheblichen Bemerkungen und falscher Freundlichkeit entfachen die Gäste eine giftige Mischung, deren Opfer sich jede kleine Panne als Verschulden ankreiden lassen. Keine Rettung bringt das Essen: Das Soufflé bleibt flach, und die Gans ist verbraten. Die Küche bietet Angriffsflächen, und diese werden leidlich ausgenutzt, hart, aber unfair. Das Mahl wird zum Gericht über die Gastgeberin und deren Partner, der seinen Seelenfrieden allein schon durch Vorspeisen mit französischen Namen bedroht sieht.

Das Tischgespräch wird in gnädigeren Momenten deftig und in ungnädigeren heuchlerisch. Hier beginnt Heckmanns trockene Komödie aus Lügen und Intrigen ein erstes Mal zu schwächeln, doch die Darsteller zeigen sich den Tücken des Stücks unter der Regie von Katja Früh vollauf gewachsen. So meistern sie auch ohne störende Längen für die Zuschauer den nicht gerade brillanten Einfall des Autors, die gelangweilte Atmosphäre der Tischgesellschaft durch lustlose Gesprächsansätze wieder und wieder zu verdeutlichen.

Stilsichere Gratwanderungen

Viktor Giacobbo verleiht seiner Rolle als Pantoffelheld durch gekonnt unpassend placierte Bemerkungen ihren Glanz. Er widersteht dabei der Versuchung zu übertreiben und schafft es so, die Grenzen zum billigen Humor stilsicher zu meiden. Auf dünnem Eis muss sich an seiner Seite Gastgeberin Sabine Schneebeli bewegen. Als liebende Partnerin eines liebenswerten Versagers pariert sie persönliche Angriffe und Nadelstiche mit glaubhafter Verletztheit, ohne ihre Würde hysterischer Überspanntheit zu opfern.

Heisse Gans und kalte Fische

Mike Müller gaukelt als jovialer Kleinformat-Patron mit halbseidener Schlagseite eine geschliffene Sensibilität vor, die Gastgeber auf der Bühne und Publikum in gleichem Masse immer wieder über die harten Seite seiner Rolle hinwegtäuscht. Und wo es härter zugeht, überzeugt er ebenfalls – mit derselben Stimme und derselben Mimik.

Seine konsequent humorlose Gattin mit einer Vorliebe für harte Drinks – die Gastgeber bevorzugen zur gebratenen Gans Elmer Citro – wird von Norina Nobashari gut getroffen. Mit lasziver Haltung und spitzen Bemerkungen stolziert sie durch den Abend, als ob Sinnlichkeit nur Mittel zum Zweck sei. Ihre Arroganz teilt sie mit dem unheimlichen Eindringling, zwei kalte Fische im Kampf um Herrschaft und Gänsebraten. Laszlo I. Kish gelingt die Balance zwischen impertinenter Besserwisserei und stilisierter Opferrolle.

Ratloser Schluss

Das Ende kommt unvermittelt. Heucheleien brechen auf, die Gäste geisseln die Wohlstands-genährte Gleichgültigkeit ihrer Gastgeber und reissen nach ihrer Moralpredigt an sich, was im Haus nicht niet- und nagelfest ist. Mahner, dreiste Diebe oder einfach nur Schmarotzer? Denkbar sind Anlehnungen an Friedrich Dürrenmatt und John Boynton Priestley. «Die Panne» mit einem Rollentausch für die Harmlosen und die Unheimlichen? Oder eine Prise Moral aus «An Inspector calls»? Wir wissen es nicht. In diesem Schluss liegt die wirkliche Schwäche des Stückes. Wenn die Zuschauer schon allein weiterdenken sollen, dann brauchen sie dazu gewiss keine Anleitung im Stil von «alles ist möglich».

Und dennoch: Die Premiere bot trotz Mängeln des Stückes einen guten Abend. Dazu beigetragen haben nebst den schauspielerischen Leistungen und der feinsinnigen Regie (Katja Früh) das schlichte Bühnenbild, ein Glücksfall für das Theater. Es widerspiegelt den unpersönlichen Charme des Möbelkatalogs, aus dem es stammen könnte. Mit seiner gepflegten Eleganz ab Stange trifft der Raum punktgenau den Nerv seiner Bewohner, die verkrampft nach Anerkennung suchen und dabei keine Fallgrube auslassen.

«Ein Teil der Gans» im Casinotheater Winterthur. Premiere (Schweizer Erstaufführung): 26. 8.

Weitere Aufführungen vom 28. August bis 30. September, jeweils Dienstag bis Samstag (ausser 8. und 10. September), Beginn um 20 Uhr.

Gänsefleisch und Giftpfeile

28. August 2010, Neue Zürcher Zeitung, von Florian Sorg

«Ein Teil der Gans» – Premiere und Schweizer Erstaufführung im Casinotheater Winterthur Mit der Schweizer Erstaufführung von Martin Heckmanns «Ein […]

Das Casinotheater deckt zur 9. Saison auf. Zum Auftakt macht ein unheimlicher Abend mit heimischen Stars Gänsehaut.

Mit Elan und einem 57-seitigen Programmheft steuert das Casinotheater Winterthur diese Woche in sein 9. Jahr, unter anderem mit dem Duo Ohropax, Roger Willemsen, der Kabarettistin Désirée Nick oder dem «Schellen-Ursli» in Musical-Format.

Aber das ist Schnee von morgen. Jetzt ist ja erst mal der Sommer zurück, und im Casinotheater wird zur ersten Premiere aufgetischt. Es gibt Gans. Gänsebraten. Einen äusserst wichtigen Gänsebraten, denn Bettina (Sabina Schneebeli) sucht einen Job und hat Amin (Mike Müller) eingeladen, der vielleicht einen für sie hat. Im grossräumigen, spiessig-chic eingerichteten Plexiglas-neben-Papyrus-Esszimmer stöckelt Bettina nervös durch die letzten Vorbereitungen, während ihr Freund Pascal (Viktor Giacobbo) sich als unbrauchbarer Halbschuh entpuppt. Als es schliesslich klingelt, steht nicht etwa Amin vor der Tür, sondern, düster, kahl, in Lederjacke, ein Mordstyp von einem Fremden (Laszlo I. Kish). Als Amin und Freundin Tara (Norina Nobashari) dann doch noch eintrudeln, wird der Unheimliche auch noch zu Tisch gebeten. Die Gans brennt an, die Dialoge gefrieren, und der Abend nimmt einen unerwarteten Verlauf.

Kenner und TV-Zuschauer haben es bereits gemerkt: Da findet sich zum Saisonauftakt ein illustres Trüppchen ein. Und das ist gut so. Zum einen ist es amüsant, Giacobbo/Müller mal wieder unverpixelt zu Gesicht zu bekommen, und der ehemalige «Tatort»-Kommissar Kish ist als undurchsichtiger Vielleicht-Schurke auch nicht ohne. Zum anderen verzichtet Regisseurin Katja Früh gekonnt auf inszenatorischen Schnickschnack, und da sind Profis auf der Bühne von Vorteil. Gesprochen wird übrigens nicht die Originalfassung von Martin Heckmanns, sondern die schweizerdeutsche Übersetzung von Giacobbo himself.

Trotz der bekannten Gesichter ist es ein unüblicher Abend, der hier aufgetischt wird; eine Handlung mit Brüchen, ein Plot mit Grauen, kein reines Wohlfühlerlebnis. «Ein Teil der Gans» ist ein Stück über Vorurteile, Schein, Sein und den Anspruch auf Glück. «Ich weiss nicht, ob das allen gefällt», sagt Giacobbo. «Mutig», sagt Kish. Ein kleines Risiko fürs Casinotheater. Mehr davon!

Kein Wohlgefühl

26. August 2010, Züritipp, von Corina Freudiger

Das Casinotheater deckt zur 9. Saison auf. Zum Auftakt macht ein unheimlicher Abend mit heimischen Stars Gänsehaut. Mit Elan und […]

Ihr Multitalent beweist Frölein Da Capo aus Willisau jeden Sonntag bei «Giacobbo/Müller». Nun hat das Frölein seine eigene CD. Und es wird zum zweiten Mal Mutter.

Frölein Da Capo, würden Sie sich bitte ganz kurz vorstellen?

Irene Brügger-Hodel: Ich bin … räusper … 30 Jahre alt, komme aus Willisau und stehe seit drei Jahren als Einfrauorchester auf der Bühne.

Sie leben hier hoch über Willisau auf einem sehr gepflegten Bauernhof mit herrlicher Panoramasicht vom Napf bis in die Berner Alpen und in den Jura. Wie wird der Hof bewirtschaftet?

Brügger: Der Hof gehört in siebter Generation «meiner» Familie Hodel und geht jetzt sozusagen in die erste Generation Brügger über. Wir haben 270 Säuli und 8 Mutterkühe, dazu kommt noch Ackerbau. Ich selbst bin administrativ im Betrieb tätig und helfe da und dort auch mit, soweit es einem Frölein angemessen ist.

Daneben sind Sie Mutter, Sie spielen und singen jeden Sonntag bei «Giacobbo/Müller» im Schweizer Fernsehen, treten sonst noch auf und haben eben Ihr erstes Album mit sechsköpfiger Band veröffentlicht – wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Brügger: Ich habe das Glück, dass meine familiäre Situation mir das ermöglicht. Mein Mann hat ein 60-Prozent-Arbeitspensum als Sozialpädagoge, meine Eltern wohnen nebenan und meine Grossmutter gleich über uns. Das erleichtert vieles.

Wie sind Sie auf den Namen Frölein Da Capo gekommen?

Brügger: Das ergab sich aus meinem Arbeitsgerät, das ich auf der Bühne habe und mit verschiedenen Pedalen steuern kann. Diese Loop-Station nimmt Einspielungen wie Gesang und auch Instrumente auf und wiederholt diese dann permanent. Durch dieses «Wiederholen» bin ich auch auf den Namen «Da Capo» gekommen. «Loop» heisst ja «wieder von Anfang» – wie auch «da capo».

Welcher Weg hat Sie als Musikerin zu «Giacobbo/Müller» geführt?

Brügger: Viktor Giacobbo hat mich letzten November bei einem Auftritt im Casino-Theater in Winterthur gesehen und mich dann spontan angefragt.

Nach gut drei Monaten: Entspricht das Engagement Ihren Erwartungen?

Brügger: Ja, im Grossen und Ganzen schon. Ich bin beeindruckt vom Aufwand, der da betrieben wird. Und von der Professionalität und Kollegialität des Teams auch. Und natürlich profitiere ich vom höheren Bekanntheitsgrad, der auch die eine oder andere Anfrage mehr bringt als früher.

Kommen Sie in den kurzen Sequenzen als Künstlerin überhaupt zum Tragen?

Brügger: Voll und ganz natürlich nicht, aber zumindest häppchenweise. Und das ist ganz gut so. Ich hätte gar nicht das Repertoire dazu, jedes Mal eine ganze Show zu präsentieren (lacht).

Woher kommen all Ihre schönen Kleider, die Sie auf der Bühne tragen?

Brügger: Da ich nebst Malen und Basteln auch leidenschaftlich gern nähe, habe ich viele selbst entworfen und genäht. Oder dann gekauft und noch nach meinen Vorstellungen abgeändert. Und zwei junge Schneiderinnen aus Dagmersellen haben angeboten, mir ein Frölein-Kleid zu nähen – das ist natürlich grossartig!

Erkennt man Sie seit «Giacobbo/Müller» auf der Strasse, bekommen Sie mehr Fanpost oder gar Liebesbriefe?

Brügger: Da ich auf der Strasse nicht aufgebrezelt bin wie in der Sendung, werde ich auf der Strasse von Fremden kaum erkannt. Aber die Fanpost hat markant zugenommen. Es sind vor allem anerkennende Mails und Autogrammanfragen. Ich schätze das sehr und beantworte meine Post auch gerne. Liebesbriefe sind bisher ausgeblieben …

Das wollen wir hoffen, schliesslich sind Sie ja verheiratet und haben ein Kind, eine glückliche Familie also …

Brügger: Ja, sehr glücklich sogar. Und im Herbst wird unsere Tochter ein Geschwisterchen erhalten. Wir lassen uns mal überraschen, ob es ein Bub oder ein Mädchen gibt. So oder so, wir freuen uns riesig.

Also geht Ihr TV-Engagement wegen Mutterschaftsurlaub frühzeitig zu Ende?

Brügger: Nein, nichts Urlaub. Ich werde nach der Sommerpause hoffentlich wieder pünktlich da sein können. Vermutlich einfach mit der einen oder anderen Speckrolle mehr halt …

Ihr Multitalent deutet darauf hin, dass Sie aus einer musikalischen Familie stammen.

Brügger: Ja, unsere Mutter hat oft mit uns Kindern gesungen, wie schon unsere Grossmutter. Meine Schwester, die im Kanton Zürich noch aktiv in einer Musik mitmacht, spielt Querflöte und Kontrabass. Mein Bruder hatte mal Keyboard-Unterricht – doch ausser den obligaten Ständchen an Weihnachten bekamen wir da nicht allzu viel zu hören (lacht).

Blockflöte, Gitarre, Trompete, Eufonium – welches dieser drei Instrumente, die Sie spielen, ist Ihnen am liebsten?

Brügger: Ursprünglich habe ich neben der Blockflöte einmal klassische Gitarre spielen gelernt, das war mir aber zu langweilig. Dann kam die Trompete hinzu, aber nur, damit ich in die Junge Feldmusik eintreten konnte und so auch in ihre Ferienlager durfte. Für die Guuggenmusig Napfrugger kam schliesslich das Eufonium hinzu. Ich habe keinen eigentlichen Favoriten. Ich beherrsche die Instrumente auch nicht hundertprozentig, schliesslich ist Singen das, was ich am besten kann.

Was reizt Sie an Guuggenmusig?

Brügger: Da ich an einem 11. 11. geboren bin, habe ich die Fasnacht wohl etwas im Blut. Das Fasnachtsfieber packt mich einfach immer wieder.

Sind Sie aufgrund Ihrer musikalischen Vielseitigkeit ausser in der Guuggenmusig am liebsten «Einzelkämpferin»?

Brügger: Ich habe lange in Bands mitgespielt und war auch in einem A-cappella-Chor. Vor drei Jahren habe ich dann beschlossen, einmal etwas allein zu machen. Ich wollte komplett unabhängig das machen, was mir gefällt. Wenn man allein unterwegs ist, hat man den Vorteil, dass es einfacher ist, Probetermine mit sich selbst auszumachen oder Auftrittsorte zu finden.

Können Sie von der Musik leben?

Brügger: Ja, so mehr oder weniger. Das TV-Engagement mit dem damit verbundenen fixen Einkommen gibt eine zusätzliche Sicherheit.

Ihre erste CD haben Sie nun aber nicht allein realisiert …

Brügger: Nein, aber das Projekt mit der sechsköpfigen Band hat mir sehr viel Spass gemacht. Es ist schön, auch mal wieder etwas fettere und lautere Arrangements zu präsentieren.

Wie viel Autobiografisches ist drin in Ihren Liedern auf der CD?

Brügger: So einiges. Der eine oder andere Schulschatz wird sich vermutlich wiedererkennen (lacht). Einen Chippendale-Tänzer, wie ich ihn besinge, hatte ich allerdings nie, ein «Pony Sachs»- Töffli hingegen schon – und übrigens auch heute wieder.

Auf der CD hats Lieder in Mundart und in englischer Sprache, Witziges und Forsches, aber auch Trauriges und Melancholisches: Sind Sie so vielfältig oder einfach nur unentschlossen?

Brügger : (lacht) Sicher beides ein wenig. Mein eigener Musikgeschmack ist querbeet, in der CD-Sammlung hats wirklich von fast jedem Genre etwas. Gleichzeitig bin ich auch etwas chaotisch veranlagt. Meine eigene CD ist nun also eine Art Spiegelbild von mir.

Wo steht der Kleine Prix Walo, den Sie im November 2007 gewonnen haben?

Brügger: Der Prix Walo hat im Schnapsschrank einen Ehrenplatz gefunden. Aber ich bin grundsätzlich nicht so scharf auf Auszeichnungen. Der Applaus genügt mir vollauf. Ausser vielleicht den Oscar, den Nobelpreis und das Seepferdchen-Abzeichen. Und natürlich möchte ich einmal die Weltherrschaft an mich reissen …

Oder vielleicht schaffen Sie es auch nach Hollywood. Immerhin spielten Sie mal im Jugendtheater Willisau.

Brügger: Vom Jugendtheater nach Hollywood – ja das ist so ungefähr der gängige Weg (lacht)! Nein, aber ich blieb dem Jugendtheater treu und spiele als Frölein Da Capo in der Theaterbar, wenn Aufführungen stattfinden, nächstes Mal Ende Mai. Ausserdem bin ich im Herbst im Kinofilm «Beno im Sand» in einer Hauptrolle als Serviertochter zu sehen – aber das wars dann schon mit meinen Hollywood-Ambitionen.

Welchen Streich würden Sie Mike Müller und Viktor Giacobbo gerne mal während der Sendung spielen?

Brügger: Wenn ich das verrate, klappts ja dann nicht mehr … Nein, ich möchte Ihnen lieber etwas Gutes tun: Ich könnte den beiden ja mal einen etwas «strengen» Kaffee servieren, so ein echtes Willisauer Kafi Träsch …

Apropos: «Kafi Träsch» heisst auch das letzte Lied Ihrer CD, eine Adaption des legendären Hits «Campari Soda» …

Brügger: … Ja, bei Radio 3fach wurde ich gefragt, wie ich bloss darauf käme, ein derartiges Stück so zu verhunzen (lacht). Aber ich finde, dass man das schon darf, aus dem Campari ein Träsch zu machen. Das passt viel besser zum Hinterland.

Frölein bringt Kafi Träsch

25. April 2010, Zentralschweiz am Sonntag, von André Häfliger

Ihr Multitalent beweist Frölein Da Capo aus Willisau jeden Sonntag bei «Giacobbo/Müller». Nun hat das Frölein seine eigene CD. Und […]

Die anderen sind nervös: Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät hatte schlaflose Nächte

Vor einer Woche punktete SP-Nationalrätin Evi Allemann mit Witz in der Sendung «Giacobbo & Müller». Gleich zuBeginn landete sie einen Lacher: Auf die Bemerkung von Moderator Viktor Giacobbo, dass Armeechef André Blattmann ja im Moment das grosse Problem der Sicherheitskommission sei, antwortete sie: «Es gib leider in der Armee ganz viele Blattmanns und in der Summe ist es ein wenig ein Problem.»

«Frau Allemann hat das gut gemacht», lobt FDP-Nationalrat Philipp Müller seine Ratskollegin. Er war schon zwei Mal in der Sendung. «Offenbar bin ich kein Langweiler und das kommt an.»

Tatsächlich punkten diejenigen Gäste, die mit lockeren Sprüchen und schneller Denke auftrumpfen können. Denn: Den Gästeplatz in der Late-Night-Show bezeichnen Politiker schon als «heissen Stuhl». «Rund zehn Prozent der angefragten Gäste sagen ab, weil sie sich einen Auftritt nicht zutrauen, obwohl ihnen die Sendung grundsätzlich sehr gut gefällt», sagt Rolf Tschäppät, Redaktionsleiter von «Giacobbo & Müller».

Dafür hat der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät vollstes Verständnis. «Ich hatte schlaflose Nächte und hatte natürlich ausgiebig Zeit, mir Horrorszenarien für meinen Auftritt zu überlegen», sagt er. Man setze sich selber unter einen grossen Erwartungsdruck. Tschäppät: «Ich war sogar so nervös, dass ich mich auf dem Weg vom Zürcher Hauptbahnhof ins Kaufleuten verlaufen habe.»

Sein Tipp für andere: «Man sollte nie probieren, lustiger zu sein als die beiden Moderatoren. Zu meinen, mit vorbereiteten Gags gehe alles besser, ist ein Irrtum.»

«Sonntag» weiss, dass beispielsweise Chantal Galladé eine Einladung wohl aus terminlichen Gründen abgesagt hat und darüber gar nicht so unglücklich gewesen sei. Man könnte sein Image verlieren, argumentieren viele in Bundesbern.

Doch jemanden blossstellen will keiner. Es sei zwar eine satirische Late-Night-Show, sie hätten allerdings den Anspruch, dass die Moderatoren und Gäste «zwischendurch auch sachlich und ernst» über ein Thema sprechen können. «Die Aufgabe der Gäste ist nicht, möglichst lustig zu sein, sondern möglichst echt», sagt Redaktionsleiter Tschäppät. Eine Portion Selbstironie kommt beim Publikum aber immer gut an: «Wir raten allen Gästen, dass sie authentisch bleiben und nicht krampfhaft versuchen, mit Pointen zu punkten. Aber klar, wenn das jemandem spontan gelingt, kann das sehr unterhaltend sein.»

«Giacobbo/Müller»: Zehn Prozent der Wunschgäste sagen ab – weil sie Angst haben

28. März 2010, von Claudia Marinka

Die anderen sind nervös: Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät hatte schlaflose Nächte Vor einer Woche punktete SP-Nationalrätin Evi Allemann mit Witz […]

Giacobbo, Müller und Frey zeigen ein Stück über ein Stück. Und sprühen auf der Suche nach Ideen vor Ideen.

Nun sitzen sie also da, die drei Schweizer Bühnenprofis Viktor Giaccobo, Mike Müller und Patrick Frey. Mürrisch, gereizt und etwas unter Druck, denn in wenigen Tagen soll ihr nächster Knüller auf die Bühne. Ihr letztes Programm «Sickman» war ein voller Erfolg – und solche vollen Erfolge verlangen, wie sonst nur ungleich unvollkommenere Dinge, nach noch mehr. Die Latte ist also hoch, die Zeit knapp – und die Ideen sind rar. Die humoristischen Errungenschaften der drei beschränken sich bisher auf die Erkenntnis, dass ihr Stück ein wohl eher einfaches Bühnenbild aufweisen wird und noch eines Inhalts bedarf. Kurz gesagt: Die drei haben noch nichts in der Hand. Was fehlt, ist das Fleisch am Knochen. Eine packende Thematik. Lebendige Geschichten und ein brisantes Zielfeld für ihre satirischen Angriffe. Doch auch den einen oder anderen Knochen suchen die drei noch.

Ein Tisch, drei Stühle und ein feinmaschiger Trialog verstricken den Zuschauer zusehends in die kurzweilige Suche nach dem neuen Stück. Nach und nach kommen Ideen auf den Tisch. Das Auto als Vater- und Mutterersatz. Das Steuerrad, die Nabelschnur zum innen ausgepolsterten Mutterleib, der aussenrum einem mächtigen Phallus gleich in Kraft und Blech gewickelt ist. Der Vorschlag wird besprochen, bestritten, verworfen – und man einigt sich, die Arbeit zu vertagen.

Kaffee und Kebab

Die durch Kaffee- und Kebab-Pausen in einzelne Szenen unterteilte Show unter dem Titel «Erfolg als Chance» fesselt den Zuschauer am letzten Donnerstagabend im Theater Casino in Zug auf angenehme Art und Weise. Am Programm ist nichts Aufdringliches, nichts Grelles, das einem nach kurzem Kosten bald widerstreben würde. Vielmehr geniesst man den stetigen Fluss und den recht kurz frequentierten Lachrhythmus im Saal.

Weder starr noch flach

«Erfolg als Chance» erzählt viele Geschichten. Das Dreiergespann ist weder starr noch flach. Die Fronten bleiben stets in Bewegung, und die Sticheleien unter den Geschäftspartnern und Kameraden sorgen immer wieder für Amüsement. Je näher der Tag der Premiere rückt, desto angespannter wird die Lage. Die Gedanken der drei Kabarettisten drehen sich um Klassenkampf, schiesswütige Mütter oder Bäuche auf Bühnen, die nicht grösser sein sollten als die Lacher im Publikum. Um Handys, die läuten, aber nicht leuchten, und den Stellenwert der drei Komiker auf dem Markt des Lächelns. Hierbei geht es nicht etwa um asiatische Trödler, sondern um das Werbeangebot, das für die einen unter ihrer Würde und für die anderen über ihrem Marktwert liegt.

Gekonnt abgespeckt

Das Publikum im Casino ist begeistert. «Das finde ich sehr kreativ», hört man die Leute sagen. Doch mehr noch als schwammige Statements zur Idee des Stücks wird einem dieser Eindruck durch das Gelächter im Saal, wenn die drei Komiker nacheinander an ihre Grenzen stossen, vermittelt. Mit ihrem Sinnieren über die Art, wie sie sich vor Publikum zur Schau stellen, und dem Schwärmen von ihren Träumen abseits vom Rampenlicht diskutieren sich die drei Männer in die Herzen der Menge und streifen scheinbar im Vorbeigehen das kollektive Zwerchfell. Man lacht und schmunzelt, ohne sich von metaphorischen Pappschildern mit entsprechenden Aufforderungen gelenkt zu glauben. Hier wird nicht dick aufgetragen, sondern gekonnt abgespeckt. Ohne viel Brimborium gestalten die drei Künstler einen facettenreichen Abend.

Sie schreiben sich um Kopf und Kragen

5. Dezember 2009, Neue Luzerner Zeitung, von Wolf Meyer

Giacobbo, Müller und Frey zeigen ein Stück über ein Stück. Und sprühen auf der Suche nach Ideen vor Ideen. Nun […]

Mathias HaehlAb nächstem Sonntag darf abends wieder gelacht werden: Dann startet die vierte Staffel der Sendung «Giacobbo/Müller» auf SF 1. Der kulturschaffende Schnellsprecher Viktor Giacobbo über Humor und Liebe, über Mike Müller, Roman Polanski und den Bundesrat.

Viktor Giacobbo, haben Sie heute schon herzhaft gelacht?

Oh ja! Wir sind derzeit am Drehen und Ausprobieren von neuen Figuren, die gut zu gelingen scheinen – das findet man dann peinlicherweise selber manchmal lustig. Mike Müller und ich lachten weniger über die Nummern, da wir die selbst geschriebenen Pointen kennen, sondern vielmehr über die Improvisation – und die ist meistens nicht sendefähig.

Was sind das für Figuren?

Vor der ersten Sendung möchte ich darüber nichts sagen, sonst ist die Überraschung weg.

Dafür überraschen wir Sie mit einem Witz …

Oh, mein Gott!

… «Weshalb sind Blondinenwitze so kurz? – Damit Männer sie auch verstehen.» Ist der gut?

Na ja. Sagen wir mal so: Dass hier nicht gegen die Blondinen, sondern gegen die Männer geschossen wird, ist schon mal ein überraschender Ansatz.

Kennen Sie einen besseren?

Ich kann mir keine konfektionierten Witze merken. Mir sind Witz-Erzähler sowieso ein Graus. Sobald einer damit beginnt, frage ich mich sofort: «Wie komme ich da wieder raus?» Denn sie erzählen nie nur einen einzigen.

Wir schon. Und fragen weiter: Was ist guter Humor?

Wenn er lustig ist. Und das ist reine Geschmackssache. Wir machen den Humor, den wir lustig finden – unser einziges Kriterium.

Sie lockten sonntags mehr als eine halbe Million Leute vor den Bildschirm. Besitzen Sie einen massentauglichen Humor?

In der Fernseh- und Filmindustrie wird heute kaum mehr eine Szene gedreht, in der nicht getestet wird, ob und wo die Leute wie lachen. So entsteht eine hilflose Sauce von Mainstream-Komik. Wir machen es genau umgekehrt: Wir bringen unseren Witz und schauen, ob es Leute gibt, die ihn goutieren.

Dies dürfte mal mehr, mal weniger der Fall sein.

Genau. Die einen finden «Boppeler & Stark» primitive Zürcher Kotzbrocken – was sie ja auch sind –, die anderen finden sie lustig. Gut so.

Wie stehen Sie zum Skandal Roman Polanski?

Ich gönne es keinem 76-Jährigen, dass er in den Knast muss. Aber ich habe mich gefragt, wie es wäre, wenn ein unbekannter Pizzaverkäufer in Los Angeles vor 30 Jahren eine 13-Jährige mit Drogen abgefüllt, vergewaltigt und sich einem Prozess entzogen hätte. Würden bei dessen Verhaftung auch weltweit Kulturschaffende protestieren? Er ist ein genialer Regisseur, sogar einer meiner liebsten. Aber was kümmert das die Rechtsgleichheit?

Ist Polanski ein Thema, das sich für die Satire eignet?

Natürlich. Es gibt kaum ein Thema, das sich nicht eignet. Die Frage ist immer: Wie bringe ich es rüber, welchen Standpunkt nimmt man ein und wo ist die Zielscheibe.

Eignen sich heikle Themen?

Religion ist zum Beispiel ein heikler Klassiker. Wenn wir das Wort Papst nur in den Mund nehmen, empören sich religiöse Fundamentalisten, ohne genau hingehört zu haben, was wir gesagt haben. Offenbar bringt ein einzelner Joke über eine Bibelstelle ihr ganzes Gottvertrauen ins Wanken.  Daneben gibt es aber auch Progressive, die meinen, ihre persönlichen Tabus gelten generell für die Satire.

Für Politiker scheint ein Auftritt bei «Giacobbo/Müller» heikel zu sein. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppätt sagte, er sei nervöser gewesen als vor einem Auftritt in der «Arena».

Wer sich selber bleibt, Selbstironie und eine gewisse Gelassenheit zeigt, kann gut punkten – das hat Tschäppät ja auch bewiesen.

Anders als SP-Frau Jacqueline Fehr, die für ihren Auftritt kritisiert wurde.

Sie ist eine versierte Sachpolitikerin, ihre Aufgabe ist es nicht, Pointen zu machen. Dafür müssen schon Mike und ich sorgen.

Haben rechte Politiker mehr Humor? Haben Linke mehr Berührungsängste?

Die Rechten sind öfter entspannter, wenn sie bei uns sind. Warum? Keine Ahnung. Sie sagen sich wohl: Jetzt gehen wir mal zu diesen beiden Typen, die uns sonst immer anpinkeln, und haben es lustig. Einige Linke wiederum finden, Satire müsse sich generell gegen die Rechte wenden. Und wenn sie dann doch zum Ziel werden, verunsichert sie das offenbar. Aber auf beiden Seiten gibt es immer wieder Ausnahmen, die diese seltsame Regel bestätigen.

SVP-Präsident Toni Brunner etwa punktete endlos in der Sendung.

Brunner ist locker, er liebt ein deftiges Wortduell. Ihm ist es auch egal, was für Witze wir über seine Partei machen. Diese Lockerheit besitzen nicht alle.

Werden die Politiker gebrieft?

Nein. Ich weiss selber nicht, was geschehen wird. Manchmaltritt ein Gast auf die Bühne, und noch während er sich setzt, kommt mir in den Sinn, dass ich mir schlampigerweise noch keine erste Frage überlegt habe.

Wie spontan sind Talks mit Gästen? «Feuchtgebiete»-Autorin Charlotte Roche sagte über ihre Vorbereitung für einen Auftritt bei Harald Schmidt: «Ich brauche drei, vier Geschichten, zwei Gags pro Minute.»

So kann jemand nur total unspontan wirken. In den US-Late-Night-Shows gibt es Talkgäste, die Gagschreiber angestellt haben. Deshalb wirkt ihr Auftritt oft so überkandidelt und geprobt.

Bei Ihnen kann es genau umgekehrt sein: Der Gast kommt gar nicht zu Wort.

Bisher aber nur einmal. Da hatten wir Sabina Schneebeli zu Gast. Alle wussten, dass ich mit ihr ein bisschen spiele …

… und der Boulevard Ihnen eine Liaison mit der Schauspielerin angedichtet hatte …

Jedenfalls haben wir nicht geplant, dass sie gar nie zu Wort kommen würde. Das war die improvisierteste Sendung und wohl eine der lustigsten – übrigens auch für Sabina.

Und, läuft da nun etwas mit Sabina Schneebeli?

Seit unserer Sendung mit ihr sollte jedem und jeder klar sein, dass da nichts läuft. Wir bleiben gute Freunde, sie kriegt die Kinder und ich die Katze.

Sie sind demnach zu haben?

Ich bin immer zu haben. Fragt sich nur für wen und zu welchem Preis.

Wie sieht Ihre Traumfrau aus?

Keine Ahnung. Wer mit einer Mustervorlage sucht, kriegt keine Traumfrau, sondern einen Alptraum.

Anderer Meinung scheint Boris Becker zu sein: Er bleibt einem bestimmten Frauentyp treu.

Und man sieht, wie es rauskommt: Er heiratet alle eineinhalb Jahre, und zwar möglichst öffentlich. Ob das ein Erfolgsmodell ist?

Was macht eine tolle Frau aus?

Blond, jung und reich. Quatsch, aber das kann man nur mit Banalitäten beantworten. Intelligenz und Humor jedenfalls können nicht schaden.

So wie Sie und Mike Müller. Wie funktionieren Sie beide vor der Kamera?

Einerseits haben wir verschiedene Temperamente, stehen aber auf dieselbe Komik. Erst dies ermöglicht die gemeinsame Improvisation. Ich wüsste nicht, mit wem sonst dies so gut funktionieren würde. Während der Sendung haben wir einen stichwortartigen Spick, aber wer was wann genau sagt, entscheidet sich live.

Manchmal wirkt das wie Jazz: Improvisation und Solieren.

Ja. Diesen Ausdruck hat auch der Kabarettist Josef Hader gebraucht als er in einem Interview die Sendung beschrieb. Er sagte, die Art und Weise, wie wir uns die Themen zuspielten, sei «Jazzig». Dieser Begriff gefällt mir.

Wer von beiden ist der Chef?

Das sieht man doch, oder? (lacht) Nein, natürlich machen wir diese Sendung gleichberechtigt zu zweit. Aber für die Fallhöhe der Komik ist es interessanter, wenn einer während der Sendung mal den Chef markiert. Ausserdem hat sich auch eine Art Arbeitsteilung ergeben. Ich führe die Talks und Mike kommt mit sprengenden Einwürfen quasi von hinten rein. Wenn wir beide gleich scharf auf den Gast losgehen würden, wäre das erstens unfair und zweitens bekämen die Zuschauer mit dem Gast Mitleid. Auch kann es so passieren, dass Mike die Position des Gastes einnimt und mich runtermacht.

Bundesräte sind immer wieder Teil Ihrer Sendung. Wie gefällt Ihnen der neue?

Didier Burkhalter ist die gelungene Verkörperung unseres Konkordanzsystems – und vermutlich ebenso langweilig. Selbst im lahmen deutschen Wahlkampf ging es immerhin um politische Positionen. Unsere Kriterien zur Wahl in die Regierung sind: Wohnort, Unauffälligkeit, Beliebtheit beim politischen Gegner. Ich bin kein Anhänger des Konkordanzsystemes, wo alle gemeinsam in einer permanenten grossen Koalition so tun müssen, als seien sie Kollegen. Dies ist kein zeitgemässes System mehr.

Was schwebt Ihnen vor?

Ein parlamentarisches Konkurrenzsystem. Eine Koalition von Parteien, die als Mehrheit eine bestimmte Politik durchziehen. Bin ich einverstanden mit dieser Politik, kann ich die Regierung wieder wählen. Wenn nicht, abwählen.

Wie wurden Sie politisiert?

Im berühmten – und oft glorifizierten – Jahr 1968 wurde ich politisiert. Ich war als Schriftsetzerlehrling gewerkschaftlich aktiv. Ich vertrete zwar nicht mehr die gleichen Positionen wie damals, aber politisiert bin ich immer noch – was in meinem Beruf nicht gerade ein Nachteil ist.

Was schauen Sie am Fernsehen eigentlich selber gerne?

News. Und eine meiner Lieblingssendungen heisst «Panda, Gorilla und Co.», eine rasend harmlose und komplett unpolitische Zoosendung. Als Tierfreund bin ich bei Tiergeschichten immer leicht zu rühren, deshalb schaue ich die Sendung zur Wahrung meines harten Images ausschliesslich alleine.

Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Ich geh nicht mit ihm um. Das Alter geht mit mir um. Aber da bin ich entspannt. Solange ich mir eine gewisse Neugier auf alles mögliche bewahre, fühle ich mich nicht alt. Ausserdem muss ich mir nicht mehr alles beweisen, nicht mehr allem nachrennen.

Haben Sie Tipps?

Wenn ich welche hätte, wäre das wohl nicht so entspannt, oder?

«Peinlicherweise finden wir uns manchmal selbst lustig»

5. Oktober 2009, Migros-Magazin, von Sabine Lüthi

Mathias HaehlAb nächstem Sonntag darf abends wieder gelacht werden: Dann startet die vierte Staffel der Sendung «Giacobbo/Müller» auf SF 1. […]

«Schauermärchen sehr frei nach Schiller» nennt Carla Lia Monti «Räuberinnen – Director’s Cut» – so frei, dass der Verweis auf den Klassiker als erste Provokation zu deuten ist.

Es war einmal im Schweizer Land eine sadomasochistische Adlige (Alexandra Prusa), die wollte mit Hilfe eines pervers-bigotten Bischofs (Hans-Peter Ulli) eine ihrer Töchter verschachern. Doch die blonde Emily (Nina Bühlmann) floh vor der Zwangsheirat mit dem infantilen Grafensohn und gründete mit Bordellhuren eine Räuberinnenbande. Bald schlossen sich den Vogelfreien unbescholtene Frauen aus der Umgebung an, die genug von ihren Männern und Söhnen hatten.

Es ist leicht, über den Film «Räuberinnen» herzuziehen. Übertreibungen, Verfremdungen und karikierte Figuren ohne Eigenleben stempeln die Folge sketchartiger Szenen zwar zur surrealen Burleske ab. Doch die Gags und Pointen zünden nicht und die fetten Wänste, hängenden Busen oder erigierten Gummiglieder lassen einen kalt. Nonstop inszeniert, verlieren Schamlosigkeit, Hässlichkeit und Dummheit rasch ihre skandalträchtige Wirkung: Wer kann dieses Kasperletheater ernst nehmen? Eine solche Reaktion liegt nahe, und es gibt nur einen, allerdings gewichtigen Grund, sie zu hinterfragen: Monti scheint mit ihr gerechnet zu haben. Sie verweist nämlich auf einen Filmemacher, dessen Werke wie «Pink Flamingo», «Polyester» und zuletzt «A Dirty Shame» ähnlich grotesk, geschmacklos und in der Regel unlustig sind wie «Räuberinnen»: John Waters. Sein Bild trägt Emily im Amulett und sagt, es handle sich um den verstorbenen Vater.

Auf den berüchtigten amerikanischen Provokateur bezieht sich auch Samir in einer «Anmerkung des Produzenten». Monti stelle sich «quer zu allen Lehrmeinungen über den empathischen Film» und stehe damit in der Tradition «der künstlerischen Filmemacher der 70er-Jahre wie John Waters». Das ändert die Sicht auf «Räuberinnen» radikal. Offenbar will die Regisseurin nicht, dass das Publikum sich in die Charaktere einfühlt, im Bann einer dramatisch erzählten Geschichte steht oder sich gehörig entrüstet. Vielmehr soll das Spektakel die Zuschauer auf Distanz halten. Selbst das Obszöne und Unästhetische darf nicht naiv aufgefasst werden: Monti weiss, dass die Ära der Skandale wegen derartiger Harmlosigkeiten vorbei ist. Sie stellt, so Samir, «das Groteske, Unheimliche und Schreckliche in den psychologischen und sexuellen Beziehungen» dar, aus weiblicher Sicht, aber ohne «pseudokorrektes politisches Korsett». Tatsächlich setzt sich die Autorin ideologisch zwischen alle Stühle. Mit Emilys Hippie-Softie-Lover (Niels Althus), willfährigen Beamten, hirnlosen schwulen Bodyguards, dem ohnmächtigen verweiblichten Grafen und zwei notgeilen Räubern (Viktor Giacobbo gibt den primitiven Macho, Patrick Frey den fanatischen Vegetarier), mokiert sie sich über das «starke Geschlecht».

Auch Frauen keine Vorbilder

Doch das eigene kommt kaum besser davon: Nicht Patriarchen sind Schuld an der vorgeführten Tragödie, sondern zwei kontrollsüchtige omnipotente Mütter. Emily taugt bloss bedingt als Identifikationsfigur: Verwöhnt und blauäugig muss sie durch die Ereignisse aus ihrem geistig-emotionalen Dornröschenschlaf gerissen werden. Ihre Gesellinnen entpuppen sich mehrheitlich als egoistisch. Bruchlos mutieren sie von vermeintlichen Opfern zu Ausbeuterinnen und stehen Schlange, um einen Mann zu vergewaltigen. Nur eine linientreue Feministin verurteilt den Verrat der emanzipatorischen Idee.

Das signalisiert wie unzählige andere Anachronismen, dass Monti das Hier und Jetzt im Visier hat. Symbolisch beschreibt sie unbewusste Mechanismen, welche aus Menschen fremdbestimmte Marionetten machen, die gegenwärtige Spassgesellschaft bestimmen und die Konsumhaltung fördern. Folgerichtig versagt sie dem Publikum das erhoffte Gaudi und bestätigt keine wie auch immer geartete Ideologie. Wen wunderts, steht sie auf fast verlorenem Posten!

Aufstand der Weiber, unzensiert

3. Juni 2009, Landbote, von Tibor de Viragh

«Schauermärchen sehr frei nach Schiller» nennt Carla Lia Monti «Räuberinnen – Director’s Cut» – so frei, dass der Verweis auf […]

Kein Kabarettist ist so erfolgreich wie Viktor Giacobbo. Seine Figuren sind so bekannt wie er selbst. Ein Gespräch über das Bankgeheimnis, seinen Erfolg und weiblichen Humor.

Herr Giacobbo, worüber machen Sie keine Witze?

Ich mache über alles Witze, was bei mir einen komischen Impuls auslöst. Aber ich mache nicht alle Witze öffentlich. Witze sind ein wunderbares Stress- und Elendsbewältigungsmittel. Privat gibt es traurige Momente, die mit Komik abgebaut werden können – aber eben privat und nicht am TV.

Erzählen Sie uns einen Witz, den Sie am Fernsehen nicht bringen würden.

Ich erzähle lieber einen grenzwertigen, den Mike Müller und ich öffentlich gemacht haben. Nach dem tödlichen Autounfall von Jörg Haider sagten wir in der Sendung: Um unsere grössten Probleme zu bewältigen, brauchen wir in der Schweiz 60 Milliarden. In Österreich reichen 1,8 Promille.

Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen öffentlichen und nicht öffentlichen Witzen?

Es ist eine reine Bauchsache. Aber natürlich gibt es immer Leute, die sich beschweren. Die organisierten Christen sind besonders heikel. Gleichzeitig lassen sie uns jeweils wissen, wir hätten Glück, dass wir es nur mit ihnen zu tun hätten und nicht mit Muslimen. Die nämlich würden uns steinigen und auspeitschen. Als Christen seien sie dagegen so voller Nächstenliebe, dass sie so etwas nie tun würden.

Waren Sie schon als Kind ein Spassmacher?

Ich habe schon als Kind immer im falschen Moment absichtlich etwas gesagt, oft zum Verdruss meiner Mutter. Ich habe das, was sie über die Tante in deren Abwesenheit gesagt hatte, wiederholt, wenn die Tante anwesend war. So bekam ich ein erstes Gefühl für Satire.

In der Schule gibt es die Sportler, es gibt jene, welche die andern verprügeln…

…meine Bedeutung in der Klasse stieg erst, als das Reden wichtiger wurde.

Warum ist Viktor Giacobbo lustig?

Fragen Sie jemand anders. Vielleicht schätzen die Leute meine Mischung: Einerseits bin ich ein Satiriker, der von einem bestimmten Standpunkt aus Ereignisse oder Personen qualifiziert. Andererseits mag ich auch Klamauk. Es gibt ja Leute, die sagen: Die echte, wahre Satire findet in kleinen Kellertheatern statt und nicht im Massenmedium Fernsehen. Ich finde, dass man mit bewusst eingesetztem Klamauk durchaus auch Satire machen kann.

Das Duo Giacobbo/Müller funktioniert nach einem einfachen Muster: Da sind zwei, die benehmen sich wie «Dick und Schlau».

Man kann das salopp so sagen. Aber natürlich sind das Rollen, die wir spielen. Nach der Sendung hiess es in der Presse, Mike sei im Hinter- und ich im Vordergrund. Diese Analyse zeugt von wenig Sachverstand. Es geht darum, dass es interessanter ist, wenn mal der eine, mal der andere den Chef mimt. Das erzeugt Komik. Entscheidend ist, dass wir zusammen improvisieren können.

Wie viel an «Late Service public» ist Improvisation?

Es gibt keinen ausformulierten Text, und wir proben nicht wirklich. Wir üben nur den technischen Ablauf. Den vollen Text sprechen wir das erste Mal in der Sendung. Natürlich haben wir einen Spick, auf dem der Ablauf und die Stichworte stehen. Doch wer von beiden die Pointe bringt, ist nicht festgelegt. Das ergibt sich spontan. Wir haben also viele Möglichkeiten zum Improvisieren, aber auch zum Abstürzen.

Ihr Erfolg als Fernsehsatiriker begann 1990. Ihr Aufstieg verlief parallel zum Aufstieg der SVP. Ein Zufall?

Ein schöner Gedanke. Der Aufstieg der SVP hat dazu geführt, dass die öffentlich-politische Auseinandersetzung zackiger geworden ist. Dass man öfter die Sache beim Namen nennt, finde ich ganz erfrischend. Im Windschatten der SVP haben übrigens auch die anderen Parteien zugelegt – und eben auch die Satire.

Ihre liebsten Opfer sind SVPler. Ueli Maurer wurde von Ihnen jahrelang parodiert.

Das war vor allem wegen der Konstellation reizvoll: Die erfolgreichste Partei hatte einen Präsidenten, der nicht der Chef war. Da ist alles drin, was es für Komik braucht. Wobei wir das Ueli-der-Knecht-Image längst korrigiert haben. Schon im Spätprogramm musste Blocher Uelis Auto waschen.

Die grosse Zeit der SVP ist vorbei und Blocher nicht mehr so im Saft wie einst. Verschwinden damit Ihre besten Pointen?

Ich habe ein bisschen Mitleid mit Blocher – und bin selbst erstaunt über meine milden Gefühle. Ein alter Mann, der nicht loslassen kann und sich selber demontiert.

Sie verlieren Ihr dankbarstes Opfer.

Es gibt mehr als genug Stoff. Der Bundesrat liefert ihn ja frei Haus. Manchmal, wenn ich meine Steuern bezahle, denke ich: Ich zahle gerne. Es ist ja nur gerecht, wenn ich für all den Stoff etwas zurückgebe.

Sind Sie eigentlich noch ein Linker?

Natürlich kommen Satiriker in der Regel aus dem linken Lager. Aber es gibt auch unter den Linken Tendenzen, die ich unsäglich finde. Zum Beispiel müssen die Gewerkschaften aufpassen, dass sie nicht ins reaktionäre Lager abgleiten – das blüht ihnen, wenn sie sich noch länger gegen den Sonntagsverkauf oder gegen längere Ladenöffnungszeiten wehren.

Welche Partei wählen Sie?

Ich panaschiere. Es sind vor allem Sozis, Grüne und Freisinnige, die auf meiner Liste erscheinen.

Das Schweizer Bankgeheimnis ist gefallen, die Swissair längst weg und die UBS noch immer nicht über den Berg. Wird sich die Schweiz neu erfinden müssen?

Kein Land erfindet sich neu. Einige Länder, wie etwa die USA mit Obama, leisten sich zumindest eine bemerkenswert frische Regierung. Während wir uns an unserem nachbarlichen Lieblingsfeind Peer Steinbrück abarbeiten. Er mag ein arroganter Typ sein und sich im Ton vergriffen haben – Peer Steinbrück hat in der Sache jedoch Recht. Wie würden wir reagieren, wenn unsere reichsten Leute das Geld im Ausland verstecken statt hier versteuern würden? Leute, die überhaupt nicht vom Bankgeheimnis profitieren, verteidigen es. Das Bankgeheimnis ist wie das Rütli geworden – ein Mythos. Ich finde das absurd.

Was sonst soll die Schweiz sein wenn nicht das Land der Banken?

Das Land der Konkordanz! Hier kann niemand kommen und mit einem grossen Wurf etwas verändern. Es kann keinen Aufbruch geben, weil bereits alle starken Strömungen in der Regierung sind, zumindest alle grossen Parteien. Darum kann die Regierung ja auch nicht abgewählt werden. Und darum bewegt sich nicht viel.

Sie sehnen sich nach dem grossen Wurf und wollen die Konkordanz beerdigen?

Ich fände es gut, wenn ein Regierungschef oder eine Regierungschefin antreten und sagen würde: Jetzt machen wir es so und so. Und wir verwässern nicht alles mit hundert Vernehmlassungen.

In Interviews wirken Sie oft sehr kontrolliert bis gereizt. Langweilen Sie die Fragen der Journalisten derart?

Schöner Begriff: kontrollierte Gereiztheit. Manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich seit zwanzig Jahren das gleiche Interview geben. Das ist nicht immer die Schuld der Journalisten, sondern liegt in der Natur der Sache. Hin und wieder erlebe ich jedoch, dass ich von Schülern interviewt werde. Und der Anteil der Fragen, die mir noch nie gestellt wurden, ist da viel höher als bei den Journalisten.

Auf die Gefahr hin, Sie mit einer alten Frage zu langweilen: Gibt es einen spezifischen Schweizer Humor?

Das glaube ich nicht. Klar, es gibt Pointen, die nur Schweizer verstehen. Ansonsten ist der Humor eher nach sozialen Schichten unterteilt als nach Landesgrenzen. Zumindest, wenn man sich mal auf Europa beschränkt. Chinesen und Japaner lachen offenbar tatsächlich über anderes als wir.

Ist die Herausforderung für Sie und Mike Müller, einen Humor zu produzieren, der schichtübergreifend ankommt?

Wir produzieren den Humor, den wir persönlich lustig finden. Wir betreiben da keine Witzmarktforschung. Die grösste Freude ist dann, wenn das Publikum unseren Geschmack teilt.

In Ihrer Sendung wirkt es, als ob Rechte besser über sich selber lachen könnten als Linke.

Linke neigen stärker zum Moralisieren, und damit haben sie ein etwas schwieriges Verhältnis zur Selbstironie. Linke glauben, sie stünden immer auf der richtigen Seite, weshalb es keinen Grund gebe, über sie Witze zu machen.

Sind Frauen weniger lustig als Männer?

So generell kann man das nicht sagen. Aber es ist leider eine Tatsache, dass es viel weniger Komikerinnen gibt als Komiker. Allerdings hatten wir witzige weibliche Talkgäste: Bea Tschanz, Ursula Haller, Therese Frösch…

In Kontaktanzeigen wird oft ein humorvoller Mann gesucht, aber kaum je eine humorvolle Frau. Konsumieren Frauen Humor, während Männer ihn produzieren?

Vor allem muss ich sagen: Es gibt nichts Schlimmeres als eine humorlose Partnerin. Frauen produzieren nicht weniger Humor, sondern einen anderen. Der männliche Humor ist offensiver und aggressiver und wohl daher für die Bühne geeigneter. In unserer Sendung gibt es Elemente, von denen wir wissen, dass sie bei Männern besser ankommen. Ich denke vor allem an Boppeler und Stark, die beiden «gruusigen Siechen», die wir einfach sehr gerne spielen. Andererseits gefällt es den Zuschauerinnen besser, wenn Mike und ich uns wegen des Gewichts oder des Alters anzünden.

In jüngster Zeit kam es zu Ereignissen, die skurriler waren als jede Satire. Ein Behälter mit Schweinegrippenviren, der im Intercity explodiert…

…oder ein Fussballklub, der auf einen 300-Millionen-Spender hereinfällt…

Stellt die Realität die Satire in den Schatten?

Manchmal hat man als Satiriker wirklich gar nicht viel anzufügen. In der letzten Sendung sagten wir, die kürzeste Pointe der Woche heisse: GC. Das Gute an der Realsatire ist: Sie schärft die Sensibilität für Komik im Alltag. Und genau diese Komik ist ja unser satirisches Thema.

Ist man als Satiriker von Berufs wegen ein Pessimist?

Ich stehe eher auf der pessimistischen Seite – wie die meisten Satiriker, die ich kenne. Mir fällt es schwer zu glauben, dass sich die Menschheit positiv entwickeln wird. Ich glaube, dass gewisse globale Probleme immer grösser werden.

Bis alles zusammenbricht?

Keine Ahnung, ich hoffe, dass ich es nicht mehr erlebe.

«Ich habe ein bisschen Mitleid mit Blocher»

9. Mai 2009, Tages-Anzeiger, von Alain Zucker, von Hannes Nussbaumer

Kein Kabarettist ist so erfolgreich wie Viktor Giacobbo. Seine Figuren sind so bekannt wie er selbst. Ein Gespräch über das […]

2017