Viktor Giacobbo

Viktor Giacobbo hat die Deutschschweizer Satire-Kultur geprägt wie kein anderer. Im Interview spricht er über Komik im Zeichen der Cancel-Culture. Und über die Comedy-Krise bei SRF.

Viktor Giacobbo, sind Sie ein Fan von Otto Waalkes?

Das muss man als Komiker fast sein. Er ist einer der ersten deutschsprachigen Humor-Anarchisten und wirklich sehr lustig. Ein paar Otto-Witze kann ich immer noch auswendig.

Hat er Sie als Komiker geprägt?

Wenn mich einer direkt beeinflusst hat, dann war es eher der Kabarettist Dieter Hildebrandt. Die Mischung aus harten politischen Jokes und seinem Spass am Unsinn fand ich sehr überzeugend. Spass am Unsinn hat auch Otto, aber politisch war er nie.

Jetzt hat der WDR zum 75. Geburtstag von Otto Waalkes alte Otto-Fernsehshows im Online-Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – allerdings mit dem Hinweis, die Aufzeichnungen enthielten Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet würden. Wovor wollte man warnen?

Das müsste man die Leute fragen, die sich durch Otto-Witze diskriminiert fühlen oder vor Diskriminierung warnen. Möglicherweise würden sich dann Ostfriesen melden oder Jungfrauen, die beide zu den Opfern berühmter Otto-Witze zählen. Otto selbst hat aber gut reagiert und erklärt, dass man vor Komik gar nie genug warnen könne, denn sie habe immer etwas Anstössiges, weil sie alltägliche Regeln verletze.

Ist es mit Trigger-Warnungen in der Comedy-Szene schon ähnlich wie bei Warnungs-Klebern auf Pop-CD: Gehört es zum guten Ton, dass man mit Warnungen bedacht wird?

Wenn jemand die Trigger-Warnung als Kompliment verstehen will – okay, das gönne ich ihm. Allzu stolz sollte man aber nicht sein. Gute Komiker sind meist Kindsköpfe geblieben. Und ein Kindskopf sagt manchmal etwas, das nur im Moment lustig ist, ohne weiter darüber nachzudenken. Manchmal kann aber etwas rausrutschen, das man selbst im Nachhinein auch nicht mehr so toll findet.

Gibt es bisweilen gute Gründe für Trigger-Warnungen?

Ich finde die Trigger-Warnung des WDR irritierend. Aber immerhin wurde nichts zensuriert. Die mediale Aufregung scheint mir auch wiederum etwas unverhältnismässig. Am meisten stört mich an Trigger-Warnungen, dass Fragen der Diskriminierung eher überspielt als diskutiert werden. Man setzt sich mit der allfälligen Problematik gar nicht auseinander.

Es gibt die Standard-Frage: Was darf Satire? Darauf folgt jeweils die Standard-Antwort: Satire darf alles, aber . . . Was wäre Ihr «Aber»?

Satire darf meiner Meinung nach tatsächlich alles. Aber der Satiriker hat einfach mit entsprechenden Reaktionen und allfälligen Missverständnissen zu rechnen. Um Satire zu verstehen, muss man manchmal um ein paar Ecken herumdenken können. Als meine Macho-Figur Harry Hasler frauenfeindlichen Blödsinn rausliess, war es nach einigen Diskussionen auch den Feministinnen klar, dass da nicht die Frauen, sondern der Mann ausgelacht wird.

Inhaltlich aber gibt es für Sie als Satiriker keine Grenzen?

Doch, es gibt eine Grenze, die mir sehr wichtig ist. Ich werde niemanden in der Öffentlichkeit ausstellen, der die Öffentlichkeit nicht schon selbst gesucht hat. Alle Leute, die ich karikiert habe, teilen in ihrem Job oder in ihrer Funktion selber aus oder stehen öffentlich für etwas, das man gut oder schlecht finden kann. Diese Leute müssen auch etwas aushalten können – so wie ich ja auch. Die einen werden trotzdem weinerlich, andere wiederum nehmen es cool.

Können Sie Beispiele nennen?

Einer, der eigentlich viel einstecken musste und trotzdem gelassen blieb, ist Ueli Maurer. Wenn wir uns begegnen, unterhalten wir uns freundlich. Er hat mir allerdings gesagt, dass er sich meine Fernsehsendung und meine Ueli-Maurer-Nummern nie angeschaut habe – aus einer gewissen Angst, sie könnten ihm was ausmachen. Das fand ich sehr ehrlich.

Und wer hat weniger cool reagiert?

Dass wir ihre Versuche als Schlagersängerin karikiert haben, beklagt Vreni Schneider bis heute. Dabei sind doch die meisten Schlager bereits gesungene Witze.

Sie haben berühmte Leute karikiert, aber Sie erfanden auch diverse Figuren. Sie haben sich als Mann mit Frauen wie Debbie Mötteli oder Donatella Versace identifiziert, Sie sind als weisser Europäer in die Rolle des Inders Rajiv geschlüpft, und Sie haben als gefeierter Promi den unterprivilegierten Junkie Fredi Hinz gespielt. Wurden Sie für all diese Übertretungen nie gecancelt, verurteilt und verdammt?

Man hat es einige Male versucht und einzelne Figuren kritisiert. Aber wenn die Kritiker die Inhalte der Sketche genauer studiert haben, mussten sie feststellen, dass sie nichts hergaben für einen Shitstorm. Es geht nicht darum, dass man sich über einen Junkie lustig macht. Es geht darum, dass sich ein Fredi Hinz, den ich live immer noch spiele, alles erlauben und die Welt aus seiner Sicht umkehren kann. Und je gehobener die Gesellschaft, desto besser funktioniert er als ungeladener Gast, der unabhängig Klartext redet.

Es gibt aber Figuren in Ihrem Repertoire, auf die Sie mittlerweile verzichten?

Ja, die gibt es. Aber ich verzichte nicht aus politischer Korrektheit, sondern weil ich den Eindruck habe, dass sie wie abgespielt sind, aus Gründen der Aktualität oder weil ich einfach – wie Ueli Maurer – keine Lust mehr darauf habe.

Den Inder Rajiv spielen Sie nicht mehr, weshalb?

Rajiv habe ich oft genug gespielt. Weil er Inder ist, habe ich die Haut jeweils etwas dunkler geschminkt. Es gab damals Kritiker, die mir «Blackfacing» vorwarfen. Ich habe den Kritikern dann erklärt, dass ich mich jeweils ähnlich schminken musste, um Harry Hasler und Roger Schawinski als Sonnengebräunte zu imitieren. Beim ursprünglichen Blackfacing war gar nicht die Gesichtsfarbe das Problem, sondern das rassistische Verbot für Schwarze, in den USA als Schauspieler zu arbeiten. Die Rollen wurden ihnen von Weissen weggenommen, die dann die Gesichter schwarz färbten. Bei Rajiv habe ich nie einen Inder getroffen, der die Rolle gerne übernommen hätte. In allen Sketchen war Rajiv zwar eine leicht ordinäre, aber gewitzte Figur, die am Schluss als Sieger alle spiessigen Schweizer um den Finger wickelte.

Diskriminiert wurden durch Rajiv eigentlich eher die Schweizer?

Ja, und durch Harry Hasler die Thurgauer, durch Fredi Hinz die Zürcher, durch Donatella Versace die Italienerinnen und durch mich die Winterthurer!

Die heutige Cancel-Culture scheint darauf hinzudeuten, dass die Gesellschaft sensibler oder intoleranter geworden ist. Gilt das auch für das Comedy-Publikum?

Die Cancel-Culture gab es schon immer, seitens der politischen Rechten ebenso wie seitens der Linken. Gepflegt wurde die Cancel-Culture jahrhundertelang auch von der katholischen Kirche. Aber ich glaube schon, dass die Empfindlichkeiten überall zugenommen haben. Es gibt immer mehr Leute, die es sofort in ihre Bubble tragen, wenn ihnen etwas unkorrekt erscheint. Es wird mehr verurteilt statt gestritten, und Fehler werden sofort geahndet statt diskutiert. Die SVP, die aggressiv zum Wahlkampf-Auftakt das Canceln aller übrigen Parteien gefordert hat, unterscheidet sich da nicht von super-woken Bubbles.

Mit «Giacobbo/Müller» haben Sie von 1990 bis 2002 am Sonntagabend jeweils fast die ganze Deutschschweiz vor den Fernseher gelockt. Was war Ihr Erfolgsrezept?

Entscheidend war der Live-Charakter der Late-Night-Show, der viel Spontaneität voraussetzte. Es geschahen Dinge, die man nicht in ein Script schreiben kann. Ausserdem wurde die Sendung als Show in einem Zug aufgenommen und nicht in einzelnen Teilen mit Unterbrüchen. Live-Publikumsreaktionen sind bei Late-Night-Sendungen für die Stimmung entscheidend.

Was hat Ihre eigene politische Position für eine Rolle gespielt?

Es war dem Publikum klar, dass Mike Müller und ich politisch eher links von der Mitte stehen. Es gab zwar Leute, die uns Unausgewogenheit vorwarfen, und wir waren auch für Konzessionsverletzungen verantwortlich. Aber gerade bei den rechten Parteien wusste man schon, dass wir auch SP und Grüne kritisierten. Und wir haben uns selber ja nicht so ernst genommen, wir haben uns selbst als der Alte und der Dicke in Szene gesetzt.

Ist Selbstironie wichtig in einer Comedy-Sendung?

Sie ist für alle sehr wichtig! Den Politikern, die ich in unsere Show einlud, habe ich jeweils zwei Dinge empfohlen: Bringt bitte kein Geschenk mit – das nimmt zu viel Sendezeit in Anspruch! Und: Macht vielleicht mal einen Witz über die eigene Partei. Wer sich daran hielt, hatte beim Publikum Erfolg.

Viktor Giacobbo: «Die Comedy-Krise beim Schweizer Fernsehen ist hausgemacht.»

Im Rahmen der SRF-Sendung «Sommerlacher» wurden kürzlich wieder alte Sketche von Giacobbo/Müller ausgestrahlt. Haben Sie diese selbst zusammengestellt?

Nein, wir wurden nicht darüber informiert, dass sie ausgestrahlt würden; übrigens bereits zum dritten Mal. Schön, dass unsere Nummern immer noch für Quoten sorgen. Aber es ist eine lieblose Zusammenstellung, die auf irgendeinem Algorithmus basiert. Es gäbe Nummern, die nicht so abgenudelt sind und viel besser in die Aktualität passen würden.

Warum haben Ihre Nachfolger bei SRF kaum mehr Erfolg mit Comedy?

«Deville» hat sehr wohl Erfolg gehabt. Ich persönlich habe seinen Verzicht auf direkten satirischen Schlagabtausch mit Politikerinnen und Politikern aber bedauert, und ein Teil seines Publikums vielleicht auch.

Wenn man sich heute langweilt bei Comedy-Sendungen, dann liegt das an den Komikern?

Nein, die Comedy-Krise beim Schweizer Fernsehen ist hausgemacht. Als Mike Müller und ich unseren Rückzug bekanntgaben, haben wir eine Reihe von Nachfolgerinnen und Nachfolgern vorgeschlagen. Aber SRF hat es mit vielen verspielt, weil sie sich nicht an die Grundregel von TV-Comedy gehalten haben: Die Komiker müssen die Sendung gestalten und nicht die Redaktion. Es wird den Künstlerinnen und Künstlern aber pausenlos dreingeredet – häufig mit Verweis auf das fehlende Budget.

Für Aufregung sorgte SRF kürzlich dadurch, dass man für eine neue Late-Night-Show keine einzige Komikerin in Betracht zog. Wie ist das zu erklären?

Dass man keine einzige Frau zu einer Probesendung eingeladen hat, ist nicht zu entschuldigen. Und es hätte Kandidatinnen gegeben, die infrage gekommen wären. Allerdings braucht es für eine Late-Night-Show gewisse Voraussetzungen, Risikobereitschaft und einen langen Atem – für Frauen wie für Männer.

Sie selber sind immer noch sehr populär, das zeigt der anhaltende Erfolg Ihrer Sketche auf SRF. Hat man Ihnen nie eine neue Sendung vorgeschlagen?

Doch, öfter. Aber wir wollten nicht mehr; wir haben unterdessen neue Projekte und Pläne. Mike Müller spielt mit grossem Erfolg seine Solostücke. Und ich plane ab Oktober im Casinotheater Winterthur eine monatliche Talk-Show: «Late Giacobbo. Viktor Giacobbos letztes Aufgebot». Achtung: kein Comeback!

«Gute Komiker sind meist Kindsköpfe geblieben. Und ein Kindskopf sagt manchmal etwas, das nur im Moment lustig ist»

2. September 2023, Neue Zürcher Zeitung, von Ueli Bernays

Viktor Giacobbo hat die Deutschschweizer Satire-Kultur geprägt wie kein anderer. Im Interview spricht er über Komik im Zeichen der Cancel-Culture. Und […]

Bleifuss Harry Hasler verhöhnt alles, was seinem Erschaffer heilig ist. Nur eines teilt Viktor Giacobbo mit seinem Alter Ego: den Hang zum Subversiven.

Ist die Corona-Krise nicht ein Paradies der Satire? All die Massnahmen, die Pirouetten von Politik und Wissenschaft, die Ängste und Ungewissheiten, sie schreien doch förmlich nach einer sarkastischen Auflösung. «Im Prinzip, ja», meint Viktor Giacobbo etwas zögerlich, «doch wer an Long Covid leidet, findet Witze über Long Covid wohl gerade nicht so lustig.» Gewiss. Aber haben wir nicht auch über den Drögeler Fredi Hinz gelacht – wohl wissend, wie verheerend Drogensucht für die Betroffenen sein kann? – «Fredi fühlt sich nicht als Opfer, sondern als selbstbestimmter Drogenkonsument.»

Wir sitzen im Gartenrestaurant vor dem Casinotheater in Winterthur. Sonnenschein, entspannte Gesichter, ausser dem Servicepersonal trägt kaum noch einer Maske. Im Theater wird nach einem entbehrungsvollen Jahr wieder geprobt. Sogar auf Giacobbos Twitter-Account, wo es in den letzten Monaten wenig zu lachen gab, stehen die Zeichen auf Entspannung.

Fredi Hinz, Rajiv Prasad, Harry Hasler

Er war beileibe nicht der einzige Comedian, dem der Humor, so machte es zumindest den Anschein, während der Corona-Krise abhandengekommen war. Es hatten sich bald zwei Lager gebildet. Auf der einen Seite standen Andreas Thiel und Marco Rima, die sich offen mit den Skeptikern solidarisierten. Sie wurden als Hetzer und Covidioten beschimpft. Auf der anderen Seite stand das Duo Giacobbo/Müller. Auch sie wurden mit Schmähungen überhäuft, als Panidioten und Staatskomiker gebrandmarkt. Das war nicht mehr lustig. Und auch gemein.

Wenig nervt Viktor Giacobbo mehr als die Leier vom Subventionsjunkie (was seine Kritiker natürlich doppelt anspornt). Tatsächlich gibt es wenige Künstler in diesem Land, die mit eigener Initiative und ohne Staatshilfe so viel erreicht haben wie er (was übrigens auch für Mike Müller gilt). Gewiss, seine Bekanntheit hat der Mann mit den Segelohren vor allem dem öffentlichen Fernsehen zu verdanken. Doch auf einem freien Markt hätte Giacobbos Gage schon nach wenigen Jahren ein Mehrfaches betragen von dem, was das SRG-Lohnreglement erlaubt.

Seit Emil Steinberger hat kein Komödiant mehr in der Schweiz so viele Menschen begeistert. Seine Figuren – von Fredi Hinz über Rajiv Prasad bis Debbie Mötteli und vor allem natürlich Harry Hasler – trafen einen Nerv. Sie sind Ikonen, die jedes Kind kennt. Die Parodien auf Roger Schawinski, Ueli Maurer, Gaddafi oder Donatella Versace drehen als Evergreens auf Youtoube. Dabei sind all diese Figuren in ihrer anarchistisch anmutenden Unverschämtheit und Unberechenbarkeit untypisch für das Schweizer Fernsehen. Giacobbo ist denn auch alles andere als ein typisches SRF-Gewächs.

Wenn es einen Fixpunkt gibt im mittlerweile 69-jährigen Leben des Künstlers, dann ist es die Stadt Winterthur. Hier wurde er geboren, hier ist er zu Hause, hier wird er wohl dereinst begraben. Was normalerweise ein Leben prägt – vorweg Familie und Beruf –, erscheint bei Giacobbo unfassbar. Die Partnerinnen wechselten alle paar Jahre. Ein Weiberheld war er nie, wie man so hört, er hatte immer schön eine aufs Mal, keine Skandale. Aber einen gemeinsamen Haushalt gab es nie. Geschweige denn Kinder. Und was die Arbeit betrifft – es sind so viele Berufe, dass einem schwindlig werden könnte: Schriftsetzer, Korrektor, Kolumnist, Dokumentalist, Komiker, Moderator, Schauspieler, Regisseur, Autor, Unternehmer, Verleger, Produzent, um die wichtigsten Stationen zu nennen. Und was er ganz besonders erwähnt haben möchte – sein langjähriges Engagement für die Orang-Utans in Indonesien und als Verwaltungsrat beim Verlag Kein & Aber –, es ist in der Öffentlichkeit am wenigsten bekannt.

Um den wahren Viktor Giacobbo zu ergründen, versuchen wir es also mit einem Spaziergang durch Winterthur. Startpunkt: das Casinotheater. Giacobbo hat die altehrwürdige Bühne inklusive Gastro-Betrieb vor zwei Jahrzehnten zusammen mit Patrick Frey und anderen Kulturschaffenden gekauft. So etwas könne ausserhalb der Weltstadt Zürich nie funktionieren, monierten damals einige. Doch sie irrten sich. Das Casinotheater entwickelte sich schnell zum Dreh- und Angelpunkt der Schweizer Cabaret-Szene.

Dorado für Start-ups

Die Stadt Winterthur gewährte den Käufern einen zinslosen Kredit von zwei Millionen Franken, verbunden mit der Auflage, ein Kulturprogramm zu betreiben. Doch die grossen Investitionen für den Umbau, insgesamt dreizehn Millionen, mussten die Betreiber selber aufbringen. Und vor allem: Der Betrieb kommt ohne staatliche Hilfen aus, wie Giacobbo bei jeder Gelegenheit betont. Die Nähe zum Zürcher Hauptbahnhof und die hervorragenden Verkehrsverbindungen in die Ostschweiz waren sicher hilfreich. Mit seinen 110 000 Einwohnern bietet Winterthur allerdings auch einen soliden Heimmarkt.

Grosszügige Parks und Bauten aus der Gründerzeit verleihen der Stadt sogar einen Hauch von Weltläufigkeit. Historisch gesehen stand Winterthur bis zum Einmarsch von Napoleon 1798 unter dem Joch der Zürcher. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte dank Sulzer, Rieter und den Lokomotivwerken eine Blüte ein, die über hundert Jahre lang andauerte. Die Stadt schaffte den Sprung in die Neuzeit, die alten Industriebrachen sind ein Dorado für innovative Start-ups. Die Industriebarone verewigten ihren Nachlass mit einer ganzen Reihe hochkarätiger Kunstmuseen. Politisch geprägt wurde Winterthur von den Demokraten, die etwas mehr auf den Staat und den sozialen Ausgleich setzten als der Zürcher Freisinn. Das merkt man heute noch. Die Überwindung des Kapitalismus wird hier weniger verbittert ausgefochten als in anderen Städten, obwohl die Rot-Grünen auch hier in der Mehrheit sind.

Es war eine recht friedliche und prosperierende Welt, in die Viktor Giacobbo 1952 als Sohn einer Verkäuferin und eines Metzgers hineingeboren wurde. Seine Grosseltern väterlicherseits waren aus Italien zugewandert (sie traten zur protestantischen Kirche über, doch ihren scharfen Akzent bewahrten sie sich bis zum Ende ihrer Tage). Der Bursche begann 1968 eine Lehre als Schriftsetzer, mit Ausbildung an der Kunstgewerbeschule. Und das ging damals fast automatisch einher mit einer Konvertierung zur marxistischen Lehre. Die Frage war lediglich, ob sich einer eher den Leninisten, den Trotzkisten oder den Maoisten verbunden fühlte. Genosse Viktor mochte sich nie entscheiden.

Anarcho und Einzelgänger

Aus der SP trat er schnell wieder aus. Die Sozis waren ihm zu rechts. Obwohl kerngesund, entwischte Giacobbo, getarnt als eine Art Frühversion von Fredi Hinz, dem Ruf der Armee. Ein in der Wolle gefärbter Linker also? Wenn er heute sagt, er habe sich nie mit einer Bewegung identifiziert, der Dogmatismus und die Intoleranz gewisser Linker seien ihm schon damals ein Gräuel gewesen, dann ist das durchaus glaubhaft. Proletarische Dialektik und Humor, das passte nicht zusammen. Weggefährten aus alten Zeiten haben Giacobbo als kauzigen Anarcho und Einzelgänger mit einem Hang zum Subversiven in Erinnerung. Einer, der sich nirgends eingliedern liess und stets herumgemeckert habe (einer murmelte sogar etwas, was wie «Sozialphobiker» klang). Der Hang zu Spektakel und Satire lag ihm schon damals im Blut.

Die roten Seilschaften waren allerdings sicher kein Hindernis für seine Anstellung beim Schweizer Fernsehen. Die Abteilung Dokumentation, wo er startete, galt als linke Hochburg. Nebenbei wirbelte Giacobbo seit den späten 1970er Jahren in verschiedenen Comedy- und Theatertruppen (Stuzzicadenti, Zampanoo’s Variété, Haruls Top Service). Im linken Szenenblatt Tell brachte er sein eigenes Milieu mit einer Klatschkolumne regelmässig auf die Palme – etwas, was es vor ihm nie gegeben hatte und auch später nie mehr geben sollte. Fernseh-Talkmaster Ueli Heiniger holte Giacobbo schliesslich für kurze Sketches in seine Sendung «Medienkritik». Der Newcomer fiel schnell durch eine bei den SRG-Sendern unübliche Frechheit auf (Aficionados erinnern sich an das Wortspiel mit dem «Sack am Ständer»). Alle bekamen sie ihr Fett ab, seine Arbeitgeber inklusive.

Viktor Giacobbo hat sich den Titel «Puffmutter des Schweizer Humors» (Gabriel Vetter) redlich verdient. Nachdem er 1990 seine erste eigene Sendung («Viktors Programm») bekam, blieb er während eines Vierteljahrhunderts der unbestrittene Satire-Platzhirsch beim Schweizer Fernsehen. Der Start war harzig (wie nicht anders zu erwarten), es gab Beschwerden und scharfe Kommentare, rechte Kreise monierten eine notorische Linkslastigkeit. Doch TV-intern war Giacobbo unantastbar.

Und dafür gab es vor allem eine Erklärung: die Quote. Der Mann traf in seiner verschmitzten und unprätentiösen Art beim Schweizer Publikum einen Nerv. Zu seinen Verdiensten gehörte auch seine Nase für neue Talente, denen er neben sich stets grosszügig Platz einräumte. Giacobbo wusste die Publikumsgunst zu nutzen: «Ich habe bei SRF immer gemacht, was ich wollte, niemand hat mir dreingeredet.» Es gibt nicht viele, die das von sich behaupten können.

Die grössten Erfolge erzielte Viktor Giacobbo mit Harry Hasler, einem halbstarken PS-Fetischisten aus Zürich Schwamendingen mit Thurgauer Migrationshintergrund. Ursprünglich entstand die Figur aus einer Parodie auf den Opel-Manta-Fanklub. Harry ist die fleischgewordene Antithese zu seinem Schöpfer: Frei von jeglicher Bildung, wirft er mit rassistischen und sexistischen Zoten nur so um sich, er definiert sein Glück über die Pferdestärken seiner aufgemotzten Karossen, Klimawandel, Ökostrom oder Veganismus sind für ihn Fremdwörter. Trotz allem kommt der Hardcore-Chauvinist mit der Föhnfriese und den zur Schau gestellten Brusthaaren in seiner direkten Art grundsympathisch rüber.

Dasselbe gilt für den zwielichtigen Inder Rajiv Prasad («I make you a verry special price»), den Fixer Fredi Hinz («das ist Panasche, mein Drogenspürhund»), die Ordensschwester Viktoria Morgenthaler («Rufen Sie einfach an, einhundertsechsundfünzig . . .»), die Klischee-Blondine Debbie Mötteli («Hallihallo»), den Waffenhändler Mehmet Örkan («Heroin ist wie Kebab für die Seele») oder den integrationsresistenten Italo Gianfranco Benelli («Gasche nigge magge»). Kein Klischee ist dem Komödianten zu derb, um mit einem schrägen Spruch nicht noch einen draufzupacken. Selbstverständlich geben die Karikaturen die Gemeinplätze der Lächerlichkeit preis. Doch sie versuchen nie, diese in irgendeiner Weise aufzulösen oder gar zu widerlegen.

Einen derartigen Spagat muss einer erst schaffen. Fast-Vegetarier Viktor Giacobbo ist tief im linksliberalen Milieu eingebettet, welches in der Kunst- und Medienszene alternativlos das Sagen hat und nicht gerade für Toleranz gegenüber Andersdenkenden bekannt ist. Wer sich in diesen Kreisen über den eigenen Schrebergarten mokiert, braucht eine gehörige Portion Chuzpe.

Harry Hasler kann auch als Antwort auf die «Political Correctness» gedeutet werden, die in den frühen 1990er Jahren von den USA in die Schweiz überschwappte. Im Sommer 1996 hielt sich Giacobbo mit seinem Hasler-«Saletti-Rap» während siebzehn Wochen in den Schweizer Top Ten. Der Hitparade-Erfolg des von SRF eher für den hausinternen Gebrauch produzierten Jux-Videos überraschte die Macher selber. Man hätte die Figur ausbauen können, etwa mit einem Harry-Hasler-Film, ein garantierter Kassenschlager. Doch Giacobbo entschied sich instinktiv dagegen.

Lob und Hass

Den Ausschlag gab ein Auftritt im Glattzentrum, einer Mall am Zürcher Stadtrand. Die «Saletti»-Manie stand in ihrem Zenit, Harry Hasler lud zur Autogrammstunde. Der Einkaufstempel wurde von Fans buchstäblich überrannt. Inmitten des brodelnden Tumults, auf dem bedrohlich schwankenden Podest, so erinnert sich Giacobbo, sei ihm der Spass an der Rolle nachhaltig abhandengekommen. Er legte Harry Hasler für ein paar Jahre in die Kühlbox. Der eigene Erfolg wurde ihm ungeheuer.

Fans können zu den ärgsten Feinden jedes Künstlers werden, wenn er ihnen nicht das liefert, was sie von ihm erwarten. Das lässt sich gut auf Twitter beobachten, wo Giacobbo deutlich mehr Follower (knapp 200 000) hat als die Bundesräte Parmelin, Sommaruga, Amherd und Cassis zusammen (Berset schafft es dank Corona auf 160 000). Die Lobpreisungen («Danke, dass es Dich gibt») können indes schnell in eine Orgie von Hohn und Hass kippen. Bisweilen reicht dafür ein falsches Wörtchen. Für einen Freidenker, der seine Unabhängigkeit über alles stellt, kann es schnell sehr beengend werden.

2001 traf ich Giacobbo während einer Recherche in Santo Domingo zufällig auf einem Set, wo er den Spielfilm «Ernstfall in Havanna» drehte. Weil die kubanische Zensur die Erlaubnis verweigert hatte, war man auf die Dominikanische Republik ausgewichen. Trotzdem schwärmte die halbe Crew beim Apéro nach dem Dreh in den höchsten Tönen von den angeblichen Errungenschaften der kubanischen Revolution. Mir platzte der Kragen. Das Castro-Regime gehöre zu den übelsten Diktaturen, die es auf dem amerikanischen Kontinent je gegeben habe, warf ich ein; dass ausgerechnet sie, die Zensierten, dem Tyrannen huldigten, schlage dem Fass den Boden aus. Die Stimmung unter dem Tropenhimmel sank unter den Gefrierpunkt. Ich war auf alles gefasst, von der Schlägerei bis zum Rauswurf, als plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund die Gemüter beruhigte: «So ganz unrecht hat er ja nicht.» Es war die Stimme von Viktor Giacobbo.

Es gibt eine Reihe von Anekdoten in dieser Währung. So galt während fast drei Jahrzehnten beim öffentlichen Schweizer Rundfunk ein faktisches Auftritts- und Redeverbot für den Monopolbrecher und SRG-Kritiker Roger Schawinski. Giacobbo foutierte sich als Einziger um dieses ungeschriebene Gesetz. Er karikierte den Radiopiraten in seinen Sendungen und lud ihn auch mal als Stargast ins Studio ein. Das gab Stunk. Giacobbo stellte die Direktion vor die Alternative: Wenn Schawinski nicht auftreten dürfe, werde er es auch nicht mehr tun. Damit war die Sache erledigt.

Oder der Comedian Andreas Thiel. Obwohl Thiel aus seiner rechtskonservativen Grundhaltung nie ein Geheimnis machte, bot ihm Giacobbo stets eine Bühne im Casinotheater wie auch in seinen TV-Programmen. Mag sein, dass auch er, zumal als Unternehmer, den Kapitalismus heute etwas differenzierter sieht als auch schon. Doch im Herzen, da sprechen seine Tweets eine deutliche Sprache, ist Giacobbo ein Linker geblieben. Nur hinderte ihn das nicht daran, Andreas Thiel aus dem Schlamassel zu helfen, als sich dieser – eine Todsünde für Komödianten – in einen bitterernsten Disput um den Islam verhedderte. Als im letzten Herbst das Casinotheater seine Tore vorübergehend wieder öffnen konnte, bekam auch Thiel als einer der Ersten wieder seine Bühne.

Freiheitskämpfer Giacobbo reagiert empfindlich auf Leute, die ihm zu nahe treten. Doch auf der Bühne kennt er keine Berührungsängste. Natalie Rickli ist bei ihm ebenso willkommen wie ihre rot-grünen Kontrahenten. Der Unternehmer und SVP-Spitzenpolitiker Peter Spuhler gehört zu den treusten Freunden des Winterthurer Casinotheaters. Doch niemand (am wenigsten Peter Spuhler selber) würde von Viktor erwarten, dass er ihn deshalb schont.

Reif für ein neues Alter Ego?

Der Comedian, Unternehmer und Filmemacher Giacobbo stand mit 68 Jahren in der Blüte seines Schaffens, als der Corona-Tsunami übers Land rollte. Wirtschaftlich gesehen war es für ihn wie für jeden freischaffenden Künstler eine schwierige Zeit. Gravierender, so vermute ich, war die politische und ideologische Verkrampfung, die der Glaubenskrieg zwischen Panidioten und Covidioten nach sich zog. Das brachte selbst den Meister der humoristischen Entspannung an seine Grenzen. Vielleicht wäre die Zeit reif für ein neues Alter Ego – zum Beispiel in der Person der Genderbeauftragten Simonetta Scharulla-Habicht, die an der mysteriösen Impfkrankheit «Long Vaccid» leidet.

Viktors Privatprogramm

29. Juli 2021, Weltwoche, von Alex Baur

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Viktor Giacobbo (69) kann man fragen, was man will. Er hat auf alles eine Antwort. Hier erklärt er, wer ihm gehörig auf den Senkel geht, was man im Bett nicht tun sollte, wie sein Lieblingsschimpfwort lautet und was er Gianni Infantino ins Gesicht sagen würde.

Interview

«Heute mache ich nur noch, was mir Spass macht», sagt Viktor Giacobbo. Dabei hatte man schon früher das Gefühl, dass bei ihm der Spassfaktor über allem steht. Er setzt sich im Foyer des Casinotheaters in Winterthur hin und findet, dass wir loslegen können. Das tun wir – nicht, dass er noch den Spass verliert.

Viktor Giacobbo, es folgen 41 Fragen, Sätze oder Stichwörter, zu denen Sie bitte etwas Gehaltvolles sagen. Fangen wir mit dem verkürzten Interview an, in dem wir Ihnen nur ein Stichwort nennen. Das erste lautet Minderwertigkeitskomplex.

Da sage ich: Den hat die Schweiz gegenüber Deutschland oder manchmal auch der ganzen Welt – der dann auch mal in Trotzigkeit umschlägt. Dieser Komplex wird von den Medien gepflegt, weil für sie ein Erfolg von Schweizerinnen und Schweizer im Ausland per se bejubelt wird. Wenn sich dann ein ausländischer Star über die Schweiz äussert, kriegen sich die Medien gar nicht mehr ein!

Aushebung.

Die fand witzigerweise genau in diesem Gebäude, dem heutigen Casinotheater Winterthur, statt. Ich erschien als Frühform von Fredi Hinz zur Aushebung, trug deutlich längere Haare als heute und sah abgekämpft aus, weil ich extra wenig geschlafen hatte. Es war meine erste Performance an diesem Ort, und sie war erfolgreich. Jedenfalls machte die Armee schnell klar, dass man ‹so einen› nicht haben wolle.

Konspirative Wohnung.

Hat nichts mit mir zu tun.

Das war das Wort des Jahres 1978.

Stimmt, das passt in jene Zeit. Ich wohnte auch schon in einer WG, die aber ziemlich das Gegenteil einer kon­spirativen Wohnung war. Es handelte sich vielmehr um eine therapeutische WG, weil wir sogenannte Problemjugendliche aufnahmen. Es funktionierte: Wir waren ja alle selbst nicht ohne Probleme.

Was waren die grössten Streitpunkte?

Keine grossen. Einmal belegte ich eine Pizza mit Scheibenkäse, merkte aber nicht, dass es dünne Plastikschichten dazwischen hatte. Die Pizza sah toll aus, roch auch gut, doch sie war wegen des Plastiks versiegelt und somit ungeniessbar. Das kam bei den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern nicht so gut an.

Bruder.

Bruno ist neun Jahre älter, bildender Künstler und beklagt sich bis heute darüber, dass er mich als Kind hüten musste, statt sich mit seinen Kollegen treffen zu können. Das habe ich anders in Erinnerung, aber vermutlich hat er recht. Er zog dann bald aus, sodass ich früh auf mich selber aufpassen musste. Meine Eltern arbeiteten, ich war ein Schlüsselkind, wie man das damals nannte. Im Lebensmittelladen durfte ich anschreiben lassen, wenn ich etwas brauchte. Das gab es damals noch.

Schon mal die Brille nur getragen, um intelligenter zu wirken?

Nein, aber um schöner und jugendlicher zu wirken. Hat nicht geklappt.

Waren Sie immer schon witzig?

Als Wortgewandtheit im Vergleich zu den sportlichen Leistungen zusehends an Bedeutung gewann, stieg meine Stellung in der Schulklasse. Ich hatte schon früh ‹e vorluuti Schnore›, auch in Momenten, wo ich besser die Klappe gehalten hätte. Ich imitierte gerne Lehrer, die es aber gar nicht richtig merkten. Die lebten in ihrer Welt, es ging ihnen nur ums Schulstoffpauken. Heute sehe ich Lehrpersonal und Schülerinnen und Schüler richtig miteinander kommunizieren. Das hätte mir damals gefallen.

Was haben Ihre Eltern gutgemacht?

Meine Eltern gehörten zur Arbeiterklasse, der Vater Metzger, die Mutter Kleiderverkäuferin. Sie liessen mir alle Freiheiten und sagten mir nie, mit wem ich verkehren solle und mit wem nicht. Einmal fragte mich meine Mutter, ob ich auch schon ‹dieses Haschisch› genommen habe. Ich antwortete, dass ich zwar gekifft, es mir jedoch nicht wahnsinnig viel Spass bereitet habe. Da sagte sie nur: ‹Schau einfach, dass du es nicht übertreibst.› Ihr Umgang war sehr pragmatisch und basierte auf Vertrauen – down to earth.

Haben Sie noch Verwandte in Verona?

Vielleicht. Ich weiss es nicht, war nur einmal in den Ferien dort. Meine Kontakte beschränken sich auf die Giacobbos in der Schweiz. Wobei ich nie ein grosser Familienmensch war. Wenn ich manchmal höre, wie Menschen sich auch noch im mittleren Alter ängstlich an die Vorgaben der Eltern halten, dann finde ich das doch eher gewöhnungsbedürftig.

Haben Sie bewusst keine Familie?

Ich wusste immer, dass ich nicht für den Part des klassischen Familiengründers geschaffen bin. Ich hatte verschiedene langjährige Partnerinnen, wollte aber nie heiraten. Als ich es doch einmal tat, war das seltsamerweise mit einer lesbischen Freundin. Eine Deutsche, die hier mit ihrer Partnerin leben wollte, dies aber nicht durfte, weil sie keinen Schweizer Pass hatte und zwei Frauen nicht heiraten durften. Also heiratete ich sie. Die Geschichte habe ich vor einem Jahr in einer Talkshow publik gemacht, weil ich auf die Notwendigkeit der Ehe für alle aufmerksam machen wollte. Ein lebensfremder SVP-Politiker wollte sofort prüfen, ob man diese ‹Erschleichung der Staatsbürgerschaft› rückgängig machen könne. 30 Jahre später! (Lacht.) Meine Ex-Frau ist übrigens immer noch mit derselben Partnerin zusammen und eine sehr erfolgreiche Unternehmerin.

Wenn in einer Zeitung mal wieder der Name Giacobbo falsch geschrieben steht, dann …

… denke ich: Schade, gibt es den früher hoch angesehenen Beruf des Korrektors bei den Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr. Oder: Schade, hat ein schlampiger Algorithmus aus Spargründen den Korrektor ersetzt.

Ein Wort zur heutigen Jugend?

Danke. Das ist eine Frage, die man nur alten Menschen stellt. (Lacht.) Ich freue mich, dass Jugendliche wieder mehr politisches und gesellschaftliches Engagement zeigen. Deren Forderungen sind zwar manchmal sehr radikal, was meistens ein Hindernis für wenigstens die teilweise Umsetzung ist. Das hat sich gerade beim CO₂-Gesetz gezeigt, bei dem die radikalen Klimaschützerinnen und -schützer genauso dagegen waren wie die Rechten – die darauf die Abstimmung gewannen. Um etwas verändern zu können, brauchts halt etwas Strategie, Taktik und auch Kompromisse – wobei mir gerade klar wird, dass nur alte Menschen so reden. Wenn man jung ist, will man alles, total und sofort. Ich war ja auch so.

Dann gibt es die viel beschworene Altersmilde tatsächlich?

Ja, aber bei gewissen Themen bin ich immer noch radikal: Bei sozialen Ungerechtigkeiten, Armut, mangelnder Empathie für Flüchtlinge oder andere Menschen, denen es dreckig geht. Oder bei Tierquälerei. Wenn ein Restaurant zum Beispiel Stopfleber auf der Menükarte hat, werde ich zu einem unangenehm fragenden Gast.

Was sollten junge Menschen unbedingt tun?

Neugierig bleiben. Je länger sie neugierig sind, desto weniger schnell werden sie alt. Wenn ich manchmal meine Generation für diejenige meiner Eltern halte, dann weil ich feststelle, dass sie keine neuen Freunde, kulturellen oder technischen Innovationen, keine neuen Orte mehr entdecken wollen.

Til Schweiger gibt bei seinen Filmen keine Pressevorführungen mehr. Weil die Journalisten zu oft negativ über seine Filme geurteilt hätten. Schweiger findet, dass die Journalisten zahlen sollen, wenn sie den Film sehen wollen. Hat er recht?

Aber sicher. Ein Kunstwerk sollte immer in Anwesenheit des interessierten, zahlenden Publikums beurteilt werden. Bei Pressevorführungen aber hast du nur Medienleute dabei, die nie lachen, nie eine Emotion zeigen und immer alles schon wissen. Das ist tödlich. Würden sie eine ganz normale Vorstellung besuchen, wäre die Wirkung eine ganz andere. Ganz absurd war es früher beim Zirkus Knie: Da gab es extra für die Presse am Nachmittag eine Show, zu der vor allem Heimbewohnerinnen und -bewohner eingeladen wurden. Die Atmosphäre an der abendlichen Premiere war natürlich eine komplett andere – was die Medienleute nicht mehr mitkriegten, weil sie ihren Beitrag für den nächsten Tag fertigstellen mussten. Glücklicherweise hat das der Zirkus Knie mittlerweile geändert. Das sollten Kritiker auch tun und eine Show nicht an der Premiere mit eingeladenen Gästen und Promis beurteilen, sondern inmitten des wirklich interessierten Publikums.

Wer oder was geht Ihnen sonst noch auf den Senkel?

Na ja, wenn ich schon am Mäkeln bin: die Spielfilmproduktion in der Schweiz, die leider von staatlicher Unterstützung abhängig ist und somit durch Kommissionsbeurteilungen bis zur Mittelmässigkeit nivelliert wird. Das ist nicht der Fehler der Filmschaffenden, sondern der Institutionen, die eine Produktion wirtschaftlich erst möglich machen – und das ist meistens im Gegensatz zur Kreativität der Künstlerinnen und Künstler. Selber habe ich übrigens keine Lust mehr, ein Komödiendrehbuch von Leuten beurteilen zu lassen, die noch nie einen satirisch-komischen Dialog schreiben mussten.

Sie können austeilen, aber nicht einstecken!

Doch, ich kann einstecken, teile dann halt sofort wieder aus. Dieses Hin und Her nennt man lustvolles Streiten.

Sie waren früher lustiger!

Diese Antwort hören alle Komikerinnen und Komiker von jenen Leuten, die sich von einer satirischen Pointe getroffen fühlen. Die finden das nie lustig.

Sie haben bei SRF in der Dokumentation angefangen. Sie müssen sich hochgeschlafen haben, um eine eigene Sendung zu erhalten!

Mit wem hätte ich denn schlafen sollen? Mit Ueli Heiniger? Richtig ist, dass er mich, als ich bei SRF arbeitete, nebenbei im Improvisationstheater sah und mich daraufhin für satirische Beiträge in seiner Talk-Sendung ‹Medienkritik› anfragte. Weil das einigermassen erfolgreich war, bekam ich später meine eigene Show.

Wenn Sie nochmals zurückkönnten, wären Sie lieber Brad Pitt?

Nein. Nicht weil ich ihn nicht gut finde, sondern weil ich einfach lieber nochmals mich selber wäre. Ausserdem sehe ich viel besser aus als er.

Was sollte man im Bett nicht machen?

Man sollte anderen Menschen später nicht detailliert erzählen, was man darin gemacht hat.

Welches Talent hätten Sie gerne?

Ich weiss, das ist eine Klischee-Antwort: ein Instrument spielen können, am liebsten Klavier. Beklagen kann ich mich aber trotzdem nicht. Immerhin kann ich Blockflöte spielen, das habe ich sogar mal im Zirkus Knie rückwärts sitzend auf dem Kamel getan. Als Fredi Hinz, begleitet vom Orchester. Das Lied war ‹Blowin’ in the Wind›, und Suleika, das Kamel, ist dabei nur ein einziges Mal durchgebrannt.

Weshalb lernten Sie Blockflöte?

Das gehörte damals in der Primarschule einfach dazu. Zum Leidwesen meines armen Flötenlehrers.

Kochen Sie vegetarisch?

Ich koche, ja. Zu 90 Prozent vegetarisch. Und falls doch mit Fleisch, dann nur aus tiergerechter Haltung.

Was gehört nicht ins Sandwich?

Schuhsohle.

Was gehört nicht auf den Esstisch?

Dieses teure, technisch subtil-komplizierte Salzstreu-Gadget – anstelle normaler Salzstreuer.

Was aber gehört unbedingt darauf?

Essen?

Was würden Sie sofort abschaffen, wenn Sie könnten?

Die Fragen über den Esstisch.

Stimmt es, dass es sich mit Alkohol leichter auf der Bühne spielen lässt?

Nein. Aber es gehört zu meinem Ritual, dass ich in den Stunden vor einer Vorstellung ein Einerli Weissen trinke. Betrunken bin ich deshalb nicht. Und eine tiefere Bedeutung als Schauspieler- Ritual hat es auch nicht. Wie vieles im Leben. Es gefällt mir einfach so.

Was ist der grösste Unsinn, den Sie jemals in Ihrem Leben gehört haben?

Ich mache beim Unsinn kein Rating.

Stimmt es, dass Sie den Tag mit Yoga beginnen?

Nein. Ich beginne den Tag mit mindestens zwei grossen Tassen Cappuccino, gebraut mit der dunklen Napoli-Mischung von Caffè Ferrari aus Dietikon. Das wird vielleicht viele nicht interessieren – so wie mich Yoga.

Schon mal physisch geworden?

Das Wort alleine sagt noch nicht so viel aus. Wenn Sie aber freundschaftliche Körperlichkeit damit meinen, dann ja. Wenn Sie darunter gewalttätige Auseinandersetzungen verstehen, dann nein. Ausser einmal als Drittklässler auf dem Pausenplatz, und da war ich so was von unterlegen.

Ihr Lieblingsschimpfwort von Geburt auf?

Da gibt es nicht ein Einziges. Es steht ja für jede Situation eine wunderbare Palette zur Auswahl. ‹Arschloch!› geht eigentlich immer, ist aber nicht sonderlich originell.

War die Zeit vor der Erfindung des Handys glücklicher?

Nicht glücklicher, sondern anders. Das Handy hat viel Gutes gebracht, aber auch einiges, das nervt. Letzthin habe ich ein Foto am Bahnhof gemacht, auf dem man lauter Menschen sieht, die beim Warten auf den Zug auf das Handy starren. Was um sie herum passiert, nehmen sie nicht mehr wahr. Und das Schockierendste ist: Ich bin einer von ihnen.

Was würden Sie dem Papst ins Gesicht sagen?

Anfangs fand ich dich irgendwie cool. Jetzt bist du derselbe konservative, homophobe Kleriker wie die anderen.

Greta?

Deinen Rucksack von öffentlichem Interesse möchte ich nicht tragen müssen.

Gianni Infantino?

Zügle doch nach Katar!

Wie viel geben Sie, wenn Sie von einem Bettler um ‹zwei Stutz› angehauen werden?

Wenn hierzulande jemand nur am Boden sitzt und bettelt, ist meine Empathie nicht sehr gross. Anders verhält es sich, wenn ich höre oder erfahre, dass es jemandem schlecht geht, dann bin ich sehr freigiebig. Auch bei Performern auf der Strasse bin ich ziemlich grosszügig.

Können Sie über Corona lachen?

Corona selbst ist nicht so lustig. Aber wie sich die Menschen teilweise verhalten, darüber kann ich sehr wohl lachen – bevor es dann oft spooky wird. Ich hätte vor dieser Pandemie nie gedacht, dass so viele bisher vernünftige Menschen auf die idiotischsten Theorien hereinfallen. Wissenschaft und Fakten werden relativiert oder der eigenen Ideologie untergeordnet. Ich bin jetzt schon darauf gespannt, welche verrückten Stoffe die Corona-Zeit dann einmal für die künftigen Komödien hergibt. Lassen wir uns überraschen.

Welcher Spruch auf dem Grabstein kommt gut an?

Die beste Inschrift auf einem Grabstein habe ich am Grab des Komikers Merv Griffin in Los Angeles gelesen: ‹I will not be right back after this message›. (Zu Deutsch: «Ich werde nach dieser Nachricht nicht gleich zurück sein.»)

Viktor Giacobbo, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Viktor Giacobbo
Entertainer und Theatermann
Viktor Giacobbo, 1952 in Winterthur geboren, schaffte Anfang der Neunzigerjahre mit der Satiresendung «Viktors Programm» den Durchbruch als Entertainer. Mit den Nachfolgeshows «Viktors Spätprogramm» und «Giacobbo/Müller» erlangte er Kultstatus. Giacobbo – die Betonung liegt auf dem ersten o! – ist heute Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters in Winterthur und lebt auch dort.

«Danke! Diese Frage stellt man nur alten Menschen»

5. Juli 2021, Coopzeitung, von Andreas W. Schmid

Viktor Giacobbo (69) kann man fragen, was man will. Er hat auf alles eine Antwort. Hier erklärt er, wer ihm […]

«Cancel Culture» nennt sich die moralisch begründete öffentliche Ächtung von Personen und Institutionen. Komiker Viktor Giacobbo wünscht sich statt der gnadenlosen Verurteilung wieder mehr Streitkultur in den sozialen Medien.

Viktor Giacobbo, können Sie uns «Cancel Culture» erklären? Man hört und liest den Begriff derzeit überall.

Zunächst einmal ist es ein Modebegriff. Er bezeichnet die allgemeine Empörung über das angebliche Fehlverhalten einer Person, die im äussersten Fall dazu führt, dass diese zum Beispiel ihren Job verliert. Oder gegen eine Institution, die dann boykottiert wird. Es handelt sich um einen hochmoralisierten Mechanismus, der sich vor allem in den sozialen Medien abspielt, die ja nicht umsonst auch hysterische Medien genannt werden. Cancel Culture ist der Preis für die Demokratisierung gesellschaftlicher Debatten.

Inwiefern?

Früher waren solche Debatten den Experten, Feuilletonisten und Kommentatoren vorbehalten. Heute können dank sozialer Medien alle mitmachen, was ja auch gut so ist. Aber: Nur weil sich dort eine Person oder auch eine Gruppe über etwas empört, heisst das noch lange nicht, dass sie recht hat. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Cancel Culture selber zurzeit gecancelt wird.

Auch Sie wurden unlängst auf Twitter für Ihre satirische Rajiv-Figur kritisiert und mussten sich in den Medien erklären.

Cancel Culture gilt eigentlich als ein Werkzeug der Linken, interessanterweise kam die Kritik an Rajiv aber aus der rechten Ecke. Für meine politischen Intimfeinde aus der SVP war das natürlich ein gefundenes Fressen: Seht her, auch der Giacobbo hat sich einmal das Gesicht braun angemalt und sich über Minderheiten lustig gemacht.

Haben Sie das?

Bei Rajiv hat die Hautfarbe nie eine Rolle gespielt, sondern der indische Akzent. Ausserdem war er zwar etwas ordinär, aber immer der Gewinner. Ich entschuldige mich nicht für meine Figuren, die alle der jeweiligen Zeit entspringen. Ich spiele einzelne nicht mehr, das betrifft aber nicht nur Rajiv, sondern zum Beispiel auch Donatella oder Ueli Maurer. Und das sicher nicht aus Gründen der Hautfarbe, sondern weil diese satirischen Rollen für mich nicht aktuell sind. Vielleicht werden sie das wieder einmal, und dann hole ich sie hervor. Selten spiele ich live noch den Junkie Fredi Hinz. Oder den primitiven (und stets gut gebräunten) Autofan Harry Hasler, etwa wenn Peter Spuhler bei Stadler Rail einen neuen Zug präsentiert. Dort entsteht die nötige Fallhöhe der satirischen Komik.

Gerade wurde bekannt, dass Facebook künftig Inhalte mit «Blackfacing» blockieren wird. Da würde wohl auch Rajiv durchfallen.

Facebook sollte besser dafür sorgen, dass es rassistische Seiten und Posts sperrt. Der ursprüngliche Begriff Blackfacing hat mit Europa und der Schweiz wenig zu tun. Früher durften Afroamerikaner in den USA nicht in Bühnenshows auftreten. Schwarze Figuren mussten dann von geschminkten Weissen gespielt werden. Die rassistische Diskriminierung ist die Ungerechtigkeit – das Blackfacing der weissen Schauspieler war nur eine Folge davon.

Gedeiht Cancel Culture vielleicht auch in einem gesellschaftlichen Klima, das viele als unentspannt empfinden?

Ich denke schon. Die sozialen Medien sind voller Opfer, voller moralischer Anklagen. Alle können mal kurz mit einem Klick Scharfrichter sein. Ich stelle das auch in meiner eigenen Branche fest, die in letzter Zeit zum wortreichen, reflexartigen Moralisieren neigt, statt politisch-satirisch auszuteilen.

Ist die konstante Aufregung ein guter Nährboden für Satire?

Für Satire gibt es nur gute Zeiten. Komik lässt sich nicht bändigen und hat etwas zutiefst Anarchisches. Auch die grössten Moralisten werden manchmal davon überwältigt. Oder wie es der deutsche Schriftsteller Robert Gernhardt ausdrückte: Es gibt ebensowenig ein niveauvolles Lachen, wie es einen niveauvollen Orgasmus gibt. Hinzu kommt, dass niemand ein Recht hat, von Satire verschont zu bleiben. Auch moralisch noch so berechtigte Bewegungen zeitigen Auswüchse, denen man nur mit einem satirischen Joke beikommt. Auch Greta Thunberg, die ich toll finde, ist davon nicht ausgenommen.

Ihre satirischen Twitter-Posts werden von SVP-Vertretern stets hämisch kommentiert. Ist das auch Humor – oder ernst gemeint?

Teilweise ist es satirisch gemeint, manchmal hilflos missverstanden oder unfreiwillig lustig. Aber witzige Antworten like ich. Auf Twitter findet manchmal immer noch eine Debatte statt, die über den eigenen Bubble-Rand hinausgeführt wird. Zum Beispiel haben Christoph Mörgeli und ich uns noch nicht gegenseitig blockiert. Wir zoffen uns, aber wir canceln nicht. Da ist ein Rest politischer Kultur, auch wenn es inhaltlich keinerlei Übereinstimmungen gibt.

Sie können Cancel Culture nicht viel Gutes abgewinnen.

Auch wenn das von mir altem Mann etwas klischiert tönt: Ich habe volles Verständnis für die bewegte Jugend. Sie hat ein Anrecht auf Empörung, und manchmal gerät sie halt etwas ausser Kontrolle. Ich ging damals als Teenager an eine Veranstaltung von James Schwarzenbach (Begründer der 1970 abgelehnten Überfremdungs-Initiative, Anmerkung der Redaktion) und störte seine Rede mit «Heil Hitler»-Rufen. Das finde ich rückblickend ziemlich einfältig. Er war fremdenfeindlich, aber kein Nazi. Man sollte auch in der Empörung noch in der Lage sein zu differenzieren. Cancel Culture ist Teil einer Bewegung gegen den strukturellen Rassismus, die sehr gut und nötig ist. Aber diese gnadenlose Verurteilung, wenn jemand einmal etwas Falsches sagt, die wird hoffentlich wieder einer spannenden Streitkultur weichen.

„Alle können mit einem Klick Scharfrichter sein“

20. August 2020, Migros-Magazin, von Kian Ramezani

«Cancel Culture» nennt sich die moralisch begründete öffentliche Ächtung von Personen und Institutionen. Komiker Viktor Giacobbo wünscht sich statt der […]

Der Schweizer Komiker Viktor Giacobbo spricht über die absurde WC-Papier-Hamsterei, seinen Umgang mit der Abschottung und weshalb jetzt zu viel gepredigt wird.

Er wirkt gut gelaunt, Komiker Viktor Giacobbo, der das Interview wegen der Corona-Krise von zu Hause aus per Skype führen möchte. «Ich habe wenig Mühe damit, abgeschottet zu sein», sagt er, dem neuerdings um den Mund ein wohlgetrimmter Bart wächst. Wenn er mitbekomme, was Eltern mit schulpflichtigen Kindern zurzeit durchmachten, so müsse er sagen: «Ich war noch nie so froh, keine Kinder zu haben.»

Sie gehören mit 68 Jahren zur Risikogruppe. Haben Sie genug WC-Papier auf Lager?

Der WC-Papier-Rush ist der absurdeste Teil dieser Krise, man mag ja gar keine Witze mehr darüber machen. Vor zwei Tagen waren die WC-Papier-Gestelle in der Migros noch immer leer. Es wird schneller weggekauft als produziert.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es ist mir zu blöd, mich damit zu beschäftigen.

Zu beobachten, wie die Leute in der Krise reagieren, ist aber doch interessant?

Auf jeden Fall. In vielen Kulturen wird der Hintern ja seit jeher mit Wasser gewaschen. Was auch sinnvoll und hygienisch ist. Wir, die Speerspitze der westlichen Zivilisation, verstreichen lieber die Scheisse mit trockenem Papier. Ich frage mich: Was denken die Leute im asiatisch-arabischen Raum über die WC-Papier-Hamsterei bei uns? Das muss doch für die wahnsinnig lustig sein! Das Kreuz als wichtigstes Symbol des christlichen Abendlands wird in einer Krise offenbar durch die WC-Rolle ersetzt.

Verlassen Sie Ihre vier Wände noch?

Ja. Ich gehe einkaufen, biken, und ich kenne drei Leute, die das Virus schon hatten und jetzt immun sind.

Diese Leute laden Sie nun ständig ein?

Nein, sie haben mich eingeladen. Obschon eigentlich keine Gefahr auf Ansteckung besteht, halten wir Distanz. Man muss gewisse Regeln nun einfach respektieren, fertig. Auch so banale Verrichtungen wie die Hände zu waschen, wenn man nach Hause kommt. Das habe ich zwar schon vorher gemacht, nun aber mache ich es als korrekter Staatsbürger. Allerdings gebe ich mir Mühe, nicht den ganzen Tag über diese Regeln nachzudenken und auch nicht ständig Corona-News zu lesen.

Es gibt gar keine anderen News mehr.

Aber es gibt Netflix. Und Bücher. Eben ist der dritte Band von Hilary Mantels Trilogie über Thomas Cromwell herausgekommen: «The Mirror & the Light», ein tausendseitiger spannender historischer Roman über die Tudor-Zeit.

Weil beim Coronavirus vor allem ältere Leute betroffen sind, redet man nun von «Altersdiskriminierung».

Und was ist die Frage?

Fühlen Sie sich diskriminiert?

Nein. Ich gehöre auch nicht zu den besonders Gefährdeten. Ich bin zwar alt, aber gesund, fühle mich fit. Wenn man aber so will, sind die vielgescholtenen weissen alten Männer durch Corona multidiskriminiert. Vielleicht sorgt da Corona für eine gewisse Gerechtigkeit und ruft uns zu: «Okay, Boomer.»

Sollten wir vielleicht sogar froh darüber sein, dass die Männer durch Corona stärker betroffen sind? Man stelle sich den Aufruhr vor, wenn es umgekehrt wäre.

Vielleicht ist Corona eine Verschwörung von jungen Frauen? Wir leben ja in einer Zeit von dubiosen Gerüchten und Verschwörungstheorien, was unterhaltsam ist, aber auch gefährlich. In Sachen Corona-Krise am gefährlichsten sind allerdings einige Staatschefs, zum Beispiel der Pausenclown von Weissrussland, Alexander Lukaschenko, Bolsonaro in Brasilien und Donald Trump in den USA.

Machen Sie sich Gedanken darüber, was Sie in der Sendung bringen würden, wenn Sie sie noch hätten?

Nein. Aber ich schaue andere Sendungen, die das sehr gut machen. Allen voran Trevor Noah, den ich grandios finde. Jetzt produziert er seine «Daily Show» von zu Hause aus. Er kommentiert das Geschehen, ist sehr Trump-kritisch, aber auf eine selbstironische Art. Noah ist noch immer ein Entertainer und nicht ein Prediger, so wie viele andere Satiriker in diesen Tagen.

Auch Trevor Noah ist sehr moralisch, weiss stets ganz genau, was richtig und was falsch ist.

Natürlich. Jeder, der Satire macht, hat einen moralischen beziehungsweise einen politischen Standpunkt. Die Frage ist, wie man diesen Standpunkt rüberbringt: ob auf eine unterhaltende oder eine belehrende Art. Leider tendiert meine Branche zurzeit stark zum Belehrenden.

Viele Komiker tun zurzeit tatsächlich so, als seien sie vom Bundesamt für Gesundheit angestellt. Sie fordern die Leute dazu auf, sich richtig zu verhalten. Ist das noch lustig?

Wenn ich jetzt noch einen Promi sehe, der mir per Instagram erklärt, wie ich die Hände waschen soll, frage ich mich, ob mein Publikum auch so dumm ist, dass es das immer noch nicht weiss. Am Anfang war das toll, dass auf allen Kanälen auf die Regeln hingewiesen wurde. Wir Satiriker waren noch nie so regierungstreu wie heute, ich eingeschlossen. Wir haben ja jetzt nicht gerade die übelste Regierung – und vor allem haben wir die coole Epidemie-Ikone, Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Wegen seiner trockenen Überzeugungskraft kann man ihn gleich zum Bundesrat machen. Der könnte sagen: «Nehmt jetzt zur Kenntnis, die Erde ist eine Scheibe», und alle würden es ihm glauben. Nur Roger Köppel würde behaupten, er hätte das schon immer gewusst.

Wo liegt das Komik-Potenzial, wenn man so regierungstreu ist? Jene ins Lächerliche ziehen, die nicht zu hundert Prozent auf Linie sind?

Einige kann man nicht ins Lächerliche ziehen, weil sie dort schon sind. Man kann sich allerdings über die eigene Staatstreue lustig machen. Selbstironie gefällt mir besser, als wenn man einfach die Botschaft von Alain Berset wiederholt, auch wenn man mit dieser einverstanden ist.

Könnte man Daniel Koch auf lustige Art imitieren?

Klar. Kürzlich hat mir jemand geschrieben, vom Äusseren her sei ich geeignet dafür – wenn ich noch ein bisschen kahler und dünner werde. Ich bin sicher, die Koch-Imitationen werden bald kommen. Das ist auch gut so: Imitiert zu werden, ist ein Kompliment.

Die Komiksendungen im Fernsehen finden nun ohne Livepublikum statt, also auch ohne Lacher. Es fehlt etwas.

Das ist nur darum ein Problem, weil sich das Fernsehpublikum an die Lacher gewöhnt hat. Und zwar nicht an die normalen Lacher wie im Theater, sondern an die Fernsehlacher, die fast immer verstärkt sind. Bei «Giacobbo/Müller» haben wir uns bis am Schluss dagegen gewehrt, die Lacher künstlich einzuspielen. Damit waren wir unter den Late Night Shows aber die einzigen weit und breit.

Das rächt sich jetzt?

Ja, man vermisst die Lacher umso mehr. Auch bei Trevor Noah denke ich manchmal, wieso lacht jetzt keiner. Bis mir bewusst wird, er sitzt ja alleine in seiner Wohnung.

«Ich sehe keinen Anlass, weshalb wir uns an den jetzigen Zustand gewöhnen sollten.»

Könnten sich die Leute nun daran gewöhnen, dass es keine Lacher gibt und sie wieder selber merken müssen, wann etwas lustig ist?

Weshalb sollten sie? Wir freuen uns alle darauf, dass die Theater, Kinos und Fernsehstudios bald wieder mit Publikum gefüllt sind und wir gemeinsam lachen können. Miteinander zu lachen ist schöner als alleine, das gilt im Fernsehen wie im Theater oder auch privat. Ich sehe keinen Anlass, weshalb wir uns an den jetzigen Zustand gewöhnen sollten.

Leer ist zurzeit auch das Casinotheater Winterthur. Was haben Sie gedacht, als am 13. März der Bundesrat die Schliessung verordnete?

Wir hatten diesen Entscheid erwartet, deshalb waren wir vorbereitet. Damals wurden ja Veranstaltungen ab fünfzig Leuten verboten. Wir diskutierten kurz darüber, ob wir Vorstellungen für 50 Zuschauer durchführen und das Restaurant mit reduziertem Betrieb offen halten sollten. Diese Idee haben wir aber ziemlich schnell verworfen und das Haus ganz geschlossen – noch vor dem entsprechenden Bundesratsentscheid.

Man hört, das Casinotheater habe eine Pandemieversicherung – wohl als eine der ganz wenigen Firmen der Schweiz. Wie kommt das?

Wir waren selber überrascht. Wahrscheinlich war dies von Anfang an in unserer Versicherungsdeckung drin, also seit 20 Jahren. Als wir letztes Jahr von der Axa zur Mobiliar gewechselt haben, wurde dieser Passus übernommen. Dank der Versicherung, der Kurzarbeit und unseren engagierten Aktionären und Freunden wird die Krise etwas abgefedert.

Sie könnten also noch lange durchhalten?

Was heisst durchhalten? Bis wir noch mehr Kredite aufnehmen müssen? Bis der Konkurs droht? Wir rechnen nun damit, dass wir möglichst bald den Betrieb langsam wieder hochfahren können. Anfangs vielleicht nur das Restaurant, später dann das Theater. Für unser unsubventioniertes Theater-Gastronomie-KMU ist es eine Katastrophe, auch wenn andere viel stärker betroffen sind, vor allem die selbstständigen Künstler, aber auch der Circus Knie.

Sie sind mit der Familie Knie befreundet, hatten Sie in den letzten Wochen Kontakt zu ihr?

Ja, ich war an einer Probe zum neuen, wieder grossartigen Programm – unter andern mit Ursus & Nadeschkin. Nun gerät die ganze Tourneereihenfolge durcheinander. Die Knies wissen nicht, wann und wo sie beginnen können und ob der wichtige Sechseläutenplatz – wo der Circus sonst den ganzen Mai steht – zu einem späteren Zeitpunkt noch so verfügbar sein wird.

Könnte der Circus Knie den Ausfall einer ganzen Saison verkraften?

Das weiss ich nicht, das müssen Sie die Familie Knie fragen. Sicher wäre das sehr einschneidend.

Wenn man sieht, was der Lockdown für Ihre Branche auslöst – die Einnahmen fallen vielerorts auf null –, hadert man da umso mehr mit den Entscheidungen des Bundesrats?

Nein, der Bundesrat ist ja nicht schuld – auch nicht die EU oder die Ausländer. Das verdammte Virus ist schuld. Natürlich kann ich es kaum erwarten, dass das alles endlich wieder hochgefahren wird. Aber nicht, weil die Politik dies so entscheidet, sondern weil der Verlauf der Epidemie es ermöglicht. Hierfür müssen wir uns auf die Wissenschaft verlassen.

Sie sind auch Aktionär und im Verwaltungsrat des Buchverlags Kein & Aber. Profitiert der in der Krise, weil die Leute mehr lesen und Bücher online bestellen?

Das haben wir am Anfang gehofft. Aber leider ist dies bisher nicht der Fall, wir sind nicht Kriegsgewinnler. Auch wenn der Verlag in guter Verfassung ist, leiden wir wie alle andern auch.

Durch Homeoffice, Kinderbetreuung, et cetera kommen die Leute noch weniger zum Lesen als sonst?

Für mich gilt das nicht. Ich lese viel, schreibe, kommuniziere digital und schaue Netflix. Man findet dort herausragende Serien wie «Better Call Saul» oder «Ozark». Hauptsache, man befreit sich zwischendurch vom pausenlosen Corona-News-Feed!

«Wir Satiriker waren noch nie so regierungstreu wie jetzt»

5. April 2020, SonntagsZeitung, von Rico Bandle

Der Schweizer Komiker Viktor Giacobbo spricht über die absurde WC-Papier-Hamsterei, seinen Umgang mit der Abschottung und weshalb jetzt zu viel […]

Der Satiriker und Kulturunternehmer musste wegen Corona-Krise sein subventionsfreies Theaterhaus schliessen – doch er hat bereits neue Pläne.

Sie beschreiben sich auf Twitter als «Corona-Häftling» – ist es so schlimm?

Viktor Giacobbo: Wir leben in selbst gewählter Isolation, dieser eine Teil hat eine angestrengte Seite.

Und der andere Teil?

Ich gehöre zu den Leuten, die ab und zu ganz gerne alleine sind.

Ruhe vom Rummel?

Ich bin an sich ein sehr sozialer Mensch, aber ich geniesse auch die Ruhe, die Zeit fürs Lesen, fürs Schreiben, für digitale Kommunikation mit Freunden oder ganz einfach für Netflix-Serien. Mit dem Alleinsein habe ich kein Problem.

Ein exklusiver Buch- oder Netflix-Tipp für all jene, die im Homeoffice sitzen?

Der dritte Teil der preisgekrönten Cromwell-Trilogie «The Mirror and the Light» von Hilary Mantel oder «Der Defekt» von Leona Stahlmann. Wer es düster-nordisch mag: «The Valhalla Murders» auf Netflix.

Amerikanische Comedians wie John Oliver sitzen nicht im Studio, sondern produzieren ihre TV-Shows aus dem Wohnzimmer. Nichts für Sie?

Nein, ich habe mit Sendungmachen aufgehört, schaue aber gerne den grossartigen Trevor Noah. Noch lieber verfolge ich jetzt ein paar neue Projekte oder denke über welche nach.

Ein nächster Kinofilm?

Eher nicht. Ich habe keine Lust, mich mit der Filmförderung in der Schweiz auseinanderzusetzen oder meine Arbeit von Kommissionen beurteilen zu lassen. Da bin ich lieber mit Bühnenprojekten beschäftigt, unter anderem für das Casinotheater.

Und Sie twittern fleissig.

Twitter ist unter den Social-Media-Kanälen jene Plattform, auf denen Debatten stattfinden oder wo man Aktuelles satirisch kommentieren kann. Es zählt das Wort und da zoffe ich mich gerne mit Leuten auf eine ernsthafte oder unterhaltende Art. Instagram ist für mich eher eine ruhige Bildplattform.

Ein Tweet von Ihnen lautet: «Frage an das BAG: Hilft Händewaschen gegen Roger Köppel?»

Der SVP-Nationalrat und Verleger hatte die Verhältnismässigkeit der BAG-Massnahmen infrage gestellt. Das haben seine Idole Donald Trump und Boris Johnson auch gemacht – mussten sich jetzt allerdings der Realität stellen wie Köppel auch.

Sie schrieben auch: «Die panischen Toilettenpapier-Hamsterer, welche Vier-Lagen-Rollen aus den Regalen geräumt haben, sollten jetzt Solidarität zeigen: Zwei Lagen abtrennen und sie den Sans-Toilettenpapiers spenden!»

Trotz aller Tragik, Corona-Zeit ist ein ideales Themenfeld für Satiriker: von den seltsamen Panikkäufen über die Politiker, die den Gegnern die Schuld an der Epidemie zuweisen, bis hin zu den grotesken «Expertisen» auf Social Media oder dem BAG, das per Fax die aktuellen Fallzahlen zusammenträgt. Komikerinnen geht der Stoff nie aus. Neu ist lediglich, dass viele Satiriker jetzt regierungstreu die bundesrätlichen Regeln verbreiten – das selbstverständlich völlig zu Recht.

Als Sie das VR-Präsidium im Casinotheater übernahmen, sagten Sie zu Ihrer Rolle als VR-Präsident: «Jetzt gehöre ich zu jenen, die im Unternehmen am wenigsten Bescheid wissen und am meisten mitreden.» Ist es immer noch so?

Ich habe mittlerweile eine zwanzigjährige Berufslehre als VR-Präsident hinter mir und bilde mir jetzt ein, gewisse Kenntnisse in Betriebsführung zu haben.

Wie hat der VR-Präsident den 13. März 2020 erlebt? Damals haben Sie im Casinotheater den Betrieb runtergefahren, zuerst im Theater, dann im Restaurant.

Das war nicht mein Entscheid, sondern unser Entscheid. Unsere Geschäftsleitung hat ein paar Tage vor dem Bundesrat gehandelt. Anfänglich hielten wir noch den Restaurantbetrieb offen, allerdings war die Gästezahl auf fünfzig Leute beschränkt. Darauf haben wir entschieden, ganz runterzufahren.

Das Casinotheater ist eines der wenigen Kulturhäuser in der Schweiz, das ohne Subventionen auskommt. Die Schliessung muss dramatisch sein für Ihr Geschäft.

Weil wir auf Subventionen verzichten, sind wir wohl gefährdeter als die meisten grossen Theaterhäuser, etwa als das Zürcher Opernhaus, das jedes Jahr 80 Millionen Franken aus der Staatskasse kriegt. Wir sind ein unsubventioniertes Theater-KMU – allerdings waren wir gut vorbereitet für die Krise.

Inwiefern?

Wir sind offenbar eine der ganz wenigen Firmen im Land, die eine Epidemie-Versicherung haben. Erst kürzlich wechselten wir die Versicherung und diskutierten, ob wir diese Abdeckung neu bei der Mobiliar weiterführen sollen oder nicht. Umso mehr habe ich mich gefreut, als wir feststellten, dass wir diesen befristeten Schutz tatsächlich haben.

Das hat der Verwaltungsratspräsident erst im Nachhinein festgestellt?

Nein, das ist das Verdienst unseres Geschäftsführers Beat Imhof. Es ist bei uns nicht so, dass der Verwaltungsratspräsident die Versicherungspolicen aushandelt. Immerhin gibt uns die Deckung eine gewisse Absicherung für die ersten drei Monate. Aber klar trifft uns die Schliessung hart, weil die Einnahmen von einem Tag auf den anderen wegfallen.

Das gilt auch für die Kunstschaffenden, die bei Ihnen in diesen Tagen aufgetreten wären, Helga Schneider, Mike Müller, Massimo Rocchi.

Und noch viele andere! Absolut, es sind diese selbstständigen Komikerinnen und Satiriker, die am meisten unter dem Shutdown der Theater leiden. Das sind Kleinstunternehmer, die keine Subventionen kriegen und das volle Risiko tragen. Ihre Unabhängigkeit hat grundsätzlich ihr Gutes, dadurch sind sie sehr unabhängig von Behörden oder Sponsoren. In dramatischen Zeiten ist das aber ein echtes Problem, weil die Einnahmen komplett wegbrechen. Da werden einige Leute schon bald in den Konkurs schlittern. Dazu gehören auch Musiker und Bühnentechniker mit ihren Familien.

Sie sind Chef von sechzig Angestellten…

Sechzig Festangestellte und viele Teilzeitangestellte. Bisweilen sind es siebzig Mitarbeitende. Für sie haben wir Kurzarbeit beantragt.

Das erste Mal in Ihrer Unternehmerkarriere?

Ja.

Finanzminister Ueli Maurer schnürt ein Hilfspaket über 280 Millionen Franken für die Kultur. Ausgerechnet Maurer, den Sie in Ihrer Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» regelmässig aufs Korn nahmen.

Was hat das mit der gegenwärtigen Krise zu tun? Wesentlich ist, dass Ueli Maurer seinen Job als Finanzminister nicht schlecht macht. Je mehr er sich von der eigenen Partei freispielt, desto besser ist er.

Werden auch Sie respektive Ihr Haus von den 280 Millionen profitieren?

Davon gehe ich aus, aber die Details dieser Soforthilfe kenne ich noch nicht und habe da volles Vertrauen in unsere Geschäftsleitung. Was für uns einigermassen tröstlich ist: dass die meisten Firmen, die ihre Anlässe bei uns streichen mussten, diese in der zweiten Jahreshälfte nachholen wollen – sofern dann die Krise beigelegt ist. Das freut uns, aber logistisch hat das auch seine Tücken, weil natürlich alle verschieben wollen. Aber das ist nicht das grösste Problem.

Sie haben vorerst für anderthalb Monate dichtgemacht, keine Vorstellung, keine Besucher, kein Umsatz. Und die bereits verkauften Tickets?

Sie behalten ihre Gültigkeit, denn die Anlässe werden nachgeholt. Oder dann gibts die Möglichkeit, die Tickets in einen Gutschein umzuwandeln. Oder man kann den Ticketpreis spenden, und zwar nicht einfach nur ans Theater. Die Hälfte davon geht an die Künstlerinnen und Künstler.

Mit welchem Umsatzeinbruch rechnen Sie für 2020? Mit 20, 30 Prozent?

Zahlenspiele sind zurzeit sehr riskant. Aber wir werden es deutlich spüren. Dieser Rückschlag ist deshalb auch bitter, zumal wir das Geschäftsjahr 2019 positiv abschliessen. Das heisst etwas bei einem nicht subventionierten Kulturbetrieb.

Sie meinen, rote Zahlen sind in der Kultur der Normalzustand?

Nicht bei uns, aber grundsätzlich ist eine schwarze Null ein Erfolg. Nur sind wir davon ausgegangen, wir könnten dank 2019 einen bescheidenen Gewinn einfahren. Dieser wird innert kurzer Zeit weggefressen sein.

Neben der Corona-Krise müssen Sie auch noch die künstlerische Leiterin ersetzen, die Sie kürzlich entlassen und freigestellt haben, richtig?

Wir haben mit Susanne Steinbock bereits eine erfahrene Kulturmanagerin als Nachfolgerin verpflichtet.

Wie stark ist Viktor Giacobbo dieser Tage als Krisenmanager gefordert?

Ich bin nicht der Krisenmanager, das ist Beat Imhof, er ist der Geschäftsführer und fürs Operative zuständig. Und arbeitet in enger Abstimmung mit dem Verwaltungsrat – und mit dem Team.

Er ist erst seit zwei Jahren im Amt. Sein Vorgänger hatte eine glücklose Hand. Die Rede ist sogar von juristischem Nachspiel.

Imhof musste das Haus sanieren, weil operative Fehler gemacht wurden. Man hat viele Projekte falsch angepackt und notwendige Erneuerung im Management vernachlässigt. Das hat damals zu einer finanziellen Schieflage des Hauses geführt. Aber wird konnten dies in den letzten zwei Jahren meistern und waren unseren Aktionären gegenüber stets transparent.

Ein unternehmerischer Kraftakt?

Man darf nicht vergessen: Wir führen 600 bis 700 Veranstaltungen pro Jahr durch. Unsere Theaterauslastung liegt bei über 80 Prozent. Um die Infrastruktur in Schuss zu halten, wären wir auf ein Polster angewiesen. Das haben wir in der Vergangenheit leider versäumt. Der Bedarf an Ersatzinvestitionen ist enorm hoch. Nur schon ein neuer Kochherd kostet schnell 60 000 bis 100 000 Franken.

Was haben Sie zur Bewältigung der betrieblichen Finanzkrise 2018/19 persönlich beigetragen?

Ich habe dem Casinotheater Kredit gewährt und nochmals à fonds perdu Geld eingeschossen – wie andere Verwaltungsräte auch.

Der Hauptsponsor Ihres Kulturhauses ist die Zürcher Kantonalbank. Eine Bank im Haus kann nie schaden.

Das ist eine tolle Kooperation, sowohl auf persönlicher wie auf geschäftlicher Ebene. Auch jetzt sind wir mit der Bank im Austausch.

Geht es um kurzfristige Liquidität?

Unsere Liquidität ist vorläufig gesichert.

Der Bundesrat und die Banken haben einen Fonds für KMU-Kredite über 20 Milliarden Franken aufgesetzt. Ab Donnerstag werden erste Kredite vergeben. Werden Sie auch einen Kredit beantragen?

Ja.

Wie sind Sie mit dem Krisenmanagement des Bundesrats zufrieden?

Im Grossen und Ganzen sind wir gesegnet mit einer vernünftigen Staatsführung, vor allem, wenn ich die Regierungen in den USA, Brasilien oder Grossbritannien verfolge. Wir haben einen Bundesrat, der sachbezogen und pragmatisch agiert.

Das aktuelle Krisenmanagement von Donald Trump überzeugt Sie weniger?

Es hat sich mit dieser Krise definitiv gezeigt, dass er seinem Amt in keiner Weise gewachsen ist. Wenn ihn seine Berater nicht zum Umdenken gebracht hätten, würde er heute noch behaupten, Corona sei harmlos und nur von den Medien und den Demokraten inszeniert. Nein, als Präsident, der sein Land einigt und weiterbringt, ist er untauglich. Gut ist er einzig darin, seine eigenen Interessen und jene seiner Klientel in den Vordergrund zu rücken.

Und die Medien?

Diverse Pressetitel schreiben von Kollaps, Katastrophe, zählen jeden Todesfall auf. Da jagt eine fette Schlagzeile die andere. Das drückt auf die Stimmung im Land, da verwundert es eigentlich nicht, wenn die Leute anfangen, sogar Toilettenpapier zu horten. Glücklicherweise haben wir den unaufgeregten Fachmann Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten. Er bricht jeder Hysterie die Spitze. Diesen Ton wünsche ich mir ab und zu auch in den Medien.

 

 

Der Unternehmer
Name: Viktor Giacobbo

Funktion: Autor, Satiriker, Produzent, VR-Präsident Casinotheater Winterthur, Verwaltungsrat Buchverlag Kein & Aber

Alter: 68

Ausbildung: Lehre als Schriftsetzer, anschliessend Korrektor, Mediendokumentalist

Karriere: 1979 bis heute: Autor, Darsteller, Produzent 1990 bis 2002: «Viktors Spätprogramm», Schweizer Fernsehen (SF DRS) Seit 2000: VR-Präsident Casinotheater Winterthur 2006: Tournee mit Zirkus Knie 2008 bis 2016: Late-Night-Sendung «Giacobbo/Müller», Schweizer Fernsehen (SRF) 2019: Jubiläumstournee mit Zirkus Knie

Auszeichnungen (Auswahl): Salzburger Stier 1991 Prix Walo 1996, 1997, 2001, 2009 Swiss Award (Kunstpreis) 2002 Schweizer Fernsehpreis für «Giacobbo/Müller» 2008 Publikumspreis Swiss Comedy Award für «Giacobbo und Müller in Therapie» 2018

Kultur-Leuchtturm in Corona-Nöten
Herausgefordert Das Casinotheater Winterthur ist eine Kleinkunstplattform. Der Auslastungsgrad des Theaters lag 2018 bei 81 Prozent. 2018 rutschte das Haus wegen Fehlinvestitionen in Finanzprobleme. Mittlerweile ist der Betrieb mit 65 Angestellten saniert. Wegen des Coronavirus wurde Kurzarbeit eingeführt, zudem bemüht man sich um einen Überbrückungskredit des Bundes.

Prominent Die Kulturstätte, die auf Subventionen verzichtet, geniesst den Support der Wirtschaft. Hauptsponsor ist die Zürcher Kantonalbank, engagiert sind auch Sulzer und Biella. Zu den Sympathisanten gehören Peter Spuhler, Kurt Rüegg oder Fred Kindle.

„Es trifft uns hart“

26. März 2020, Handelszeitung, von Stefan Barmettler

Der Satiriker und Kulturunternehmer musste wegen Corona-Krise sein subventionsfreies Theaterhaus schliessen – doch er hat bereits neue Pläne. Sie beschreiben […]

Das bekannteste Comedy-Duo des Landes ist eine der Hauptattraktionen der Jubiläumstournee des Zirkus Knie

Ein Feuerwehrmann auf einem roten Gabelstapler und zwei Stadtpolizisten stellen wassergefüllte Kunststoff-Kuben zum Schutz gegen allfällige Amokfahrer auf die Sonnenstrasse. Das Chapiteau steht bereits in seiner ganzen rot-weiss-blauen Pracht da, und ein paar Arbeiter richten die Manege für die erste abendliche Vorstellung her: Der Zirkus Knie ist an diesem sonnigen Dienstag zu seinem neuntägigen Gastspiel auf dem Spelteriniplatz in St. Gallen eingetroffen.

Auch Viktor Giacobbo und Mike Müller, die Gastkünstler aus der nationalen Comedy-Szene und langjährigen Quotenstars des Schweizer Fernsehens, sind schon da. Heuer feiert die Familie Knie das 100-Jahr-Jubiläum ihres offiziell eingetragenen Schweizer Nationalzirkus, und für ein solches Jubiläum sind schliesslich nur die Besten und Bekanntesten gut genug.

Lob auf beiden Seiten
Dass die beiden Politkabarettisten und Schauspieler nach dem Ende ihrer Satire-Serie «Giacobbo/Müller» eine Saison mit dem Zirkus Knie auf Tournee gehen und dabei jeweils in den Abendvorstellungen auftreten würden, habe schon länger festgestanden, erzählt Fredy Knie jun. Der Zirkusdirektor ist seit 2006 mit Giacobbo befreundet. Damals reiste der Winterthurer Bühnen-Allrounder ein erstes Mal mit dem Zirkus Knie durch die Deutschschweiz.

Weil Viktor Giacobbo und Mike Müller ihre TV-Sendung rechtzeitig vor dem 100. Geburtstag des Schweizer Nationalzirkus einstellten, ging es mit ihrer Verpflichtung schliesslich zack, zack. «Sie sind phantastisch», lobt Knie. «Die Leute grölen und lachen wie wild.» Die beiden seien trotz ihrer Berühmtheit ganz normal und bodenständig geblieben, und sie seien nicht nur bei den anderen Artisten, sondern auch beim Zirkuspersonal beliebt.

Die Begeisterung ist gegenseitig. Auch Mike Müller und Victor Giacobbo schwärmen bei unserem Gespräch im noblen Konferenz-Wagen mit dunklen Holzmöbeln und gesteppten grünen Lederpolstern von den Mitgliedern der Familie Knie, ebenso wie von den anderen Artisten und den Angestellten im rund 250-köpfigen Zirkustross. Sie seien allesamt seriös arbeitende, ernstzunehmende Leute, und der Umgang untereinander sei sehr angenehm und von grosser gegenseitiger Hilfsbereitschaft geprägt.

Bühne von mehr als 300 Grad
Und was ist einfacher, die Arbeit auf der Bühne oder in der Manege? Müller kann und Giacobbo möchte diese Frage nicht beantworten: «Ich will es nicht sagen, es sind unterschiedliche Medien, andere Prozesse.» Es sei anfangs auf jeden Fall eine gewaltige Umstellung gewesen auf ein derart grosses Publikum in einem Kreis von mehr als 300 Grad, sagt Müller. Viktor habe ihm schon im Voraus gesagt, dass man sich da anders als auf der Theaterbühne orientieren, permanent in Bewegung bleiben und auch alle Leute anschauen müsse.

Diese Vorgaben erfüllen die Figuren, die das Duo im Zirkus spielt. Es sind – zur Freude des Publikums – alles liebgewonnene Bekannte, allen voran natürlich Giacobbos stets leicht verhängter Schnorrer Fredi «häsch mer nöd zwei Stutz?» Hinz. Müllers dauerschwafelnder Hanspeter «Bujujui» Burri hat ebenso seinen Auftritt wie der linkische Mittfünfziger Armin Grütter und dessen keifende Mutter, das halbseidene Mischler-Paar Sonny Boppeler & Benno Stark, der Dampfplauderi Roger «find i guet» Schawinski und der pomadige TV-Hellseher Mike Shiva auf einem elektrischen Raupentraktor: ein zum Schreien komischer Anblick.

Bei der Gestaltung ihrer Nummern liess ihnen die Direktion alle Freiheit. «Wir machen schliesslich nicht neun Jahre lang eine Sendung, in der einem niemand diktiert, was wir tun dürfen und was nicht, und gehen dann in den Zirkus und lassen uns alles vorschreiben», hält Giacobbo fest. Das Ergebnis spricht für sie. Die beiden wissen sehr wohl, wie man ein breites, nicht unbedingt politisch interessiertes Zirkuspublikum für sich gewinnen kann.

Selbstverständlich treten Giacobbo und Müller auch mit Tieren auf. Fredi Hinz’ Kameldame Suleika aus der Tournee von 2006 bleibt diesmal allerdings im Stall. «Ich will ja nicht die alten Nummern noch einmal bringen», sagt Giacobbo. Dafür sind im Jubiläumsprogramm die fürs After-Show-Catering zuständigen Herren Boppeler & Stark mit den zwei Zwergschweinchen «Godeli» und «Stupsi» unterwegs. Dressurtricks gibt es mit den kleinen Paarhufern keine, sie sind aber so putzig, dass das grosse Buffet schliesslich vegetarisch bleiben muss.

Staunen und lachen
Weil in der Jubiläumstournee die ohnehin zur Familientradition der Knies gehörenden Pferde eine ganz besondere Rolle spielen, wird der unbeholfene Armin Grütter von seinem Mutterdrachen auf den Rücken eines Pferdes gehetzt. Der bedauernswerte Braune «Campo» bietet mit seinem übergewichtigen Jockey ein geradezu mitleiderregendes Bild, verglichen mit Fredy Knies Pferdekarussell mit 30 eleganten Hengsten, Geraldine Knies Manegen-Comeback als elegante Zirkusreiterin oder der wilden doppelten Ungarischen Post von Ivan Frédéric Knie und Wioris Errani. Bei ihnen staunt das Publikum, bei Frau Grütter und ihrem Armin lacht es Tränen.

Die Starkomiker Giacobbo und Müller sind die Aushängeschilder des Programms zum 100-Jahr-Jubiläum des Zirkus Knie, und sie tragen ihren Teil dazu bei, dass sich die Leute regelrecht auf die Tickets stürzen. Die Vorstellungen sind jeweils schon früh ausverkauft. In Zürich, wo der Zirkus vom 4. Mai bis 2. Juni auf dem Sechseläutenplatz gastiert, sind bereits jetzt an drei Montagabenden Zusatzvorstellungen anberaumt.

Alle wollen sie zum« jubileo»
Der Publikumsandrang sei phantastisch, bilanziert Fredy Knie. Die Quotenstars vom Bildschirm seien grosse Publikumsmagneten, aber die Leute kämen auch wegen des Jubiläums in grosser Zahl in den Zirkus. Die Nachmittagsvorstellungen, an denen die drei renommierten Clowns Yann Rossi, Davis Vasallo und Francesco Fratellini anstelle von Giacobbo und Müller für kinderfreundliche Lachnummern zuständig sind, seien gleichfalls regelmässig ausverkauft. Und auch im Tessin, wo der Zirkus Knie im November mit den Westschweizern Vincent Kucholl und Vincent Veillon auftrete, laufe der Vorverkauf schon jetzt super, sagt Fredy Knie. «Alle wollen sie beim ‹jubileo› dabei sein.»

Giacobbo/Müller mischen die Manege auf

29. April 2019, Neue Zürcher Zeitung, von Alois Feusi

Das bekannteste Comedy-Duo des Landes ist eine der Hauptattraktionen der Jubiläumstournee des Zirkus Knie Ein Feuerwehrmann auf einem roten Gabelstapler […]

Interview

Der bekannteste Satiriker der Schweiz steigt wieder ins Sägemehl und gastiert ab März im Zirkus Knie. Viktor Giacobbo über die Unterschiede zwischen Nationalzirkus und Nationalfernsehen, Fernsehstudio und Zirkusmanege – und über etwas, worüber er lieber schweigen würde: das Alter.

Herr Giacobbo, ich möchte über ein unattraktives Thema reden: das Alter. Sie treten zum 100-Jahr-Jubiläum nochmals im Zirkus Knie auf, dieses Mal mit Mike Müller. Ist das die Narrenfreiheit des Alters?

Beginnen wir mit einem attraktiveren Thema als dem Alter: Ich wurde seit meinem letzten Engagement 2006 von der Familie Knie immer wieder gefragt, ob ich wieder einmal eine Saison bei ihr gastieren würde. Doch solange unsere Sendung «Giacobbo/Müller» lief, war das kein Thema.

Sie sind 66 Jahre alt, wie stehen Sie zu Ihrem Alter?

«Alter» ist für mich ein eher abstrakter Begriff. Ausser in den Momenten, in denen ich mich im Spiegel sehe. Dann sehe ich nicht nur, was mir gefällt.

Und was missfällt Ihnen an Ihrem Spiegelbild?

Wenn ich nicht in den Spiegel sehe, denke ich, ich sähe aus wie Leonardo DiCaprio. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich aus wie Viktor Giacobbo!

Ist das nun eitel oder alterskokett? Etwas an Ihnen wird Ihnen wohl gefallen.

Viel ist es tatsächlich nicht. Aber manchmal, wenn ich Gleichaltrige treffe, denke ich: Das kann nicht sein, dass ich mit denen zur Schule ging, das müssen meine Eltern sein!

Ist ein Mann im Alter von 66 Jahren eigentlich ein älterer Herr oder ein Senior?

Er ist ein Mann in den Sechzigern, ein älterer Herr, wenn Sie so wollen. Aber mein Alter interessiert mich nicht wirklich. Man muss verdammt aufpassen, dass man nicht in die Banalitätenfalle gerät, wenn man darüber spricht. Ich meine, es gibt ein paar Banalitäten, die stimmen: Man kann zum Beispiel als biologisch älterer Mann geistig jung sein. Im Gegensatz dazu gibt es Dreissigjährige, die bereits aufgehört haben, neugierig zu sein. Und das ist tragischer, als 66 Jahre alt zu sein.

Die Philosophie kennt die Theorie der Alterskunst, man spricht von einem Know-how, einem Kennen und Können des Altwerdens. Mussten Sie lernen, älter zu sein?

Wieso sollte ich etwas lernen, das sowieso auf mich zukommt? Da halte ich es mit einer anderen Philosophie, und zwar mit jener von Yuval Noah Harari, dessen Buch «Homo Deus» ich gerade gelesen habe. Nachdem Harari mit der Seele und teilweise auch mit dem Geist abgerechnet hat, wagt er es, den Menschen als einen Algorithmus zu definieren. Wie dieser im Alter seine Aufgaben wahrnehmen wird, kann ich nicht beeinflussen. Auch wenn ich mich bemühe, im Alter neugierig zu bleiben – wenn wir denn ein Algorithmus sind, ist auch mein Wunsch, neugierig zu sein, letztlich vom Algorithmus gesteuert.

Der Mensch ist ein Algorithmus, ohne Seele, ohne freien Willen?

Also ohne ein Ich. Was dem Liberalismus den Garaus macht . . .

Dieses satirische Menschenbild spricht Sie als Berufssatiriker natürlich an . . .

. . . nein, hier spricht höchstens der Satiriker, der das Buch von Harari nicht ganz verstanden hat, das kann sein. Deshalb schlage ich vor, dass wir das Gebiet der Philosophie verlassen.

Gibt es Vorteile, 66 Jahre alt zu sein, verglichen mit, sagen wir, 44 Jahren?

Wenn man etwas auf sich hält und geistig noch ein bisschen fit ist, lernt man dazu, nicht jedes Jahr, aber vielleicht im Rhythmus von zehn Jahren. Aber nochmals: Ich habe über das Alter nicht viel zu sagen, es interessiert mich zu wenig.

Was interessiert Sie denn?

Das Leben, die Politik, Freundschaft, die Kultur, Sex!

Grossartig, reden wir über Sex. Hat sich Ihr Sexleben im Alter verändert?

Sicher, es ist vielfältiger geworden, man hat ja mehr Erfahrung (lacht). Dieser Satz wird mir von den Boulevardmedien sicher einmal um die Ohren gehauen.

Nächster Versuch: Gibt es in Ihrer Biografie ein Erlebnis, auf das Sie im Rückblick gerne verzichtet hätten?

Ja, das Frühaufstehen! Auf jedes frühe Aufstehen hätte ich gerne verzichtet. Übrigens, wenn Sie über das Alter reden möchten, ich kann doch etwas zum Thema beisteuern: Senile Bettflucht kenne ich nicht. Bis zehn Uhr vormittags kann ich gut liegen bleiben.

Welches Lebensalter war Ihr schwierigstes?

Ich habe in jedem Alter etwas für mich entdeckt. Als ich beispielsweise sechzehn war, 1968, war der linke Aufbruch toll, man konnte kreative und lustige Aktionen starten. Erst ein paar Jahre später kamen die Ideologie, das Denkverbot und die Neigung zum Sektierertum dazu. Damit war diese Zeit für mich abgeschlossen. Aber das Gute am Alter ist ja, dass man Dinge sein lassen kann. Lieber als in die Vergangenheit sehe ich nämlich in die Zukunft.

In der Zukunft, nächsten März bereits, stehen Sie mit Mike Müller wieder in der Manege. Was ist es an dieser Zirkusliebe, dass man nicht von ihr lassen kann?

Langsam, zuerst spielen wir von Herbst bis Januar das Stück «Giacobbo/Müller in Therapie» – eine Thematisierung unserer TV-Show auf einer Metaebene. Für die Zeit nach der Zirkustournee habe ich Ideen für einen Spielfilm; gleichzeitig aber habe ich keine Lust, bei den Filmförderungskommissionen Klinken zu putzen und um Unterstützung anzufragen. Lieber realisiere ich eine neue Mockumentary im Stil von «Der grosse Kanton», die könnte ich wieder privat finanzieren.

Machen Sie es doch wie Andreas Thiel. Für seinen Spielfilm sucht er keine staatlichen Fördergelder, sondern will ihn mit privaten Sponsoren finanzieren.

Das sehen wir dann, wenn wir es dann sehen.

Was reizt Sie denn daran, wieder ins Sägemehl zu steigen? Zirkustourneen gelten als äusserst strapaziös.

Weil das die tollste Live-Tournee ist, die in der Schweiz möglich ist! Der Zirkus Knie ist weltweit die Nummer eins unter den Zirkussen. Das wird Ihnen jeder Zirkusmensch bestätigen. Viele weltberühmte Zirkusse zeigen heute nur noch Werbeshows für Kinder. Eine traurige Entwicklung. Das private Unternehmen Knie präsentiert weiterhin ein anspruchsvolles Programm mit internationalen Top-Acts, aber als Stargäste werden Schweizer Komikerinnen und Komiker engagiert.

Es gibt also Ähnlichkeiten zwischen einem Studio des nationalen Fernsehens und der Manege des Nationalzirkus?

Die Manege ist viel mehr als ein Fernsehstudio! Man riecht, man improvisiert, man kann die Menschen mit einbeziehen, es kann einiges schiefgehen, Tiere treten auf, und zwar mittlerweile solche, bei denen man kein schlechtes Gewissen haben muss, dass sie auftreten, sondern solche, die in der Manege beschäftigt werden und Freude daran haben. Mike Müller und ich sind wie Fredy Knie junior grosse Tierfreunde, und wir engagieren uns auch dafür. Ich beispielsweise für das Orang-Utan-Programm der Stiftung PanEco.

Sind Sie der ältere Herr, der Sie einmal werden wollten?

Nein, ich hoffe nicht! Als Jugendlicher hat man ja ganz andere Vorstellungen davon, wie man im Alter einmal sein wird. Man transportiert sich, so, wie man ist, ganz einfach fünfzig Jahre in die Zukunft. Meine Generation hat zum Beispiel immer geglaubt, dass wir später einmal in tollen, verrückten Alters-WG leben und Rockkonzerte veranstalten würden. Inzwischen merken wir alle: Na ja, man wird ein bisschen älter . . .

. . . und erkennt heute: Auch klassische Musik hat ihr Gutes?

Überhaupt nicht! Heute sitze ich hier und gebe wider Willen ein Interview über das Alter, obwohl ich eigentlich gar nicht darüber sprechen wollte.

«Wir haben geglaubt, dass wir später in verrückten Alters-WG leben würden»

4. Oktober 2018, Neue Zürcher Zeitung, von Daniele Muscionico

Interview Der bekannteste Satiriker der Schweiz steigt wieder ins Sägemehl und gastiert ab März im Zirkus Knie. Viktor Giacobbo über […]

Zum 100-jährigen Jubiläum vom Zirkus Knie wird Viktor Giacobbo zusammen mit Mike Müller das Publikum zum Lachen bringen. Im Interview erzählt der Winterthurer, was die Zuschauer erwarten dürfen und warum der Gastauftritt kein Comeback ist.

Vor hundert Jahren zeigte Knie seine erste Vorstellung. Zum Jubiläum darf man nächstes Jahr deshalb einige Specials erwarten. Letzte Woche liess der Schweizer Nationalzirkus denn auch verlauten, wer das Publikum im Jubiläumsjahr unter anderem zum Lachen bringen wird. Nach gemeinsamen Filmrollen, einer Late-Night-Show und diversen Theaterstücken stehen Mike Müller und Viktor Giacobbo nun auch gemeinsam in der Manege.

Viktor Giacobbo, wie kam es zu Ihrem Gastauftritt im Knie?

Ich durfte ja bereits im 2006 in der Manege des Knies stehen und habe dieses Jahr in guter Erinnerung. Seither bin ich noch immer in Kontakt und gut befreundet mit den Knies und der ganzen Zirkusfamilie. Sie fragten mich bereits früher an, ob ich nochmals auftreten könnte, aufgrund unserer Satiresendung und anderen Projekten war es mir aber bisher nicht möglich. Nun passte der Zeitpunkt jedoch für Mike und mich. Die Zusammenarbeit stand bereits seit über einem Jahr fest, wir behielten es aber bis vorletzten Dienstag für uns, was nicht immer ganz einfach war.

Mit Mike Müller arbeiten Sie schon seit Jahren zusammen. Ihr Gastauftritt ist also nicht wie ein Comeback zu verstehen?

Das Wort Comeback wird immer wieder falsch verwendet. Unsere Auftritte im Knie sind nicht mit unserer Fernsehsendung zu vergleichen. Und auch nicht mit unserem aktuellen Theaterstück, bei dem wir ja das Ende unseres Late-Service-Public und die damit zusammenhängenden, frei erfundenen Schwierigkeiten thematisieren. Unser Zirkusprogramm wird natürlich eine volle Figurenparade sein. Sie eignen sich besonders gut für die Manege. Zudem arbeiten Mike und ich wie gesagt immer wieder gemeinsam an Projekten und kehren somit nicht zurück. Es ist einfach ein neuer Schauplatz, in dem wir wieder gemeinsam zu sehen sein werden.

2006 spielten Sie Fredy Hinz im Knie. Auf welche Rollen darf sich das Zirkuspublikum nächstes Jahr freuen?

Das kann und will ich noch nicht preisgeben. Hier soll man sich überraschen lassen. So viel sei verraten: Es werden eher die lauten unserer Nummern sein. Da wir ausschliesslich abends auftreten, darf man sich auf ein satirisch angehauchtes Programm freuen, in das wir auch Aktualitäten einbringen werden. So kann es auch sein, dass wir die Sketche und Rollen anpassen oder sogar austauschen werden. Wir sind beide sehr flexibel und aufeinander abgestimmt, auch wenn es ums Improvisieren oder den Einbezug des Publikums geht. Es ist auch angedacht, dass wir Tiere in unsere Nummer miteinbeziehen. Welche verraten wir noch nicht.

Worin liegt für Sie der Reiz, in der Manege zu stehen?

Für mich ist der Zirkus Knie mit seinen internationalen Top-Acts und den klassischen Zirkusnummern einer der besten weltweit. Es ist schön zu sehen, wie die Familie die Qualität konstant hoch halten konnte und konsequent nur im Inland auftritt. Mich beeindruckt auch die Verbindung zum Casinotheater, da beide Institutionen unsubventioniert sind und somit selbst für ihren stetigen Erfolg bestrebt sein müssen. Auch das gemeinschaftliche Zirkusleben, bei dem man mit so vielen Artisten aus aller Welt in Kontakt kommt, gehört dazu und schätze ich sehr.

Gerade wenn Sie mit Mike Müller auftreten, scheint vieles spontan zu sein. Kann man da überhaupt üben?

Beim Zirkus ist das alles sehr dynamisch. Richtig proben kann man erst, wenn das Zelt steht, was meistens erst ein paar Wochen vor der Premiere der Fall ist. Bei gewissen Dialogen und Figuren muss man aber natürlich schon etwas präziser werden. Mike und ich haben bereits viele Ideen. Etwa 80 bis 90 Prozent des Programms steht eigentlich schon, wenn auch noch nicht im Detail. Gerade wenn jedoch das Publikum miteinbezogen wird, improvisieren wir oft. Genau das machen wir eigentlich am liebsten und ist quasi unser Markenzeichen. Auch in unserer Fernsehsendung arbeiteten wir selten nur nach Skript. Das kann natürlich auch mal schiefgehen, dafür entstehen so manchmal Highlights, mit denen man vorher nicht gerechnet hat. Sobald wir das genaue Zirkusprogramm kennen, können wir unsere Nummern zudem noch besser auf dieses abstimmen und mit unseren Figuren beispielsweise bei anderen Nummern intervenieren. Alles planen kann man aber nicht. Und das macht für mich den Zirkus so interessant: Man muss immer flexibel sein.

Wie merken Sie, ob Ihr Humor beim Publikum ankommt?

Eine gewisse Erfahrung besteht natürlich bereits. In unserem Beruf merkt man aber relativ schnell, was Anklang findet und was nicht. So kann man das Programm anpassen, wenn man möchte. Wir machen aber auch immer wieder Sketche, bei denen wir wissen, dass ein grosser Teil der Zuschauer diese nicht goutieren. Wenn man sich nur nach dem Publikum richtet, verliert man jedoch seine künstlerische Identität. Es gibt nichts, was objektiv betrachtet als lustig gilt. Man präsentiert immer, was man selbst lustig findet. So entwickelt sich mit der Zeit ein Stammpublikum, das eben diese Eigenheiten schätzt und ein Gespür für unseren Humor hat. Im Zirkus erwartet uns natürlich eher ein Mainstream-Publikum. Experimente werden wir also keine wagen. Aber auch diese Zuschauer sind nicht zu unterschätzen und von Stadt zu Stadt ganz verschieden. Das macht die Auftritte umso spannender für uns.

«Im Zirkus muss man flexibel sein»

31. August 2018, Winterthurer Zeitung, von Fabrice Dubler

Zum 100-jährigen Jubiläum vom Zirkus Knie wird Viktor Giacobbo zusammen mit Mike Müller das Publikum zum Lachen bringen. Im Interview […]

Die 6000 Franken unterstützen vier Studentinnen in Burkina Faso

Er mag als Satiriker eine spitze Zunge haben, wenn es aber um eine gute Sache geht, hat er ein weiches Herz: Viktor Giacobbo (66) zeigte sich an der Afrika-Soirée von Beauty-Expertin Bea Petri (63) grosszügig. Für einen guten Zweck ersteigerte er sich eine Statistenrolle. «Und das ausgerechnet in einem Film von Sabine Boss», so Giacobbo. Mit ihr hat er 2002 «Ernstfall in Havanna» gedreht.

In ihrem neusten Coup «Der Manager» wird Viktor nur eine Minirolle übernehmen und dafür bezahlt er auch noch grosszügig 6000 Franken. «Mit diesem Geld können vier junge Frauen in Burkina Faso je eine dreijährige Ausbildung machen», so Giacobbo.

Im Januar hat er gemeinsam mit Bea Petri das Ausbildungszentrum Nas Mode in Ouagadougou besucht. Nachdenklich sagt Giacobbo: «Wenn man aus dem Komfort kommt, den wir hier geniessen und auf eine solche Armut trifft, das sind Bilder, die man nicht wieder vergisst.»

Umso mehr beeindruckte ihn, was die Schminkbar-Unternehmerin Bea Petri in den letzten zehn Jahren hier geschaffen hat. «Derzeit sind 210 Frauen bei uns in Ausbildung», so Petri. «80 Prozent von ihnen können nachher auch auf ihrem Beruf arbeiten. Als Näherin, Coiffeuse, aber auch als Kosmetikerin. Burkina Faso hat eine grosse Filmkultur.»

Die Filmindustrie war es denn auch, warum Bea Petri 2008 von der Schweizer Hilfsorganisation Swisscontact um Unterstützung angefragt wurde. Und was die Macherin anpackt, macht sie richtig. Aus der Zusammenarbeit mit Nas Mode sind auch tiefe Freundschaften entstanden, etwa mit der Direktorin der Schule, Safi Ouattara (48), die auch an der Afrika-Soirée war.

«Sie gehört für mich zur Familie», so Bea Petri, die sich über jede Spende des Abends freute. Zum Schluss kamen 20 000 Franken zusammen. «Damit kann man viele Frauen glücklich machen», sagt Petri.

Giacobbo ersteigert sich Filmrolle

27. August 2018, Blick, von Katja Richard

Die 6000 Franken unterstützen vier Studentinnen in Burkina Faso Er mag als Satiriker eine spitze Zunge haben, wenn es aber […]

Das Duo Giacobbo/Müller kehrt auf die Bühne zurück. Die Kabarettisten sind die Stargäste beim100-Jahr-Jubiläum des National-Circus Knie.

Die Bühne, die man ihnen einst im Schweizer Fernsehen für die Late-Night-Show bereitete, gibt es nicht mehr: Die Sendung Giacobbo/Müller wurde im Dezember 2016 aus dem Programm genommen. Nun gibt das Satirikerduo überraschend ein Comeback – und macht Zirkus. Im Knie.

Viktor Giacobbo und Circus Knie kennen sich bereits: Der TV-Komiker wagte im Jahr 2006 den Sprung ins Chapiteau. Für Schauspieler Mike Müller wird die Manege eine Herausforderung sein. Routine sei es aber auch für ihn nicht, gibt Giacobbo gegenüber den Medienvertretern zu, die sich gestern auf der Berner Allmend eingefunden haben, wo der Schweizer Nationalzirkus derzeit gastiert. «Man darf es nie unterschätzen», sagt Giacobbo dieser Zeitung, «ich gehe dieses zweite Engagement mit Respekt an.»

Beobachter erinnern sich an das Duo Fischbach, das mit einigen Jahren Abstand ein zweites Mal den Komikerpart im Sägemehlrund übernahm – und dann prompt zu hören bekam, beim ersten Mal sei es besser gewesen. Allerdings traten Fischbachs zweimal in derselben Konfiguration an. Giacobbo kommt diesmal aber nicht allein in den Zirkus, sondern eben mit Mike Müller. Die beiden Komiker können sich Dialoge und Pointen zuwerfen wie Tennisbälle. Die Auftritte änderten sich während der Tournee, sagen die Komiker: «Wir nehmen Aktualitäten auf.»

Erstmals wird Knie 2019 eine Zweiteilung vornehmen: In den Nachmittagsvorstellungen, die vorwiegend von Familien mit eher kleinen Kindern frequentiert werden, werden Clowns mit kindgerechten Spässen auftreten. Abends wird die Manege Giacobbo/Müller gehören. Das Duo wird Anspielungen und Doppeldeutigkeiten einbauen, die junge Ohren vielleicht nicht so gut verstehen.

Babysitter für Knie-Kinder
Mike Müller hat eine andere Erklärung, weshalb Giacobbo/Müller an Nachmittagen pausieren: «Wir müssen die Kinder von Géraldine Knie hüten.» Wobei das eine steile These ist: Diese Kinder treten längst selber im Zirkus auf. Auch die launige Ankündigung des Duos, man werde 2020 im Circus Royal auftreten, treibt Zirkus-Chef Fredy Knie junior keineswegs den Schweiss auf die Stirn: Sie ist so unwahr wie Müllers Klage, Fredy junior habe ihn «übers Ohr gehauen», der Knie-Chef habe ihm einen Solo-Auftritt zugesagt – kein Duo mit diesem Giacobbo. Dieser revanchiert sich am Büffet mit der Anweisung ans Personal: «Gebt Mike nichts zu essen!»

Satire im Sägemehl

22. August 2018, Der Bund, von Markus Dütschler

Das Duo Giacobbo/Müller kehrt auf die Bühne zurück. Die Kabarettisten sind die Stargäste beim100-Jahr-Jubiläum des National-Circus Knie. Die Bühne, die […]

Die Bühne, die man ihnen einst im Fernsehen für die Late-Night-Show bereitete, gibt es nicht mehr: Weg sind die Sessel, weg das Pult, weg ist auch die Kaffeemaschine, weg das ganze Glanz-und-Gloria der TV-Unterhaltung. Im leeren Raum stehen Viktor Giacobbo und Mike Müller jetzt im Theater, der Auftritt bedeutet die Rückkehr der TV-Komiker. Da gibt es nichts, an das sie sich halten könnten, ausser natürlich: an sich selber. Ein Schrägstrich scheint aber zwischen ihnen zu stehen, der alles trennt, was sie vorher verbunden hat. Und da können sie noch so ihre alte Show abziehen.

«Giacobbo/Müller in Therapie» heisst ihr Stück, das am Donnerstag im Casinotheater Winterthur Premiere hatte. Der Titel steht für den Bruch der Wahrnehmung. Wer zu lange Fernsehen gemacht hat, hat keine Ahnung mehr vom Publikum, das ist zumindest die These. Dominique Müller, der Schauspieler und Regisseur, gibt hier den Therapeuten. Er sagt, wir bekämen einen intimen Einblick in zwei Karrieren, die neu justiert werden müssten. TV-Komiker gelten im Theater noch immer als Parias. Dominique Müller arbeitet an ihrer Reintegration.

Aufstand der Komparsen

Das ist natürlich Quatsch, es geht um etwas anderes. Dominique Müller hat in ein paar Sketches für «Giacobbo/Müller» mitgemacht, an seiner Seite ist im Stück der Bassist Daniel Ziegler, ebenfalls ein «Giacobbo/Müller»-Hintergrund-Mann. Die beiden proben den Aufstand der Komparsen: Sie blasen sich auf vor Wichtigkeit und versuchen, die Fäden in die Hand zu bekommen. Viktor Giacobbo und Mike Müller sollen hier dastehen als recht traurige Figuren, die nichts anderes können, als Giacobbo/Müller in Pension zu sein.

Die beiden machen das traurige Spiel am Anfang mit, es heisst: Sehnsucht nach Vergangenheit. Und wenn Giacobbo und Müller behaupten, ohne ihre Show glücklich sein zu können, sehen sie immer noch in jedem Rotlicht das Zeichen für die laufende Kamera, auch mitten auf der Strasse. Sie sind völlig weg vom TV-Fenster.

Das allerbeste Theater

Schritt für Schritt erobern Mike Müller und Viktor Giacobbo ihre Bühne zurück. Klar, die beiden haben ja das Stück selber geschrieben. Bald stehen zwei Sessel aus dem «Giacobbo/Müller»-Studio auf der Bühne, die Kaffeemaschine kommt auch hinzu. Und schon sind die alten Figuren wieder da. Perücken auf, und ab gehts in die Vergangenheit. Das Publikum bekommt noch einmal Fredi Hinz und Hanspeter Burri.

Doch die Figuren werden auf einmal zu anderen, sie spielen sich in das Leben von Giacobbo und Müller hinein, als hätten sie von ihnen Besitz ergriffen. Jetzt könnte es theoretisch kompliziert werden. Die Frage lautete: Wer bin ich, und, wenn ja: in wie vielen Rollen? Aber da können Giacobbo und Müller noch so kompliziert in ihrem Stück tun: Es ist eigentlich ganz einfach Theater. Und so ziemlich das beste, das die beiden je gemacht haben. Regisseurin Brigitt Maag trägt das ihre dazu bei, sie kennt sich mit dem Mechanismus von Komödien aus.

Drinnen und draussen

Das Schönste an diesem Theater ist die Pause. Denn sie verändert alles. Da läuten Dominique Müller und Daniel Ziegler nach einer Stunde die Pause ein, ihr Theater geht ohne Pause nicht. «Wir bleiben auf der Bühne», sagen aber Viktor Giacobbo und Mike Müller, das Publikum solle doch bitte nach draussen gehen, es gebe Glace und so. Natürlich bleibt das Publikum noch ein bisschen im Saal, schliesslich könnte auf der Bühne noch etwas passieren.

Aber da passiert gar nichts. Giacobbo und Müller stehen einfach da und sagen dies und das. Nach fünf Minuten steht der erste Promi auf, die anderen Promis folgen samt einem grossen Teil des Nicht-Promi-Publikums Richtung Cüpli, Zigis und Toiletten. Giacobbo und Müller stehen dann immer noch auf der Bühne, sie machen sich einen Kaffee, trinken Wasser, schauen in die leeren Ränge. Sie schauen auch zu, wie das Publikum wieder in den Saal kommt.

Auch die Zuschauer sind in Therapie

So bespielen Viktor Giacobbo und Mike Müller nach der Pause, die für sie keine war, den ganzen Raum und zeigen, wie gross ihr Theater sein kann: Es geht über die Zeit hinaus und hält sich an keine Regeln. Von nun an wird gepowert. Mike Müller ist in Hochform, Viktor Giacobbo spielt über sich hinaus. Die beiden zeigen jetzt eine grosse Leichtigkeit in diesem Spiel, dass es eine grosse Freude ist: für uns und für sie. Denn sie stehen wieder im Zentrum: «Wir haben am liebsten, wenn es um uns geht.»

Bald merkt das Publikum, dass es in diesem Theater eigentlich auch in Therapie ist. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sehen: Da können auf der leeren Bühne zwei Menschen stehen, der eine schaut zu, was der andere macht – und schon ist das Theater. Auf einmal geht eine Welt auf, die grösser ist als die von «Giacobbo/Müller». Und die von der Möglichkeitsform erzählt, die TV-Komiker auf der Bühne haben. Viktor Giacobbo und Mike Müller haben ihre Chance genutzt. Ihre Rückkehr ist ein Triumph.

Das Schönste ist die Pause

7. April 2018, Landbote, Tages-Anzeiger, von Stefan Busz

Die Bühne, die man ihnen einst im Fernsehen für die Late-Night-Show bereitete, gibt es nicht mehr: Weg sind die Sessel, […]

Rückrufaktion: Politische Satire

Es war so etwas wie ein Ritual. Am Sonntagabend die Woche Revue passieren lassen. «Giacobbo/Müller» lieferte den Soundtrack und die Bilder dazu. Ihre Figuren waren Prototypen der Schweiz. Dr. Köti erklärte die Konkordanz, Hanspeter (Bu-i-i) Burri den SBB-Ticketautomaten. Fredi Hinz wollte einen Stutz. Harry Hasler fuhr Tesla. Mergim Muzzafer spielte im «Samschtig Jass» mit. Mike Müller mimte einen Hooligan. Und Dani Ziegler machte einen sauren Stein. Die Lacher waren nicht immer gleich laut, und doch war ihr Wochenrückblick eine wohltuende Abwechslung im Programm. Giacobbo und Müller ordneten ein, teilten aus und forderten heraus.

Im Dezember 2016 wurde die letzte Sendung ausgestrahlt. Die Sendeplätze wurden neu verteilt, und das SRF-Urgestein Kurt Aeschbacher übernahm mit seiner Talksendung den begehrten Platz am Sonntagabend. Dann kam die Leere.

Die Lücke

Knapp ein Jahr später, am 6. Oktober 2017, fand so etwas wie eine Katharsis statt. Viktor Giacobbo und Mike Müller traten in der Late-Night-Sendung «Deville» auf. Der ehemalige Punkmusiker und Kindergärtner Dominic Deville gilt als der Nachfolger der beiden. Nun, an diesem späten Freitagabend «halb live» aus dem «Mascotte» in Zürich, wurde einmal mehr deutlich, was der Schweiz fehlt: politische Satire.

Giacobbo und Müller kamen am Ende der Sendung mit Deville ins Gespräch, und sie brauchten nur wenige Anlauf, um klarzumachen, wie sehr sie fehlen. Die beiden brachten das Konzept durcheinander, hielten sich nicht an die Regeln, sorgten für die Lacher – all das, was man eigentlich von ihren Nachfolgern erwarten würde.

Doch «Deville» bleibt immer wieder unterhalb der Messlatte seiner Vorgänger. Die Witze sind flau, absehbar und wirken müde. Die Pointenschreiber planschen im Fahrwasser von Allgemeinplätzen, kratzen häufig nur an der politischen Oberfläche. Agota Dimén, Dominic Devilles Side-Kick, vermag die Sendung auch nicht wirklich zu retten. «Deville» hat zwar eines der meistgeschauten und meistgeteilten Youtube-Videos der Schweiz («Switzerland Second») hervorgebracht, doch viel mehr ist bislang nicht in Erinnerung geblieben. Der Sendeplatz am späten Freitagabend ist wohl auch nicht besonders zuträglich.

Auch «Müslüm TV» konnte die Lücke nicht füllen. Die Fahrten in seinem Wohnmobil durch die Schweiz waren etwa so lustig und politisch wie Feriengrüsse aus einer Jugendherberge. «Heute fahre ich ins Macho-Tal. Ein Platz wie gemacht für mich», sagte Müslüm etwa vor einer Fahrt ins Maggiatal. Die Sendung wurde mittlerweile eingestellt.

Vor Kurzem sagte Viktor Giacobbo in einem Interview mit der SonntagsZeitung , dass das SRF die Organisation ihrer Nachfolge «verkackt» habe: «Schlicht und einfach. Vom Sendeplatz her und auch vom frühzeitigen Aufbau einer Nachfolge.» Das klingt verbittert, und doch spricht Giacobbo an, was bislang niemand tat.

Die Gespräche

«Giacobbo/Müller» hat Spuren hinterlassen, gerade auch wegen den Gesprächsgästen am Ende der Sendung. Manche Politikerin, mancher Politiker geriet dabei ins Schwitzen – zugleich gelang es den beiden Moderatoren, eine Nähe zu schaffen.

Da war Doris Leuthard, die offen über Bundesratssitzungen plauderte. Oder Eveline Widmer-Schlumpf, die sich als Finanzministerin über die Steuererklärung enervierte. Und immer wieder SVP-Nationalrat Toni Brunner, der lauthals und herzlich lachte und den schlagfertigen Giacobbo zu kontern vermochte. ​

Die Sendung am Sonntagabend legte die Schweiz unter das Mikroskop, setzte das Skalpell an und sezierte – mal sorgfältig, mal brachial. Das fehlt den Formaten, die aktuell ausgestrahlt werden. Es fehlen die politischen Themen, die Polit-Gäste, die politische Auseinandersetzung

Kurz: Es fehlt politische Satire. Das ist bedauernswert, gäbe es doch genügend Stoff, der verarbeitet werden könnte.

Unter dem Mikroskop

6. Januar 2018, Basler Zeitung, von Lukas Lampart

Rückrufaktion: Politische Satire Es war so etwas wie ein Ritual. Am Sonntagabend die Woche Revue passieren lassen. «Giacobbo/Müller» lieferte den […]

Viktor Giacobbo und Mike Müller über die schwierige Suche nach ihren Nachfolgern, die Auferstehung von «Giacobbo/Müller» auf der Bühne und das Engagement des «Bestatters» gegen No Billag

 

«Giacobbo/Müller in Therapie» heisst Ihr neues Bühnenstück. Sind Sie therapiebedürftig?
Giacobbo: Unsere Therapeuten ­haben uns empfohlen, nach dem selbst verschuldeten Verlust unserer Sendung auf die Theaterbühne zu gehen.
Müller: Das ist zumindest die Behauptung im Stück.

Wird politische Aktualität darin vorkommen?
Giacobbo: Auch, aber nicht vordergründig. Wir thematisieren das Fernsehen, unsere Rolle als Medienmacher und Medienobjekte. Schon allein das gibt viel Stoff für Komik.

Werden Figuren wie Debbie Mötteli oder Hanspeter Burri ebenfalls auftreten?
Giacobbo: Ja, aber nicht in Vollmontur. Eine wichtige Rolle wird der Schauspieler Dominique Müller übernehmen, der auf der Bühne unseren Therapie-Coach spielen wird. Wie in unserer Fernsehshow wird auch der Musiker Dani Ziegler wieder mit dabei sein.
Müller: Aber wir zeigen keine alten Sketches. Dafür gibt es einen wunderbaren Youtube-Kanal von SRF, wo man die abrufen kann.

Wenn Sie jetzt mit etwas ­Ähnlichem zurückkommen wie dem, was Sie zuvor im Fernsehen gemacht haben, brauchen Sie vielleicht doch eine Therapie.
Giacobbo: Auf der Bühne schon. Privat eigentlich nicht, oder?
Müller: Nun gut, das kann man schwer beurteilen. Die meisten, die einen Hau weghaben, würden sich als gesund bezeichnen. Das ist immer gefährlich.
Giacobbo: Es ist auch gefährlich, jemanden so zu benennen. Nicht alle, die in Therapie sind, haben einen Hau.
Müller: Ich bin froh, dass du heute so auf Korrektheit bedacht bist. Das ist eine neue Seite an dir, die ich noch glatt finde.

Mike Müller, wie gut finden Sie es eigentlich, dass fast jeder Artikel zur No-Billag-Initiative mit einem Foto aus dem ­«Bestatter» illustriert wird.
Giacobbo: Mike ist halt der Billag-Junkie, der Gebührenabzocker, der muss jetzt auch mal dafür hinstehen. Ich gehöre zur Privatwirtschaft, bin unabhängig und unsubventioniert. Wir im freien Markt würden das ja nie machen.
Müller: Genau. Aber im Ernst: Der «Bestatter» muss für diesen Wortwitz, der Bestattung des Senders, herhalten. Es ist halt so, der «Bestatter» ist ein geeignetes Aushängeschild, deshalb engagiere ich mich auch in der Kampagne gegen No Billag. Die Quote der Serie stimmt. Aber sie ist auch sehr teuer. Nur ein subventionierter Sender kann Fiktion und Late Night produzieren. Dabei geht leicht vergessen, was SRF an Sachen Information leistet. Allein die tollen Radiosendungen, die kein Privater je machen würde.

 

In zwei Tagen beginnt die sechste «Bestatter»-Staffel. Ist es die letzte?
Müller: Das wissen wir noch nicht genau.

Eine Frage der Quoten? Oder der Lust von Mike Müller?
Giacobbo: Eine Frage der Gage. Mike treibt sie immer in die Höhe. Das können sie jetzt, vor der No-Billag-Abstimmung, aber nicht kommunizieren.
Müller: Das würde das Resultat beeinflussen . . . Nein, es ist doch so: Ich glaube nicht, dass Serien ewig laufen, auch die allerbesten aus Amerika oder Dänemark werden nicht unendlich fortgesetzt. Irgendwann hat man sie einfach gesehen. Die Programmierung von «Wilder» und «Bestatter» hat übrigens nichts mit der Abstimmung zu tun. Aber es kann natürlich helfen, wenn sie gut ankommen.
Giacobbo: Wenn wir schon beim Thema No Billag sind: Ich kann durchaus verstehen, dass jemand nicht zahlen will für etwas, das er nicht braucht. Nur muss er sich dann auch Fragen nach seinem Staatsverständnis gefallen lassen.

Ob die Ablehnung eines Service Public auch für andere Bereiche gelten würde.
Giacobbo: Genau, eine Annahme der No-Billag-Initiative läuft ja letztlich darauf hinaus, dass man für alles, was der Staat liefert, separat bezahlt. Das wird teurer und komplizierter, weil das auch einen riesigen Verwaltungsaufwand erfordert. Wenn jemand sagt, ich schaue das nie, also zahle ich dafür auch nicht, muss er konsequenterweise so weit gehen, dass er auch keine Steuern mehr bezahlen will.
Müller: Wenn man diese Perspektive einnimmt, gerät man schnell in einen libertären Chic, den die neue Rechte als Lifestyle verkauft. Damit kann man kokettieren, aber es zeigt eigentlich bloss Einfalls­losigkeit.

Viktor Giacobbo, Sie haben keine Fernsehprojekte?
Müller: Sie wollen ihn nicht mehr.
Giacobbo: Ich wollte eine Jugendsendung machen.
Müller: Er wollte ein Skateboard-Magazin moderieren. Aber das SRF ruft ihn nicht mehr an.

«Giacobbo/Müller» war ­erfolgreich. Eigentlich ein tolles Format, das ein Privater nach der Annahme der No-Billag-­Initiative selbst produzieren könnte.
Giacobbo: Ach, uns hat auch schon mal ein Privater gesagt, dass er unsere Sendung sofort übernehmen würde. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der weiss, was das alles bedeutet. Ein privater Anbieter hätte uns ja auch mit unserer Unabhängigkeit übernehmen müssen. Da würde ich dann gerne einen Pietro Supino, Michael Ringier oder Peter Wanner sehen, wenn wir über sie in ihren eigenen Medien unsere Witze machen, wie wir das bei SRF getan haben.

Unabhängigkeit ist zentral für Satire.
Giacobbo: Das war unser Erfolgsrezept bei «Giacobbo/Müller». Wobei das schon beim «Spätprogramm» eine klare Abmachung mit SRF war: kein Chef, der mir sagt, was ich darf – und was nicht. Ich kenne in der Schweiz keinen anderen Medienbetrieb als die SRG, der dies seinen Satirikern je gewährt hat.

Der Ombudsmann ist bei Ihnen aber auch eingeschritten.
Giacobbo: Dauernd. Ich wurde von der Unabhängigen Beschwerdeinstanz gar wegen zwei Konzessionsverletzungen in «Viktors Spätprogramm» verurteilt. Aber wir konnten trotzdem weitermachen.
Müller: Satire im Oligarchen-TV ist einfach nicht möglich.

Ein Satireformat wie «Giacobbo/Müller» ist aber auch beim SRF nicht mehr gefragt, was gerade für Jüngere wie Dominic Deville hart ist, den man auf den späten Freitagabend verdrängt hat.
Giacobbo: Das SRF hat es verkackt. Schlicht und einfach. Vom Sendeplatz her und auch vom frühzeitigen Aufbau einer Nachfolge.
Müller: Sie hätten genug Zeit gehabt.
Giacobbo: Und wir haben auch früh genug junge Künstler oder Künstlerinnen empfohlen, die sich eignen würden. Das SRF hat jetzt ein Jahr lang gebraucht, bis es doch langsam wieder zu diesen Tipps zurückfindet, die wir ihnen schon vor drei Jahren gegeben hatten.

Welche Funktion hat Satire in unserer Gesellschaft?
Giacobbo: Nur eine: Sie soll unterhalten. Punkt. Mit dem Unterschied, dass man keine Weltflucht betreibt, sondern im Gegenteil das Weltgeschehen als Material benutzt. Ich halte es für Kitsch, wenn Satiriker sagen, sie hielten den anderen den Spiegel vor.
Müller: Es ist auch arrogant. Damit stellt man sich übers Publikum.

«Der Bundesrat, der für die Digitalisierung zuständig wäre, müsste für sich ­selber erst mal die ­Analogisierung begreifen.»
Viktor Giacobbo

Aber es freut Sie ja doch, wenn durch Satire eine gewisse politische Bildung zustande kommt?
Giacobbo: Ja, aber das soll nicht heissen, dass dann alle meiner Meinung sein müssen. Es gab mal drei Gymnasiastinnen aus Wetzikon, alle Fans von uns, die erzählten, die eine habe die Sendung zuerst schlecht gefunden. Bis ihr die anderen sagten: Du musst eben Zeitung lesen, dann verstehst du auch, um was es da geht. Am Ende habe sie begriffen, dass es diesen Ueli Maurer wirklich gibt. Das finde ich toll.

Was sorgt Sie am meisten in unserer Zeit?
Müller: Ich finde es ein Problem, dass mit den sozialen Medien so viele Bubbles entstanden sind und diese von amerikanischen Konzernen wie Facebook und Twitter kontrolliert werden, über die wir am 4. März nicht abstimmen können. Die interessieren sich auch nicht dafür, was wir in der Schweiz politisch gestalten wollen.

Sie selbst sind beide aktiv in den sozialen Medien, haben auf Twitter weit über 100’000 Follower, arbeiten also auch an der Bildung von Bubbles mit.
Müller: Natürlich blase auch ich Luft in meine Bubble. Aber ich lese auch noch Bezahlmedien wie Ihre. Und ich bin nicht der Typ, der sagt: «Mir ist alles zu viel, ich ziehe mich zurück.» Ich finde gewisse Fights auf Twitter ganz lustig.
Giacobbo: Ausserdem sehe ich an den Reaktionen auf Twitter, dass meine Bubble glücklicherweise nicht sehr dicht ist.

«Teilweise überschätzen sich die Politiker, was ihren Einfluss angeht. ­Gerade angesichts der Bubb­les und der neuen Medien.»
Mike Müller

Facebook und Twitter sind eine Realität, die unser Leben weiter bestimmen wird. Was tun?
Giacobbo: Ich weiss es nicht. Aber wenn ich mir die Politik im Alltag anschaue, bin ich grundsätzlich optimistisch. Pessimistisch bin ich nur, wenn ich mir die Welt in einigen Jahrzehnten vorstelle.

Warum?
Giacobbo: Weil ich mir denke, irgendwann einmal muss alles krachend zugrunde gehen. Sagen wir in hundert Jahren.

Glauben Sie als Kurzstrecken-Optimist, dass die No-Billag-­Initiative abgelehnt wird?
Giacobbo: Ja, aber nicht mit grossem Mehr.
Müller: Das glaube ich auch. Aber wir haben uns ja schon ein paar Mal geirrt.

Sind Sie, Mike Müller, auf Dauer auch pessimistisch?
Müller: Ja, aber das können wir uns leisten, wir sind ja keine Politiker. Politiker müssen Optimisten sein, Satiriker dürfen es nicht. Das liegt in der Natur der Sache.
Giacobbo: Wir dürfen tief pessimistisch sein, können aber immer noch einen Witz darüber machen.
Müller: Politiker dagegen müssen den Wählern etwas versprechen. Mir geht es ja nicht mal um Wahllügen, aber teilweise überschätzen sich diese Leute, was ihren Einfluss angeht. Gerade angesichts der Bubb­les und der neuen Medien.
Giacobbo: Auch bei der Digitalisierung. Der Bundesrat, der für sie zuständig wäre, müsste für sich selber erst mal die Analogisierung begreifen.

Mike Müller, Sie touren mit dem Stück «Heute Gemeindeversammlung» durchs Land. Hat das Ihren Blick verändert?
Müller: Ich habe gelernt, dass in der SVP der Unterschied zwischen Stadt und Land noch grösser ist, als ich angenommen hatte. Viele Gemeindepräsidenten, mit denen ich nach der Aufführung spreche, sagen mir: «Sie, wir bei uns haben im Fall nichts mit denen zu tun, die Sie meinen. Wir haben Ausländer im Dorf, aber es geht trotzdem gut.»
Giacobbo: Beim Drehen meines Dokfilms «Der grosse Kanton» in Deutschland habe ich gelernt, wie wichtig die Direkte Demokratie ist. Das klingt jetzt vielleicht etwas ­seltsam.

Auch etwas rührselig.
Giacobbo: Ja, aber bei den Gesprächen mit Deutschen, darunter grossen Namen wie Frank-Walter Steinmeier, Joschka Fischer und Gregor Gysi, haben die schon gesagt: Wenn wir ein Land wie die Schweiz wären, könnten wir zum Beispiel den Bau unseres Berliner Flughafenprojekts so vorantreiben, wie ihr den Gotthard gemacht habt. Nämlich mit einer Volksabstimmung, die dem Gemeinschaftsprojekt erst die notwendige Klarheit und Durchsetzung ermöglicht. Und irgendwie merkt man es ja jetzt auch bei der No-Billag-Abstimmung, wie wichtig der Zusammenhalt wäre. Die Schweiz ist ja nicht nur ein Volk von Hedonisten.

Sondern auch eine ­Willensnation.
Giacobbo: Ich wollte diesen Begriff eigentlich vermeiden. Aber klar, die Schweiz wird nicht nur vom Föderalismus und der Direkten Demokratie bestimmt. Sie wird auch von einem gemeinsamen Willen zusammengehalten.

Das klingt jetzt wie ein Wort zum Silvester.
Giacobbo: Ja, tut mir leid, dass ich die Neujahrsansprache des Bundesrats vorwegnehme. Aber ich denke, Alain Berset wird das noch etwas brillanter formulieren.
Müller: Ich fand das jetzt schon ein wenig peinlich.

Dann halten Sie uns keine Neujahrsansprache?
Müller: Mir ist die Stimmung gerade verreist.
Giacobbo: Gib doch zu, du warst gerührt! Du hast Tränen abgetupft.

«Das Schweizer Fernsehen hat es verkackt»

31. Dezember 2017, SonntagsZeitung, von Andreas Tobler und Matthias Lerf

Viktor Giacobbo und Mike Müller über die schwierige Suche nach ihren Nachfolgern, die Auferstehung von «Giacobbo/Müller» auf der Bühne und […]

Vor drei Monaten sagte Viktor Giacobbo (65) dem SRF adieu. Doch langweilig ist es dem Neu-Rentner nicht. Der Satiriker plant eine Bühnentour und einen Kinofilm.

 

Viktor Giacobbo scheint tiefenentspannt. «Meine Neigung zur Faulheit kann ich nun besser strukturieren», sagt der 65-Jährige drei Monate nach Ende von «Giacobbo/Müller». «Obwohl ich momentan fast mehr arbeite als früher.» Die «Schweiz am Wochenende» trifft ihn in seiner Heimatstadt Winterthur im Casinotheater. Er spricht über «saudumme» Erdogan-Plakate, einen Egomanen aus den USA und den Schweizer Comedy-Nachwuchs.

Herr Giacobbo, wenn Sie morgen Sonntag auf Sendung gehen könnten, worüber würden Sie sich lustig machen?

Viktor Giacobbo: Das Schöne ist, dass ich mir darüber null Gedanken machen muss. Aber wenn Sie darauf bestehen: vermutlich über die Comedy-Woche auf SRF 3, die peinliche Femen-Parodie der Juso und natürlich über Donald Trump. Der liefert schön pünktlich neues Material, nur wird es langsam langweilig.

Ein bisschen schmerzen muss es doch: Sonntag 22.15 Uhr, aber kein «Giacobbo/Müller».

Ich sitze nicht dröge auf dem Sofa und denke, jetzt würden wir gleich auf Sendung gehen. Es freut mich, wenn mich Leute darauf ansprechen oder auf Twitter schreiben, dass sie «Giacobbo/Müller» vermissen, aber auch drei Monate danach bin ich immer noch der Meinung, es war die richtige Entscheidung, der perfekte Zeitpunkt.

Wäre mit Trump, Erdogan oder dem Brexit nicht vielmehr jetzt der beste Zeitpunkt für Satire?

Unter diesem Gesichtspunkt hätten wir nie aufhören können. Satire ist das nachhaltigste Business der Welt. Es gibt immer neue Peinlichkeiten und Sauereien, neue Figuren.

Welche Ihrer Figuren hätten Donald Trump gewählt?

Harry Hasler und Debbie Mötteli, also die beiden, die nicht gerade die Hellsten sind und trotzdem über ein starkes Ego verfügen. Und vielleicht Ueli Maurer, er ist ja eine Figur von mir, auch wenn er das bestreiten mag. Zumindest besitze ich die Bildrechte an seinem Gesicht.

Sie kennen sich mit Provokationen aus: Geht das Kill-Erdogan-Plakat der Berner Demonstranten zu weit?

Nein, aber das Plakat ist einfach nur saudumm. Das ist wie bei der Satire: Man kann zwar so weit gehen, wie man will, man muss sich aber im Klaren sein, was man damit auslöst. Wenn diese Dummköpfe ein solches Plakat zeigen, aber nicht merken, dass sie damit nicht der Opposition, sondern nur Erdogan helfen, dann ist denen nicht zu helfen. Sie finden sich dabei selbst toll und sind von der eigenen Radikalität beeindruckt. Aus politisch-taktischer Überlegung war das Plakat ein Rohrkrepierer.

Sie haben Ihre Provokationen auch nie politisch-taktisch abgewogen.

Nein, aber ich bin Satire-Macher, kein Demonstrant. Unser einziger Massstab bei Giacobbo/Müller war immer, ob es die Leute lustig finden. Okay, stimmt nicht ganz. Der Massstab war, ob wir zwei es lustig finden, nur das zählt, anders kann man keine Komik machen.

Unfreiwillige Komik liefern heute oft die Politiker. Wird die Politik gerade kabarettistisch?

Nein, den alltäglichen Nonsens von tragisch bis lustig, von tödlich bis lustvoll hat es immer gegeben. Nur ist heute alles sehr viel schneller. Die sozialen Medien verbreiten alles in wenigen Stunden, auch die komödiantische Seite eines Ereignisses. Aber das ist gut so. Heute kann man nicht einfach auf Trump verweisen und meinen, man erntet Lacher. Man muss deutlich mehr bieten. Darin sind die Amerikaner gut – nicht besser als die Schweizer – aber eben näher dran.

Welchem Satiriker schauen Sie gerne zu?

Grossartig war natürlich Melissa McCarthy, als sie Sean Spicer (Sprecher des Weissen Hauses, Anm. d. Red.) imitierte. Mein Favorit ist aber Bill Maher. Er pflegt die Debatte mit Gästen, muss daher auch mal improvisieren, etwas das wir auch gerne gemacht haben. Natürlich finde ich auch andere US-Satiresendungen wie von John Oliver oder Trevor Noah toll, auch wenn sie komplett gescripted sind.

Was war die schlimmste Konsequenz, die Sie je wegen eines Witzes aushalten mussten?

Ins Gefängnis muss hier glücklicherweise niemand. Bei uns gab es immer wieder Shitstorms, und wir verantworten zwei Konzessionsverletzungen, aber noch zu Zeiten von «Viktors Spätprogramm».

Und viele Meldungen bei der Ombudsstelle.

Ja, aber darauf haben wir es nicht angelegt. Die nachfolgende Empörung ist kein Massstab. Man kann wunderbar frech sein, was aber nicht unbedingt das Gleiche ist wie lustig.

Ist Jan Böhmermann frech und lustig oder einfach nur frech?

Bei ihm wechselt es sich ab. Manchmal ist er nur frech. Dann ist es reine Pose. Dagegen ist aber kein Komiker gefeit – wir auch nicht.

Wenn heute junge Menschen ihre News oft aus Satiresendungen beziehen…

…Moment, das bezweifle ich. Irgendwann zu Zeiten von Jon Stewart wurde das behauptet, dann immer wiederholt, aber nie bewiesen. Eine Satiresendung kann man gar nicht lustig finden, wenn man nicht über die aktuelle Nachrichtenlage informiert ist.

Die Sendungen machen ja nicht nur Witze, sie setzen mit echten Nachrichten den Kontext, um sich darüber lustig zu machen.

Da stimme ich zum Teil zu, aber es schalten fast nur Leute ein, die sich ohnehin für Politik interessieren. Das junge Satirepublikum informiert sich schon vorher über die Ereignisse, auf welchem Kanal auch immer.

Ein wachsendes Problem sind Fake News, die sich heute ebenfalls schnell über die sozialen Medien verbreiten. Ist das gefährlich?

Es ist vor allem deshalb gefährlich, weil der mächtigste Mann der Welt alles, was ihm nicht passt, als Fälschung deklariert. Und er tut das so oft, dass ihm seine Anhänger mit der Zeit vermutlich glauben. Wenn er nur lange genug sagt, Obama habe ihn bespitzelt, bleibt auch etwas hängen. Aber viel schlimmer ist doch, dass Trump nur piep twittern muss, und schon setzt er damit weltweit die Schlagzeilen. Seine Tweets haben mich eine Zeit lang amüsiert, aber ich followe ihm nicht mehr. Ich mag dieses Grosskotzige eines ahnungslosen Egomanen einfach nicht mehr lesen.

Machen die Medien einen Fehler, wenn sie oft über Trump berichten?

Ja, dieser Klick-orientierte Journalismus nervt mich. Da geht es längst nicht mehr um die Sache. Schauen Sie sich nur die Schlagzeilen an. Da werden Titel gesetzt, die nur noch entfernt mit dem Inhalt zu tun haben, Hauptsache, es klickt jemand drauf.

Dann warten Sie mal den Titel dieses Interviews ab.

(lacht) Ja genau, wahrscheinlich: «Viktor Giacobbos neue Freundin nackt».

Haben Sie eine neue Freundin?

(lacht und schweigt)

Dann eine andere Frage: Sie teilen oft gegen Journalisten aus. Sind Sie empfindlich?

Nein, ich gebe einfach gerne zurück, nur sind sich Journalisten das nicht gewohnt. Ich bin nicht empfindlich, ich liebe einfach den Streit. Ausserdem war Medienkritik immer ein wichtiges Thema in unserer Sendung.

Heute – nach Ende der Show – schwingt oft Wehmut in der Berichterstattung mit. Keine Sendung komme an «Giacobbo/Müller» heran. Früher hagelte es Kritik. Überrascht Sie das?

Nicht wirklich, das habe ich nach «Viktors Spätprogramm» bereits erlebt. Auf einmal kommt Lob von Leuten, die einen früher das Letzte fanden. Auch auf der Strasse werden wir oft angesprochen, ich sage dann aber: Gebt den Neuen erst mal eine Chance.

Wen meinen Sie? Dominic Deville?

Sein viraler Hit «Switzerland Second» war grossartig, der beste «Second-Film» unter vielen Ländern. Von wegen Schweizer Satiriker sind schlechter! Deville und seine klasse Crew sind auf einem guten Weg. Das SRF könnte ihn ruhig ein bisschen mehr unterstützen und ab und zu einen Trailer schalten.

Schawinski bekommt viele Trailer.

Wohl weil er als Comedian noch nicht so etabliert ist. Nein, man hätte Deville unseren Sendeplatz geben sollen.

Fehlte dem SRF der Mut?

Das müssen Sie diejenigen fragen, die das entschieden haben.

Die junge Schweizer Satirikerin Hazel Brugger ist lieber bei der deutschen Konkurrenz tätig. Das SRF hat es offensichtlich versäumt, ihr eine Plattform zu geben.

Ich verstehe nicht, weshalb beim Thema Satire immer auf das SRF gestarrt wird, notabene von Medien, die ich fragen muss: Wo findet denn bitte bei Tele Züri die grosse Satiresendung statt? Wo findet die respektlose, freche Satire bei Tamedia oder Ringier statt, wo man sich getraut, die eigenen Inserenten, Sponsoren und Chefs zu verarschen, so wie wir es beim SRF tun konnten?

Das SRF hat die grösseren finanziellen Mittel.

Sorry, aber «Giacobbo/Müller» war nicht wahnsinnig teuer. Und es gibt nicht nur Hazel, die by the way sehr wohl vom SRF angefragt worden ist – aber sie hatte keine Lust. Sie hat den Hype verdient, denn sie ist toll. Sie trat mit 17 Jahren hier im Casinotheater auf. Danach lud ich sie in die Sendung ein.

Und dann?

Nach den ersten beiden Auftritten hat das niemanden interessiert, obwohl sie schon damals brillant war. Aber uuuh, eine Schweizerin ist im deutschen Fernsehen! Egal in welcher Kunstform: Wenn ein Schweizer im Ausland Erfolg hat, reagieren viele mit einer kruden Mischung aus Selbstbeweihräucherung und Selbstkasteiung.

Das scheint Sie sehr zu stören.

Ja, weil es neben den bereits Etablierten so viele Talente hier gibt. Renato Kaiser, Lara Stoll, Joël von Mutzenbecher, Patti Basler. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Am Mittwoch trat Daniel Ziegler vor vollem Haus bei uns auf. Aber kein einziger Medienvertreter war anwesend.

Weshalb?

Weil ihr alle auf Hazel Brugger starrt und aufs SRF.

Und auf Trump.

Und Trump! Aber o.k., da starren alle hin, ich auch.

Was ist Ihr Rat an die junge Comedy-Generation?

Das zu tun, auf das sie Lust haben. Sich nicht dem Publikum anpassen und sich von niemandem sagen lassen, was sie dürfen und nicht dürfen.

Inwiefern würde eine Annahme der No-Billag-Initiative das SRF als Bühne für die Kleinkunst schwächen?

Das SRF macht viel für die Satire- und die Kleinkunstszene. Insofern fehlte ihr zwischenzeitlich eine Plattform seit dem Ende unserer Sendung. Deville führt dies aber nun auch immer mehr ein. Michel Gammenthaler auch. Offenbar kann das die SRG besser als die Privaten. Das Problem ist einfach, dass diese Sendungen lange Pausen haben. Deville geht erst im Oktober wieder los.

Ein Fehler?

Deville könnte nun von seiner Bekanntheit durch das Switzerland-Second-Video profitieren. Wieso platziert man eine Marke erfolgreich, um sie dann wieder ein halbes Jahr vom Markt zu nehmen? Mike und ich konnten von Anfang an voll loslegen.

Weil Sie und Mike Müller bereits etabliert waren.

Klar, aber auch wir waren nicht unumstritten. Die gleichen Leute, die uns jetzt vermissen, sagten uns damals «Eure Show wird keinen Erfolg haben».

Da wir von Mike Müller sprechen: Vermissen Sie ihn manchmal?

Nein, ich habe ihn ja nie verloren, und er mich auch nicht.

Worüber sprechen Sie denn heute miteinander?

Über das, was wir gesehen, gehört oder gelesen haben. Worüber Freunde halt so sprechen. Und wir haben ja auch mindestens ein gemeinsames Projekt. Das wird in ziemlich genau einem Jahr Premiere feiern und «Giacobbo/Müller on Therapy Tour» heissen. Wir spielen drei Wochen im Casinotheater und gehen dann auf Tour. Dani Ziegler und Dominique Müller werden auch dabei sein.

Sie haben auch einen neuen, humoristischen Dokumentarfilm im Stil von «Der grosse Kanton» angekündigt. Worum geht es?

Das ist so. Aber der Dokumentarfilm, quasi eine «Mockumentary», muss nun noch etwas warten, da ich zuerst an einem Spielfilm arbeite, den ich zusammen mit Domenico Blass schreibe.

Wie wärs mit einer Vorschau?

Es ist eine Schweizer Politkomödie, die mit dem Ausland zu tun hat, aber nicht mit Kuba wie in «Ernstfall in Havanna», sondern mit Schweden. Es geht um Rüstungslieferungen, Schweizer Lobbyismus und Regierungsmitglieder im Knatsch mit den Medien.

Gripen – der Film!

Es ist an die Gripen-Thematik angelehnt, hat aber nichts direkt damit zu tun. (schmunzelt)

Wie gross ist das Budget?

Keine Ahnung, darum kümmert sich unsere Produzentin Ruth Waldburger. Ganz billig wird es sicher nicht, da wir auch in Schweden drehen müssen. Aber das filmische Exposé steht bereits.

Dabei wurden Sie im Februar 65, könnten die AHV-Rente geniessen.

Ja, aber momentan arbeite ich fast mehr als früher. Immerhin kann ich ohne Deadline am Sonntag meine Neigung zur Faulheit besser strukturieren.

Welche Vorzüge geniessen Sie sonst noch? AHV-Reduktionen beim Kinoeintritt?

Bis jetzt noch nie, aber das ist eine gute Idee, stimmt!

Beim Casinotheater gibts das nicht?

Nein, wir haben nur für Studenten und Lehrlinge Rabatte, aber nicht für die reichen Alten. Die zocken wir ab! (lacht).

 

Der Dauerbrenner

Fast neun Jahre waren Viktor Giacobbo (65) und Mike Müller mit ihrer Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» auf Sendung. Über 400000 Zuschauer verfolgten jeweils die Sprüche der beiden Satiriker im Schweizer Fernsehen. Davor flimmerte Giacobbo bereits jahrelang mit den Satiresendungen «Viktors Programm» (1990– 1994) und «Viktors Spätprogramm» (1995–2002) über den Sender. Zu seinem Repertoire zählt aber nicht nur TV. So war er 2006 als Gaststar mit dem Schweizer National-Circus Knie auf Tournee. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Salzburger Stier (1991). Giacobbo ist Mitbegründer und Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur. Bald geht er mit «Giacobbo/Müller on Therapy Tour» auf die Schweizer Bühnen.

 

«Es gibt immer neue Peinlichkeiten und Sauereien»

1. April 2017, Schweiz am Wochenende, von Benjamin Weinmann, von Yannick Nock

Vor drei Monaten sagte Viktor Giacobbo (65) dem SRF adieu. Doch langweilig ist es dem Neu-Rentner nicht. Der Satiriker plant […]

Wie weiter mit der politischen Satire in der Schweiz nach dem Aus von «Giacobbo/Müller»? Talente gäbe es genug. Nur fehlt dem SRF der Mut, auf sie zu setzen.

Am Abschiedsabend von «Giacobbo/Müller» sass die Kulturintelligenz der Schweiz im Zürcher Kaufleuten und lachte über Scherze, die genau das waren: Scherze. Nicht besonders beissend, nicht besonders böse, eher bieder als bitter. Es war die letzte Wiederholung eines wohligen Rituals. Viktor Giacobbo und Mike Müller machten Satire für alle. Ihre Sendung war eine der letzten im Schweizer TV, die dieses Lagerfeuer­gefühl wie früher «Wetten, dass …?» oder «Benissimo» vermittelten. Eine Sendung, die jeder schaut, und selbst wenn man sie nicht schaut, hat man zumindest eine Meinung dazu.

Das allein war schon eine Leistung. Eine zweite, unterschätzte, war die grosse Bühne, welche die Sendung für Talente darstellte. Giacobbo und Müller betrieben genau die Nachwuchsförderung, die man beim Schweizer Fernsehen seit Jahrzehnten vernachlässigt. Und so ist das Ende von «Giacobbo/Müller» doppelt bitter: Ab sofort findet keine politische Satire mehr statt, weil jene ­Talente, die erst durch die zwei SRF-Haussatiriker einem breiten Publikum bekannt gemacht wurden, nicht jene ­Lücke füllen dürfen, die das Aus von «Giacobbo/Müller» hinterlässt. So viel Talent. Und so wenig Platz.

«Wir müssen aufhören, uns immer zu fragen, was das SRF für uns machen soll», sagt Renato Kaiser, «und es einfach selber tun!» Kaiser ist eines dieser Talente, ein Slampoet wie viele der hochbegabten jungen Satiriker, und schon seit Jahren zumindest eine feste Kleinkunstgrösse. Der 31-jährige Ostschweizer hat – lange, bevor in hiesigen Zeitungen das Fehlen eines echten Schweizer Politkabaretts beklagt und sehnsüchtig in die Romandie und nach Deutschland/Österreich/Amerika geblickt wurde – mit einem 20-minütigen Video bewiesen, dass es eben doch geht. Dass man kein zerfressenes politisches System wie in den USA haben muss, um jene Art von investigativ-böser Satire zu schaffen, für die ein John Oliver in der Schweiz so geliebt wird.

Im Video redet Kaiser über die Sozialhilfe und bringt das sperrige Thema auf eine Art und Weise auf den Punkt, dass man sich während der gesamten 20 Minuten fragt: Warum hat das noch niemand vorher gemacht? Die Einseitigkeit der Medien, die sich widersprechenden Forderungen der Politik, das absurde Verhalten der Gemeinden: Kaiser streift viele einzelne Aspekte und verdichtet sie zu einem klaren Bild. Er ist schnell und doch präzise, er verwebt Statistiken und lässt Betroffene zu Wort kommen. Eigentlich macht er Journalismus – einfach in lustig.

So viral, wie es geht

Das Video entstand im Auftrag der Hochschule für Soziale Arbeit in St. Gallen und war auch ein Test. Funktioniert so etwas in der Schweiz? Ist das Publikum gewillt, länger als die zwei, drei Minuten aufzubringen, die es für eines der normalen Videos von Kaiser braucht? «All die Leute, die vorher immer gesagt haben, das gehe nicht, haben es wohl noch nicht ausprobiert», sagt Kaiser, der von der Resonanz auf das Video selber überrascht war. Über 160’000-mal wurde es auf Facebook aufgerufen, für Schweizer Verhältnisse ist das so viral, wie es nur geht. Kaiser arbeitet nun an einem ausgebauten Konzept und trifft sich in diesen Tagen mit verschiedenen Interessenten. In der Schweiz gebe es viele Themen, die sich auf diese Weise einem breiteren Publikum präsentieren liessen.

Comedian Michael Elsener war regelmässig Gast bei «Giacobbo/Müller» und versucht, der politischen Satire in der Schweiz auf eine ähnliche Weise wie Renato Kaiser eine neue Sinnhaftigkeit zu verleihen. Seit einem Jahr veröffentlicht der 31-Jährige auf seinem Youtube-Kanal «Comedy Essays», in denen er das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP, Lobbyismus oder das populistische Phänomen zu ergründen sucht. «Alles Themen, die ein breiteres und jüngeres Publikum verdienten», sagt Elsener. In einer Zeit, in der die Nachrichten pausenlos auf einen einprasselten, brauche es Autoren, Feuilletonisten oder eben Comedians, die einen Schritt zurück machten und versuchten, das grosse Bild zu zeichnen. «Ohne politische Satire ist unsere aktuelle Zeit nur schwer auszuhalten.»

Kaiser und Elsener sind nicht die einzigen jungen Schweizer, die nach dem Aus von «Giacobbo/Müller» politische Satire machen. Da sind ausserdem: der nach wie vor zu wenig bekannte Gabriel Vetter, ein Ausnahmetalent auf vielen Kanälen mit aktuellem Stand-up-Programm; Lara Stoll, die experimentierfreudiges, sehr politisches und sehr böses Halbfernsehen macht; Laurin Buser, der schlaue Texte schreibt und neu auch Theater macht. Nils Althaus ist mit seinem vierten Soloprogramm unterwegs. Satire sei wie die Zeugen Jehovas, sagt er darin: Sie müsse ein wenig nerven. Und Hazel Brugger ist schon fast zu gross für die Schweiz und dabei, in Deutschland zur Marke zu werden.

Sie alle stehen für eine neue Art von Schweizer Satire. Die hat nichts mehr mit dem muffigen, sozialdemokratischen Politkabarett der 70er-Jahre zu tun. Sie ist böser, schwärzer, mehr ­Nische als Mainstream – und darum vielleicht auch gar nicht fürs Schweizer Fernsehen übersetzbar. Auf jeden Fall nicht im Hauptabendprogramm. In Deutschland versuchen ARD und ZDF seit vergangenem Herbst, das dortige Potenzial von Slam-Poeten, Youtubern und Videobloggern mit einer eigenen Plattform im Internet abzuholen. «Funk» heisst das Projekt und zielt auf jene junge Publikumsschicht, die sich schon lange vom linearen Fernsehen verabschiedet hat.

Ein Klima der Angst

Wahrscheinlich ist sogar ein solches Projekt fürs Schweizer Fernsehen zu heikel. Man darf die Auswirkungen, welche die nur hauchdünn gewonnene Abstimmung über das neue Radio- und TV-Gesetz im Sommer 2015 hatte, nicht unterschätzen. Ebenso wenig die nun anrollende Service-public-Debatte und die «No Billag»-Initiative. In ganz anderem Ausmass als früher ist das Schweizer Fernsehen auf Ausgewogenheit bedacht. In einem solchen Klima hat es alles schwer, was potenziell für Irritationen sorgen könnte.

Aber die Frage darf man sich schon stellen: Ist es nicht eine falsche Vorstellung, mit seinen Sendungen immer das breitestmögliche Publikum abholen zu müssen? Sollte ein Sender, gerade wenn er angeblich dem Service public verpflichtet ist, nicht auch etwas wagen? Auch mal unbequem sein? Selbst wenn das bedeutet, für einmal nicht allen zu gefallen.

Die Überwindung der Biederkeit

31. Dezember 2016, Tages-Anzeiger, von Philipp Loser

Wie weiter mit der politischen Satire in der Schweiz nach dem Aus von «Giacobbo/Müller»? Talente gäbe es genug. Nur fehlt […]

Die Satiresendung ist zu Ende, aber Viktor Giacobbo und Mike Müller bleiben dem Publikum auf Bühne, Bildschirm und Leinwand erhalten. Ein Gespräch über Freundschaft, Filterblasen, Missen und das satirische Potenzial von Rechtspopulisten. Denn: «Wir haben mit Trump verabredet, dass wir aufhören, falls Trump gewinnt».

Mike Müller und Viktor Giacobbo, 2016 ist zu Ende und damit auch Ihre gemeinsame Satiresendung «Giacobbo/Müller». Werden Sie die regelmässige Zusammenarbeit vermissen?

Viktor Giacobbo: Ich denke nicht, wir sind ja gute Freunde und haben bereits gemeinsame Pläne für die Zukunft. Für die ist es vielleicht sogar befruchtend, wenn wir mal für eine Weile nicht jede Woche neue Ideen aushecken müssen.
Mike Müller: Genau. Jeweils am Ende einer Staffel waren wir schliesslich ganz froh, wenn wir mal zwei, drei Tage nicht miteinander telefonieren mussten…

Giacobbo: …wenn nicht sogar vier oder fünf…

Müller: …dann hatten wir aber Streit, weil es so lange gedauert hat…

Giacobbo: …mehr als acht Tage waren es jedenfalls nie.

Macht es die Zusammenarbeit leichter oder schwieriger, wenn man so gut befreundet ist? Kann man sich eher mal sagen, wenn man etwas vom anderen nicht so witzig findet?

Giacobbo: Wir haben die Kritik institutionalisiert. Es war immer klar, dass man dem anderen sagen konnte, wenn man etwas nicht so gut fand, dann wurde diskutiert. Und wenn das nichts brachte, gab es ein Vetorecht, und die Idee kam nicht in die Sendung.

Kam das öfters vor?

Giacobbo: Nicht häufig, aber es kam vor.

Müller: Während der Sendung selbst nützte es uns enorm, dass wir uns so gut kennen. Da mussten wir manchmal spontan und schnell Entscheidungen treffen, und das konnte jeder von uns quasi blind – im Wissen, dass der andere genau gleich entschieden hätte. Wir sahen einander auch immer an, wenn der andere einen Hänger hatte und konnten schnell einspringen.

Giacobbo: Auch wenn der gerade an etwas anderes dachte, zum Beispiel an den Kühlschrank zu Hause.

Müller: Und das war dann nicht immer nur ich!

Giacobbo: Überhaupt nicht, das hat auch niemand behauptet…

Müller: Doch, doch, das ist wieder typisch, wir sind noch keine fünf Minuten hier und schon…

Giacobbo: …jetzt fühlt er sich gleich wieder angegriffen…

Das Zusammenspiel läuft offensichtlich prima…

Giacobbo: Genau. Es gibt in der Branche natürlich viele talentierte Kolleginnen und Kollegen, aber das gemeinsame Improvisieren funktioniert nicht mit jedem.

Müller: Wir kennen uns ja auch schon lange. Ich bin über «Viktors Spätprogramm» quasi schleichend in die Branche reingekommen…

Giacobbo: …ein blutjunger Newcomer war er. Eigentlich wollte er Schlosser werden, aber ich sagte, nein, werde Kabarettist.

Müller: Er hat mich als Verdingbub aus einem Kohlebergwerk gerettet. Jedenfalls entstand aus der Zusammenarbeit nach und nach eine berufliche Freundschaft und später auch eine persönliche. Mit vielen arbeitet man zusammen, ohne dass eine Freundschaft entsteht. Bei uns hingegen wuchs die Liebe sehr stark über die Jahre.

Giacobbo: Wir haben auch intensiv daran gearbeitet…

Müller: …und wir planen jetzt ein Buch darüber zu schreiben…

Giacobbo: …über Paarberatung. Es hilft auf jeden Fall, wenn man mit der Zeit die Macken des anderen kennt, sympathische wie schwierige.

Wie häufig haben sich Leute bei Ihnen über Beiträge in der Sendung beklagt oder offiziell den SRF-Ombudsmann angerufen?

Müller: Es kam schon regelmässig vor. Wir bekamen dann jeweils eine Kopie des Berichts vom Ombudsmann. In der Regel waren es fundamental-katholische Kreise oder Leute rechts der SVP.

Giacobbo: Oder Minoritätenkreise auf linker Seite.

Und fanden Sie jemals: Hm, doch, das war vielleicht ein bisschen zu heftig?

Giacobbo: Grundsätzlich finden wir es verständlich, dass sich jemand daran stört, wenn wir Witze über ihn machen. Und es kam durchaus vor, dass wir im Nachhinein unzufrieden mit uns waren. Nicht weil wir zu weit gegangen, sondern weil wir zu ungenau waren.

Müller: Wenn man geschludert hat, muss man das auch eingestehen können. Die Schweiz ist in diesen Dingen aber zum Glück sehr liberal, Satiriker geniessen grosse Freiheiten.

Letzten Frühling hat die Trans-Community sich medienwirksam über einen Beitrag beklagt – wie beurteilen Sie die Sache nun mit etwas Abstand?

Giacobbo: Wir betonen immer, dass wir mit dem Beitrag nicht auf Transmenschen gezielt haben, sondern auf die SP-Frauen, die ihren Namen neu mit einem * ergänzten, um ihre Offenheit gegenüber Transmenschen zu signalisieren. Dabei verwendeten wir ein paar zu saloppe Ausdrücke, wie wir danach auch selbst fanden.

Müller: Was wir aber auch korrigiert haben.
Giacobbo: Jedenfalls gab es ein kleines Shitstörmli, weil diese Community sehr gut vernetzt ist; es meldeten sich aber auch einige von ihnen, die fanden, sie hätten schon auch lachen müssen. In einer späteren Sendung hatten wir dann eine tolle Transfrau als Gast, die sich mit viel Humor gut geschlagen hat.

Müller: Und die das Sternchen einigermassen bescheuert findet.

Giacobbo: Wir fanden es darüber hinaus bemerkenswert, dass etwas anderes offenbar niemandem aufgefallen ist: Diese Minderheit scheint lediglich bei den SP-Frauen willkommen zu sein. Würde die Partei Transmenschen richtig ernst nehmen, müsste sie doch den Hauptnamen mit einem Sternchen schmücken, also SP*, nicht?

Der Sender, für den Sie neun Jahre gearbeitet haben, steht politisch unter Druck. Wie erleben Sie das?

Giacobbo: Mike, sag doch da mal was Gutes.

Müller: Dafür brauchen wir dann aber schon zwei Stunden… Interessant ist ja, dass ausgerechnet die Zeitungsverleger, die sich zunehmend auf Autoverkaufsanzeigen im Internet verlegen, so eifrig gegen die SRG schiessen. Aber schon klar, der Sender muss sich überlegen, wie er sich im Zeitalter der Digitalisierung positionieren und verändern muss. Wir hatten eigentlich nie den Eindruck, dass wir bei einem Sender arbeiten, der mit Geld um sich wirft – das gilt übrigens auch für «Der Bestatter», der trotz Schweizer Löhnen 10 bis 20 Prozent günstiger produziert wird als vergleichbare Formate in Deutschland.

Giacobbo: Auch publizistisch kann man die SRG gut in Schutz nehmen: Der Sender ist politisch nun wirklich ausgewogen. Es klagen immer regelmässig beide Seiten, die Beiträge seien zu einseitig – solange das der Fall ist, macht man dort definitiv etwas richtig. Und wir konnten eh immer tun, was wir wollten, sogar unsere eigenen Chefs namentlich kritisieren. Ich kenne keinen anderen Medienbetrieb in der Schweiz, der so liberal ist, ganz sicher nicht Ringier, Tamedia, NZZ oder die Wanner Medien.

Wie informieren Sie sich?

Giacobbo: Ich lese die wichtigsten Schweizer Tageszeitungen, zusätzlich noch elektronisch den britischen «Guardian», die «New York Times», den «Spiegel», ich schaue auch TV-Newssendungen.

Müller: Das gehört ein Stück weit zum Job, ich lese zusätzlich noch «Die Zeit» und höre auch gerne die Informations- und Talkssendungen von Radio SRF.

Giacobbo: Das Schöne ist, dass sich hier persönliche Interessen und Arbeit praktisch komplett überschneiden.

Müller: Man kann seine Newsjunkie-Beschäftigung immer als Arbeit rechtfertigen.

Der Medienkonsument hält ja vermehrt nur noch das für wahr, was dem eigenen Weltbild entspricht – der Rest ist «Lügenpresse». Erleben Sie das auch so?

Giacobbo: Ein bisschen macht das ja jeder. Mich interessiert aber schon, was die «Weltwoche» findet oder Erdogan oder Trump. Die Tendenz zu Filterblasen und zu fake news finde ich aber tatsächlich erschreckend.

Müller: Wir sind natürlich auch ältere, konservative Mitgenossen und zahlen noch für unsere Medien. Klar bin ich auch auf Facebook, käme aber nie auf die Idee, mich ausschliesslich darüber zu informieren, das wäre mir viel zu einseitig. Ausserdem gibt es noch immer Medienmarken, die für etwas stehen, auch wenn der Print unter Druck steht und die Qualität teilweise sinkt. Aber selbst, wenn man sich so informiert, wie wir das tun, muss man aufpassen, dass man nicht in einer Blase landet. Die elektronischen Medien haben dieses Risiko erhöht.

Linke und Liberale befanden sich wohl 2016 in einer solchen Blase – die meisten wurden vom Brexit und Doland Trumps Wahlsieg völlig überrascht. Satiriker wiederum dürfen sich auf eine Menge fantastisches Material freuen. Wie blicken Sie als linksliberale Satiriker auf das Jahr zurück?

Giacobbo: Klar sind Leute wie Trump für uns attraktiv. Auch ich lese jede Nachricht darüber, welche furchtbare Figur er nun wieder in sein Kabinett geholt hat. Auf der anderen Seite empfinde ich die politische Entwicklung als wirklich bedenklich. Wir stammen noch aus einer Zeit, in der man sich links oder rechts einordnete, aber diese Kategorien verlieren zunehmend an Bedeutung. Ich kann auch mich selbst nicht mehr so leicht wie früher der einen oder andern Seite zuschlagen. Populismus kommt von ganz links genauso wie von ganz rechts, und der Kampf um den Büezer ist voll entbrannt, obwohl es von denen gar nicht mehr so viele gibt.

Müller: Man sagt ja immer, dass krasse Zeiten oder ein gemeinsamer starker Gegner gut sind für die Satire. Und das stimmt natürlich auch. Andererseits muss man auch gestehen, dass einem bei jemandem wie Trump nach zwei, drei Monaten dann auch nicht mehr so viel Neues einfällt. Man kann sich nicht ewig über ihn lustig machen.

Und in der Schweiz? Man könnte ja argumentieren, dass wir mit der rechtspopulistischen Erweckung schon reichlich Erfahrung haben, die nun andere Länder erfasst und erschreckt.

Giacobbo: Da gibt es schon Unterschiede. Die SVP ist in der Schweiz ziemlich gut in die Institutionen eingebunden, auch wenn sie immer wieder mal verbal randaliert. Die Partei hat bei uns einiges absorbiert, was in anderen Ländern nun Gefahr läuft, ausser Kontrolle zu geraten.

Müller: Das hat sie selbst ja auch immer betont.

Giacobbo: Hinzu kommt, dass wir mit der direkten Demokratie ein grosses Korrektiv haben. Es kann sich einfach nicht so viel aufstauen, wie in Ländern, wo grosse Bevölkerungsschichten nur geringe Mitsprache haben.

Müller: Und die SVP ist Teil der Elite dieses Landes, auch wenn sie das bestreitet. Sie hat zwei Sitze in der Regierung, stellt 30 Prozent der Richter. Das ist schon ganz anders als bei der FPÖ oder Marine Le Pen. Immerhin lässt sich sagen: In ganz Europa sind derzeit nationalistische Tendenzen im Aufwind, von daher sind wir gute Durchschnittseuropäer.

Aber es ist schon ein ungünstiger Moment, um Ihre Sendung zu beenden, oder? Es gäbe soviel Material.

Müller: Wir haben mit Trump verabredet, dass wir aufhören, falls er gewinnt…

Giacobbo: Es gibt nie schlechte Zeiten für die Satire. Es passiert immer etwas, das man verwerten kann.

Fällt es leichter, solche Entwicklungen mit Humor zu nehmen, wenn man Komiker ist?

Giacobbo: Humor hilft in jeder Lebenslage, auch um sich und seine Situation objektiver zu sehen, quasi von aussen. Das ist häufig eine Erleichterung.

Müller: Als Komiker nimmt man sich vielleicht nicht so ernst, aber man wird nicht zwingend vom Pessimisten zum Optimisten.

Giacobbo: Nein, aber Humor ermöglicht uns, einige Leute mit etwas Witz bei ihrem Tun zu stören.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie andere zum Lachen bringen können?

Giacobbo: Ich habe das schon in der Schulzeit entdeckt, wo ich gerne Lehrer imitiert und rasch gemerkt habe, dass ich mit meiner frechen Schnurre weiter komme als mit Fussball oder Handball.

Müller: Auch bei mir waren es Lehrer-Imitationen. Den Französischlehrer nachahmen, während man mit ihm spricht und ohne dass er es merkt – sowas kommt an. Es geht natürlich auch darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Unser Job hat auch etwas damit zu tun sich auszustellen, das braucht eine gewisse Eitelkeit.

Giacobbo: Wir sind Rampensäue.

Sie werden ja auch nicht einfach verschwinden. Mike Müller ist ab 3. Januar wieder als «Bestatter» zu sehen. Und ab 2018 haben Sie ein gemeinsames Bühnenprojekt. Was erwartet uns da?

Giacobbo: Ein Theaterstück, in dem wir uns und die Sendung «Giacobbo/Müller» thematisieren, deren Verlust uns angeblich zu schaffen macht. Es wird auf einer Meta-Humorebene spielen, mit etwas Medienkritik und ein paar Elementen aus der Sendung, einfach live.

Sie planen ausserdem zwei Filme, Viktor Giacobbo?

Müller: Ja, das erzählt er allen. Dass er einen Film macht. Ich bin halt nur Seriendarsteller. Fiuum heisst das übrigens richtig, Fiuum.

Giacobbo: Ok, ich mache einen Fiuum. Einen Dok-Film im Stil von «Der grosse Kanton» und eine Politkomödie. Viel mehr kann ich noch nicht sagen.

Weil das unser Jahresend-Gespräch ist…

Müller: … wollt ihr unsere Vorsätze wissen?

Giacobbo: Mit denen habe ich schon viele enttäuscht.

Nein, eher allgemeiner: Was wünschen Sie sich selbst, der Schweiz, der Welt fürs 2017?

Giacobbo: Auf diese Frage kann man doch nur mit Banalitäten antworten: Friede, Fortschritt, Glück, Liebe. Mir noch viele tolle Frauen. Geld.

Müller: Kalorienfreie Mayonnaise…

Das war jetzt Ihr Missen-Moment.

Giacobbo: Freedom for the world! (lacht)

Müller: Wie im Film von Roger Moore…

Giacobbo: Was? Nein, das ist der Bond-Darsteller. Du meinst Michael Moore.

Müller: Ja, genau. Der hat doch einen Dok-Film über Schönheitsköniginnen gemacht, wo er sie was Ähnliches gefragt hat. Die hatten dann ebenso Tiefgründiges zu sagen.

Geht’s jetzt ab in die Ferien?

Müller: Ich nehme mir eine Auszeit für zweieinhalb Monate. In der Zeit möchte ich ein neues Solo-Programm schreiben. Mit 30 Sendungen «Giacobbo/Müller» und sechs Folgen «Bestatter» pro Jahr war das nicht machbar. Diese Freiheit nutze ich nun aus.

Verraten Sie, wohin die Reise geht?

Müller: Nein.

Giacobbo: Ich weiss es, ich sage es Ihnen gegen ein fettes Honorar.

Machen Sie auch eine Pause?

Giacobbo: Vielleicht spanne ich mal ein paar Tage aus, bin konzentriert faul und lese. Aber ich habe noch ein paar Auftritte, etwa am Humorfestival Arosa. Und dann überlege ich mir, an welches Projekt ich mich als erstes mache. Ich habe auch noch zwei Kurzaufenthalte im Ausland geplant.

Müller: Einkaufen in Konstanz?

Giacobbo: Genau! (lacht) In einem Einkaufszentrum, wo es nur Schweizer hat, die dann sagen: Ha, Herr Giacobbo, Sie sind auch da!

Ernsthaft: Sie können sich wohl schwer durchs Land bewegen, ohne erkannt zu werden?

Giacobbo: Man kennt uns natürlich. Aber man kann das selbst auch ein bisschen steuern.

Wie?

Giacobbo: Ich esse beispielsweise nicht alleine abends in einem Lokal.
Müller: Es kommt auch sehr auf den Wochentag und die Uhrzeit an. Tagsüber kann ich zum Beispiel gut in der Migros am Limmatplatz einkaufen. Sagt mir dann eine Kassiererin, sie sei aus Syrien, ihr 12-jähriger Sohn sei ein Fan unserer Sendung und bei ihnen zuhause sei Politik ein grosses Thema – dann ist das eine schöne Begegnung.

Sind sie das meistens?

Giacobbo: Ja, die Leute sind nur selten aufdringlich.
Müller: Etwa wenn Alkohol ins Spiel kommt. Und die Jungen machen gerne Selfies mit uns. Sie sind vielleicht schon manchmal aufdringlich – aber sehr ehrlich. Da machen wir gerne mit.

Giacobbo: Sehr viele Junge in ihren 30ern sagen mir, sie seien mit meinen Sendungen aufgewachsen, und haben sich so für Politik zu interessieren begonnen – das ist doch ein schönes Kompliment.
Müller: Als Komiker ist man diesbezüglich ohnehin verwöhnt. Man muss auch aufpassen, dass man das nicht immer alles zum Nennwert nimmt.

Der Jahresrückblick und der Abschied von «Giacobbo/Müller»

28. Dezember 2016, Migros-Magazin, von Monica Müller, von Ralf Kaminski

Die Satiresendung ist zu Ende, aber Viktor Giacobbo und Mike Müller bleiben dem Publikum auf Bühne, Bildschirm und Leinwand erhalten. […]

Eben hat er die letzte Sendung von Giacobbo/Müller hinter sich, nun kann der Kabarettist und Schauspieler eine Auszeichnung entgegennehmen.

Viktor Giacobbo ist am Donnerstag auf dem 25. Arosa Humor Festival mit dem Arosa Humorfüller ausgezeichnet worden. Die Trophäe solle «symbolisch für die vielen neuen Texte stehen», die man künftig vom «wichtigsten Produzenten hochwertigen Humors» erleben dürfe.

Im Anschluss an die Verleihung begeisterte Giacobbo das Festivalpublikum mit einer 90-minütigen Live-Talkshow mit Sportreporterin Steffi Buchli, Slam-Poetin Hazel Brugger und SVP-Nationalrat und «Weltwoche«-Verleger Roger Köppel.

Die Show in der ausverkauften Arosa Humorhalle sei bestens angekommen, meldeten die Veranstalter. «Das Publikum war sich einig, Viktor Giacobbo ist einer der originellsten Talker des Landes». (thu/sda)

Viktor Giacobbo am Arosa Humor Festival geehrt

15. Dezember 2016, Tages-Anzeiger

Eben hat er die letzte Sendung von Giacobbo/Müller hinter sich, nun kann der Kabarettist und Schauspieler eine Auszeichnung entgegennehmen. Viktor […]

Niemand geringeres als die Medienministerin und «Bundespräsidentin elect» Doris Leuthard beehrte die TV-Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller in ihrer letzten Sendung auf SRF1.
«Frau Leuthard sie wurden mit 188 von 207 Stimmen gewählt – 11 sollen allerdings Bundesratskollegen Ueli Maurer gewählt haben. Was denken Sie, von wem kommen diese Stimmen?», fragte Viktor Giacobbo den «hohen Gast» aus Bern. «Ich habe im Laufe der Jahre sicher einige verrückt gemacht», konterte die Bundespräsidentin in spe, «aber wenn Ueli Maurer Freude daran hat, ist das super.»

«Ja wir auch, uns geht das gleich. Mit dem verrückt machen, mit dem freuen – und mit Ueli Maurer», zog Giacobbo den Vergleich zu den letzten neun Jahren der beliebten SRF-Sendung, in der neben unzähligen anderen Politikern auch der SVP-Bundesrat das Ziel zahlloser Parodien war.

Und auch in der letzten Sendung sparten die TV-Satiriker nicht mit bissigen Pointen: «Welche Ausbildung benötigt es eigentlich als Bundesrat? Gibt es da eine besondere Anforderung?», wollte der Komiker Giacobbo wissen. Leuthard verneinte – wollte jedoch wissen, wie das denn als Komiker sei. «Man muss nur wissen, wann man aufhören sollte», gab Giacobbo schlagfertig wie eh und je zurück.

Auch über die Kompetenzen der Bundespräsidentin wurde diskutiert: So erzählte Leuthard, dass sie auch mitbestimmen dürfe, in welches Restaurant der Bundesrat essen gehe. «Wir laufen wie ganz normale ins Restaurant, essen dort ganz normal, was es auf der Karte gibt», erzählte die Medienministerin mit ironischem Unterton.

Natürlich waren nicht nur Doris Leuthard oder Ueli Maurer die Zielscheiben der Sprüche vom Duo Giacobbo/Müller – so wurde die Bundespräsidentin in spe auch gefragt, «welche Rede sie denn am Tag der Kranken halten will», als eine Anspielung auf die letztjährige Rede von Johann Schneider-Ammann, welche sogar Barack Obama zum Lachen gebracht hat.

Nastücher und Wein

«Wie geht man mit politischen Niederlagen um?», wollte Komiker Giacobbo wissen, mit Hinweis zu den verloren Abstimmungen um die Autobahn-Vignette und Zweitwohnungsinitiative. «Natürlich ist man da zuerst traurig, vielleicht braucht es Nastücher, Wein oder Freunde», antwortete Leuthard salopp.

Auch Leuthards Kleidungsstil wurde noch diskutiert: «Sie sind ja sehr modebewusst. Setzen Sie das auch bewusst ein? Etwa bei Staatsbesuchen oder bei Tunneleröffnungen…», als Anspielung an das Löcher-Dress, welche die Bundesrätin an der Gottharderöffnung trug. Leuthard erwiderte: «Ich eröffne jedes Jahr ein paar Löcher, da dachte ich, warum nicht?»

 

Doris Leuthard in der letzten Sendung „Giacobbo / Müller“

12. Dezember 2016, Aargauer Zeitung / MLZ

Niemand geringeres als die Medienministerin und «Bundespräsidentin elect» Doris Leuthard beehrte die TV-Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller in ihrer […]

Zum Abschied von «Giacobbo/Müller»: Eine politische Würdigung von neun Jahren «Late Service Public».

Wir Schweizer sind Opfer unseres Systems. Staunend und gruselnd sitzen wir da und schauen nach Amerika. Nach Deutschland. Frankreich oder Grossbritannien. Wie viel grösser und bedeutender uns das alles doch vorkommt. Wie viel wichtiger.

Nicht nur die Politik per se – sondern auch wie darüber geredet wird. Satiriker Jon Stewart prägte unser Bild der Bush- und Obama-Jahre. John Oliver bringt uns Abgründe des amerikanischen Systems näher (und was für Abgründe das sind). In Grossbritannien seziert Charlie Brooker die aristokratische Politiker-Klasse in einer Schärfe, die wir uns nicht gewohnt sind. «Stermann & Grissemann» sind unsere liebsten Österreicher. Es gibt die «Heute-Show» in Deutschland, die «Anstalt» und natürlich Jan Böhmermann.

Und wir?

Wir haben noch bis Sonntag Viktor Giacobbo und Mike Müller. Unter Kultur- und anderen Journalisten hat sich in den vergangenen Jahren ein starker Konsens gebildet, was wir von der Sendung zu halten haben. Die Einspieler sind meist okay und manchmal sogar lustig. Die Witze platt («Wer ist hier dick?»), die Interviews mit den Politikern brav und im schlimmsten Fall fraternisierend. Konsens ist auch, dass man die ausländischen Sendungen so viel besser findet; die Olivers und Stewarts und Böhmermanns. «Warum macht in diesem Land niemand ernsthaftes politisches Kabarett?»

Diese Erzählung wird den beiden Satirikern nicht gerecht. Und bevor die beiden am Sonntag dem Publikum zum letzten Mal – auch hier: gutschweizerisch – «e guete Obe» wünschen, ist es Zeit für eine Ehrenrettung. Denn so klein, wie die (politische) Leistung der beiden manchmal gemacht wird, ist sie nicht.

Dabei darf man gerne grundsätzlich werden: «Late Service Public» (und die Vorgängersendungen von Viktor Giacobbo) haben der Schweizer Politik eine Bühne und ein Publikum gegeben, die sie vorher nicht hatte. «Uns haben oft mittelalterliche Eltern erzählt, dass sie mit ihren halbwüchsigen Kindern unsere Show gucken. Und umgekehrt bestätigten uns Jugendliche, dass unsere Show ihr Interesse für Politik weckte. Das war für uns eigentlich immer das grösste Kompliment», sagt Mike Müller selber. Und er hat recht! Da können Politikjournalisten noch so schlaue Leitartikel schreiben, aufsehenerregende Recherchen veröffentlichen und hochtourige Diskussionssendungen organisieren: Sie werden niemals die gleichen Leute erreichen, niemals so niederschwellig sein, wie das «Giacobbo/Müller» während der acht Jahre ihrer Sendung waren. Da gibt es dann halt zuerst zwei Witze über den Bauch von Mike Müller und später drei halbe Pointen über das Alter und die Ohren von Viktor Giacobbo. Aber dazwischen verhandeln die beiden die Lächerlichkeit einer Minarett-Abstimmung, entlarven das Nachgeplappere von Christoph Blocher und Roger Köppel (und vice versa) und stellen dem Präsidenten der SP jene Frage, die normalen Journalisten eben nicht in den Sinn kommt.

Die Schweiz als Konsens

Nach der Wahl von Donald Trump war in der Schweiz oft die Rede davon, wie die direkte Demokratie als System einen zu tiefen Graben zwischen denen da oben und denen da unten verhindere. Warum diese Analyse stimmt, sah man in den vergangenen Jahren jeweils am Sonntagabend: «Giacobbo/Müller» waren Ausdruck dieses nicht vorhandenen Grabens. Banales und Hochpolitisches, Kindisches und halb Ernstes: Es geht eben beides. Es ist normal. Die Schweiz als Konsens, als Land des Ausgleichs und der Konkordanz, als ein Land, wo man alle Fragen von allen verhandeln lässt, wo die Mächtigen nicht ganz so mächtig und die Hilflosen nicht ganz so hilflos sind: Das war «Giacobbo/Müller». Es sind Sendungen wie ihre, in denen all diese theoretischen Schweiz-Begriffe plötzlich eine Bedeutung erhalten und – wenn auch indirekt – einem breiten Publikum fassbar gemacht werden.

Und abgesehen davon, waren die beiden oft auch einfach nur lustig. Ueli Maurer wird man nie mehr nur als Ueli Maurer denken können, sondern immer auch als dümmlich grinsende Parodie seiner selbst. Die Hilflosigkeit von Bundesrat Johann Schneider-Ammann bei allem, was mit direkter Rede zu tun hat; die glucksende Diktion von Roger Köppel; das «wüsset Si» von Christoph Mörgeli; das wiehernde Gelächter von Toni Brunner oder das verschnupfte Bündnerdeutsch der Baselbieterin (!) Susanne Leutenegger Oberholzer: Viktor Giacobbo und Mike Müller haben die Aussenwahrnehmung vieler Politikerinnen und Politiker nachhaltig geprägt. Sie haben auch, und das ging manchmal etwas unter, das Bewusstsein der Menschen für Schlagzeilen geschärft. Dass ein Thema nicht immer so ernst ist, wie es in den Medien oft verhandelt wird. Dass es manchmal viel schneller und lustiger erzählt werden kann.

Dass wir in diesem Land nicht immer die ganz grossen Fragen behandeln, dass unser politisches Personal eher zum Durchschnitt als zur Brillanz tendiert: Es ist nicht die Schuld von «Giacobbo/Müller». Sie taten, was sie konnten. Und wenn man jetzt überlegt, dass ihr Sendeplatz in Zukunft von Kurt Aeschbacher belegt wird, darf man zu Recht sagen: Sie werden fehlen.

 

Eine Sendung wie die Schweiz

9. Dezember 2016, Tages-Anzeiger, von Philipp Loser

Zum Abschied von «Giacobbo/Müller»: Eine politische Würdigung von neun Jahren «Late Service Public». Wir Schweizer sind Opfer unseres Systems. Staunend […]

Er hat die Satire ins Schweizer Fernsehen gebracht und jahrelang gepflegt. Jetzt geht es auf zu neuen Ufern. VIKTOR GIACOBBO über seine Pläne, das Schweizer Fernsehen und seine angebliche Harmoniesucht.

Viktor Giacobbo, Ihr Vorname bedeutet im Lateinischen «Sieger». Fühlen Sie sich als solcher?

Kaum. Ich bin eher ein Macher. Würde ich meinen Vornamen wörtlich nehmen, wäre ich Donald Trump. Ich bin kein Mann der Superlative.

Sie sind seit 25 Jahren beim Schweizer Fernsehen zu sehen und dabei nie einer Quotenschere zum Opfer gefallen.

Ich hatte eben das Glück, dass ich immer ein gutes Team hatte. Ganz allein wäre mir das vermutlich nicht gelungen.

Das gehört zu den Aussagen, die kreative Prominente heutzutage offenbar ganz zwingend machen müssen.

Bei mir passt sie. Fernsehen kann man nun mal nicht als Einzelmaske machen. Zudem sage ich nie etwas, was man grundsätzlich müsste. Sondern immer das, was ich will und meine.

Am 11. Dezember ist Schluss für «Giacobbo/Müller», die Frechdachsereien, die Sie sonntäglich mit Mike Müller aushecken. Steht das Careteam für Zuschauer mit Entzugserscheinungen schon bereit?

Keine Ahnung, wie viele heulend den Fernseher zum Fenster rausschmeissen werden. Aber einige lassen uns wissen, das Ende nach neun Jahren habe Stil. Mike Müller und ich haben schon am Anfang unserer Zusammenarbeit beschlossen, aufzuhören, wenn die grosse Lust langsam nachlässt. Ende Jahr kommt jetzt für beide der stimmige Zeitpunkt.

Markieren Sie in Ihrer Agenda jeden noch verbleibenden Sendetermin mit Trauerschwarz?

Keineswegs. Wir arbeiten so gelassen wie bisher weiter. Und ohne jede Wehmut, denn die ist nicht mein Ding. Es wird auch keine grosse Abschiedssause zu sehen sein auf dem Bildschirm. Wir hören mit einer normalen Sendung auf. Es gibt nichts Peinlicheres als TV-Leute, die sich öffentlich selber abfeiern. Viele machen einen pompösen Abgang und wollen dann schon nach drei Monaten wieder ihren Kopf zeigen. Ich nicht.

Die «NZZ am Sonntag» meinte unlängst, die Pointen der Sendung seien etwas stumpf geworden.

Die Leute dort haben recht. Ich muss früher unglaublich gut gewesen sein! Vermutlich seit meiner zweiten TV-Sendung 1990 schreiben Kritiker: «Er war früher besser», aber – das erleben alle Komiker. Mike Müller und ich machen ein Programm für Leute, die nicht ganz die Dümmsten sind, und es ist nur logisch, dass wir für die mal besser, mal mieser sind. Was solls?

Der Kabarettist Patrick Frey sagte einmal, Sie hätten ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis.

Das ist seine Ansicht, die hat er mir gegenüber auch schon geäussert. Doch ich teile sie nicht. Ich streite sehr gerne, finde mich zum Schluss der Gespräche aber immer wieder mit meinen verbalen Duellpartnern. Das ist für mich politische Kultur. Bei meinem Freund Patrick ist es umgekehrt, er ist von ausgesuchter Höflichkeit und endet dann im Jähzorn.

In der Promi-Sendung «Glanz & Gloria» mäkelten Sie kürzlich, es sei schade, dass der Sonntagabend Kurt Aeschbacher überlassen werde und nicht länger ein Feld für Wagnisse bleibe.

Das ist nach wie vor meine Haltung. Unser Termin ist eine Marke, die wir etabliert haben und an dem man Komik und/ oder Satire erwartet, und jetzt fällt das plötzlich weg. Das ist kein Vorwurf an Aeschbi, sondern einer an das SRF. Man hätte dort einen frechen, frischen Entertainer wie zum Beispiel Dominic Deville ins kalte Wasser schubsen sollen. So, wie sie das vor 25 Jahren mit mir gemacht haben.

Wann kommt Ihre Bewerbung als Programmchef?

Um Gottes willen, diesen Job möchte ich nie im Leben. Ich würde kein Bewerbungsverfahren überstehen.

Hat man es Ihnen übel genommen, dass Sie in eine Hand bissen, die Sie füttert?

Mike Müller und ich haben niemandem in die Hand gebissen – höchstens einen aufmunternden Tritt in den Hintern gegeben. Wir konnten ja immer sagen und machen, was wir wollten, auch gegenüber dem eigenen Unternehmen. Wir bekamen Freiheit, wie sie kein anderes Medienhaus in der Schweiz zwei Satirikern gewährt – und dafür lieferten wir Quote und auch ein bisschen Prestige. Win-win nennt man das doch, oder?

Der plakative Müslüm, der schrille Dominic Deville, der eher bedächtige Michel Gammenthaler – sind das valable Nachfolger des Gespanns «Giacobbo/Müller»?

Bestimmt. Und es gäbe noch etliche mehr. Michael Elsener etwa, Hazel Brugger oder Fabian Unteregger. Liesse man die machen, käme bestimmt was Fetziges heraus dabei. Allerdings darf sich die Hierarchie nicht einmischen – die ist dazu da, die Rahmenbedingungen für die Kreativen zu sichern. Bei Mike und mir hat niemand reingeredet. Darum hat «Giacobbo/Müller» funktioniert.

Mut in Sachen Humor scheint beim Schweizer Fernsehen keine Kardinalstugend zu sein.

Ist Mut denn eine Kardinalstugend der andern grossen Pressehäuser? Die sind doch ziemlich unbehelligt von solchen Fragen. Nur gegenüber dem SRF glaubt jeder im Volk, einen Massstab zu kennen, der dringend angewendet werden müsste.Die Leute dort machen meiner Meinung nach sehr viel Tolles. Ich bin allerdings keiner, der die einzelnen Sendungen gut kennt. Ich gucke wenig Fernsehen und wenn, dann zeitversetzt. Die einzigen klassischen Printmedien, die ich abonniert habe, sind der «New Yorker» und das gepflegt gemachte «Transhelvetica». Die vielen übrigen Titel habe ich digital abonniert.

Mike Müller kredenzt Ihnen regelmässig einen Espresso in der Sendung. Haben Sie beide schon mal kalten Kaffee aufgetischt?

Sicher haben wir das. Wir haben jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Aber auch machen dürfen soll. Es gibt keinen einzigen Künstler, der noch nie einen Flop geliefert hat. Aber enorm viele, die aus ihren Fehlleistungen gelernt haben.

Die Kirche, die SVP und neuerdings Gölä werden von euch am meisten bezündelt. Wertet man nicht auf, was man ständig angreift?

Das könnte man allen Medien vorwerfen. Wer am meisten Präsenz zeigt als Partei, Organisation oder Prominenter, ist halt einfach gesetzt als Thema. Um vieles und viele kommt man schlicht nicht rum. Auch wenn wir das oft möchten.

Gibt es satirische Grenzen, die noch ungesprengt sind?

Vermutlich schon. Die interessieren mich aber nicht. Ich wollte immer nur gute Unterhaltung machen und nie etwas in die Luft jagen.

Ist die Realpolitik nicht allmählich die einzig fulminante Satire?

Das war sie schon immer. Und TV-Zuschauer, die mit Humor behaftet sind, warten sicher nicht eine Woche lang auf Müller und mich, um etwas lustig zu finden. Die machen sich im Alltag ihre eigenen Sprüche auf alles.

Wie oft wurden Sie und Mike Müller TV-intern oder von moralischen Grenzwächtern gerüffelt?

Von aussen kamen einige Breitseiten, meistens von den üblichen Sofortbeleidigten oder Berufsmoralisten. Und intern gibt es Diskussionen, aber niemand macht uns Druck oder Vorschriften. Beides hätten wir nie akzeptiert.

Müller sagte einst, Sie würden mit dem erstbesten Tram abhauen, wenn Ihnen ein Chef quer käme. Wie oft hatten Sie das Billettmünz schon in der Hand?

Nie. Und zudem hätte ich nie das Tram genommen. Ein bisschen mehr Komfort muss sein.

Sie wären mit dem Rolls-Royce abgehauen. Oder ist kreatives Lästern am TV zu wenig lukrativ dafür?

Ich habe einen hundskommunen PW, mit dem ich allerdings vollelektrisch an meinen Arbeitsplatz Leutschenbach fahren kann. Und gemessen an Gagen in andern Ländern haben Müller und ich nicht mal den Hauch von Stargehältern.

Hofnarr des Schweizer Monopolsenders – ist das ein legitimes Etikett für Sie?

Es ist ein antiquierter Begriff. Ich bin Komiker, basta. Für wen, gegen wen, mit wem – das ist völlig unbedeutend. Meine Prädikate habe ich sowieso lieber andern überlassen. Jetzt zum Beispiel Ihnen.

Unverzichtbar fühlen Sie sich auch nicht?

Ach wo. Nie. Ich habe eine gewisse Bekanntheit, aber die ist auch nicht nur angenehm. Ich würde gerne wieder mal einkaufen gehen, ohne beim Anstehen an der Kasse in Konversationen über meine Arbeit verwickelt zu werden.

Hat das Zürcher Arbeitsamt schon zusätzliches Personal aufgeboten, um Harry Hasler, Debbie Mötteli und all Ihre andern Alter Egos zu platzieren?

Die sind allesamt schwer vermittelbar und werden darum als Gespenster in einem Kleiderschrank zwischengelagert. Und bei Bedarf werde ich sie reanimieren.

Was haben Sie mit den schrägen Gestalten ausgelebt, die zu Kultfiguren wurden?

Das fragt mich fast jeder Küchenpsychologe. Aber sie haben null und nichts mit mir als Person zu tun. Auch wenn ich gerne die Mötteli gebe, trage ich zu Hause keine Frauenunterwäsche. Zumindest hat mir das noch niemand nachweisen können.

Wissen Sie noch, was Sie als Knirps werden wollten?

Hotelconcierge. Ein gut angezogener Herr, der altmodisch dekorativ herumsteht und sich wichtig gibt. Diese Theatralik gefiel mir. So was mache ich heute als Verwaltungsratspräsident im Casinotheater in Winterthur. Man kann das auch Grüssaugust nennen.

Am 6. Februar des kommenden Jahres werden Sie 65. Eigentlich könnten Sie ab dann Rosen züchten oder Tauben füttern.

Die armen Tiere! Ich glaube nicht, dass ich auf so was verfallen werde. Momentan plane ich zwei Filme und mindestens eine Bühnenproduktion mit Mike Müller. Sämtliche Projekte sind aber noch zu unreif, um damit bereits hausieren zu können. Ich habe meine Karriere nie gross geplant. Alles, was ich tue, hat mich quasi angesprungen.

Sie bemänteln Ihre Pläne, als könnten sie Ihnen geklaut werden. Was macht Sie zum Geheimniskrämer?

Nichts. Ich rede ganz einfach ungern über ungelegte Eier. Danke übrigens, dass Sie mich nicht nach dem Zivilstand fragen.

Wie ist Ihr Zivilstand?

Weiterhin ungeklärt.

Jetzt noch eine Frage, auf die garantiert ein Nein kommt: Sind Sie eitel?

Ja. Jeder, der ein Publikum will, ist das. Und jeder, der das bestreitet, lügt sich was in die Tasche.

Giacobbo live erleben

Der Komiker tritt am 15. Dezember 2016 um 17.30 Uhr mit einer «Freestyle-Talkshow» am Arosa Humor-Festival auf. www.humorfestival.ch

«Ich sage das, was ich WILL UND MEINE»

10. November 2016, Schweizer Familie, von Roland Falk

Er hat die Satire ins Schweizer Fernsehen gebracht und jahrelang gepflegt. Jetzt geht es auf zu neuen Ufern. VIKTOR GIACOBBO […]

Künstlervermittler, Theaterchef und TV-Satiriker: An Viktor Giacobbo führt in der Kleinkunstszene kein Weg vorbei. Das schafft Missgunst: Marco Rima spricht von einem Klüngel, der auf andere Humoristen hinunterscheisst. Für Giacobbo absurde Vorwürfe.

Herr Giacobbo, Marco Rima findet, Sie würden gewisse Kabarettisten protegieren, andere wie ihn oder das Komiker-Duo Divertimento dagegen ignorierten Sie.

Marco Rima hat mittlerweile seine Aussagen zurückgezogen und wir haben uns freundschaftlich ausgesprochen. Jemand hat ihm gegenüber behauptet, ich hätte gesagt, nachdem wir alle Schweizer Topkomiker in der Sendung gehabt hätten, müssten wir auf deutsche ausweichen. Doch ich habe so etwas Idiotisches nie gesagt.

Er sagte auch, Sie stünden für einen «Klüngel, der sich gegenüber allen anderen Humoristen abschottet und auf die hinunterscheisst, die näher bei den Leuten sind». Wie weit reicht das Machtnetz von Viktor Giacobbo?

Dieser «Klüngel»-Vorwurf kommt alle Jahre wieder, seit es das Casinotheater gibt. Einmal im «Facts», einmal «die Weltwoche» und jetzt kommen Sie damit. Nur: keiner konnte diesen absurden Vorwurf erhärten. Ich wäre der dümmste Mafiaboss, weil ich stets nur zahle und nichts daran verdiene. Beim Casinotheater muss ich noch 50 Jahre Verwaltungsratspräsident bleiben, bis ich zurückerhalte, was ich dort reingesteckt habe.

Trotzdem haben Sie doch ein Interesse daran, die Künstler, die im Casinotheater Winterthur auftreten, möglichst gut in Ihrer Sendung zu promoten.

Im Casinotheater bin ich nicht Programmdirektor. Dort läuft vieles, das nie in unsere Sendung passen würde. Haben Sie wirklich das Gefühl, wir wählen die Künstler aus, weil wir denken: «Ou, damit verkaufen wir mehr im Casinotheater?» Trauen Sie mir das in allem Ernst zu? Die Redaktion würde sich das doch nie bieten lassen. Das Casinotheater ist nun mal ein Ort, wo viele Komiker spielen. Es gab bei der Planung unserer Sendung auch die Idee, sie statt im Kaufleuten im Casino zu produzieren. Dagegen habe ich mich vehement gewehrt, gerade um mögliche Konflikte zu vermeiden,

Sie haben soeben Ihren Einflussbereich ausgeweitet und sind nun auch VR-Präsident von Moonsticker.com, einem Onlineportal, das Künstler vermittelt.

Dort habe ich meinen Zahlungsbereich erweitert! Für Moonsticker.com habe ich erst einmal Geld locker machen müssen. Einfach weil ich die Idee gut finde und das Projekt eben gerade nicht mafiös ist. Sondern im puren Gegenteil, weil es alle Mafia-Strukturen, die es geben könnte, unterläuft. Denn alle Künstler haben auf dieser Plattform freien Zugang – das ist ja gerade die Grundidee.

Sie sehen also keinen Konflikt zwischen Ihrer Rolle beim Fernsehen und jener als Künstlervermittler?

Nein, denn ich bin kein Künstlervermittler. Bei Moonsticker besitze ich eine Aktie und habe meinen Namen für den VR hergegeben und übrigens noch an keiner einzigen Sitzung teilgenommen. Moonsticker ist doch – genau wie das Casinotheater – eben gerade nicht dafür da, um Leute zu verhindern, sondern um sie zu fördern.

Was in Ihrer Sendung auffällt: Kabarettisten, die Ihnen nahe stehen – Ursus & Nadeschkin, Andreas Thiel und Lorenz Kaiser – erhalten immer wieder Auftritte in «Giacobbo/Müller». Andere finden bei Ihnen nicht statt. Weshalb?

Wieso nennen Sie nicht die Künstler, die wir entdeckt und gefördert haben? Fabian Unteregger, David Bröckelmann, Michael Elsener und zahlreiche junge Autoren. Natürlich wollen viele Künstler zu uns in die Sendung, aber wir wählen diese halt aus, so wie das jede andere Redaktion auch tut.

In Ihrer vorletzten Sendung erhielten Ursus & Nadeschkin fünf Minuten Zeit, ihr neues Programm mit dem Symphonieorchester Camerata vorstellen. Lustig war’s nicht besonders, aber ein gelungener Werbespot für die beiden.

Gemäss Ihrer These hätte ich die ja verhindern müssen, weil sie mit dieser Produktion nicht im Casinotheater spielen… Dass Ursus & Nadeschkin bei uns aufgetreten sind, hatte einen einzigen Grund: Wir fanden die Idee toll, dass ein komplettes Symphonieorchester auf unserer kleinen Bühne auftritt. Im Übrigen brauchen die beiden keine Werbung. Wo sie auftreten, ist das Haus ohnehin immer voll. Hinzu kommt: Die Zuschauern fanden den Auftritt durchaus lustig. Am Ende der Sendung ist die Einschaltquote noch einmal in die Höhe geschnellt.

Sie haben mittlerweile eine Machtstellung in der Komikerszene, so dass an Ihnen kaum ein Weg vorbeiführt. Jene Künstler, die Sie nicht gut finden, haben es schwer.

Bei wem habe ich denn schon einmal etwas verbaut? Im Casino kann doch fast jeder Anfänger spielen. Nennen Sie mir ein anderes Theater in der Schweiz, bei dem das möglich ist. Nennen Sie mir andere Namen von Komikern, die junge Künstler fördern. Oder Marco Rima, der findet, «wir scheissen auf andere hinunter, die näher bei den Leuten sind» – ihn versuchen wir seit Jahren ins Casinotheater zu bringen. Doch er kommt leider nicht, weil er in den grossen Hallen mehr Zuschauer reinbringt – offenbar, um näher bei den Leuten zu sein.

Aber in der Sendung wollen Sie ihn nicht?

Wir machen erst seit einem Jahr diese Sendung – auch Emil, Loriot, Julia Roberts und der Papst waren noch nicht bei uns. Und «Giaccobo/Müller» ist nicht ein Präsentationsforum für Kleinkunst, sondern eine Late-Night-Sendung, die sich nun mal stil- und inhaltsmässig an den beiden Protagonisten orientiert – genau so, wie das in jeder andern Late-Night-Sendung auf dieser Welt der Fall ist.


Nachbemerkung:
Weil diese Art von Fragen bzw. Spekulationen seit ca. 10 Jahren mit schöner Regelmässigkeit grund- und humorlos auftauchen, ohne je durch Fakten erhärtet zu werden, habe ich das Interview hier quasi als Muster deponiert, damit es vom nächsten Medienschaffenden recherchefrei abgeschrieben werden kann. Trotzdem noch ein paar Fakten: Ich bin weder Programmverantwortlicher beim Casinotheater Winterthur noch beim Schweizer Fernsehen. Ich bin nicht Verwaltungsratspräsident von Moonsticker. Ich bin kein Künstlervermittler und betreibe keine Agentur. In der Sendung „Giacobbo / Müller“ werden auch in Zukunft Künstler auftreten, die von Mike Müller, der Redaktion und mir ausgewählt werden – skandalöserweise einige sogar mehrmals.
V.G. (Godfather)

Filzvorwürfe an Viktor Giacobbo: «Ich wäre der dümmste Mafiaboss»

1. Oktober 2016, Tagesanzeiger.ch/Newsnet, von David Vonplon

Künstlervermittler, Theaterchef und TV-Satiriker: An Viktor Giacobbo führt in der Kleinkunstszene kein Weg vorbei. Das schafft Missgunst: Marco Rima spricht […]

Satire als Geschäft Die Volkswirtschaftliche Gesellschaft schenkte sich zum Abschluss ihres 100-Jahr-Jubiläums einen Auftritt von Viktor Giacobbo. Der gab sich Mühe, nicht zu nett zu sein.

Einmal hat sich Urs Berger schon die Finger verbrannt an Viktor Giacobbo. Als die Mobiliar-Versicherung 2008 als Sponsor bei der Late-Night-Show «Giacobbo / Müller» einstieg, erhielt der damalige Firmenchef jede Menge böse Briefe. Was der Mobiliar eigentlich einfalle, «so einen Chabis zu unterstützen», wollten die Empörten damals wissen. Berger liess sich nicht beirren und hielt das Sponsoring vier Jahre lang aufrecht. Nun ging Berger noch einmal ein Risiko ein. Zum letzten Anlass unter seiner Leitung lud der abtretende Präsident der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern (VWG) keinen hochdekorierten CEO ins Zentrum Paul Klee ein, sondern einen KMU-Vertreter mit Spezialgebiet Comedy, der von sich sagt, er sei vermutlich der Einzige, der direkt vom Praktikanten zum Verwaltungratspräsidenten aufgestiegen sei.

Wer gehofft hatte, Viktor Giacobbo würde in Bern ein Pointenfeuerwerk zünden oder seine legendären Figuren Harry Hasler, Debbie Mötteli und Fredi Hinz zum Besten geben, wurde gestern Abend enttäuscht. Als er aus dem Publikum aufgefordert wurde, jemanden zu imitieren, entgegnete Giacobbo knapp, er sei heute als Unternehmer da, für alles andere brauchte er eine Extragage. Das klingt plausibel für einen, der sagt, als Satiriker dürfte man den Leuten nicht zu sympathisch sein, das wäre geschäftsschädigend. Aber natürlich lässt sich Unternehmertum und Satire in seinem Fall nie ganz trennen. Denn auch als Unternehmer ist Giacobbo nie um eine Pointe verlegen. Das Casinotheater Winterthur sei die einzige Aktiengesellschaft, die offen zugebe, dass ein Komiker das höchste Amt bekleide, bemerkte er beispielsweise.

Aber bei aller Selbstironie konnte Giacobbo nicht verbergen, dass er stolz ist auf das, was er in den letzten 15 Jahren mit befreundeten Künstlern aus dem maroden Winterthurer Casino gemacht hat. 700 Veranstaltungen stemmt das Haus pro Jahr mit 56 Festangestellten; rund die Hälfte der Events entfällt auf die Sparte Gastronomie, die einen Jahresumsatz von 5 Millionen Franken erzielt. Und die Bühnensparte unter der künstlerischen Leitung des Berners Nik Leuenberger schafft es laut Giacobbo immer wieder, «junge Talente zu entdecken und innovative Formate zu entwickeln». Das Casinotheater sei «der Leuchtturm der Schweiz im Bereich Kabarett», vergleichbar mit der Stellung des Zürcher Opernhauses, resümierte der Präsident ganz ohne Ironiesignale. Das provozierte prompt die Frage aus dem Publikum, was eine Aktie koste und wie hoch die Dividende sei. «Fast hätt ichs vergessen, ich bin ja hier unter Volkswirtschaftern», antwortete Giacobbo und führte aus, die untere Grenze für eine Beteiligung liege bei 10 000 Franken. Im Gegenzug erhielten Aktionäre diverse Ticketvergünstigungen und kämen in den Genuss einer rekordverdächtig kurzen Generalversammlung mit konkurrenzlos gutem Essen im Anschluss. Eine Eigenart des Hauses sei zudem, dass viele Künstler am Theater beteiligt seien und diese Künstleraktionäre über eine höhere Stimmkraft verfügten als die übrigen Teilhaber. Damit könne verhindert werden, dass finanzkräftige Investoren das Theater in ein Warenhaus oder ähnlich verwandeln würden.

Während andere Chefs gerne ein Maximum an Erfolgen für sich beanspruchen, gab sich Giacobbo alle Mühe, seinen Einfluss beim Casinotheater kleinzureden. Er fungiere hauptsächlich als «Grüssaugust», gab er zu verstehen, und er tauge als waschechter Winterthurer natürlich als Aushängeschild. Zudem sei er biografisch schon lange mit dem Casino verstrickt, habe er es in diesem Gebäude doch in jungen Jahren geschafft, dem Militärdienst zu entkommen. Er sehe noch heute das Gesicht des Leutnants vor sich, der ihn damals ungläubig gemustert habe und am Ende zum Schluss gekommen sei, dieser junge Mann stehe unter Drogen. «Damals schlüpfte ich erstmals unbewusst in die Haut des dauerbekifften Fredi Hinz.» Trotz solch schicksalshafter Verbindung mit dem Casino will Giacobbo nicht ewig im Chefsessel bleiben. «Wir Gründer waren schon vor 15 Jahren alt und sind seither nicht jünger geworden», sagte der 63-Jährige. Deshalb brauche es frischen Wind. Wenn er in 10 Jahren noch im Amt sei, sei etwas schiefgelaufen.

Gegen Ende der vergleichsweise ernsthaften Ausführungen wollte die bernische Finanzdirektorin Beatrice Simon dann doch noch wissen, worüber der Satiriker Viktor Giacobbo denn herzhaft lachen könne. Er sei ein eher ernsthafter Mensch und lache sich in seiner Freizeit nicht pausenlos tot, versicherte dieser. Ansonsten sei sein Humor durchaus ordinär: «Wenn Sie nachher hier vor meinen Augen auf einer Bananenschale ausrutschten, fände ich das wahnsinnig komisch.»

Die Lachnummer im Chefsessel

25. November 2015, Der Bund, von Mathias Morgenthaler

Satire als Geschäft Die Volkswirtschaftliche Gesellschaft schenkte sich zum Abschluss ihres 100-Jahr-Jubiläums einen Auftritt von Viktor Giacobbo. Der gab sich […]

Mit «Alonso», einem von Viktor Giacobbo eingeschweizerten Stück des österreichischen Kabarettisten Stefan Vögel, startet das umgebaute Casinotheater Winterthur in die neue Spielsaison.

Der Hund sei des Menschen bester Freund, sagt der Volksmund. Das mag zutreffen. Wenn er aber so klug und instinktsicher ist wie der mexikanische Nackthund Alonso, kann er durchaus auch Freundschaften beenden. – Das heisst, so richtig beste Freunde, wie sie einander mit penetranter Regelmässigkeit bestätigen, sind die Ehepaare Schultheiss und Walk eigentlich nicht. Anfangs ahnen sie dies höchstens, aber im Verlauf der eineinhalbstündigen Beziehungskomödie «Alonso» im frisch umgebauten Casinotheater Winterthur werden Gewissheiten demontiert, bröckeln Fassaden und brechen Abgründe auf, dass es ein Graus ist.

Das Personal des von Viktor Giacobbo inszenierten und eingeschweizerten Stücks des österreichischen Kabarettisten Stefan Vögel setzt sich zusammen aus einem Professoren-Geck kurz vor dem Aufstieg zum Chef des Instituts für vergleichende Sprachwissenschaften (Max Gertsch) samt auf spiritueller Sinnsuche befindlicher Ehefrau (Tamara Cantieni) sowie einem etwas schusseligen mittleren Angestellten und Hobbykoch (Dominique Müller) und dessen gleichfalls gelangweilten Ehefrau (Anne Hodler) und heimlichen Geliebten des Institutsleiters in Spe.

Max Gertschs aufgeblasener Intellektueller schreit von der ersten Minute an nach einer saftigen Ohrfeige. Einen Narzissten wie ihn kennt praktisch jeder, genauso wie Anne Hodels ach so brave Hausfrau, die einen ganz fürchterlichen Terror aufziehen kann. Tamara Cantienis leicht trashige Provinzschönheit, die um jeden Preis einen Professor haben wollte und einen Frosch kriegte, mutiert erschreckend heftig zum furiosen Racheengel mit Domina-Touch. Wenn diese Blicke tatsächlich töten könnten, wäre es schlimm bestellt um die Zuschauer in den vorderen Reihen. Dominique Müller schliesslich gibt den behäbigen, selbst beim Schimpfen und Poltern durch und durch harmlosen Biedermann. So eine Figur braucht’s bei so viel Falschheit, auch wenn er es gleichfalls faustdick hinter den Ohren hat.

Das Quartett trifft sich regelmässig bei den Walks zum Nachtessen und lässt sich vom Gehörnten bekochen. Dabei spritzen kleine Gifteleien hin und her, die Paare gehen sich gegenseitig auf den Wecker, und viel zu sagen hat man einander auch nicht. Aber irgendwie sind diese Abende zu Viert doch recht angenehm – bis dann Alonso ins Spiel kommt, ein kastrierter Rüde der 3500 Jahre alten Rasse Xoloitzcuintle . Die gibt es tatsächlich; ausgesprochen wird ihr Name Scholoitz-kuint-li.

In der Mythologie der Azteken begleiten diese Tiere mit dunkler ledriger Haut die Seelen der Toten auf dem Weg ins Jenseits. «Höllenhunde» nennt sie der Professor und beweist damit einmal mehr sein ach so bewundernswürdiges Allgemeinwissen. Als ein solcher entpuppt sich Alonso in einem gnadenlos bösen Showdown mit überraschenden Wendungen tatsächlich. Der Xoloitzcuintle führt die beiden Ehepaare gewissermassen als tierischer Lügendetektor in eine emotionale Hölle und das Publikum durch ein starkes Stück klamaukfreies Boulevard-Theater: Ein schöner Start in die neue Spielsaison des «neuen» Casinotheaters.

Casinotheater Winterthur, 3. September. Weitere Aufführungen bis 3. Oktober.

Beste Freunde und ein Höllenhund

6. September 2015, Neue Zürcher Zeitung, von Alois Feusi

Mit «Alonso», einem von Viktor Giacobbo eingeschweizerten Stück des österreichischen Kabarettisten Stefan Vögel, startet das umgebaute Casinotheater Winterthur in die […]

Casinotheater: Die Komödie «Alonso» führt vor, wie zwei mittelständische Ehepaare buchstäblich auf den Hund kommen. Bei der Premiere am Donnerstag erntete das Stück viele Lacher. Aber es ist auch eine Tragödie.

Zu Saisonbeginn präsentiert sich das Casinotheater mit aufgefrischten Räumen. Man ist daher umso gespannter, mit welchem Stück das Haus sein Premierenpublikum empfängt. Immerhin gilt es den Ruf zu verteidigen, eine der führenden Komödienbühnen der Schweiz zu sein. Das Theater tritt mit einem Stück von Stefan Vögel an. Der österreichische Autor verfasste bereits das erfolgreiche Premierenstück vom letzten Jahr, «Achtung Schwiiz!». Ein Wagnis ist bei der Premiere trotzdem dabei.

Es beginnt mit einer gewöhnlichen, allen bekannten Si­tua­tion. Zwei befreundete Ehepaare treffen sich zum Abendessen. Das Bühnenbild ordnet die vier Figuren dem modernen Mittelstand zu. Ihr Gespräch verweist auf gebildete, weit gereiste Personen. Sie sind alte, fast zu alte Freunde. Der Ton ist zänkisch, sogar giftig. Jeder weiss um die Schwächen des anderen und reitet gnadenlos dar­auf herum.

Etwas Fundamentales jedoch bleibt Rebecca (Tamara Cantieni) und Leo (Dominique Müller), dem Mann ihrer Freundin Trix (Anne Hodler), verborgen: Trix hat nämlich ein heimliches Verhältnis mit Rainer (Max Gertsch), Rebeccas Mann.

Hypersensibler Hund

Diese Ausgangslage führt zu Dialogen voller Pointen, die wie warmer Regen auf das Publikum niedergehen. Trotzdem bleibt zunächst unklar, wohin das Stück führt. Es nimmt sich Zeit, die Figuren zu etablieren. Viktor Giacobbos Regie unterstützt eine klare Charakterisierung der Personen. So bleibt man lange gespannt, was mit so unterschied- lichen Figuren noch geschehen wird.

Den Kristallisationspunkt des Stücks bildet eine fünfte Figur: ein Mexikanischer Nackthund mit dem Namen Alonso. Er soll Trix’ leerem Dasein einen neuen Inhalt verschaffen. Alonso ist hypersensibel. Er beisst zu, wenn man ihn nicht liebt. Vor allem aber bellt der Hund, sobald er Lug und Betrug wittert. Und in der gegebenen Konstellation hört er gar nicht mehr auf zu kläffen. Lügen haben jetzt im wörtlichen Sinn kurze Beine.

Dies wird zunächst Rainer zum Verhängnis. Alonso bringt seine Betrügereien an den Tag. Rainer hat weit mehr auf dem Kerbholz, als es den Anschein macht. Die sorgfältig aufgebauten Spannungen entladen sich nun in einem Donnerwetter. Alles fliegt auseinander, alles geht flöten, begleitet von Lachern und Szenenapplaus aus dem Publikum. Bald sind Ehen und Karrieren im Eimer. Schuld daran sind nicht etwas die Figuren mit ihren Lügen und ihrem Selbstmitleid. Nein. Es ist Alonso, das Hundsvieh! Eigentlich müsste man es abschlachten … Dieser Gedanke führt zu einer Wendung im Stück und zu seinem fulminanten Ende, das hier nicht verraten sei. Abendessen reiht sich an Abendessen, das Stück flitzt flott über die Bühne und kommt mit einem einzigen Bühnenbild aus. Das Schauspiel und die Schauspielführung zeichnen die Konflikte mit dem dicken Pinsel. Zwischendurch scheint Viktor Giacobbos Handschrift durch. Vor allem bei den Frauenfiguren. Rebecca wirkt schrill, Trix wahnsinnig nervös. So verleiht die Regie dem Stück ein paar knallige Farbtöne. Die Komödie «Alonso» ist ein Bonbon. Das Publikum nimmt es mit grossem Applaus entgegen.

In Wahrheit eine Tragödie

Erst beim Hinausgehen dämmert es einem, dass «Alonso» in Wahrheit ein ernstes Lehrstück ist. Es zeigt die Tragödie von Menschen gegen fünfzig. Ihre Kinder sind ausgeflogen, Schönheit und Potenz welken dahin, die Karrieren erleiden einen Knick. Weil man an den eigenen Lebenslügen festhält, gehen auch die Beziehungen zu Ehepartnern und alten Freunden in die Brüche. Zurück bleibt – der Hund.

Eine hohe Kunst ist es, einen tieferen Inhalt in eine witzige und geistreiche Komödie zu verpacken. So gesehen ist «Alonso» ein starkes Stück. Es ist dem Ruf des Casinotheaters als einer führenden Schweizer Komödienbühne mehr als angemessen.

Alonso wittert Betrug

5. September 2015, Landbote, von Christian Felix

Casinotheater: Die Komödie «Alonso» führt vor, wie zwei mittelständische Ehepaare buchstäblich auf den Hund kommen. Bei der Premiere am Donnerstag […]

Was macht gute Boulevardkomödien aus? Ein Gespräch mit dem Satiriker Viktor Giacobbo, der in der ­Komödie «Alonso» des Casinotheaters Regie führt.

In der Komödie «Alonso», die am Donnerstag im Casinotheater Premiere feiert, geht es um zwei Paare und Untreue. Und um einen Hund, der Betrug und Unwahrheit wittert. Was reizt Sie an diesem Thema?

Viktor Giacobbo: Es ist eine Boulevardkomödie, zwei der Part- ner gehen diagonal miteinander fremd. Der Haushalt, in dem sich das abspielt, ist bieder. Die Ehefrau ist etwas ratlos, weil der Sohn gerade von zu Hause ausgezogen ist. Diese Frau hat mit dem Mann ihrer besten Freundin ein Verhältnis, und zwar seit Jahren. Nun besitzt ihre vermeintlich beste Freundin eine Tierhandlung und schenkt ihr dann, weil sie ja wieder eine Aufgabe braucht, einen Hund. Das ist ein mexikanischer Nackthund, ein Xoloitzcuintle.

Den gibt es also wirklich?

Den gibt es. Es handelt sich um eine mit Mythen beladene Rasse, die jahrhunderte- oder sogar jahrtausendealt ist und mit den Azteken in Verbindung gebracht wird. Der Nackthund hat eine ledrige Haut und keine Haare. Mit der Zeit merkt das beschenkte Paar, dass der Hund auf die Bewohner unterschiedlich reagiert. Und die beiden, die betrügen, finden heraus, dass der Hund immer dann angibt, wenn sie lügen oder sich berühren. Die Freundschaft und mindestens eine Ehe gehen dabei zu Bruch. Das Ganze endet explosiv und mit einer Überraschung.

Braucht es bei Seitensprüngen Wahrheit?

Ich weiss nicht, ob es das braucht, ich weiss nur, dass Betrug und So-tun-als-ob eine gute Grundlage für Komik sind. Die Handlung ist im Alltag angesiedelt, andererseits kommt dieser exotische Hund vor. Dieser Mix gefällt mir, trotz der im Grunde genommen sehr biederen Anlage. Aber die Rollen sind ein gefundenes Fressen für gute Schauspieler. Von Stefan Vögel stammte bereits «Achtung Schwiiz», das Erfolgsstück vom letzten Jahr. Er ist selbst Kabarettist und zurzeit einer der erfolgreichsten Autoren von Boulevardkomödien.

Und über ihn sind Sie auf das neue Stück gekommen.

Ja, er selbst meinte, sein neues Stück sei sein interessantestes. Daraufhin haben wir es gelesen, nebst anderen Stücken, und gefunden, dass es passt. Für unsere Eigenproduktion brauchen wir jeweils ein Mainstream-Stück, bei dem man das Hirn nicht abschalten muss. Mit einem Wort, eine intelligente Boulevardko­mödie.

Wer wählt die Stücke aus?

Wir haben eine Stückauswahlgruppe mit Mike Müller, Patrick Frey, Domenico Blass und ein paar weiteren, wenn sie Zeit haben. Und dem künstlerischen Leiter Nik Leuenberger natürlich.

Der Seitensprung und die Frage, ob und wie er auffliegt, ist das Kernthema des Boulevardtheaters. Was macht eine gute Boulevardkomödie aus?

Sie ist dann gut, wenn man sie nicht boulevardesk spielt. Das heisst, die Schauspieler treten nicht an die Rampe und werfen die Pointen fast mit einem Zwinkern ins Publikum. Selbst relativ bescheidene Boulevardkomödien lassen sich so inszenieren, dass sie glaubwürdig wirken. Natürlich gibt es in «Alonso» Pointen. Aber streckenweise wird das Stück zum reinen Drama.

Auf Ihrer Bücherliste, die Sie auf Ihrer Website veröffent­lichen, finden sich so intellektuelle Autoren wie Marlene Streeruwitz und Thomas Pynchon. Gehen Sie mit dem Boulevard nicht unter Ihr Niveau?

Nein, denn in meiner Kunst gibt es den Begriff Niveau eigentlich nicht, ich bevorzuge den Begriff des Genre. In Niveauunterschieden wird vor allem in Mitteleuropa gedacht, Deutschland und die Schweiz sind besonders gefährdet, hier sind E-Kunst und U-Kunst streng getrennt. Die Angelsachsen machen das viel eleganter. Ein Filmregisseur wie Martin Scorsese ist sich nicht zu schade, auch mal einen Werbefilm zu ­machen. Selbst die berühmtesten Schauspieler machen ab und zu am Broadway in einer ruppigen Komödie mit. Robert Gernhardt hat es auf den Punkt gebracht, es ist eines meiner Lieblingszitate: «Es gibt so wenig niveauvolle Komik, wie es einen niveauvollen Orgasmus gibt.»

Man muss den Punkt finden, an dem es funktioniert.

Ja. Schliesslich mache ich Unterhaltung. Gut, Satire hat immer ein wenig mit Niveau zu tun, wenn man das Wort verwenden will. Aber wenn ich Komik mache, lese ich zum Beispiel selten komische Bücher.

Nach welchen Kriterien lesen Sie Ihre Bücher aus?

Da gibt es keine Kriterien. Es gibt Autoren wie Ian McEwan, von denen ich jedes Buch lese. Von anderen, deren Namen man oft hört, nimmt es mich dann einmal wunder, wie sie schreiben. So kam ich auf Hilary Mantel, von der lese ich seither auch alles. Die Literatur liegt mir auch deshalb am Herzen, weil ich beim Zürcher Verlag Kein & Aber im Verwaltungsrat bin.

Sie waren früher einmal Korrektor beim «Landboten». Wie kamen Sie zum Theater?

Ich hatte Schriftsetzer gelernt, und vor einer grossen Reise jobbte ich beim «Landboten» und setzte die Todesanzeigen. Später ar­bei­te­te ich hier auch als Korrektor. Ich hatte die Sprache immer gern. Zur Satire und zum Kabarett wollte ich von Anfang an, ich machte bereits Schulaufführungen und imitierte meine Lehrer. Ich wusste aber, dass ich eine Lehre machen musste, um später das machen zu können, was ich wollte. Zuerst dachte ich an eine Schauspielschule, merkte aber bald, dass das klassische Theater nicht mein Ding war. Ich wollte selber Texte schreiben, was ich dann mit verschiedenen Gruppen auch tat, von amateurhaften bis zu professionellen. So etwa bei den Stuzzicadenti. Wir machten Rock-Kabarett, wenn man so will.

Kommt es vor, dass Ihnen ­langweilig ist?

Nein, das kenne ich nicht. Es gibt gute Zeiten, wenn ich nichts zu tun habe, zum Beispiel wenn ich auf Reisen bin. Ich kann sehr gut faul sein und ausspannen. Das hat aber nichts mit Langeweile zu tun.

Keine Frage des Niveaus

29. August 2015, Landbote, von Helmut Dworschak

Was macht gute Boulevardkomödien aus? Ein Gespräch mit dem Satiriker Viktor Giacobbo, der in der ­Komödie «Alonso» des Casinotheaters Regie […]

Montagsinterview · Ade Sommerpause: Am Sonntag startet die Satiresendung «Giacobbo/Müller» des Schweizer Fernsehens in die neue Staffel. Zeit für ein Gespräch mit dem Winterthurer Kabarettisten Viktor Giacobbo (62) über Humor, sein Theater und das Pensionsalter.

Herr Giacobbo, wir fürchten uns ein wenig vor Ihnen…

Viktor Giacobbo: Das ist eine gute Voraussetzung. Ich mag ängstliche Journalisten. Aber wieso?

Im Gespräch mit Journalisten offenbarten Sie «Arroganz und Dünnhäutigkeit», war kürzlich in einer grossen Schweizer Tageszeitung zu lesen.

Ach, das war ein Spezialfall, das war kein verängstigter Journalist, sondern ein verärgerter – und er liess sich von Mike und mir so prächtig ärgern. Ich kann Sie aber beruhigen: Für gewöhnlich bin ich nicht so. Mich kann man alles fragen.

Sehr gut. Dann fragen wir, ob es Sie wurmt, dass Geri Müller seine Nacktselfies just in der Sommerpause von «Giacobbo/Müller» verschickt hat?

Nein, nein. Natürlich hätten wir zu Geri Müller möglicherweise ein paar pointierte Bemerkungen gemacht. Aber das nächste Gerigate kommt bestimmt. Die nachhaltigsten Rohstofflieferungen, die man sich vorstellen kann, finden ja in unserer Branche statt, in der Politik und auch sonst überall, wo auf der Welt was passiert.

Es wurmt Sie kein bisschen, wenn Sie etwas nicht in der Sendung verarbeiten können?

Natürlich kommt das vor. Aber ich habe ja auch andere Kanäle neben der Sendung. Ich twittere zum Beispiel oft oder verarbeite Ereignisse in Theaterproduktionen.

Welcher Politiker hat eigentlich den höchsten Unterhaltungswert?

Unfreiwilligen Unterhaltungswert haben viele, freiwilligen nur wenige. Alexander Tschäppät zum Beispiel ist einer der zweiten Kategorie, er ist schlagfertig und fightet gerne auf humorvolle Art. Toni Brunner kann das auch.

Viele Politiker sind bei «Giacobbo/Müller» zu Gast. Wie wählen Sie sie aus?

Mike Müller und ich brainstormen mit der Redaktion völlig unsystematisch nach möglichen Gästen, bei denen aber die Humorfähigkeit weniger Kriterium ist als deren Authentizität. In der Regel fragen wir unsere Wunschkandidaten dann am Dienstag oder am Mittwoch vor der Sendung an.

Und die kommen so kurzfristig?

Wenn sie sich freimachen können, schon. Die meisten Politiker nehmen die Einladung an und sind sich bewusst, dass man bei einem Auftritt in unserer Sendung gut wegkommen kann – oder eben auch nicht. So oder so ist unser Publikum grösser als jenes der «Arena», relativ jung und politisch noch unentschieden. Das ist für Politiker natürlich attraktiv.

Was bedeutet es Ihnen, wenn Sie Junge für Politik begeistern können?

Kürzlich hat mir eine Gymnasiastin gesagt, sie hätte die Sendung früher uninteressant gefunden, weil sie nie gewusst habe, wovon wir sprechen. Auf Anraten ihrer Freundinnen hätte sie begonnen, die politischen News zu verfolgen, und nun fände sie die Sendung toll. Es ist ein schönes Kompliment, wenn Junge «Giacobbo/Müller» schauen und merken, dass die Sendung zwar zum Lachen ist, dass es aber neben dem Klamauk auch um die politische Realität geht.

Sitzen Sie und Mike Müller die ganze Woche zusammen und hecken Sprüche aus?

Nein, das nicht gerade. Aber natürlich stehen wir in engem Kontakt. Unsere Partnerinnen haben uns auch schon als altes Ehepaar bezeichnet, das mindestens einmal pro Tag telefonieren muss. Wenn man eine solche Sendung zusammen macht, versteht man sich auch neben dem Beruf und ist befreundet.

Wie sieht eine Produktionswoche bei Ihnen aus?

Sie beginnt am Dienstag mit einer Telefonkonferenz. Wir schauen, welche Themen aktuell sind, welche Sketche wir machen könnten. Am Mittwoch werden diese geschrieben, danach ziemlich rasch produziert. Die Sketchtexte stammen von Mike Müller oder von mir, unser Headwriter Domenico Blass schreibt ab und zu auch einen, sonst niemand. Nur damit das mal gesagt ist.

Aber Sie arbeiten mit Pointenschreibern.

Ja, es gibt eine solche Gruppe. Sie bekommt jeweils am Donnerstag die Themen der Sendung, dann kann sie uns Pointen schicken. Wenn wir eine davon verwenden, wird der Schreiber entlöhnt. Das ist international Usus bei Late-Night-Shows. Ausserdem kommen jeweils drei von ihnen an unsere wöchentliche Inputsitzung.

Wie viel kostet eine Pointe?

Ungefähr 70 Franken.

Im Nachhinein müssen Sie sich Ihre Sendung anschauen. Tun Sie das mit Ihrer Freundin auf dem Sofa?

Nein. Ich sitze alleine auf dem Sofa.

Und wie ist das?

Es ist der härteste Teil meines Jobs. Denn es gibt immer Situationen, in denen ich etwas vermasselt habe. Dann muss ich beschämt wegschauen.

Sie sind streng mit sich.

Ja, Mike Müller und ich sind mit uns selbst am strengsten. Aber am Ende des Tages gibt es nur ein Kriterium für jemanden, der Satire macht: seinen eigenen Geschmack. Was wir gut finden, bringen wir. Wenn du anfängst, dich nach Mehrheiten zu richten oder gar Probeaufführungen durchführst, verlierst du deine Identität. Dann hast du auch keinen Mut mehr, Neues auszuprobieren.

Aber das Schweizer Fernsehen SRF nimmt doch bestimmt Einfluss.

Nein. Dass uns niemand dreinredet, war eine Grundbedingung für uns, diese Sendung zu machen. Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb vom Fernsehen abhängig, das gibt uns eine frische Haltung. Und die Situation ist ja für beide Seiten gut: Wir bescheren dem Sender tolle Quoten und er uns keine Vorschriften.

Selbst bei Kritik am SRF nicht?

Es ist ein viel gescholtenes Unternehmen, wir halten uns mit Kritik auch nicht zurück, machen uns über die Logos lustig oder über die Chefs. SRF hat früh realisiert, dass man Satiremacher walten lassen muss, wenn man Satire will. Anders geht es nicht.

Sie produzieren 30 Sendungen pro Jahr, damit Raum für andere Projekte bleibt. Aktuell haben Sie neben «Giacobbo/Müller» Auftritte in der Boulevardkomödie «Achtung Schwiiz» im Casinotheater Winterthur. Ist es schwierig, den Theatermann vom TV-Satiriker zu trennen?

Trennen muss ich da nichts. Ich spiele im Theater eine andere Figur, es ist ein anderes Medium. Manchmal wird es halt ein bisschen streng, wenn Theater und Fernsehen zusammenkommen, so wie jetzt gerade.

Sind Sie auf der Bühne freier als im Fernsehen?

Freier im Sinne von frecher sicher nicht. Die Form ist anders. Bei einem Theaterstück ist man über zwei Stunden auf der Bühne, man muss das Publikum abholen und den Spannungsbogen bis am Schluss durchhalten. Man kann am Ende nicht sagen: Diese Szene machen wir noch einmal und schneiden am Schluss etwas raus, was man beim Fernsehen theoretisch machen könnte. Ein Publikum zu begeistern, ohne Mikrofon, unverstärkt zu spielen, Dialoge mit anderen Schauspielern – das ist etwas Grossartiges. Fernsehen ist für mich in keiner Hinsicht besser.

Anfang Jahr löste ein TV-Sketch, für den sich Birgit Steinegger das Gesicht schwarz angemalt hatte, eine Grundsatzdebatte über Humor aus. Hat diese Diskussion etwas verändert?

Nein, solche Diskussionen kommen ja immer wieder. Meistens wird dabei nicht sachlich diskutiert, das zeigt auch diese sogenannte «Blackfacing»-Debatte. Es war ein misslungener Sketch – so was passiert jedem Komiker. Aber daraus zu schliessen, Birgit Steinegger sei eine Rassistin, ist absurd. Als ich vor über zehn Jahren Harry Hasler gespielt habe, brandmarkten Feministinnen die Figur als frauenfeindlich. Bei fast allen Figuren hat irgendein Bedenkenträger mal protestiert – ich versuche diese jeweils zu ermuntern, sich statt mit dem eigenen grossartigen Moralkodex doch eher mit dem Verstand zu fragen, wer denn die Satirezielscheibe ist – bei Hasler sicher nicht die Frauen, sondern der Depp, der so daherredet.

Manche Leute denken einfach nicht weit genug.

Ja, aber meist ist nicht das Publikum zu dumm, sondern Berufsempörte entdecken da für sich ein Podium. In der «Blackfacing»-Debatte waren es zwei Kulturschaffende, die auf Missachtung der Antirassismusnorm klagten. Wenn wir so weit sind, dass wir Pointen oder die Satire dem Urteil eines Richters überlassen wollen, dann gute Nacht.

Humor braucht also kein Leitbild?

Um Gottes Willen! Das wäre das Ende.

Wo liegen Ihre persönlichen Grenzen?

Es fordert mich nicht heraus, wenn jemand bereits am Boden liegt und alle auf ihn eintreten, wie bei Geri Müller. Man kann ihn wegen seiner Nahostpolitik kritisieren, aber sicher nicht, weil er blöde Fotos verschickte und sich daraufhin selber als «Tubel» bezeichnete. Schliesslich hat er seine Penisaufnahmen nicht der Hamas geschickt.

Im arabischen Raum wird Humor gegen IS-Terroristen eingesetzt – etwa durch Karikaturen. Es gibt Stimmen, die das pietätlos finden. Andere meinen, Humor könne eine Waffe sein.

Konkret ändern kann Humor oder Satire wahrscheinlich nichts. Aber es kann jemanden beim Weiterdenken helfen, wenn er mal lachen muss. Oder sich mal etwas komplett Absurdes anschaut. Diese Diskussionen gab es schon immer. Darf man Hitler verulken? Er war doch ein Böser, darf man über ihn lachen? Wieso sollte man nicht über ihn lachen dürfen? Das Böse hat sehr wohl seine lächerlichen Seiten. Und ich denke nicht, dass Neonazis einen Sketch amüsant finden, in dem Hitler als Dödel – der er ja nebst Massenmörder auch war – dargestellt wird.

Hat sich Ihr Humor seit dem Anfang Ihrer Karriere verändert?

Lustig ist lustig, überraschend ist überraschend, absurd ist absurd. Das ist gleich geblieben. Verändert hat sich, wie man Humor konstruiert. Wenn man sich zum Beispiel die alten Sketches aus «Viktors Spätprogramm» anschaut, sieht man: Die waren doppelt so lang und viel langsamer geschnitten. Die Ästhetik hat sich verändert und damit auch die Rezeption von Humor.

Humor entsteht oft aus Traurigkeit. Haben auch Sie eine melancholische Basis?

Ja, genauso wie alle anderen Menschen auch. Es gibt viele Leute, die müssen in ihren Jobs funktionieren und gleichzeitig mit ihren depressiven Momenten fertigwerden. Das Klischee vom Clown, der an seiner Traurigkeit besonders zu leiden habe, finde ich kitschig und verlogen. Nehmen wir Robin Williams: Der arme Kerl litt an Depressionen und er hätte auch unter Depressionen gelitten, wenn er kein Komiker gewesen wäre.

Zu einem erfreulichen Thema: Sie sind Initiator und Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur.

Ja, das Haus funktioniert auch nach über zwölf Jahren immer noch – und das vor allem wegen der vielen kreativen Leute, die es am Leben erhalten. Das Haus wird durch Sponsoren finanziert und kommt ohne öffentliche Gelder aus. Trotz treuer Sponsoren – es ist an jedem Jahresende ein Kampf um eine schwarze Null.

Wenn Sie wie im aktuellen Stück selber mitspielen, stürzen sich die Zuschauer auf die Tickets.

Das hat nicht nur mit meinem Namen zu tun – das ist eine Teamleistung von Ensemble, Regie, künstlerischer Leitung. Aber Publikumshits lassen sich nur beschränkt programmieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Institution?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Künstler der jüngeren Generation nachrücken und sich künstlerisch wie finanziell beteiligen. Wenn ich in zehn Jahren hier noch Verwaltungsratspräsident bin, stimmt etwas nicht.

Weil Sie in zehn Jahren in Pension sind? Sie sind 62-jährig …

Nein, aber dann mache ich etwas anderes. Vielleicht meine Zivilschutzkarriere fortsetzen.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, je in Pension zu gehen?

Schwer. Aber ich habe ja auch ein grosses Privileg: Die Wahl, nur noch Projekte in Angriff zu nehmen, auf die ich Lust habe.

SRF plant auf 2016 eine eigene Dramaserie. Wäre nach TV-, Kino-, Theater- und Zirkusauftritten eine Serienkarriere was für Sie?

Nein, das kann Mike Müller besser («Der Bestatter», SRF, Anm. d. Red.). Wahrscheinlicher ist wieder einmal ein Spielfilm.

Wie bewahren Sie sich Ihren jugendlichen Elan?

Ich habe das Glück, mit vielen jungen Leuten zusammenzuarbeiten. Meistens bin ich zwar in diesen Gremien der grösste Kindskopf. Man sollte sich immer die Lust auf Neues bewahren. Ich habe beispielsweise für mein Alter einen eher untypischen Musikgeschmack. Ich liebe Indierock. Die meisten in meinem Alter hören ihre Oldies.

Dann trifft man Sie regelmässig an Konzerten?

Ich bin kein grosser Konzertgänger. Wenn man eine so bekannte Fresse hat, ist das nicht immer nur locker.

Alle wollen ein Selfie?

Ja. Die Leute sind ja immer nett und ich sage sicher nicht Nein. Aber an einem Konzert möchte ich nicht über die Sendung reden und Selfies machen.

Aber wir dürfen jetzt noch ein Selfie mit Ihnen machen?

Gerne. Aber die Hosen lasse ich nicht runter.

Interview: Stefanie Christ Fabian Sommer Giacobbo/Müller: ab 28.9., immer sonntags, 22.15 Uhr, SRF 1.

Achtung Schwiiz!: bis am 4.10. im Casinotheater Winterthur.


Im Gespräch

Wir treffen Viktor Giacobbo im Casinotheater Winterthur. Der 62-jährige Schauspieler, Satiriker und Autor initiierte im Jahr 2000 die privat finanzierte Institution und steht ihr seither als Verwaltungsratspräsident vor. Während er sonntags im Schweizer Fernsehen mit Mike Müller durch die satirische Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» führt, tritt der Winterthurer noch bis zum 4. Oktober mit der Boulevardkomödie «Achtung Schwiiz!» im Casinotheater auf. Es ist ein familiäres Haus mit angegliedertem Restaurant, in dem die Mitarbeiter den Chef duzen und in dem auch kurz vor dem Auftritt noch alle gelassen scheinen.

Auch im Gespräch begegnet uns Viktor Giacobbo ruhig, reflektiert, herzlich. Wer einen aufgedrehten «Schnuri» erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Er nimmt sich Zeit für die Antworten, freut sich über ein vertieftes Gespräch – allzu oft halte ihm jemand unter Zeitdruck ein Mikrofon ins Gesicht. Man spürt: Giacobbo will nicht als Prominenter, der er zweifelsohne ist, wahrgenommen werden, sondern als Kulturschaffender. So werden denn auch Fragen zu seinem Privatleben höchstens mit einem schelmischen Grinsen gewürdigt.

Nach dem Interview mischt sich ein bescheidener Giacobbo unter die Gäste des Theaterrestaurants. Stunden später wird er sie auf der Bühne zum Lachen bringen.stc/fs

«Ich bin der grösste Kindskopf»

22. September 2014, Berner Zeitung, von Stefanie Christ und Fabian Sommer

Montagsinterview · Ade Sommerpause: Am Sonntag startet die Satiresendung «Giacobbo/Müller» des Schweizer Fernsehens in die neue Staffel. Zeit für ein […]

Schweizer und Deutsche „verbrezeln“: Der Kabarettist und Autor Viktor Giacobbo stellt auf dem Freiburger Filmfest seine satirische Dokumentation „Der große Kanton“ vor.

So ganz rund läuft’s ja nicht zwischen den Schweizern und den Deutschen: Steuerflüchtlinge aus Deutschland, das Schweizer Bankgeheimnis, der Schweizer Fluglärm und die Duldung deutscher Arbeitsimmigranten – um nur einige Beispiele zu nennen – sorgen hin und wieder für zwischenmenschliche und zwischenstaatliche Irritationen. Da kommt die „dokumentarische Konversation zur Beilegung eines nachbarschaftlichen Konfliktes“ doch gerade recht: Der Schweizer Autor, Kabarettist, TV-Moderator und Schauspieler Viktor Giacobbo hat in seinem satirischen Dokumentarfilm „Der große Kanton“ viele Interviews geführt, die sich alle um eine These drehen: Wären nicht alle Probleme gelöst, wenn Deutschland der Schweiz als neuer Kanton beiträte?

So absurd dieser Vorschlag ist – es ist ein Heidenspaß sich knapp 90 Minuten lang anzuschauen, mit welchem Ernst, mit welchem Engagement sich die vielen prominenten Interviewpartner mit der Idee auseinandersetzen. Schweizer und deutsche Politiker, Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler sitzen Giacobbo im heimischen Garten oder im Büro gegenüber oder schlendern mit ihm durch Städte und Landschaften und assoziieren, was das Zeug hält. Ex-Außenminister Joschka Fischer hält vor allem die Bayern für nicht Manns genug, sich den Eidgenossen unterzuordnen. Der Schweizer Journalist Roger Schawinski freut sich schon darauf, dass die Schweiz mit dem neuen Kanton dann endlich einen Zugang zum Meer – und Sylt! – bekommt. Linken-Politiker Gregor Gysi verspricht sich, da er selber Schweizer Vorfahren habe, einen weiteren Karriereschub in der Politik, möchte aber nicht, dass alle Deutschen das Verhältnis der Schweizer zum Geld übernehmen.

Klug und ironisch zugleich sind ganz viele Kommentare; Intellektuelle wie Peter von Matt oder Roger de Weck bemühen die gemeinsame Vergangenheit der Nachbarn, finden mehr kulturell verbindendes als trennendes. Großartig ist der Auftritt von Gerhard Polt, der ein berühmtes bayerisches Salzgebäck als Symbol für die natürliche „verbrezelung“ der beiden Nationen nimmt. Elke Heidenreich macht handstreichartig Düsseldorf zur neuen, gemeinsamen Hauptstadt des neuen Landes.

Auch fiktive Persönlichkeiten haben ihren Auftritt in „Der große Kanton“. So spielen etwa die Freiburger Kabarettisten der Truppe Oropax zwei Bodenseeschwimmer, die es schon jetzt nicht mehr in Deutschland aushalten und in der Schweiz Asyl beantragen wollen. Der Schweizer Schauspieler Michael Finger tritt als letzter Nachfahre derer von Habsburg auf, der in dem Schweizer Örtchen gleichen Namens im Kanton Aargau als Landwirt sein Auskommen hat. Und seine Milchkühe der adeligen „Verwandschaft“ eindeutig vorzieht …

Zur Bebilderung seiner Geschichte hat sich der Regisseur teils weit aus dem Fenster gelehnt: Er bedient sich historischen Materials, setzt aber auch schon mal dem Berliner Kanzleramt ein Schweizer Holzdach oben drauf oder versieht eine Passagiermaschine der Lufthansa mit dem Logo „Luftansli“. Dennoch ist Giacobbos satirische Doku nicht etwa nur albern oder nur absurd, sie liefert durchaus Stoff zum nachdenken über das Verhältnis der beiden Nachbarn. Und der Satz eines Schweizers ganz am Ende des Films produziert angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage auch gleich einen Knoten im Hals: „Wer will, kann kommen, der Welt kann es damit doch nur besser gehen.“ Wenn es doch nur so einfach wäre.

„Der große Kanton“ von Viktor Giacobbo läuft im Rahmen des Freiburger Filmfests am Sonntag, 27. 7. um 21.10 Uhr und dam Montag, 28.7., 16.45 Uhr Kino Harmonie. Am Sonntag ist Regisseur Viktor Giacobbo zu Gast.

„Der große Kanton“: Satirische Doku mit Gerhard Polt

27. Juli 2014, Badische Zeitung, von Heidi Ossenberg

Schweizer und Deutsche „verbrezeln“: Der Kabarettist und Autor Viktor Giacobbo stellt auf dem Freiburger Filmfest seine satirische Dokumentation „Der große […]

Wenn Deutschland Teil der Schweiz wäre: Regisseur Viktor Giacobbo hat mit „Der große Kanton“ einen Film mit Unterhaltungswert gemacht

Die Idee ist charmant, zumindest aus Schweizer Sicht: Würde es gelingen, Deutschland einzugemeinden, wären auf einen Schlag ganz viele Probleme gelöst. Möglicherweise würden sich ein paar neue ergeben, aber das vor allem für die Deutschen; die hätten im Kantonsverbund fortan nicht mehr zu sagen als etwa Appenzell.

Natürlich ist das nicht ernst gemeint, aber alle spielen mit: Dokumentarfilmer Viktor Giacobbo hat Menschen aus den Bereichen Politik und Kultur mit dieser Utopie konfrontiert, und jeder trägt seinen Teil dazu bei. Der Schweizer nennt seinen Filmstil eine „dokumentarische Konversation“, und daher besteht das Werk größtenteils aus Interviews. Trotzdem ist „Der große Kanton“ überraschend witzig und entsprechend unterhaltsam, weil viele der Gesprächspartner fröhlichen Unfug verzapfen, ohne eine Miene zu verziehen. Joschka Fischer dreht am ganz großen historischen Rad, Gregor Gysi träumt dank schweizerischer Vorfahren vom dritten politischen Frühling, Frank-Walter Steinmeier fragt sich sorgenvoll, was dann aus den ganzen Steuerfahndern wird, und der Schwabe Cem Özdemir schließt kurzerhand den zukünftigen Regionalflughafen Zürich und erklärt Baden-Württemberg, „wo die Intelligenz sitzt“, zum Kraftfeld des neuen Staatenbunds. Allerdings fürchtet er auch, dass diverse Provinzen umgehend von der Fahne gehen könnten; allen voran die Bayern, die sich mit Südtirol zusammenschließen würden. Nicht minder originell sind die (untertitelten) Schweizer Wortbeiträge, die vor allem mit dem Vorurteil aufräumen, dem Bergvolk mangele es an Selbstironie; und das bezieht sich keineswegs nur auf die Freude darüber, dank des großen Kantons im Norden endlich direkten Zugang zum Meer zu haben.

Natürlich gibt es nebenbei einen Abriss der gemeinsamen deutsch-schweizerischen Geschichte, und selbstredend kommen auch kommunale Vertreter zu Wort, etwa Horst Frank, ehemaliger Konstanzer Oberbürgermeister, oder Thomas Dörflinger, Bundestagsabgeordneter aus Waldshut-Tiengen. Die Improvisationen von Gerhard Polt sind allerdings ungleich witziger, auch wenn sich ein Vergleich verbietet. Aus der Lombardei kommt ein weiterer Vorschlag: Die norditalienische Provinz möchte ebenfalls mit ins Boot, würde der Schweiz daher pro forma den Krieg erklären und sich unmittelbar daraufhin ergeben.

Giacobbo würzt die verschiedenen Ausführungen immer wieder mit amüsanten Spielfilmausschnitten, die selbstredend kommentierende Funktion haben; auch die Musikauswahl treibt den satirischen Ansatz regelmäßig auf die Spitze. Aus dem Rahmen fallen allein die nicht immer treffsicheren kabarettistischen Einlagen. Sie orientieren sich am satirischen Wochenrückblick „Giacobbo/Müller“, den Giacobbo gemeinsam mit Mike Müller für das Schweizer Fernsehen veranstaltet. Davon abgesehen ist „Der große Kanton“ einer der originellsten Dokumentarfilme seit Langem.

Endlich Zugang zum Meer

17. Juli 2014, Südkurier, von Tilmann P. Gangloff

Wenn Deutschland Teil der Schweiz wäre: Regisseur Viktor Giacobbo hat mit „Der große Kanton“ einen Film mit Unterhaltungswert gemacht Die […]

Mit Scherzen über den Islam hat «Giacobbo/Müller» muslimische Kreise erzürnt. Jetzt nimmt Viktor Giacobbo Stellung: Er persönlich habe mehrheitlich positive Reaktionen erhalten.

Herr Giacobbo, Ihre Witze über den Islam haben in muslimischen Kreisen heftige Reaktionen ausgelöst. Überrascht Sie dies?

Dass religiöse Kreise keine Satire verstehen, bin ich gewohnt. Bis jetzt gab es solche Reaktionen aber vor allem von fundamentalistischen Christen. Wenn wir Religion zum Thema machen, passiert dies jedes Mal – egal, ob es um den Katholizismus, Evangelikale oder Scientology geht. Jetzt hat sich einfach gezeigt, dass die Muslime punkto Humor auch nicht besser sind als Christen.

Hatten Sie schon damit gerechnet, dass es Ärger geben wird, als Sie die
Islam-Witze vorbereiteten?

Es ging ja gar nicht um den Islam, sondern um ein Mars-Flugverbot. Wir machen uns keine Gedanken über die Reaktionen, sondern darüber, ob etwas aktuell und satirefähig ist oder nicht. Und wenn eine Religion ihren Gläubigen verbieten will, auf den Mars zu fliegen, dann ist das halt einfach komisch. Wenn der Papst den Katholiken verbieten würde, auf die Sonne zu fliegen, dann würden Muslime darüber auch lachen.

Was für Reaktionen haben Sie persönlich erhalten?

Mehrheitlich positive: Junge Muslime haben mir zum Teil über Twitter mitgeteilt, dass sie über unsere Scherze lachen konnten. Vom Islamischen Zentralrat übrigens bin ich enttäuscht. Von ihm hätte ich eigentlich ein Dankeschön erwartet.

Warum?

Weil wir uns regelmässig über islamfeindliche Schweizer lustig machen – das Minarettverbot ist bei uns mittlerweile ein Running-Gag. In der letzten Sendung sagte ich, dass es auf dem Mars wegen fehlender Minarette aussehe wie in der Schweiz. Und hier darf der Zentralrat dreimal raten, gegen wen das gerichtet war.

Werden Sie in den nächsten Sendungen weitere Islam-Witze bringen?

Es gibt keinen Fünfjahresplan darüber, worüber wir uns lustig machen wollen. Am meisten Stoff liefern immer noch unsere einheimischen Christen. Doch Thema wird, was aktuell ist – ob in der Politik, Wirtschaft oder Religion.

Nach Alexander Tschäppät, Birgit Steinegger und Massimo Rocchi sind nun erstmals auch Sie mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Hatten Sie erwartet, dass es auch Sie einmal treffen wird?

Der Rassismusvorwurf ist in diesem Fall völlig lächerlich. Der Islam vereinigt wie das Christentum fast alle Rassen, uns wegen dieser Witze Rassismus vorzuwerfen, ist daher völlig absurd.

Neben der Religion ist auch die Politik eine häufige Zielscheibe. Gibts auch aus diesen Kreisen heftige Reaktionen?

Es stimmt, in der letzten Sendung haben wir uns mehr über Ueli Maurer lustig gemacht als über Muslime.

Und, hat Maurer sich auch beschwert?

Nein, er konnte immer schon gut einstecken. Die Politiker selber beschweren sich nicht, höchstens ihre Anhänger, die teilweise ebenfalls über einen fast religiösen Eifer verfügen. Das zieht sich übrigens durch alle politischen Lager. Wobei SVP-Anhänger etwas besser einstecken können – gewisse Linke haben dagegen das Gefühl, man dürfe sich nur über Rechte lustig machen.


Twitter-Fight mit Nora Illi:

Auf Twitter hat Viktor Giacobbo sich am Dienstag einen Fight mit Nora Illi geliefert, der Leiterin des Departements für Frauenangelegenheiten beim Islamischen Zentralrat Schweiz. Auf Illis Frage an Giacobbo, ob er den Mut hätte, antisemitische Klischees in gleicher Dichte Juden an den Kopf zu werfen, wie er es bei den Muslimen getan habe, antwortete er der Burkaträgerin: «Hätten Sie den Mut, in einer öffentlichen Debatte Ihr Gesicht zu zeigen?»

«Junge Muslime konnten über die Scherze lachen»

6. Mai 2014, 20 Minuten Online, von Marco Lüssi

Mit Scherzen über den Islam hat «Giacobbo/Müller» muslimische Kreise erzürnt. Jetzt nimmt Viktor Giacobbo Stellung: Er persönlich habe mehrheitlich positive […]

Crowdtalking im Casinotheater: Viktor Giacobbo befragt im Auftrag des Publikums Roger Schawinski. Und Hazel Brugger macht aus dem Gast einen Buchstabensalat.

Es gibt das Jesus-Experiment. Das Stanford-Gefängnis-Experiment. Das Himalaja-Experiment. Das Experiment Selbstversorgung. Und es gibt auch das Ein-Mann-wagt-ein-Experiment-Experiment. Heute ist alles ein Experiment, was Versuch, Beweis, Prüfung oder Comedy ist.

Ein Experiment ist auch das neue Format im Casinotheater, es heisst Crowdtalking: Hier werden, wie das Casinotheater selber sagt, «die Fragen an eine interessante öffentliche Person nicht einfach nur vom Moderator gestellt. Dieser bespricht und verbündet sich vor dem eigentlichen Gespräch mit dem Publikum und plant mit diesem, in Gegenwart des vorerst zum Schweigen verurteilten Gastes, die Gesprächsführung.»

Ein Labor in Sachen Blabla ist also das Casinotheater mit diesem neuen Format. Die Versuchsanlage am Dienstagabend: Viktor Giacobbo befragt im Auftrag des Publikums Roger Schawinski. Und auf einmal war alles viel weniger kompliziert. Es war einfach: ein recht interessanter Abend. Und zwar für alle.

Mehr als ein Doppel-Solo

Die beiden Männer waren einmal nicht allein unter sich, wie sie es sonst immer in wechselnden TV-Formaten sind, sei es Giacobbo bei Schawinski oder Schawinski bei Giacobbo. Crowdtalking ist eben keine Doppel-Soloperformance. Denn das Publikum im Saal darf hier mitspielen. Allein der Casinotheater-Techniker, der aus Ostdeutschland kommt und Viktor Giacobbo am Anfang des Abends das Mikrofon richten sollte, machte hier nicht crowdmässig mit. Er hatte keine erste Frage an Schawinski: «Ich kenne den Mann nicht so.» Man hätte den Mann erfinden sollen.

Zweite Fragen gibt es dann zuhauf. Eine Auswahl: Welcher Schauspieler könnte die Rolle von Schawinski spielen, zum Beispiel in einem Biopic nach seiner Autobiografie? War­um hat Schawinski in Italien nicht einen anderen Hoger als den Pizzo Groppera gesucht, damit Radio 24 auch in Winterthur zu hören gewesen wäre? Was hat Schawinski zum Marathonlaufen gebracht? Wie würde er die Welt neu gestalten? Was ist sein Verhältnis zu Roger Köppel? Und so weiter und so fort, bis zum Haar und zur Farbe des Gesichts. Who cares?

Hazel Brugger, die den ganzen Abend am Rand der Bühne sass, macht dazu die Schnute. Denn sooo interessant sind für die Slam-Poetin die Fragen an Schawinski aus dem Publikum auch nicht: «Es zeigen sich eher ausserkörperliche Erfahrungen.» Hazel Brugger selber macht dann aus Schawinski einen Buchstabensalat – und setzte Vor- und Nachname ganz für sich neu zu risikoschwanger zusammen.

Für das Publikum bleibt aber Schawinski Schawinski: Radiomann, Fernsehmann. Marathonmann. The good looking man. So wie man ihn eben kennt.

Mit Format

Im Gespräch Giacobbo/Schawinski aber erweiterte sich zunehmend das Gebiet. Und da kann Hazel Brugger noch so die Schnute machen: Der Talk hatte Format – eben auch mit den Einwürfen des Publikums. Es war ein sehr lockeres Gespräch, mit kleinen Frotzeleien, natürlich – aber auch mit Momenten, die sehr persönlich sind. Ein Experiment unter Freunden.

Im Gespräch

27. März 2014, Landbote, von Stefan Busz

Crowdtalking im Casinotheater: Viktor Giacobbo befragt im Auftrag des Publikums Roger Schawinski. Und Hazel Brugger macht aus dem Gast einen […]

Viktor Giacobbo hält es für Unfug, wenn Richter über Satire entscheiden sollen. Im Interview erklärt er, warum verbotene Ausdrücke wie «Neger» die interessantesten sind.

Theatermacher Samuel Schwarz und Lyriker Rafael Urweider wollen Anzeige erstatten gegen das Schweizer Fernsehen wegen eines Sketchs, in dem Birgit Steinegger eine Schwarze spielt – was halten Sie davon?

Ich finde es praktisch, wenn Kulturschaffende keine Diskurse mehr führen, sondern die Frage, ob ein Sketch gelungen ist oder nicht, gleich von Anfang an bei einem Gericht deponieren.

Gut, jetzt bitte noch eine unironische Antwort.

Ich fand diese Nummer auch missglückt. Aber so etwas kommt vor, wenn man Satire macht – ich habe selber einige missglückte Produktionen zu verantworten. Darüber kann man debattieren. Dass nun ausgerechnet zwei Theatermacher, die sich sonst als Provokateure verstehen, gegen andere Künstler klagen, finde ich lächerlich. Sie behaupten, niemand sonst bringe diese Zivilcourage auf; das hat mit Mut gar nichts zu tun, im Gegenteil, es ist feige. Indem man beim Richter petzt, vermeidet man den Diskurs.

Schwarz und Urweider bemängeln, Satire in der Schweiz richte sich zunehmend gegen Randfiguren und Schwächere. Damit zielen sie gegen Ihre Sendung.

Natürlich – schade nur, dass sie uns nicht genannt haben. Jeder kann unsere Sendung Scheisse finden, damit habe ich keine Mühe. Aber offensichtlich wollen Schwarz und Urweider gerne die «Grenzen des guten Geschmacks», ein konservativ-bürgerliches Kriterium, im Strafgesetzbuch festschreiben. Vielleicht wollen sie ganz einfach schlechten Humor verbieten. Wie wärs mit einer Antidilettantismus-Kommission, betreut von der Pro Helvetia?

Die beiden sagen, Ihnen fehle «Reflexion und doppelter Boden». Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Da haben sie bei der inkriminierten Nummer sogar recht. Das Ziel dieser Satire war die Aufregung über den Täschli-Gate-Vorfall und diese Vaudeville-Negerinnen-Figur lenkte nur davon ab. Letztlich ist das eine ästhetische Frage. Ausserdem: Die «schwache Randfigur» in dieser Affäre war ja nicht die Multimillionärin Oprah, sondern die arme Verkäuferin.

Also geht es nur um Ästhetik, wenn sich jemand über Figuren wie Mergim Muzzafer und Fredi Hinz empört?

Die Frage muss doch sein: Auf wen zielt die Pointe und mit welcher Haltung macht der Komiker das? Nehmen wir Mergim Muzzafer. Hört man dem genau zu, dann ist das eine sehr positive Figur, und die Zielscheibe ist nicht er selber, sondern sind die Schweizer. Darauf achtet Mike Müller sehr genau. Bei Harry Hasler empörten sich anfänglich auch die Feministinnen. Wenn man ein Arschloch spielt, rechnet man halt damit, dass der «doppelte Boden» auch erkannt wird.

Verstehen Sie nicht, dass Minderheiten auf Spott vonseiten eines Massenmediums vielleicht sensibler reagieren als Durchschnittsschweizer?

Warum? Warum kann ich üble Schweizer spielen, aber keine üblen Figuren mit dunkler Hautfarbe? Oder gar einen üblen Juden? Die Frage ist: Wird da etwas generalisiert? Sind alle Schweizer Harry Haslers oder alle Inder wie Rajiv Prasad – wie Christoph Mörgeli mir einst vorwarf? Das fände ich tatsächlich problematisch. Mike und ich haben diese Grenzen immer beachtet.

Wie hätten die beiden die Auseinandersetzung denn suchen sollen?

Sie können durchaus die Nummer als misslungen bezeichnen. Dann müssen sie sich aber die Frage gefallen lassen, was es heisst, aktuelle, schnelllebige Satire zu machen. Einen aktuellen Stoff aufzugreifen und ihn sofort umzusetzen, ist etwas anderes, als ein Theaterstück oder Lyrik zu schreiben.

Inwiefern?

Es ist heikler und erfordert sehr schnelle Einfälle. Hin und wieder geht dann halt eine Nummer schief.

Muss man Grenzen überschreiten, um Satire zu machen?

Bei der Frage, was Satire darf, schlafen mir die Füsse ein. Genauso gut könnte man fragen: Was darf Meinung? Grenzen verletzen ist weder witzig noch mutig, das kann jeder zum Beispiel mit Verbalinjurien gegen Politiker. Aber Satire – und das wird die grossen Kulturschaffenden, die genau wissen, wie Satire funktioniert, entsetzen – ist eine Unterhaltungsform. Eine, welche die Realität nicht ausklammert, sondern als Material benutzt.

Welche Verantwortung trägt der Komiker?

Für sein Programm, für seine Witze und seine Haltung. Er hat weder einen didaktischen noch einen kulturellen Auftrag, sondern er muss unterhalten. Das Niveau und die Geschmacksgrenzen legt er selber fest. Das ist wie mit der Gürtellinie. Der eine trägt den Gürtel am Hals und der andere an den Knöcheln.

Gibt es Gruppen, über die Sie keine Witze machen würden?

Ja, jene, die ohnehin immer dran kommen, auf die jeder gratis losgehen darf.

Die Rechten?

Natürlich kommen die immer dran, aber mit ihrem lärmigen Populismus haben sie es auch verdient. Zurückhalten würde ich mich bei jemandem, der ohnehin am Boden liegt. Bei Mörgeli zum Beispiel ist es langsam so weit, da tritt inzwischen jeder nach. Auch bei meinen Strassenumfragen bin ich jeweils vorsichtig. Die wissen zwar alle, dass es sich um eine TV-Aufnahme handelt, aber trotzdem können diese Menschen oft nicht abschätzen, worauf sie sich einlassen.

Aufzuzeigen, dass die Schwachen nicht notwendig die Guten sind, sondern auch ganz schön ärgern können, das macht normalerweise die SVP. Rezyklieren Sie das einfach auf einer humoristischen Ebene?

Das muss ich nicht, denn die SVP rezykliert sich selber. Wenn Mike den Toni Brunner parodiert, dann äussert er sich auch wie Toni Brunner. Wer das dann für unsere Meinung hält, sollte sich keine Satiresendungen anschauen. Und Randfiguren sind deshalb interessant, weil sie Fleisch am Knochen haben, weil sie anders aussehen und reden, das ist seit Jahrhunderten eine Basis für Witze. Entscheidend ist immer: In welches Umfeld setzt sich eine Nummer, was sagt sie aus, was ist ihr Ziel? Dann kann man alles spielen, Schwule, Juden, Neger…

Wieso sagen Sie Neger?

Bei allem Diskurs über Satire: Jeder in meinem Beruf ist so weit Trotz- bzw. Kindskopf, dass er am liebsten Ausdrücke verwendet, die verboten sind.

Können Sie nicht verstehen, dass Schwarze das diskriminierend finden?

Es sind in der Regel nicht die Schwarzen, die die Metaebene nicht verstehen, sondern einheimische Moralanwälte.

Sie machen Ihre Sendung seit 10 Jahren – wurde diese Diskussion früher schon so geführt?

Momentan ist das ein Medienhype. Ein Stadtpräsident lässt sich auf einen gar nicht so schlechten Stand-up-Auftritt ein und macht dabei ein paar uralte Italienerwitze. Wochen später pickt ein Medium die heraus, darauf fühlt sich ein unterbeschäftigter Basler Anwalt persönlich zutiefst betroffen, die mediale Skandalisierung geht weiter. Dann wühlt ein Journalist im Archiv und findet bei Marco Rima eine alte Nummer, die übrigens ebenfalls nicht rassistisch gemeint war. Ich kenne Rima und Steinegger und es ist schwachsinnig, die beiden als Rassisten zu bezeichnen.

Nochmals: Wie haben die Reaktionen sich verändert?

In der Schweiz ist man eigentlich sehr liberal. Als wir mir «Viktors Programm» begonnen hatten, reagierten einige Leute verschreckt, weil das Publikum in der Hauptsendezeit so etwas nicht gewohnt war. Im darauf folgenden «Spätprogramm» gab es etwas weniger Klagen, obwohl wir die Konzession zweimal verletzt haben. Trotzdem lässt man uns bei SRF unsere künstlerische Autonomie. Da könnten sich Tamedia oder Ringier eine Scheibe abschneiden.

Welche Leute regen sich denn meistens auf? Die Betroffenen?

Im Gegenteil. Bei Fredi Hinz gab es von Anfang an eine Gruppe Eltern drogenabhängiger Jugendlicher, die sich ab ihm nervten, aber die Drogenfachstellen, die Junkies selbst, amüsieren sich. Als wir am Bahnhof Stadelhofen Premiere hatten mit «Der grosse Kanton», haben mich die Junkies im gegenüberliegenden Park freudig begrüsst. Probleme gibt es nur mit Leuten, die sich stellvertretend für andere empören.

Das ist ja eine für die Linke typische Haltung. Sind Linke humorloser als Rechte?

Leider häufig ja. Die Linken reagieren in der Regel beleidigter als die Rechten, weil sie es sich weniger gewohnt sind, Satirezielscheibe zu sein.

Die Linke setzt sich eben für die Schwächeren ein.

Wenn sie das in der Praxis machen, finde ich das toll. Aber dieser Kampf gehört vorwiegend auf die politische und weniger auf die juristische Ebene.

Müssen Komiker nun jeden Sketch darauf überprüfen, ob sich nicht jemand diskriminiert fühlen könnte?

Also bitte. Ich bezeichne mich ja selber als Tschingg, da wird bemängelt, dass wir Witze über Dicke machen. Mein Gott, Mike ist dick, ich bin alt und habe abstehende Ohren – wir veräppeln uns ja selber. Ich weiss nicht, wie viel Selbstironie Urweider und Schwarz haben, aber sie ist sicher von Vorteil, wenn man Komik macht.

Neulich fragte eine Moderatorin einer Podiumsdiskussion einen SVP-Politiker, woher seine Putzfrau komme. Danach beschwerte sich die Leiterin eines Putzinstituts, das sei abschätzig. Sind wir überempfindlich geworden?

Das ist die berühmte Political Correctness, die ja selber schon wieder ein Klischee ist, sogar sich darüber lustig zu machen, ist bereits politisch korrekt. Komik ist etwas Anarchisches und der eigene Lachreiz hält sich leider nicht ans Strafgesetzbuch.

Aber ist es nicht wichtig, dass man sich über einen Dieudonné aufregt?

Den finde ich weder komisch noch provokativ, sondern rassistisch beziehungsweise dumm. Dieudonné ist ein erklärter Antisemit, aber auch da frage ich mich: Was nützt es, das zu verbieten? Wenn der französische Staatspräsident sich zu diesem Komiker äussert, dann ist das die beste Werbung für ihn. Ausserdem darf man das Publikum nicht unterschätzen. Glauben Sie, die laufen alle da raus als Antisemiten? Viele werden abgeschreckt reagieren. Solange so einer nicht wirklich zur Gewalt aufruft, soll man ihn spielen lassen. Und natürlich muss sich ein Veranstalter fragen, ob er damit etwas zu tun haben will.

Sie interpretieren die Meinungsfreiheit also sehr weit.

Ja, auch was das Antirassismusgesetz betrifft. Wenn einer den Holocaust leugnet, ist der Fall klar. Aber bei einem abgehangenen Italienerwitz die Antirassismusstrafnorm zu bemühen?

In ihrer Anzeige kritisieren Urweider/Schwarz, dass man sich nach dem Massengeschmack richte, dass also das Publikum das auch noch gutheisse.

Kritiker begreifen in der Regel nicht, dass ihre Meinung nicht wertvoller ist als die Meinung jedes Einzelnen im Publikum.

Dann sind Sie der Meinung: Was Erfolg hat, ist auch gut?

Nein. Ich habe auch schon Witze gemacht und mir gesagt: Diesen Applaus habe ich jetzt zu einfach bekommen. Der Künstler muss selber wissen, ob er den Applaus unter, auf oder sogar über seinem Niveau bekommen hat. Darum sind Urweider und Schwarz ja so rührend, wenn sie sich wegen des niederen SRF-Niveaus entsetzen – Robert Gernhardt hat das mal so auf den Punkt gebracht: Es gibt ebenso wenig niveauvolle Komik wie einen niveauvollen Orgasmus.

«Linke reagieren schnell beleidigt»

18. Januar 2014, Tages-Anzeiger, von Michèle Binswanger

Viktor Giacobbo hält es für Unfug, wenn Richter über Satire entscheiden sollen. Im Interview erklärt er, warum verbotene Ausdrücke wie […]

Viktor Giacobbo ist der bekannteste Sohn der zweitgrössten Stadt des Kantons. Der Satiriker erzählt, warum er nicht von Winterthur loskommt, trotzdem immer wieder weg muss und wo er sich am liebsten aufhält.

Die ganze Schweiz weiss: Er ist Zivilschützer, alt und: Winterthurer. Diese Eckdaten sind ­regelmässig Teil von Running Gags seiner SRF-Sendung «Giacobbo/Müller». Dieser ältere Winterthurer Zivilschützer sitzt nun also entspannt im Foyer das Casinotheaters und stellt sogleich eines klar: «Ich bin kein Berufswinter­thurer.» Der 61-Jährige bettet diesen Satz in eine längere, pointiert vorgetragene Rede wider die Vereinnahmung durch Aussenstehende. Er ist nicht nur als TV-Talker schlagfertig.

Viktor Giacobbo, der Mann, der seit Anfang der 90er-Jahre als Kabarettist aus dem Fernsehen das Land zum Lachen bringt, Filmemacher, ­Kolumnist, Kommentator und Theaterboss in einem ist, lässt sich ungern einordnen, auf etwas festzurren. Auch wenn er in der zweitgrössten Stadt im Kanton geboren ist, hier eine Schrift­setzerlehre absolviert hat und heute mitten im Stadtzentrum lebt, spricht er von Winterthur nur als seinem Wohnort. Mehr nicht. Er sei auf Reisen, sagt er. Diesen Sommer war er monatelang in Nordamerika unterwegs. Dazu oft in Zürich, wo ein Grossteil seiner Freunde lebe. «Zu Winterthur habe ich eine betont pragmatische Beziehung. Ich wohne einfach hier.»

Kein eigentliches Wahrzeichen

Giacobbo, der Ur-Winterthurer, dürfte damit wohl für die Haltung vieler seiner rund 100’000 Mitbewohner stehen. Winterthur inspiriert niemanden zu flammenden Hommagen, dient nicht als Vorlage für opulente Gemälde. Die Stadt hat kein eigentliches Wahrzeichen. Statt eines majestätisch fliessenden Flusses mit direkter Meerverbindung gurgelt nur die Töss durch die brav gewellte Hügellandschaft. Und die gros­sen Seen liegen weit weg. Einer davon ausgerechnet in Zürich, der selbstbewussten, grossmäuligen Kantonshauptstadt, zu der man hier ein ambivalentes Verhältnis pflegt.

Winterthur ist nicht nur optisch unaufgeregt. Auch die Elite – da sind vor allem die einflussreichen, vermögenden Industriellenfamilien wie die Reinharts, Volkarts, Wolfers oder Sulzers – will vor allem eines: nicht auffallen. Protz ist verpönt. Auch die traditionell rote Stadtregierung agiert ebenfalls eher unauffällig und pragmatisch. Publizist Karl Lüönd, selbst in der Region wohnhaft, schrieb jüngst von einer Art knurrendem Einvernehmen mit den Geldleuten. Viktor Giacobbo muss schmunzeln, als er das hört. «Karl hat recht. Es gibt hier keine Partei, die richtig auf Kriegsfuss mit der Wirtschaft steht. Es ist halt so: Hier gibts nicht ständig Lämpen.»

Das war auch so, als Giacobbo mit einer vielköpfigen Gruppe von Kulturschaffenden vor über zwölf Jahren die Idee des Casinotheaters lancierte. Aus dem muffeligen städtischen Veranstaltungslokal an bester Lage sollte ein agiles Theaterhaus mit internationaler Austrahlung werden. Zwar musste vor dem Kauf zuerst eine Volksabstimmung gewonnen werden, aber das Bewusstsein von Behördenseite, dass die Stadt Erneuerung brauchte, war laut Giacobbo immer vorhanden. «Denn Winterthur war schon damals längst keine richtige Industriestadt mehr. Viele Unternehmen hatten ihre Produktionsstätten abgezügelt. Zurück blieben zahlreiche Brachen und leere Hallen, die mit neuen Inhalten gefüllt werden mussten.»

Fixpunkt der Schweizer Comedy Szene

Heute ist das einst abenteuerlich gestartete Projekt zur festen Institution geworden. Deutsche Grössen wie Gerhard Polt oder Dieter Hildebrandt lassen in diesem schmucken Saal gar ihre Shows für die eigenen DVDs aufnehmen. Und für die Schweizer Comedyszene ist Winterthur längst zum Fixpunkt geworden. Viktor Giacobbo spricht von einem starken Werbeträger für die Stadt. «Und das ohne Subventionen!»

Jetzt ist der Satiriker ganz der PR-Fachmann im Dienste seiner Aktiengesellschaft. Er steht nicht nur mit seinem Namen fürs Casinotheater, sondern auch mit seinem Geld. Er habe, sagt Giacobbo, einen grossen Teil seines Vermögens reingesteckt. Warum? «Ich investiere lieber in Ideen, als mein Geld auf der Bank zu horten.»

So ist er auch verfahren bei der Finanzierung seines Dokumentarfilms «Der Grosse Kanton», der in diesem Sommer in den Kinos erfolgreich gelaufen ist. Alles passierte in Eigenregie. So hat er sich künstlerische Unabhängigkeit bewahren können. Festzurren lässt er sich eben nicht gerne. Diese Freiheit wird er sich bewahren wollen: bei einem weiteren geplanten Kinoprojekt, bei der quotenstarken TV-Sendung, die er allsonntäglich weitgehend autonom mit Mike Müller durchboxt. Fix bleibt auch sein Wohnort. Wegziehen aus Winterthur komme für ihn nicht infrage. Die Stadt ist sein Ausgangspunkt, um in Bewegung zu bleiben. «Und das darf man ja vielleicht auch mal sagen: Winti ist mittlerweile auch sexy. Ein bisschen zumindest.»

MEIN WINTERTHUR:

Ristorante Sottovoce
Capo Michele war früher bei uns im Restaurant des Casinotheaters Chef de Service. Jetzt führt er zusammen mit seiner Frau dieses kleine italienische Restaurant hinter dem Bahnhof. Es ist nicht etepetete, eher deftig und hat eine einfache, übersichtliche und gute Karte. Wenn ich bei Michele esse, nehme ich meist die herr­lichen Mistkratzerli, nicht gerade typisch italienisch. Wartstr. 24. www.ristorantesottovoce.ch

Vollenweider
Unsere Traditionskonditorei hat die besseren Luxemburgerli, wie ich finde. Beim Vollenweider mitten in der Altstadt ?heissen diese süssen kleinen Dinger aber Macarons. Seit kurzem können sich ja auch die Stadtzürcher davon überzeugen. Der Vollenweider hat beim Opernhaus einen neuen Standort. Meine absoluten Lieblinge sind die Zitronen­törtchen. Kollege Mike Müller mags –natürlich! – etwas grösser: die Giraffentorte mit Schokoladenstückchen. Marktgasse 17. Standort Zürich: Theaterstr. 1 www.vollenweiderchocolatier.ch

Portier
Ich muss gestehen: Ich war noch nie an einem Konzert in dieser kleinen Bar auf dem Sulzerareal. Ich habs einfach noch nie geschafft, hinzugehen. Dabei schaue ich jeden Monat das Programm an und weiss, dass mich ganz viele Bands, die dort spielen, interessieren. Das Portier tüpft voll meinen Musikgeschmack. So Indierock- und Singer-Songwriter-Sachen. Lagerplatz 3 www.lagerplatz.ch/portier

Museum Oskar Reinhart
Wir haben ja im Casinotheater regelmässig Künstler aus Deutschland. Wenn ich denen sage, dass Friedrichs «Kreidefelsen auf Rügen» bei uns in Winterthur hängt, staunen die nicht schlecht. Dieses Bild ist ja so etwas wie das Nationalbild von Deutschland. Ein Besuch im Museum Oskar Reinhart lohnt sich aber auch sonst, Meister wie Hodler oder Anker gibts in diesem schönen Haus zu sehen. Stadthausstr. 6 www.museumoskarreinhart.ch

Eschenberg
Pro Woche gehe ich in der Regel mehrmals mit meinem Mountainbike auf Tour, meist gehts auf den nahen Eschenberg, am Wildpark Bruderhaus vorbei, dann runter zur Töss, wo der Sauhund wartet. Ich nenne die giftige Steigung ?hinauf zur Kyburg so, weil na ja?.?.?.?weil man da vor lauter Anstrengung ins Fluchen kommt. Der Vorteil: Ich kann ?meinen regelmässigen Weggefährten Domenico Blass dort demütigen und mit einem Antritt stehen lassen. Möglichkeit zur Rast: Restaurant Eschenberg. www.restaurant-eschenberg.ch

Markthalle Trivisano
An der Shoppingmeile Marktgasse ist der Trivisano einer der letzten echten Lebensmittelläden, die sich gegen die grossen cheapen Modeketten behaupten können. Ich gehe aus dieser italienischen Markthalle nie ohne Dolci raus. Da ich ein passionierter Kaffeetrinker bin und zu Hause eine Maschine im Industriedesign habe, weiss ich, dass sie dort auch den exquisiten Ferrari-Kafi aus Dietikon im Sortiment führen. Marktgasse 25 www.markthalle-winterthur.ch

Mein Winterthur: Viktor Giacobbo

14. November 2013, Züritipp, von Yann Cherix

Viktor Giacobbo ist der bekannteste Sohn der zweitgrössten Stadt des Kantons. Der Satiriker erzählt, warum er nicht von Winterthur loskommt, […]

Deutschland als 27 . Kanton der Schweiz? Satiriker Viktor giacobbo befragt in seinem neuen Film Persönlichkeiten beidseits der Grenze, was sie von der Idee halten. Und entlockt ihnen erstaunliche Aussagen.

Viktor Giacobbo, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem politischen Geschehen in der Schweiz. Warum gehen Sie nicht in die Politik?

Politik zu machen oder ein politisch inte­r­essierter Mensch zu sein, sind zwei Paar Hosen. Ich bin sicher, ich wäre kein guter Politiker.

Warum nicht?

Ich hätte schlicht zu wenig Geduld für die langwierigen demokratischen Prozesse. Und für eine Kollegialbehörde könnte ich meine Schnauze nicht halten.

In Ihrem neuen Kinofilm spielen Sie mit der Idee, Deutschland als 27 . Kanton der Schweiz aufzu­nehmen. Ist das nicht etwas absurd?

Natürlich ist es das. Doch die Absurdität ermöglicht erst die Satire. Deutschland wird der Schweiz nicht beitreten.

«Der grosse Kanton» ist ein satirischer Dokumentarfilm. Sie befragen darin Politiker, Wissenschaftler und Künstler, was sie von einem Beitritt Deutschlands zur Schweiz halten. Wie wählten Sie Ihre Gesprächspartner aus?

Ich fragte alle, deren Meinung mich interessierte.

Sie gründeten keine Kommission, um demokratisch auszuwählen?

Nein. Bei den Politikern schaute ich aber, dass unterschiedliche politische Lager ver­treten sind.

Warum kommen nur wenige Frauen zu Wort?

Ich hätte gerne Angela Merkel interviewt. Die Bundeskanzlerin und der CSU-Chef Horst Seehofer sind übrigens die einzigen deutschen Politiker, die auf meine Anfrage nicht antworteten.

Welche Schweizer reagierten nicht?

Ein einziger.

Wer?

Luca Hänni, der Sieger von «Deutschland sucht den Superstar 2012 ». Ein schmerzlicher Verlust für den Film.

Ist das Ihr Ernst?

Aber sicher. Er wird offenbar von seiner deutschen Agentur scharf bewacht.

FDP-Präsident Philipp Müller ist begeistert von der Idee, Deutschland aufzunehmen. Er sagt: «Die Schweiz hat immer und für jedes Problem eine Lösung, selbst für die Deutschen.»

Philipp Müller ist ein dankbarer Interviewpartner. Er fürchtet sich nicht, Pointiertes zu sagen. Im Film übertreibt er es absichtlich. Etwa wenn er sagt, mit den Deutschen müsse man vorsichtig sein: Gebe man ihnen zu viel, nähmen sie alles.

Wer Ihren Film anschaut, staunt, wie gut die Deutschen über unser Land informiert sind.

Das stimmt. Joschka Fischer, der ehemalige deutsche Aussenminister, und Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken, sind beeindruckt von der direkten Demokratie. Obwohl Gysi polemisch fragt: «Wann habt ihr schon wieder das Frauenstimmrecht eingeführt?»

Unser Land agiere zuweilen langsam, findet selbst ein hochrangiger Schweizer, der SBB-Chef Andreas Meyer.

Aber er ergänzt sofort: Wenn wir über etwas abgestimmt haben, wird es gemacht. Im Nachhinein gibt es keine Demos, weil ein Volksentscheid dahintersteht. Das imponiert den Deutschen, vor allem, wenn sie an Stuttgart 21 denken (Anm. d. Red.: ein teures Verkehrsprojekt, das seit Jahren umstritten ist und in Stuttgart zu heftigen Protesten führte).

Weniger Freude werden unsere Nachbarn an Natalie Rickli haben. Die SVP-Nationalrätin fordert, die Deutschen müssten nach einem Beitritt Züritüütsch lernen.

Ich bin gespannt, was Ricklis Parteikol­lege, der Walliser National- und Regierungsrat Oskar Freysinger, dazu sagen wird.

Er müsste einsehen, dass Züri­tüütsch vermutlich leichter zu lernen ist als Wallisertitsch. Apropos Sprache: Der Röstigraben wird nur kurz angesprochen.

Er wäre eines der grossen Probleme. Wir müssten den Welschen neue Rechte geben, ihnen einen Sitz im Bundesrat garantieren. Aber ich gebe zu: Im Film drücke ich mich vor dieser Schwierigkeit.

Sie lassen immerhin SP-Präsident Christian Levrat zu Wort kommen. Er sagt, wenn Deutschland der Schweiz beitrete, würden die Westschweiz und das Tessin erdrückt.

Und darum wäre ein Beitritt nur möglich, wenn Frankreich und die Lombardei ebenfalls zur Schweiz kämen.

Das wäre interessant, zumal die Stärke eines Landes sich daran misst, wie es mit seinen Minder­heiten umgeht.

Das sehe ich auch so. Deshalb müsste man nach dem Beitritt von Deutschland aus der Welschschweiz und dem Tessin geschützte Parks machen. Die Welschen und die Tessiner könnten sich zurücklehnen und sagen: «Hey, wir sind etwas Spezielles. Wir pflegen unsere Eigenart. Wir werden entsprechend subventioniert.»

Was können die Deutschen von uns lernen?

Beeindruckt sind sie von der direkten Demokratie und der wirtschaftlichen Stärke. Früher waren sie das auch von den Banken, in jüngerer Zeit lässt das aber nach.

Sprechen Sie das Schwarzgeld an, das Schweizer Banken horten?

Dass die Schweiz jahrelang als Hehler von Steuerflüchtlingen auftrat, ist fatal. Ich ver stehe nicht, warum Bundesrat und Banken nicht längst den grossen Befreiungsschlag lanciert haben. Der automatische Informationsaustausch wird so­wieso eingeführt. Je länger wir warten, desto mehr leidet unser Ansehen.

Und was können wir Schweizer lernen?

Ich schätze die klare politische Auseinander setzung in Deutschland. Auch im Alltag funktionieren die Deutschen direkter. Sie sagen: «Ich krieg nen Kaffee» und nicht: «Kann ich bitte einen Kaffee haben?»

Daran stören sich viele Schweizer.

Diese Direktheit kann zu Missverständ­nissen führen. Ich amüsierte mich, als SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Kampf gegen Steuerhinterzieher mit der Kavallerie drohte. Natürlich kann man sich fragen, ob es geschickt war, diese ­Redensart zu wählen. Aber die Schweizer sind immer schnell beleidigt: «Hu, der böse Deutsche droht uns. Hu, so brutal.»

FDP-Präsident Philipp Müller sagt: «Die Deutschen funktionieren wie Roboter.» Finden Sie das auch?

Die Deutschen haben etwas Korrektes, Zackiges. Das kann an einen Roboter erinnern. Es sind aber Äusserlichkeiten. Ich würde diese Bezeichnung nicht verwenden, aber wenn es der FDP-Präsident so sieht …

Wie würden Sie die Deutschen charakterisieren?

Sie sind fleissig, lösungsorientiert und ­haben auch kulturell viel zu bieten.

Wo gibt es Unterschiede?

Deutschland ist bürokratischer als die Schweiz, ihr Steuersystem ist eine bürgerfeindliche Zumutung. Probleme gehen unsere nördlichen Nachbarn korrekt-strategisch an. Was sie manchmal daran hindert, Probleme zu lösen.

Was nervt Sie an den Deutschen?

Fast nichts. Höchstens, wenn einer dauernd von Leckerli und Fränkli spricht.

Angenommen, Deutschland würde der Schweiz tatsächlich beitreten – wie hiesse das neue Land?

Der Name Schweiz bliebe bestehen. Einzig der neue Kanton bekäme einen anderen Namen.

Welchen?

Mein Favorit ist Tütschino. Oder Prolo- thurn.

Wenn Sie wählen müssten: lieber Berlin oder Bern?

Zwei extreme Gegensätze, aber beide sind toll. Ich nehme beide.

Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundespräsident Ueli Maurer?

Angela Merkel imponiert mir. Allerdings sähe auch Ueli Maurer in ihren Hosen­anzügen toll aus.

Curry- oder Bratwurst?

Currywurst. Weil ich mir von einem Kanton nicht vorschreiben lasse, ob ich zu meiner Wurst Senf nehme.

Boris Becker oder Roger Federer?

Roger Federer.

Zugspitze oder Matterhorn?

Matterhorn. Aber ohne Beleuchtung.

Heidi Klum oder Nadine Strittmatter?

Nadine Strittmatter. Sie ist schweizerisch bescheidener.

Schloss Neuschwanstein oder Schloss Chillon?

Neuschwanstein. Es ist absurder, kitschiger.

Dieter Hildebrandt oder Emil?

Beide Komiker kenne ich persönlich. Dieter Hildebrandt war mein Jugend­- idol, aber Emil ist der perfekte Schweizer Komiker.

Loreley oder Rütli?

Die Loreley ist sexyer.

Xherdan Shaqiri oder Miroslav Klose?

Beide. Schliesslich werden beide für unsere Nati spie­len.

Sie sagen: «Mein Film ist nicht ganz ernst gemeint.» Trotzdem: Was wollen Sie mit «Der grosse Kanton» erreichen?

Ich habe erreicht, was ich wollte. Die Filmarbeiten machten Spass. Geht nun der eine oder andere ins Kino, freut mich das.

Es geht Ihnen nicht um Völkerverständigung?

Nein, um Unterhaltung. Für Leute, die gerne spannenden Talking Heads zuhören. Wenn der Film dann zur Entspannung im nachbarschaftlichen Streit beiträgt, umso besser.

Würden Sie das Amt des Präsidenten für eine neue Schweiz annehmen?

Ich bin Verwaltungsratspräsident im Casinotheater Winterthur und bereits hier heillos überfordert. Ich hüte mich davor, mich je nochmals irgendwo als Präsident zu bewerben.

«Mein Favorit ist Kanton Tütschino»

16. Mai 2013, Schweizer Familie, von Bruno Bötschi

Deutschland als 27 . Kanton der Schweiz? Satiriker Viktor giacobbo befragt in seinem neuen Film Persönlichkeiten beidseits der Grenze, was […]

Humour • Dans son film «Le grand canton», l’humoriste alémanique Viktor Giacobbo interroge des dizaines de personnalités sur l’adhésion de l’Allemagne à la Suisse.

En Suisse alémanique, un cauchemar particulier se cristallise souvent dans les discussions de bistrot: la Suisse serait sur le point de devenir un Land allemand, l’annexion ne serait qu’une question de temps. ViktorGiacobbo, le satiriste le plusconnu outre-Sarine, a imaginé l’inverse: l’adhésion de l’Allemagne à la Suisse, et il en a fait un film qualifié de «documentaire satirique» – «Le grand canton» – qui sort la semaine prochaine.

Il y donne la parole à une trentaine de personnalités politiques, littéraires ou économiques de Suisse ou d’Allemagne, qui donnent leur avis, pince-sans-rire ou sérieux, sur l’opportunité de l’agrandissement soudain de la Suisse à près de 90 millions d’habitants (voir ci-dessous).

Document humoristique

«Le genre du documentaire satirique n’est pas très connu chez nous, mais il a un certain succès aux Etats-Unis, explique Viktor Giacobbo. Je suis un fan de l’humoriste américain Bill Maher, qui a réalisé «Religulous» («Relidicule», 2008). On pourrait aussi citer Michael Moore. Mon rêve, pour un prochain film, serait de réaliser un documentaire satirique mais joué par des acteurs.»

Des scènes jouées, il y en a déjà quelques-unes, dans «Der grosse Kanton». Celle montrant des réfugiés allemands tentant de rejoindre, à la nage, la Suisse par le lac de Constance est hilarante. Mais ces moments sont rares. L’ensemble du film rappelle plutôt les shows télévisés que Viktor Giacobbo codirige ou dirige – avec un succès quine se dément pas – depuis 1990 (avec une interruption de six ans jusqu’en 2008) à la télévision alémanique.

Un imitateur talentueux

Typographe, puis correcteur et documentaliste, Viktor Giacobbo (61 ans) est une véritable institution, outre-Sarine. Avec un sens consommé de la dérision, mais surtout une grande finesse dans l’observation du monde, Viktor Giacobbo s’est fait connaître grâce à ses personnages, du frimeur Harry Hasler au fumeur de joints Fredi Hinz, en passant par Debie Mötteli, parfaite cruche zurichoise, l’immigré italien à l’accent plus que prononcé Gian Franco Benelli ou Rajiv Prasad, l’Indien libidineux au sens des affaires sans pareil.

Mais Giacobbo et son équipe sont aussi très forts dans l’imitation. Certains tics de langage – comme le «who cares?» du journaliste et entrepreneur Roger Schawinski – sont devenus célèbres grâce à leur imitation. Gilbert Gress, Moritz Leuenberger, Carla Del Ponte ou Ueli Maurer (imité par Viktor Giacobbo lui-même) sont aussi régulièrement «invités» dans les émissions satiriques, qui engrangent parmi les meilleurs scores de la télévision publique, selon l’humoriste (entre 30 et 40% de parts d’audience).

Levrat est fan

Les «vraies» personnalités se pressent d’ailleurs au portillon. «J’adore aller dans son émission», dit Christian Levrat, qui, maniant lui aussi très bienl’humour – ainsi que l’allemand – y a fait de brillants passages. De son côté, Viktor Giacobbo est convaincu «que les politiciens ont envie de semontrer sous un autre jour et, ainsi, de toucher un autre public.»

Si ses liens avec la Suisse romande sont ténus – il dit avoir un peu honte de parler en anglais avec ses amis Pierre Naftule et Joseph Gorgoni, rencontrés avec le Cirque Knie – la Suisse romande vient à Giacobbo, ou plutôt dans son théâtre, fondé avec d’autres artistes en 2000, le Casinotheater de Winterthour: en décembre, le duo de «120 secondes» s’y produira dans le cadre de sa tournée. C’est la seule date pour laquelle des billets sont encore disponibles. I

Une Suisse à 90 millions d’habitants!

L’idée d’intégrer l’Allemagne à la Suisse, trame du documentaire satirique «Der grosse Kanton», est commentée par une trentaine de personnalités allemandes et suisses, qui se succèdent devant la caméra, parfois goguenardes, souvent franchement amusées et se prenant volontiers au jeu. Le chef de la SSR Roger de Weck, l’éditeur Michael Ringier, le banquier Oswald Grübel, le professeur zurichois Peter von Matt, la conseillère fédérale Doris Leuthard, le chef du PLR Philipp Müller ou Oskar Freysinger ont joué le jeu.

Le président du Parti socialiste suisse Christian Levrat a également été sollicité. «J’aimebeaucoup le basculement de logique opéré par Giacobbo, son ton décalé, surtout sur un sujet sérieux faisant intervenir des éléments identitaires. J’expérimente au quotidien à quel point, dans leurs rapports avec l’Allemagne, les Alémaniques sonttraumatisés.» AG

> www.der-grosse-kanton.ch

Un comique pour sauver la Suisse

11. Mai 2013, La Liberté, von Ariane Gigon

Humour • Dans son film «Le grand canton», l’humoriste alémanique Viktor Giacobbo interroge des dizaines de personnalités sur l’adhésion de […]

Viktor Giacobbo will die Steuerstreitigkeiten und Fluglärmdiskussionen mit Deutschland beenden, indem er den nördlichen Nachbarn in seinem Film «Der grosse Kanton» kurzerhand einverleibt. Eine gute Idee, findet «Screensavers»-Autor Reto Vogt.

Wenn zwei sich streiten… mach einen draus! Eine ziemlich simple Lösung für ziemlich grosse Probleme, mit denen sich derzeit die Verantwortlichen in Bern und Berlin herumschlagen müssen. Der Vorschlag kommt von Viktor Giacobbo – realisiert in seinem satirischen Dokumentarfilm «Der grosse Kanton». Das Konzept lässt sich im Trailer gut nachvollziehen: Giacobbo lässt mehrheitlich deutsche und Schweizer Politiker zu Wort kommen und das grenzenlose Zusammenleben kommentieren. Auf zwei Minuten zusammengeschnippelt durchaus amüsant, aber hält das Konzept knapp anderthalb Stunden Spieldauer stand?

Ich finde: Aber unbedingt! Der Film hat über seine gesamte Spieldauer keinen Hänger. «Der grosse Kanton» unterhält und informiert. Wie Giacobbo SVP-Nationalrätin Natalie Rickli zum Beispiel fünf Meter ennet der Schweizer Grenze nach ihrer Gefühlslage fragt, ist einfach nur herrlich. Auch andere Politiker wie Christian Levrat oder Philipp Müller, sonst nicht gerade für ihren Humor bekannt, kommen sympathisch und witzig rüber, wenn sie über eine Integration Deutschlands sinnieren. Ebenso ihre nördlichen Counterparts Gregor Gysi, Cem Özdemir oder Joschka Fischer. Letzterer allerdings warnt die Schweiz vor dem Schritt. Aber nur wegen den Bayern…

Der Freistaat wird im Film vom Kabarettisten Gerhard Polt repräsentiert. Giacobbo spaziert mit ihm auf der Suche nach geschichtsträchtigen Orten von König Ludwig dem Bayer durch die Landeshauptstadt München. Immer wieder gelingt es Giacobbo, historische Fakten amüsant in den Film einzubauen. Sei es im Gespräch mit einem Italiener in Melegnano oder dem angeblich letzten Habsburger im Aargau, einem mistschaufelnden Bauern. Dieser allerdings ist nicht echt, sondern wird vom Schauspieler Michael Finger gespielt. Genau so wie der Berlin-Auswanderer Frank A. Meyer auf einen Auftritt verzichtet und stattdessen von Mike Müller gemimt wird.

Leider, muss man sagen. Der Film verliert just in den Momenten an Reiz, wo Giacobbo Dr. Klöti und Adolf Hitler spielt oder die erwähnten Schauspieler auftreten. Das liegt gewiss nicht an deren Talent oder Engagement. Die Einspieler passen einfach nicht ins Konzept. «Der grosse Kanton» lebt von den Auftritten ohne Drehbuch. Zum Beispiel wenn das Filmteam bei einer Strassenumfrage in der ehemaligen «Schweizer Kolonie» Rottweil zufällig den örtlichen Nachtwächter trifft und dieser die gesamte Crew in seine Privatwohnung auf einen Schnaps einlädt, oder wenn der Nidwaldner Germanist Peter von Matt Giacobbos Idee mit feiner Ironie kommentiert: «I chönnt mer scho vorschtelle, dass öpper drgägä wäri.»

Tatsächlich. Nicht alle finden eine transparente Glaskuppel auf dem Bundeshaus, Wilhelm Tell auf dem Brandenburger Tor oder die Kantone «Prolothurn» und «Tütschino» eine gute Idee. Ich schon! Nur so könnten wir Schweizer schliesslich behaupten, leckeres Bier zu brauen und guten Fussball zu spielen. Lassen Sie sich ebenfalls überzeugen und sehen Sie sich Giacobbos neusten Film an. Es lohnt sich.

Grenzenloses Vergnügen

10. Mai 2013, Migros-Magazin, von Reto Vogt

Viktor Giacobbo will die Steuerstreitigkeiten und Fluglärmdiskussionen mit Deutschland beenden, indem er den nördlichen Nachbarn in seinem Film «Der grosse […]

Viktor Giacobbo rückt dem nördlichen Nachbarn zu Leibe. Er will auf seine spöttisch-spitzbübische Art die schweizerisch-deutschen Probleme lösen und schlägt vor, Deutschland solle sich der Schweiz anschliessen. Ein Mockumentary mit Pfiff und Biss.

Da stiefelt einer mit der wieder aufgeblühten SVP-Politikerin Natalie Rickli an der deutsch-schweizerischen Grenze entlang und schwadroniert über die kecke Idee, Deutschland als 27. Kanton in die Eidgenossenschaft aufzunehmen. Die Politikerin scheint eher skeptisch, während Literaturkennerin Elke Heidenreich den Gedanken genüsslich weiterspinnt und Fernsehchef Roger de Weck durchaus TV-Vorzüge sieht. Ex-UBS-Chef Oswald Grübel grübelt über die Erledigung des Bankgeheimnisses und Steuerfluchten nach, die dann ja hinfällig wären.

Ex-Aussenminister Joschka Fischer und Linken-Promi Gregor Gysi erkennen staatspolitische Vorteile. Germanist Peter von Matt zitiert Historisches und Ständeratspräsident Filippo Lombardi spekuliert gar mit einer Einverleibung der Lombardei, wie sie eben nach der verlorenen Schlacht 1515 von Marinagno nicht zustande gekommen war. Im April dieses Jahres wurde übrigens – unabhängig von Giacobbos satirischem Streifzug – in Norditalien eine Petition lanciert, die Lombardei zum 27. Schweizer Kanton zu machen. 20’000 Personen sollen diese satirische Provokation unterschrieben haben.

Was wäre, wenn? Giacobbo treibt ein beliebtes Spiel auf die Spitze. Wäre man nicht auf einen Schlag einen Haufen Probleme los – Fluglärm, Steuerflucht, Kavallerie-Bedrohung oder Einkaufstourismus? Und Deutschland hätte endlich wieder einen Top-Tennisspieler, die Schweiz dafür die EU-Mitgliedschaft und europäische Stärke. Giacobbos Provokation gipfelt schliesslich in der Krönung des Brandenburger Tores durch die Freiheitshelden Wilhelm und Walter. Mit einem Schlag wäre die kleine Schweiz ganz gross!

Erstaunlich, wie alle Befragten sich scheinbar ernsthaft mit der ironisch-provokanten These eines deutschen «Anschluss» auseinander setzen. Kaum einer verzieht die Miene, alle spielten brav mit. Übrigens auch ein gewisser Bauer, der als Nachkomme der Habsburger vorgestellt wurde. Da hatte sich der Satiriker einen Scherz erlaubt und unter seine illustren Gesprächspartner eine fiktive Figur (Michael Finger) gemischt. Das Mockumentary bietet bietet nicht nur Auftritte von Mike Müller und andere aberwitzigen Episoden, wenn etwa vermeintliche Boatpeople im Bodensee sich als «Swim-People» entpuppen,sondern auch witzige musikalische Untermalung. Das beginnt mit einem Auftritt von Roman Kilchperger und Heino und hört bei Hazy Osterwald oder Stiller Has noch längst nicht auf.

Kleine Schweiz ganz gross

7. Mai 2013, Cineman, von Rolf Breiner

Viktor Giacobbo rückt dem nördlichen Nachbarn zu Leibe. Er will auf seine spöttisch-spitzbübische Art die schweizerisch-deutschen Probleme lösen und schlägt […]

Die Filmsatire „Der grosse Kanton“ erkundet das Verhältnis der Schweiz zu den deutschen Nachbarn. Willig lassen sich Viktor Giacobbos Gesprächspartner aus Politik, Wirtschaft und Kultur auf ein Gedankenexperiment ein: Was wäre, wenn Deutschland sich der Schweiz als 27. Kanton anschlösse?

Nach der Anrufung der Ventilklausel und einer scharfen Reaktion der EU hat der Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» in seinem Blatt einen Kommentar in Sachen Schweiz publiziert. «Europas Prügelknabe» ist er überschrieben, Koydl stellt eine Frage an den Beginn: Was würde geschehen, wenn jedes Jahr 800 000 Wirtschaftsflüchtlinge aus allen Teilen Europas in Deutschland Lohn und Brot suchten – zusätzlich zu den rund vier Millionen Polen? Wie gelassen würde die Politik reagieren? Wie würden die Schlagzeilen der «Bild»-Zeitung aussehen? 800 000 Einwanderer pro Jahr. «Das», so Koydl, «sind, hochgerechnet auf die Bundesrepublik, die Grössenverhältnisse, mit denen sich die Schweiz seit Jahren herumschlagen muss. Welche Folgen das auf Wohnungsmarkt, Schulen und Infrastruktur hat, kann man sich leicht ausmalen.»

Ein Deutscher verteidigt die Schweiz. Kritisiert, dass sich die Europäer in letzter Zeit immer wieder «die mutmasslich ebenso dickköpfigen wie verschlagenen Eidgenossen» vorknöpfen. Denn die Ursachen «für die kleinen und grossen Fluchten in die Schweiz, sei es von unversteuertem Geld oder von unbeschäftigten Arbeitnehmern», lägen ja nicht in der Eidgenossenschaft, sondern im europäischen Umland. Trotzdem stellt auch Koydl fest: Irgendwie sind die Beziehungen vergiftet. Was also tun? Wie miteinander ins Gespräch kommen?

Viktor Giacobbo greift auf seine Spezialität zurück – die Satire. «Der grosse Kanton» heisst jene Erkundung des deutsch-schweizerischen Verhältnisses, die am 16. Mai in die Kinos kommt. Bei Walter Vintage Möbel & Accessoires an der Geroldstrasse in Zürich steht – oder vielmehr: sitzt – er für Interviews bereit. Während also um uns herum Stühle verkauft und Teppiche gemustert werden, reden wir über Deutschland und über das Verhältnis des Grossen zum Kleinen.

Wie ist der Film entstanden? «Zuerst hatte ich eine formale Idee – ich wollte einen satirischen Dokumentarfilm drehen», sagt Giacobbo. «Dann suchte ich ein Thema – und bin rasch auf das Verhältnis der Schweiz zu Deutschland gestossen. Das hat mit Aktualität zu tun, mit Emotion, mit jedem von uns.» Als Einstieg wählte Viktor Giacobbo dann eine absurde These: Was wäre, wenn Deutschland als 27. Kanton der Schweiz beitreten würde?

Präsentiert wird diese absurde Idee Vertretern von Politik, Wirtschaft und Kultur beider Seiten. Erstaunlich viele der Angefragten lassen sich darauf ein, die Palette reicht von Bundesrätin Doris Leuthard über die Medienunternehmer Roger Schawinski und Roger de Weck bis zum deutschen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und dem Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir. «Natürlich hätte ich gern mit Angela Merkel gesprochen», sagt Giacobbo. «Da habe ich aber nicht einmal Antwort bekommen.» Auch der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer liess nichts von sich hören. «Für ihn habe ich besseren Ersatz gefunden: den Kabarettisten Gerhard Polt.»

In der Tat. Polt stakst durch eine Unterführung und erklärt, hier habe «im Jahr dreizehnhundertundetwas Kaiser Ludwig der Bayer den Gedanken gefasst, denen in Waldstätten endlich die Reichsfreiheit zu gewähren.» Das hat ihn dann so durstig gemacht, dass er wahrscheinlich das Hofbräuhaus aufgesucht hat, um sich mit einer Mass Bier zu stärken.

Mit seinen Gesprächspartnern ist Viktor Giacobbo «mehr als zufrieden» und mag deshalb auch kein Rating veranstalten. Immerhin: Sehr gefreut hat ihn der Nachtwächter von Rottweil, das hundert Jahre lang zur Eidgenossenschaft gehört hat. «Wir haben ihn bei einer Strassenumfrage zufällig getroffen, und er hat dann die ganze Filmcrew zu einem Schnaps nach Hause eingeladen.»

Wenn schon die Rottweiler so freundlich reagieren – warum sind die Beziehungen dennoch so angespannt? «Es gibt da ein paar Konflikte, die mit Landesgrenzen nichts zu tun haben», sagt Giacobbo. «Der Fluglärmstreit ist ein typischer Nutzungskonflikt. Zudem sind wir jahrelang die Hehler der Steuerhinterzieher gewesen.» Schliesslich, kommt er aufs Grundsätzlich-Menschliche zu sprechen: «Wir sind einander unglaublich nahe.»

Da kann durchaus etwas dran sein. Auch wenn die Literaturkritikerin Elke Heidenreich meint, die Schweizer seien «ein putziges kleines Bergvolk, das ich nicht immer richtig verstehe». Sie meint es aber eher sprachlich. Früher habe sie nämlich geglaubt, Lausanne sei der französische, Lugano der italienische Name für Luzern. «Dieser Unsinn muss aufhören, die Schweiz muss einsprachig werden.» Wobei sie die Rechnung ohne den um die Westschweiz besorgten SP-Präsidenten Christian Levrat und ohne Ständeratspräsident Filippo Lombardi gemacht hat – der schon, augenzwinkernd, von der Eroberung der Lombardei träumt.

Auch wenn die Gespräche immer einen satirischen Touch behalten, ist Viktor Giacobbos «Der grosse Kanton» doch auch ein lehrreicher Film geworden. Dazu trägt der Germanist Peter von Matt bei, vor allem aber zwei deutsche und ein EU-Politiker mit Affinität zur Schweiz: Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag, dessen Vorfahren aus der Schweiz stammen, der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer und Michael Reiterer, ehemaliger EU-Botschafter in der Schweiz. Reiterer glaubt, dass man vor einer derartigen Ausweitung der Schweiz «noch ziemlich an der Schweizer Psyche arbeiten müsste». Was Roger de Weck nur bestätigen kann: «Die Deutschschweizer sind gerne eine Mehrheit in der Schweiz, aber sie hassen es, eine Minderheit im deutschsprachigen Raum zu sein.»

Trotzdem: Die Qualitäten der Schweiz sind erkannt. «Sie hat seit Jahrhunderten keinen Krieg mehr geführt, das wäre zweifellos ein Segen für Deutschland», sagt Gregor Gysi. «Auf der andern Seite hat die Schweiz ein Verhältnis zum Geld, das den Deutschen gar nicht gut bekäme.» Recht hat er wohl: Ex-UBS-Chef Oswald Grübel träumt schon von der Vereinigung mit Deutschland: «Dann würde alles unter das Schweizer Bankgeheimnis fallen, und es gäbe keine deutschen Steuersünder mehr.»

Joschka Fischer schliesslich, ein profunder Kenner der Schweizer Geschichte, kann nicht verstehen, weshalb man sich in der Schweiz derart aufgeregt hat über Peer Steinbrücks Drohung mit der Kavallerie. «Mit Kavallerie haben die Schweizer Bauern noch nie Probleme gehabt. Immerhin ist die burgundische Kavallerie von ihnen vernichtet worden.»

Giacobbos Flucht ins Grosse

, St. Galler Tagblatt, von Rolf App

Die Filmsatire „Der grosse Kanton“ erkundet das Verhältnis der Schweiz zu den deutschen Nachbarn. Willig lassen sich Viktor Giacobbos Gesprächspartner […]

Viktor Giacobbo glaubt, die beiden Nachbarn hätten deshalb ein schwieriges Verhältnis zueinander, weil sie sich so ähnlich sind. Sein satirischer Dokumentarfilm holt nun den grossen Kanton heim.

Deutschland tritt der Schweiz bei, das ist die Idee des Films. Nehmen wir sie mal kurz ernst. Ein Wunsch- oder ein Angsttraum für Sie?

Es ist eine absurde Idee, die mich zum Denken gebracht hat und mit der ich meine Gesprächspartner zum lockeren Spintisieren bringen wollte. Es ist ein Gedankenspiel, das anregen will, nicht irgendetwas lösen. Der Film will unterhalten, ohne dass man sein Hirn abschalten muss. Allerdings muss man zuhören wollen.

Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es zwei Dauerbrenner: Fluglärm und Steuern. Beim Fluglärm ist es einfach: Jeder will ihn zum Nachbarn schieben. Im Steuerstreit gibt es Verteidiger des Bankgeheimnisses und Transparenz-Fans, Käufer von Daten-CDs und andere, die das für Hehlerei halten. Ihre Position?

Klar, der Kauf von CDs mit Steuerdaten ist Hehlerei. Aber die Schweiz war auch jahrzehntelang Hehler für deutsche Steuerbetrüger. Ich bin für Transparenz, und ich verstehe auch, dass die Staaten heute mit ihren hohen Schulden ein Interesse daran haben, Steuergelder mit allen Mitteln einzutreiben. Ich verstehe dagegen nicht, dass sich die Schweiz Scheibe für Scheibe abschneiden lässt, statt ein für allemal aufzuräumen. Mittlerweile sind die Banker grössere Realisten als die bürgerlichen Politiker.

Jetzt gibt es den Fall Uli Hoeness, und wenn man die Diskussion verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, Steuerhinterziehung sei mindestens so schlimm wie Kindsmissbrauch. Verstehen Sie das?

Hoeness muss für das geradestehen, was er getan hat, that’s it. Er ist aber auch eine Lichtgestalt, alle haben seine Nähe gesucht. Wenn so einer fällt, ist das Geschrei grösser als bei irgendeinem Industriellen. In Deutschland ist, wenn es um das angebliche Fehlverhalten eines Grossen geht, die Hysterie immer besonders gross. Denken Sie an die Affäre Wulff, wo es jetzt nur noch um ein paar Hundert Euro geht. In Deutschland tobt sich die entfesselte Korrektheit aus, masslos und auch etwas kleinkariert.

Ist das deutscher Perfektionismus, der wieder einmal von einem Extrem ins andere fällt?

Genau den Eindruck habe ich. In Deutschland kommt es schnell zu einer Medienhysterie. Aber wir Schweizer kochen da auch gern mit.

Die Schweiz hat sich in Steuerfragen gegenüber Deutschland widerspenstiger verhalten als gegenüber den USA. Bei den Amerikanern ist man eingeknickt und hat Namen geliefert, selbst gegen eigene Gesetze. Kann man mit den Deutschen anders umspringen, weil die es nicht zum Äussersten kommen lassen, wegen ihrer Vergangenheit?

Was haben die USA gemacht? Sie haben den Ratschlag von Peer Steinbrück umgesetzt. Sie haben nicht nur mit der Kavallerie gedroht, sondern sie eingesetzt. Steinbrück hat recht bekommen: Die Schweiz hat vor der Kavallerie kapituliert oder wenigstens vor den Marines.

Apropos: Steinbrück hätte sich im Film gut gemacht. Warum fehlt er?

Wir haben ihn angefragt, aber eine höfliche Absage von seinem Büro bekommen. Mir gefällt der Steinbrück eigentlich. Er ist kompetent, unterhaltend und spielt mit offenen Karten. Ich habe damals die Aufregung um seinen Spruch mit Peitsche und Kavallerie nicht verstanden. Da haben sich die Schweizer wie Jammerlappen verhalten. Wir reden immer über unsere Eigenständigkeit – aber was für eine Freude haben wir erst, wenn uns jemand im Ausland lobt! Umgekehrt, wenn wir kritisiert werden, sind wir so was von wehleidig.

Bekommt die Schweiz jetzt den Ruf eines Schurkenstaates, weil sie so viel Schwarzgeld versteckt – von Deutschen, von griechischen Reedern, von Diktatoren? Das wäre dann eine neue moralische Schieflage zwischen Deutschland und der Schweiz.

Was Diktatorengelder angeht, waren wir lange tatsächlich ein Schurkenstaat. Das hat sich geändert, heute gehören unsere Kontrollen, wie mir Banker glaubhaft versichert haben, zu den schärfsten der Welt. Aber das Image wird uns noch eine Weile anhaften. In neuen amerikanischen Serien hat der Bösewicht immer noch ein Konto in Genf.

Es wird oft behauptet, die Schweizer hätten einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Deutschen. Aus Ihrer Filmidee spricht eher das Gegenteil: Schweizer können alles besser, deshalb nehmen wir Deutschland auf und lösen seine Probleme.

Wir haben beides, Minderwertigkeitsgefühl und bockigen Nationalstolz. Im Verhältnis zu Deutschland kommt noch etwas Spezielles hinzu, weil wir ja lang zum Deutschen Reich gehört haben und eigentlich eine Abspaltung sind – und diese Abspaltung ist nicht so lang her, wie viele meinen, und sie war auch nicht so heroisch, wie viele meinen.

Was kriegt Deutschland besser hin, was die Schweiz? Was könnte der eine vom anderen übernehmen?

Mir gefällt die Klarheit in der Auseinandersetzung. Ich halte unsere Konkordanzdemokratie für ein Auslaufmodell. Politische Gegner sind zur Zusammenarbeit in einer Kollegialbehörde verdammt, und man merkt immer mehr, dass das nicht klappt. In einer parlamentarischen Demokratie wie in Deutschland kann der Wähler entscheiden, ob er die Regierung behalten oder abwählen will. Wenn wir das übernähmen, hiesse das nicht, dass wir die direkte Demokratie aufgeben müssten. Es könnte weiter Referenden und Initiativen geben. So hätten wir vom deutschen und vom Schweizer System jeweils das Beste.

Es gibt ein paar Klassiker, wenn man über Mentalitätsunterschiede redet: Das Tempo, die Konfliktfähigkeit. Haben Sie einen Favoriten beim deutschen Wesen?

Die Konfliktfähigkeit. Die ist auch für Satiriker wichtig. Je klarer die politischen Gegensätze, desto besser greift die Satire. Was das Tempo angeht: Wir Schweizer brauchen manchmal länger, bis wir etwas per Volksabstimmung beschliessen, aber der Beschluss wird dann zügig umgesetzt. Volksferne Projekte wie Stuttgart 21 sind bei uns schwer vorstellbar.

In einer immer vernetzteren Welt vertrauen Schweizer Politiker gern auf die eigene Stärke.

Die Vorstellung, allein käme man am besten zurecht, ist rührend. Das zeigt schon die Immigration: Davon hat die Schweiz immer profitiert, sie hat zum Wohlstand beigetragen. Ich finde die Schweizer übrigens nicht nationalistischer als andere Nationen, aber unsere besondere Spielart geht mir natürlich mehr auf den Keks, weil ich hier lebe. Der Kult um die Neutralität – als ob wir die erfunden hätten! Dabei ist sie uns vom Ausland aufgezwungen worden.

Sprechen wir über die Deutschen in der Schweiz. Sind es zu viele? Nehmen sie den Schweizern wirklich die Frauen, die Jobs und die Parkplätze weg?

Bei den Parkplätzen kommen wir uns schon deshalb nicht in die Quere, weil wir parkieren und die Deutschen parken. Aber im Ernst: Ich habe die Deutschen gern. Sie bringen einen anderen Rhythmus ins Leben, bringen neue Elemente ins Land. Mich interessiert doch bei jedem nur: Macht er seine Arbeit gut? Ist er freundlich zu mir? Und als Chef kannst du ein deutsches Arschloch oder ein Schweizer Arschloch haben.

Warum gelingt es, alle drei Jahre eine Mediendebatte anzuzetteln, dass es zu viele Deutsche gibt?

Diese Debatten spielen sich innerhalb der Medien ab. Mit solchen Themen kann man Emotionen wecken, jeder kann mitreden, und man spielt schneller mit niedersten Instinkten, vor allem in den Onlinekommentaren – von denen ich denke, dass die sogenannte Qualitätspresse sie abstellen sollte.

Es gibt ein neues Modewort: Zuwanderungsstress.

Ein schönes Wort . . . Wobei nicht klar ist, wer den Stress hat: die Zugewanderten oder die Einheimischen. Ich fühle mich nicht gestresst, solange es sich nicht gerade um Verbrecherbanden handelt.

Haben es Deutsche und Schweizer so schwer miteinander, weil sie sich so ähnlich sind?

Ja. Wir sind uns grundsätzlich ähnlich – arbeitseifrig, ordentlich, leicht spiessig. Die Unterschiede sind Alltagsfolklore.

Sind die Schweizer die besseren Deutschen?

(lacht) Schweizer sind Deutsche.


«Der grosse Kanton»

Was wäre, wenn?

Nach der Schlacht von Marignano 1515 haben die Schweizer allen Grossmachts-ehrgeiz begraben. Sie beschlossen, ein «putziges Bergvolk» zu werden, wie Elke Heidenreich es nennt. Aber das Träumen vom Zugang zum Meer wird wohl noch erlaubt sein. Insbesondere mit den Deutschen, die uns unsere Putzigkeit unter die Nase reiben, haben die Deutschschweizer, die sich gern mit der ganzen Schweiz verwechseln, ja ihre Selbstbewusstseinsprobleme.

Und deshalb hat Viktor Giacobbo für seinen Film «Der grosse Kanton» darüber nachgedacht und etliche deutsche und Schweizer Prominenz darüber nachdenken lassen, wie das wäre, wenn Deutschland in seiner Gesamtheit (und womöglich auch die habsburgischen Erblande) ein Kanton der Schweiz würde, ständisch gleichberechtigt mit den beiden Appenzell. Gewissermassen: damit die dort drüben auch einmal von ihrem hohen Rössli herunterkommen.

Es ist eine sehr ironisch grundierte Unternehmung aus dem Geiste jener leisen Kränkung, die daher rührt, dass diese Schwaben dem Franken immer Fränkli sagen. Die Idee von der Einschweizerung Deutschlands gewinnt an Plausibilität durch den seriösen sittlichen Unernst. Am vergnüglichsten ist der Film dort, wo die, die Giacobbo zum lauten Denken provoziert, auf der Höhe des humoristischen Gedankens sind und die Unseriosität einmal konsequent ernst nehmen. Manche können das.

Joschka Fischer kann es in seinem natürlichen Vonobenherab; er ist ganz bei sich, wenn er den Schweizern erklärt, wie sie am Volksstamm der Bayern zerschellen werden. Peter von Matt kann es besonders gut; die Lakonik seiner detailfreudigen Ironie streift die Hochkomik. Manchen aber war die Humorlosigkeit, mit der sie Spass verstehen, einfach nicht auszutreiben. Die sorgen dann für einen rechten Überdruss an der ohnehin zur Monotonie neigenden Dramaturgie der sprechenden Köpfe. (csr)

Der grosse Kanton (CH 2013). 85 Minuten. Regie: Viktor Giacobbo. Mit Joschka Fischer, Doris Leuthard, Philipp Müller, Gerhard Polt, Peter von Matt u. a.

«Der grosse Kanton» läuft ab Donnerstag im Lunchkino im Le Paris.

«Schweizer sind Deutsche»

, Tages-Anzeiger, von Martin Ebel

Viktor Giacobbo glaubt, die beiden Nachbarn hätten deshalb ein schwieriges Verhältnis zueinander, weil sie sich so ähnlich sind. Sein satirischer […]

WIL. Viktor Giacobbo ist erster Botschafter der Stadt Wil. FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter ist überrascht, Stadtpräsidentin Susanne Hartmann lädt den Satiriker zum Essen ein, und SVP-Nationalrat Lukas Reimann hätte Mike Müller gewählt.

Das Lachen, die Fernsehschweiz kennt es. Das Giacobbo-Grinsen, es flimmert am Sonntagabend in die Wohnzimmer. Und genau dieses verschmitzte Lächeln setzt Viktor Giacobbo auf, als er am Montagabend den Stadtsaal betritt. Allen ein Schnippchen geschlagen zu haben, ein solches Lächeln ist es. Denn genau dies ist Wil Tourismus gelungen.

Der Verein ernennt Viktor Giacobbo zum ersten Botschafter der Stadt Wil. Niemand hat mit einer solchen Wahl gerechnet. Im Gegenteil. Giacobbo räumt mit Partner Mike Müller in der Satiresendung «Giacobbo/Müller» Wil regelmässig Platz ein. Es ist nicht immer schmeichelhaft, was über die Stadt gezeigt wird – Stichwort Taliban und Minarette in Wil –, meist drehen es Giacobbo/Müller aber derart ins Absurde, dass es schon wieder witzig, bisweilen sympathisch wirkt (siehe Kasten).
Wiler verstehen Spass

«Einen solchen Preis habe ich nicht erwartet», sagt denn auch Giacobbo, «schon gar nicht von Wil.» Noch nie habe jemand, der von ihm aufs Korn genommen worden sei, so originell reagiert. «Wir Wiler können über uns lachen und verstehen Spass», entgegnet Wil-Tourismus-Präsident Felix Aepli und begründet damit den Entscheid, den Satiriker, Kabarettisten und Schauspieler aus Winterthur zum ersten Botschafter der Stadt Wil zu ernennen.

Es ist eine Wahl, die bei den Wilern gut ankommt. Dies zeigt sich beim Apéro nach der Generalversammlung. Viele sprechen von einem Coup, der Wil Tourismus gelungen ist. So zum Beispiel Stadtpräsidentin Susanne Hartmann. «Mit Giacobbo hat Wil Tourismus eine national bekannte Persönlichkeit zum Botschafter der Stadt ernannt.» Giacobbo sei ein Schwergewicht der Schweizer Humorszene. Die Präsenz in Giacobbos Sendung sei quasi ein veritables Augenzwinkern für Wil. «Ich habe Giacobbo und Müller zu einem Essen nach Wil eingeladen. Zu meiner Freude haben sie spontan angenommen.»
Verein beweist Humor

Auch FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter lobt die Wahl von Giacobbo. «Mit seiner Wahl ist es Wil Tourismus gelungen, alle zu überraschen. Der Verein hat zudem Humor bewiesen.» Sie freue sich, wenn Giacobbo den Namen von Wil in die Schweiz hinaus- trage und sich mit der Stadt verbunden fühle. Giacobbo als guten Preisträger erachtet auch Ortsbürgerpräsident Norbert Hodel. Ein Botschafter müsse nicht zwingend aus dem Ort stammen, findet er. Giacobbo habe Wil bekanntgemacht, auch wenn die Fernsehbeiträge die Stadt nicht immer im besten Licht darstellten. «Doch wichtig ist nicht, was über einen gesprochen wird, sondern, dass über einen gesprochen wird.» Hodel hofft, dass Giacobbo dafür sorgen wird, dass Wil bekannter wird und man in der restlichen Schweiz merkt, «dass die Stadt nicht nur aus dem FC besteht».
Auf einer anderen Flugebene

Überrascht von der Wahl ist auch Jigme Shitsetsang. Der FDP-Präsident ist derart begeistert «vom Coup» von Wil Tourismus, dass er sich spontan als Mitglied anmeldet. Er findet die Idee kreativ, es aber auch mutig, eine Person zu wählen, die sich satirisch äussert. Er erwartet von Giacobbo, dass er den Namen Wil «auf einer anderen Flugebene» in die Schweiz hinausträgt.
Der mit den Fäusten spricht

Gar als «unglaublich raffinierte Idee» bezeichnet Monica Quinter die Ernennung von Giacobbo. Die bekannte Musicaldarstellerin, die neu im Wil-Tourismus-Vorstand Einsitz nimmt, glaubt, dass Giacobbo – «eine national bekannte Persönlichkeit» –, seine Aufgabe durchaus ernst nimmt, aber natürlich mit einer gehörigen Portion Humor. Einer, der mitverantwortlich ist, dass Wil in Giacobbos Sendung auftaucht, ist Lukas Reimann, vor allem wegen seines Engagements für die Minarett-Initiative. Trotzdem findet der SVP-Nationalrat die Wahl «eine originelle Idee».

Dass er Auslöser für Giacobbos bissige Kommentare ist, kann er verschmerzen. «Es ist ja eine Satiresendung.» Auch wenn Reimann erwartet, dass Giacobbo den einen oder anderen Besucher nach Wil lockt, hätte er Müller zum Preisträger ernannt, «weil der Wiler Botschafter auch mal Fäuste brauchen wird».

Ein Augenzwinkern für Wil

1. Mai 2013, St. Galler Tagblatt, von Philipp Haag

WIL. Viktor Giacobbo ist erster Botschafter der Stadt Wil. FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter ist überrascht, Stadtpräsidentin Susanne Hartmann lädt den Satiriker […]

Viktor Giacobbo über die prominenten Darsteller in seinem neuen Film, Einschaltquoten und Partner Mike Müller

Im Foyer des Casinotheaters Winterthur herrscht tagsüber eine stilvolle Leere. Viktor Giacobbo kommt herein – und die Stimmung hellt sich auf. Kaffee wird gebracht, der künstlerische Leiter Nik Leuenberger schneit herein. Kaum vorstellbar, welch grossspurige Annektionspläne der freundliche Theaterpatron Giacobbo in seinem neuen Film wälzt: Deutschland soll ein Teil der Schweiz werden.

Viktor, sind Sie ein Imperialist?

Nein. Ich fordere ja in meinem Film nicht wirklich, dass wir Deutschland annektieren. Ich schlage nur vor, dass wir eine Massnahme prüfen, die viele Probleme lösen könnte.

Würde der Anschluss von Deutschland an die Schweiz tatsächlich Probleme lösen?

Nicht wirklich. Aber der Film soll ja eher unterhalten als Probleme lösen. Am Anfang geht man bewusst naiv an die Sache heran, hat eine tolle Idee . . .

. . . eine absurde Idee . . .

Ja, natürlich ist die Idee absurd. Doch sie hat meine Gesprächspartner – und es sind nicht die unbedeutendsten auf dem politischen Parkett – dazu animiert, darüber nachzudenken. Womit mein Ziel erreicht wäre.

Bundesrätin Leuthard etwa sagt, mit dieser Massnahme könnte man den Deutschen unter die Arme greifen. War es schwierig, sie zum Mitmachen zu überreden?

Nein, überhaupt nicht. Das Gespräch war sehr entspannt. Sie wirkt im Film magistral, aber mit einem leisen ironischen Touch.

Hatte sie keine Angst, dass sie vorgeführt wird?

Nein, sie wollte – wie alle anderen Politiker im Film auch – nicht einmal eine Schlusskontrolle. Ich wollte die Gesprächspartner nicht verarschen, sondern sie zu spontanen Akteuren des Films machen.

Michael Moore hätte das Material boshafter geschnitten.

Vielleicht. Dummerweise bin ich nicht Michael Moore. Das wäre ein anderes Konzept gewesen. Ich wollte eine gewisse gelassene Ernsthaftigkeit drin haben.

Für Gaudi sorgen im Film die aus «Giacobbo/Müller» bekannten Figuren wie Donatella Versace oder Dr. Klöti. Recycling oder neu aufgenommen?

Donatella, die sich für die Lombardei starkmacht, und ein Frank-A.-Meyer-Sketch sind neu. Die anderen haben wir wiederverwendet – allerdings sind das nur Sequenzen von wenigen Sekunden.

Auch die Szene, wo Sie sich als Hitler im Tessin verbunkern?

Ja, das ist eine ganz alte Nummer. Das war noch vor Bruno Ganz.

Waren Sie also der erste Schweizer Hitler?

Höchstwahrscheinlich – ist ja auch egal. Damals brachte der inzwischen verstorbene deutsche Regisseur Christoph Schlingensief zum Entsetzen der Presse ein Stück mit Neonazis auf die Schauspielhaus-Bühne, angeblich, um die Jungs zu therapieren. Da machten wir einen Sketch, in dem Birgit Steinegger Carla Del Ponte war und ich Hitler. Zu Therapiezwecken führten wir gemeinsam einen Dialog aus Shakespeares «Romeo und Julia» auf.

Bissig ist im Film Mike Müllers Karikatur der grauen Eminenz Frank A. Meyer. Eine Korrektur, weil der «Blick»-Verleger Ringier so sympathisch rüberkommt?

Michael Ringier kommt gut rüber, weil er ein humorvoller Mensch ist. Bei uns in der Sendung hatte er mal – mit einem Knopf im Ohr – so getan, als ob ihm Frank A. Meyer die Antworten einflüstern würde. Wenn jemand so selbstironisch ist, kommt er halt sympathisch rüber. Im Film und in der Sendung.

Egal aus welchem politischen Lager er kommt?

Egal! Ob es der SVP-Politiker Toni Brunner ist oder die Grüne Aline Trede wie vor einer Woche – wer über sich selbst lachen kann, macht in einem satirischen Talk das einzig Richtige.

Darum staunen junge Menschen manchmal, dass Ihre Gäste echte Politiker seien?

Es ist tatsächlich so, dass unsere jungen Fans durch das Interesse an der Show auch Interesse für Politik, fürs Zeitgeschehen entwickeln. Erst kürzlich hat mir ein junges Mädchen erzählt, dass es unseretwegen angefangen habe, Zeitungen zu lesen. Das hat mich sehr gefreut.

Sicher nicht traurig waren Sie auch, als Sie erfahren haben, dass die Zuschauerquote von «Giacobbo/Müller» um 150 000 besser ist als bisher angenommen?

Das haben wir eh schon gewusst. Als die Presse schrieb, dass unsere Quote auf 30 Prozent gefallen sei, blieben wir locker. Erstens ist es im internationalen Vergleich für eine satirische Spätsendung sehr viel – ähnliche Shows im Ausland bewegen sich um die 10 Prozent –, und zweitens wussten wir, dass viele unsere Sendung als Podcast runterladen, was sich mit den neuen Zahlen bestätigt hat.

Wie stark beziehen Sie die Erwartungen des Publikums in die Gestaltung Ihres Programms mit ein?

Wir machen nie etwas, nur um dem Publikum zu gefallen. Im Gegenteil. Es gefallen uns nun mal Figuren, die nicht bei allen ankommen.

Welche zum Beispiel?

Boppeler und Stark etwa. Eine Minderheit findet die beiden super. Der Rest – darunter viele Frauen – findet sie grauenhaft. Aber wir mögen die beiden, und darum bleiben sie im Programm.

Nehmen Sie sich vor, wie dicht die Pointen aufeinanderfolgen sollen?

Das ist auch so ein Missverständnis. Wir sind keine Pointenshow. Wir kommentieren.

Oder machen Witze über Mikes Gewicht und Ihr Alter. Ein rettender Running Gag?

Es ergibt sich oft ganz natürlich. (lacht) Das ist allerdings etwas, was die Zuschauer echt lieben. Wenn man persönlich wird. Aber auch hier gibt es diejenigen, die uns auffordern, jetzt mal mit diesen Jokes aufzuhören. Und genau deshalb machen wir damit weiter.

Auf Kritik in der Presse antworten Sie gern mal mit einem bissigen Tweet.

Ja, ich finde Twitter ein tolles Medium. Interessiert mich viel mehr als Facebook. Kurz und inhaltsreich.

Fürchten Sie nicht, im Affekt etwas zu schreiben, was Sie nachher bereuen, wie das einigen Prominenten passiert ist?

Bereut habe ich noch keinen Tweet – auch wenn ich einige als weniger gelungen empfinde. Auf Twitter lässt sich entspannt streiten – auch mit Journalisten. Und natürlich mit meinen Followern.

«Bin aufgeflogen! AZ hat mein Netzwerk aufgedeckt!», twitterten Sie ironisch als Antwort auf die Kritik der «Aargauer Zeitung», dass «Giacobbo/Müller» aus dem Circus Knie sendet.

In diesem strunzdummen Artikel wurde wieder mal das Mafiaklischee herangewürgt, weil ich 2006 im Circus Knie gastierte und 2013 eine Sendung im Knie machte – so what? Die wenigen Journalisten, die da recherchieren, finden schnell heraus, dass ich keinen einzigen Künstler unter Vertrag habe und dass das Casinotheater mit Not und Mühe eine schwarze Null schreibt, weil es auch viel Nachwuchsförderung macht. Wir werden dieses Jahr sogar einen Verlust bekannt geben müssen.

Unabhängig vom Verdacht einer persönlichen Bereicherung – Sie sind schon eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Schweizer Showbusiness.

Natürlich, wenn man es so lange macht wie ich, dann kennt man alle. Deshalb haben wir das Casinotheater ja auch ins Leben gerufen, damit Künstler hier auftreten können und sich wohlfühlen.

Übrigens, was macht Claudio Zuccolini beim Knie falsch?

Als Stand-up-Komiker hat Claudio am Anfang wohl die spezielle Zirkussituation nicht richtig eingeschätzt. Aber er hat reagiert, seine Auftritte umgebaut, und die kommen seither beim Publikum gut an. Und genau darüber könnte die Presse zur Abwechslung jetzt schreiben . . .

Gibt es Regeln für Humor?

Objektive Regeln nicht, denn Humor ist Geschmackssache, sowohl für den Künstler als auch fürs Publikum. Es ist dann der Geschmack des Künstlers, der die Komik ausmacht. Und natürlich hofft er, dass das Publikum seinen Geschmack teilt. Und dann funktioniert es.

Die deutschen Brachialkomiker wie Mario Barth, die ganze Stadien füllen, finden in der Schweiz auch ihr Publikum. Überrascht Sie das?

Überhaupt nicht! Aber nicht jeder Komiker, der grosse Säle füllt, ist ein Brachialkomiker. Divertimento füllen mit einem tollen Programm auch Riesensäle. Andererseits finde ich einen Saal mit 400 bis 700 Plätzen viel schöner als ein Hallenstadion.

Zirkus ist mit Hallenstadion vergleichbar, nicht wahr?

Zirkus ist keine Comedyshow, sondern eben Zirkus, d. h. eine Liveshow mit den unterschiedlichsten Elementen.

Die letzte Gala im Casino war auch eine glamouröse Show mit viel Prominenz.

Ja, aber es waren nicht die üblichen Berufspromis, sondern Persönlichkeiten aus Kultur und Wirtschaft, die unser Haus unterstützen.

Es gab Austern auf dem Buffet und Herren im Smoking. Ist das Casinotheater unser Hollywood?

Viele Smokings habe ich nicht gesehen. Ist mir auch egal – wir sagen den Gästen: «Be beautiful but be yourself.» Immerhin haben wir den roten Teppich weggelassen. Der wird mittlerweile bei jeder Nagelstudio-Eröffnung ausgerollt.

Ihre Freundin Barbara Josef war auch da, ihr Kleid wurde aber in keiner Klatschkolumne abgebildet. Darf sie nicht fotografiert werden?

Das hat sie selber zu entscheiden. Wir finden beide die üblichen Eventfotos mit grinsenden Pärchen recht bescheuert. Sie ist übrigens nicht im Hauptamt meine Freundin, sondern Pressesprecherin von Microsoft Schweiz. Das musste ich kürzlich einer Klatschkolumnistin klarmachen.

Im Film sagt Roger Schawinski, wenn Deutschland und die Schweiz ein Land wären, hätte Christoph Blocher endlich die Heimat, die seinem Ego entspricht. Trifft das auch für Sie zu?

Nein. Ich hatte nie Deutschlandambitionen. Mir scheint das nicht einmal erstrebenswert, dort auf Tournee zu gehen: lange Reisen, schlechte Gagen. Muss nicht sein.

Aber als der Jugendsender Joiz einen Moderator für seine Berlinexpansion suchte, haben Sie sich per Twitter beworben.

Sie sollten meine Tweets nicht so ernst nehmen. Mir ist übrigens der experimentierfreudige Sender sympathisch.

Sie schauen ihn?

Nein. Ich bin ja nicht das Zielpublikum. Mit 61 . . .

Genau, 61 und nicht 84, wie Mike in der letzten Sendung behauptet hat. Bis zu welchem Alter machen Sie noch «Giacobbo/Müller»?

Ich habe noch nie Karriereplanung gemacht. Wir entscheiden nach Gefühl immer auf ein Jahr voraus. Ein Jahr machen wir sicher noch.

Wie gut sind Sie und Mike Müller tatsächlich befreundet?

Unsere Partnerinnen sagen, dass wir wie ein altes Ehepaar miteinander telefonieren.

Wie oft ist das?

Es gibt wenige Tage, an welchen wirs nicht tun.

Was wird da besprochen?

News, Komik, Tiere . . .

Haben Sie Tiere?

Ich hatte mal zwei Katzen.

Also ein Katzen-, kein Hundemensch wie Mike?

Nein, einen Hund hätte ich auch gern. Einen solchen, wie er am Schluss im Film vorkommt, der Hund des amerikanischen Botschafters.

Wird Ihr Film in Deutschland auch gezeigt werden?

Vielleicht läuft er mal als Kuriosität in einem kleinen Kino oder in der Schweizer Botschaft. Eine hochdeutsche Tonspur meines Textes habe ich schon aufgenommen.

Was sollen Zuschauer nach der Premiere sagen?

«Ich habe mich anderthalb Stunden gut amüsiert, und zwar nicht unter meinem Niveau.»

«Der grosse Kanton»

Deutschland als der 27. Kanton der Schweiz? Diesem Gedankenspiel widmet Viktor Giacobbo seinen neuen Kinofilm, den er gemeinsam mit Vega Film und ohne öffentliches Geld produziert hat (Budget: 800 000 Franken). Der Komiker spricht über eine Zusammenlegung beider Länder mit Schlüsselfiguren der deutsch-schweizerischen Politik und Kultur. Weil diese ihrerseits komödiantische Talente offenbaren (köstlich: Peter von Matt, der «Tiefenminarette» fantasiert), funktioniert der Film sehr gut als eine leichtfüssige Gedankenblase. Auftritte von befreundeten Kabarettisten wie Gerhard Polt, Mike Müller und Michael Finger ergänzen den Spass.

Ab 16. 5. in den Kinos

Was wäre wenn: Stimmen zum Anschluss

Michael Ringier, Verleger

«Ringier hat ja auch nach Ungarn und nach Tschechien expandiert, wir sind mit unserer Strategie den Habsburgern gefolgt»

Philipp Müller, FDP-Chef

«Wir kaufen jetzt den Gripen und fräsen ein bisschen entlang dem Bodensee, machen ein wenig Krawall, und dann haben die Deutschen auch den Stink in der Hose»

Doris Leuthard, Bundesrätin

«Mit einem Beitritt zur Schweiz hätte Deutschland natürlich gerade auf einen Schlag das Problem der Eurokrise gelöst»

Joschka Fischer, EX-Aussenminister

«Mit der Kavallerie hatten die Schweizer Bauern nie ein Problem. Die burgundische Kavallerie ging jämmerlich zu Grunde, und Karl dem Kühnen wurde der Kopf abgehauen»

Roger Schawinski, RadioBesitzer

«Die Deutschen bekommen ein bisschen Tessin, wir bekommen Sylt, ich glaube, es geht für alle auf»

Cem Özdemir, Deutscher Grüner

«In einer gemeinsamen Republik werden wir den Regionalflughafen Zürich gar nicht mehr benötigen, das macht man dann alles über Berlin und Frankfurt»

Elke Heidenreich, Literaturpäpstin

«Es heisst nicht Fränkli? Aber es heisst doch Leckerli? Na ja, ihr seid ein putziges, kleines Bergvolk, ich verstehe euch nicht immer richtig»

Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin

«Das ist doch normal, dass man ins Ausland geht, auch für eine SVP-Politikerin»

«Wer über sich selbst lacht, macht das einzig Richtige»

28. April 2013, SonntagsZeitung, von Ewa Hess

Viktor Giacobbo über die prominenten Darsteller in seinem neuen Film, Einschaltquoten und Partner Mike Müller Im Foyer des Casinotheaters Winterthur […]

Viktor Giacobbo (61) über seinen neuen Kinofilm «Der grosse Kanton»

Demnächst kommt «Der grosse Kanton» in die Kinos. Der Film, in dem frühere deutsche Spitzenpolitiker wie Joschka Fischer (64), aber auch Schweizer Parteipräsidenten wie Philipp Müller (60) und Christian Levrat (42) auftreten, handelt von der speziellen Beziehung zwischen der Schweiz und Deutschland. Regisseur und Protagonist Viktor Giacobbo gibt Auskunft.

Warum machen Sie sich über die Deutschen lustig?

Viktor Giacobbo: Mache ich nicht. Im «Grossen Kanton» geht es ebenso um Schweizer wie Deutsche. Komisch-satirisches Potenzial haben höchstens die gegenseitigen Missverständnisse.

Was nervt Sie an Deutschen?

Wenig. Vielleicht «Grüzzi», «Fränkli» oder «Verhüeterli».

Was passiert, wenn Deutschland der Schweiz beitreten würde?

Flughafen- und Steuerprobleme wären nahezu gelöst, wir hätten einen 27. Kanton, eine Autoindustrie und eine Kriegsmarine. Das Bruttosozialprodukt würde explodieren und Angela Merkel wäre Regierungsrätin.

Was können wir von den Deutschen lernen?

Die direkte Sprache und Auseinandersetzung, die Liebe zur Schweiz und die Bevorzugung der Currywurst gegenüber dem Cervelat.

Und was können die Deutschen von den Schweizern lernen?

Ganz sicher die direkte Demokratie. Nach floppenden Grossprojekten wie Stuttgart 21 schauen sie etwas neidisch Richtung Schweiz. In dieser Sache waren sich alle Gesprächspartner im Film einig.

Ihre grösste Erkenntnis?

Ich habe realisiert, dass unser Land während Jahrhunderten zum Deutschen Reich gehörte, auch wenn viele meinen, wir hätten 1291 die Neutralität erfunden. Ausserdem, dass viele Deutsche nicht die Schweiz, sondern eher Bayern als Sonderfall sehen. Es machte auch Spass, einen Low-Budget-Film unabhängig zu realisieren.

Wandern Sie jetzt nach Deutschland aus?

Wieso sollte ich? Bin ja nach «Ernstfall in Havanna» auch hier geblieben.

Warum machen Sie sich über die Deutschen lustig?

3. April 2013, Blick, von Dominik Hug

Viktor Giacobbo (61) über seinen neuen Kinofilm «Der grosse Kanton» Demnächst kommt «Der grosse Kanton» in die Kinos. Der Film, […]

Was Viktor Giacobbo von Beppe Grillos Wahlerfolg hält

Komiker erobern die Politik. Wann werden Sie Bundesrat?

Viktor Giacobbo: Das wäre undenkbar für mich. Erstens bin ich Konkordanz-unfähig. Und zweitens habe ich zu grossen Respekt vor dem, was ein Politiker leistet. Sitzungen wälzen, das wäre nichts für mich. Der Beruf des Satirikers ist es, zuzuspitzen, zu übertreiben und zu unterhalten. Aber zur Lösung von Problemen tragen Satiriker nichts bei. Als Bundesrat würde ich mich für eine Fehlbesetzung halten.

Mit Beppe Grillo erhält in Italien ein Komiker einen Viertel aller Stimmen. Waren Sie überrascht?

Wer Italien kennt, ist nicht überrascht. Diese Unterstützung hat wenig mit Grillo selbst zu tun, sondern mit Italien. Mit seinem wütenden Populismus ist er Berlusconi gar nicht so unähnlich – einfach ohne eigenen TV-Sender. Er wird gewählt, weil er alles andere scheisse findet – das ist ein bisschen wenig für ein Programm.

Was sagt diese Wahl über das Land Italien aus?

In Italien heisst der Hauptfeind: der Staat. Und darum ist es ein weit verbreitetes Ziel, diesen Staat zu hintergehen. Oder ihn, wie Berlusconi, zu seinem privaten Instrument zu machen. Beim kleinen Bürger kann ich das ja noch verstehen.

Aber?

Wenn auch die mächtigsten Leute den Beschiss nötig haben, wenn am Ende jene, die den Staat am besten hintergehen, immer noch am mächtigsten sind, ist das erschreckend. Allerdings ist der italienische Staat ein bürokratisches Monstrum, bei dem die Grenze zwischen Staatsmacht und Kriminalität nicht immer genau auszumachen ist.

Wäre so eine Wahl auch in der Schweiz möglich?

Das ist undenkbar. Das Parteiengefüge ist viel zu gefestigt. Natürlich könnte auch bei uns ein Komiker auf einer Liste kandidieren und in einem Parlament mitarbeiten. Aber ein Erdrutschsieg? Alleine? Nein, das geht nicht.

Wie würde sich Grillo als Minister schlagen?

Er hätte bald Probleme. Weil er sich nicht gewohnt ist, in einem Parlamentsbetrieb zu arbeiten. In seiner Bewegung fehlt es vermutlich an innerem Zusammenhalt. Jetzt denkt das Fünf-Sterne-Bündnis: «Alle anderen sind blöd!» Da haben sie vielleicht sogar recht. Nur denke ich, dass dies zum Regieren nicht reicht.

Wie wird sich die Bewegung des Grillo-Bündnisses entwickeln?

Ich gehe davon aus, dass die Bewegung innert weniger Jahre Probleme bekommen wird. Sie wird an den Ansprüchen der eigenen heterogenen Wählerschicht scheitern. So wie das häufig mit Protestwählern endet. Das jüngste Beispiel sehen wir bei den deutschen Piraten.

Haben Sie Grillo als Komiker einmal kennen gelernt?

Nicht wirklich. Ich kenne ihn nur aus den Medien. Da habe ich auch schon ein Programm von ihm gesehen. Aber zu wenig, als dass ich ihn beurteilen könnte.

Grillo und Silvio Berlusconi haben zusammen die Hälfte aller Stimmen erhalten. Wie denken Sie darüber?

Das macht mich ratlos. Italien war bis vor wenigen Jahren ein Land mit einer spannenden politischen Streitkultur. Und jetzt ist das Niveau derart tief gesunken. Berlusconi, die Karikatur eines Staubsaugerverkäufers, scheint vielen Italienern mit seinem ordinären Prunk zu imponieren. Und der Rest des Landes wird sich weiterhin fremdschämen.

Studien zeigen: Junge Leute informieren sich mit Satire-Sendungen über Politik. Ihre Ausgangslage, gewählt zu werden, wäre eben doch ausgezeichnet.

Ich denke, die Jungen informieren sich gerne bei Satirikern, weil sie wissen: Die sind unabhängig. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, unsere «Fans» würden uns dann auch wirklich wählen. Viel lieber habe ich das Kompliment, das uns mal ein junger Zuschauer machte: Er hätte gerade gemerkt, dass die Politiker, die bei «Giacobbo/Müller» vorkommen, auch wirklich existieren.

«Ich im Bundesrat? Nie!»

27. Februar 2013, Aargauer Zeitung / MLZ, von Etienne Wuillemin

Was Viktor Giacobbo von Beppe Grillos Wahlerfolg hält Komiker erobern die Politik. Wann werden Sie Bundesrat? Viktor Giacobbo: Das wäre […]

Das Verfahren gegen das Schweizer Fernsehen wegen unbefugter Nutzung des öffentlichen Grundes ist Realsatire – und ein Beispiel für Bürokratiewildwuchs.Zürich – Wenn die Geschichte nicht wahr wäre, hätte sie für eine Satiresendung mühsam erfunden werden müssen. Nach dem Stratosphärensprung von Felix Baumgartner vom 14. Oktober planten Viktor Giacobbo und Mike Müller für die Sendung vom 21. Oktober eine Veräppelung der Aktion anhand eines Rekordversuchs mit einem ZVV-Automaten. Um auf dem – meistens menschenleeren – Platz vor dem Hallenstadion filmen zu dürfen, stellten sie bei der Stadtpolizei den Antrag für eine Drehbewilligung. Das Schweizer Fernsehen füllte ein sechsseitiges Vertragswerk aus, in dem unter anderem Angaben zur geplanten Anzahl von WC-Häuschen und zu den Tribünengrössen verlangt wurden. Als Frist zur Erteilung der Bewilligung nannte die Polizei vier Wochen.

Giacobbo und seine Crew filmten daraufhin ohne Bewilligung, wie Tattergreis Jakob Liniger – eine von Giacobbos Figuren – mit Bauchkamera aus zehn Meter Distanz torkelnd einen blauen Billettautomaten ansteuerte und es in 15,96 Sekunden schaffte, ein Tramticket zu lösen. Giacobbo entschuldigte sich in der Sendung vom 21. Oktober öffentlich dafür, dass man illegal gedreht habe. Eine Anfrage an Rekordspringer Felix Baumgartner, in vier Wochen nochmals zu springen, sei abgelehnt worden, witzelte er weiter, weil Sponsor Red Bull «absolut unflexibel» sei.

Ein Fall für den Stadtrichter

In der neusten Sendung vom letzten Sonntag zeigten Giacobbo und Müller prompt einen amtlichen «Verzeigungsvorhalt», den sie vom Kommissariat Gewerbedelikte West erhalten hatten. Grund für das Verfahren: Benützen des öffentlichen Grundes ohne Bewilligung. Die beiden müssen nun innerhalb von zehn Tagen Stellung nehmen, dann geht der Fall ans Stadtrichteramt.

Beim Verfassen des Dokuments innert dreier Wochen musste die Stadtpolizei jedoch ihrem eigenen horrenden Tempo Tribut zollen. Adressiert war die Amtsschrift an «Giaccobo-Müller». Und der illegale Dreh soll sich laut Stapo am «ZSC-Lions Patz» zugetragen haben. Für die beiden Satiriker ein gefundenes Fressen. Da war erstens Giacobbo falsch geschrieben (mit zwei c statt mit zwei b). Zweitens verbinden sich die beiden in ihrer Satiresendung mit Schrägstrich und nicht mit einem Bindestrich wie verheiratete Paare. Dazu kommt der Patzer mit dem ZCS-Lions-Platz.

Giacobbo/Müller liefen am Sonntagabend im Kaufleuten zu Hochform auf – und die Stadtpolizei machte eine zunehmend schlechtere Falle. «Liebe Polizei, ich kenne niemanden, der sich so schreibt», sagte Giacobbo maliziös. Den «ZSC-Lions Patz» habe er bei Google und auf allen Stadtplänen gesucht – «aber einfach nicht gefunden». Und Mike Müller sagte im Stile des gestrengen Schullehrers: «Wir geben euch nun fünf Tage Zeit, das nochmals sauber abzutippen. Mit solchen formaljuristischen Böcken kommt ihr in Strassburg nicht durch.»

Fernsehen vermixt ZSC mit SCZ

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, hat sich am Sonntagabend während der Sendung «köstlich amüsiert», wie er sagt. Beim bürokratischen Irrlauf mit der Drehbewilligung habe sich das Schweizer Fernsehen aber mindestens ebenso ungeschickt angestellt. Das Fernsehen lud nämlich bei der Stadtpolizei fälschlicherweise das sechsseitige Formular für die Bewilligung einer Veranstaltung herunter – das sind Kaliber im Stile eines Züri-Fäschts oder des Sechseläutens. Das einfache Formular für Dreharbeiten hätte genügt. Zudem wollte das Fernsehen angeblich auf dem «SCZ- Lions Platz» filmen.

«Nachdem sich Giacobbo vor drei Wochen mit dem illegalen Dreh öffentlich gebrüstet hatte, mussten wir handeln», sagt Cortesi. «Wir müssen alle gleichbehandeln, auch das Schweizer Farbfernsehen.» Die Schreibfehler im amtlichen Verzeigungsvorhalt nimmt Cortesi auf die Kappe der Polizei. «Wir haben nun in unserem Korrekturprogramm den Namen Giacobbo gespeichert.» Die Anzeigeschrift hat Cortesi gestern nochmals fehlerfrei abgetippt – «und mit der Brieftaube an Giacobbo-Querstrich-Müller geschickt».

Giacobbo von Stadtpolizei verzeigt, weil das Fernsehen patzte

13. November 2012, Tages-Anzeiger, von Ruedi Baumann

Das Verfahren gegen das Schweizer Fernsehen wegen unbefugter Nutzung des öffentlichen Grundes ist Realsatire – und ein Beispiel für Bürokratiewildwuchs.Zürich […]

Viktor Giacobbo werkelt an einem satirischen Dokumentarfilm über das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland. Aus Politik, Wissenschaft und Kunst machen alle willig mit: Endo Anaconda schreibt den Titelsong, von Peter von Matt sind historische Weisheiten und von Oskar Freysinger die musikalische Einlage „Der Elefant im Fliegenland“ zu erwarten. Im Interview erklärt Giacobbo, wieso sich im Film niemand zum Affen macht und kein SVP-Politiker über seinen „Mockumentary“ stolpern dürfte.

 

Das Interview:Herr Giacobbo, Sie arbeiten an einem neuen Film. Worum geht es?

Zuviel verraten möchte ich noch nicht. Was ich sagen kann: Ich arbeite an einem satirischen Dokumentarfilm, einer sogenannten Mockumentary, die mit allen Mitteln des Dokumentarfilms arbeitet, aber gleichzeitig das Genre parodiert. Die Leute, die mitmachen, sind aber echt. Ich habe für den Film mit verschiedenen Persönlichkeiten aus der Schweiz und Deutschland gesprochen – mit Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Denn um das Verhältnis der beiden Staaten soll es im Film gehen. Im Film werden wir dann sowohl eine These als auch eine Lösung bereitstellen, die die Probleme im Verhältnis Schweiz/Deutschland aus der Welt schafft.

Wie sind Sie zur Ausgangslage des Films, dem Verhältnis Schweiz/Deutschland, gekommen?

Ausschlaggebend waren vor allem formale Gründe. Ich wollte schon lange mal einen Dokumentarfilm machen, der zwar mit dokumentarischen Mitteln arbeitet, diese aber gleichzeitig unterläuft. Was ich mit dem Film bewusst nicht will, ist die Gesprächspartner reinlegen. Gar nichts gegen eine gepflegte Verarschung, aber das würde nicht ins Konzept passen. Die Leute, die im Film Auskunft geben, können selber entscheiden, ob sie zu meinen Fragen ironisch oder ernst Stellung beziehen wollen.

Was ist genau Ihre Rolle in dieser Produktion?

Ich gestalte diesen Film, bin unterwegs und spreche mit den verschiedenen Protagonisten. Man sieht mich auch im Bild, wie ich mit diesen Leuten am Sprechen bin. Das Ganze ähnelt damit ‚Religulous‘ von Bill Maher oder vielleicht einem Michael-Moore-Film, einfach ohne moralischen Impetus.

Trifft der Zuschauer auch auf bekannte Figuren von Ihnen?

Nur marginal, vereinzelt erscheint vielleicht ein Zitat einer Figur. Der Film hat zwar ein paar kleinere, gespielte Episoden. Im Allgemeinen bin ich im Film aber Viktor Giacobbo und verstelle mich nicht.

Sie wollen dokumentarische Aufnahmen aus dem Archiv des Schweizer Fernsehens mit Interviews montieren – munkelt „20 Minuten“.

Da munkeln sie richtig. Die Archivaufnahmen sollen unseren Inhalt stützen. Wir machen also keinen Gag-Film, sondern einen Film, der eine kuriose Grundstimmung schafft und politische Unterhaltung bietet. Das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland wird auch stark historisch betrachtet, Stimmen wie Peter von Matt werden sich zu Wort melden. Auch Endo Anaconda wird mitwirken, indem er nämlich den Titelsong extra für den Film schreibt und aufnimmt.

Sie sagen, Sie wollen die Leute im Film nicht veräppeln. Auf 20 Minuten Online ist zu lesen, dass Oskar Freysinger ein eigenes Lied, „Der Elefant im Fliegenland“, singe. Das hört sich schwer danach an, dass sich Freysinger im Film zum Affen macht.

Macht er aber nicht. Das war ganz einfach eine Rechercheleistung von „20 Minuten“, die im Bundeshaus dieses Lied offensichtlich gehört und mich beim Drehen erwischt hat. Warten Sie erst mal den Film ab, was wir daraus machen.

Der Arbeitstitel heisst „Der grosse Kanton“, d.h. bis der Film im Kino läuft, kann sich das durchaus noch ändern.

Vermutlich wird der Film so heissen.

Der „SonntagsBlick“ schreibt, Sie würden im Film erstmals Regie führen.

‚Regie‘ ist das magische Wort, das der „SonntagsBlick“ unbedingt im Titel haben wollte. Ich führe schon bei all unseren Sketches am Fernsehen Regie. In diesem Projekt muss ich vor allem unterwegs sein und dann die Aufnahmen inhaltlich und formal zusammenmontieren, dies im übrigen gemeinsam mit Domenico Blass. Eine klassische Regieleistung ist das nicht.

Die Politiker in Ihrem Film machen offensichtlich bereitwillig mit. Dürfen die ihr eigenes Filmmaterial und die Kontextualisierung im Ganzen vor der Ausstrahlung sehen?

Nein, das wollen sie auch nicht. Es sind alle völlig entspannt, glaube ich. Das liegt daran, dass ich alle genau über unser Projekt aufgeklärt habe und alle wissen, dass sie sich in einer Mockumentary zu Wort melden, einem Film also, der nicht ganz ernst gemeint ist.

Der Film wird also keine weiteren SVP-Politiker zu Fall bringen.

Nein, das glaube ich nicht. So mächtig wird der Film nicht sein. (lacht)

Sie arbeiten mit Vega Film von Ruth Waldburger zusammen. Wieso kooperieren Sie nicht mit dem Schweizer Fernsehen

Das Schweizer Fernsehen unterstützt uns, natürlich auch mit dem Zugriff auf das Archiv. Wir haben aber keine nationalen Filmgelder beantragt. Der Grund ist ganz einfach: Ich wollte mich nicht vor Kommissionen rechtfertigen müssen, was lustig ist und was nicht. Das habe ich einmal erlebt und wollte ich nicht noch einmal erleben.

Beim Ernstfall in Havanna?

Ja, aber auch bei Undercover. Jeder subventionierte Filmemacher muss sich von Kommissionsmitgliedern und Marketingleuten belehren lassen, die noch keine Zeile in einem Drehbuch geschrieben haben. Solche Leute sagen einem dann, wie Komik funktioniert und monieren am Ende noch, es hätte im Film zu wenig starke Frauenfiguren. In diesem neuen Projekt kann ich von A bis Z alles selber gestalten. Wird es ein Flop, so bin ich auch selber schuld.

Wie finanzieren Sie den Film?

Neben dem Fernsehen finanzieren Ruth Waldburger und ich den Film privat. Dementsprechend ist die Produktion vom Aufwand her auch bescheiden. Zum Dreh in Berlin habe ich allein die Kameraausrüstung im Flieger mitgeschleppt.

Ist der Film nun schon abgedreht?

Nein, wir sind noch voll dran, auch wenn das Gegenteil zu lesen war. Viele Interviews sind schon im Kasten, aber es kommt noch einiges dazu. Der Plan ist, dass der Film im späteren Frühling in die Kinos kommt.

„Ich bin im Film Viktor Giacobbo“

9. Oktober 2012, persönlich.com, von Benedict Neff

Viktor Giacobbo werkelt an einem satirischen Dokumentarfilm über das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland. Aus Politik, Wissenschaft und Kunst […]

Dank Viktor Giacobbo ist das Casinotheater Winterthur zum Epizentrum des Schweizer Humors   geworden. In dem Haus fühlt sich Oswald Grübel ebenso wohl wie Moritz Leuenberger. Alles   lustig? Keineswegs, wie ein Blick hinter die Kulissen zeigt.Manchmal, da zieht es Viktor Giacobbos Mundwinkel auseinander, die Backen schwellen an, er versucht sich dagegen zu wehren, vergeblich. Es sind die seltenen Momente, in denen der Kontrollfanatiker und geübte Schauspieler für kurze Zeit die Beherrschung über seine Mimik verliert: «Wir sind nichts ­anderes als ein KMU», sagt er dann stolz und betont, dass sein Casinotheater keine Sub­ventionen erhalte, dass der Betrieb bis zu ­siebzig Mitarbeiter beschäftige, sieben Lehrlinge ausbilde und weit über die Landesgrenze hinaus bewundert werde.

Der bekannteste Komiker der Schweiz hat allen Grund, stolz zu sein: Das Casinotheater feiert in diesen Tagen sein Zehn-Jahr-Jubi­läum. Das Haus ist nicht nur innert kürzester Zeit zur bedeutendsten Unterhaltungsbühne des Landes geworden, sondern auch zum Anziehungspunkt für Wirtschaftskapitäne, TV-Bekanntheiten und Politiker: ein Opernhaus im Kleinformat, allerdings ungezwungener, ganz ohne Dresscode. 70 000 Personen besuchen jährlich eine Vorstellung in dem Haus in der Winterthurer Altstadt, knapp 10 Millionen Franken setzt der Betrieb pro Jahr um, 4,5 Millionen Franken davon mit dem Theater, den Rest im Event- und Gastronomiebereich.

Ein Haufen von Selbstdarstellern

Das Besondere an dem Unternehmen: Das Gebäude gehört den Künstlern, sie sind allein für den Betrieb verantwortlich. Zu den Aktionären gehören Branchengrössen wie Patrick Frey, Kurt Felix, Mike Müller, Fredy Knie, Walter Andreas Müller oder Ursus und Nadesch­kin. Aufgrund seiner schillernden Aktionäre werden die Casino Theater AG und die Casino Immobilien AG gerne als «die lustigsten Aktiengesellschaften der Schweiz» bezeichnet, und Giacobbo kokettiert damit, dass er der einzige Verwaltungsratspräsident sei, der ­zugebe, ein Komiker zu sein. Dies tönt amüsant, hat mit der Realität aber wenig zu tun.

So zuverlässig auf der Bühne die Pointen ­fallen, so ernsthaft und diszipliniert geht es hinter den Kulissen zu und her. Die kürzeste Generalversammlung der beiden Aktiengesellschaften wurde in knapp dreissig Minuten abgehalten; die Abläufe sind strikt, lange Diskussionen selten, Aufstände unzufriedener Aktionäre gab es bisher keine. Nur einmal sorgte ein Vorfall für Heiterkeit: als Patrick Frey, Verwaltungsratspräsident der Immobilien AG, die um zehn Uhr beginnende Generalversammlung verschlafen hatte. Die Disziplin ist in diesem aussergewöhnlichen Betrieb essenziell: Nur dadurch kann dieser Haufen an starken Egos und Selbstdarstellern zusammengehalten werden, nur dadurch konnte dieses kleine Schweizer Theaterwunder Realität werden.

Als Viktor Giacobbo 1999 mit seinem langjährigen Weggefährten Rolf Corver an dem baufälligen Casino-Gebäude im Zentrum Winterthurs vorbeispazierte, stehenblieb und die Idee äusserte, das Haus wieder zum Leben zu erwecken, war für ihn klar: Das funktioniert nur, wenn er die wichtigen Vertreter der Schweizer Komikerszene mit ins Boot holt. Er griff zum Telefon, versuchte Patrick Frey, die Acapickels, Walter Andreas Müller und viele mehr von seinem Ansinnen zu überzeugen – fast alle waren begeistert. Patrick Frey erinnert sich noch gut an den Anruf. «Ich war ziemlich ungläubig: Das Gebäude befand sich in einem miserablen Zustand, das Restaurant war furchtbar schmuddelig. Viktor schlug vor, das Haus der Stadt abzukaufen. Ich zögerte keinen Augenblick, sagte sofort zu.» Frey wurde ­neben Giacobbo zum grössten Einzelaktionär. Wie viel sie investiert haben, wollen sie nicht sagen.

Der Stadt Winterthur kam Giacobbos Angebot gerade recht: Mehrere Projekte zur Sanierung des Gebäudes waren zuvor aus Kostengründen gescheitert. Sie bot Giacobbo das Haus für symbolische 300 000 Franken an und stellte ein zinsloses Darlehen von zwei Millionen Franken in Aussicht. Unter der Voraussetzung allerdings, dass das Theater bei der Stadt nie Subventionen beantragen werde. Alle grös­seren politischen Gruppierungen befürworteten den Deal. Einzelne SVP-Exponenten um den heutigen Nationalrat Alfred Heer ergriffen allerdings das Referendum – gegen den Willen der Partei. Auf den Plakaten stand mit grossen Lettern: «Millionengeschenk für die Linksreichen». Doch Heer hatte gegen den beliebten Komiker keine Chance: Am 21. Mai 2000 sagten 73,3 Prozent der Winterthurer ja zum Verkauf. Heute lobt Heer «grundsätzlich» das Casinotheater, das Referendum sei aber trotzdem nötig gewesen. Giacobbo liess ein «Linksreichen»-Plakat einrahmen, es hängt an einem Ehrenplatz im ersten Stock des Hauses.

Machtspiel unter Komikern

Schon vor der ersten Vorstellung stiess das Haus schweizweit auf eine enorme Sympathiewelle. Giacobbo profitierte von seiner TV-Popularität, alle wollten mit dabei sein. Der Herdentrieb erfasste nicht nur die Künstler: Wirtschaftsleute wie Peter Spuhler (Stadler Rail), Fred Kindle (Ex-ABB) oder der Bankier Thomas Matter unterstützten das Projekt, Politiker zeigten sich begeistert, die Bevölkerung riss sich um Eintrittskarten. Sämtliche Vorstellungen der ersten Eigenproduktion, «Die Eröffnung», waren schon vor der ersten Probe ausverkauft. «Die Künstler waren von einer Euphorie getrieben, man glaubte, nichts falsch machen zu können», erinnert sich der damalige künstlerische Leiter Andrej Togni. «Die ­Eröffnung» wurde zu einem seltsamen bunten Abend, ein Jekami der bekanntesten Schweizer Künstler, die alle ihren kurzen ­Auftritt hatten: von Beni Thurnheer bis zum Chaostheater Oropax, von Joachim Rittmeyer bis zu den Acapickels, moderiert wurde das Ganze von Giacobbo und Frey. Kaum jemand wagte, diese von Kompromiss und Konsens ­geprägte Produktion zu kritisieren. Dabei war sie der eindrückliche Beweis dafür, dass viele grosse Namen kein Garant für eine gute ­Vorstellung sind.

Trotzdem wurden noch mehrere solcher All-Star-Produktionen auf die Bühne gebracht, auf die auch Viktor Giacobbo skeptisch zurückblickt: «Das waren zum Teil Klamaukvorstellungen, die mal mehr, mal weniger gelungen waren.» Zwar kamen die Zuschauer noch immer in Scharen, doch das vorauseilende Wohlwollen nahm ab. «Die beteiligten Künstler wollten auf der Bühne in erster Linie ihre eigene Haut retten», erzählt ein dem Casino­theater nahestehender Komiker. Wenn schon die Produktion nicht überzeugte, waren die Darsteller umso mehr bemüht, wenigstens selbst so gut wie möglich dazustehen – was der Situation nicht zuträglich war.

«Es war der Anfangsirrtum, dass einige Künstler meinten, eine Aktie sei ein Garantieschein, um auf der Bühne präsent zu sein», sagt Viktor Giacobbo. In einem Haus, in dem so viele Leute Ansprüche anmelden, sind harte Entscheidungen unerlässlich. Doch wer hat im Casinotheater tatsächlich das Sagen? Für den Spielplan und die Gastspiele ist der künstlerische Leiter zuständig, über die zwei jährlichen Eigenproduktionen bestimmt eine Stückauswahlgruppe, bestehend aus der Kerngruppe der Künstler. Dazu gibt es noch einen künstlerischen Beirat, dem sämtliche Künstlerak­tionäre angehören, ein «Operettengremium», wie Giacobbo sagt. Und für den Geschäfts­betrieb insgesamt ist der CEO verantwortlich.

Der Handlungsspielraum des künstlerischen Leiters ist in einem solchen Konstrukt beschränkt. Das musste auch Andrej Togni erfahren, der als Erster diese Position besetzte: «In diesem undurchsichtigen Spiel der ­Mächte war es nicht leicht, meine Rolle zu finden, ich fühlte mich manchmal richtig verheizt.» ­Togni, ein erfahrener Theatermann, beging ­einen kolossalen Fehler: Er versuchte gegen die Kerngruppe um Giacobbo, Frey und Mike Müller Widerstand zu leisten. Der Streit ­eskalierte, als Togni die Aufführung von Freys Kinderstück «Wyss wie Schnee» ablehnte. ­Giacobbo sprach ein Machtwort, das Stück kam auf den Spielplan, Togni verliess das Casino­theater. «Wenn die Mehrheit der Künstler­aktionäre anderer Meinung ist als der künst­lerische Leiter, so ergibt eine weitere ­Zusammenarbeit keinen Sinn», sagt Viktor Giacobbo.

Thiel in Champagnerlaune

Die Stückauswahlgruppe entscheidet demokratisch und weist manchmal auch Projekte renommierter Autoren zurück. Einmal lehnte sie ein Stück von Charles Lewinsky ab, der sich als Aktionär der ersten Stunde für das Theater engagiert hatte. «Das sind ganz normale Entscheidungen, wie sie in jedem Theater vorkommen», sagt Lewinsky. Obwohl er sich mittlerweile vom Casinotheater und der Komik entfernt hat, ist er des Lobes voll für das Haus: «Was Giacobbo mit dem Theater erreicht hat, ist noch höher einzuschätzen als seine Leistung im Fernsehen», sagt er. Würde es die Stückauswahlgruppe auch wagen, sich einem Vorschlag Giacobbos zu widersetzen? Er selbst glaubt schon. «Ein eigenes Stück von mir wurde zwar noch nie abgelehnt, aber ich habe schon oft Ideen vorgebracht, die die Mehrheit verworfen hat», sagt er.

Im Casinotheater galt von Anbeginn der Grundsatz: An erster Stelle stehen die auftretenden Künstler. Auch darum gehört das Theater im deutschsprachigen Raum zu den begehrtesten Auftrittsorten. Allerdings musste der Grosszügigkeit rasch Grenzen gesetzt werden. Nachdem der Satiriker Andreas Thiel und sein damaliger Bühnenpartner Wolfram Berger drei Tage lang von der freien Konsumation im Restaurant ausgiebig Gebrauch gemacht und reihenweise Champagnerflaschen geleert hatten, wurde eine Limite eingeführt.

Einschneidender war der inhaltliche Lernprozess. «Ursprünglich war geplant, das Casino­theater als Überraschungshaus zu positionieren», sagt der Kabarettist Joachim Rittmeyer. Dies erwies sich als Wunschvorstellung: Der ökonomische Druck lässt kaum Experimente zu. «Eine schlecht besuchte ­Eigenproduktion kann das Haus gleich in eine Schieflage bringen», sagt Giacobbo. «Die Preisverleihung», ein Stück von und mit ­Joachim Rittmeyer und Patrick Frey, zeigte 2009 knallhart die Grenzen des Projekts Casinotheater auf: Die beiden Komiker liessen im ersten Teil des Stückes nur die Hälfte des Publikums in den Theatersaal, die andere musste draussen warten und wurde mit einem Notprogramm verköstigt. Eine Provokation, die vom Publikum nicht goutiert wurde: Im Durchschnitt blieb über die Hälfte der Plätze leer, in der Kasse klaffte ein riesiges Loch. Diese Erfahrung erschütterte das Selbstverständnis der erfolgsverwöhnten Künstler. Es war ein klares Signal: Das Casinotheater ist kein Selbstläufer. Will man langfristig bestehen, muss man sich konsequent dem Publikumsgeschmack anpassen.

Gab Andrej Togni noch acht, nicht mit Komikern wie den Schmirinskis oder einem ­Peach Weber in Verbindung gebracht zu werden, so hat man heute keine Berührungs­ängste mehr. «Wir können es uns nicht leisten, ein zu enges Programm zu fahren und einige Stile auszugrenzen», sagt Patrick Frey. «Heute sind die Grenzen zwischen Comedy und Kabarett ohnehin nicht mehr so scharf wie noch vor zehn Jahren.»

Ganz subventionsfrei, wie Giacobbo betont, ist das Casinotheater allerdings nicht. So erhielt es zum Beispiel vom Zürcher Lotteriefonds eine Million Franken für den Umbau, nun ist wieder ein Gesuch hängig. Im Gespräch nimmt Giacobbo eine erstaunlich defensive Haltung ein. Wiederholt sieht er sich genötigt, Kritik zu widerlegen, die gar nicht geäussert wurde. Zum Beispiel, er sei ein Mafia­boss, der die gesamte Kabarettszene fest im Griff habe. «Wenn dem so wäre, wäre ich ein miserabler Mafioso; bisher habe ich nur Geld investiert und keines zurückbekommen.»

Dass Giacobbo die mächtigste Figur im Schweizer Humor ist, ist unbestritten. Er kann Künstler mit Einladungen in seine TV-Sendung «Giacobbo/Müller» bekanntmachen, und er kann ihnen eine Auftrittsmöglichkeit im Casinotheater vermitteln, der führenden Kabarettbühne der Schweiz. Von diesen Möglichkeiten macht er gerne Gebrauch. Alle paar Jahre wird ihm dies von einem Journalisten vorgeworfen. Was die Kritiker ausblenden: Macht ist erst dann ein Problem, wenn sie missbraucht wird. Giacobbo kann man einiges vorwerfen – Dünnhäutigkeit, eine gewisse Selbstgefälligkeit, manchmal mässig lustige TV-Sendungen –, aber sicher keinen Machtmissbrauch. Im Gegenteil: Niemand betreibt so viel Nachwuchsförderung wie er, niemand hat so viel für die Szene getan, niemand versteht es, so viele unterschiedliche Künstler und potenzielle Geldgeber zusammenzubringen.

Das Casinotheater Winterthur ist zum wahren Schweizer Volkstheater geworden, einem Ort, wo Oswald Grübel, Moritz Leuenberger und ganz normale Besucher Seite an Seite ungezwungen ein Glas Wein trinken können. Ein Kulturbetrieb mit einer grösseren Ausstrahlung als manch ein hochsubventioniertes Haus. Giacobbo ist sich bei aller Zurückhaltung bewusst, wessen Verdienst das ist. Trotzdem gibt es Dinge, die ihm in seinem Theater missfallen. Schuld daran ist auch sein anderer Arbeitgeber, das Schweizer Fernsehen: «Wenn ich bei einer unserer Kabarettpremieren aus der Vorstellung komme und mir dann jemand von ‹Glanz & Gloria› das Mikrofon vor den Mund hält und fragt: ‹Herr Giacobbo,   färben Sie die Eier selbst an Ostern?›, werde ich richtig zickig.»

Eine ernsthafte Angelegenheit

26. April 2012, Weltwoche, von Rico Bandle

Dank Viktor Giacobbo ist das Casinotheater Winterthur zum Epizentrum des Schweizer Humors   geworden. In dem Haus fühlt sich Oswald Grübel […]

Heute wird Viktor Giacobbo sechzig. Und noch immer ist vollkommen unklar, wer dieser Mann eigentlich ist.Lieber rede er über Themen, die ihn wenigstens ein bisschen interessieren, sagte er kürzlich in einem Interview auf die Frage, weshalb er selten über sich Auskunft gebe. Befragen wir deshalb Viktor Giacobbos Musik- und Literaturgeschmack. Der lässt sich anhand der «CD-Playlist» und der Bücherliste auf seiner Website ermitteln.

Beginnen wir mit den Büchern. Giacobbo mag es voluminös, er ist folglich ein ausdauernder Leser. Ganz zuoberst steht «2666» des chilenischen Autors Roberto Bolaño. Der über tausend Seiten starke, erst posthum erschienene Roman setzt mit einer Mordserie ein, die sich an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ereignet und dann immer weitere Kreise zieht, um schliesslich ein rabenschwarzes Bild des 20. Jahrhunderts zu zeichnen.

Aufs Ganze geht auch Haruki Murakami in seiner Romanserie «1Q84», die inzwischen bei «Buch 3» angelangt ist. Ähnlich wie Bolaño schickt sich der japanische Autor an, den inneren Kern der Gesellschaft zu ergründen, dabei stösst er auf ein dunkles Konglomerat aus geheimen Machtzentren, skrupel- loser Gewalt und fixen Ideen.

Daraus schliessen wir messerscharf: Wie weiland Faust möchte Giacobbo wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die faustische Frage trieb auch Friedrich Dürrenmatt um, der im Verbrechen eine zentrale Antriebskraft vermutete; die umfangreiche Dürrenmatt-Biografie von Peter Rüedi («Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen») steht ebenfalls auf der Liste.

Dicke Post ist das, die man nicht so einfach aus der Hand legt mit dem beruhigenden Gedanken: «Es kommt schon gut.» Eher wird man zum Denken angeregt. Ganz besonders ist das bei Philip Roth der Fall. Von ihm hat Giacobbo «Nemesis» auf der Liste, ein Werk von archaischer Kraft, das Sigmund Freuds Einsicht bestätigt, dass das Glück von der Natur nicht vorgesehen sei. Unterhaltsamer, wobei man seinen Tiefgang nicht unterschätzen sollte, ist der Wiener Schriftsteller Wolf Haas («Auferstehung der Toten»).

Ein Intellektueller

Um die Übersicht zu erleichtern, blenden wir nun das Zwischenergebnis ein. Es mag all jene überraschen, die in Viktor Giacobbo vor allem einen harmlosen Spassmacher sehen: In ihm steckt ein intellektueller Mensch, der sich fürs grosse Ganze interessiert.

Auch in der Musik schätzt Giacobbo Dinge mit geschärftem Profil. Seine Liste umfasst ausschliesslich Rock, mit Ausfahrten in Richtung Folk (zum Beispiel Emmylou Harris) und Country («The Lost Notebooks of Hank Williams»). Fast ganz oben steht zweimal Jack White, zum einen mit den (inzwischen aufgelösten) White Stripes, zum andern mit der genialischen Band The Dead Weather; von den Ersteren das überragende «De Stijl», ein Album voll roher und ergreifender Musik.

Für eine würzig-männliche Note sorgt der unvermeidliche Aufbruch ohne Rückkehr, der in keinem guten Western fehlen darf und etwa von den Avett Brothers im feinen Folk-Album «I and Love and You» vorgetragen wird: «Load? the car and write the note / Grab your bag and grab your coat / Tell the ones that need to know / We are headed north …» beginnt der Titelsong. Auf der Liste ferner die dunkel-euphorischen Kanadier Arcade Fire («The Suburbs»), die Country-Rocker Wilco («The Whole Love») und die vielseitigen Cake aus Kalifornien («Showroom of Compassion»).

Giacobbo schätzt in der Musik edlere Fabrikate der höheren Preisklasse, die sich schon etwas bewährt haben, er ist aber durchaus bereit, Jüngeren eine Chance zu geben – solange sie aus Übersee stammen wie Manchester Orchestra aus Atlanta («Simple Math») und Okkervil River aus Austin, Texas («Im Am Very Far») – oder zumindest eine Verbindung dahin nachweisen können wie das schwedische Folk-Duo First Aid Kit («The Lion’s Roar»), das sage und schreibe auf Platz eins rangiert: zwei blutjunge Sängerinnen um die zwanzig, die mit einem Coversong der Fleet Foxes bekannt wurden.

Ein Zug ins Weite

Hinweise auf heimatgeschützte Produkte aus Switzerland, wie sie Fernsehprominente gerne geben, sucht man vergebens, auch finden sich keine Liedermacher, Panflöten und Streichquartette, ja nicht einmal Britpop. Erdverbunden muss es sein statt kopflastig, rockig im weitesten Sinn, einen Zug ins Weite soll es haben – der ferne Horizont leistet hier dasselbe wie bei den dicken Büchern der Tiefgang: Das Ende darf so schnell nicht abzusehen sein.

Zum Interesse an der Welt als Ganzes, soweit sie in Form von Geschichten präsentiert wird, treten somit die in der amerikanischen Musik gegenwärtigen Mythen; zur Freude am Auffinden verborgener Zusammenhänge tritt der Wunsch, aufzubrechen und alte Illu­sionen hinter sich zu lassen.

Was ist das also für ein Mensch? Wir vermuten, ein neugieriger, unternehmerischer Geist – er wird heute, das erwähnten wir bereits, sechzig Jahre alt. Herzliche Gratulation.

Herr Giacobbo, wer sind Sie eigentlich?

6. Februar 2012, Landbote, von Helmut Dworschak

Heute wird Viktor Giacobbo sechzig. Und noch immer ist vollkommen unklar, wer dieser Mann eigentlich ist.Lieber rede er über Themen, […]

Viktor Giacobbo wird am Montag 60. Warum er nicht darüber reden möchte und mit wem er an seinem Geburtstag streiten wird, sagt er im Telefon-Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Herr Giacobbo, sind Sie gerade beim Zmittag?

Nein, nein, bei mir gibts selten Mittagessen. Um diese Zeit endet bestenfalls das langgezogene Frühstück. Ich esse dann erst abends wieder richtig und zwischendurch viel Süsses.

Kommenden Montag feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Sie haben aber vorgängig per Mail geschrieben, dass Sie eigentlich gar nicht darüber reden wollen.

Nicht weil ich Schwierigkeiten damit hätte – ich rede einfach lieber über Themen, die mich wenigstens ein bisschen interessieren. Aber schiessen Sie nur los.

Liegt es denn am Geburtstag an sich, oder an der Tatsache, dass es der sechzigste ist?

Mir sind Geburtstage einfach nicht so wichtig, sowohl bei mir, als auch bei anderen.

Es gibt am Montag also nicht dieselbe Geburtstagstorte, die Ihnen schon die Mama gebacken hat?

Nein, ich hänge generell nicht so sehr an alten Zöpfen beziehungsweise Kuchen. Ich kenne viele Gleichaltrige, die nur noch an früher denken und vor mindestens 20 Jahren mit Neuerungen aufgehört haben. Deprimierend. Wenn man einigermassen neugierig bleibt, ist das Alter eine super Zeit, auch weil man gewisse Dinge nicht mehr tun muss, die man als jüngerer Mensch musste.

Zum Beispiel?

Am Wochenende zwingend ausgehen.

Sie haben gerade gesagt, man dürfe nicht stehen bleiben. Eine Kritik an Sie ist: Der Giacobbo, der bringt seit Jahren immer dieselben Figuren, einige sogar noch aus «Viktors Spätprogramm».

So? Und dann gibt es die andern, die sagen, ich solle Figuren wie Harry Hasler oder Fredi Hinz häufiger spielen. Bei einer halben Million Zuschauern gibt es halt die eine oder andere unterschiedliche Erwartung und das ist auch gut so. Zudem bringen wir bei «Giacobbo/Müller» regelmässig neue Figuren. Nicht nur von mir, sondern vor allem von jüngeren Komikern.

Nervt Sie die ewige Kritik? Mit 60 könnte man ja sagen, lasst mich doch alle in Ruhe, das habe ich nicht mehr nötig.

Komik ist immer Geschmackssache, deshalb muss ich Kritik wie jeder andere Künstler, egal welcher Branche, aushalten. Ich teile ja auch aus. Das Einzige, was mich nervt, ist, dass die meiste Kritik nicht zu einem kampflustigen Dialog führt. Wir versuchen das in unserer Sendung zu unterlaufen und schiessen deshalb auch zurück. Das sind sich die journalistischen Kritiker nicht gewohnt und reagieren zuweilen empfindlicher als die katholische Kirche.

Sie reden ungern von Ihrem Privatleben. Vor ein paar Wochen haben Sie selber von Ihren Ferien in Südafrika getwittert, wo Sie wegen eines Flugzeugschadens festsassen. Einige Medien berichteten tagelang davon und bei Ihrer Ankunft in Zürich wurden Sie und Ihre Freundin von Fotografen abgepasst.

Das einzige private Wort in meinen Tweets war «Kapstadt». So intim war das nicht. Es entstand eine witzige multilaterale Twitter-Debatte. Bei Twitter ist übrigens genau das möglich, was ich vorher erwähnt habe: Keine simple Einwegkommunikation. Jemand muss etwas zu sagen haben, die anderen reagieren, nehmen Gegenpositionen ein, machen Jokes. Das finde ich toll. Wenn Social Media, dann so.

Ist es Ihnen nicht ein Bedürfnis, hie und da richtigzustellen, wie Sie als Person wirklich sind?

Wieso sollte ich? Als Person bin ich nun wirklich nicht so interessant. Deshalb spielen Mike und ich ja gerade in unserer Sendung mit Pseudo-Privatem und verarschen den jeweils andern mit seinen angeblichen Vorlieben. Es macht Spass, dass die Leute nicht genau wissen, was nun wahr ist, und was nicht.

Aber so erfährt zum Beispiel niemand, dass Sie Indie-Rock mögen. Wer hätte das von Viktor Giacobbo gedacht.

Über diese Informationslücke wird die Welt hinwegkommen. Ich stelle seit Jahren meine persönliche Playlist auf meine Website. Die Leute, die das interessiert, kennen meinen Musikgeschmack schon lange und ich tausche mich mit einigen jüngeren Fans auch aus. Beim Indie- oder Alternative-Rock drücke ich den Altersdurchschnitt brutal nach oben. Dagegen checken viele Gleichaltrige nicht, dass es gerade in dieser Musikrichtung einige junge Bands gibt, deren Wurzeln im Pop-Rock der 70er-Jahre stecken. Wenn jemand die Beatles toll findet, wird er auch eine aktuelle Indie-Rock-Band finden, die seinen Musikgeschmack in etwa abdecken würde. Aber wie Radio DRS 1 offenbar vor 20 Jahren aufgehört hat, ein neues Musikstück zu senden, so hat eine ganze Generation aufgehört, Neues zu entdecken. Schade.

Interessiert Sie denn das Vergangene überhaupt nicht?

Doch natürlich, aber einfach nicht mit dieser dämlichen nostalgischen Verklärung. Damals war nicht einfach alles besser – ich zum Beispiel war ein ziemlich bornierter Welterklärer.

Gibt es Dinge, die Ihnen im Alter zu schnell gehen?

Nein, eher zu langsam, und zwar auf fast allen Gebieten. Ich bin eher ungeduldig.

Wäre jetzt die Zeit, nochmals etwas ganz Neues zu wagen? Ein letzter beruflicher Richtungswechsel sozusagen?

Was denn, Surflehrer auf Ibiza? Das klingt vielleicht kokett, aber ich habe nie über ein Jahr hinaus geplant. Bevor wir «Ernstfall in Havanna» drehten oder ich mit einem Kamel durch die Zirkusmanege galoppierte, habe ich nicht gewusst, dass ich mal sowas machen würde. Was unsere Sendung anbelangt, haben wir jeweils nur einen Vertrag für die laufende Saison. Ich habe ein paar Projekte im Kopf. Wenn die mal spruchreif werden, ist das okay und sonst halt eben nicht.

Sie haben ja Schriftsetzer gelernt. Das war ein starker Richtungswechsel zu dem, was Sie heute sind.

Nein, das war kein Richtungswechsel. Ich habe schon während meiner Lehre in wechselnden Gruppierungen Komik gemacht. Später wurden diese Dinge immer aufwändiger und ich arbeitete als Mediendokumentalist, um Geld zu verdienen. Übrigens hat mich das Fernsehen damals überhaupt nicht interessiert. Ich war sehr zufrieden auf der Bühne, bis mich jemand fragte, ob ich in einer Sendung Sketche aufführen wolle. Es hat sich also alles organisch entwickelt.

Eine Ihrer Figuren, Roger Schawinski, regt sich öffentlich darüber auf, dass man im Alter auf ein Abstellgleis geschoben und zwangspensioniert wird.

Nun, er ist als Pensionär mit seiner Sendung höchstens zeitlich auf einem Abstellgleis, nämlich nachts um elf. Dort gehe ich übrigens am kommenden Montag hin. An meinem Geburtstag.

Freiwillig?

Ich mache solche Dinge immer nur freiwillig. Es belustigt mich, den ewigen Kampf, den Roger und ich schon seit Jahren öffentlich aufführen, quasi als Jubiläum nochmals auszufechten.

Gehen Sie normal oder als «Schawinski»?

Ich gehe immer als normal. Aber vielleicht empfängt mich Roger als Dr. Klöti.

Wie halten Sie es mit dem Abstellgleis? Wollen Sie auch so lange wie möglich weitermachen oder gibt es Momente, in denen Sie selber finden, jetzt ist es genug?

Bisher habe ich immer gespürt, wann genug ist. Als ich mit «Viktors Spätprogramm» aufhörte, waren wir im Quotenhoch. Ich fand trotzdem, es sei Zeit zum Aufhören. Fünf Jahre lang war ich nicht mehr am Fernsehen und dachte, ich würde nie mehr fürs Fernsehen arbeiten. Nicht, weil ich mich verkracht hätte, sondern weil mich anderes mehr interessierte. Irgendwann war die Lust wieder da. So werde ich das auch in Zukunft halten. Vielleicht bin ich in fünf Jahren aber auch gaga und Mike muss mir das schonend beibringen. Ich habe zum Glück ein paar Leute in meinem Umfeld, die mich darauf hinweisen werden.

Hören Sie denn auf sie?

Aber sicher. Das ist der Vorteil, wenn man auch Freunde hat, die nichts mit der Branche zu tun haben. Bei denen bin ich nicht der TV-Promi, die sagen mir, wenn ich beruflich Scheisse gebaut habe.

Trifft Sie das nicht?

Nein, meistens kommt das ja nicht überraschend. Nach einer Sendung merke ich sofort, wenn das nicht das Gelbe vom Ei war. Mike und ich sind da gnadenlos mit uns selber.

Diesen Sonntag beginnt die neue Staffel von «Giacobbo/Müller». Gibt es etwas Neues?

Wir werden die Sendung nicht grundlegend neu erfinden, sondern freuen uns weiterhin, die News der Woche verbal und mit Sketchen zu kommentieren. Neuerungen entstehen bei uns in der Routine der einzelnen Sendungen und nicht, weil wir uns vor der Saison zu einem Creativity-Seminar zurückziehen und grosse strategische Planungen erstellen. Dazu sind wir zu schlampig.

Ein Wunsch zum Geburtstag?

Viel Geld und schöne Frauen.

Eine schöne Frau haben Sie doch schon!

Stimmt, fehlt nur noch das Geld. Ehrlich gesagt habe ich keinen Wunsch zum Geburtstag. Wünsche sind bei mir nicht an den Kalender gebunden. Auch wenn Leute in meinem Umfeld Geburtstag haben, kriege ich sofort eine Leere im Kopf und weiss nie, was ich schenken soll.

Über welche Art von Geschenken freuen Sie sich denn am meisten?

Über Leckereien natürlich! Das schönste Geschenk wäre, wenn man mich 24 Stunden lang in das Ladenlokal von Honold einschliessen würde, der besten Bäckerei in Zürich.

«Als Person bin ich nicht so interessant»

3. Februar 2012, Tagesanzeiger.ch/Newsnet, von Denise Jeitziner

Viktor Giacobbo wird am Montag 60. Warum er nicht darüber reden möchte und mit wem er an seinem Geburtstag streiten […]

Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger sind abgetreten, jetzt haben die jungen Polit-Parodisten das Sagen. Sie sind unverfrorener und haben ihren Mäzen in Viktor Giacobbo.Papst gibt zu: Wir stammen vom Affen ab.» So lautete die Schlagzeile in den Boulevardmedien, die Viktor Giacobbo auf eine Idee brachte. Im Trailer für seine Satiresendung «Viktors Spätprogramm» spielte er einen ­Pfarrer, der Affen Oblaten verteilt. Die Überlegung: Wenn der oberste Hirte die Evolutionstheorie anerkennt, werden auch Primaten für kirchliche Dienste diensttauglich. Eine pragmatische Sicht, ein programmatischer Schluss. Mit ­Folgen: Für die «Lächerlichmachung der ­Hostie» verurteilte ihn die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) mit Entscheid vom 7. März 1997 wegen Konzessionsverletzung.

«Lächerlichmachung der Hostie» also – nein. Lächerlichmachung von Politikern hingegen – ja. Man nennt diese Art der Verlachung politische Parodie, und der Parodisten-Quo­tient ist landauf, landab so hoch, dass man daraus schliessen muss: Die Schweiz, ein Volk von Untertanen, ist vernarrt in das Genre, das den Mächtigen ans Eingemachte geht. Die dienstälteste Satiresendung der Schweiz, «Zweierleier» mit Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger, wurde zwar abgesetzt – nach 28 langen Jahren – und ihre Bundesrat-Parodie «Telefon ins Bundeshaus» aus «Benissimo» gekippt, doch die Talente, die sie ersetzen werden, sind bereits da.

Unheilige Dreifaltigkeit

Aber was ist das denn, politische Parodie? Politische Parodisten wollen Führungspersönlichkeiten und Artverwandtem den Spiegel vorhalten und sie im Kern ihres Widerspruchs treffen. Die versteckte Botschaft, die in Moritz Leuenbergers hängenden Mundwinkeln wie eine Nudel klebt; die unausgesprochene Feindseligkeit einer schweren Ueli-Maurer-Lippe; die sandige Banalität, die ein gut imitierter Roger Federer verbreitet – das Lachen bricht aus, wenn uns die Erkenntnis überfällt. Der Parodist als Spiessgeselle des Publikums dreht den Spiess um, er macht die Verführer zu Vorgeführten. Er befreit uns von unserer Ohnmacht. Und von unserer Verführbarkeit für Führungsfiguren.

Doch ist pure Parodie bereits das Ziel? Wenn Parodie nur Imitation ist, bleibt der Parodist auf halber Strecke stehen. Inhaltlich abendfüllend ist gute Parodie nur, wenn sich Handwerk und Intellekt auf Augenhöhe treffen.

Fabian Unteregger zum Beispiel, auch er bereits strafrechtlich aufgefallen wegen rele­vanten Sauglattismus. Unteregger ist das naturgetreueste «Mörgeli»-Plagiat seit der Er-   findung des besagten Leiters eines Medizinhistorischen Museums. Oder David Bröckelmann. Als «Dr. Klapp» ist er der kabarettis­tische Forschungsreisende in die verquere Psyche der politischen Chorführer. Und Michael Elsener, der jüngste Hoffnungsträger des Genres. Elsener, engelsgesichtig, er ist der Sven Epiney unter den Stimmparodisten. Unteregger, ­Bröckel-   mann und Elsener verkörpern die unheilige Dreifaltigkeit der Parodie, das breite Spektrum der Gattung, drei Namen, drei Typen, jeder für sich mit eigenen Stärken und Schwächen.

Eine Gemeinsamkeit indessen haben sie, sie sind feste Grössen in der Sendung «Giacob-   bo/Müller – Late Service Public», und das mit Grund. Giacobbo ist der Schweizer Parodistenmacher. Wie viele andere Jungtalente auch sind Unteregger, Bröckelmann und Elsener von ihm persönlich, oder von der Redaktion der Sendung, entdeckt worden. So auch die hinreissende Frau mit der Tuba, Irene Brügger alias «Frölein Da Capo». Die Sendung ­«Giacob-   bo/Müller» war deren erste grosse Bühne, hier fanden sie ihr erstes grosses Publikum.

Was führt einen ehrenwerten Satiriker wie Giacobbo dazu, die böse Saat der Parodie in ­alle Winde zu streuen? Ist es seine Lust an subversiver Politarbeit? Das Gegenteil ist wahr. Es sind, so sagt er, kapitalistische Gesichtspunkte. Es ist das Gesetz von Angebot und Nach-   frage. Konkurrenz belebt das Geschäft. «Je mehr Satiresendungen es gibt, umso besser ist es für uns.» Giacobbo begeistert sich also nicht ganz selbstlos für junge Talente; doch er versteht es als sein persönliches Anliegen, Newcomern ein Podium zu verschaffen. Sei’s in seinem ­satirischen Wochenrückblick, dort handfest sogar als Regisseur der Sketche, der den Jungen das schauspielerische Handwerk beibringt, sei’s auf der Theaterbühne.

Er und sein Koautor Markus Köbeli, Partner von Birgit Steinegger, schrieben im Übrigen auch zehn Jahre lang die Texte für Walter ­Andreas Müller. Giacobbo und Köbeli waren die Ersten, die den Schauspieler als Parodisten vor eine Fernsehkamera holten, 1990 in «Viktors Programm». Doch im flüchtigen Medienzeitalter kann nicht Vergangenheit, sondern muss Zukunft interessieren. Und diesbezüglich steht fest: Giacobbos Casinotheater in Winterthur ist eine Talentschmiede und das einzige Haus dieser Grösse, das Nachwuchsförderung als Programm betreibt. Regelmäs-   sige Gefässe wie die «Frischlingsparade», die Weihnachtsvorstellung «Stille kracht», der satirische Jahresrückblick «Bundesordner» oder der «Casino-Slam» sind die Spielplätze junger Parodisten-Hunde; «Frölein Da Capo» zum Beispiel fiel Giacobbo bei einem «Casino-Slam» auf, David Bröckelmanns Entdeckung geschah indirekter, er schickte ihm eine Arbeitsprobe auf DVD.

Dass das Publikum für Neues offener ist, als manche Experten mutmassen, hat Giacobbo am eigenen Leib erfahren. Seiner Pionier­sendung «Viktors Programm» (1990 bis 1994), dem Mix aus Polit-Parodie und Talk mit den Parodierten, gaben Medienspezialisten anfänglich wenig Chance. Erst seit die Neuauflage «Viktors Spätprogramm» (1995 bis 2002) und, ab 2008, «Giacobbo/Müller», wofür die Fernsehverantwortlichen fünf Jahre lang an Giacobbos Tür bettelten, in Spitzenzeiten ­einen Marktanteil von bis zu 57 Prozent haben, sind seine Kritiker ohne Argumente. Unbestritten dabei ist: Die Parodien sind das Kernstück der Sendung, sie sind ausschlaggebend für ihren Erfolg. Und Erfolg hat, was sofort unterhält und unmittelbar belustigt. Ob der portierte Nachwuchs dereinst die Klasse eines Klassikers hat, wird er noch beweisen müssen. ›››

Immerhin, die Konzessionsverletzung von 1997 ist bis heute die einzige ge­blieben. Politische Parodie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist salonfähig geworden. Unverändert aber blieb offenbar die Kritikunverträglichkeit zweier gewiss wesensver­wandter Berufsgruppen. Viktor Giacobbo: «Die Empfindlichsten sind Kirchenleute und Journalisten.»

Der Schöne _ Eine Sketch-Show für seine Mitschüler, der Deutschlehrer gab ihm regelmässig frei, um das Programm auszuarbeiten – Michael Elseners Karriere war früh auf der Spur, auf der er heute ist. Der Zuger, der später Politikwissenschaft studierte und sein Lizenziat über Comedy schrieb, hat drei Stärken, alle hilfreich, um sich ins Herz der Zuschauer zu spielen. Zwei der drei Talente sind allerdings nicht erarbeitet, sondern geerbt: seine blauen Augen und sein blonder Lockenschopf.

Michael Elsener ist der beste Parodist von Kurt Aeschbacher, denn der jugendliche Kabarettist hat mit dem dauerjugendlichen Moderator eine Gemeinsamkeit – beide sind der Traum aller Schwiegermütter. Die höheren Weihen in «Giacobbo/Müller» erhielt Elsener bereits mit 22 Jahren, mit einem Hanf-Medley im November 2008. Im selben Jahr und mit seinem ersten Programm «Schlaraffenland» gewann er den «Kleinen Prix Walo», als ­jüngster Nominierter in der Sparte Kunst. Nach dem Programm «Copy & Paste», einer ­Innenschau ins Handwerk der Parodisten, sprich Politiker, hat er nun sein drittes geschrieben, «Stimmbruch». Figuren im blitzschnellen Rollenwechsel, klassisches Nummernkabarett und als Highlight die Karikatur eines furiosen Langweilers: Didier Burkhalter, wie man ihn kennt und schätzt. Zumindest als Parodierten.

Der Schönböse _ David Bröckelmann ist kein Autodidakt wie die meisten seiner Kollegen, er hat das Theaterhandwerk von der Pike auf gelernt. Er besitzt ein eigenes Ensemble, «Das Theater am Weg», arbeitet seit mehr als fünfzehn Jahren als Darsteller und Regisseur im In- und Ausland, im Theater, in Film und Fernsehen und ist in Basel ein beliebter Charivari-Schauspier. Neben seinen Auftritten als Imitator und Kabarettist entwirft er szenische Stadtrundgänge für Basel Tourismus und schreibt eigene Texte.

Seine Komik ist genial-skurril, besteht aus der Beherrschtheit seiner Figuren – und seine beste ist Matthias Hüppi. Bei ihm nimmt der Sportreporter shakespearesche Züge an, beziehungsweise eine klassische Schwundform: Hüppi wird zu einem Ostschweizer Malvolio. Bröckelmanns überraschendstes Meisterstück ist kein Kabarettprogramm, sondern ein satirisches Hörspiel. Es heisst «Promis auf Achse» und verschneidet Plattitüden mit Cerve-   lat (-Prominenz) und mit der Suche nach dem Heiligen Gral. Das ist ein Ohrwurm, dem man einen idealen Förderer – und uns mehr davon wünscht.

Der Böse _ Er ist der Wahnsinnige unter den Verrückten, der Champion in der Liga der Imitatoren, der Zürcher Fabian Unteregger. Er ist unser Stück Monty Python diesseits des Kanals. Hintersinnig, schwarzhumorig, absurd. Er ist der begabteste Autodidakt seiner Zunft. Hier wird Parodie zu Politsatire und damit zur Kunstform.

Fabian Unteregger, 34 Jahre alt, hat drei Studienabschlüsse in der Tasche, und sein letztes Fach, Medizin, schärft seinen Blick für die ­Physiognomie potenzieller Neuzugänge in ­seinem Parodisten-Repertoire. Der Theatersport-Europameister 2008 besitzt die internationale Privatpilotenlizenz und beherrscht mindestens fünf Fremdsprachen. Als letzte kam Schwedisch dazu, da dieses wie Deutsch ­klinge, «wenn man Wein im Mund hat».

Präzise in Mimik, Gestik und genialisch in der Stimmführung, hat dieser Neue das Potenzial, dereinst in die Liga von Giacobbo auf­zusteigen. Das hat auch das Radio entdeckt. ­Jeden Freitagmorgen zwischen 6.30 und 8.30 Uhr präsentiert Unteregger auf DRS 3 live ­seinen Comedy-Aufwisch der Woche «Zum Glück ist Freitag».

Weniger Glück hatte er letzten Sommer auf Giacobbos Heimterritorium, Winterthur. Kostümiert mit einer echten Polizeiuniform, kontrollierte er vor versteckter Kamera (des Schweizer Fern­sehens) ahnungslose Velofahrer. Bussen ­drohte er den Verängstigten an, und dies offenbar so überzeugend, dass der VCS gut und   gerne Klage hätte erheben können wegen ­«Lächerlichmachung der Pedalisten». Unter­eggers martialische Parodie beschäftigte zwar das Winterthurer Parlament, aber sie führte zu keiner Klage wegen Konzessions­verletzung. Doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Plagiat ohne Pardon

26. Januar 2012, Weltwoche, von Daniele Muscionico

Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger sind abgetreten, jetzt haben die jungen Polit-Parodisten das Sagen. Sie sind unverfrorener und haben […]

Uraufführung der «Nepotistan-Affäre» im Casinotheater Winterthur: Ein Unheilbarer findet zur Realität zurück und treibt ein Irrenhaus zum Wahnsinn. In Annäherung an ein Stück jüngere Schweizer Geschichte ist dem Casino mit der «Nepotistan- Affäre» ein politischer Schwank mit Witz und Tempo gelungen.Die Vorgeschichte ist bekannt, die Details sind fiktiv. Im Alleingang und erfolglos hatte Bundespräsident Paul Jenni (Hanspeter Müller-Drossaart) versucht, zwei Schweizer Ornithologen aus der Geiselhaft in «Nepotistan» zu befreien. Der Bundesrats-Jet flog heim mit zwei leeren Vogelkäfigen. Jenni wurde abgewählt, als Einziger hat er es nicht realisiert. Also residiert er in einer Anstalt am Zürichberg und treibt gemeinsam mit seinen Mitbewohnern Jesus und Henri Guisan die Chefärztin (hinreissend gespielt von Esther Gemsch) beharrlich an den Rand des Wahnsinns. Regie führt Stefan Huber.
Gefangener Befreier

Es beginnt harmlos. Mit landesväterlicher Attitüde residiert der Abgewählte in der noblen Klinik, mit den Gedanken stets «in Bern oben». Er erteilt Weisungen zur Geiselaffäre und merkt nicht, dass er selbst zum Gefangenen einer ehrgeizigen Anstaltsleitung geworden ist. Im Gefühl der Überlegenheit versucht er auch, «Jesus» (László I. Kish) von seiner Wahnvorstellung zu befreien. Doch die Heilung durch Gegenüberstellung mit einem zweiten Sohn Gottes (Daniel Ludwig) scheitert, die beiden verbrüdern sich in penetranter Sanftmut und können alles erklären. Selbst die mitunter derbe Ausdrucksweise der Heiligen sei nicht neu; schliesslich hätten nicht all ihre Worte Eingang gefunden in die Bibel.

Zwischendurch überwacht Guisan (Rolf Sommer) mit dem Feldstecher den Zürichsee und entdeckt immer wieder Verdächtiges. Bald hält er die Fähre Meilen–Horgen für einen getarnten Flugzeugträger, bald wittert er am Ufer süddeutsche Taliban. Der stramme General in kurzen Hosen will alles sofort dem Bundesrat weitermelden, am liebsten direkt an Pilet-Golaz.

Im richtigen Bundeshaus werden derweil Pläne geschmiedet. Die Vorsteherin des EDA – auch im Stück trägt sie einen welschen Doppelnamen – entsendet einen Unterhändler (David Bröckelmann) in die Klinik am Zürichberg, um Jenni Erkenntnisse aus seiner gescheiterten Mission beim Geiselnehmer zu entlocken. Doch dieser gibt nichts preis, und weil in der Not selbst ernste Menschen erfinderisch werden, arrangiert der Unterhändler kurzentschlossen am Zürichberg ein Geheimtreffen mit dem unberechenbaren Diktator aus Nepotistan.

Dem Alt-Bundespräsidenten wird aufgetischt, seine Abwahl sei ein Täuschungsmanöver gewesen und der Aufenthalt in der Anstalt diene dem persönlichen Schutz. Er lässt sich überzeugen und spielt mit, aber die Tarnung der Klinik als Nobelresidenz hat ihre Tücken. Wertvolle Gemälde sollen ein staatstragendes Ambiente schaffen. Die Direktorin weiss, dass ein ebenfalls Abgewählter dem Haus nach seinem Aufenthalt Anker-Bilder vermacht hatte, aber die seien ein für alle Mal «politisch besetzt». Die Wegweiser zur Klinik werden verhüllt, doch ein findiger Journalist wird aufmerksam. Man erfindet ein Kunstprojekt von Christo und legt den Neugierigen mit kiloweise Fachliteratur und Erklärungen lahm.
Störfall Realitätssinn

Eine dramatische Wendung nimmt das Stück, als Jenni spontan seinen Realitätssinn wieder findet. Der geniale Plan des Abgesandten aus dem EDA droht zu platzen, der psychische Stress übermannt jetzt die Gesunden. Doch als bekennender Alt-Bundesrat und jetzt freier Bürger beschliesst Jenni im Interesse des Landes, die List nicht zu torpedieren. Er mimt den noch Amtierenden und bringt es schliesslich fertig, den wirren Auftritt des Diktators (Daniel Ludwig) für einen Verhandlungserfolg zu nutzen. Der Durchbruch hat aber seinen Preis, dem Diktator muss erlaubt werden, auf dem Rütli zu zelten.

Die Kombination aus Anstalt und Politik ist in der Satire bewährt und könnte zu Plattitüden verleiten. Die Autoren (Domenico Blass und Viktor Giacobbo) haben der Versuchung widerstanden und lassen es nicht auf Teufel komm raus krachen. Mit dosierten Respektlosigkeiten lassen sie auch Raum für feine Töne, nicht alles muss mit Hintersinn erschlagen werden. Gewitzte Unterhaltung, gespickt mit putzmunteren Anspielungen auf Prominenz aus Politik und Gesellschaft.

Nach zwei kurzen Stunden das Schlussbild: Blick aus dem Zelt des Diktators, auf dem Rütli tauchen Jesus und Guisan auf. Respektlos, frech und auch heimelig.

Casinotheater Winterthur, 1. September. Weitere Aufführungen: jeweils Dienstag bis Samstag, 20 Uhr. Bis 1. Oktober.

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Staatskrise in der Anstalt

3. September 2011, Neue Zürcher Zeitung, von Florian Sorg

Uraufführung der «Nepotistan-Affäre» im Casinotheater Winterthur: Ein Unheilbarer findet zur Realität zurück und treibt ein Irrenhaus zum Wahnsinn. In Annäherung […]

2017