Viktor Giacobbo

Das Casinotheater deckt zur 9. Saison auf. Zum Auftakt macht ein unheimlicher Abend mit heimischen Stars Gänsehaut.

Mit Elan und einem 57-seitigen Programmheft steuert das Casinotheater Winterthur diese Woche in sein 9. Jahr, unter anderem mit dem Duo Ohropax, Roger Willemsen, der Kabarettistin Désirée Nick oder dem «Schellen-Ursli» in Musical-Format.

Aber das ist Schnee von morgen. Jetzt ist ja erst mal der Sommer zurück, und im Casinotheater wird zur ersten Premiere aufgetischt. Es gibt Gans. Gänsebraten. Einen äusserst wichtigen Gänsebraten, denn Bettina (Sabina Schneebeli) sucht einen Job und hat Amin (Mike Müller) eingeladen, der vielleicht einen für sie hat. Im grossräumigen, spiessig-chic eingerichteten Plexiglas-neben-Papyrus-Esszimmer stöckelt Bettina nervös durch die letzten Vorbereitungen, während ihr Freund Pascal (Viktor Giacobbo) sich als unbrauchbarer Halbschuh entpuppt. Als es schliesslich klingelt, steht nicht etwa Amin vor der Tür, sondern, düster, kahl, in Lederjacke, ein Mordstyp von einem Fremden (Laszlo I. Kish). Als Amin und Freundin Tara (Norina Nobashari) dann doch noch eintrudeln, wird der Unheimliche auch noch zu Tisch gebeten. Die Gans brennt an, die Dialoge gefrieren, und der Abend nimmt einen unerwarteten Verlauf.

Kenner und TV-Zuschauer haben es bereits gemerkt: Da findet sich zum Saisonauftakt ein illustres Trüppchen ein. Und das ist gut so. Zum einen ist es amüsant, Giacobbo/Müller mal wieder unverpixelt zu Gesicht zu bekommen, und der ehemalige «Tatort»-Kommissar Kish ist als undurchsichtiger Vielleicht-Schurke auch nicht ohne. Zum anderen verzichtet Regisseurin Katja Früh gekonnt auf inszenatorischen Schnickschnack, und da sind Profis auf der Bühne von Vorteil. Gesprochen wird übrigens nicht die Originalfassung von Martin Heckmanns, sondern die schweizerdeutsche Übersetzung von Giacobbo himself.

Trotz der bekannten Gesichter ist es ein unüblicher Abend, der hier aufgetischt wird; eine Handlung mit Brüchen, ein Plot mit Grauen, kein reines Wohlfühlerlebnis. «Ein Teil der Gans» ist ein Stück über Vorurteile, Schein, Sein und den Anspruch auf Glück. «Ich weiss nicht, ob das allen gefällt», sagt Giacobbo. «Mutig», sagt Kish. Ein kleines Risiko fürs Casinotheater. Mehr davon!

Kein Wohlgefühl

26. August 2010, Züritipp, von Corina Freudiger

Das Casinotheater deckt zur 9. Saison auf. Zum Auftakt macht ein unheimlicher Abend mit heimischen Stars Gänsehaut. Mit Elan und […]

Ihr Multitalent beweist Frölein Da Capo aus Willisau jeden Sonntag bei «Giacobbo/Müller». Nun hat das Frölein seine eigene CD. Und es wird zum zweiten Mal Mutter.

Frölein Da Capo, würden Sie sich bitte ganz kurz vorstellen?

Irene Brügger-Hodel: Ich bin … räusper … 30 Jahre alt, komme aus Willisau und stehe seit drei Jahren als Einfrauorchester auf der Bühne.

Sie leben hier hoch über Willisau auf einem sehr gepflegten Bauernhof mit herrlicher Panoramasicht vom Napf bis in die Berner Alpen und in den Jura. Wie wird der Hof bewirtschaftet?

Brügger: Der Hof gehört in siebter Generation «meiner» Familie Hodel und geht jetzt sozusagen in die erste Generation Brügger über. Wir haben 270 Säuli und 8 Mutterkühe, dazu kommt noch Ackerbau. Ich selbst bin administrativ im Betrieb tätig und helfe da und dort auch mit, soweit es einem Frölein angemessen ist.

Daneben sind Sie Mutter, Sie spielen und singen jeden Sonntag bei «Giacobbo/Müller» im Schweizer Fernsehen, treten sonst noch auf und haben eben Ihr erstes Album mit sechsköpfiger Band veröffentlicht – wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Brügger: Ich habe das Glück, dass meine familiäre Situation mir das ermöglicht. Mein Mann hat ein 60-Prozent-Arbeitspensum als Sozialpädagoge, meine Eltern wohnen nebenan und meine Grossmutter gleich über uns. Das erleichtert vieles.

Wie sind Sie auf den Namen Frölein Da Capo gekommen?

Brügger: Das ergab sich aus meinem Arbeitsgerät, das ich auf der Bühne habe und mit verschiedenen Pedalen steuern kann. Diese Loop-Station nimmt Einspielungen wie Gesang und auch Instrumente auf und wiederholt diese dann permanent. Durch dieses «Wiederholen» bin ich auch auf den Namen «Da Capo» gekommen. «Loop» heisst ja «wieder von Anfang» – wie auch «da capo».

Welcher Weg hat Sie als Musikerin zu «Giacobbo/Müller» geführt?

Brügger: Viktor Giacobbo hat mich letzten November bei einem Auftritt im Casino-Theater in Winterthur gesehen und mich dann spontan angefragt.

Nach gut drei Monaten: Entspricht das Engagement Ihren Erwartungen?

Brügger: Ja, im Grossen und Ganzen schon. Ich bin beeindruckt vom Aufwand, der da betrieben wird. Und von der Professionalität und Kollegialität des Teams auch. Und natürlich profitiere ich vom höheren Bekanntheitsgrad, der auch die eine oder andere Anfrage mehr bringt als früher.

Kommen Sie in den kurzen Sequenzen als Künstlerin überhaupt zum Tragen?

Brügger: Voll und ganz natürlich nicht, aber zumindest häppchenweise. Und das ist ganz gut so. Ich hätte gar nicht das Repertoire dazu, jedes Mal eine ganze Show zu präsentieren (lacht).

Woher kommen all Ihre schönen Kleider, die Sie auf der Bühne tragen?

Brügger: Da ich nebst Malen und Basteln auch leidenschaftlich gern nähe, habe ich viele selbst entworfen und genäht. Oder dann gekauft und noch nach meinen Vorstellungen abgeändert. Und zwei junge Schneiderinnen aus Dagmersellen haben angeboten, mir ein Frölein-Kleid zu nähen – das ist natürlich grossartig!

Erkennt man Sie seit «Giacobbo/Müller» auf der Strasse, bekommen Sie mehr Fanpost oder gar Liebesbriefe?

Brügger: Da ich auf der Strasse nicht aufgebrezelt bin wie in der Sendung, werde ich auf der Strasse von Fremden kaum erkannt. Aber die Fanpost hat markant zugenommen. Es sind vor allem anerkennende Mails und Autogrammanfragen. Ich schätze das sehr und beantworte meine Post auch gerne. Liebesbriefe sind bisher ausgeblieben …

Das wollen wir hoffen, schliesslich sind Sie ja verheiratet und haben ein Kind, eine glückliche Familie also …

Brügger: Ja, sehr glücklich sogar. Und im Herbst wird unsere Tochter ein Geschwisterchen erhalten. Wir lassen uns mal überraschen, ob es ein Bub oder ein Mädchen gibt. So oder so, wir freuen uns riesig.

Also geht Ihr TV-Engagement wegen Mutterschaftsurlaub frühzeitig zu Ende?

Brügger: Nein, nichts Urlaub. Ich werde nach der Sommerpause hoffentlich wieder pünktlich da sein können. Vermutlich einfach mit der einen oder anderen Speckrolle mehr halt …

Ihr Multitalent deutet darauf hin, dass Sie aus einer musikalischen Familie stammen.

Brügger: Ja, unsere Mutter hat oft mit uns Kindern gesungen, wie schon unsere Grossmutter. Meine Schwester, die im Kanton Zürich noch aktiv in einer Musik mitmacht, spielt Querflöte und Kontrabass. Mein Bruder hatte mal Keyboard-Unterricht – doch ausser den obligaten Ständchen an Weihnachten bekamen wir da nicht allzu viel zu hören (lacht).

Blockflöte, Gitarre, Trompete, Eufonium – welches dieser drei Instrumente, die Sie spielen, ist Ihnen am liebsten?

Brügger: Ursprünglich habe ich neben der Blockflöte einmal klassische Gitarre spielen gelernt, das war mir aber zu langweilig. Dann kam die Trompete hinzu, aber nur, damit ich in die Junge Feldmusik eintreten konnte und so auch in ihre Ferienlager durfte. Für die Guuggenmusig Napfrugger kam schliesslich das Eufonium hinzu. Ich habe keinen eigentlichen Favoriten. Ich beherrsche die Instrumente auch nicht hundertprozentig, schliesslich ist Singen das, was ich am besten kann.

Was reizt Sie an Guuggenmusig?

Brügger: Da ich an einem 11. 11. geboren bin, habe ich die Fasnacht wohl etwas im Blut. Das Fasnachtsfieber packt mich einfach immer wieder.

Sind Sie aufgrund Ihrer musikalischen Vielseitigkeit ausser in der Guuggenmusig am liebsten «Einzelkämpferin»?

Brügger: Ich habe lange in Bands mitgespielt und war auch in einem A-cappella-Chor. Vor drei Jahren habe ich dann beschlossen, einmal etwas allein zu machen. Ich wollte komplett unabhängig das machen, was mir gefällt. Wenn man allein unterwegs ist, hat man den Vorteil, dass es einfacher ist, Probetermine mit sich selbst auszumachen oder Auftrittsorte zu finden.

Können Sie von der Musik leben?

Brügger: Ja, so mehr oder weniger. Das TV-Engagement mit dem damit verbundenen fixen Einkommen gibt eine zusätzliche Sicherheit.

Ihre erste CD haben Sie nun aber nicht allein realisiert …

Brügger: Nein, aber das Projekt mit der sechsköpfigen Band hat mir sehr viel Spass gemacht. Es ist schön, auch mal wieder etwas fettere und lautere Arrangements zu präsentieren.

Wie viel Autobiografisches ist drin in Ihren Liedern auf der CD?

Brügger: So einiges. Der eine oder andere Schulschatz wird sich vermutlich wiedererkennen (lacht). Einen Chippendale-Tänzer, wie ich ihn besinge, hatte ich allerdings nie, ein «Pony Sachs»- Töffli hingegen schon – und übrigens auch heute wieder.

Auf der CD hats Lieder in Mundart und in englischer Sprache, Witziges und Forsches, aber auch Trauriges und Melancholisches: Sind Sie so vielfältig oder einfach nur unentschlossen?

Brügger : (lacht) Sicher beides ein wenig. Mein eigener Musikgeschmack ist querbeet, in der CD-Sammlung hats wirklich von fast jedem Genre etwas. Gleichzeitig bin ich auch etwas chaotisch veranlagt. Meine eigene CD ist nun also eine Art Spiegelbild von mir.

Wo steht der Kleine Prix Walo, den Sie im November 2007 gewonnen haben?

Brügger: Der Prix Walo hat im Schnapsschrank einen Ehrenplatz gefunden. Aber ich bin grundsätzlich nicht so scharf auf Auszeichnungen. Der Applaus genügt mir vollauf. Ausser vielleicht den Oscar, den Nobelpreis und das Seepferdchen-Abzeichen. Und natürlich möchte ich einmal die Weltherrschaft an mich reissen …

Oder vielleicht schaffen Sie es auch nach Hollywood. Immerhin spielten Sie mal im Jugendtheater Willisau.

Brügger: Vom Jugendtheater nach Hollywood – ja das ist so ungefähr der gängige Weg (lacht)! Nein, aber ich blieb dem Jugendtheater treu und spiele als Frölein Da Capo in der Theaterbar, wenn Aufführungen stattfinden, nächstes Mal Ende Mai. Ausserdem bin ich im Herbst im Kinofilm «Beno im Sand» in einer Hauptrolle als Serviertochter zu sehen – aber das wars dann schon mit meinen Hollywood-Ambitionen.

Welchen Streich würden Sie Mike Müller und Viktor Giacobbo gerne mal während der Sendung spielen?

Brügger: Wenn ich das verrate, klappts ja dann nicht mehr … Nein, ich möchte Ihnen lieber etwas Gutes tun: Ich könnte den beiden ja mal einen etwas «strengen» Kaffee servieren, so ein echtes Willisauer Kafi Träsch …

Apropos: «Kafi Träsch» heisst auch das letzte Lied Ihrer CD, eine Adaption des legendären Hits «Campari Soda» …

Brügger: … Ja, bei Radio 3fach wurde ich gefragt, wie ich bloss darauf käme, ein derartiges Stück so zu verhunzen (lacht). Aber ich finde, dass man das schon darf, aus dem Campari ein Träsch zu machen. Das passt viel besser zum Hinterland.

Frölein bringt Kafi Träsch

25. April 2010, Zentralschweiz am Sonntag, von André Häfliger

Ihr Multitalent beweist Frölein Da Capo aus Willisau jeden Sonntag bei «Giacobbo/Müller». Nun hat das Frölein seine eigene CD. Und […]

Die anderen sind nervös: Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät hatte schlaflose Nächte

Vor einer Woche punktete SP-Nationalrätin Evi Allemann mit Witz in der Sendung «Giacobbo & Müller». Gleich zuBeginn landete sie einen Lacher: Auf die Bemerkung von Moderator Viktor Giacobbo, dass Armeechef André Blattmann ja im Moment das grosse Problem der Sicherheitskommission sei, antwortete sie: «Es gib leider in der Armee ganz viele Blattmanns und in der Summe ist es ein wenig ein Problem.»

«Frau Allemann hat das gut gemacht», lobt FDP-Nationalrat Philipp Müller seine Ratskollegin. Er war schon zwei Mal in der Sendung. «Offenbar bin ich kein Langweiler und das kommt an.»

Tatsächlich punkten diejenigen Gäste, die mit lockeren Sprüchen und schneller Denke auftrumpfen können. Denn: Den Gästeplatz in der Late-Night-Show bezeichnen Politiker schon als «heissen Stuhl». «Rund zehn Prozent der angefragten Gäste sagen ab, weil sie sich einen Auftritt nicht zutrauen, obwohl ihnen die Sendung grundsätzlich sehr gut gefällt», sagt Rolf Tschäppät, Redaktionsleiter von «Giacobbo & Müller».

Dafür hat der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät vollstes Verständnis. «Ich hatte schlaflose Nächte und hatte natürlich ausgiebig Zeit, mir Horrorszenarien für meinen Auftritt zu überlegen», sagt er. Man setze sich selber unter einen grossen Erwartungsdruck. Tschäppät: «Ich war sogar so nervös, dass ich mich auf dem Weg vom Zürcher Hauptbahnhof ins Kaufleuten verlaufen habe.»

Sein Tipp für andere: «Man sollte nie probieren, lustiger zu sein als die beiden Moderatoren. Zu meinen, mit vorbereiteten Gags gehe alles besser, ist ein Irrtum.»

«Sonntag» weiss, dass beispielsweise Chantal Galladé eine Einladung wohl aus terminlichen Gründen abgesagt hat und darüber gar nicht so unglücklich gewesen sei. Man könnte sein Image verlieren, argumentieren viele in Bundesbern.

Doch jemanden blossstellen will keiner. Es sei zwar eine satirische Late-Night-Show, sie hätten allerdings den Anspruch, dass die Moderatoren und Gäste «zwischendurch auch sachlich und ernst» über ein Thema sprechen können. «Die Aufgabe der Gäste ist nicht, möglichst lustig zu sein, sondern möglichst echt», sagt Redaktionsleiter Tschäppät. Eine Portion Selbstironie kommt beim Publikum aber immer gut an: «Wir raten allen Gästen, dass sie authentisch bleiben und nicht krampfhaft versuchen, mit Pointen zu punkten. Aber klar, wenn das jemandem spontan gelingt, kann das sehr unterhaltend sein.»

«Giacobbo/Müller»: Zehn Prozent der Wunschgäste sagen ab – weil sie Angst haben

28. März 2010, von Claudia Marinka

Die anderen sind nervös: Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät hatte schlaflose Nächte Vor einer Woche punktete SP-Nationalrätin Evi Allemann mit Witz […]

Giacobbo, Müller und Frey zeigen ein Stück über ein Stück. Und sprühen auf der Suche nach Ideen vor Ideen.

Nun sitzen sie also da, die drei Schweizer Bühnenprofis Viktor Giaccobo, Mike Müller und Patrick Frey. Mürrisch, gereizt und etwas unter Druck, denn in wenigen Tagen soll ihr nächster Knüller auf die Bühne. Ihr letztes Programm «Sickman» war ein voller Erfolg – und solche vollen Erfolge verlangen, wie sonst nur ungleich unvollkommenere Dinge, nach noch mehr. Die Latte ist also hoch, die Zeit knapp – und die Ideen sind rar. Die humoristischen Errungenschaften der drei beschränken sich bisher auf die Erkenntnis, dass ihr Stück ein wohl eher einfaches Bühnenbild aufweisen wird und noch eines Inhalts bedarf. Kurz gesagt: Die drei haben noch nichts in der Hand. Was fehlt, ist das Fleisch am Knochen. Eine packende Thematik. Lebendige Geschichten und ein brisantes Zielfeld für ihre satirischen Angriffe. Doch auch den einen oder anderen Knochen suchen die drei noch.

Ein Tisch, drei Stühle und ein feinmaschiger Trialog verstricken den Zuschauer zusehends in die kurzweilige Suche nach dem neuen Stück. Nach und nach kommen Ideen auf den Tisch. Das Auto als Vater- und Mutterersatz. Das Steuerrad, die Nabelschnur zum innen ausgepolsterten Mutterleib, der aussenrum einem mächtigen Phallus gleich in Kraft und Blech gewickelt ist. Der Vorschlag wird besprochen, bestritten, verworfen – und man einigt sich, die Arbeit zu vertagen.

Kaffee und Kebab

Die durch Kaffee- und Kebab-Pausen in einzelne Szenen unterteilte Show unter dem Titel «Erfolg als Chance» fesselt den Zuschauer am letzten Donnerstagabend im Theater Casino in Zug auf angenehme Art und Weise. Am Programm ist nichts Aufdringliches, nichts Grelles, das einem nach kurzem Kosten bald widerstreben würde. Vielmehr geniesst man den stetigen Fluss und den recht kurz frequentierten Lachrhythmus im Saal.

Weder starr noch flach

«Erfolg als Chance» erzählt viele Geschichten. Das Dreiergespann ist weder starr noch flach. Die Fronten bleiben stets in Bewegung, und die Sticheleien unter den Geschäftspartnern und Kameraden sorgen immer wieder für Amüsement. Je näher der Tag der Premiere rückt, desto angespannter wird die Lage. Die Gedanken der drei Kabarettisten drehen sich um Klassenkampf, schiesswütige Mütter oder Bäuche auf Bühnen, die nicht grösser sein sollten als die Lacher im Publikum. Um Handys, die läuten, aber nicht leuchten, und den Stellenwert der drei Komiker auf dem Markt des Lächelns. Hierbei geht es nicht etwa um asiatische Trödler, sondern um das Werbeangebot, das für die einen unter ihrer Würde und für die anderen über ihrem Marktwert liegt.

Gekonnt abgespeckt

Das Publikum im Casino ist begeistert. «Das finde ich sehr kreativ», hört man die Leute sagen. Doch mehr noch als schwammige Statements zur Idee des Stücks wird einem dieser Eindruck durch das Gelächter im Saal, wenn die drei Komiker nacheinander an ihre Grenzen stossen, vermittelt. Mit ihrem Sinnieren über die Art, wie sie sich vor Publikum zur Schau stellen, und dem Schwärmen von ihren Träumen abseits vom Rampenlicht diskutieren sich die drei Männer in die Herzen der Menge und streifen scheinbar im Vorbeigehen das kollektive Zwerchfell. Man lacht und schmunzelt, ohne sich von metaphorischen Pappschildern mit entsprechenden Aufforderungen gelenkt zu glauben. Hier wird nicht dick aufgetragen, sondern gekonnt abgespeckt. Ohne viel Brimborium gestalten die drei Künstler einen facettenreichen Abend.

Sie schreiben sich um Kopf und Kragen

5. Dezember 2009, Neue Luzerner Zeitung, von Wolf Meyer

Giacobbo, Müller und Frey zeigen ein Stück über ein Stück. Und sprühen auf der Suche nach Ideen vor Ideen. Nun […]

Mathias HaehlAb nächstem Sonntag darf abends wieder gelacht werden: Dann startet die vierte Staffel der Sendung «Giacobbo/Müller» auf SF 1. Der kulturschaffende Schnellsprecher Viktor Giacobbo über Humor und Liebe, über Mike Müller, Roman Polanski und den Bundesrat.

Viktor Giacobbo, haben Sie heute schon herzhaft gelacht?

Oh ja! Wir sind derzeit am Drehen und Ausprobieren von neuen Figuren, die gut zu gelingen scheinen – das findet man dann peinlicherweise selber manchmal lustig. Mike Müller und ich lachten weniger über die Nummern, da wir die selbst geschriebenen Pointen kennen, sondern vielmehr über die Improvisation – und die ist meistens nicht sendefähig.

Was sind das für Figuren?

Vor der ersten Sendung möchte ich darüber nichts sagen, sonst ist die Überraschung weg.

Dafür überraschen wir Sie mit einem Witz …

Oh, mein Gott!

… «Weshalb sind Blondinenwitze so kurz? – Damit Männer sie auch verstehen.» Ist der gut?

Na ja. Sagen wir mal so: Dass hier nicht gegen die Blondinen, sondern gegen die Männer geschossen wird, ist schon mal ein überraschender Ansatz.

Kennen Sie einen besseren?

Ich kann mir keine konfektionierten Witze merken. Mir sind Witz-Erzähler sowieso ein Graus. Sobald einer damit beginnt, frage ich mich sofort: «Wie komme ich da wieder raus?» Denn sie erzählen nie nur einen einzigen.

Wir schon. Und fragen weiter: Was ist guter Humor?

Wenn er lustig ist. Und das ist reine Geschmackssache. Wir machen den Humor, den wir lustig finden – unser einziges Kriterium.

Sie lockten sonntags mehr als eine halbe Million Leute vor den Bildschirm. Besitzen Sie einen massentauglichen Humor?

In der Fernseh- und Filmindustrie wird heute kaum mehr eine Szene gedreht, in der nicht getestet wird, ob und wo die Leute wie lachen. So entsteht eine hilflose Sauce von Mainstream-Komik. Wir machen es genau umgekehrt: Wir bringen unseren Witz und schauen, ob es Leute gibt, die ihn goutieren.

Dies dürfte mal mehr, mal weniger der Fall sein.

Genau. Die einen finden «Boppeler & Stark» primitive Zürcher Kotzbrocken – was sie ja auch sind –, die anderen finden sie lustig. Gut so.

Wie stehen Sie zum Skandal Roman Polanski?

Ich gönne es keinem 76-Jährigen, dass er in den Knast muss. Aber ich habe mich gefragt, wie es wäre, wenn ein unbekannter Pizzaverkäufer in Los Angeles vor 30 Jahren eine 13-Jährige mit Drogen abgefüllt, vergewaltigt und sich einem Prozess entzogen hätte. Würden bei dessen Verhaftung auch weltweit Kulturschaffende protestieren? Er ist ein genialer Regisseur, sogar einer meiner liebsten. Aber was kümmert das die Rechtsgleichheit?

Ist Polanski ein Thema, das sich für die Satire eignet?

Natürlich. Es gibt kaum ein Thema, das sich nicht eignet. Die Frage ist immer: Wie bringe ich es rüber, welchen Standpunkt nimmt man ein und wo ist die Zielscheibe.

Eignen sich heikle Themen?

Religion ist zum Beispiel ein heikler Klassiker. Wenn wir das Wort Papst nur in den Mund nehmen, empören sich religiöse Fundamentalisten, ohne genau hingehört zu haben, was wir gesagt haben. Offenbar bringt ein einzelner Joke über eine Bibelstelle ihr ganzes Gottvertrauen ins Wanken.  Daneben gibt es aber auch Progressive, die meinen, ihre persönlichen Tabus gelten generell für die Satire.

Für Politiker scheint ein Auftritt bei «Giacobbo/Müller» heikel zu sein. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppätt sagte, er sei nervöser gewesen als vor einem Auftritt in der «Arena».

Wer sich selber bleibt, Selbstironie und eine gewisse Gelassenheit zeigt, kann gut punkten – das hat Tschäppät ja auch bewiesen.

Anders als SP-Frau Jacqueline Fehr, die für ihren Auftritt kritisiert wurde.

Sie ist eine versierte Sachpolitikerin, ihre Aufgabe ist es nicht, Pointen zu machen. Dafür müssen schon Mike und ich sorgen.

Haben rechte Politiker mehr Humor? Haben Linke mehr Berührungsängste?

Die Rechten sind öfter entspannter, wenn sie bei uns sind. Warum? Keine Ahnung. Sie sagen sich wohl: Jetzt gehen wir mal zu diesen beiden Typen, die uns sonst immer anpinkeln, und haben es lustig. Einige Linke wiederum finden, Satire müsse sich generell gegen die Rechte wenden. Und wenn sie dann doch zum Ziel werden, verunsichert sie das offenbar. Aber auf beiden Seiten gibt es immer wieder Ausnahmen, die diese seltsame Regel bestätigen.

SVP-Präsident Toni Brunner etwa punktete endlos in der Sendung.

Brunner ist locker, er liebt ein deftiges Wortduell. Ihm ist es auch egal, was für Witze wir über seine Partei machen. Diese Lockerheit besitzen nicht alle.

Werden die Politiker gebrieft?

Nein. Ich weiss selber nicht, was geschehen wird. Manchmaltritt ein Gast auf die Bühne, und noch während er sich setzt, kommt mir in den Sinn, dass ich mir schlampigerweise noch keine erste Frage überlegt habe.

Wie spontan sind Talks mit Gästen? «Feuchtgebiete»-Autorin Charlotte Roche sagte über ihre Vorbereitung für einen Auftritt bei Harald Schmidt: «Ich brauche drei, vier Geschichten, zwei Gags pro Minute.»

So kann jemand nur total unspontan wirken. In den US-Late-Night-Shows gibt es Talkgäste, die Gagschreiber angestellt haben. Deshalb wirkt ihr Auftritt oft so überkandidelt und geprobt.

Bei Ihnen kann es genau umgekehrt sein: Der Gast kommt gar nicht zu Wort.

Bisher aber nur einmal. Da hatten wir Sabina Schneebeli zu Gast. Alle wussten, dass ich mit ihr ein bisschen spiele …

… und der Boulevard Ihnen eine Liaison mit der Schauspielerin angedichtet hatte …

Jedenfalls haben wir nicht geplant, dass sie gar nie zu Wort kommen würde. Das war die improvisierteste Sendung und wohl eine der lustigsten – übrigens auch für Sabina.

Und, läuft da nun etwas mit Sabina Schneebeli?

Seit unserer Sendung mit ihr sollte jedem und jeder klar sein, dass da nichts läuft. Wir bleiben gute Freunde, sie kriegt die Kinder und ich die Katze.

Sie sind demnach zu haben?

Ich bin immer zu haben. Fragt sich nur für wen und zu welchem Preis.

Wie sieht Ihre Traumfrau aus?

Keine Ahnung. Wer mit einer Mustervorlage sucht, kriegt keine Traumfrau, sondern einen Alptraum.

Anderer Meinung scheint Boris Becker zu sein: Er bleibt einem bestimmten Frauentyp treu.

Und man sieht, wie es rauskommt: Er heiratet alle eineinhalb Jahre, und zwar möglichst öffentlich. Ob das ein Erfolgsmodell ist?

Was macht eine tolle Frau aus?

Blond, jung und reich. Quatsch, aber das kann man nur mit Banalitäten beantworten. Intelligenz und Humor jedenfalls können nicht schaden.

So wie Sie und Mike Müller. Wie funktionieren Sie beide vor der Kamera?

Einerseits haben wir verschiedene Temperamente, stehen aber auf dieselbe Komik. Erst dies ermöglicht die gemeinsame Improvisation. Ich wüsste nicht, mit wem sonst dies so gut funktionieren würde. Während der Sendung haben wir einen stichwortartigen Spick, aber wer was wann genau sagt, entscheidet sich live.

Manchmal wirkt das wie Jazz: Improvisation und Solieren.

Ja. Diesen Ausdruck hat auch der Kabarettist Josef Hader gebraucht als er in einem Interview die Sendung beschrieb. Er sagte, die Art und Weise, wie wir uns die Themen zuspielten, sei «Jazzig». Dieser Begriff gefällt mir.

Wer von beiden ist der Chef?

Das sieht man doch, oder? (lacht) Nein, natürlich machen wir diese Sendung gleichberechtigt zu zweit. Aber für die Fallhöhe der Komik ist es interessanter, wenn einer während der Sendung mal den Chef markiert. Ausserdem hat sich auch eine Art Arbeitsteilung ergeben. Ich führe die Talks und Mike kommt mit sprengenden Einwürfen quasi von hinten rein. Wenn wir beide gleich scharf auf den Gast losgehen würden, wäre das erstens unfair und zweitens bekämen die Zuschauer mit dem Gast Mitleid. Auch kann es so passieren, dass Mike die Position des Gastes einnimt und mich runtermacht.

Bundesräte sind immer wieder Teil Ihrer Sendung. Wie gefällt Ihnen der neue?

Didier Burkhalter ist die gelungene Verkörperung unseres Konkordanzsystems – und vermutlich ebenso langweilig. Selbst im lahmen deutschen Wahlkampf ging es immerhin um politische Positionen. Unsere Kriterien zur Wahl in die Regierung sind: Wohnort, Unauffälligkeit, Beliebtheit beim politischen Gegner. Ich bin kein Anhänger des Konkordanzsystemes, wo alle gemeinsam in einer permanenten grossen Koalition so tun müssen, als seien sie Kollegen. Dies ist kein zeitgemässes System mehr.

Was schwebt Ihnen vor?

Ein parlamentarisches Konkurrenzsystem. Eine Koalition von Parteien, die als Mehrheit eine bestimmte Politik durchziehen. Bin ich einverstanden mit dieser Politik, kann ich die Regierung wieder wählen. Wenn nicht, abwählen.

Wie wurden Sie politisiert?

Im berühmten – und oft glorifizierten – Jahr 1968 wurde ich politisiert. Ich war als Schriftsetzerlehrling gewerkschaftlich aktiv. Ich vertrete zwar nicht mehr die gleichen Positionen wie damals, aber politisiert bin ich immer noch – was in meinem Beruf nicht gerade ein Nachteil ist.

Was schauen Sie am Fernsehen eigentlich selber gerne?

News. Und eine meiner Lieblingssendungen heisst «Panda, Gorilla und Co.», eine rasend harmlose und komplett unpolitische Zoosendung. Als Tierfreund bin ich bei Tiergeschichten immer leicht zu rühren, deshalb schaue ich die Sendung zur Wahrung meines harten Images ausschliesslich alleine.

Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Ich geh nicht mit ihm um. Das Alter geht mit mir um. Aber da bin ich entspannt. Solange ich mir eine gewisse Neugier auf alles mögliche bewahre, fühle ich mich nicht alt. Ausserdem muss ich mir nicht mehr alles beweisen, nicht mehr allem nachrennen.

Haben Sie Tipps?

Wenn ich welche hätte, wäre das wohl nicht so entspannt, oder?

«Peinlicherweise finden wir uns manchmal selbst lustig»

5. Oktober 2009, Migros-Magazin, von Sabine Lüthi

Mathias HaehlAb nächstem Sonntag darf abends wieder gelacht werden: Dann startet die vierte Staffel der Sendung «Giacobbo/Müller» auf SF 1. […]

«Schauermärchen sehr frei nach Schiller» nennt Carla Lia Monti «Räuberinnen – Director’s Cut» – so frei, dass der Verweis auf den Klassiker als erste Provokation zu deuten ist.

Es war einmal im Schweizer Land eine sadomasochistische Adlige (Alexandra Prusa), die wollte mit Hilfe eines pervers-bigotten Bischofs (Hans-Peter Ulli) eine ihrer Töchter verschachern. Doch die blonde Emily (Nina Bühlmann) floh vor der Zwangsheirat mit dem infantilen Grafensohn und gründete mit Bordellhuren eine Räuberinnenbande. Bald schlossen sich den Vogelfreien unbescholtene Frauen aus der Umgebung an, die genug von ihren Männern und Söhnen hatten.

Es ist leicht, über den Film «Räuberinnen» herzuziehen. Übertreibungen, Verfremdungen und karikierte Figuren ohne Eigenleben stempeln die Folge sketchartiger Szenen zwar zur surrealen Burleske ab. Doch die Gags und Pointen zünden nicht und die fetten Wänste, hängenden Busen oder erigierten Gummiglieder lassen einen kalt. Nonstop inszeniert, verlieren Schamlosigkeit, Hässlichkeit und Dummheit rasch ihre skandalträchtige Wirkung: Wer kann dieses Kasperletheater ernst nehmen? Eine solche Reaktion liegt nahe, und es gibt nur einen, allerdings gewichtigen Grund, sie zu hinterfragen: Monti scheint mit ihr gerechnet zu haben. Sie verweist nämlich auf einen Filmemacher, dessen Werke wie «Pink Flamingo», «Polyester» und zuletzt «A Dirty Shame» ähnlich grotesk, geschmacklos und in der Regel unlustig sind wie «Räuberinnen»: John Waters. Sein Bild trägt Emily im Amulett und sagt, es handle sich um den verstorbenen Vater.

Auf den berüchtigten amerikanischen Provokateur bezieht sich auch Samir in einer «Anmerkung des Produzenten». Monti stelle sich «quer zu allen Lehrmeinungen über den empathischen Film» und stehe damit in der Tradition «der künstlerischen Filmemacher der 70er-Jahre wie John Waters». Das ändert die Sicht auf «Räuberinnen» radikal. Offenbar will die Regisseurin nicht, dass das Publikum sich in die Charaktere einfühlt, im Bann einer dramatisch erzählten Geschichte steht oder sich gehörig entrüstet. Vielmehr soll das Spektakel die Zuschauer auf Distanz halten. Selbst das Obszöne und Unästhetische darf nicht naiv aufgefasst werden: Monti weiss, dass die Ära der Skandale wegen derartiger Harmlosigkeiten vorbei ist. Sie stellt, so Samir, «das Groteske, Unheimliche und Schreckliche in den psychologischen und sexuellen Beziehungen» dar, aus weiblicher Sicht, aber ohne «pseudokorrektes politisches Korsett». Tatsächlich setzt sich die Autorin ideologisch zwischen alle Stühle. Mit Emilys Hippie-Softie-Lover (Niels Althus), willfährigen Beamten, hirnlosen schwulen Bodyguards, dem ohnmächtigen verweiblichten Grafen und zwei notgeilen Räubern (Viktor Giacobbo gibt den primitiven Macho, Patrick Frey den fanatischen Vegetarier), mokiert sie sich über das «starke Geschlecht».

Auch Frauen keine Vorbilder

Doch das eigene kommt kaum besser davon: Nicht Patriarchen sind Schuld an der vorgeführten Tragödie, sondern zwei kontrollsüchtige omnipotente Mütter. Emily taugt bloss bedingt als Identifikationsfigur: Verwöhnt und blauäugig muss sie durch die Ereignisse aus ihrem geistig-emotionalen Dornröschenschlaf gerissen werden. Ihre Gesellinnen entpuppen sich mehrheitlich als egoistisch. Bruchlos mutieren sie von vermeintlichen Opfern zu Ausbeuterinnen und stehen Schlange, um einen Mann zu vergewaltigen. Nur eine linientreue Feministin verurteilt den Verrat der emanzipatorischen Idee.

Das signalisiert wie unzählige andere Anachronismen, dass Monti das Hier und Jetzt im Visier hat. Symbolisch beschreibt sie unbewusste Mechanismen, welche aus Menschen fremdbestimmte Marionetten machen, die gegenwärtige Spassgesellschaft bestimmen und die Konsumhaltung fördern. Folgerichtig versagt sie dem Publikum das erhoffte Gaudi und bestätigt keine wie auch immer geartete Ideologie. Wen wunderts, steht sie auf fast verlorenem Posten!

Aufstand der Weiber, unzensiert

3. Juni 2009, Landbote, von Tibor de Viragh

«Schauermärchen sehr frei nach Schiller» nennt Carla Lia Monti «Räuberinnen – Director’s Cut» – so frei, dass der Verweis auf […]

Kein Kabarettist ist so erfolgreich wie Viktor Giacobbo. Seine Figuren sind so bekannt wie er selbst. Ein Gespräch über das Bankgeheimnis, seinen Erfolg und weiblichen Humor.

Herr Giacobbo, worüber machen Sie keine Witze?

Ich mache über alles Witze, was bei mir einen komischen Impuls auslöst. Aber ich mache nicht alle Witze öffentlich. Witze sind ein wunderbares Stress- und Elendsbewältigungsmittel. Privat gibt es traurige Momente, die mit Komik abgebaut werden können – aber eben privat und nicht am TV.

Erzählen Sie uns einen Witz, den Sie am Fernsehen nicht bringen würden.

Ich erzähle lieber einen grenzwertigen, den Mike Müller und ich öffentlich gemacht haben. Nach dem tödlichen Autounfall von Jörg Haider sagten wir in der Sendung: Um unsere grössten Probleme zu bewältigen, brauchen wir in der Schweiz 60 Milliarden. In Österreich reichen 1,8 Promille.

Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen öffentlichen und nicht öffentlichen Witzen?

Es ist eine reine Bauchsache. Aber natürlich gibt es immer Leute, die sich beschweren. Die organisierten Christen sind besonders heikel. Gleichzeitig lassen sie uns jeweils wissen, wir hätten Glück, dass wir es nur mit ihnen zu tun hätten und nicht mit Muslimen. Die nämlich würden uns steinigen und auspeitschen. Als Christen seien sie dagegen so voller Nächstenliebe, dass sie so etwas nie tun würden.

Waren Sie schon als Kind ein Spassmacher?

Ich habe schon als Kind immer im falschen Moment absichtlich etwas gesagt, oft zum Verdruss meiner Mutter. Ich habe das, was sie über die Tante in deren Abwesenheit gesagt hatte, wiederholt, wenn die Tante anwesend war. So bekam ich ein erstes Gefühl für Satire.

In der Schule gibt es die Sportler, es gibt jene, welche die andern verprügeln…

…meine Bedeutung in der Klasse stieg erst, als das Reden wichtiger wurde.

Warum ist Viktor Giacobbo lustig?

Fragen Sie jemand anders. Vielleicht schätzen die Leute meine Mischung: Einerseits bin ich ein Satiriker, der von einem bestimmten Standpunkt aus Ereignisse oder Personen qualifiziert. Andererseits mag ich auch Klamauk. Es gibt ja Leute, die sagen: Die echte, wahre Satire findet in kleinen Kellertheatern statt und nicht im Massenmedium Fernsehen. Ich finde, dass man mit bewusst eingesetztem Klamauk durchaus auch Satire machen kann.

Das Duo Giacobbo/Müller funktioniert nach einem einfachen Muster: Da sind zwei, die benehmen sich wie «Dick und Schlau».

Man kann das salopp so sagen. Aber natürlich sind das Rollen, die wir spielen. Nach der Sendung hiess es in der Presse, Mike sei im Hinter- und ich im Vordergrund. Diese Analyse zeugt von wenig Sachverstand. Es geht darum, dass es interessanter ist, wenn mal der eine, mal der andere den Chef mimt. Das erzeugt Komik. Entscheidend ist, dass wir zusammen improvisieren können.

Wie viel an «Late Service public» ist Improvisation?

Es gibt keinen ausformulierten Text, und wir proben nicht wirklich. Wir üben nur den technischen Ablauf. Den vollen Text sprechen wir das erste Mal in der Sendung. Natürlich haben wir einen Spick, auf dem der Ablauf und die Stichworte stehen. Doch wer von beiden die Pointe bringt, ist nicht festgelegt. Das ergibt sich spontan. Wir haben also viele Möglichkeiten zum Improvisieren, aber auch zum Abstürzen.

Ihr Erfolg als Fernsehsatiriker begann 1990. Ihr Aufstieg verlief parallel zum Aufstieg der SVP. Ein Zufall?

Ein schöner Gedanke. Der Aufstieg der SVP hat dazu geführt, dass die öffentlich-politische Auseinandersetzung zackiger geworden ist. Dass man öfter die Sache beim Namen nennt, finde ich ganz erfrischend. Im Windschatten der SVP haben übrigens auch die anderen Parteien zugelegt – und eben auch die Satire.

Ihre liebsten Opfer sind SVPler. Ueli Maurer wurde von Ihnen jahrelang parodiert.

Das war vor allem wegen der Konstellation reizvoll: Die erfolgreichste Partei hatte einen Präsidenten, der nicht der Chef war. Da ist alles drin, was es für Komik braucht. Wobei wir das Ueli-der-Knecht-Image längst korrigiert haben. Schon im Spätprogramm musste Blocher Uelis Auto waschen.

Die grosse Zeit der SVP ist vorbei und Blocher nicht mehr so im Saft wie einst. Verschwinden damit Ihre besten Pointen?

Ich habe ein bisschen Mitleid mit Blocher – und bin selbst erstaunt über meine milden Gefühle. Ein alter Mann, der nicht loslassen kann und sich selber demontiert.

Sie verlieren Ihr dankbarstes Opfer.

Es gibt mehr als genug Stoff. Der Bundesrat liefert ihn ja frei Haus. Manchmal, wenn ich meine Steuern bezahle, denke ich: Ich zahle gerne. Es ist ja nur gerecht, wenn ich für all den Stoff etwas zurückgebe.

Sind Sie eigentlich noch ein Linker?

Natürlich kommen Satiriker in der Regel aus dem linken Lager. Aber es gibt auch unter den Linken Tendenzen, die ich unsäglich finde. Zum Beispiel müssen die Gewerkschaften aufpassen, dass sie nicht ins reaktionäre Lager abgleiten – das blüht ihnen, wenn sie sich noch länger gegen den Sonntagsverkauf oder gegen längere Ladenöffnungszeiten wehren.

Welche Partei wählen Sie?

Ich panaschiere. Es sind vor allem Sozis, Grüne und Freisinnige, die auf meiner Liste erscheinen.

Das Schweizer Bankgeheimnis ist gefallen, die Swissair längst weg und die UBS noch immer nicht über den Berg. Wird sich die Schweiz neu erfinden müssen?

Kein Land erfindet sich neu. Einige Länder, wie etwa die USA mit Obama, leisten sich zumindest eine bemerkenswert frische Regierung. Während wir uns an unserem nachbarlichen Lieblingsfeind Peer Steinbrück abarbeiten. Er mag ein arroganter Typ sein und sich im Ton vergriffen haben – Peer Steinbrück hat in der Sache jedoch Recht. Wie würden wir reagieren, wenn unsere reichsten Leute das Geld im Ausland verstecken statt hier versteuern würden? Leute, die überhaupt nicht vom Bankgeheimnis profitieren, verteidigen es. Das Bankgeheimnis ist wie das Rütli geworden – ein Mythos. Ich finde das absurd.

Was sonst soll die Schweiz sein wenn nicht das Land der Banken?

Das Land der Konkordanz! Hier kann niemand kommen und mit einem grossen Wurf etwas verändern. Es kann keinen Aufbruch geben, weil bereits alle starken Strömungen in der Regierung sind, zumindest alle grossen Parteien. Darum kann die Regierung ja auch nicht abgewählt werden. Und darum bewegt sich nicht viel.

Sie sehnen sich nach dem grossen Wurf und wollen die Konkordanz beerdigen?

Ich fände es gut, wenn ein Regierungschef oder eine Regierungschefin antreten und sagen würde: Jetzt machen wir es so und so. Und wir verwässern nicht alles mit hundert Vernehmlassungen.

In Interviews wirken Sie oft sehr kontrolliert bis gereizt. Langweilen Sie die Fragen der Journalisten derart?

Schöner Begriff: kontrollierte Gereiztheit. Manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich seit zwanzig Jahren das gleiche Interview geben. Das ist nicht immer die Schuld der Journalisten, sondern liegt in der Natur der Sache. Hin und wieder erlebe ich jedoch, dass ich von Schülern interviewt werde. Und der Anteil der Fragen, die mir noch nie gestellt wurden, ist da viel höher als bei den Journalisten.

Auf die Gefahr hin, Sie mit einer alten Frage zu langweilen: Gibt es einen spezifischen Schweizer Humor?

Das glaube ich nicht. Klar, es gibt Pointen, die nur Schweizer verstehen. Ansonsten ist der Humor eher nach sozialen Schichten unterteilt als nach Landesgrenzen. Zumindest, wenn man sich mal auf Europa beschränkt. Chinesen und Japaner lachen offenbar tatsächlich über anderes als wir.

Ist die Herausforderung für Sie und Mike Müller, einen Humor zu produzieren, der schichtübergreifend ankommt?

Wir produzieren den Humor, den wir persönlich lustig finden. Wir betreiben da keine Witzmarktforschung. Die grösste Freude ist dann, wenn das Publikum unseren Geschmack teilt.

In Ihrer Sendung wirkt es, als ob Rechte besser über sich selber lachen könnten als Linke.

Linke neigen stärker zum Moralisieren, und damit haben sie ein etwas schwieriges Verhältnis zur Selbstironie. Linke glauben, sie stünden immer auf der richtigen Seite, weshalb es keinen Grund gebe, über sie Witze zu machen.

Sind Frauen weniger lustig als Männer?

So generell kann man das nicht sagen. Aber es ist leider eine Tatsache, dass es viel weniger Komikerinnen gibt als Komiker. Allerdings hatten wir witzige weibliche Talkgäste: Bea Tschanz, Ursula Haller, Therese Frösch…

In Kontaktanzeigen wird oft ein humorvoller Mann gesucht, aber kaum je eine humorvolle Frau. Konsumieren Frauen Humor, während Männer ihn produzieren?

Vor allem muss ich sagen: Es gibt nichts Schlimmeres als eine humorlose Partnerin. Frauen produzieren nicht weniger Humor, sondern einen anderen. Der männliche Humor ist offensiver und aggressiver und wohl daher für die Bühne geeigneter. In unserer Sendung gibt es Elemente, von denen wir wissen, dass sie bei Männern besser ankommen. Ich denke vor allem an Boppeler und Stark, die beiden «gruusigen Siechen», die wir einfach sehr gerne spielen. Andererseits gefällt es den Zuschauerinnen besser, wenn Mike und ich uns wegen des Gewichts oder des Alters anzünden.

In jüngster Zeit kam es zu Ereignissen, die skurriler waren als jede Satire. Ein Behälter mit Schweinegrippenviren, der im Intercity explodiert…

…oder ein Fussballklub, der auf einen 300-Millionen-Spender hereinfällt…

Stellt die Realität die Satire in den Schatten?

Manchmal hat man als Satiriker wirklich gar nicht viel anzufügen. In der letzten Sendung sagten wir, die kürzeste Pointe der Woche heisse: GC. Das Gute an der Realsatire ist: Sie schärft die Sensibilität für Komik im Alltag. Und genau diese Komik ist ja unser satirisches Thema.

Ist man als Satiriker von Berufs wegen ein Pessimist?

Ich stehe eher auf der pessimistischen Seite – wie die meisten Satiriker, die ich kenne. Mir fällt es schwer zu glauben, dass sich die Menschheit positiv entwickeln wird. Ich glaube, dass gewisse globale Probleme immer grösser werden.

Bis alles zusammenbricht?

Keine Ahnung, ich hoffe, dass ich es nicht mehr erlebe.

«Ich habe ein bisschen Mitleid mit Blocher»

9. Mai 2009, Tages-Anzeiger, von Alain Zucker, von Hannes Nussbaumer

Kein Kabarettist ist so erfolgreich wie Viktor Giacobbo. Seine Figuren sind so bekannt wie er selbst. Ein Gespräch über das […]

FILMTAGE SOLOTHURN: Viktor Giacobbo über „Räuberinnen“

Herr Giacobbo, wir haben Sie an der Premiere der «Räuberinnen» vermisst!

Ich war im Ausland – an einem klimatisch angenehmeren Ort als Solothurn.

Haben Sie sich abgesetzt, weil Ihnen Ihr Auftritt im Film peinlich ist?

Das kann es gar nicht, weil ich den Film noch nicht gesehen habe. Angesichts meiner Nebenrolle finde ich übrigens eher peinlich, dass im Vorfeld über den «Giacobbo-Film» geschrieben wurde.

Sie spielen einen alternden Vergewaltiger. Wie überredete Sie die Regisseurin dazu?

Ich fand die Story von Carla Lia Monti von Anfang an lustig und mutig. Gereizt hat mich auch die Aussicht auf jene Reaktionen, die jetzt eintreten: ein Mix aus Spiessigkeit, Empörung und Zensur.

Welche Szene hat beim Dreh am meisten Spass gemacht?

Als wir als Geköpfte ganzkörpermässig eingegraben wurden. Das war eine Früh-Bestattungserfahrung.

Gab es auch Szenen, die unangenehm waren?

Alle! Schliesslich habe ich beim Dreh meine Alterspubertät entdeckt. Aber das muss in einem Trashfilm auch so sein.

Im Vorspann werden die Zuschauer gewarnt, der Film könne Auswirkungen auf Potenz und Psyche haben. War das bei Ihnen der Fall?

Nein, die Warnung richtete sich vermutlich ans Solothurner Cineasten-Biotop.

Welche Altersgrenze schlagen Sie für die «Räuberinnen» vor?

Keine. In Grimms Märchen ist eh das gesamte mögliche Gewaltpotenzial schon vorhanden.

Wie sieht Ihr nächstes Filmprojekt aus?

Es wird ein melancholischer Film über die Suche eines Ausgegrenzten nach gesellschaftlicher Anerkennung. Und darüber, wie er schliesslich zu sich selber findet. Erzählt in behutsamen und hochanständigen Bildern voll innerer Schönheit.

Small Talk mit Viktor Giacobbo

26. Januar 2009, Schweizer Illustrierte

FILMTAGE SOLOTHURN: Viktor Giacobbo über „Räuberinnen“ Herr Giacobbo, wir haben Sie an der Premiere der «Räuberinnen» vermisst! Ich war im […]

Der neue Bundesrat ist für Viktor Giacobbo ein Glücksfall. Ueli Maurer habe Ecken und Kanten sowie exzentrische Hobbys. Das macht ihn für die Satire attraktiv.

Viktor Giacobbo, freuen Sie sich über die Wahl von Ueli Maurer?

Ich habe mich noch bei keiner Bundesratswahl wirklich gefreut. Wer die Konkordanz will, musste Ueli Maurer wählen – oder noch besser Christoph Blocher. Persönlich finde ich die Konkordanz ein Auslaufmodell, das nicht mehr richtig funktioniert. Wir sind ja das einzige Land auf der Welt, das keine Regierung hat, sondern nochmals ein Parlament über das eigentliche Parlament stellt. So sitzen die grössten politischen Gegner miteinander im Bundesrat und müssen so tun, als ob sie Kollegen wären.

Und aus satirischer Sicht? Hat sich der Wechsel von Samuel Schmid zu Ueli Maurer gelohnt?

Natürlich ist das gut für jenen, der Ueli Maurer parodiert. Aber das ist unwesentlich an einem solchen Tag.

Warum eignet sich denn Ueli Maurer besonders gut für die Satire?

Weil er Ecken und Kanten hat. Dazu kommen seine leicht exzentrischen Hobbys: Er kaut Gräser und klettert auf Bäume. Ich finde Ueli Maurer cool. Man hat den Eindruck, der ganze Zirkus pralle an ihm ab.

Sie mögen also Ueli Maurer?

Politisch weniger, als Person durchaus. Wenn immer wir uns begegnet sind, konnten wir sehr gut miteinander reden. Er hatte seinerzeit auch einen tollen Auftritt im «Spätprogramm».

Maurer sagte kürzlich, Sie würden sich auf Kosten anderer lustig machen. Das sei ein armseliger Job. Aber jeder lebe nun einmal von dem, was er am besten könne.

Er sagte auch, ich müsse mich nicht entschuldigen. Das gehöre zu meinem Job. Daneben hat er mir noch eins ausgewischt. Das ist doch lustig. Im Übrigen muss er jetzt beweisen, ob er wirklich am besten kann, wovon er nun drei Jahre lebt.

Sie haben Maurer lange als Blochers Knecht karikiert. Jetzt ist er Bundesrat, und Ihre Figur steht in der falschen Ecke.

Das ist das Problem der Journalisten. Die schreiben immer wieder, ich hätte Ueli Maurer als Knecht dargestellt. Obwohl wir das seit etwa sechs Jahren nicht mehr tun. Wir zeigten ihn auch schon, wie er Blocher sagte: Wasch mein Auto! Komischerweise scheint aber die Parodie am Anfang prägend zu sein. Diesen Eindruck kann man fast nicht mehr ändern.

In letzter Zeit sah man Ueli Maurer in Ihrer Sendung weniger.

Ich neige dazu, eine Figur zurückzustellen, wenn sie stark gefragt ist. Das habe ich auch bei Harry Hasler gemacht – obwohl dieser nun nicht Bundesrat geworden ist.

Wird Maurer jetzt, da er Bundesrat ist, bei «Giacobbo/Müller» wieder mehr in Erscheinung treten?

Keine Ahnung. Wir machen unsere Sendung von Woche zu Woche.

Also wäre er am nächsten Sonntag doch aktuell?

Das wäre er auch am vergangenen Sonntag gewesen, ohne dass wir ihn gebracht hätten. Wir machen nur, was wir wollen. Und wir bürsten gerne gegen den Strich.

Viktor Giacobbo: «Ich finde Ueli Maurer cool»

11. Dezember 2008, Tages-Anzeiger, von Iwan Städler

Der neue Bundesrat ist für Viktor Giacobbo ein Glücksfall. Ueli Maurer habe Ecken und Kanten sowie exzentrische Hobbys. Das macht […]

STADTTHEATER OLTEN Die drei Grossen des Schweizer (Fernseh-)Kabaretts mimen sich überzeugend selbst

Kein doppelter Boden! – Der ist schon eingebaut in «Erfolg als Chance» von Viktor Giacobbo, Patrick Frey und Mike Müller. Als Alter Egos ihrer selbst loteten sie auf Einladung des Theaterstudios im Stadttheater die kreative Krise aus, die erfolgsverwöhnte Künstler zuweilen befallen mag und in der programmatischen Leere gipfelt. Der Lösungsansatz bestach das zahlreich aufmarschierte Publikum gänzlich, wie sich am lang anhaltenden Schlussapplaus abhören liess. KEIN PETER-BICHSEL-VERSCHNITT, keine Ueli-Maurer-Parodie, kein Stolte-Benrath-Statement, sondern die reine Selbstbespie(ge)lung, die pure Illusion einer Realität im Angesicht der unerbittlich näher rückenden Drohkulisse des Premierentermins – «Erfolg als Chance» ist das Etikett für jene Aura, die den drei bekanntesten, arriviertesten und durchhaltefähigsten Spassmachern anhaftet, die Leutschenbach in den letzten zehn Jahren aufs televisionäre Land losgelassen hat.

Viktor Giacobbo, Patrick Frey und Mike Müller tun in ihrem «Konversationsstück» nämlich das, was sich nur die erfolgsverwöhnten Olympioniken des Fachs leisten können: Sie schneidern die Ideenund Einfallslosigkeit elegant, elegisch und eloquent zum abendfüllenden Programm. Und – noch stärker als in «Sickmen» – sie (be)spielen diejenigen Teile ihrer Autobiografien, die jenseits des Privaten längst zum modellierbaren Fundus an Öffentlichkeitsinventar gehören und doch im Privaten gründen.

DIE AUSGANGSSITUATION von «Erfolg als Chance», das am Dienstagabend im ausverkauften Stadttheater über die Bühne ging, ist denkbar einfach und doch von treffender Ironie – also nah an den Gewässern (künstlerischer) Realität gebaut: Die drei Bühnentiere finden sich nach all den Grosserfolgen und zwischen ihren diversen Privatengagements (Werbung für «Molkehersteller») vor dem berühmten leeren Blatt wieder. Die Inspirationslosigkeit hat voll eingeschlagen in dieses Künstlertriumvirat – dabei steht der Premierentermin im eigenen Casinotheater bereits fix am Anschlagbrett, und die Vorverkaufskasse läuft entsprechend heiss.

Übt man sich anfänglich noch in souveräner Kaltblütigkeit, weicht die Selbstbeherrschung zunehmend einem verworrenen Themendropping. Die Sitzungs- und Ideenprotokolle bleiben so dürftig, dass bald schon über die endgültige Absage des Stücks nachgedacht werden muss – wäre da nicht die Annonce im Veranstaltungskalender, die den Lauf der Dinge endgültig dem Dreiergespann entreisst und die Durchführung geradezu erzwingt, um grössten Reputationsschaden abzuwenden.

GIACOBBO, MÜLLER UND FREY spielen also ohne doppelten Boden und ohne Brechungen sich selbst – beziehungsweise stellen den doppelten Boden der Bühne auf die Bühne selbst, und produzieren sich hoch konzentriert in einem täuschend authentischen Gestus der Improvisation. Was da so leichtfüssig in wechselnde Dialogsituationen gegossen wird, trägt gerade deswegen erstaunlich lang und durch den ganzen Abend, weil es das befreite Improvisieren simuliert. – Und damit demonstriert, dass das Trio nicht nur zum Fernseh-Slapstick begabt ist, sondern auch ohne Requisiten, Parodie-Schablonen mit Wiedererkennungswert oder bärbeissigem Zynismus aus sich selbst schöpfen kann.

Und in diesem Bekanntheitsvorsprung wurde denn auch üppig gesuhlt – mehr oder minder gelüftete Aspekte der Berufs-, Herkunfts- und Boulevard-Biografien schlugen sich die drei Kabarettisten in gewohnt deftiger Manier um die Ohren: Giacobbo musste sich für seine jugendlichen Revoluzzerträume wehren, Mike Müller durfte die Herkunftstraumata – «Mittelklasse», «Mittelschule», «Mittelwerte» – ausbreiten und mit lokalgeografischen Reminiszenzen aufmotzen, Patrick Frey seinen unaufhaltsamen Abstieg aus dem Grossbürgertum mit der adäquaten Prise melancholischen Charmes und psychoanalytischer Verdrossenheit zelebrieren.

WENIGER TYPOLOGISCHE Leidensgeschichte, mehr voyeuristisch veranlagter Selbstwitz: «Erfolg als Chance» fehlt jene gesellschaftliche Dimension, die das Erfolgsprogramm Sickmen in den Midlife-Männerkrisen geortet hatte. Diese schimmern zwar auch durch – im Versuch, die Lebensträume ebenfalls anzuschneiden in jenem Programm, das noch geschrieben werden muss –, beschränken sich aber auf die je harmlosen Selbstmodellierungen, die die Herren dem Publikum zu gewärtigen haben: Giacobbo, der südafrikanische Weingutbesitzer, Frey der Romanschriftsteller, Müller der bewusste Kontemplationseinsiedler. Selbst die Mütter (in der imaginierten Ersatzmama Auto oder ganz real, mit gestikulatorischen Regieanweisungen in Reihe eins) werden hervorgezerrt, um die Ent-Täuschungen und die wahren Werte des Künstlerlebens – das nie erhaltene Lob der lb. Nährerin – zu fassen.

Dass diese prekäre dramaturgische Konstruktion, die sich im Grund vom inhaltlichen Nichts nährt und dieses beständig immer wieder umkreist, nicht abstürzt oder zur süsslichen psychologischen Sauce abschmackt, beruht in erster Linie auf der blinden Abstimmung der drei bühnenmächtigen Profis: Müller, Giacobbo und Frey verkörpern in sich selbst drei dermassen unterschiedliche, aber gleichermassen präsente Charaktere, dass sich daraus beinahe per se kabarettistisches Potenzial extrahieren lässt. Aufgrund ihrer medialen Trimmung (Fernsehen!) wissen sie nicht nur genau, welche Pointendichte es abzumessen gilt, sondern auch, wie mit der eigenen Person und der eigenen (veröffentlichten) Vergangenheit – als Kabarettisten wie als «Privatpersonen» – gewuchert werden kann. Und, nicht zuletzt: Die beinahe transparenten und doch sehr energisch gesetzten dramaturgischen Akzente des Regisseurs Tom Ryser sorgen dafür, dass der «Spannungsbogen» (man erinnert sich) die Dreierkonstellation (immer zwei gegen eins in unterschiedlichen Besetzungen) so optimal ausnützt, dass nie harmonische Langeweile aufkommt.

MIT BEDACHT: Frey, Müller und Giacobbo haben nicht das asymptotisch authentische Bild vom künstlerischen Produktionsprozess erzählt, wo aus der kreativen Leere die Wut und der Zwang der Improvisation entstehen, sondern ihren eigenen Bekanntheitsgrad als Funk- und Fernsehkabarettisten zum Wucherpfand kalkulierter Selbstironie gemacht. Ohne Schminke und Brimborium, aber mit viel Witz und dem Wissen um die situative Komik des Theaters, das sich selbst bespiegelt.

So sei ihnen denn auch der imaginierte Premierenauftritt gegönnt, der das eigene Improvisationstalent implizit gar stark unterstreicht – mit Nichts gelangen sie auf den Brettern schliesslich (im Stück!) zum Grosserfolg. Doch wer könnte die Pfade des erfolgsverwöhnten Kabaretts (zumindest hierzulande) besser nachzeichnen als gerade diese drei? Insofern bleibt Mike Müllers (rhetorische) Frage gültig: «Kennst du ein besseres und ein schlechteres Lachen?»

Abendfüllende Lehre des Erfolgs

27. November 2008, Oltner Tagblatt, von Fabian Saner

STADTTHEATER OLTEN Die drei Grossen des Schweizer (Fernseh-)Kabaretts mimen sich überzeugend selbst Kein doppelter Boden! – Der ist schon eingebaut […]

633’000 Personen sahen am Sonntag die Satiresendung Giacobbo / Müller – so viele wie noch nie.

Bei der allerersten Sendung im Januar hatten Giacobbo / Müller 619’000 Zuschauer, später pendelten sich die Quoten bei rund einer halben Million ein. Jetzt, in der zweiten Staffel, erreichen die beiden Komiker neue Rekordwerte. Am Sonntag schalteten 633’000 Personen die Sendung ein. Der Marktanteil betrug 45,7 Prozent, das heisst, dass knapp die Hälfte aller aktiven TV-Zuschauern zu jener Zeit SF 1 eingeschaltet hatten. «Es ist sensationell, dass eine Sendung um diese Zeit solche Zuschauerzahlen erreicht», sagt Pressesprecher David Affentranger. Dass die Giacobbo / Müller nach dem Erfolg einen Platz im Hauptabendprogramm erhalte, sei aber unwahrscheinlich. «Der Sendeplatz ist genau richtig», meint er.

Rekordquote für Giacobbo / Müller

4. November 2008, Tages-Anzeiger

633’000 Personen sahen am Sonntag die Satiresendung Giacobbo / Müller – so viele wie noch nie. Bei der allerersten Sendung […]

Nach dem Auftakt haben sie einiges hören müssen, die beiden alten, neuen Comedy-Hoffnungen des Schweizer Fernsehens, Viktor Giacobbo und Mike Müller. Mag sein, dass ihr «Late Service Public» das Medium nicht neu erfindet, aber als Live-Talkshow mit eingespielten Sketches ist das unterhaltsamer als fast alles, was uns sonst unter dem Label Entertainment verkauft wird.

Die erste Sendung kontrastierte zum Beispiel alte Politwarenposten aus Ottos Warenposten mit der Startup-Idee eines jungen Techno-Tüftlers, irgendeine bahnbrechende Methode, mit der man Filmkritiken direkt aufs Handy laden kann, bevor man das Kinoticket kauft. Filmkritik?! Die Branche ist gerade am Aussterben, ihr Produkt nicht mehr gefragt, ihre Zukunft steht in den Sternchen. Als Investorin hätte ich dem Mann keinen roten Heller zugeschossen – was aber nicht viel heisst, schliesslich habe ich ja auch meine halben Ersparnisse in UBS-Aktien angelegt. Dafür hätte ich die verbliebene Hälfte sofort auf den Durchbruch jenes Nachwuchsschauspielers verwettet, der mit einer sagenhaften Mörgeli-Parodie glänzte.

Auch die folgende Ausgabe unterhielt solide, u. a. mit dem sympathischen Martin Suter und einem echten Cervelat-Promi, einem gefragten Spezialisten für Wursthäute. Highlight aber war – im Rahmen der geballten China-Offensive, die das SF eben startete – eine zwerchfellerschütternde Kurznummer von Müller mit einem kantonesischen Sandwich, für den ich mich anstandslos die gesamte Restdauer über hätte langweilen lassen. Jedenfalls gebe ich den beiden mehr als 100 Tage. Bzw. 200, weil sie ja zu zweit sind. Mit dem kleinen weissen Hund aus Müllers Garküche sogar 1000. Bitte weiterwedeln!

Giacobbo / Müller – Wag the Dog!

10. Februar 2008, NZZ am Sonntag, von P. Horlacher

Nach dem Auftakt haben sie einiges hören müssen, die beiden alten, neuen Comedy-Hoffnungen des Schweizer Fernsehens, Viktor Giacobbo und Mike […]

Deine neue Sendung („Giacobbo / Müller“, heute wieder 22.10, SF1) ist nicht so schlecht, wie die Kritiker sagen. Aber du musst sie verstehen: Die können dich nicht an Mega-Flops messen wie «Black & Blond» oder am Frankenstein der helvetischen Late Night Show, wie hiess er noch, der mit dem breiten Kinn? Die müssen einfach die höchste Latte anlegen.

Und das ist nun mal «Viktors Spätprogramm». Selber schuld. Lang ists her, fünf Jahre, aber noch so präsent, dass wir alle hofften, die Debbie Mötteli oder WAM als Blocher würden auftreten – und dann spazierte nur der Otto Ineinchen herein und wurde seinem Ruf gerecht: Schadenposten. Aber so sind Politiker, nicht fernsehtauglich, oder genau dann nicht verfügbar, wenn sie am unterhaltsamsten wären: eine Link-Verbindung zum Spitalbett der Zürcher Sozialvorsteherin zum Beispiel oder ein Einspieler über Silvia Blocher in kurzen Hosen bei den Wanderferien in Chile. Das wärs gewesen!

Schlecht waren ja nur die Gäste, dieser Thiel aus Bern ist ein Schreiber, kein Redner. Und der junge Telefönler etwas für MTW. Dein Duo mit Mike Müller aber: einsame Spitze. Weiter so. Dazu der coole Gitarrist (tamtedilam) plus ein Imitator von der Klasse dieses Fabian Unteregger mit seiner Mörgeli-Imitation (genial). Das genügt. Wenn schon Gäste, dann todernste, solche, die zur Landeshymne Achtungsstellung annehmen.

Übrigens: Nimm es als Kompliment, wenn die «Weltwoche» schreibt, du seist ein «Untergeher», der seinen Stuhl dem Nachwuchs abtreten sollte. Reine Alterserscheinung, solche Kritik: Es kommt ein Übervaterproblem auf dich zu. Da nützt auch Haarfärben nichts.

Apropos: Ich möchte keinen Prozess, aber dieses Rötlich-braun passt nicht zu deiner schütteren Haarpracht. Oder liegt es an meiner Sonnenbrille, färbst du gar nicht? Nein, du bist kein Unter-geher, eher der feste Kiel des Schweizer Komikdampfers. Und wer hat denn mehr für Nachwuchsförderung getan als du?

Wunderbar übrigens, wie dir die SVP zur Seite steht. Sie erwägt eine Klage! Das grenzt ja fast an ille-gales Sponsoring! «Solchen Schrott könnte sich ein Privatsender nie leisten», tönen die. Wohl noch nie Privatfernsehen empfangen, diese Zottel. Also dann: toi,toi, toi. Mit freundlichen Grüssen, Peter Rothenbühler

Peter Rothenbühler ist Chefredaktor von «Le Matin»

Lieber Viktor Giacobbo

3. Februar 2008, SonntagsZeitung, von Peter Rothenbühler

Deine neue Sendung („Giacobbo / Müller“, heute wieder 22.10, SF1) ist nicht so schlecht, wie die Kritiker sagen. Aber du […]

Die Satiresendung « Giacobbo / Müller » feierte TV-Premiere

Es gibt wieder bissigen Humor zu sehen am Schweizer Fernsehen. Doch so erfreulich Viktor Giacobbos TV-Comeback ist: Seine neue Wochensendung will zu viel in den 40 Minuten Sendezeit.

Es ist wie ein Flashback: das Kaufleuten in Zürich. Viktor Giacobbo als Zeremonienmeister. Humorliebhaber als Zielpublikum. Die Premiere des neuen Satireformats am Sonntag weckte Erinnerungen an die Derniere vor fünf Jahren, als sich Giacobbo im grossen Klubsaal vom Schweizer Fernsehen verabschiedete.

Seither versuchte die Abteilung Unterhaltung des Schweizer Fernsehens krampfhaft, das Loch zu stopfen. Ohne Erfolg. Das Late-Night-Geplauder «Black’n’Blond» mit Roman Kilchsperger und Chris von Rohr hing von Anfang an durch. Bleibt noch René Rindlisbacher, der seither mit einem Komikergrüppchen in «edelmais & co.» eine Sketch-Konserve abliefert, bei der die Lacher aus der Tube gedrückt werden. Originell ist diese Idee eines Potpourris mit Perücken und Pointen nicht. Und Birgit Steinegger und Walter Andreas Müllers Politikerparodien sind nett, aber nicht aufregend und zudem kaum für ein jüngeres Publikum. Fünf Jahre lang Flaute also – entweder mangelte es den SF-Verantwortlichen an guten Konzepten oder am Mut zum Experiment mit Grips. Also holten sie ihren besten Mann zurück.

pieksen & stechen. Das ist gut so. Giacobbos Humor piekst und sticht und beisst, lakonisch und ironisch. Clevere, erfrischende Unterhaltung mit Biss – das erhoffte sich schon die ARD, als sie Harald Schmidt zurückgewann. An dessen Late-Night-Sendung erinnert denn auch « Giacobbo / Müller »: Auch hier werden aktuelle Themen kommentiert, angereichert mit Kurzfilmchen und Musik, und Studiogäste zum Short-Talk begrüsst. Nichts Neues. Aber besser als gar nichts.

Mike Müller agiert als Sidekick, als Giacobbos Andrack. Und macht das zu Beginn der Sendung sehr gut. Als Giacobbo den Sexskandal der katholischen Kirche anspricht und erklärt, die hätten den Bibelsatz «Jesus liebt dich» falsch verstanden, ergänzt Müller trocken: «Und es hiess ja auch ‹zwölf Jünger› und nicht ‹zwölfi und jünger›.» Das sind One-Liner, die sitzen. Erfrischend auch, wie die Political Correctness mit Füssen getreten wird.

Doch auf einen starken Start folgt ein schwacher Schluss: Allzu verschiedene Studiogäste nehmen am runden Tisch Platz, zu viele für die kurze Zeit, die mehrheitlich FDP-Politiker Otto Ineichen für sich beansprucht. Giacobbo demonstriert seine Schlagfertigkeit, lässt ihn auflaufen. Doch verstreicht zu viel Zeit beim Polittalk, angesichts der Tatsache, dass mit dem Kopf-Komiker Andreas Thiel und dem Erfinder Herbert Bay zwei weitere Gäste Giacobbo / Müller flankieren.

Der Kopf-Komiker Thiel fällt aus dem Rahmen und Erfinder Bay hätte man von Anbeginn besser «Aeschbacher» überlassen. Mike Müller verstummt beinahe, vor sich einen Laptop, die Sendung franst aus, die Spannung verfliegt. Auch bei mässigen Einspielern wie Müllers Albaner-Sketch (wo sich zeigt, dass Müllers Talent zur Akzent-Imitation Grenzen hat). Das Beigemüse sorgt aber auch für Höhepunkte, etwa im Beitrag über Müllers Rekrutierung sowie Fredi Hinz’ Comeback. Ebenfalls vielversprechend ist der Einbezug des trashig-britischen Alleinunterhalters Phil Hayes.

Zurück in der Zunft

29. Januar 2008, Basler Zeitung, von Marc Krebs

Die Satiresendung « Giacobbo / Müller » feierte TV-Premiere Es gibt wieder bissigen Humor zu sehen am Schweizer Fernsehen. Doch […]

Grosse Erwartungen, erster Jubel. Trotzdem: Die Premiere von «Late Service Public», der neuen Satiresendung von Viktor Giacobbo und Mike Müller, ist missglückt.

Die Nervosität war ihnen anzumerken. Aber die Erwartungen waren hoch gewesen, nicht zuletzt ihre eigenen. Seit Viktor Giacobbo angekündigt hatte, nach fünf Jahren wieder eine Satiresendung fürs Fernsehen zu machen, hatte man sich über die Rückkehr eines Komikers gefreut, der viel Verschiedenes kann.

Giacobbo hat als Schauspieler ein gutes Dutzend von Figuren entwickelt, die noch bekannter wurden als er selber. Als Conférencier überzeugte er mit einer Selbstironie, bei der die Pointen fast absichtslos aus ihm herauskullerten. Und als Interviewer brillierte er im Streitgespräch mit wechselnden Gästen, vorzugsweise Politikerinnen und Politikern, denen er kompetent und schlagfertig nachsetzte.

So etwas wie ein Gespräch

Weil er aber nicht mehr dasselbe machen wollte, versucht Giacobbo es diesmal anders, wie schon der umständliche Titel der neuen Sendung klar macht. « Giacobbo /Müller, Late Service Public», als satirischer Wochenrückblick angelegt, wird im Duett verabreicht. Dazu hat sich Viktor Giacobbo den Schauspieler Mike Müller geholt, ein komisches Talent auch er. So sitzen die beiden nebeneinander am Pult und reden lustig über das, was in der letzten Woche so passiert ist. Dann stossen ein paar Gäste hinzu, dazwischen gibt es Sketche, etwas Musik, und das wars.

Aber das reicht so nicht: Die Premiere der neuen Satiresendung ist missglückt. Das liegt einerseits am Material, vor allem aber am Konzept. Angestrengt versuchen die beiden Protagonisten, aus einstudierten Abläufen so etwas wie Gespräch entstehen zu lassen. Nacheinander deklinieren sie die Bankenkrise, das WEF, die Vorgänge im Zürcher Sozialamt, die katholische Kirche und ihre Pädophilen und Sarkozy mit seiner Bruni. Nur reden Giacobbo und Müller dermassen schwerfällig aufeinander ein, dass man dauernd die Ausrufezeichen blinken sieht, wo eine Pointe sitzen sollte. Als Gespräch funktioniert das nicht, weil kein Gespräch zu Stande kommt. Als einstudierte Satire genügt es nicht, weil die Satire zu wenig lustig ist. Das Timing stimmt nicht, die Pointen bleiben absehbar, überhaupt dauert alles viel zu lange.

Dann kommen die Gäste, und mit ihnen neue Probleme. Zwar findet das Moderatorenpaar zwanglos zu neuen Rollen: Müller regrediert auf witzige Weise zum Knecht, während Giacobbo im ironischen Gespräch mit den Eingeladenen das tut, was er am besten kann. Leider haben sich die beiden für ihre Premiere die Falschen ausgesucht. Etwa den Berner Satiriker Andreas Thiel, der als Komiker gegen alles antritt, was sich links von ihm noch rotgrün rührt. Statt über die Rechte loszuziehen, macht sich der Nachgeborene über die Linke her, oder in seinen Worten: «über eine Sozialdemokratie als staatlicher Vormundschaftsbehörde». Dazu hätte er allen Grund. Nur geht Thiel dabei dermassen klischiert vor, dass er exakt jene Selbstgerechtigkeit produziert, gegen die er satirisch angetreten war. Bloss mit umgekehrten Vorzeichen.

Als ersten Politiker haben sich Giacobbo und Müller den freisinnigen Nationalrat Otto Ineichen ausgewählt, und auch den hätten sie lieber bleiben lassen sollen. Ineichen redet manchmal schneller, als er denkt, und als er in den Saal hinausruft, dass alle Parteien im Moment zu Führerparteien würden und hart geführt werden müssten, wünschte man sich, jemand würde den wackeren Unternehmer vor sich selber schützen. Es stösst dann noch ein Jungunternehmer zur Runde, der das Handy mit Google verbinden möchte und artig Werbung für sich selber macht. Aber kaum kommt das Gespräch halbwegs zu Stande, ist die Zeit schon um.

Dennoch zwei Höhepunkte

Was auch alles missriet an diesem ersten Abend: Vieles lässt sich korrigieren, die angestrengte Doppelmoderation wäre das Erste. Im Übrigen hatte die Sendung durchaus ihre Höhepunkte, vornehmlich deren zwei. Nämlich Peter Tate, der als lakonischer Brite mit Gitarre für Musik und Kommentare sorgte. Und Fabian Unteregger, der in einem Sketch brillant den SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli parodierte – auch dieser ein Einwegsatiriker, der Komik immer nur bei den Gegnern sucht.

Das zumindest wird man den Gastgebern nicht vorwerfen können. Ihr Problem ist eher, dass man sie noch nicht so lustig findet wie sie einander.

Wo die Pointen sitzen sollten, blinken angestrengt die Ausrufezeichen

, Tages-Anzeiger, von Jean-Martin Büttner

Grosse Erwartungen, erster Jubel. Trotzdem: Die Premiere von «Late Service Public», der neuen Satiresendung von Viktor Giacobbo und Mike Müller, […]

ZÜRICH. Die Schweiz ist um ein Satiremagazin reicher – und um einen Nobelpreisträger: « Giacobbo / Müller – Late Service Public» zeigt: Für gute Schweizer Late Night Comedy ist es nie zu spät.

Genüsslich blickt Viktor Giacobbo (55) auf die ausverkauften Ränge im Kaufleuten-Festsaal. Dennoch gaukelt er Überraschung vor: «Hätte ja sein können, dass niemand kommt.»

Das Publikum lacht schallend. Ein guter Anfang.

Fünf Jahre dauerte Giacobbos TV-Absenz. Sein Partner, Mike Müller (44), bekam gerade erst in «Tell» sein Fett ab. Trotz Nervosität: Die Lacher haben sie schon vor Übertragungsbeginn auf ihrer Seite.

Dass SF-Boss Ingrid Deltenre und Unterhaltungschefin Gabriela Amgarten auch da sind, verstehen die beiden Galgenvögel als Chance. Das Matriarchat des Schweizer Fernsehens habe sie weicher gemacht, erzählen sie. Müller witzelt: «Ich flüchtete mich in eine Scheinschwangerschaft.» Giacobbo : «Mir wuchsen sogar Brüste, doch ich liess sie mir heute zurückbinden.»

Gelacht wird auch später im 40-minütigen Satire-Magazin oft und gern. Auch wenn die Video-Clips von Giacobbo in Raab-Manier per Knopfdruck abgespielt werden und Müller leider im zweiten Teil der Sendung als Protokollschreiber neutralisiert wird. Immerhin ist er zuvor per Wikipedia-Eintrag zu einem gefakten Friedensnobelpreis gekommen.

Peter Tate ist als Einmannorchester wunderbar unkonventionell besetzt, die Christoph-Mörgeli-Parodie von Komiker Fabian Unteregger eine kleine Sensation. Nur aufgepasst, dass die Satiresendung nicht zum Polit-Format verkommt – oder wie gestern zur reinen Männerrunde.

Am Ende geizt das Publikum nicht mit Lob. Die Nervosität verzeiht man auch erfahrenen Komikern.

Und dass Otto Ineichen im Alleingang beweist, wie humorlos Politik sein kann, ist an und für sich bereits wieder ein Lacher.

So lustig war Viktor wirklich

28. Januar 2008, Blick, von Oliver Schmuki

ZÜRICH. Die Schweiz ist um ein Satiremagazin reicher – und um einen Nobelpreisträger: « Giacobbo / Müller – Late Service […]

Die neue Satire-Show des Schweizer Fernsehens ist ein Strassenfeger. Sehr gute Quote für die erste Folge der neuen SF-Satire-Sendung «Giacobbo / Müller»: 619000 Zuschauer schalteten am Sonntagabend ein.«Hervorragend. Dass wir nach 22 Uhr noch einen Quotenschnitt von 619 000 Zuschauer haben ist wirklich selten», sagt SF-Pressesprecher Urs Durrer gegenüber heute.

Trotz guten Feedbacks: Viktor Giacobbo sieht nach seinem Debüt nach fünfjähriger Fernsehabstinenz noch Verbesserungspotenzial: «Manchmal habe ich reingeschwatzt und mich verhaspelt. Auch mit 55 ärgern mich solche Fehler jedes Mal wieder erneut», sagte er gegenüber Radio 24.

Nicht geärgert haben Giacobbo hingegen die diversen Änderungen des Wikipedia-Eintrages über Co-Moderator Mike Müller. Er selbst hatte den Eintrag als Sketch-Einlage in der Show verändert. So dichtete er Müller den Friedensnobelpreis 2008 an. Die Wiki-Gemeinde rächte sich bei Giacobbo sogleich. Ein Wiki-User schrieb in Giacobbos Eintrag: «Ich glaub der ist schwul!» abm.

619000 sahen „Giacobbo / Müller“

Die neue Satire-Show des Schweizer Fernsehens ist ein Strassenfeger. Sehr gute Quote für die erste Folge der neuen SF-Satire-Sendung «Giacobbo […]

Viktor Giacobbo ist zurück: Der Komiker feierte gestern mit seinem SF-Satiremagazin « Giacobbo /Müller – Late Service Public» Premiere.Die Sendung war trotz einiger gelungener Pointen von Mike Müller eine One-Man-Show von Giacobbo. Er knüpfte mit seiner Bissigkeit nahtlos an «Viktors Spätprogramm» an.
20 Minuten war bei der Aufzeichnung im Zürcher Kaufleuten dabei. Er war eindeutig der Star der Sendung: Viktor Giacobbo. Der Satiriker führte bissig, schlagfertig und redefreudig durch die erste Sendung von „Giacobbo / Müller“, die gestern Abend auf SF ausgestrahlt wurde. Daneben ging Ko-Moderator Mike Müller trotz seiner Körperfülle fast unter. Diese war denn auch immer wieder Zielscheibe von Giacobbos Witzattacken. Ansonsten mimte Müller den unsicheren Handlanger. Auch die Talkgäste mussten einstecken: Allen voran bekam FDP-Nationalrat Otto Ineichen Giacobbos Scharfzüngigkeit zu spüren – der Politiker nahms mit Humor. Als grosser Lacher entpuppte sich die von Müller gespielte Albaner-Figur Mergim Musaffar, der Ausländern Tipps für gelungene Integration gab. Blocher-Bruder Gerhard wurde als SVP-Chefideologe verhöhnt. Für eine Analyse war es Berufswitzbold Giacobbo nach der Premiere noch zu früh, aber er versprach: «Wir werden mit jeder Sendung besser werden.» Auch SF-Direktorin Ingrid Deltenre war zufrieden: «Die Show wird sich entwickeln. Aber das war auf alle Fälle ein guter Start.»

„Giacobbo / Müller“ überzeugte – One-Man Show von Viktor Giacobbo

, 20 Minuten, von Martin Fischer

Viktor Giacobbo ist zurück: Der Komiker feierte gestern mit seinem SF-Satiremagazin « Giacobbo /Müller – Late Service Public» Premiere.Die Sendung […]

L’humoriste alémanique fait, ce dimanche, son retour sur les écrans alémaniques avec une nouvelle émission de satire inspirée de la politique suisse.«La satire s’intéresse à des problèmes sérieux. Voilà pourquoi vous, Monsieur Blocher, vous occupez souvent notre émission!» Mai 2002. Dans la salle zurichoise surchauffée du Kaufleuten, Viktor Giacobbo, enfoncé dans son fauteuil de maître, titille Christoph Blocher au fil de son émission TV satirique Spätprogramm. Costard, lunettes, stylo-bille et carnet de notes: dans sa tenue, Giacobbo affiche un sérieux qui contraste curieusement avec l’acidité de ses propos et le ton de son émission, cocktail d’interviews et de sketchs fantasques. Six mois plus tard, ce programme s’arrête, malgré ses douze ans de succès et ses émissions suivies jusque par un demi-million de téléspectateurs.

«J’ai décroché car je voulais prendre de la distance. J’avais envie de théâtre, de voyage, d’autre chose. Mais là, désormais, je suis prêt», racontait l’autre jour Viktor Giacobbo, croisé dans les coulisses de la télévision alémanique SF. Car ce dimanche 27 janvier, l’humoriste à la carrure de Woody Allen retrouve le petit écran, assisté de sa complice favorite: la satire. Giacobbo veut toujours, pour divertir, greffer ses sketches à des problèmes sérieux, et plus que jamais à la politique, que Christoph Blocher soit conseiller fédéral, leader d’opposition ou retraité en pantoufles. A quelques jours de la première, il répète, plutôt stressé, dans les couloirs de la télévision, n’accordant que des interviews minutées. Car son retour est très attendu.

C’est que Giacobbo est une institution à l’est de la Sarine. Sa cote de popularité peut rendre jaloux n’importe quel promi – c’est ainsi que l’on appelle les figures populaires ou politiques. Un jour, dans la rue, dites un rocailleux «soooo guet» au premier passant venu. Et celui-ci vous répliquera sans hésiter: Fredi Hinz. Ce Fredi, c’est un des personnages les plus connus inventés et interprétés par Giacobbo (Fredi, ses pétards aromatisés, ses problèmes sexuels). Sans oublier Harry Hasler, repérable à son torse velu. Ni la ménagère Debbie Mötteli. C’est de la satire grand public qui s’en remet aux tracas de la suissitude.

Pour sa nouvelle apparition hebdomadaire, l’humoriste de 56 ans, typographe de formation, se retrouve au Kaufleuten, toujours en public. Son acolyte est Mike Müller, humoriste et comédien très populaire, vu notamment dans le film Mein Name ist Eugen. «Je ne sais pas encore ce que nous allons faire», avance-t-il sans rougir. «Nous allons nous inspirer de l’actualité et des invités sur le plateau» (ce dimanche, le radical Otto Ineichen). L’émission puisera dans Spätprogramm, mix d’interviews assassines, de sketches et d’improvisation. Comme lorsqu’il revenait sur la punition radicale pensée par Samuel Schmid pour lutter contre les joints des recrues: leur imposer un remix du spectacle d’ouverture d’Expo.02…

D’abord reine des cabarets, la satire politique a une forte tradition en Suisse alémanique. De l’humour typiquement schweizerisch? En fait, l’histoire de la satire, bien qu’assaisonnée de dialecte, est liée à l’Allemagne et à ses artistes en exil en Suisse pendant les deux Guerres mondiales. «Très forte dans les années 70, la satire, souvent à gauche, est devenue une niche», estime Marco Ratschiller, rédacteur en chef du périodique satirique Nebelspalter. «Elle est aujourd’hui surpassée par la comédie, un rire plus grand spectacle qui n’exige pas une fine connaissance du cosmos politique.»

Pourtant avec Franz Hohler, Lorenz Keiser ou Andreas Thiel, les héritiers existent. Marco Ratschiller: «Viktor Giacobbo a assis sa réputation avec la parodie et ses figures clés. En revenant à la télévision, il prend des risques. Quand elle plaît au très grand nombre, la satire devient un genre périlleux.» En Allemagne, Harald Schmidt, routinier de la pique, s’est essayé à un come-back télévisuel. Mi-figue, mi-raisin. A la télévision alémanique, on se défend de réchauffer une valeur sûre. «Nous voulions retrouver un animateur fort pour la satire. Les quatre émissions d’humour lancées depuis 2002 n’ont pas toutes connu un même succès», explique Rolf Tschäppät, responsable de l’humour.

Durant ses cinq années loin des plateaux, Viktor Giacobbo s’est investi dans le cinéma, sans véritable réussite il est vrai, malgré le succès de Micmac à La Havane en terre alémanique. Il s’est aussi illustré sous la tente du Cirque Knie en 2006 et surtout à la tête du Casino-Théâtre de Winterthour, devenu la tanière zurichoise du rire. Là, le comique a ravivé ces soirées de cabaret qui ont vu ses débuts d’autodidacte. C’était bien après le jour où le petit Viktor prit goût au discours qui dérange, quand, enfant, il raconta à haute voix à sa tante ce que sa mère en disait quand elle était absente. Dévoreur de journaux, Giacobbo vote à gauche mais singe aussi bien Samuel Schmid que Moritz Leuenberger, soudain très harassé et dépressif.

«En cinq ans, le discours politique s’est durci. Les confrontations sont plus vives. Cela rejaillit sur mon inspiration. Mais je ne travaille pas avec une mission. Je propose un regard qui peut aider à éclairer ce que parfois on a voulu taire.» Le comique avoue qu’il n’est pas évident de naviguer avec la dérision, dans un système de concordance. «Mais l’opposition de l’UDC va peut-être nous faciliter la tâche.»

Et qu’en pensent les politiciens, qui restent les premiers concernés par le retour du satiriste? Le conseiller aux Etats radical Felix Gutzwiller ne tremble pas: «La satire est un art nécessaire. Je dois à mes origines d’aimer ce type de discours.» Le Zurichois n’a jamais été ni invité ni brocardé par Giacobbo, à l’époque de son Spätprogramm. Vexé? «C’est vrai qu’apparaître chez Giacobbo était presque devenu signe d’importance. Je crois que je n’ai pas le profil nécessaire. Je suis trop mesuré.»

Viktor Giacobbo, l’éternel railleur

26. Januar 2008, Le Temps, von Anne Fournier

L’humoriste alémanique fait, ce dimanche, son retour sur les écrans alémaniques avec une nouvelle émission de satire inspirée de la […]

Fünf Jahre nach seinem Abschied kehrt Viktor Giacobbo auf die Mattscheibe zurück. Und er bringt Verstärkung mit: Mit Mike Müller bietet er ab morgen einen wöchentlichen «Late Service Public» an. Das Timing könnte besser nicht sein.

 

Man stelle sich einen direktdemokratisch organisierten Königshof vor – zugegeben eine etwas abenteuerliche Konstruktion. An diesem Königshof namens Helvetien herrschten sieben Gekrönte mehr oder weniger gleichberechtigt; einer jedoch sah sich als Primus inter Pares, als Retter des Vaterlandes gar, und wurde prompt gestürzt. Die Anhänger des solcherart Gedemütigten schworen Rache und kündigten einen kompromisslosen Oppositionskurs an. Goldene Zeiten brachen damit auch für die Hofnarren an, allerdings dominierten seit dem Abgang des frechsten aller Narren einige Jahre zuvor an der Tafel der Mächtigen eher laue, mehr oder minder «genial daneben» liegende Spässchen, Fäkalhumoresken und allzu brave Königsparodien. Und just in diesem historischen Moment, wo sich für die Satire eine grandiose neue «Mörgeliröte» abzeichnet, kündigt der allerorten vermisste Spassmacher zum Entzücken des Hofstaats seine Rückkehr an, begleitet von einem überaus hoffnungsvollen Knappen.

Bekannte und neue Figuren

Hat er einfach den richtigen Zeitpunkt abgepasst, mit beneidenswerter Intuition auf eine Konstellation gewartet, die ihm – zumindest auf nationalem Parkett – satirisches Material im Überfluss bereitstellen wird? Tatsache ist, dass dem 56-jährigen Viktor Giacobbo, dem «Godfather» der Schweizer Comedy-Szene, in fast unterwürfiger Manier der rote Teppich ausgerollt und eine Carte blanche für diese neue Satiresendung ausgehändigt wurde. Seit seinem Abgang 2002 nach sieben Jahren «Viktors Spätprogramm» hatte die Unterhaltungsabteilung des Schweizer Fernsehens vieles versucht, um die satirische Dürreperiode zu beenden – aber Formate wie «Rätpäck», «Edelmais & Co» oder «Black ’n’ Blond» dümpelten kraftlos und ohne authentische Ausstrahlung im Kielwasser des Comedy-Booms deutscher Privatsender.

Morgen Sonntag nun hat «Giacobbo/Müller» Premiere. Angelegt als satirischer Wochenrückblick, wird die 40-minütige Sendung um 19.30 Uhr im Kaufleuten aufgezeichnet und jeweils um 22.10 Uhr auf SF 1 ausgestrahlt ( für 2008 sind 30 Sendungen geplant mit einer Sommerpause von Ende Mai bis Anfang Oktober). Die Gastgeber kommentieren die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche, unterhalten sich mit Gästen, dazu gibt es vorproduzierte Filmeinspielungen und Auftritte von Komikern – fest engagiert ist der junge Parodist Fabian Unteregger, musikalische Akzente setzt das englische Einmannorchester «Peter Tate and himself».

«Wir erfinden weder das Fernsehen noch die Satire neu», sagt Giacobbo und versucht, die grossen Erwartungen zu dämpfen. «Wir wollen bestehende Formate einfach mit guten Inhalten füllen.» Improvisation und Spontaneität sind in «Late Service Public» denn auch gross geschrieben, Müller und Giacobbo verzichten als eingespieltes Team auf ein Drehbuch und wollen sich die Bälle situativ zuwerfen. Gleichwohl: Ganz ohne rhetorisches Sicherheitsnetz betreten sie das kabarettistische Hochseil nicht; ein vierköpfiges Autorenteam unter Headwriter Domenico Blass (der mit Giacobbo schon an den Drehbüchern zu «Ernstfall in Havanna» und «Undercover» schrieb) ist für Input zuständig.

Natürlich wird Viktor Giacobbo bei Bedarf auf die bewährten Kultfiguren zurückgreifen, auf Fredi Hinz oder Debbie Mötteli etwa. Allerdings ist er wohl zu intelligent, um sich auf den alten Lorbeeren auszuruhen und eine risikolose Figurenparade anzubieten. Dem Vernehmen nach ist etwa eine Toni-Brunner-Figur in Vorbereitung; bereits vorproduziert sind Einspielungen, die Müller und Giacobbo als eher unappetitliche Schweizer Touristen zeigen, die schon die ganze Welt gesehen haben sowie einen Teil des Auslands.

In den fünf Jahren selbst verordneter TV-Abstinenz ist Giacobbo bekanntlich nicht untätig geblieben: Er tourte mit dem Zirkus Knie und etablierte sich mit dem Casinotheater Winterthur als Unternehmer. Beim subventionsfreien Casinotheater fungiert er als Verwaltungsratspräsident. Geist und Macht führte Giacobbo für seine Zwecke gekonnt zusammen: Namhafte Wirtschaftsführer (darunter Leute wie SVP-Nationalrat Peter Spuhler oder UBS-Chef Ospel) konnten als Sponsoren gewonnen werden; immerhin wurden 15 Millionen für Umbau und Renovation benötigt.

So gesehen ist der TV-Rückkehrer Viktor Giacobbo heute ein Satiriker  mit einem gewissen Reputationsproblem; für die Rolle des ohnmächtigen Underdogs, dessen Waffen Witz und Wortgewandtheit sind, ist er nur noch bedingt tauglich, die zahlreichen Neider sehen in ihm den alles kontrollierenden Drahtzieher einer Winterthurer Theatermafia. Die verloren gegangene Street-Credibility wird sich der ehrgeizige Giacobbo zweifellos mit Angriffslust und ätzendem Spott zurückerkämpfen wollen.

Unterschätzt den Sidekick nicht

Seien wir jedoch nicht ungerecht: Bei seinem unaufhaltsamen Aufstieg auf den Schweizer Satireolymp hat Giacobbo immer auch nach Kräften den Nachwuchs gefördert – zu diesen Glücklichen gehörte einst auch der Oltener Mike Müller, der Giacobbo mit einer fulminanten Peter-Bichsel-Parodie begeisterte. Giacobbo und Müller sind, wie in einem Buddy-Movie, zwei schon äusserlich unterschiedliche Typen, der kleine Giftzwerg und der dickliche Gemütsmensch. Aber Obacht: Der 44-jährige Mike Müller ist studierter Philosoph, und die Tarnung als sympathische Dumpfbacke sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er problemlos auf dem intellektuellen Niveau und mit der Mundwerk-Geschwindigkeit von Giacobbo mithalten kann. Müller wird zwar in «Late Service Public» mit Giacobbo am gleichen Pult sitzen, aber schlitzohrig mit dem Habitus eines braven Soldaten Schwejk kokettieren. Als Theatertier weiss Mike Müller, «dass ein Gefälle zwischen uns schon sein muss, sonst fehlt die Spannung».

Der wandelbare und nuancierte Mime Müller hat kürzlich auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses den Horatio gegeben, den treuen Freund und Bewunderer von Hamlet. Mit der Rolle des ehrfürchtigen Stichwortlieferanten für Viktor Giacobbo wird er sich hoffentlich nicht begnügen, als ebenbürtiger Sidekick ist vom Vielseitigen einiges zu erwarten, er, der vom scharfsinnigen Wortakrobaten bis zum mundfaulen Prolo alle Register ziehen kann.

Ein Glas Wasser des Vergessens

Giacobbo und Müller haben im neuen Sendegefäss durchaus eine verantwortungsvolle therapeutische Funktion; als geistige Kläranlagen sind die bekennenden Medienjunkies um ihre eigene, aber auch um unsere geistige Hygiene besorgt, sie sichten und entsorgen den alltäglichen medialen Wahnsinn, auf dass wir fortan jeden Montag wieder mit klarem Blick die Arbeitswoche in Angriff nehmen und uns von der an psychische Folter grenzenden Gratiszeitungsflut nicht einfach so willenlos wegspülen lassen. Um noch etwas bei der Wassermetaphorik zu verweilen: Giacobbo und Müller reichen uns aus dem mythologischen Fluss Lethe – diesem Fluss des Vergessens – ein Glas Wasser, das unseren Durst nach etwas mehr Durchblick und Unterhaltung löscht und nebenbei die Erinnerungen an die schlimmsten medialen Lärmemissionen elegant auslöscht.

In der Premierensendung wird SVP-Scharfmacher Christoph Mörgeli auftreten – ob als Figur oder in Fleisch und Blut wird vielsagend offen gelassen. Allerdings spielt das keine entscheidende Rolle, denn: Herr Mörgeli wird zum Auftakt von «Late Service Public» so oder so eine königliche Lachnummer abgeben.

Die zwei von der Kläranlage

, Der Bund, von Alexander Sury

Fünf Jahre nach seinem Abschied kehrt Viktor Giacobbo auf die Mattscheibe zurück. Und er bringt Verstärkung mit: Mit Mike Müller […]

Viktor Giacobbos schräge Figuren sind legendär, sein Sinn für satirische Zuspitzung ist ungebrochen: Am Sonntag startet Viktor Giacobbo neu. Eine Begegnung im Casinotheater Winterthur.

Draussen ist das Programm des Casinotheaters vom Januar angeschlagen. Ferruccio Cainero wird angekündigt, Reto Zeller, Dieter Hildebrandt und Roger Willemsen, Joachim Rittmeyer, Hanspeter Müller-Drossaart mit seinem ersten Soloprogramm. Marco Fritsche bewirtet Comedy-Newcomer in seiner Künstler-Kantine. An der Türe hängt ein Zettel: Gerhard Polt ist ausverkauft, Hildebrandt und Willemsen ebenfalls. Drinnen im Foyer lebhafte Kinderstimmen. Um 14 Uhr ist Kinderkonzert mit Ueli Schmezer.

700 Veranstaltungen im Jahr

Als er hereinkommt, mustert Viktor Giacobbo das Gewimmel nicht ohne Stolz. «Wir haben hier im Jahr siebenhundert Veranstaltungen, davon 270 öffentliche Vorstellungen», sagt der Mann, dem das Casinotheater seine Existenz verdankt. «Das letzte Jahr war das beste seit der Eröffnung im Jahre 2002.» Wieder etwas, das er zum Erfolg geführt hat. Wobei er nicht nur als Verwaltungsratspräsident das Ganze mitsamt dem Geschäftlichen im Auge hat, sondern am liebsten hier selber auf der Bühne steht.

Zugetraut haben Viktor Giacobbo und seinen Mitstreitern so etwas viele nicht. «Die Stadtzürcher meinen ja immer, wenn etwas nicht auf ihrem Boden wachse, könne es nicht gelingen», sagt er, Spott in der Stimme. «Mittlerweile strömen sie in Scharen hierher. Sie haben gemerkt, dass es mit der Bahn nur ein paar Minuten sind, und dass man weder Pass noch Visum braucht.»

Humor und Geschäft

Der Stolz des Winterthurers steckt in diesen Worten. Und die alte Rivalität dieser sechstgrössten Stadt der Schweiz gegenüber Zürich. Winterthur hat sich auf unauffällige Weise immer wieder neu erfunden, und so ist es auch hier gegangen. Giacobbo kam, sah im Vorübergehen ein zerfallendes, aber für ein Theater sehr geeignetes Haus, und siegte – im Verein mit anderen und in geschickter Abstimmung mit der Politik. So ist der Mann, der hier einst die Weltrevolution probte, zum Vorzeige-Winterthurer geworden. «Dabei wohne ich nicht einmal in der Stadt.»

Ja, Humor und Geschäftstüchtigkeit schliessen sich gegenseitig nicht aus. Der Schöpfer schon beinahe unsterblicher Figuren wie Rajiv Prasad, Erwin Bischofberger, Debbie Mötteli oder Fredi Hinz (siehe Text unten) kann gut mit Geld umgehen. Er muss es können. «Wir sind ja alles Kleinunternehmer», sagt er mit Blick auf die Comedyszene, die in seinem Haus ein- und ausgeht. Niemand kann da einfach die Hände in den Schoss legen, jeder muss unablässig an neuen Projekten werkeln. Er selber gerade an «Giacobbo/Müller – Late Service Public»*, mit dem er am Sonntag nach sieben Jahren selbst gewählter Abstinenz auf die Fernsehbildschirme zurückkehrt. Sehnlich erwartet vom einstigen Publikum von «Viktors Spätprogramm».

Die Winterthurer Weltrevolution

Das mit der Weltrevolution ist allerdings so wild nicht gewesen. Aber es hat ihn geprägt. «1968 war ich gerade sechzehn und Schriftsetzer-Stift», erzählt Giacobbo. «Am Anfang ist die Bewegung noch spontan und kreativ gewesen, mit der Zeit aber wurde sie immer dogmatischer.» Das passt dem jungen Mann bald nicht mehr, er wird zum Abweichler – was für einen Satiriker keine schlechte Rolle ist. 1978 spediert ihn die «Kommunistische Organisation Arbeiterpolitik» an die frische Luft – mit einem Flugblatt, das Giacobbo mit Genuss auf seiner Homepage präsentiert, als «Rarität».

«VG hat objektiv gegen die Kommunisten Stellung bezogen und muss deshalb als Antikommunist bezeichnet werden!», heisst es da mit geradezu tödlichem Ernst. «VG war in seiner Jugendzeit ein fortschrittlicher Mensch», dann sei er «immer mehr ein kleinbürgerlich-individualistischer Intellektueller» geworden, habe sich, welch ein Graus, sogar vom Schriftsetzer zum Korrektor hochgearbeitet («er wollte keine schmutzigen Hände mehr») – und schliesslich den Sprung zum Fernsehen geschafft. «Jetzt weht ihm etwas vom Duft der grossen weiten Welt um den Kopf.»

Zu diesem Zeitpunkt steckt die Satiriker-Laufbahn schon in ihren Anfängen. Erwacht ist der Sinn fürs Schräge aber sehr viel früher, «schleichend», wie Giacobbo erzählt. «Ich habe schon früh in der Familie eine freche Schnorre gehabt, und in der Schule habe ich mich erst von der grauen Masse abgehoben, als das Wort wichtig wurde.» Mit besonderen sportlichen Leistungen oder kräftigen Fäusten kann der jugendliche Giacobbo nicht aufwarten, dafür mit Schlagfertigkeit und einem Gesicht, das allein schon die Lachmuskeln zucken lässt.

«Es geht um etwas»

Er schaut fern, sieht Programme der Münchner «Lach- und Schiessgesellschaft» mit Dieter Hildebrandt – und spürt: «Da geht einer hin und bringt die Leute zum Lachen. Und es geht um etwas.» Es geht um etwas: Er meint damit die Politik und das Gesellschaftliche. «Es gibt gute Klamauk-Komiker, die ich sehr lustig finde», sagt Giacobbo. «Aber meine Sache wäre es nicht – jeder muss da seinen Stil finden.» Der Stil muss dem Menschen entsprechen, deshalb kann Giacobbo auch kein Vorbild benennen.

Mit Gerhard Polt ist er befreundet, doch der ist schon vom Dialekt her ein Unikat. Doch Unikate sind sie im Grunde alle, und die Schweiz, die sich selber für nicht überaus humorvoll hält, produziert sie in grosser Zahl. Seit Jahrzehnten. Da sind in der Vorkriegs- und Kriegszeit die Cabarets «Pfeffermühle» und «Cornichon», da ist später das «Cabaret Fédéral». Da sind Margrit Rainer und Ruedi Walter, Voli Geiler und Walter Morath, César Keiser und Margrit Läubli, das Duo Fischbach. Da sind Alfred Rasser, Emil, Franz Hohler, Joachim Rittmeyer, Lorenz Keiser, Simon Enzler, Ursus und Nadeschkin. Es ist eine Aufzählung, die noch lange weitergehen könnte.

«Das hält uns vif»

Und die den enormen Reichtum gerade unserer Zeit zutage fördert. Und «das Schöne ist, keiner ist auf den andern neidisch», sagt Giacobbo. Sie alle empfänden Respekt füreinander auch, weil sich jeder in der freien Szene durchsetzen muss. «Keiner bekommt Subventionen, deshalb nimmt auch keiner dem andern etwas weg.» Freie Szene, das heisst auch: viel Ungewissheit, was die berufliche Zukunft angeht. Macht das nicht auch Angst? Viktor Giacobbo reagiert mit ungläubigem Blick. «Als Künstler lebt man so», sagt er. «Aber das hält uns vif.»

Von «Viktors Spätprogramm»…

Auch in seinem Leben reiht sich Projekt an Projekt. Es fängt mit satirischen Texten an, die er für die Zeitschrift «Tell» schreibt, setzt sich 1979 bei den Comedy-Theatertruppen «Stuzzicadenti» und «Zampanoo’s Variété» fort. 1985 folgt «Harul’s Top Service», eine komische Truppe falscher Kellner – mit Giacobbo als speckige Putzfrau oder spiessigen Securitas. 1987 bekommt der beim Fernsehen als Dokumentalist Angestellte die Gelegenheit, in Ueli Heinigers Sendung «Medienkritik» die Schlussnummer zu gestalten, in der er als «Herr Wolf» auftritt und sein Imitationstalent unter Beweis stellt. Drei Jahre darauf bekommt er mit «Viktors Programm» eine eigene Sendung, aus der 1995 «Viktors Spätprogramm» wird.

Daneben macht er Theater, schreibt Texte, gestaltet Filme mit wie «Ernstfall in Havanna», geht mit dem Circus Knie auf Tournée. Aber das Fernsehen bleibt der ideale Ort für ihn. «Nirgends sonst hat man für die Satire solche Mittel zur Verfügung», sagt er. Im «Spätprogramm» kostet er sie alle aus, und in «Giacobbo/Müller» wird er zum Teil auf die dort kreierten Figuren zurückgreifen.

…zu «Giacobbo/Müller»

Im Wochenrhythmus werden er und Mike Müller einander Stichworte an den Kopf werfen und spontan aktuelles Geschehen kommentieren. Sie werden Gäste empfangen und andere Kabarettisten auftreten lassen. Die Sendung wird am frühen Sonntagabend vor Livepublikum im Zürcher «Kaufleuten» aufgezeichnet. «Für mich gehört Livepublikum ganz wesentlich zur Satire», sagt Giacobbo. «Es gibt keine andere Kunstform, bei der man so rasch ein Feedback bekommt.»

Im Zentrum des Humors

25. Januar 2008, St. Galler Tagblatt, von Rolf App

Viktor Giacobbos schräge Figuren sind legendär, sein Sinn für satirische Zuspitzung ist ungebrochen: Am Sonntag startet Viktor Giacobbo neu. Eine […]

Mit «Giacobbo/Müller – Late Service Public» startet SF eine neue Satiresendung. Aushängeschild Viktor Giacobbo sieht den hohen Erwartungen gelassen entgegen.

Das Ende der Satiresendung «Viktors Spätprogramm» im Dezember 2002 – ein von Viktor Giacobbo erwünschtes Ende – war ein herber Verlust für das Schweizer Fernsehen (SF). Über eine halbe Million schaltete einmal im Monat mittwochabends zu, der Marktanteil betrug zur Spitzenzeit 57 Prozent. Danach hat man in der Unterhaltungsabteilung am Leutschenbach verschiedene neue Humor-Formate ausprobiert. Seit 2003 werden Auftritte des «Arosa Humorfestivals» ausgestrahlt, 2004 lancierte man die Sendung «Punkt CH», 2005 folgten «Edelmais & Co.», «Rätpäck» und «Black’n’Blond», 2006 startete «Genial daneben». Doch an den televisionären Satire-König Giacobbo kam zuschauerzahlenmässig keiner heran.

Kein Wunder, klopfte man bei ihm immer wieder an. Fünf Jahre lang. Jetzt ist es so weit: Am Sonntag, dem 27. Januar, kehrt Viktor Giacobbo zurück auf den Bildschirm, nach Auftritten im Kino, im Zirkus und auf der eigenen Bühne (er ist Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur). «Giacobbo/Müller – Late Service Public» heisst der satirische Wochenrückblick, den Giacobbo mit Schauspieler und Komiker Mike Müller präsentieren wird. Sonntags um 19 Uhr 30 wird die Sendung im Festsaal des Kaufleuten Zürich vor Publikum aufgezeichnet, um ca. 21 Uhr 45 ausgestrahlt.

Satire mit Meinungen

Gäste werden eingeladen, «echte» und Kunstfiguren treten auf, bei Bedarf Giacobbos Debbie Mötteli oder Fredi Hinz sowie neue Figuren des Nachwuchs-Parodisten Fabian Unteregger. Ausserdem gibt es einen Musiker und Kabarettisten. Dazu kommen kurze Einspielfilme. Auf «Kreuzverhöre» werden die Talkmaster verzichten. Man arbeitet nicht mit fertigen Texten, sondern vorwiegend mit Stichworten. Diese liefert ein vierköpfiges Autorenteam, geleitet von Headwriter Domenico Blass.

Im Laufe des Abends kommentieren Giacobbo und Müller die News der Woche, Politisches, Sport, Klatsch. «Wir sind News-Junkies und haben eine Meinung zu dem, was auf der Welt passiert», sagt Giacobbo. «Satire braucht eine klare Haltung, die aber nicht parteipolitisch sein muss.» Die linke Vergangenheit des bald 56-Jährigen – er war in den siebziger Jahren Mitglied einer kommunistischen Organisation – liegt lange zurück, oft «wird zugegebenermassen der eigene Standpunkt einer guten Pointe geopfert». Einen Unterschied in der Empfindlichkeit bei Rechten und Linken ist ihm schon bekannt. «Es gibt Fragen, welche die SVP aufbringt, deren Lösung ich nicht gut finde, aber dass sie die Frage aufbringt, finde ich gut. Und da sind die Linken schnell einmal prophylaktisch beleidigt.» Irgendjemanden mit seinen Auftritten von der politischen Haltung abbringen könne er sowieso nicht. «Mit Satire bestärkt man die Leute höchstens in ihrer – zustimmenden oder ablehnenden – Meinung.»

Bei SF war man wohl so froh, Giacobbo wieder an Bord zu haben, dass er sich nun weder mit inhaltlichen noch mit Quotenvorgaben konfrontiert sieht. Er versucht die Erwartungen etwas herunterzuschrauben: «Wir werden weder das Fernsehen noch Late Night, noch die Satire neu erfinden.» Was wird also neu sein, ausser dass die Sendung wöchentlich und nicht monatlich stattfindet und die beiden zu zweit sind?

Wenn man sich nochmals die Aufzeichnungen der letzten Ausgaben von «Viktors Spätprogramm» anschaut, hat man weniger formale als inhaltliche Bedenken. Das war, im November und Dezember 2002, kein besonders prickelnder Abgang. Wird Giacobbo sich als so «unverbraucht» und «voller neuer Ideen» erweisen, wie er beteuert? Natürlich profitieren er und Müller von der heute verschärften politischen wie medialen Auseinandersetzung. «Eine klare Mörgelisierung der politischen Debatte. Die SVP hat allerdings auch das zweifelhafte Verdienst, dass man komplexe Probleme mit simplen populistischen Mitteln angeht.»

Auf einem Promo-Foto des Schweizer Fernsehens sitzt Giacobbo nach vorne gelehnt und zeigt mit beiden Zeigefingern auf sich, hinten hebt Mike Müller, in Dummerchen-Pose, zaghaft die Hand: Herr Lehrer, ich würde auch gerne etwas sagen. Dass er die Sendung nur mit Mike Müller machen würde, war Giacobbos Bedingung. Ist er, mit seinen 13 Jahren Erfahrung als TV-Satiriker, also der Tätschmeister des Abends? «Nein, wir sind absolut gleichberechtigt.»

Aus der Mitte lachen

Dennoch: SF hat fünf Jahre lang bei Giacobbo angeklopft, nicht bei Müller. Das spricht nicht gegen Müller, im Gegenteil. Nimmt man Giacobbos Auftritte in den fünf TV-freien Jahren als Gradmesser, traut man Müller durchaus das Potenzial zu, dem Abend etwas Neues beizusteuern. Viele Fans mögen Giacobbo ohnehin lieber als Debbie Mötteli, Harry Hasler oder Fredi Hinz denn Giacobbo als Giacobbo den Interviewer, dem Noch-Bundesrätin Ruth Dreifuss es damals in der letzten Sendung abnahm, die meisten Pointen zu liefern.

Das liegt an seiner satirischen Form: der Ironie. Es ist die klassische Haltung jener, die wissen, wie man austeilt, und darum wissen, wie wichtig es ist, möglichst wenig Angriffsfläche auf die eigene Person zu bieten. Giacobbo bietet gar keine, darin ist er Meister. Gleichzeitig ist das sein Pferdefuss als Satiriker: Irgendwann verleidet dem Zuschauer diese Position, es fehlt die Publikumsverbündung. Giacobbo lacht von unten nach oben (gegen Mächtige), von oben nach unten (das Spiel mit der Political Correctness), aber er lacht nie «aus der sicheren Mitte heraus, aus der Herde derer, die sich zusammenscharen und beten, der Hohnesblitz möge an ihnen vorbeizacken», wie die «Zeit» es über Harald Schmidts Sendungspartner Oliver Pocher schrieb. Insofern hat Giacobbo mit Mike Müller den bestmöglichen Partner gefunden: einen sympathischen Buddha, einen, der sich immer ein bisschen wehren muss.

Dieses «Gefälle» zwischen ihnen beiden werden sie auch ausspielen, sagt Giacobbo. Er ist eben ein Profi.

«Giacobbo/Müller – Late Service Public», ab 27. 1. auf SF 1 (1. Sendung 22.10 Uhr).

Die News-Junkies vom Sonntagabend

13. Januar 2008, NZZ am Sonntag, von Martin Walder, von Regula Freuler

Mit «Giacobbo/Müller – Late Service Public» startet SF eine neue Satiresendung. Aushängeschild Viktor Giacobbo sieht den hohen Erwartungen gelassen entgegen. […]

Viktor Giacobbo und Mike Müller über ihre neue TV-Sendung, die Männerdominanz in der Satire,die täglich wechselnden Freundinnen des einen und den «unsexiest car» des anderen

 

Ein Zweiergespräch setzt voraus, dass beide ungefähr gleich häufig zu Wort kommen.

Giacobbo: Es steht in unserem Vertrag, dass drei Viertel der Pointen von mir kommen und ein Viertel von Mike.

Müller: Wobei die guten von mir sind.

Es ist doch nichts als recht, wenn Mike Müller bei der gemeinsamen Satiresendung eine untergeordnete Rolle spielt. Schliesslich hat er erst dank Giacobbos Film «Ernstfall in Havanna» den Durchbruch gefeiert.

Giacobbo: Jetzt mal ganz ernsthaft: Wir machen diese Fernsehsendung zusammen, und zwar in gleichwertiger Position.

Bekommen Sie auch die gleiche Gage?

Giacobbo: Auf Anraten meines Treuhänders auf den Cayman Islands äussere ich mich nicht dazu. Ich kann nur sagen, dass man beim Fernsehen nicht reich wird. Mit einer wöchentlichen Gala würden wir besser verdienen. Das Fernsehen hat es nicht nötig, marktgerechte Gagen zu bezahlen.

Wann haben Sie sich erweichen lassen, nach fünf Jahren TV-Unterbruch wieder an den Bildschirm zurückzukehren?

Giacobbo: Kontakt zu den Verantwortlichen hatte ich immer, und diese sagten mir, wann immer ich eine Idee hätte, sollten wir darüber reden. Aber ich musste wieder Lust darauf bekommen. Und diese Lust ist jetzt da.

Comebacks können schief gehen, wie das Beispiel des deutschen Satirikers Harald Schmidt gezeigt hat.

Giacobbo: Comeback? Das Fernsehen musste mich ja nicht aus der Gosse fischen. Ich habe während der letzten fünf Jahre Satire, Zirkus, Theater und Film gemacht. «Giacobbo/Müller» ist zudem etwas anderes als «Viktors Spätprogramm». Allein schon durch die Tatsache, dass wir zu zweit sind.

Müller: Im Übrigen fand ich Schmidt nach der Fernsehpause gar nicht schlecht.

Giacobbo: Diese permanente Staatsaffäre, die um Fernsehsendungen gemacht wird, ist mir ohnehin unverständlich. Auch unser neues Projekt ist nichts als eine Sendung.

«Viktors Spätprogramm» hatte am Schluss fast schon Kultstatus. Von nur einer Sendung zu sprechen, ist schon etwas unverfroren.

Giacobbo: Kultig war die Sendung nicht von Anfang an. Da hat man uns recht in die Pfanne gehauen. Später gab es meiner Meinung nach auch Ausgaben, die nicht gut waren. Und auch bei «Giacobbo/Müller» wird es bessere und schlechtere Sendungen geben. Wir arbeiten live, ohne doppelten Boden, ohne künstliche Lacher und künstlichen Applaus. Da geht man ein gewisses Risiko ein. Wenn die Leute nicht lachen, stehen wir blöd da, und zwar zu Recht.

Das tönt wie eine präventive Entschuldigung.

Giacobbo: Überhaupt nicht. Ich bin vor dieser Sendung auch nicht nervöser als vor einer Theaterpremiere, ganz im Gegenteil.

Warum haben Sie sich denn beide von Ihrer Zeitungskolumne verabschiedet mit der Begründung, Sie müssten sich jetzt auf «Giacobbo/Müller» konzentrieren?

Giacobbo: Wir haben nie gesagt, dass wir diesen Job auf die leichte Schulter nehmen. Zudem hat die Zeitungskolumne unsere bisherigen Tätigkeiten nicht tangiert. Wir haben die wöchentlichen Aktualitäten in den Kolumnen aufgegriffen. Das machen wir jetzt dann auch im Fernsehen, und deshalb geben wir die Zeitungskolumne auf.

Müller: Wir wollen auch etwas Spielraum haben. Wir werden am Anfang sicher Veränderungen an der Sendung vornehmen müssen. Sie wird nicht vom ersten Tag an an dem Punkt sein, an dem wir sie gerne hätten.

Die Erwartungen sind sehr hoch. Selbst der Kabarettist Emil sagt voraus, dass diese Sendung ein Highlight werden wird.

Giacobbo: Diese Erwartungshaltung teilen wir mit dem Publikum. Wir selber sind es, die uns unter den grössten Druck setzen.

Was wird in «Giacobbo/Müller» anders als bei «Viktors Spätprogramm»? Die Lokalität beispielsweise ist die Gleiche.

Giacobbo: Dass dem so ist, sagt einzig und allein aus, dass es in Zürich nicht viele geeignete Örtlichkeiten für Live-TV-Sendungen gibt. Wir haben alle anderen möglichen Säle evaluiert, weil ich mich von Anfang an gegen das Kaufleuten gewehrt habe. Genau darum, weil ich solche Fragen wie die Ihre erwartet habe.

Sie hätten ins Casinotheater in Winterthur gehen können.

Giacobbo: Genau. Damit wieder Gespenstergeschichten von Verfilzung und von der Mafia aufkommen.

Müller: Bevor wir in ein Zeugenschutzprogramm kommen, gehen wir jetzt halt ins Kaufleuten.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Ihnen, Mike Müller, zu Stande?

Müller: Wir wurden unabhängig voneinander gefragt, ob wir uns eine neue Sendung vorstellen könnten.

Stand von Anfang an fest, dass Sie die Sendung zusammen machen wollen?

Giacobbo: Ja, für dieses Projekt wäre für mich niemand anders als Mike in Frage gekommen.

Müller: So was Schönes hat mir wirklich noch nie jemand gesagt (schluchzt).

Welche Bedingungen wurden Ihnen seitens des Fernsehens gestellt?

Giacobbo: Keine. Ich bestand darauf, eine Late Night Show zu machen, die mit der Gegenwart zu tun hat, das heisst mit Aktualität, und ich wollte möglichst viel Freiheit. Diese Freiheit haben wir bekommen und auch etwas unkonventionell geplant. Wir verteilen beispielsweise keine Pointen. Wir muten uns zu, auch Pointen vor laufender Kamera zu zweit zu erfinden.

Müller: Wir haben eine performative Ader, um es elegant auszudrücken. Oder etwas weniger elegant: Wir sind Rampensäue.

Wer macht die erste Ansage?

Müller: Die machen wir zusammen. Wir haben weniger abgesprochen, als wir ursprünglich eigentlich planten. Wir haben beide die Piste im Kopf, aber wer dann wie runterfährt, wer welchen Übergang macht, das wissen wir nicht.

Giacobbo: Es gibt auch keine Markierungen am Boden, die uns vorschreiben, wo wir hinzustehen haben. Die Regie weiss nicht im Voraus, was wir genau wann machen. Wir machen und werden dabei gefilmt. Das ist das für Fernsehverhältnisse unkonventionelle Prinzip.

Was, wenn Sie eine Pointe des anderen so überrascht, dass Ihnen nichts mehr einfällt?

Giacobbo: Das ist kein Problem, solange man die Sendung mit jemandem macht, mit dem man improvisieren kann. Wir machen das ja nicht zum ersten Mal.

Es gibt Wochen, da ist nicht viel los. Zum Beispiel, wenn ausser der resultatlosen Zusammenkunft der SVP in Bad Horn und den ersten Primärwahlen in den USA nichts läuft.

Giacobbo: Kein Problem! Diese Events kann man miteinander verbinden, indem sich zum Beispiel Christoph Blocher mit Hillary Clinton darüber unterhält, wie das ist, wenn man nicht gewählt wird. Für euch Journalisten wäre das schwieriger, weil ihr euch an die Fakten halten müsst.

Müller: Was ihr zwar auch nicht immer tut, und es kommt dann wie Satire daher, macht aber weniger Spass.

Haben Sie den Anspruch, auch tragische Ereignisse aufzuarbeiten?

Giacobbo: Satire kümmert sich nicht nur um die schönen Seiten des Lebens, sondern man nimmt den Stoff im Gegenteil aus vielen Ärgernissen heraus.

Müller: Natürlich gibt es Grenzen. Oder kommt jemandem nach dem Entführungsfall «Ylenia» ein guter Witz in den Sinn?

Generieren Sie den Stoff in erster Linie aus den Medien?

Müller: Sicher, wir sind Medienjunkies. Ich konsumiere täglich den Tagi, den «Blick», die NZZ und die Google-Startseite, die mir Herr Giacobbo zuerst mal einrichten musste.

Greifen Sie auf Ihre bewährten Figuren wie Fredi Hinz und Rajiv zurück?

Giacobbo: Wir haben neue kreiert. Wir spielen zum Beispiel zwei ganz grässliche Typen, die in der ganzen Welt als Touristen unterwegs sind. Das ist etwas Vorproduziertes, Zeitloses, das wir nach Bedarf einsetzen.

Giacobbo als Harry Hasler und Mike Müller als Hans-Peter Burri – wurden diese Figuren begraben?

Müller: Lustige Figuren, über die man schon verfügt, braucht man, wenn es wirklich passt.

Oder wenn einem mal wirklich nichts mehr einfällt?

Giacobbo: Auch diese bewährten Figuren bewahren einen nicht vor einem inhaltlichen Loch. Es wird keine Figurenparade geben. Das nehmen wir, wie es kommt. Vor allem werden wir ein paar neue Leute hinzunehmen, wir haben mit Fabian Unteregger einen sehr guten jungen Parodisten gefunden. In einem halben Jahr werden Sie mit dem ein Interview machen, nicht mehr mit uns.

Sie betreiben bewusst Nachwuchsförderung?

Giacobbo: Daran habe ich den grössten Spass. Das mache ich echt gern.

Das haben Sie ja auch mit Mike Müller gemacht.

Giacobbo: Das ist nicht ganz falsch. Wir wurden in der Sendung «Übrigens» auf ihn aufmerksam, wo er den Schriftsteller Peter Bichsel sensationell imitierte.

Sie haben ihn entdeckt.

Müller: Ich habe im Solothurner Jura als Stallbub geknechtet, bis ich endlich entdeckt wurde, nicht nur von Viktor, plötzlich von sehr vielen Leuten.

Giacobbo: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie gross meine Primarklasse gewesen sein muss. Mindestens fünfhundert Kameraden gingen angeblich mit mir zur Schule.

Sie sind rein äusserlich verschiedene Typen, zudem kommt Viktor Giacobbo aus protestantischen Gefilden, Mike Müller aus katholischem Gebiet. Eine gute Ergänzung?

Müller: Klar könnte man aus uns zwei Karikaturen machen. Viktor wäre der protestantische Bünzli und ich der katholische Säuniggel. Nur ist das in drei Minuten zwanzig Sekunden erzählt, und jeder hat es begriffen. Zudem ist der Kanton Solothurn kein katholisches Stammland.

Teile davon sehr wohl.

Müller: Erstens ist er gemischt, und zweitens bin ich in Olten gross geworden, das eine grosse christkatholische Gemeinde hat. Dieser Kulturkampf im 19. Jh. hat wahrscheinlich dazu geführt, dass ich nun konfessionslos bin.

Giacobbo: Und ich glaube eh nur an das Flying Spaghetti Monster. Vom Typ her sind wir total verschieden, aber wir haben eine ähnliche Berufsauffassung und sind beide politisch interessiert.

Ist Ihr Vertrag mit dem Fernsehen eigentlich zeitlich befristet?

Giacobbo: Ich mache keine Verträge, die über ein Jahr hinausgehen.

Müller: Ich habe auf acht Jahre abgeschlossen.

Giacobbo: Er verdient eben nur ein Zwanzigstel meiner Gage, deshalb muss er so lange weitermachen.

Müller: Ich werde ins Coop-Kochstudio wechseln, wenn unsere Sendung nach einem Jahr aufhört. Nein, wir beide haben einen Jahresvertrag.

Das grosse Thema in diesem Jahr wird ja die Euro08 sein

Müller: Ich bin nicht besonders interessiert am Fussball. Natürlich werde ich mir die Spiele anschauen, ich mache es mir einfach, ich bin immer für den Sieger.

Giacobbo: Zudem beginnen wir Ende Mai mit der Sommerpause und kommen erst im Oktober wieder zurück.

So lange Ferien?

Giacobbo: Ja, wir wollen nicht mehr als 30 Sendungen im Jahr machen.

Müller: Wir wollen keinen Overkill. Schauen Sie sich die deutschen Privatsender an. Da gibt es kaum eine Sendung, in der nicht irgendein Comedian seinen Senf dazugibt. Vielleicht lustig, aber auf jeden Fall enorm inkompetent.

Haben Sie private Gemeinsamkeiten?

Müller: Wir lesen beide gern und empfehlen uns gegenseitig lesenswerte Bücher. Dabei geht es uns weniger um Literatur, aber es ist gut fürs Image.

Giacobbo: Mike ist auch ein heimlicher Autofan. Wenn man mit ihm unterwegs ist und er verstummt, dann weiss man, dass er einer Automarke begegnet ist, die er nicht kennt.

Wie viele Autos stehen in Ihrer Garage?

Müller: Nur ein achtjähriger Mitsubishi, der in Cannes einen Preis als «unsexiest car» bekommen hat. Im Autoland Deutschland gibt es keine hundert Zulassungen dieses Typs.

Sie beide geben praktisch nichts von Ihrem Privatleben preis.

Giacobbo: Ja, ich bin der berühmte Mann ohne Privatleben. Mein Problem ist, dass ich in der Freizeit nicht Promi bin. Als Mitspieler im Promizirkus mit einem Glas in der Hand bescheuert in Kameras zu grinsen, hat etwas enorm Peinliches.

Aber Sie leben bis zu einem gewissen Grad davon, Sie gewinnen Ihren Stoff daraus.

Giacobbo: Aber sicher! Leute, die freiwillig die Presse in ihr Schlafzimmer einladen oder ungefragt über ihren Hormonhaushalt reden, wie Christine Surer, sind immer Satireziele. Vielleicht werde ich selber mal eine ganz billige Homestory machen, indem ich mich zusammen mit meiner gerade aktuellen Freundin auf dem Bärenfell vor dem Cheminée ablichten lasse. Nach diesem schrecklichen Anblick werde ich wohl nie mehr nach meinem Privatleben gefragt.

Sie wechseln die Freundin also regelmässig?

Giacobbo: Zweimal täglich.

Als Sie mit Nadeschkin zusammen waren, war Ihr Privatleben ein Thema.

Giacobbo: Natürlich, wenn beide in der Öffentlichkeit stehen, ist das unvermeidlich. Als unsere Beziehung zu Ende ging, haben wir es bewusst öffentlich mitgeteilt. Damit hatten wir danach unsere Ruhe.

Müller: Es gibt doch kompetentere Unterhaltungsthemen als Banalitäten wie die Frage, welchen Essig man für die Salatsauce braucht.

Gibt es nichts über Sie zu berichten, weil Sie wie alle Schweizer Humoristen so bieder sind?

Müller: Mein Privatleben ist dermassen exzessiv, dass ich es wegen der Strafverfolgungsbehörden unter Verschluss halten muss. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein Schwein ich privat bin. Zu Ihrer Frage: Kennen Sie wirklich ausländische Humoristen, die mit ihrem Alltag in Gazetten hausieren?

Mike Müllers Lebenspartnerin ist die künftige Ko-Intendantin des Zürcher Neumarkt-Theaters. Das ist doch ein interessantes Thema für die Öffentlichkeit.

Giacobbo: Unbedingt! Dass er durch seine dortigen Auftritte öffentliche Subventionen missbraucht. Wenn ich Mike dann auch noch seine Intendanten-Freundin ausspanne, werden wir öffentlich darüber reden. Aber in unserer Sendung!

Sind Auftritte von Mike Müller im Neumarkt geplant?

Müller: Konkret ist noch nichts, aber es ist nicht auszuschliessen.

Sie haben erfolgreiche und auch weniger erfolgreiche Filmerfahrung …

Müller: Das ist jetzt keine sehr nette Frage.

«Undercover» mit Viktor Giacobbo hat gefloppt und «Tell» mit Mike Müller ebenso. Warum?

Giacobbo: Ach, es liegt immer an allen. Wir waren beteiligt, hatten am Guten und am Schlechten unseren Anteil. Trotzdem war «Undercover» übrigens in jenem Jahr der dritterfolgreichste Schweizer Film. Aber Mike, du hast mehr Erfahrung mit Filmen, rede du.

Müller: Filmpolitik ist eine öffentliche Sache geworden, und dadurch schaut jeder mit Sperberaugen auf die einzelnen Projekte. Es ist so wie eine gewisse Zeit lang das Theater in Zürich. Das war auch eine öffentliche Sache. Da haben sich die FDP-Nationalrätin Doris Fiala und der SVP-Gemeinderat Mauro Tuena über Schlingensief-Inszenierungen in Newssendungen geäussert. Das Niveau war katastrophal.

Giacobbo: Gewisse Inszenierungen aber auch.

Müller: Nicht alle Diskussionen werden besser, wenn sie breiter geführt werden. Das gilt auch für die Filmpolitik. Aber was «Tell» angeht: Der ist uns zünftig «abverheit», da gibt es nichts schönzureden.

Wie weit ist der Filmchef des Bundes, Nicolas Bideau, der Sündenbock, wie man mitunter den Eindruck hat?

Müller: Bideau ist ein Teil der drei Gremien, die man für einen Film braucht: Fernsehen, Zürich und Bund. Die drei funktionieren nicht gut untereinander. Wenn sich drei dermassen uneinig sind, welches Projekt gefördert werden muss, läuft doch etwas nicht professionell.

Warum sollten sich Zürich und der Bund einig sein?

Müller: Wenn jedes Gremium komplett anders urteilt, ist das nicht professionell, und die Subsidiarität wird in Frage gestellt. «Tell» hat vom BAK wesentlich weniger gekriegt als andere Filme, und ich will in diesem Fall auch nicht den Gremien Schuld geben. «Tell» hätte 400 000 Zuschauer haben müssen – und nicht nur 10 000 mehr als «Undercover» …

Giacobbo: Ich hätte Lust, wieder mal ein Filmprojekt zu realisieren. Aber eines, das unabhängig ist von all diesen inzüchtigen Gremien und Kommissionen. Eine kleine Produktion, möglichst privat finanziert. Dann bin ich auch der Einzige, der für einen Flop geradestehen muss.

Bei der TV-Satiresendung werden Sie verantwortlich gemacht werden, sollte sie kein Erfolg werden.

Giacobbo: Stimmt, auch wenn man erst nach der fünften Sendung sagen kann, ob es ein Erfolg wird oder nicht. Diese Zeit müsste jeder neuen Sendung zugestanden werden, aber leider ist man im Fernsehen und in den Medien diesbezüglich etwas kurzatmig geworden.

Haben Sie Angst vor möglichen Verrissen?

Giacobbo: Nein, es gibt immer Verrisse, das kümmert uns nicht gross. Aber wir werden uns auch die Freiheit nehmen, darauf zu antworten.

In der Sendung?

Müller: Klar. Warum sollen wir nicht auch einmal einen Medienmacher in die Mangel nehmen? Die sind sich das vielleicht nicht so gewohnt, wir schon.

Warum ist Satire eigentlich eine ausgeprägte Männerdomäne?

Giacobbo: Das ist eine alte Frage, auf die ich keine Antwort habe.

Mit Nadeschkin haben Sie doch sicher darüber gesprochen?

Giacobbo: Sicher, aber auch sie hat keine Antwort. Interessant ist, dass sie im Duo mit Ursus viel mehr der Macker ist als er. Wobei sie natürlich bewusst mit dieser Rollenverteilung spielen.

Müller: In Deutschland ist es nicht viel anders, und da weiss leider auch niemand eine gescheite Antwort.

Am Schluss dieses Interviews stellen wir fest, dass Viktor Giacobbo eben doch drei Viertel des Gesprächs dominiert hat.

Müller: Bitte tadeln Sie ihn nicht, nachdem er nun alles so aufgesagt hat, wie ich es ihm aufgeschrieben habe. Für einen Mann seines Alters ist das eine Leistung.


Comeback der Satire am TV

Fünf Jahre nach dem erfolgreichen TV-Spätprogramm von Viktor Giacobbo gibt der 55-jährige Winterthurer am 27. Januar sein Comeback am Fernsehen. Zusammen mit dem 44-jährigen Schauspieler Mike Müller ist er jeden Sonntagabend mit der Sendung «Giacobbo/Müller» auf SF DRS zu sehen. Die beiden sind schon öfter zusammen aufgetreten, etwa im Casinotheater in Winterthur («Erfolg als Chance»), dessen Gründer und Verwaltungsratspräsident Viktor Giacobbo ist. Bekannt sind sie nicht nur durch Theater und Fernsehen, sondern auch durch den Film: Viktor Giacobbo war bei «Ernstfall in Havanna» Hauptbeteiligter, Mike Müller in «Tell». Viktor Giacobbo lebt in Neftenbach bei Winterthur, der gebürtige Solothurner Mike Müller zusammen mit Barbara Weber, der künftigen Ko-Intendantin des Zürcher Neumarkt-Theaters, in Zürich.

«Wir haben eine performative Ader. Weniger elegant: Wir sind Rampensäue»

, SonntagsZeitung, von Christian Hubschmid, von Esther Girsberger

Viktor Giacobbo und Mike Müller über ihre neue TV-Sendung, die Männerdominanz in der Satire,die täglich wechselnden Freundinnen des einen und […]

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Ihr könnt doch nicht einfach aufhören. Jetzt, wo ich fast herausgefunden habe, in welchem Rhythmus ihr beiden für den «Tages-Anzeiger» schreibt. Es war jedenfalls nicht so streng, dass ihr euch wegen Überlastung ausklinken müsst. Ihr müsst wissen, dass ich jede eurer Kolumnen aufgesogen habe wie Honig. Und blöd vor mich hingelacht habe im Café. Vor einem Text, in einer Schweizer Zeitung! Jedes Mal ein Ereignis. Wann liest man heute schon etwas Lustiges in der Zeitung – ausser am Sonntag? Die meisten Kolumnisten meinen es ja todernst, wollen alle nur die Anständigkeit in der Politik, den Proporz oder die EU retten. Ihr habt einfach auf alles geschossen, was sich bewegt. Wunderbar.

Warum hört ihr auf? Ihr schiebt andere Verpflichtun- gen vor. Eure Bühnen- und TV-Projekte gehen mich als Zeitungsleser doch gar nichts an. Wollt ihr mich ins Theater zwingen? Oder zum TV-Gucker machen? Hat euch wenigstens Peter Hartmeier ein höheres Honorar verweigert? Das wäre für mich die einzig akzeptable Rechtfertigung für Fahnenflucht. Oder seid ihr einfach zu faul? Am traurigsten finde ich, dass die Leser nicht massenhaft protestieren.Vermutlich hat wieder mal kein Schwein erkannt, was sich da abspielt: nichts weniger als eine freiwillige Niederlage der Print-Satire gegenüber den elektronischen Medien. Zwei der genialsten Schreiber schützen Arbeit fürs Fernsehen und die Bühne vor, um sich aus der Zeitung zu verabschieden. Das bedeutet doch letztlich, dass man immer noch denkt, dass Unterhaltung in der Zeitung nur eine Insel zu sein hat. Eine temporäre dazu. Und dass man alle Stars pensionieren sollte, sobald man sich an sie gewöhnt hat. Typisch Schweiz.

Auch eure fast bundesrätliche Art des Abschieds: koordinier- ter Rücktritt zu zweit. Als ob ihr zusammengehörtet. Und dieses Doppelinterview am Freitag! Peinlich: Zwei Satiriker philosophieren über Satire und was sie dürfen darf. Rückzug zweier Humoristen auf die Metaebene sozusagen. Aber vielleicht habt ihr ja einfach vor der Realität kapituliert. Die überholt ja geschriebene Satire fast täglich: Habt ihr schon gehört, wie teuer dieses Neujahr Hummer und Jahrgang-Champagner in St. Moritz sind? Und wer alles kommt, um ihn zu geniessen? Ich läse gerne, was euch dazu einfiele.Mit freundlichen Grüssen Peter Rothenbühler

Peter Rothenbühler ist Chefredaktor von «Le Matin»

Lieber Viktor Giacobbo, lieber Lorenz Keiser

30. Dezember 2007, SonntagsZeitung, von Peter Rothenbühler

Mailbox Ihr könnt doch nicht einfach aufhören. Jetzt, wo ich fast herausgefunden habe, in welchem Rhythmus ihr beiden für den […]

Zehn Jahre lang haben Viktor Giacobbo und Lorenz Keiser für den TA Satiren geschrieben. Jetzt gehen auch sie in die Opposition. Ein Werkstattgespräch zum Abschied.

 

Christoph Blocher ist nicht mehr, jedenfalls nicht mehr Bundesrat. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von seiner Abwahl erfuhren?

Viktor Giacobbo: Ich war verblüfft. Ich hatte immer gedacht, in diesem Land bewegt sich sowieso nichts, jedenfalls nicht politisch. Freudensprünge habe ich deswegen keine gemacht – auch wenn der Messias gegangen ist, bevor er, gemäss seinem Bruder, den ganzen Berner Sauladen ausgemistet hat.

Droht den Satirikern jetzt Konkurrenz, weil alle sich ihre Blocherwitze selber basteln?

Lorenz Keiser: Ich habe da keine Angst. Von der Abwahl war ich ebenso überrascht wie Viktor. Ich hätte das diesem Land gar nicht zugetraut. Das sind die Früchte von «Big Brother» und «MusicStar»: Abwählen statt Wählen. Mein zweiter Gedanke war ziemlich egoistisch: Mist, jetzt muss ich mein Programm für den Abend umschreiben. Man sieht also: Blochers Abwahl ist für Satiriker weit dramatischer als für ihn selber.

Giacobbo: Und noch dramatischer für seine Frau Silvia.

Keiser: Klar, weil ihr Mann jetzt immer daheim ist!?

Alle sind auf Blocher fixiert, allen voran wir Journalisten. Soll das jetzt vier Jahre so weitergehen? Viele Leser schreiben uns, sie könnten es nicht mehr hören.

Giacobbo: Das geht mir genau so, aber er hat eben viel zu bieten. Es gibt keinen Politiker in der Schweiz, der so gut unterhält, und nur wenige, die beim Ärgern der Gegner so echt wirken. Es macht immer Spass, mit ihm zu streiten.

Keiser: Er bringt eben viel zu Stande. Er ist zum Beispiel der Erste, der von der Ausländerkriminalität geredet hat, während die Ausländer sie immer nur begingen.

Ist ein Regierungssystem mit Opposition lustiger als eine Konkordanzregierung?

Giacobbo: Klar, keine Frage. Ich bin gespannt, wie zum Beispiel Christoph Mörgeli und Ulrich Giezendanner jetzt über Anstand debattieren werden.

Keiser: Vielleicht zieht sich die SVP zu einer Mediation zurück wie damals die SP unter Ursula Koch, um die eigenen Bäuche wieder zu spüren. Als sie noch einen Bundesrat hatten, sagte die SVP, Samuel Schmid sei nur ein halber SVP-Bundesrat. Jetzt haben sie zwei Bundesräte und sagen, sie haben gar keinen. In vier Jahre werden sie vier Bundesräte haben und sagen, sie hätten minus zwei. Ich frage mich, was die für Drogen nehmen.

Da sich so viele über Blochers Abwahl freuen, müssten Sie ihn jetzt in den Bundesrat zurückreden.

Giacobbo: Was mich viel mehr irritiert: Niemand stellt die Konkordanz in Frage, nicht einmal die SVP. Offenbar ist die über alle Gräben und Jahrzehnte hinweg immer noch heilig.

Keiser: Auch jetzt ist im Grunde etwas sehr Konkordantes passiert: Wenn einer in der Schweiz den Grind zu sehr heraushält, ist es aus mit ihm.

Wer ist der beste Witzlieferant der Schweizer Politik?

Giacobbo: Das bleibt trotz allem eben wieder Blocher; schon weil er selber hin und wieder einen erzählt.

Keiser: Nein, nicht deshalb, sondern weil er hinsteht und sagt, ich mache das und stehe dazu – auch wenn er mit dem, was er behauptet, völlig danebenliegt. Was Satiriker mit Politikern verbindet: dass sie beide offenen Auges in den Abgrund laufen. Der Unterschied liegt darin, dass Satiriker daran noch verdienen.

Giacobbo: Wobei mir immer etwas unwohl wird, wenn ich über den Politiker als Gattung Witze mache – gerade weil ich weiss, dass ich damit einen Lacher auf sicher habe.

Was ist mit den neu gewählten Jungpolitikern: Besteht da Hoffnung auf Ersatz?

Giacobbo: Im Gegenteil. Ich habe die Eröffnungsrede von SVP-Nationalrat Lukas Reimann, dem jüngsten Parlamentarier, ein paar Leuten vorgespielt. Die dachten beim Anhören alle, da habe der Alterspräsident über den Aktivdienst geredet.

Um über jemanden herzuziehen, muss er also etwas hergeben?

Keiser: Das Problem ist, dass die Schweizer nicht mehr als zehn bekannte Figuren im Kopf haben, von denen sie einigermassen wissen, wofür sie stehen. Deshalb ist hier zu Lande auch nie jemand an etwas schuld. Das war das Schöne am Grounding der Swissair, da konnte man wunderbar über die Freisinnigen herziehen.

Giacobbo: Dafür geben heute die Wirtschaftsführer einiges her, da muss man dankbar sein.

Christoph Blocher hört nach vier Jahren auf, Sie nach acht beziehungsweise zehn Jahren, zumindest als Kolumnenschreiber für unsere Zeitung. Warum?

Keiser: Man kann das nicht ewig machen. Ich habe gemerkt, dass ich mich zu wiederholen begann. Immerhin habe ich viele Gratulationsschreiben erhalten, weil ich aufhöre. Es gibt Leser, die mir schrieben: «Nachdem ich die Kolumne zehn Jahre lesen musste, haben Sie endlich eingesehen, dass Sie es nicht können.»

Man ist also begeistert, dass Sie nach zehn Jahren voller Fehler etwas richtig gemacht haben?

Giacobbo: Es gibt in unserem Beruf immer die gleichen Reaktionen – egal ob man aufhört oder anfängt.

Keiser: Ja, wenn du anfängst, etwas machst oder aufhörst: Es gibt immer Gratulationsschreiben!

Giacobbo: Ein schöner Beruf!

Für Ihr Honorar mussten Sie lange Jahre auf Befehl lustig sein. Wie funktioniert das eigentlich, wenn man gerade eine Krise hat, Fieber oder Liebeskummer?

Giacobbo: Manchmal entkommst du deinem Tief gerade dadurch. Am Anfang denkst du, du schaffst es nie. Doch dann geht es dir gerade dadurch besser.

Frage an Lorenz Keiser: Stimmt das für Sie auch? Es muss doch sehr schwierig gewesen sein, als Ihr Vater starb.

Keiser: Ja, da hab ich keine Kolumne geschrieben. Ich hab nicht von Anfang an gesagt, jetzt mache ichs nicht. Ich habe mich hingesetzt, habe es probiert und gemerkt: Jetzt will ich wirklich nicht. Das war aber das einzige Mal. In anderen schwierigen Momenten ging es mir gleich wie Viktor.

Giacobbo: Ich habe ein paar meiner besten Sketches gemacht, als ich mich in einem Tief befand. Ich erinnere mich an eine Szene, wo mir hundsmies zu Mute war – und ich gerade als Ueli Maurer geschminkt war. Als ich in den Spiegel schaute, ging es mir besser, weil die Aussicht aufs Abschminken etwas Tröstliches hatte.

Keiser: Ha! Der weinende Clown.

Giacobbo: Nein, der weinende Clown trennt das nicht, der zelebriert es. Und das geht mir unglaublich auf den Wecker.

Zurück zur Politik. Bis in die Neunzigerjahre hinein hatte die Linke die Lufthoheit über die Satire. Jetzt dominiert die Rechte die Agenda, die Kameras und sogar den Witz – wenigstens zum Teil, und meistens auf die höhnische Art.

Giacobbo: Die Linke war früher genauso höhnisch. Dass das nun auch die Rechte macht, ist für die Linke einfach ungewohnt.

Keiser: Ja, zu Anfang meiner Karriere wurde ich noch beinahe gelyncht, weil ich auch über Linke Witze machte. Die nannte mich damals «das schlimmste Arschloch». Natürlich ist es etwas anderes, wenn du von rechts oben Witze machst als von links unten. Aber höhnisch sind wir bei Gelegenheit alle; ich auch.

Die Erfahrung im Parlament lehrt, dass linke Parlamentarier weniger Kritik ertragen und auch weniger Humor haben als rechte.

Giacobbo: Leider ist das so. Es betrifft nicht alle, aber doch einige. Dabei könnte die Linke statt Dauerempörung etwas mehr Witz und Gelassenheit brauchen. Und damit viel mehr Wirkung erzielen.

Gibt es einen Unterschied zwischen linkem und rechtem Humor?

Keiser: Nein. Eine Pointe ist lustig oder eben nicht.

Ist Humor wirklich eine so grossartige Eigenschaft? Warum erwähnt man ihn in jedem zweiten Heiratsinserat?

Giacobbo: Mit Humor räumt man grausam bei den Frauen ab.

Stimmt das? Ist es nicht eher so, dass die Frau lacht und dann allein nach Haus geht?

Keiser: Genau so ist es.

Giacobbo: Ja. Sie lachen selbst dann noch, wenn man sie gar nicht mehr zum Lachen bringen will.

Keiser: Entweder man hat Muskeln – oder Humor. Das gilt bei Prügeleien auf dem Pausenhof oder bei der Verführung von Angelina Jolie.

Verhaltensforscher sagen, das Lachen sei eine stilisierte Zubeissbewegung. Bei Mörgeli kann man das gut studieren.

Giacobbo: Eine gewisse Aggressivität braucht es schon, um Witze zu machen. Es muss dir etwas auf die Nerven gehen.

Mörgeli behauptet, Satire müsse verletzen.

Giacobbo: Sie kann, muss aber nicht. Wer mit seinen Pointen nur verletzen will, bewirkt unweigerlich, dass die Stimmung umschlägt und die Leute Mitleid haben.

Der deutsche Satiriker Robert Gernhardt schrieb, dass alle populäre Kunst eigentlich auf der Jagd sei nach Körperflüssigkeiten: Beim Liebesroman flös-sen Tränen, beim Krimi Schweiss, beim Porno Sperma und beim Humor der unfreiwillig abgegebener Urin. Waren Sie dabei erfolgreich?

Giacobbo: Also bei einer früheren Show, damals mit «Harul’s Top Service», ist sogar jemand gestorben. Die Leute haben so gelacht, dass ein Mann einen Schwächeanfall erlitt. Man trug ihn raus, und er starb.

Wäre das auch für Sie ein guter Tod?

Giacobbo: Kein schlechter Tod, denke ich . . .

Keiser: . . . vor allem, wenn du vorher noch den Witz verstanden hast.

Giacobbo: Das gilt auch für das Ende von Fernsehsendungen. Bei «Viktors Spätprogramm» habe ich aufgehört, als wir auf dem Höhepunkt waren – von der Beliebtheit her, der Einschaltquote und so.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, zu weit gegangen zu sein?

Giacobbo: Nicht wirklich. Vielleicht damals, als ich hörte, dass man die Kinder von Ueli Maurer angepöbelt hat – obwohl ich wusste, das das nicht direkt meine Verantwortung war. Eigentlich bin ich ein sehr versöhnungsbedürftiger Mensch, ich bekomme schnell Mitleid mit jemandem. Und bei Politikern lasse ich gerne von ihnen ab, bevor die dritte und vierte Liga Gratiswitze über sie macht.

Ist nicht die beste politische Satire gerade jene, die missverstanden wird?

Keiser: Das klingt ein wenig nach der Forderung, ein Satiriker müsse die wahren Abgründe erkennen lassen. Ich kenne diese wahren Abgründe, weil ich sie auf der Bühne erlebe. Ich mache einen kritischen Text über die Idiotie, Wehrmännern Sturmgewehre heimzugeben, und dann wird an der Bushaltestelle ein 16-jähriges Mädchen erschossen. Ich kann nur sagen: Das ist gar nicht lustig.

Wir dachten eher an echte Scherze, die dermassen hinterhältig sind, dass sie das Publikum schockieren.

Keiser: Du darfst dir keine Illusionen machen, dass es auch nur fünf Leute im Publikum gibt, die das dann verstehen.

Giacobbo: Dazu kommt, dass man solche Schocks relativ leicht erzeugen kann – den Weihnachtsmann ans Kreuz nageln und so weiter. Da kommt grosse Empörung auf, sicher. Aber das ist nicht wirklich lustig. Mir gefallen Dinge, die einfach passieren. Etwa als Patrick Frey im Fernsehen eine ironische Nationalhymne auf Ogi sang, Armeechef Christoph Keckeis aufstand und salutierte – und mit ihm das ganze Publikum.

Kollegen von Ihnen wie Emil Steinberger oder Frank Baumann behaupten, es gäbe in der Schweiz keine Satire, weil die Political Correctness alles ersticke.

Giacobbo: So ein Seich. Heute weiss jeder Provinzkabarettist, dass er gegen die Political Correctness verstossen muss.

Also gibt es gar keine politische Korrektheit mehr, gegen die man antreten kann?

Keiser: Das ist doch eine endlose Zeit her. Das war am Ende der Achtzigerjahre, als die Frauen permanent ihre Doppelnamen vorführten. Nussbaum-Gandolfi.

Giacobbo: Oder Gämperli-Rodriguez.

Es gibt das Wort von Mel Brooks, der sagte, dass man auch die Schwarzen, die Juden, die Männer, die Frauen und die Blinden verspotten müsse. Seine Begründung war, dass sie leiden würden wie alle anderen Menschen.

Keiser: Ja. Es darf keine Schonung von Minderheiten geben, keinen Opferschutz. Vor allem wenn sie keine Minderheiten mehr sind. Etwa die Ausländer in der Schweiz – die sind bald die Mehrheit. Erst wenn man über jemanden Witze macht, nimmt man ihn für voll.

Gibt es so etwas wie einen Schweizer Humor? Laut einer Untersuchung neigen Franzosen zum Genitalen, während Deutsche den analen Humor bevorzugen. Liegen die Schweizer irgendwo in der Mitte?

Giacobbo: Gewiss eine interessante Position: die genital-anale Mitte. Aber Humor hat eher soziale und weniger nationale Grenzen.

Keiser: Soll ich jetzt etwas Vaginales sagen?

Giacobbo: Ja, bitte.

Keiser: Also –

Wir danken für dieses Gespräch.

«Soll ich jetzt etwas Vaginales sagen?» – «Ja, bitte.»

28. Dezember 2007, Tages-Anzeiger, von Constantin Seibt, von Jean-Martin Büttner

Zehn Jahre lang haben Viktor Giacobbo und Lorenz Keiser für den TA Satiren geschrieben. Jetzt gehen auch sie in die […]

«Erfolg als Chance» von Viktor Giacobbo, Mike Müller und Patrick Frey erlebte im Casinotheater Winterthur eine gefeierte Uraufführung.

Da sind diese drei schon etwas in die Jahre gekommenen Herren. Sie sitzen zusammen, um ein neues «Erfolgsstück» einzustudieren. Ihr vorangegangenes Programm «Sickmen» ist beim Publikum gut angekommen. Jetzt muss ein neues her.

Die drei Protagonisten sonnen sich ein bisschen zu sehr in ihrem Erfolg. So naht die Premiere ihres neuen Stücks, und noch immer haben sie nicht einmal ihr Thema oder eine Struktur gefunden. Im Gegenteil, je mehr sie darüber brüten, desto verfahrener wird die Situation. Man will über Autos ein Stück schreiben, dann über die Mütter. Es wird untersucht, ob der Mittelstand zur Satire fähig ist und was die soziale Herkunft mit Humor zu tun hat. Je mehr diskutiert wird, desto mehr Streit gibt es zwischen dem Unterschichtler Giacobbo, dem Mittelständler Müller und dem grosskopfigen Frey.

Die drei Protagonisten spielen für einmal sich selbst, und diese Selbstkarikaturen wirken oft irritierend. Doch gerade das verleiht dem Stück den Pfeffer, der es wegführt vom allzu banalen Schwank. Das Trio gewährt mit seinem Stück einen Einblick in die Welt der Kulturschaffenden. Es zeigt, wohin gesättigter Erfolg führen kann und mit welchen Kniffs nach Auswegen gesucht wird.

Das Stück gipfelt darin, dass sie kein Stück zustande bringen und keine Zeit für eine offizielle Absage mehr bleibt. Also will man die Absage auf der Bühne dem Publikum mitteilen. Dieses fasst diese Ankündigung als das neue Stück auf. Unvermutet wird die Improvisation zum grossen Erfolg.

Die drei fiktiven Theaterproduzenten, die Viktor, Mike und Patrick heissen, überzeugen auf der ganzen Linie. «Erfolg als Chance» hat Tiefgang, die Dialoge sind witzig. Damit beweist das Trio, dass mehrheitsfähiges unterhaltsames Theater auch weit über der Gürtellinie bleiben kann.

Drei Männer packen die Chance

8. Dezember 2007, St. Galler Tagblatt, von SDA

«Erfolg als Chance» von Viktor Giacobbo, Mike Müller und Patrick Frey erlebte im Casinotheater Winterthur eine gefeierte Uraufführung. Da sind […]

Krank sind sie nicht mehr, aber immer noch sehr komisch: Viktor Giacobbo, Mike Müller und Patrick Frey begeistern mit ihrem Stück «Erfolg als Chance» im Casinotheater Winterthur.

Der Titel ist eine Schutzbehauptung. Vor vier Jahren gelang dem Trio mit «Sickmen» ein Kassenrenner. Jetzt soll ein Nachfolger her. Aber woher nehmen und nicht sich selbst bestehlen? Wieder soll es kein Bühnenbild geben, Tisch und Stühle müssen genügen. Und am Tisch in der Bühnenmitte thront bereits auch Viktor Giacobbo, vor sich den Laptop, wobei thronen nicht ganz das richtige Wort ist. Die Ellbogen hat Giacobbo auf die Tischplatte gestützt, die Nase zerquetscht er zwischen den Zeigefingern. Da quält sich einer beim Denken. Erfolg als Chance?

Auch Mike Müller zu seiner Rechten scheint nicht gerade unter einem kreativen Schub zu leiden. Er liegt halb auf dem harten Holzstuhl, starrt Löcher in die Aussenwand des Casinotheaters, wölbt bedrohlich die Lippen, türmt gedankenschwer die Sneakers übereinander. Schweigen lastet. Bis den brütenden Müller ein Hüsteln reizt, das im Saal sofort vielfaches Echo findet, was den Schauspieler seinerseits zu einem schauerlichen Hustencrescendo inspiriert. Doch für ein neues Stück reicht das nicht.

Kreatives Wegdösen

So ruhen denn alle Hoffnungen auf dem dritten Stuhl, der noch leer ist. Warten auf Patrick Frey. Endlich stürmt er herein, das Handy am Ohr. Gereiztheiten zur Begrüssung. Endlich kann Giacobbo loslegen, das Protokoll der letzten Arbeitssitzung verlesen: «Mögliche Themen noch offen (Inhalt)». Eine abgründige Stille folgt dem Satz, die der Protokollführer schliesslich selber durchbricht: «Was hämmer eigentli dademit gmeint?»

Mehr als Chance ist der Erfolg Last. Das Trio variiert gekonnt den alten Kniff, der das Machen des Stücks zum Stück selber macht. Noch 14 Tage sind es bis zur Premiere und von Text keine Spur. Man druckst herum, flüchtet sich in ästhetische Debatten (Was kommt zuerst, Form oder Inhalt?) und in Kaffeepausen, giftelt und geht sich auf die Nerven. Bis Mike Müller seinen schweren Kopf auf die Tischplatte plumpsen lässt und kreativ wegdöst, um von einem revolutionären Konzept für die Premierenfeier zu träumen, was die Stückfindung allerdings nicht entscheidend voranbringt.

Endlich liegen nicht nur Köpfe, sondern auch erste Themen auf dem Tisch. Der intellektuelle Frey schlägt «Auto» vor, weil sich das zur soziologischen Analyse eigne. Giacobbo hat es lieber gemüthaft und möchte «Herkunft» als roten Faden. Und für eine Weile scheint es gar, als liessen sich die zwei Themen verbinden, Kindheit und Auto, der erste Familienwagen als prägendes Zeichen – zwischen DKW und Pontiac, zwischen dem Italo-Proleten Giacobbo und dem verarmten Patrizier Frey tut sich jedoch eine Klassenkluft auf, für die der arme Müller aus Olten als Verkörperung von Mittelland und Mittelstand zu büssen hat.

Höhepunkt nach der Pause

Die drei schenken sich nichts. Ständig wechseln die Konstellationen, bald verbünden sich diese zwei gegen den dritten, dann jene, und dazwischen fightet jeder für sich. Catch-as-catch-can. Man greift ins wirkliche Leben (der anderen), die Grenzen zwischen realer Person und Figur werden fliessend. Das macht den Reiz der vergnüglichen Aufführung aus. Er ist umso grösser, je dichter die Pointen fallen und je genauer sie sitzen. Und das tun sie immer mehr. Seinen Höhepunkt erreicht der zweistündige Abend (Regie: Tom Ryser) erst nach der Pause.

Mike Müllers Kinderblick ist jetzt noch schöner verquält. Giacobbo spitzt noch fieser sein Mündchen. Dem verbitterten Frey schwellen die Halsadern noch mächtiger an. Und das Thema «Mütter», an dem sich die drei nun abarbeiten, ist noch ergiebiger, weil sensibler. Da kann man den Kollegen so richtig ans Lebendige gehen. Für ein Stück ist das trotzdem nicht genug.

Müller nickt ein, Giacobbo macht Computerspiele, Frey telefoniert. Der Super-Gau scheint unausweichlich. Sicherer ist nur der grosse Beifall.

Drei Spitzenkomiker suchen ein Stück

8. September 2007, Tages-Anzeiger, von Peter Müller

Krank sind sie nicht mehr, aber immer noch sehr komisch: Viktor Giacobbo, Mike Müller und Patrick Frey begeistern mit ihrem […]

Was tun, wenn die Inspiration ausbleibt? Mike Müller, Viktor Giacobbo und Patrick Frey machten sich bei der Premiere von «Erfolg als Chance» auf eine kurzweilige, witzige und stellenweise sogar tiefgründige Suche nach einem neuen Stück.

 

WINTERTHUR – Zwei Männer sind der Verzweiflung nahe. Erstens ist die Premiere des neuen Stückes in fünf Wochen, zweitens fehlt dazu der nötige Stoff; ausserdem lässt der Dritte im Bunde auf sich warten. Wahrlich eher schlechte Voraussetzungen, um entspannt und kreativ Ideen zu einer neuen Theaterproduktion zu entwickeln, die den «Riesenerfolg» von «Sickmen» womöglich noch überflügeln soll. Die Frage ist allgegenwärtig und zieht sich zwei kurzweilige Stunden lang dahin: Fiktion oder Realität, gut erfunden oder einfach nur der Wirklichkeit abgeschaut, was Patrick Frey, Viktor Giacobbo und Mike Müller – die Reihenfolge ist übrigens absolut zufällig gewählt, um von vornherein Eifersüchteleien auszuschliessen – dem Publikum vorsetzen? Die drei Vorzeigekabarettisten des Casinotheaters spielen nicht nur mit Sein und Schein, sie kokettieren auch ganz bewusst mit ihren eigenen Biografien. Wenn es schon nicht stimmt, dass Mike Müllers Mutter jeden Text ihres Buben korrigieren lässt, Freys Erzeugerin aus grossbürgerlichen Kreisen eine Jagdflinte besitzt, mit der sie ihren Sohn jeweils mit zwei Schüssen weckte, oder Giacobbos Mama jeden künstlerischen Wurf ihres Filius mit dem lapidaren Spruch «Wenigstens einmal etwas anderes» quittiert, dann sind die Storys zumindest grossartig erfunden.

Worum geht es bei «Erfolg als Chance»? Gute Frage, die Antwort spielt eine eher untergeordnete Rolle. Am Anfang steht jedenfalls das Nichts. Oder besser gesagt ein Stück ohne Inhalt, ein Laptop mit blankem Display. Ein Konversationsstück ohne Requisiten muss dringendst her, wenn möglich in der Art von «Sickmen». Von wegen Erfolg, sie wissen schon. Unsere Helden sind zwar abgebrühte Routiniers, die schon manche Theaterschlacht ausgefochten haben. Aber wenn die Inspiration blockt und das Brainstorming höchstens ein müdes Windchen im Hirn auslöst, dann sind auch Cracks gefordert.

Leere Hirnwindungen

Drei Bühnenprofis ohne Sinn für Sinnvolles, ohne Lust auf Witz und tiefschürfende Abendunterhaltung: Die Katastrophe wartet nur darauf, sich voll entfalten zu dürfen. Giacobbo, Müller und Frey, die sich bei «Erfolg als Chance» in erster Linie selber spielen, wissen bloss, dass das Thema «Krankheit» tabu ist, weil es bei «Sickmen» schon zur Genüge abgegrast wurde. Sonst herrscht gähnende Leere in den Hirnwindungen und im Computer. Freys intellektueller Vorschlag, das Thema «Auto» auf einer soziohistorischen Metaebene abzuhandeln, wird schliesslich ebenso verworfen wie die oben erwähnte, nicht immer einfache Beziehung zur Mutter. Auch die so unterschiedliche Herkunft des Trios – Frey entstammt dem Grossbürgertum, Müller indifferenter mittelländischer Mittelschicht, Giacobbo der Arbeiterklasse – ergibt kein abendfüllendes Thema.

Blick hinter die Kulissen

Dass die drei eine harte Jugend als Casserolier, Verdingbub oder Schwimmer im 17 Grad kalten Internatspool gehabt haben, erregte beim Publikum zwar einen gewissen Mitleidbonus, ein taugliches Drehbuch liess sich damit aber auch nicht herbeizaubern. Dass Viktor Giacobbo dem «Tages-Anzeiger» aus Versehen verriet, dass das Stück «Chnuschperland» heissen würde, trug natürlich ebenso wenig zur Verbesserung des Arbeitsklimas bei wie die Geständnisse, dass Giacobbo lieber Weinbauer in Südafrika, Frey Schriftsteller und Müller süsser Nichtstuer sein möchte.

So kam es, wie es kommen musste: Es kam nichts. Das Trio steht in dieser vergnüglichen Ode an die unerträgliche Leichtigkeit des Scheiterns schliesslich ohne Inhalte da und muss frei von der Leber weg improvisieren. Die erstaunlich flüssige Handlung ohne eigentliche Handlung kam beim Premierenpublikum bestens an; unter der Regie von Tom Ryser ist ein Stück entstanden, das sich durch einen ebenso sensiblen wie selbstironischen Blick hinter die Kulissen auszeichnet, der bestens unterhält.

Ode an die Leichtigkeit des Scheiterns

, Landbote, von Rolf Wyss

Was tun, wenn die Inspiration ausbleibt? Mike Müller, Viktor Giacobbo und Patrick Frey machten sich bei der Premiere von «Erfolg […]

Viktor Giacobbo, Mike Müller, Ursus & Nadeschkin und andere Gründer des Casinotheaters haben am Montag dessen fünften Geburtstag gefeiert. Dazu gibt es nur eines zu sagen: Gratulation.

Giacobbo und Müller geben die schmierigen Moderatoren, die manche Lacher unter der Gürtellinie abholen. Patrick Frey singt sein Lied vom Sturmgewehr. Ursus & Nadeschkin bringen das Publikum mit einer wilden Handy-Telefoniererei im Saal in Kontakt und dann mit komischen Kommunikationsmustern durcheinander. Und das Duo Fischbach zeigt sich erstaunlich freundlich und sehr musikalisch, unter anderem mit Rossini im Kuhglocken-Duett. Die Stars der Comedy-Szene, die Initianten, Gründer und Aushängeschilder des Casinotheaters, bekannt aus Film und Fernsehen, feierten am Montag Jubiläum und Erfolg.

Es gibt nicht wenige, die finden: Das Casinotheater ist das Beste, was Winterthur in den letzten fünf Jahren widerfahren ist. Es zieht Leute von weit her an und bringt Winterthur als junge, offene Stadt in die Medien, öfter als jede andere Kulturinstitution der Stadt. Skandale, wenn es denn welche gab, schafften es nie an die Öffentlichkeit. Darin unterscheidet sich das Casino von anderen Häusern wie dem Schauspielhaus und dem Bernhard-Theater.

Längst vergessen ist der Abstimmungskampf um das Casino, als ein einzelner SVP-Exponent «Skandal» rief. Das Haus, das damals noch der Stadt gehörte, hätte mit unklarer Strategie und 20 Millionen Franken umgebaut werden sollen, als Giacobbo & Co. als Retter auftraten. Sie erklärten sich bereit, das baufällige Haus für 300 000 Franken zu übernehmen und bekamen ein zinsloses Darlehen von zwei Millionen dazu. – Sie gewannen und schufen mit nur 13 Millionen Franken ein Bijou.

Wie lange noch ohne Subventionen?

Man komme ganz ohne staatliche Subventionen aus, pflegt Giacobbo heute bei vielen Gelegenheiten zu sagen. Ganz ohne öffentliche Gelder freilich schafft es auch das Casino nicht: Stadt und Kanton unterstützen Eigenproduktionen regelmässig mit 10 000 Franken und mehr. Denn obwohl die Sitze im Schnitt zu zwei Drittel ausgelastet sind, ist das Theater keineswegs eine Goldgrube. 2005 etwa resultierten 350 000 Franken Betriebsverlust.

Die Frage drängt sich also auf: Gilt die Dauerbeteuerung «Wir kommen ohne Subventionen aus» auch für weitere fünf oder gar zehn Jahre? Viktor Giacobbo, der Verwaltungsratspräsident, zögert nicht: «Mit dieser Aussage sind wir angetreten, und das ziehen wir durch.» Für dieses Jahr sieht die Sache sehr gut aus: Aktuell liegt die Auslastung bei über 70 Prozent, drei Wochen Lorenz Keiser bei ausverkauftem Haus stehen noch bevor. Nur reicht das nicht. Das Restaurant muss rentieren, und Firmen müssen ihre Events im Casino buchen. Beides ist nötig, um den Theaterbetrieb hausintern zu subventionieren. Und beides laufe derzeit, so Giacobbo, «super».

Die Popularität stets hochhalten

Giacobbo selber, Patrick Frey, Mike Müller und Ursus & Nadeschkin sind jene fünf Gründer, die das Image des Hauses bis heute prägen und es füllen, wenn sie selber auf der Bühne stehen. Dabei kommt ihnen natürlich ihre Popularität zu Hilfe, die sie auf anderen Bühnen erweitern: im Circus Knie, am Humorfestival von Arosa, als Kolumnisten beispielsweise in dieser Zeitung, in Filmen wie Havanna oder Eugen und natürlich im Fernsehen. Gerade eben hat SF DRS bekannt gegeben, dass Giacobbo und Müller ab 2008 wieder regelmässig zu sehen sein werden am Sonntagabend. Beste Werbung natürlich fürs eigene Haus – auch wenn Giacobbo und Müller die Grösse haben, die Show nicht aus Winterthur, sondern wie vor Jahren schon aus einem Zürcher Lokal zu senden.

Nur können die fünf Aushängeschilder bei all ihren anderen Aktivitäten natürlich nicht immer selber auf der altehrwürdigen Casinobühne stehen. Aber erstens gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Gründer und Teilhaber, die regelmässig zu Gast sind – Franz Hohler etwa, Gardi Hutter, Andreas Thiel oder Joachim Rittmeyer. Und zweitens schafft es insbesondere der derzeitige Theaterchef Paul Burkhalter, ein Programm anzubieten, das sich nicht auf Comedy und Cabaret beschränkt. Die Musik beispielsweise ist im letzten Jahr wichtiger geworden: Patent Ochsner, Plüsch, Michael von der Heide, Andreas Vollenweider, Max Lässer – sie machen heute alle im Casinotheater Halt, wenn sie nach Winterthur kommen. Nicht mehr im Salzhaus oder im viel kleineren Albani.

Für den Salzhaus-Programmmacher Andi Gröber ist das jedoch nur «ein minimales Problem». Manches passe besser ins Casino, gibt er bereitwillig zu. Doch beispielsweise «Patent Ochsner hätten wir gerne bei uns gehabt. Und Stiller Has spielen an beiden Orten.» Kontakte zwischen Salzhaus und Casinotheater gebe es kaum, Absprachen keine. «Ich weiss nicht, wie hoch die Gagen dort sind», sagt Gröber. «Marktkonform», antwortet Giacobbo. Vor allem deutsche Künstler kämen sogar für weniger als sonst, weil das Haus einen sehr guten Ruf habe: «Die Künstler schätzen die Betreuung, die Garderoben mit Wascher und Tumbler sowie das Essen.»

Der Promifaktor und der Bundesrat

Schliesslich, aber nicht letztlich, trägt ein Faktor zum Erfolg des Casinotheaters bei, auf den sonst nur noch das Opernhaus zählen kann: der Promifaktor. Will man im Ausgang einem leibhaftigen Bundesrat, einer Fernsehmoderatorin oder doch zumindest einem Sportreporter begegnen, stehen die Chancen gut, alle drei am selben Premierenabend im Casino zu treffen. Nein, nicht Christoph Blocher ist Stammgast (höchstens in Anspielungen auf seine Politik). Es ist ein anderer Landesvater, den man im Alltag seltener lachen sieht.

Casinotheater, ein Prunkstück Winterthurs

9. Mai 2007, Tages-Anzeiger, von Martin Gmür

Viktor Giacobbo, Mike Müller, Ursus & Nadeschkin und andere Gründer des Casinotheaters haben am Montag dessen fünften Geburtstag gefeiert. Dazu […]

«Vorhang auf» hiess es vor genau fünf Jahren zum ersten Mal im Casinotheater. Dass die Eröffnung schon so lange her ist, wundert selbst Initiant und Verwaltungsratspräsident Viktor Giacobbo. Auf Subventionen will er weiterhin verzichten.

 

Herr Giacobbo, wie fühlten Sie sich 2002, kurz vor der Eröffnung?

Viktor Giacobbo: Es herrschte spannende Ungewissheit und kreative Aufbruchstimmung. Davon haben wir einiges bis heute retten können. Wir wundern uns selber, dass es schon fünf Jahre her ist.

Hatten Sie Angst vor der Eröffnung?

Angst nicht, aber Respekt. Wir wussten, dass es finanziell heikel werden kann. Wir fragten uns, ob Zuschauer und Gäste kommen werden oder ob einige Zürcher recht bekommen sollten, die sagten: «Gute Idee, aber in Winterthur wird das nicht klappen». Inzwischen funktionieren ähnliche Zürcher Projekte nicht und uns gibt es immer noch.

Welche Ihrer Befürchtungen haben sich bewahrheitet?

Gewisse Dinge haben wir unterschätzt, beispielsweise die Unkosten. Pro Jahr verbraucht das Haus Elektrizität für 100 000 Franken.

Haben Sie das Ziel erreicht, ein Haus mit «nationaler Ausstrahlung» zu sein?

Ich denke, das ist keine Frage. Sogar Werbefachleute staunen, dass das Wort «Casinotheater» so schnell zu einem nationalen «Brand» geworden ist. Auch in Deutschland kennt man in der Theaterszene unser Haus.

Und das Publikum? Eine Umfrage von 2004 hat ergeben, dass die meisten Besucherinnen und Besucher aus Winterthur und der Region stammen.

Das war eine etwas einfach gestrickte Umfrage. Unsere Zuschauer kommen aus der ganzen deutschen Schweiz. Ausserdem wird die Grösse Winterthurs immer unterschätzt. Im kleineren Luzern würde niemand fragen, woher das Publikum kommt.

Luzern steht aber nicht wie Winterthur im Schatten von Zürich.

Ja. Wobei Winterthur aus diesem Schatten herauskommt und immer mehr ein eigenes Profil entwickelt. Und die Stadtzürcher haben realisiert, dass man für Winterthur kein Visum braucht.

Was ist Ihr persönliches Casinotheater-Highlight der letzten fünf Jahre?

Persönlich denke ich an die Produktion «Sickmen». Mit dem einfach produzierten, aber sehr erfolgreichen Stück gingen Patrick Frey, Mike Müller und ich auf Tournee und machten in der ganzen Schweiz Werbung fürs Casinotheater. Aber viel anderes war auch toll, zahlreiche Eigenproduktio-nen, Konzerte, Lesungen etc. Neben Gastspielen von bekannten Künstlern, mit denen wir unser Theater füllen, versuchen wir auch jungen Künstlern eine Plattform zu bieten. Leider scheitert das oft an fehlender Neugier des Publikums und vor allem der Medien.

Für die Eigenproduktionen gab es auch negative Schlagzeilen. Wie gehen Sie damit um?

Damit muss man in dieser Branche leben. Ob man Theater, Fernsehen oder Kino macht – man bekommt sowohl ungerechte Verrisse wie ungerechte Lobpreisungen.

Nehmen Sie Kritik nie persönlich?

Ich ärgere mich nicht über persönliche Meinungen, aber über Falsches oder Thesenjournalismus. Kürzlich strahlte die Rundschau einen dummen Beitrag aus, in dem es hiess, das Haus werde von der SVP finanziert. Nur weil uns neben zahlreichen andern Gönnern auch Peter Spuhler unterstützt. Auch als es einen Direktorenwechsel gab, witterten die Journalisten «Lämpen».

Keine «Lämpen» gibt es aber nirgends.

Kreative «Lämpen» haben wir in der künstlerischen Arbeit – dort gehören sie dazu –, aber nicht bei der Führung des Unternehmens.

Trotzdem: Andrej Togni, der künstlerische Leiter, verliess das Haus nach nur einem Jahr. War das ein Rückschlag?

Nein, das war eine ganz normale Ablösung. Wir merkten, dass es einen Kommunikator braucht, der die verschiedensten Leute und Mitarbeiter zusammenbringen und motivieren kann. Ausserdem muss er sich für Belange interessieren, die übers Theater hinausgehen, beispielsweise Sponsoring. Paul Burkhalter ist der ideale Mann. Seit drei Jahren prägt er das Haus auf eine sehr gute Art. Er und Marc Bürge, der kaufmännische Leiter, sind ein ideales Team. In diesem Job muss man einiges aushalten können.

Was zum Beispiel?

Es finden jährlich 500 erfolgreiche Veranstaltungen in unserem Haus statt – trotzdem resultiert manchmal am Jahresende ein kleiner Verlust, weil Theatermachen teuer ist und wir keine Subventionen haben. Diesen Druck gilt es auszuhalten.

Sie betonen, dass das Casinotheater ohne Subventionen auskommt. Wann beantragen Sie welche?

Möglichst gar nie. Wir sind angetreten mit dem Anspruch, ohne öffentliche Gelder auszukommen. Wenn es weitergeht wie bisher, können wir auch ohne Subventionen überleben und es ist unser erklärter Wille.

Trotzdem vergleichen Sie oft mit subventionierten Häusern. Weshalb?

Ja, da rutsche ich manchmal etwas in die Polemik rein – der VR-Präsident ist eben nicht immer mit dem Satiriker kompatibel. Ich bin im Übrigen sehr wohl für subventionierte Kultur. Die Frage ist aber, wer wie viel bekommt und wofür. Eine ewige Diskussion.

Die Stadt Winterthur rühmt sich mit dem Casinotheater – stört Sie das?

Nein, gar nicht. Wir haben vom Stadtrat von Beginn weg Unterstützung bekommen. Die meisten Politiker freuten sich und waren für unser Projekt, mit Ausnahme von ein paar versprengten Exemplaren der ideenlosen Rechten, die im Übrigen nicht erkannt haben, dass hier nichts anderes als ein Kultur-KMU entsteht.

Gab es Zeiten, in denen Sie bereuten, das Casinotheater initiiert zu haben?

Nein, nicht ein einziges Mal. Es war und ist ein spannendes Projekt.

Ein Blick in die Zukunft: Wird das Casinotheater sich bald in Axa-Theater umbenennen müssen?

Nein – wir mussten das Haus nie nach einem Sponsor benennen. Wir hörten von der Axa, dass sie ihr Kulturengagement auch nach der Übernahme der «Winterthur» beibehalten möchte. Alle unsere Sponsoren wissen, dass wir nur durch ein grosses Mass an Unabhängigkeit funktionieren wollen und können. Gerade deshalb haben wir zu ihnen ein sehr gutes Verhältnis. Ohne Sponsoren und Gönner wären wir heute nicht da, wo wir sind.


 

«Das Casinotheater bringt Glamour in die Stadt»

Winterthur – Seit fünf Jahren gibt es das Casinotheater. Seit fünf Jahren sieht Winterthur anders aus. Tourismusdirektor Remo Rey sagt: «Das Casinotheater hat einen Glamour-Faktor in die Stadt gebracht, den es vorher nicht gab.» Das sieht auch Stadträtin Pearl Pedergnana so: «Früher war Winterthur eine graue Industriestadt, mit Polizeistunde um elf. Heute haben wir ein lebensfrohes Image – dazu hat das Casinotheater einiges beigetragen.»

Im Kulturleben sei das Casinotheater ein riesiger Farbtupfer, sagt Kultursekretär Walter Büchi. «Genau wie das Fotozentrum hat es nationale Ausstrahlung.» Und dass es ohne Subventionen läuft, findet er erfreulich. Für Peter Frei, Präsident der Kulturstiftung gehört das Casinotheater zu einem der Schwerpunkte, «die auch für Zürcher nicht zu umgehen sind». Nicht nur im Comedy-Bereich, sondern auch in Sachen Musik müssten nun viele nach Winterthur pilgern. «Dieses Haus fehlte.» (ea)

«Kreative Lämpen gehören dazu»

30. April 2007, Landbote, von Elisabetta Antonelli

«Vorhang auf» hiess es vor genau fünf Jahren zum ersten Mal im Casinotheater. Dass die Eröffnung schon so lange her […]

Als Satiriker ist er eine Institution, als Präsident hat er das Casinotheater Winterthur zu einer gemacht. Viktor Giacobbo über Unternehmertum, seinen Umgang mit den Sponsoren und 2737.50 Franken Lohn.

BILANZ: Herr Giacobbo, Sie sind Verwaltungsratspräsident …

Viktor Giacobbo: Ja, ich gehöre damit zu jenen, die im Unternehmen am wenigsten Bescheid wissen und am meisten mitreden.

Sie kennen Ihre Pflichten als Verwaltungsrat?

Ich bin primär das Aushängeschild und repräsentiere die Casino Theater AG nach aussen.

Also sind Sie der Grüssaugust im Unternehmen?

Nein, ich bin nahe am Operativen, weil ich nicht nur Verwaltungsratspräsident bin, sondern ab und zu auch auf der Bühne auftrete. Das ist, wie wenn Nestlé-Präsident Peter Brabeck nebenbei noch Verkaufsleiter Schokolade im Markt Ostschweiz wäre.

Sie sind primär als Satiriker und Fredi Hinz in der Öffentlichkeit bekannt. Jetzt stehen Sie einem Unternehmen vor. Ihre Erfahrungen?

Als Eric Honegger VR-Präsident der Swissair wurde, schickte man ihn zuerst nach London in eine Lehre, was offenbar auch nicht viel genützt hat. Ich wurde einfach ins Geschäft geworfen und habe nun in fünf Jahren etwas Unternehmertum gelernt, immerhin haben wir 50 Angestellte.

Sind Sie auch an Zahlen und Budgets interessiert?

Zwangsläufig. Auch wenn unser Betrieb sehr gut läuft, haben wir keine Reserven und stehen deshalb schnell am Rand einer Krise, wenn eine Produktion floppt. Da sind die Zahlen schon ziemlich wichtig.

Viktor Giacobbo – ein Unternehmer am Abgrund?

Eine schöne Schlagzeile, aber leicht übertrieben. Wir sind stolz, dass wir als Kultur-KMU keine staatlichen Subventionen beziehen und das unternehmerische Risiko selber tragen.

Sie schreiben schwarze Zahlen?

Sagen wir rot-schwarze, aber es ist ein steiniger Weg, weil wir noch Vorinvestitionen aus der Gründerzeit abtragen müssen. Zum Glück helfen uns aber einige Private, sie nennen sich Freunde des Casinotheaters.

Zu Ihren Supportern gehört UBS-Verwaltungsrat und SVP-Nationalrat Peter Spuhler.

Richtig, es hat sich ein Kreis von Unternehmern um Peter Spuhler gebildet. Er lud gelegentlich Künstler an die Betriebsfeste der Stadler-Gruppe ein, wo wir uns kennen lernten. Zudem ist er ein Schulkollege von Kabarettist Lorenz Keiser, der bei uns auch beteiligt ist. Spuhler und anderen Unternehmern imponiert, dass ein paar Leute eine Kulturinstitution gründen und dabei das volle kommerzielle Risiko tragen. Doch falls Sie das beruhigt: Unter unseren Aktionären sind auch SPler und Gewerkschafter.

Spuhlers Partei, die SVP, haben Sie nie geschont, Parteipräsident Maurer haben Sie auf der Bühne immer wieder lächerlich gemacht.

Erstens ist Spuhler nicht Maurer, und zweitens geniesst niemand Satireverschonung, nur weil ich ihn kenne.

Wie geht VR-Präsident Giacobbo mit seinen Aktionären um?

Wir haben da ein gutes Einvernehmen. Wer als Profi-Künstler arbeitet, kriegt sogenannte Künstleraktien, die etwas mehr Stimmkraft besitzen als die sogenannten Förderaktien. Es ist aber keine unter 10’000 Franken zu haben, und renditemässig sind alle gleich.

Und worin besteht die Rendite? Eine stattliche Dividende?

Ja, eine Naturaldividende, etwa in Form von vergünstigten Tickets und einem Vorkaufsrecht. Und nach der Generalversammlung speisen wir die Aktionäre nicht mit billigen Würsten ab, wie das die Grossbanken tun, sondern mit einem Spitzenmenu und einem exklusiven Bühnenprogramm.

Gibt es auch kritische Investoren im Aktionariat?

Klar, die Leute wollen Rechenschaft haben. Aber das Unternehmen funktioniert, da ist der Umgang angenehm. Das hätten die Leute aus Zürich nicht gedacht, die zu Beginn verkündeten, unser Theaterprojekt in Winterthur sei zwar schön, werde aber hier nie funktionieren. In den vergangenen fünf Jahren aber haben nicht wir dichtgemacht, sondern ein paar Projekte in Zürich.

Wie führt ein Satiriker eine Sitzung des Verwaltungsrates?

Nach Traktanden, wir sind keine Hasardeure. Dabei werde ich natürlich von Spezialisten unterstützt. In den Verwaltungsräten des Theaters und der Immobilien AG sitzen auch ein Treuhänder, ein Wirtschaftsanwalt, ein Gastrofachmann und ein Bauunternehmer. Die einzigen Laien sind Patrick Frey und ich. Dafür erzählen wir am Schluss dann einen Witz.

Was verdient der Präsident?

Im Jahr 2005 habe ich 2737.50 Franken erhalten. Das Gehalt soll aber in diesem Jahr etwas erhöht werden.

Macht es Spass?

Sehr. Wir führen neben dem Theater auch ein Restaurant. So lässt sich beispielsweise das Menu aufs Theaterprogramm abstimmen und können wir Events nach Mass durchführen. Als wir auf der Bühne «Salzburger Nockerln» spielten, gab es in der Beiz österreichische Spezialitäten, im Stück «Ein seltsames Paar», das wir im Dezember wieder spielen, kommt ein Lammrücken vor, also haben wir Lamm auf die Speisekarte genommen.

Sie haben einmal gesagt, das VR-Präsidium sei der Tiefpunkt Ihrer Karriere.

Ach, das war ein flapsiger Spruch. Ab und zu habe ich auch gefeixt, dass wir die einzige Schweizer Aktiengesellschaft seien, die offen zugibt, einen Komiker an der Spitze zu haben.

Haben Sie ein Problem, Verwaltungsrat zu sein?

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Verwaltungsratspräsident einer Aktiengesellschaft werden würde. Im Gegensatz zu anderen Verwaltungsräten gilt bei uns aber: Wenn wir einen miesen Job machen, kassieren wir nicht nur keine Abgangsentschädigung, wir verlieren auch noch unser investiertes Kapital. Das habe ich, im Gegensatz zu den Abzocker-Verwaltungsräten, auch immer unter unternehmerischem Risiko verstanden.

Trotz diesem Risiko sind Sie auf den Geschmack gekommen?

Hier im Casinotheater schon, aber ein VR-Mandat bei der Bank of America würde ich wohl ablehnen.

Ihr Geld verdienen Sie derzeit primär mit Auftritten vor Firmenpublikum, zum Beispiel bei der Berner Kantonalbank in Huttwil.

Das sind Galas, wo ich als Figur, beispielsweise als Unternehmensberater Erwin Bischofberger, auftrete. Das ist, mit Verlaub, mein Beruf.

In Neftenbach, Ihrem Wohnort, haben Sie Ihr Steuerregister sperren lassen. Weshalb?

So, so, hab ich das? Ich gebe gerne, wie Sie hier sehen, über meinen Beruf Auskunft. Aber privat ist halt eben privat.

Sie sollen für eine Gala 5000 Franken kassieren. Das ist fast mehr als UBS-Chef Marcel Ospel auf die Stunde gerechnet bekommt.

Da haben Sie aber hart recherchiert. Ich verdiene jedoch mehr als 5000 Franken pro Gala, aber so einfach hochrechnen können Sie das Salär nicht. Und mir geht es nicht ums Maximieren, ich nehme nämlich längst nicht alle Galas an.

Nach welchen Kriterien sortieren Sie aus?

Zeit oder Lust spielen eine Rolle und ob ich etwas zu sagen habe. Klar, zu einer Waffenfirma würde ich nicht gehen, auch wenn ich Zeit hätte. Auch an einer Pressekonferenz würde ich nicht auftreten, weil ich keine Lust habe, vor gelangweilten Journalisten den Hampelmann zu spielen.

Pensionskassen-Affären waren in den vergangenen Monaten ein grosses Thema in der Öffentlichkeit. Der «Blick» hat den PK-Manager von Rieter zum «frechsten Manager der Schweiz» gekürt. Ist das kein Thema für einen Satiriker?

Ich sehe bei diesen «Affären», ehrlich gesagt, nicht durch. Und ich springe nicht gerne auf einen Medienhype auf. Und wenn schon, dann mache ich lieber den Hype selber zum Thema. Als Satiriker habe ich auch nicht die Pflicht, flächendeckend zu kommentieren. Ich habe keinen Idée-suisse-Auftrag.

Hohe Managerlöhne sind in der Schweiz das grosse Thema – auch hier schweigt Satiriker Viktor Giacobbo. Weil Sie auf Sponsorengelder angewiesen sind?

Das stimmt ganz einfach nicht, ich habe das oft thematisiert. Nur: Gewisse Themen sind irgendwann satiremässig ausgelutscht. Und was unsere Sponsoren betrifft: Auch diese geniessen keine Satireverschonung, das haben wir auf unserer Bühne mehrfach bewiesen.

Millionensaläre sind also kein Thema?

Doch, aber das sollte es vor allem an Aktionärsversammlungen der grossen Konzerne sein. Ich staune, was sich Aktionäre alles gefallen lassen. Der Hinterletzte hat doch gemerkt: Da spielt kein Markt, auch wenn immer das Gegenteil behauptet wird. Und das unternehmerische Risiko trägt ein Topmanager auch nicht. Wird er wegen fehlender Leistung geschasst, kassiert er grad nochmals.

Sie sind selber Aktionär – ein aufmüpfiger, der an der GV auftritt?

Ich habe einen Teil meines Geldes ins Theater investiert, ein anderer steckt in gemischten Anlagen mit mittelgrossem Risiko, das macht eine Bank für mich. Als ich bei denen mein Anlageprofil abgeliefert hatte, war für mich die Sache erledigt. Ende Jahr schaue ich jeweils, ob die Anlage zugelegt hat oder nicht. Das ist alles, nicht eben spektakulär.

Sie werden von Konzernchefs unterstützt. Haben diese Leute Humor?

Ich verstehe, dass die BILANZ von Berufs wegen auf Konzernchefs fixiert sein muss, aber in unser Haus kommen pro Jahr rund 150 000 Leute. Da sind auch ein paar drunter, die nicht Konzernchef sind.

ABB-Chef Fred Kindle ist oft bei Ihnen zu Gast.

Statusgemäss müsste er eigentlich in die Oper gehen, aber er kommt zu uns, weil er Komik liebt. Und was ich auch herausgefunden habe: Ich hab noch nie jemanden getroffen, der sich besser in Rockmusik auskennt als Fred Kindle. Mit ihm kann ich da hervorragend Tipps austauschen.

Und wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren Sponsoren?

Gut. In Sponsorenverträgen ist klar geregelt, dass sie auf das Theater keinen Einfluss nehmen dürfen. Am Eröffnungsanlass haben wir gleich ein Exempel statuiert: Lorenz Keiser war für die Beleidigung der Sponsoren zuständig. Er hat das grossartig gemacht – Kritik hörten wir nicht, stattdessen haben sich die Sponsoren bestens amüsiert und damit auch Selbstironie gezeigt.

Seit kurzem ist die ZKB einer Ihrer Geldgeber. Versteht CEO Hans Vögeli Spass?

Natürlich, er kam im Übrigen regelmässig in unser Theater, bevor die Zürcher Kantonalbank Sponsor wurde. Unsere Sponsoren arbeiten mit uns zusammen, weil sie unser Haus kennen und um die Einzigartigkeit dieses Unternehmens wissen. Dies gilt auch für Rolando Benedick von Manor, der aus persönlichem Engagement heraus viele kulturelle Projekte und Anlässe sponsert.

Welche Galagäste sind Ihnen lieber, Detailhändler, Industrielle oder Autohändler?

Die Unterschiede zwischen den Berufsgruppen oder den Regionen sind nicht sehr gross. Gross ist dagegen der Unterschied, ob jemand bezahlt hat oder eingeladen ist. Am schlimmsten ist die geladene Prominenz an einer Premiere im Theater: Die wollen noch mit dem Cüpli und der Zigarre in den Theatersaal, furchtbar.

Banker im Publikum?

Toll, sind in der Regel sehr gut informiert. Was mir hingegen bei denen auffällt: Sie entschuldigen sich immer für ihren Job – «ich bin halt Banker».

Ihre Erfahrungen mit Werbern?

Galas mit Werbern und Journalisten im Publikum sind mühsam. Die wissen und können alles besser.

Heute sind Sie Unternehmer, plädieren für private Risiken. Früher waren Sie Mitglied einer revolutionären Organisation, plädierten für den Klassenkampf. Eine natürliche Entwicklung?

Nun, die Revolution war auch ein privates Risiko … Ich bin mit 25 Jahren ausgetreten, weil es mir zu dogmatisch wurde. Aber immerhin: Ich habe in diesen idiotischen Marx-Lenin-Seminaren gelernt, abstrakt zu denken und zu argumentieren. Das nützt mir heute. Und ich habe auch gelernt, wie eine Sekte funktioniert und dass man schneller dabei ist, als man meint.

Sie haben damals die Kulturrevolution Maos verteidigt.

So wichtig waren mir Mao und seine Kulturrevolution nicht. Aber es stimmt: Ich habe dieses Zeug verteidigt, damals war die Jugend beispielsweise von den Gedichten Maos fasziniert. Mao und China waren ein Trend. Dass Millionen umkamen, hat man entweder nicht gewusst oder einfach übersehen. Nicht gerade ein Ruhmesblatt in meinem Leben.

Was haben Sie daraus gelernt?

Heute frage ich mich immer: Was meine ich zu einem Thema?, und nicht: Wo ordne ich mich ein? Das heisst, bei Wahlen setze ich nicht nur Linke auf die Liste, sondern auch Grüne und Liberale. Mein Vorwurf an Teile der Linken: ihre Denkfaulheit. Ihre Fronten sind abgesteckt, darüber hinaus wird nicht weitergedacht. Das haben die Rechten im Land zwar auch, aber mich störts bei den Linken mehr, weil es immer noch mein persönliches Umfeld ist.

Für die Linken war und ist Christoph Blocher ein Feindbild, er wollte bei Ihnen im Theater investieren.

Das war ein Gerücht. Blocher hat mich damit in meiner damaligen Sendung provozieren wollen. Klar ist: Blocher ist für die Satirikerbranche ein grosser Gewinn, seit er im Bundesrat ist, noch mehr: Eines meiner Lieblingsziele ist die Konkordanzdemokratie. Für mich ist es absurd, wenn die ärgsten politischen Gegner in einer Regierung sitzen und sich auch noch einem absurden Kollegialitätsprinzip unterwerfen müssen. Damit finden Auseinandersetzungen in der Regierung statt, die eigentlich ins Parlament gehören.

Legendär ist der Auftritt Blochers in Viktors Spätprogramm.

Ja, er hat in der Sendung gut gekontert und sich seinen Applaus verdient. Den Journalisten aber musste ich nachher erklären, ich sei nicht der Scharfrichter der Fernsehnation. Wenn Christoph Blocher sich gut und witzig verkauft, hat er den Applaus verdient. So einfach ist das in der Unterhaltung.

Seit Ihrem Abgang beim Fernsehen DRS ist es um die Unterhaltung etwas ruhiger geworden. Richtig?

Ich möchte nicht dem Übersax- oder dem Schellenberg-Syndrom verfallen und ständig an den Nachfolgern herumstänkern. Ich habe meinen Job beim Fernsehen aufgegeben und will mich nicht einmischen.

«Black & Blond» war das Flaggschiff der TV-Unterhaltung, bis die Sendung abgesetzt wurde. War das nicht fast eine Beleidigung Ihres Publikums?

Es gibt auch noch andere Sendungen: «Punkt CH», «Genial daneben» oder «Edelmais». Jeder kann sich da aussuchen, was ihm gefällt.

Gibt es ein Bildschirm-Comeback von Viktor Giacobbo?

Ich habe immer noch gute Kontakte zu SF, und hin und wieder werde ich auch angefragt. Ich plane aber meine Karriere nicht über ein Jahr hinaus.

«So, so, hab ich das?»

4. Dezember 2006, Bilanz, von Stefan Barmettler und Iris Kuhn-Spogat

Als Satiriker ist er eine Institution, als Präsident hat er das Casinotheater Winterthur zu einer gemacht. Viktor Giacobbo über Unternehmertum, […]

Zusammen mit Trampeltier Suleika ist er einer der Stars der diesjährigen Knie-Tournee: Fredi Hinz alias Viktor Giacobbo, der das Zirkusleben auch nach sieben Monaten und rund 230 Vorstellungen noch in vollen Zügen geniesst.

 

Fredi Hinz hat eine strenge Nacht hinter sich. «Also zuerst musste ich die Elefanten verladen und von Brig hierherbringen, und danach habe ich rasch das hier aufgestellt», erzählt er und zeigt stolz auf das Zelt des Circus Knie, das in seiner ganzen Pracht hinter ihm auf der Thuner Allmend steht. Und wäre da nicht das Schmunzeln in den Mundwinkeln von Fredi Hinz alias Viktor Giacobbo, man würde ihm die Geschichte glatt abnehmen.

«Nein, im Ernst », sagt Viktor Giacobbo dann, «ich bin auch nach sieben Monaten noch überwältigt, wenn ich miterlebe, wie das Zelt und alles andere am einen Ort abgebaut und verstaut wird und dann am nächsten Tag, wenn ich aufwache, bereits wieder am neuen Ort steht.»

Liebenswerter Fredi Hinz

Seit sieben Monaten reist der Autor, Schauspieler und Satiriker Viktor Giacobbo mit dem Circus Knie durch die Lande und begeistert das Publikum auch in der Manege in seiner Rolle als liebenswerter Kiffer Fredi Hinz, der im Circus Knie seine Lebensumstände zu verbessern versucht. Und das Leben im Zirkus hat es ihm angetan. «Es ist zwar anstrengend, fast jeden Abend aufzutreten. Dafür kann ich mich hier voll auf diese eine Sache konzentrieren.» Gefallen gefunden hat Viktor Giacobbo auch an seinem momentanen Zuhause, dem Wohnwagen. «Er ist komfortabler als ein Hotel», sagt er, «und weil ich zu blöd bin, ihn selber zu zügeln, wird er mir jeweils an den neuen Ort gefahren und steht dann schon bereit, wenn ich ankomme.» Kaum hat er das gesagt, verzieht er in bester Fredi-Hinz-Manier das Gesicht und fügt an: «Dass nun ja nicht alle denken, mein Leben im Zirkus sei wahnsinnsbequem, denn manchmal ist es auch Knochenarbeit.»

Zu gern würde er nun vom Yoga erzählen, mit welchem er sein hartes Training beginne, ulkt Giacobbo. Aber: «Ich muss gestehen, dass meine Vorbereitungen eine halbe Stunde vor der Vorstellung mit dem Einsetzen der Kontaktlinsen beginnen.»

Nie ohne Suleika

Dann aber gilt während fast dreier Stunden vollste Konzentration. «Die Vorstellungen sind anstrengend, denn alles ist so live, wie es überhaupt nur möglich ist», beschreibt Viktor Giacobbo. Seine Figur Fredi Hinz spielt nämlich mit dem Publikum, und da weiss man nie so genau, was herauskommt.

Bei einem Rundgang über das Zirkusgelände treffen wir dann auf Viktor Giacobbos wichtigste Manegenpartnerin: die Kameldame Suleika. Die bewegt sich aber nicht gross von der Stelle, als ihr Bühnenpartner an den Zaun tritt. «Sie frisst mir zwar das trockene Brot aus der Hand, aber sonst bin ich für sie wohl keine allzu grosse Respektsperson», sagt er und lacht. Schliesslich muss er sich in der Nummer mit ihr die Frage gefallen lassen, wer denn nun das grössere Kamel sei …

Nach Suleika stattet Viktor Giacobbo dem Hängebauchschwein Willy einen Besuch ab, das ebenfalls mit Fredi Hinz auftritt und an diesem Nachmittag tut, was es am besten kann: faul herumliegen.

Die Nonnen-Herde

In den rund 230 Zirkusvorstellungen, in denen Viktor Giacobbo bisher aufgetreten ist, hat er einige lustige Anekdoten erlebt: «Einmal sassen in einer Vorstellung zwölf Nonnen in ihren traditionellen Kleidern nebeneinander im Publikum. Suleika nahm die Gruppe wohl als fremde Herde wahr, blieb bockstill vor ihnen stehen und – urinierte. Fredy Knie und ich konnten uns vor Lachen kaum mehr halten, nur die Nonnen wussten nicht so recht, was das alles sollte», erzählt er lachend.

In Biel dann habe während einer seiner Nummern eine Frau die Manege betreten, die sich fürchterlich darüber aufgeregt habe, dass das Programm in Deutsch aufgeführt wurde. «Am Schluss ihrer feurigen Rede in Französisch habe ich sie gefragt, ob sie dasselbe nun noch in Deutsch sagen könne. Daraufhin ist sie ziemlich wild geworden», erinnert er sich, und der Schalk blitzt aus seinen Augen.

Noch ein paar Vorstellungen, dann ist das Abenteuer Zirkus für Viktor Giacobbo vorbei. Er wird viele gute Erinnerungen mitnehmen und sagt überzeugt: «Eine solch grossartige Livetournee ist nur mit einem Zirkus möglich.

Fredi ist der Star in der Manege

27. Oktober 2006, Berner Zeitung, von Renate Rubin

Zusammen mit Trampeltier Suleika ist er einer der Stars der diesjährigen Knie-Tournee: Fredi Hinz alias Viktor Giacobbo, der das Zirkusleben […]

Für den Zirkus gibt der Cannabis-Freak Fredi Hinz sogar das Kiffen auf! Was muss wohl im der Schweiz liebsten Sozialfall vorgegangen sein, dass der liebenswürdige Chaot aus Viktors ehemaligem Spätprogramm so plötzlich clean wird? Ein Engagement im Zirkus wars, wo der bleiche Alt-68er eine längst vergessene Leidenschaft wiederentdeckt und sich dank Hartnäckigkeit und kreativer Ideen zum festen Programmpunkt emporarbeitet. Schliesslich – welch zynischer Lohn für einen überzeugten Randständigen – wird er vom Zirkusdirektor adoptiert, weil der clevere Chef bald gemerkt hat, welch publikumswirksame Nummer er da engagierte.

Harte Arbeit an der Basis

Fredis Engagement beginnt an der Basis der Angestelltenhierarchie, der Pferdeäpfel-Stufe. Aber wie gesagt, seine Hartnäckigkeit und sein Kampf für eine eigene Nummer beschert ihm schliesslich diese. Zwar ists statt eines zu dressierenden Walfischs ein Kamel, das er zu domestizieren versteht. Suleika, der Holden, wächst der leicht vertrottelte Pausenclown schnell ans Herz und sie lässt ihn auf ihrem Rücken, anbetrachts ihres teilnahmslos gleichgültigen Gesichtsausdrucks, ohne innere Regung «Blowing in the Wind» flöten, zur Belustigung des Publikums verkehrt herum sitzend.

Lachen hie, staunen dort

Doch es geht ja in Knies neuem Programm nicht nur um Fredi Hinz alias Viktor Giacobbo. Selbstverständlich wird bei seinen Auftritten am meisten gelacht, aber am meisten gestaunt wird bei den Artisten. Seien es zum Schluss die wahrlich todesmutigen Brüder Rudy und Ray Navas aus Ecuador auf dem drehenden Todesrad, oder die ebenso hoch oben unter dem Zirkusdach nach etlichen Salti den freien Fall suchende russische Barrenartistin Svetlana Gvozdetskaya, die unterstützt wird durch zwei kraftstrotzende Barrenhalter mit Oberschenkeln, so umfangreich wie anderer Leute Brustkörbe.

Gefährlich wird es auch für die Partnerin des italienischen Messerwerfers Gicomo Sterza, der eigentlich nur die Hoffnung bleibt, dass ihrem Ehemann nicht schlecht wird anbetrachts der drehenden Zielscheibe, auf der sie liegt und die – und nicht sie – er zu treffen trachtet, und zwar möglichst körpernah. Mit etwas weniger Nervenkitzel, aber dafür umso farbenfroher kostümiert und sympathischer lächelnd zeigt sich die China National Acrobatic Troupe mit Diabolo-Kreiseln, sowie die aus dem gleichen Land stammende Zhenjiang Acrobatic Troupe mit Sonnenschirm-Equilibragen.

Genauso wichtig wie zirzensische Akrobatik ist die Dressur. In diesem Bereich gibt es Lamas und Guanakos, Pferde, weisse und schwarze, sowie graue Elefanten zu sehen. Hier ist die Familie in ihrem Metier, hier werken Mary-José, Franco, Franco jun. und Linna Knie, sowie Fredy jun., Géraldine Katharina und Ivan Frédéric Knie (achte Generation). Doch zurück zur Akrobatik: Da tanzen doch zwei eine senkrechte Stange hoch, als gäbs nichts Leichteres auf der Welt. Da bezirzt einer seine Angebetete sprachlos, aber muskulär-katzenhaft. Und sie, ebenso elegant, schlüpft ihm immer wieder davon, zwischen Armen und Beinen hindurch, hinauf und hinunter und dies, wohlbemerkt, an einer senkrechten Stange.

Sprach- und bewegungslos

Diesmal bleibt das Publikum sprach- und bewegungslos. Eben noch ist das Mädchen, Sandra Feusi, Schweizerin, mit Händen und Füssen die Stange hochgegangen – nicht geklettert – da tut es ihr der Charmeur, Sam Payne, US-Amerikaner, gleich – nur mit den beiden Händen. Seine Beine braucht er erst, als er ihr, oben angelangt, den Hof macht. Doch vorläufig bleibt das Mädchen unbeeindruckt von seinem Werben, verlegt sich aufs Spielen mit dem verliebten Kater. Was für eine gefühlsbeladene Choreografie, es läuft dem Publikum 2500-fach kalt und prickelnd den Rücken herunter, und zerrissen in den eigenen Emotionen, wünschte man sich noch mehr zu sehen vom katzenhaften Geplänkel an der Stange, aber ersehnt sich ebenso die baldige gewiss wundervolle Vereinigung dieses Romeo und seiner Julia. Die dann auch eintrifft, wunderschön romantisch im ausgehenden Scheinwerferlicht kurz vor der Pause.

«Soooooo guet….!» aus 2500 Kehlen

22. April 2006, St. Galler Tagblatt, von Michael Hug

Für den Zirkus gibt der Cannabis-Freak Fredi Hinz sogar das Kiffen auf! Was muss wohl im der Schweiz liebsten Sozialfall […]

L’humoriste Viktor Giacobbo est l’invité du cirque helvétique. Quasi inconnu en Suisse romande, il a fait de ses personnages des stars dans les ménages d’outre-Sarine.

 

Le test est convaincant. Abordez un passant alémanique avec un rocailleux «sooo guet» («siiiii bon»). Il y a de fortes chances qu’il réponde: «Viktor Giacobbo» ou «Fredi Hinz». Les deux références sont archiconnues en Suisse alémanique. Le premier, satiriste zurichois, est le créateur et l’interprète du second, friand de pétards aromatisés avec des airs de Bon Jovi. Il a tout: le jeans serré, les cheveux collés aux tempes avec des mèches rebelles et le coup d’oeil hagard. C’est lui qui répète que tout est «sooo guet».

Depuis le 24 mars, ils sont les vedettes de la tournée du cirque Knie. En terre alémanique seulement. Le rire érige des frontières plus épaisses que les goûts alimentaires ou les opinions politiques. En Suisse alémanique, la réputation de Fredi Hinz est impressionnante. Récemment, le rédacteur en chef du Matin, Peter Rothenbühler, a adressé, via la Weltwoche, une lettre à Fredy Knie. «Vous ne devriez pas nous priver, nous les Welsches, de Viktor Giacobbo. […] Même avec un français hésitant, il aurait encore plus de succès à Lausanne ou Genève qu’à Zurich. Il y aurait l’effet d’une météorite comme un jour Emil.»

A 54 ans, Viktor Giacobbo n’est pas que Fredi. Il est aussi Harry Hasler, connu pour la pilosité d’or de son torse, l’explosive ménagère blonde Debbie Mötteli ou Rajiv, l’Indien, friand de bonnes occases. C’est de la satire pour grand public qui souvent s’attache aux tracas de la suissitude.

Autodidacte de l’humour et typographe de formation, Viktor Giacobbo a manifesté ses penchants très jeune. «Enfant, j’imitais ma tante. A 10 ans, j’ai commencé à dire à haute voix ce que ma mère disait d’elle quand elle était absente. Moi j’attendais qu’elle soit là.» Plus tard, ce sont des soirées de cabaret qui se succèdent. «Et c’est devenu mon activité professionnelle.» Viktor Giacobbo a créé Fredi Hinz à la fin des années 90 lors de son émission de satire Viktor Spätprogramm qui a scotché jusqu’à 500000 téléspectateurs derrière leur petit écran. En 2002, quand il abandonne, après douze ans, son passage régulier à la TV, c’est un miniséisme.

Sous le chapiteau de Knie, l’artiste arbore trois personnages, désemparés dans ce monde de sciure et d’éléphants. Il y a Debbie, «trop bête pour savoir le français», Rajiv et Fredi. Après le spectacle, dans sa roulotte arrêtée à Saint-Gall, Viktor Giacobbo accueille les médias venus récolter ses impressions de cirque. Derrière ses lunettes d’intellectuel, il a l’allure d’un homme sérieux, timide et peu désireux de parler de sa vie privée.

Mais que pense-t-il d’un éventuel crochet avec Knie en Suisse romande? «Je peux parler français avec des amis mais je ne me sens pas prêt pour un spectacle. Je ne veux pas de personnages qui font rire en raison de leur accent. Et puis, j’écris avec l’idée que les gens connaissent mes personnages.» Et c’est vrai. Ici tout le monde connaît jusqu’aux problèmes sexuels de Fredi Hinz.

Libre dans l’écriture, le Zurichois a puisé sans gêne dans les potins des Knie. Du coup, une princesse monégasque, autrefois intime du chapiteau, a droit au chapitre. Dans la séance de l’après-midi, les rapports à l’actualité politique sont rares. L’essentiel du public n’est pas en âge de voter. La satire de nos représentants à Berne reste pourtant un des plats chéris de Viktor Giacobbo.

La politique suisse est très inspiratrice, assure-t-il. «Je trouve toujours de quoi faire, comme par exemple la formule magique du Conseil fédéral, qui rouille. Il n’y a pas que les assurances maladie comme sujet; là j’aurais plutôt tendance à m’épuiser.» Ses convictions personnelles sont à gauche, mais qu’il s’en prenne à Ueli Maurer ou à Moritz Leuenberger, les lames restent acérées.

Et les politiciens le lui rendent bien. Le conseiller national UDC Christoph Mörgeli s’était étonné en public, avec plus ou moins d’humour, que la commission fédérale contre le racisme ne soit pas intervenue en raison du personnage de Rajiv.

Loin du chapiteau, l’humoriste s’active autour du Casino-Théâtre de Winterthour qu’il dirige depuis six ans. Et qui se profile comme l’antre alémanique du rire. «Sans subvention mais avec des gens de qualité.» Et puis, il y a le cinéma. Il a assuré le scénario de plusieurs films, dont Micmac à La Havane, succès en Suisse alémanique, mais véritable flop en terres romandes. Pourtant, en matière d’humour, les grandes barrières ne sont pas linguistiques, soutient-il. «Ce sont des frontières sociales. Tous les Anglais ne pratiquent pas l’humour noir.»

Pour le futur, Viktor Giacobbo évite les plans de carrière mais n’entrevoit pas de Fredi à Genève ou Lausanne. Dès le 26 avril, le comique fera pourtant une percée en Suisse romande, en apparaissant dans le film Je m’appelle Eugen de Michael Steiner (Grounding). Un Harry Potter à la bernoise dans lequel il joue le rôle – modeste – d’un flic grincheux. Tout ce qu’il n’est pas dans la vie, lui qui se qualifie de «privilégié».

Satiriste alémanique chez Knie

18. April 2006, Le Temps

L’humoriste Viktor Giacobbo est l’invité du cirque helvétique. Quasi inconnu en Suisse romande, il a fait de ses personnages des […]

Viktor Giacobbo ist als Fredi Hinz der Gastkomiker im diesjährigen Circus-Knie-Programm. Damit steht er in einer Reihe prominenter Clowns, Künstler und Kabarettisten – und repräsentiert doch einen neuen Typ Zirkuskomiker: Ein Fernsehstar im Sägemehl.

Wir haben nach der Nachmittagsvorstellung in Wetzikon abgemacht, der Tournee-Station vor St. Gallen. Sieben Mal hat Viktor Giacobbo nach der Vorbereitungs- und Einstudierungsphase den Ernstfall in der Manege inzwischen erlebt. Sechs oder sieben, er weiss es schon nicht mehr genau. Mehr als 200 Vorstellungen werden noch folgen. Giacobbo bestellt sich am Zirkus-Buffet einen Hotdog und einen Orangenjus. «Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu ungesund esse», sagt er mit Blick auf seine Bestellung. Aber sonst mache es immer noch Spass im Zirkus. In seinem Wagen gebe es alles, was es brauche, Dusche, WC, ein breites Bett, nicht etwa nur eine einfache Pritsche. Die Espressomaschine, die ihm den nötigen Betriebsstoff liefert, wie er sagt, hat er selber beigesteuert.

Doch bevor er noch von seinen ersten Erfahrungen berichten und einen herzhaften Biss in den Hotdog nehmen kann, stehen schon ein paar Kinder da, die um ein Autogramm bitten. «Kennst du ihn, das ist der Mann aus der Vorstellung, und jener zweite Mann, und die Frau», sagt eine Mutter zu ihrem Kleinen. Es gibt keinen Zweifel: Man kennt ihn, Viktor Giacobbo, und man kennt die Figuren, die er als Gastkomiker im diesjährigen Knie-Programm gibt: Debbie Mötteli, den Inder Rajiv, vor allem aber Fredi Hinz.

Der Mann fürs Komische

Als Gastkomiker steht der 54-jährige Satiriker und Filmemacher in einer prominenten Reihe von Knie-Mitarbeitern auf Zeit. 1970 war schon Dimitri dabei, später Emil, der St. Galler Pantomime Pic, Mummenschanz, Gardi Hutter, zuletzt Ursus & Nadeschkin, Massimo Rocchi, das Duo Fischbach und der Clown Fumagalli. Dass es sich bei dieser illustren Truppe um Nachfolger oder Ersatzleute für das bei Zirkusvorstellungen einst unverzichtbare, inzwischen aber ausgemusterte Nummerngirl handelt, stellt Fredy Knie vehement in Abrede. Giacobbo sei der «Lachenmacher», er spiele den komischen Part im Programm, den früher die traditionellen Zirkusclowns innegehabt hätten. Weil diese immer seltener geworden seien, habe man vermehrt mit Kabarettisten und Kleinkunstschaffenden die Zusammenarbeit gesucht, sagt Knie. Das Zirkuspublikum, davon sei er überzeugt, wolle ein tolles Programm, und es wolle lachen.

Ein Vertrauter in der Manege

Giacobbo folgt mit seinem Auftritt im Zirkus also bereits einer Tradition, die mehrere Jahrzehnte zurückreicht, und doch ist mit seinem Engagement eine neue Stufe erreicht. Zwar waren auch die meisten seiner Vorgänger bereits bekannte Grössen, als sie mit Knie auf Tournee gingen, aber ihre Fangemeinde setzte sich vor allem aus Leuten zusammen, die regelmässige Besucher von Klein- und Kellertheatern waren oder sich generell für Zirkus und Artistik interessierten. Giacobbo nun ist der erste Fernsehstar in der Knie-Arena. Ein klassischer Prominenter des TV-Zeitalters. Dass das funktioniert und Knie mit dem diesjährigen Gast eine gute Hand hatte, spürt man von Anfang an: Das Publikum reagiert schon, wenn es erst irgendwo im weiten Zeltrund die typische Hinz-Stimme oder jene von Debbie Mötteli vernimmt. «Es ist klar, darauf hat man gebaut, dass diese Figuren bekannt sind», sagt auch Giacobbo. Weil der Kontext der Figur Fredi Hinz bekannt sei, könne man eine Nummer machen um die zwei Stutz, die Hinz zuerst im Sägemehl sucht, später schamlos dem Knie-Verantwortlichen abbettelt.

Die Bekanntheit freilich ist es nicht allein. Giacobbo kommt anders daher, er wird anders wahrgenommen als damals ein Dimitri oder ein Emil. Dieser Hinz ist nicht der poetische Träumer, wie Pic es war, er ist kein Emil, der als Kabarettist mit den Tücken der Objekte kämpft, er ist kein Fumagalli, nicht der Clown an sich also. Er ist einer, der unserem Alltag entsprungen ist, dem Alltag vor dem Fernseher nämlich, wo wir ihn während Jahren zu später Mittwochstunde regelmässig angetroffen haben. Ein Vertrauter aus zahlreichen Fernsehabenden hat den Sprung in die Zirkusmanege geschafft. Und auch wenn wir uns nicht gerade mit dem (Ex-)Kiffer Hinz oder der Tussi Debbie identifizieren: Der da im Rampenlicht, das ist einer wie wir, der sich um die Gagel der Tiere im Sägemehl Gedanken macht, eine wie wir, die im grossen Zelt mit den vielen Eingängen und Sitzreihen ihren Platz nicht findet.

Das Publikum ist überall

Nun ist es freilich nicht so, dass Giacobbo einfach Fernsehen im Zirkus macht. Hier zeigt keine Lampe an, welche Kamera gerade auf Sendung ist, das ist neu für ihn, wie er schnell festgestellt hat: «Das Publikum ist überall, man darf deshalb nie an einer Stelle stehenbleiben, man muss immer in Bewegung sein, so dass niemand vergessen geht», sagt er. Eine Herausforderung ist auch, dass er nicht nur Figuren spielt, sondern auch spontan reagieren muss, wie es dieser Figur entspricht. «Wenn man einmal drin ist in der Rolle, dann ist man drin», sagt er, ausserdem kenne ja auch er seine Figuren schon lange. Aber tatsächlich müsse man aufpassen, gewisse Bemerkungen, die einem spontan einfallen, könne man nicht machen. Denn dieser Fredi Hinz hat ja nicht den gleichen Horizont wie Viktor Giacobbo.

Zirkus- und Bühnenerfahrung

Viktor Giacobbos Auftritte sind denn auch nicht blosse eingestreute Nummern, sondern Teil des Zirkusprogramms, entwickelt in Zusammenarbeit. «Wir haben die Zirkuserfahrung, er die Bühnenerfahrung – und natürlich soll der Gastkomiker frischen Wind in den Zirkus bringen. Das geht Hand in Hand», sagt Fredy Knie. Dass Giacobbo und die Familie Knie sich schon lange kennen, empfand man als vorteilhaft, Giacobbo lobt die Bescheidenheit der Knies und ihren Sinn für Selbstironie. «Das ist mir entgegengekommen, in diesem Umfeld fühle ich mich wohl.»

Dass Giacobbo sich unter der weiten Zeltkuppel, auf dem Rücken des Kamels, inmitten der Artisten wohl fühlt, das spürt man seinen Auftritten an. Und das wird auch im Gespräch deutlich. Menschen aus 18 Nationen, die zehn Sprachen sprechen, Auftritte in der ganzen Schweiz, das sei nur mit dem Zirkus möglich, sagt er, das sei einmalig, faszinierend. Er hat sich, so scheint es, schnell eingelebt, die Musik könne er schon auswendig. An ihr orientiert er sich für seine Auftritte. «Spielen die was Falsches, so komme auch ich falsch», lacht er.

Ein Vertrauter aus dem Alltag in der Manege

31. März 2006, St. Galler Tagblatt, von Beda Hanimann

Viktor Giacobbo ist als Fredi Hinz der Gastkomiker im diesjährigen Circus-Knie-Programm. Damit steht er in einer Reihe prominenter Clowns, Künstler […]

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Ich habe zwei Anliegen. Ein persönliches und ein nationales. Erstens sollten Sie aufhören, so bescheiden zu tun, nie von sich zu reden. Alles rühmt das neue Programm, aber keiner sagt, dass hinter Fredi Hinz ein Fredy Knie steht. Dass einer, der Pferde und Clowns coachen kann, sowieso der Grösste ist. Wenn’s um die Fussball-Nati geht, redet schliesslich auch alles von Köbi Kuhn. Schon gut, dass Sie nicht so ticken wie all diese Theater-, Opern- und Filmregisseure, bei denen zuerst das Ego kommt und dann nochmals das Ego. Aber wer sich heute nicht selbst ins Gespräch bringt, wird nicht wahrgenommen. Zumal in einer Epoche, wo das Zähmen wilder Prinzessinnen den höheren Stellenwert hat als das Integrieren eines Winterthurer Ex-Kiffers in die Truppe der «Mitarbeiter, die immer dann auftreten, wenn es in der Manege dunkel wird».

Damit komme ich zu meinem zweiten Anliegen: Sie dürfen uns Welschen den Viktor Giacobbo alias Fredi Hinz nicht vorenthalten! Nichts gegen das Duo Les douaniers, das ihn in den welschen Spielorten ablösen wird. Aber ich mache jede Wette, dass Fredi Hinz, selbst mit fehlerhaftem Französisch, in Lausanne und Genf noch mehr Erfolg haben wird als in Zürich oder Bern. Gerade weil hier keiner das Déjà-vu-Erlebnis hat. Gerade weil das Publikum hier nicht so blasiert reagiert wie die NZZ am Sonntag, die schreibt: «Dass sein Gastspiel scheitert, scheint ausgeschlossen.» Ist das die uncoole Umschreibung von «sicherem Erfolg»? Sooo schnöd. Ich sage Ihnen: Der geniale Giacobbo wird hier am Genfersee einfahren wie ein Meteorit, wird ankommen wie einst Emil, der auch dank Knie zur nationalen Figur geworden ist. Ich sass an der Premiere hinter einer Gruppe von Welschen, die Giacobbo noch nie gesehen haben: Die sind ausgeflippt!

Machen Sie wenigstens je drei Vorstellungen mit ihm in Genf und Lausanne. Wenn Sie’s nicht tun, übernehmen Sie eine schwere Verantwortung. Stellen Sie sich mal vor: Die Nationalbank kommt irgendwann auf die Idee, neue Banknoten mit dem Konterfei von vier grossen Schweizer Komikern zu schmücken. Grock, Emil und Dimitri sind gesetzt, und bei Giacobbo fragen dann die Vertreter der welschen Kantone: «Qui est ce Giacobbo?» Und Sie sind schuld an dieser Ignoranz. Unmöglich, gell. Also: Sie wissen, was zu tun ist.

Mit herzlichen Grüssen

Peter Rothenbühler

Lieber Fredy Knie

30. März 2006, Weltwoche, von Peter Rothenbühler

Mailbox   Ich habe zwei Anliegen. Ein persönliches und ein nationales. Erstens sollten Sie aufhören, so bescheiden zu tun, nie […]

Il y a quelque temps, des amis zurichois sont venus assister à un spectacle de Marie-Thérèse Porchet à Yverdon. Ils étaient fascinés. Mais il était évident que la plupart de ceux à qui ils racontaient l’expérience n’avaient jamais entendu le nom Marie-Thérèse Porchet. Ils ne comprenaient rien non plus aux extraits spontanément proposés par mes amis. Si le «Röstigraben» n’est en vérité guère un fossé gastronomique, il est manifestement un fossé du rire. Nos comiques ont bien les rieurs de leur côté – mais chacun seulement de son côté.

Parlant de l’humour en Suisse, un animateur romand a répondu à la question «combien de comiques connaissez-vous du côté alémanique?»: «Oh plusieurs – Emil, Blocher et Köbi Kuhn.» Ce n’est pas mieux chez nous, où on trouve encore moins de comiques romands au Festival de l’humour à Arosa qu’on ne trouve de confrères suisses alémaniques au Festival du rire à Montreux.

Un exemple récent: Est-ce que vous connaissez Fredi Hinz ou Debbie Mötteli? En Suisse alémanique, ces deux personnages du comique winterthourois Viktor Giacobbo (autre nom célèbre chez vous?) font, pour le public, carrément partie de la famille. Fredi, le chômeur et amateur de haschisch, et Debbie, la plus blonde des blondes, ont fait un tabac vendredi dernier dans le manège du cirque national Knie. Mais le public de votre côté de la Sarine n’aura pas la chance de voir Viktor Giacobbo jouant Fredi Hinz sur le chameau Suleika – après qu’on lui ait expliqué qu’on n’allait pas créer pour lui un numéro avec une baleine. Et le cirque-pas-tout-à-fait-national ne se présentera pas en Suisse romande et au Tessin avec la version française du slogan «Knie – sooo guet!», cette expression si familière à Fredi Hinz. Giacobbo et Knie sont convaincus que ces personnages et leur humour ne marcheraient pas entre Delémont et Genève.

Emil, lui, en tant qu’invité spécial chez Knie en 1977, a fait un tabac partout – même si une partie de vos rires doivent être attribués à son français approximatif et son personnage de Suisse très très alémanique, légèrement limité intellectuellement – n’est-ce pas? Les clowns comme Dimitri ou Gardi Hutter eux aussi fonctionnent partout. Mais avec l’humour linguistique, avec la satire, il y a un problème. Les différentes composantes culturelles de la Suisse peuvent bien travailler ensemble ou créer une entité politique, s’apprécier mutuellement ou voter de façon de plus en plus similaire. Mais rigoler ensemble, c’est difficile. Dommage qu’on n’ait pas osé vous présenter Giacobbo et ses personnages: on s’est privé d’une excellente chance de réduire le fossé du rire.

Pour la rigolade commune nous resterions alors limités au «cirque bernois» (comme l’a appelé le président Moritz Leuenberger lui-même, interpellé par Fredi Hinz, à la première de Knie): suivre un discours de nos conseillers fédéraux dans une autre langue reste une expérience amusante.

Rigoler ensemble

, Le Temps, von Fredy Gsteiger

Il y a quelque temps, des amis zurichois sont venus assister à un spectacle de Marie-Thérèse Porchet à Yverdon. Ils […]

Rapperswil Die 88. Knie-Premiere begeisterte – insbesondere wegen Viktor Giacobbo.
Bundespräsident MoritzLeuenberger sorgte für den grössten Lacher und Prinzessin Stefanie von Monaco für die einzige Flucht. Eine Knie-Premiere in Rapperswil ist immer etwas Besonderes.

Wie Fredy Knie vorausgesagt hatte, war an der Premiere nichts Schlechtes über das Programm des Circus Knie zu hören gewesen. «Das ist ein ungeschriebenes Gesetz», erklärte Martin Klöti am VIP-Apéro im Anschluss an die Vorstellung. Seit er ein kleiner Junge ist, besucht er den Circus Knie in Rapperswil. Da änderte auch der Wegzug von Rapperswil nach Arbon nichts. Dort habe er sich übrigens schon gut eingelebt. «Die erste Phase im Stadtpräsidenten-Amt war weniger stressig, als ich glaubte», sagte er lachend. Doch zurück zum Knie. Klöti findet: «Die Vorstellung war sehr, sehr gut und vor allem intelligent.» Klöti lobt insbesondere die Auftritte von Viktor Giacobbo. «Der Circus Knie hat erkannt, dass das Fernsehpublikum ein wichtiger Markt ist.» Er selber habe Viktor Giacobbo bisher kaum gekannt, weil er keinen Fernseher zuhause habe.

Nummer des Bundespräsidenten

Sehr gut kennen sich hingegen Bundespräsident Moritz Leuenberger und Viktor Giacobbo. Sie seien seit Jahren Freunde, meinte Giacobbo. So verwundert es nicht, dass er den Bundespräsidenten, der weit vorne im Publikum sass, unverhofft in einen seiner Auftritte integrierte. So fragte er ihn: «In welcher Branche bist du tätig?» Leuenberger antwortete: «Ich arbeite auch in einem Zirkus.» Gelächter im Publikum. Und dann weiter: «Ja, ich kenne diesen kleinen Zirkus, in dem niemand weiss, wer der Chef ist.» Gelächter nun für Giacobbo. Und dann wieder Leuenberger, der 20 Jahre nicht mehr in einer Knie-Vorstellung war: «Doch, doch, die wüssten schon, wer der Chef sei, doch die Elefanten folgen ihm nur nie.»

Leuenberger erklärte später am Abend, dass er völlig überrumpelt gewesen sei, als Fredi Hinz – alias Viktor Giacobbo – plötzlich vor ihm stand. Leuenberger meinte schmunzelnd: «Viktor Giacobbo bekommt deswegen noch was zu hören.» In dem Moment war dieser friedlich beim Biertrinken und genoss die vielen Glückwünsche. «Mir geht es gut, und ich bin erleichtert», meinte Giacobbo. Auf die – natürlich nicht ernst gemeinte – Drohung von Moritz Leuenberger reagierte er gelassen. «Er hatte den grössten Lacher abgeräumt, er kann sich nicht beklagen.» Das tat er dann natürlich auch nicht.

Eine Prinzessin zu Gast

Eine bedrohliche Menschenmasse ballte sich zusammen, als ein ganz hoher VIP das Apéro-Zelt betrat. Es war Prinzessin Stefanie von Monaco, die sich in Rapperswil zeigte. Offenbar war sie überrascht, dass so viele Journalisten mit Mikrofonen, Fernseh- und Fotokameras vor Ort waren. So entschied sie rasch: keine Fotos. Auch ein kurzes Interview war nicht möglich. Auf die Frage, wie sie denn die Vorstellung fand, meinte sie nur «c’était super» und verschwand. Sie ging so schnell, wie sie kam, so dass viele nicht mal mitbekamen, dass sie überhaupt da war.

Ihr Ex-Partner, Franco Knie, hätte sowieso keine Zeit für sie gehabt. Er befand sich wie alle Knie-Familienmitglieder (ausser natürlich der kleine Ivan Frédéric) in einem Interview- und Fotomarathon. Im Blitzlichtgewitter im Speziellen natürlich Franco Knie jun. und seine Frau Linna, die diesen Sommer ihr erstes gemeinsames Kind erwarten.

Domeisen und Raubtiere

Ein jahrzehntelanger Knie-Fan ist der Rapperswiler Stadtpräsident Walter Domeisen. Wie viele Programme er bereits gesehen hat, kann er nicht genau beziffern. Er rechnet über den Daumen: «Dies ist die 88. Premiere, und ich gehe seit der Primarschule in die Vorstellungen. Also sind es etwa 50», meint er lachend. Domeisen findet, dass sich das Programm in den vielen Jahren stark verändert habe. «Es ist zum Beispiel viel harmonischer geworden, denn es gibt keine rauen Raubtiernummern mehr», sagte er. Domeisen gefällt die Entwicklung zu mehr Kunst, auch wenn ihm die Raubtier-Nummern gefallen haben. Als Tier-Narr outete sich übrigens auch Viktor Giacobbo, der zuerst mit einem Schwein auftrat und dann mit einem Kamel – einem mit zwei Airbags, wie er betonte. Giacobbo verriet: «Ich habe eine sehr innige Beziehung zu Tieren.» Und noch ein bisschen privater: «Bei mir zuhause habe ich zwei Hauskatzen.» Doch die Namen der Büsis verrät er nicht, das sei dann doch zuviel Privatleben.

«Super», so die Prinzessin, und ging

27. März 2006, Zürichsee-Zeitung, von Karin Furrer

Rapperswil Die 88. Knie-Premiere begeisterte – insbesondere wegen Viktor Giacobbo. Bundespräsident MoritzLeuenberger sorgte für den grössten Lacher und Prinzessin Stefanie […]

Knie startet zu seiner 88. Tournee – mit Fredi Hinz auf Suleika

RAPPERSWIL SG · Prompt entdeckt der Berufskiffer Fredi Hinz, der es jetzt doch als Pausenclown und Running Gag zum Zirkus Knie gebracht hat, einen alten Bekannten im Publikum und bittet ihn um einen Gefallen. Bundespräsident Moritz Leuenberger zögert keine Sekunde, denn: «Ich arbeite ja auch im Zirkus.» Worauf Fredi nachfragt: «In dem kleinen in Bern, in dem man nie weiss, wer eigentlich der Direktor ist?»

Diese spontane Episode aus dem neuen Programm unseres National-Circus Knie illustriert trefflich, wie eng da – nein, nicht Hinz und Kunz, wohl aber Hinz, der bekennende Sozialfall, und sein Schöpfer Viktor Giacobbo, Satiriker, Kolumnist und Schauspieler, zusammenarbeiten. Sie reihen sich würdig ein in die Knie-Tradition, einen Spassmacher durchs Programm führen zu lassen. Einst war Kabarettist Emil Steinberger da, dann die Clowns Dimitri und Pic, das Duo Fischbach und Massimo Rocchi.

Gemeinsam finden Hinz und Giacobbo die richtige Mischung: hier ein träfer politischer Spruch, dort ein Ulk, hier ein frecher persönlicher Seitenhieb, dort Klamauk. Und als Hinz, laut Selbstzeugnis ein Meister in der «hohen Schule des Trampeltiers», rückwärts zwischen den Höckern des braven Kamels Suleika sitzt, «diesen Airbags», und auf der Blockflöte «Blowin‘ in the Wind» intoniert – da ist die Parodie auf den Zirkus gleich auch noch mit dabei im Gesamtpaket. Das Publikum honorierts mit stürmischem Applaus.

Das 88. Knie-Programm steht unter dem Motto «Sooo guet!» und ist reich an Höhepunkten: Mary-José Knie lässt, man glaubt es nicht, Lamas und Guanakos höchst anmutig tanzen, Géraldine Katharina Knie ihre Pferde, Franco Knie jr. die Elefanten, eine Frauentruppe aus China ihre diabolischen Dinger an Schnüren. Wem gehört da die Palme?

Für Ballettmeister Heinz Spoerli ist klar: «Eindeutig dem Vertical Tango von Sam und Sandra, dieser Umsetzung eines erotisch-sinnlichen Tanzes an die vertikale Turnstange – fantastisch, grossartig!» Diesem Urteil schliessen sich an: Wilfried Maurer, ehemaliger Zirkusrezensent des «Tages-Anzeigers» mit 34 Dienstjahren, Bandleader Pepe Lienhard, Thomas Leuenberger vom Duo Flügzüg, Bundespräsident Moritz Leuenberger, Maya und Thierry Lalive d’Epinay, sie gewesene Nationalrätin, er amtierender SBB-Präsident, und Artist David Dimitri. Der Vertical Tango der Schwyzerin Sandra Feusi und des Amerikaners Sam Payne, beide seit 13 Jahren beim Zirkus und seit elf verheiratet, holt sich bei unserer Umfrage mit grossem Abstand die meisten Stimmen.

Irgendwo geistert Prinzessin Stéphanie von Monaco herum, hält sich aber, anders als auch schon, von der Familie Knie fern, wird auch nicht mit Fredi Hinz erwischt und ist schon wieder verschwunden. Zirkus-Chef Franco Knie, seine dritte Ehefrau Claudia am Arm, ist glücklich über die stehenden Ovationen, mit denen sich das Publikum für den Abend bedankt: «Das wird ein sehr guter Jahrgang werden.»

Nicht ganz so entspannt ist unser Bundespräsident. Mit seinem lockeren Spruch im Zirkuszelt hat er sich ganz schön was eingebrockt: Bis über Mitternacht hinaus wird er bei der Premierenfeier von seiner Tischrunde und den Journalisten bestürmt, er möge doch bitte die Vorgänge in der Berner Manege etwas detaillierter beschreiben.

Doch Leuenberger unterlässt das wohlweislich. Er kennt schliesslich seine Elefanten, Lamas und Kamele.

Ein Kamel kommt selten allein

26. März 2006, SonntagsZeitung, von Roger Anderegg

Knie startet zu seiner 88. Tournee – mit Fredi Hinz auf Suleika RAPPERSWIL SG · Prompt entdeckt der Berufskiffer Fredi […]

Saisonpremiere des Zirkus Knie mit Viktor Giacobbo in Rapperswil

Wo steckt bloss dieser blöde Zweifränkler? Die Vorstellung hat bereits begonnen, als ein belämmerter Althippie mit zotteliger Vorne-kurz- hinten-lang-Matte auf dem Kopf auftaucht und unbeeindruckt von Stallmeister und Publikum im Sägemehl herumscharrt. Denn Fredi Hinz, dieses Kamel, hat im letzten Sommer beim Grillieren exakt auf diesem Parkplatz eine Münze vergraben. «Muesch de Schtutz zerscht verloche, bevor d en wieder useholsch. Das han i vom Martin Ebner glehrt», verkündet Hinz alias Viktor Giacobbo mit treuherzigem Hundeblick in die Runde, ehe ihm dämmert, dass er im Zirkus gelandet ist und dass hier gearbeitet wird.

Blowin‘ in the Wind

Arbeiten beim Zirkus, das wäre eigentlich auch etwas für Fredi Hinz. Eine Tierdressur schwebt ihm vor, eine mit einem Walfisch, galoppierenden Zebras und einem Ritt auf einem Tiger. Ganz so ausgefallen wird die Nummer dann zwar nicht, aber am Schluss des neuen Programms des Zirkus Knie, das am Freitag in Rapperswil die Saisonpremiere erlebt hat, darf Hinz immerhin eine Art Kameldressur zeigen und, rücklings aus der Manege reitend, auf der Blockflöte ein krächzendes «Blowin‘ in the Wind» spielen.

Bis es so weit ist, gibt es eine Menge zu lachen mit Giacobbos Fredi Hinz, seinem schlitzohrigen Inder Rajiv und seinem Dumpfblondie Debbie Mötteli. Und obschon die eine oder andere Textpassage noch einen letzten Feinschliff vertragen kann, ist schon nach der Generalprobe vom Freitagnachmittag klar, dass die Familie Knie mit ihrer schon traditionellen Verpflichtung eines Grossen der Schweizer Kleinkunst einmal mehr ein glückliches Händchen gehabt hat. – Noch viel mehr Tradition als die Komiker-Gastspiele haben Knies Tiernummern. Géraldine Knie präsentiert eine sehr harmonische Freiheitsdressur mit Friesen und Palominos, ihr Vater Fredy Knie beweist augenzwinkernden Humor und galoppiert im Kreis um einen auf den Hinterbeinen tänzelnden Araberschimmel, und als sich der kecke Ivan Frédéric mit seinem Shetland-Pony dazugesellt, stehen gleich drei Generationen in der Manege. Ivans Grossmutter Marie-José zeigt fünf Lamas und fünf Guanakos, und Franco Knie senior und Franco junior begeistern mit einer ausserordentlich spielerischen, leichtfüssigen Dressur ihrer sechs Elefantendamen.

Zum wiederholten Mal dabei sind die jungen Frauen der Compagnie aus Kasachstan. Sie führen zusammen mit Giacobbo/Hinz durch ein Programm mit einer phantastischen siebenköpfigen Diabolo-Truppe sowie einem gelenkigen Ikarier- Paar aus China, einer kraftvollen Schleudernummer am russischen Barren und einem athletisch- sinnlichen Tango an der vertikalen Stange, vorgeführt von der in Freienbach am Zürichsee aufgewachsenen Sandra Feusi und ihrem amerikanischen Gatten Sam Payne.

Wagemutige Messerwerfer

Gleichsam die Klammer um das Programm schliessen ein italienisches Armbrust- und Messerwerfer-Duo sowie ein Brüderpaar aus Ecuador auf dem Todesrad. Wenn der Italiener seiner Frau einen Apfel vom Kopf schiesst oder mit Messern auf die an einer Scheibe rotierende Partnerin wirft, stockt dem Publikum der Atem ebenso, wie wenn die waghalsigen Südamerikaner todesmutig auf und in ihren Gitterrädern wirbeln: Das ist Nervenkitzel allererster Güte.

Nervenkitzel und ein Kamel auf dem Kamel

25. März 2006, Neue Zürcher Zeitung, von Alois Feusi

Saisonpremiere des Zirkus Knie mit Viktor Giacobbo in Rapperswil Wo steckt bloss dieser blöde Zweifränkler? Die Vorstellung hat bereits begonnen, […]

Der Circus Knie ist wieder auf Tournee. Dieses Jahr mit dabei: der vorlaute Kiffer Fredi alias Viktor Giacobbo.

RAPPERSWIL – Grosser Tag am Zürichsee. Mit der gestrigen Premiere ist für den Circus Knie der Startschuss zum acht Monate langen Gastspiel durch Helvetien gefallen. Aushängeschild in den Deutschschweizer Spielorten ist der Winterthurer Viktor Giacobbo. Dass aus seinem schrägen Figurenkabinett ausgerechnet Jointdreher Fredi Hinz zum Manegen-Handkuss kommt, hat seinen Grund: Der notorische Nichtstuer hat nämlich das «Grasrauchen» aufgegeben und will beim Zirkus anheuern. Statt mit Plastiktüte mit meist illegalem Inhalt und verwaschener Jeansjacke tritt er bald im adretten Zirkusgewand auf. Seine Attitüden kann er allerdings nicht verbergen und stellt den Zirkusalltag so ziemlich auf den Kopf. Wegen seiner revolutionären Ideen und des Auftritts mit Kameldame Suleika sind die Sympathien des Publikums aber auf Fredis Seite, und schliesslich wird er gar von der Zirkusfamilie adoptiert. «Sooo guet», sein heiserer Kommentar. Beigetragen zum definitiven Engagement haben sicherlich auch die Kurzauftritte der ebenfalls von Giacobbo verkörperten Ko-Stars: Gejohle im Zelt, als der Inder Rajiv Prasat dem Publikum allerlei Zirkusmaterial zu Spottpreisen verkaufen will und die Vorzeige-Tussi Debbie Mötteli mit Franco Knie anbandelt.

So fährt Zirkus richtig ein

Anders als Fredi hat sein Namensvetter und künstlerischer Direktor Fredy Knie jun. einen Job schon lange auf sicher. Mit seiner Pferdedressur weiss er ebenso zu begeistern wie Bruder Franco mit der Elefantenshow. Nichts für schwache Nerven sind hingegen die Einlagen der waghalsigen Akrobaten und Akrobatinnen; und wenn Giacomo Sterza ganz in Wilhelm-Tell-Manier mit Armbrust und Wurfmesser nur haarscharf an seiner Frau vorbeizielt – mit echten Waffen wohlgemerkt – stockt dem Publikum der Atem.

Warum der Zirkus aber unter dem Motto «Knie – sooo guet» durch die Schweiz tingelt, ist seit gestern klar: ein Viktor Giacobbo – Verzeihung, Fredi Hinz – in Höchstform. Es scheint, dass erst Sägemehl dem liebenswürdigen Kiffer den richtigen Kick verschafft.

Manege frei für Fredi Hinz

, Landbote, von Christian Schiller

Der Circus Knie ist wieder auf Tournee. Dieses Jahr mit dabei: der vorlaute Kiffer Fredi alias Viktor Giacobbo. RAPPERSWIL – […]

Viktor Giacobbo als «Zugkamel» des neuen Knie-Programms

Nach Kabarett, Theater, Fernsehshows und Film nun eine Saison im Zirkus: Ab dem 24. März ist Viktor Giacobbo alias Fredi Hinz, Debbie Mötteli oder Rajiv mit dem Zirkus Knie auf Tournee. Politische Satire sei in der Manege nicht zu erwarten, sagt der Winterthurer Komiker und Autor. Dafür eine schwergewichtige vierbeinige Partnerin. Sooo guet! Fredi Hinz, der Schweizer liebster Sozialfall und Kampfkiffer, will arbeiten. Die Zeiten für Schnorrer – «häsch mer nöd zwee Schtutz?» – sind schlecht und werden nicht besser. Also versucht Hinz sein Glück halt beim Zirkus. Aber natürlich nicht bei irgendeinem Zirkus, sondern bei der Nummer eins. Doch das ist nicht ganz einfach, denn wer hier einen Job ergattern möchte, muss erst einmal Direktor Fredy Knie von seinen Qualitäten überzeugen.
«Ich kann nicht alles proben»

Fredi Hinz will dies mit Hilfe des Publikums tun und die Zuschauer – Prominente, Unbekannte und auch Kinder – ganz persönlich um Referenzen angehen. «Das ist im Zirkus nicht üblich, und ich kann es auch nicht proben», sagt Hinzens Schöpfer und Darsteller, der Komiker, Schauspieler und Autor Viktor Giacobbo. Hinz ist ein ausgesprochen leutseliger, stets gut gelaunter Typ, der niemanden wirklich verletzen kann oder will und gerade deshalb bedenkenlos den Satire- Finger auch auf empfindliche Stellen legen darf. «Wir müssen jetzt halt schauen, was daraus wird», gibt sich Giacobbo vorsichtig. Ab dem nächsten Freitag wird man mehr wissen. Dann nämlich feiert der Zirkus Knie in Rapperswil mit seinem Programm «Knie – sooo guet!» in Rapperswil Saisonpremiere.

Für Giacobbo ist klar, dass er in der Manege gelegentlich über Themen improvisieren wird, die am jeweiligen Gastspielort gerade aktuell sind. Politsatire indes darf man nicht erwarten. «Witze über Politiker und Parteien funktionieren beim Publikum des Spätabendprogramms im Fernsehen. Aber der Zirkus ist dafür der falsche Ort; da gehen Leute aus allen Gesellschaftsschichten hin.» Giacobbos köstlichen Ueli Maurer werden wir also nicht sehen, dafür aber das Kamel Suleika sowie kurze Zwischenspiele des kurligen Inders Rajiv und der schrillen Debbie Mötteli als Kontrast zum schmuddeligen Randständigen mit Plasticsack. Mehr Figuren liegen nur schon aus technischen Gründen nicht drin: Giacobbo muss die Maske nämlich selber besorgen.

Seine vierbeinige Partnerin Suleika hat es dem Winterthurer Komiker besonders angetan. Er schwärmt vom bequemen Reiten zwischen den Höckern des Trampeltiers. Der Umgang mit Tieren sei hier vorbildlich, lobt er beim Gespräch im «Knie-Stübli», einem an die grosse Tierhalle beim Kinderzoo in Rapperswil angebauten Raum mit Fensterfront zur Übungsmanege. Dort trainieren Fredy und Géraldine Knie sowie der Stallmeister und seine Crew gerade die neue Freiheitsdressur mit den Palominos und den Friesen. Keine Peitsche knallt und kein lautes Wort ist zu hören, dafür werden die Pferde viel getätschelt und gestreichelt und auch mit kleinen Happen belohnt.
Ausser Zirkus schon alles ausprobiert

Mit Fredy Knie ist Giacobbo schon lange befreundet. Dieser hatte ihn seit Jahren zu einem Gastspiel zu überreden versucht. Jetzt sei die Zeit reif dafür, sagt Giacobbo. Er habe mittlerweile schon fast alles ausprobiert – Radio, Fernsehen, Kabarett, Theater, Film, Kolumnenschreiben, aber noch nie eine ganze Saison lang im Zirkus gearbeitet. Bei der Vorbereitung seines Programms hilft ihm Urs Wehrli alias Ursus als Coach. Mit seiner Bühnenpartnerin Nadeschkin hat Ursus bereits Zirkuserfahrung gesammelt.

Giacobbo schätzt Wehrli als kritischen und anregenden Gesprächspartner und Begleiter – genauso wie Fredy Knie. Dieser habe ihm als Programmverantwortlicher nicht die geringsten Vorgaben zum Inhalt seiner Nummern gemacht, sei ihm aber stets ein guter und humorvoller Ratgeber. Überhaupt verfüge die Familie Knie über viel Humor und auch eine gute Portion Selbstironie.

Künstlerische Freiheit, Selbstironie und Witz: Das sind beste Voraussetzungen für ein weiteres Erfolgskapitel in der Geschichte der Zusammenarbeit zwischen dem Zirkus Knie und Grössen der Schweizer Kleinkunstszene.

Am Freitag, 24. März, hat das neue Programm des Zirkus Knie, «Knie – sooo guet!», in Rapperswil Premiere. Die erste Station der anschliessenden Tournee ist Wetzikon (28./29. März).

Fredi Hinz geht zum Zirkus

20. März 2006, Neue Zürcher Zeitung, von fsi

Viktor Giacobbo als «Zugkamel» des neuen Knie-Programms Nach Kabarett, Theater, Fernsehshows und Film nun eine Saison im Zirkus: Ab dem […]

Schluss mit den gusseisernen Kritiken, die Schweiz könnte das Land des Lachens sein: Hier verrät Viktor Giacobbo, wo die wirklich komischen Vögel nisten.

Herr Giacobbo, Sie sind Kinoheld, haben ein eigenes Theater, schreiben Kolumnen. Nächstes Jahr sind Sie im Circus Knie. Was treibt Sie an?

Grundsätzlich bin ich ein fauler Mensch. Was mich interessiert, sind spannende Projekte zusammen mit Leuten, die ich mag. Dafür mache ich mich manchmal zur Medien-Nutte, so wie jüngst für den Film «Undercover». Jetzt wäre es Zeit für eine Medienpause.

Dann sollten Sie kein Interview geben.

Ich mache eine Ausnahme. Weil ich Weltwoche-Leser bin und mich Ihre Zeitschrift herausfordert, mich manchmal stinksauer macht, mich dann wieder wahnsinnig interessiert. Das Layout ist auch gut, als einstiger Schriftsetzer kann ich das beurteilen.

Da waren Sie zwanzig und Mitglied einer kommunistischen Zelle.

In der gleichen wie Ihr jetziger Chefredaktor, er in der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich, ich im kleinen, provinziellen Winterthurer Ableger.

Was propagierten Sie?

Es war Anfang der siebziger Jahre, wir unterstützten Maos Kulturrevolution. Als Stalin zur ideologischen Referenz wurde, trat ich aus.

Mao lag noch drin?

Zumindest jener Mao, wie ihn die Propaganda damals darstellte. Bevor ich meinen Austritt gab, habe ich Depp auch noch den Quatsch von Stalin gelesen. Statt einfach zu verschwinden, wollte ich argumentieren können.

Waren Ihre Eltern links?

Mein Vater war Metzger und in der Gewerkschaft, aber kaum aktiv. Wenn ich von meinen radikalen Meetings nach Hause kam, sass er im Trainingsanzug vor dem Fernseher, quasi die fleischgewordene Arbeiterklasse. Er widerstand allen meinen Missionierungsversuchen tapfer.

Mit 38 erhielten Sie die Chance, zum grossen TV-Satiriker zu werden.

Das klingt mir zu pompös. Wenn ich etwas reizvoll fand, engagierte ich mich dafür. Einst verfasste ich für eine kleine alternative Zeitung Kolumnen. Das löste schon damals ein Echo aus. Inzwischen ist es einfach grösser geworden.

Die Grösse des Publikums ist Ihnen egal?

Heute natürlich nicht mehr. Die Erwartungen sind höher, ich packe eine neue Produktion mit mehr Professionalität an. Beim Fernsehen waren wir Newcomer, niemand glaubte daran, dass Satire mit Politiker-Talk funktionieren würde, schon gar nicht live.

«Viktors Spätprogramm» wird vermisst. Heute ärgert sich mancher Zuschauer über «Black’n’Blond» mit Roman Kilchsperger und Chris von Rohr. Schauen Sie die Sendung?

Ich war sogar Gast, da konnte ich zweieinhalb Sätze sagen, ehe ich Pfeile werfen musste. Aber das ist ja nicht Satire, sondern LateNight-Comedy. Vielleicht müsste man das Programm mehr auf die Moderatoren zuschneiden.

In der Schweiz gibt es keine Nachwuchsstars.

Das ist ein Klischee. Mit dröger Regelmässigkeit schreibt einer Ihrer Zunft, wie schlimm es um den Schweizer Humor bestellt und wie wahnsinnig lustig der englische Humor sei.

Nennen Sie uns die Talente.

Duo Fischbach, Ursus & Nadeschkin, Lorenz Keiser, Andreas Thiel, Joachim Rittmeyer, Massimo Rocchi, Ohne Rolf, Die Geholten Stühle, Stahlbergerheuss, Lapsus etc. Die sind alle saugut. Nur sind einige faule Säcke von Redaktoren in ihren geschützten Werkstätten zu bequem, ihren Fernseher auszuschalten, die Künstler live auf der Bühne zu sehen und sie über Jahre hinweg zu beobachten. So was würde man dann Fachjournalismus nennen.

Sie sprechen von Ihrem Casinotheater, das Sie mit Freunden betreiben. Läuft das Geschäft?

Es läuft gut, aber nicht von alleine, wir müssen ständig innovativ daran arbeiten. In dieser Grösse gibt es sonst kaum ein Theater, das ohne Steuermittel auskommt.

Was wollen Sie erreichen?

Spass am Neuen und Unkonventionellen haben. An einer Matinee spielten wir die «Arena» vom Schweizer Fernsehen nach. Prominente Künstler lasen die Texte der Originalsendung in verteilten Rollen vor.

Das war lustig?

Die Leute lachten. Wir lasen alles genau vor, mit allen «Ähs» und «Öhs» und «Reden Sie mir nicht ständig ins Wort». Wir können Dinge ausprobieren, die ein traditionelles Haus höchstens nach einjähriger Planung ins Programm aufnehmen würde.

Die Darsteller sprachen die «Arena» gratis?

Sie machten aus Spass mit. Natürlich haben auch wir Produktionen, die rentieren müssen. Dieses Jahr «Ein seltsames Paar», das war eine unserer teuersten und erfolgreichsten Aufführungen. Nur probte ich den ganzen August für 3500 Franken. Da muss man Liebhaber sein. Umso teurer bin ich, wenn ich an einem Firmenanlass auftrete.

Sie verlangen 5000 Franken für einen einstündigen Talk?

Mindestens. Einen mittelgrossen Teil meines Vermögens habe ich ins Casinotheater investiert, ohne Aussicht auf Rückerstattung.

Viktor Giacobbo, 53, wurde mit der Satiresendung «Viktors Spätprogramm» zum TV-Star. Seit 2002 betreibt er das Casinotheater in Winterthur.

– 5000 Franken pro Stunde. Mindestens –

22. Dezember 2005, Weltwoche, von Lukas Hässig

Schluss mit den gusseisernen Kritiken, die Schweiz könnte das Land des Lachens sein: Hier verrät Viktor Giacobbo, wo die wirklich […]

Spätestens seit «Achtung, Fertig, Charlie!» aus dem Jahr 2003 kann sich auch die Schweiz mit erfolgreichen Mainstream-Filmen brüsten. Das neuste heimische Kinowerk «Undercover» fährt auf der gleichen Schiene weiter.

 

Der «hausgemachte» Kinostreifen erlebt einen Höhenflug; der Schweizer Film muss im Kino nicht länger ohne Publikum laufen. Vorbei scheinen vorerst die Zeiten, in denen sich Filmschaffende in erster Linie selbst beweihräucherten. Jüngstes Beispiel für einen Schweizer Film, der aufs grosse Publikum abzielt, ist «Undercover». Der Film wurde am Sonntagabend im Beisein von Produzentin Ruth Waldburger und den Drehbuchautoren Domenico Blass und Viktor Giacobbo – Letzterer ist zugleich Hauptdarsteller in «Undercover» – im Churer Kino Apollo gezeigt. Der Schweizer Film ist zwar kommerzieller und erfolgreicher geworden, die Kulturförderung orientiert sich allerdings viel lieber an der Vergangenheit, denn, wie Giacobbo gegenüber der «Südostschweiz» sagte: «Man begegnet immer noch mehr Skepsis, wenn man mit einer Komödie Gelder aus der Kulturförderung will, als wenn man mit einem Flüchtlingsdrama daherkommt.» Doch, so erklärt der prominente Autor, Kabarettist, Moderator und Schauspieler weiter, Publikumsfilme zu machen, bedeutet nicht, schlechte Filme zu machen.

«Undercover» ist, so Giacobbo, «eine Mischung aus leichtem Familiendrama, Krimi und Komik, die nicht als Pointen-Komik daherkommt». Oder wie ein Churer Zuschauer meinte: «Das ist ja wie ein James Bond.» Und das ist zumindest nicht sehr weit hergeholt, denn «Undercover» ist vor allem auch eine Agenten-Geschichte. «Undercover» kommt zwar niemals an die Genialität der alten James-Bond-Filme heran, ist aber auch keine billige Kopie davon. Ein direkter Vergleich der beiden Filme wäre allein vom Budget her betrachtet völlig unangemessen. Trotzdem haben der englische Filmklassiker und die neuste Schweizer Filmproduktion eine Parallele: Auch «Spezialagent» Giacobbo beherrscht das Unmögliche – und sei es, dass er das Kondom an den rechten Ort fliegen lässt.

Boris Ruf statt 007

Statt eines galanten 007 tappt in «Undercover» aber der überkorrekte Bünzli-Schweizer Boris Ruf als Ermittler der Bundeskriminalpolizei über die Leinwand. Ruf, der Privat- und Berufsleben bis zu diesem Zeitpunkt stets getrennt hatte, kommt gerade von einer erfolgreichen Mission in Afghanistan zurück. Nach dem Scheidungsprozess von seiner Frau Sibylle (Sylvie Rohrer) lässt er sich aber einen Fall aufschwatzen, der die Trennung seines Famlienlebens von der Arbeit verunmöglicht und ihn nach Italien führt. Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi wird bei «Undercover» ebenso auf die Schippe genommen wie die Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla Del Ponte. Und auch Bundesrat Christoph Blocher bekommt sein Fett ab.

Vom Kino in die Manege

«Undercover» ist, bis auf den flauen Schluss und den etwas laschen zweiten Teil, durchaus spannend und komisch. Letzteres nicht zuletzt wegen Giacobbo, der dem Film mit seiner Komik einen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Doch der ehemalige Protagonist von «Viktors Spätprogramm» ist sehr selbstkritisch: «Ich vergnüge mich nicht, wenn ich den Film anschaue, denn wenn ich mich selber betrachte, sehe ich immer die Dinge, die ich hätte besser machen können.»

«Undercover» ist Vergangenheit, für Giacobbo stehen bereits die Vorbereitungen fürs nächste Projekt mit dem Circus Knie an. Dort wird er zwar nicht den klassischen Clown mimen, doch spielt er an der Seite eines Kamels den Narren.

«Undercover» läuft derzeit in den Schweizer Kinos.

«Das ist ja wie ein James Bond»

8. November 2005, Südostschweiz, von Urs Fetz

Spätestens seit «Achtung, Fertig, Charlie!» aus dem Jahr 2003 kann sich auch die Schweiz mit erfolgreichen Mainstream-Filmen brüsten. Das neuste […]

Viktor Giacobbo über Humor in Somalia, Kommunismus und Harry Hasler im Ehebett.

Facts: Herr Giacobbo, früher hatten Sie einen klaren politischen Standpunkt.

Viktor Giacobbo: Richtig. Mit 18 wurde ich aus der SP geworfen, weil ich ihr zu radikal war. Wenn Sie das meinen.

FACTS: Jahrelang waren Sie der linke TV-Satiriker. In «Undercover» kommen die Emanzen aber genauso dran wie die Machos, korrupte Kapitalisten wie Globalisierungsgegner. Am Ende treten Sie niemandem auf die Füsse.

Giacobbo: Nein, offenbar trete ich allen auf die Füsse. Das haben wir übrigens auch im Spätprogramm immer getan. Zugegeben, im Film brandmarkt niemand die SVP als böse. Aber zum Schluss ernennt unser Justizminister eine Bundesanwältin, die illegale Drogen-geschäfte machte.

FACTS: Die Globalisierungsgegner bekommen ebenso ihr Fett weg. Sie schlagen gegen alle Seiten aus. So ist gar keine politische Haltung mehr spürbar.

Giacobbo: Ach, das tut mir aber Leid! Wir beschreiben immerhin eine Art Mini-Berlusconi. Und die Schweizer Justiz arbeitet mit ihm zusammen. Das ist, finde ich, sehr wohl eine politische Haltung. Zudem geht es nicht um die Globalisierungsgegner, sondern um eine 16-Jährige, die, etwas naiv, die Politik entdeckt. «Undercover» spielt also nicht im politisch luftleeren Raum. Aber es ist auch kein politischer Film.

FACTS: Das ist symptomatisch für den momentanen Zustand des Schweizer Humors. Die Kassenknüller «Achtung, fertig, Charlie!» oder «Mein Name ist Eugen» sind politisch mehr als harmlos. Selbst in «Punkt CH», der Nachfolgesendung von «Viktors Spätprogramm», trampeln Ihre Kollegen lieber auf den privaten Marotten des Bundesrats herum, als ihn inhaltlich anzugreifen.

Giacobbo: Okay, Sie haben offenbar eine These: Komödien müssen politisch sein. Und ich sage: Komik muss gar nichts, ausser Leute zum Lachen bringen. Egal, ob mit Slapstick oder politischen Jokes. Zudem frage ich mich, wie neu diese Tendenz im Schweizer Film ist. Wann gab es sie denn, die Zeit der grossen Schweizer Politkomödien?

FACTS: Komik entsteht meist aus dem Konflikt von Ideal und Wirklichkeit. Sind wir Schweizer zu behütet, um lustig zu sein?

Giacobbo: Wir Schweizer? In welchem Land gibt es denn so viele politische Komödien? In Italien etwa? Oder Deutschland? Selbst Amerika produziert vor allem Romantic Comedies.

FACTS: Das sind alles Wohlstandsländer. Die Dringlichkeit nach subversiver Komik ist auch da eher gering.

Giacobbo: Die Komikproduktion in Somalia ist mir im Moment nicht so geläufig. Ich war aber vor kurzem in Südafrika und bin dort auf einen populären Komiker gestossen, der während der Apartheid enorm viele politische Sketches gemacht hat. Unter so einem System ist das natürlich viel dringender und mutiger. Aber ich kann ja jetzt nicht sagen: Okay, ich wandere nach Nordkorea aus, um dort Satire zu machen.

FACTS: Es ist ja nicht so, dass es in der Schweiz keinen Zündstoff gäbe.

Giacobbo: Natürlich gibt es den. Deshalb schreibe ich ja auch Kolumnen. Aber in meinen Filmen habe ich nun halt mal einen anderen Stil gepflegt. Das Kino hat für mich eine andere Funktion …

FACTS: … nämlich, das zahlende Publikum anzulocken. Sie sind inzwischen also mehr Unternehmer als Kabarettist?

Giacobbo: Für wen ist dieses Interview – für die «Prawda»? Unternehmer impliziert, ich denke nur noch ans Geschäft. Aber dann wäre ich beim Fernsehen geblieben und hätte Harry Hasler und Co. bis zum Gehtnichtmehr vermarktet. Unternehmer und freie Künstler haben zudem eines gemeinsam: Sie gehen Risiken ein, finanziell oder künstlerisch und manchmal beides gleichzeitig. Und apropos Kabarettist…

FACTS: Ja, bitte?

Giacobbo: Satire kann politisch sowieso nichts bewirken. Sie unterhält lediglich diejenigen, die bereits derselben Meinung sind, oder provoziert die andern. Ich habe jedenfalls noch von keiner einzigen Person gehört, die nach einer Satire sagte: «Die haben ja Recht. Jetzt ändere ich meine Meinung!»

FACTS: Sie kann immerhin eine Diskussion auslösen.

Giacobbo: Aber keine neue. Satire kann lediglich Öl in ein Feuer giessen, das bereits brennt.

FACTS: Das klingt frustriert.

Giacobbo: Nein, Öl ins Feuer giessen macht Spass.

FACTS: Sie werden doch wohl nicht behaupten, Sie hätten nie politische Ziele verfolgt.

Giacobbo: Die verfolge ich auch heute noch, aber ein Film ist kein Flugblatt. Zugegeben: Mit zwanzig dachte ich, es ginge noch zehn Jahre, dann hätten wir hier das kommunistische Paradies. Ich war sogar ein avantgardistischer Leninist. Als Lehrling unterschied ich mich von den Studenten, die die Werktätigen zur Revolution führen wollten. Und ich konnte jedes Problem in ein Schublädchen einordnen. Heute erschreckt mich das. Ich war das Mitglied einer Sekte.

FACTS: Heisst das, Sie wurden aus Überzeugung unpolitischer?

Giacobbo: Im Gegenteil. Ich wurde politischer. Heute ordne ich aber nicht mehr alle Probleme einer Wunschvorstellung unter, sondern analysiere und bilde mir eine Meinung.

FACTS: Ist diese Altersmilde nicht der Tod eines jeden Satirikers?

Giacobbo: Überhaupt nicht. Ich bin froh, dass ich nicht mehr zu allem eine betonierte Meinung haben muss. Diese Freiheit nehme ich mir heute. Früher konnte ich das noch nicht.

FACTS: Warum?

Giacobbo: Es hat mit einem gewissen Selbstvertrauen zu tun, politisch unkorrekt sein zu dürfen. Ich kann heute auch als SVP-Gegner sagen, dass ein Streit mit Christoph Blocher Spass macht, weil der Mann in gewisser Weise Witz hat.

FACTS: Ist Christoph Blocher der letzte (Real-)Satiriker dieses Landes?

Giacobbo: Er hat auf jeden Fall eine gute Portion Humor, auch wenn das die meisten seiner Wähler wohl gar nicht sehen. Und so sehr mir seine politische Richtung zuwider ist, eines muss man ihm zugute halten: Er stellt sich der Kritik, weil er auch kontern kann. Das kann man von vielen Linken nicht behaupten.

FACTS: Sie selbst bleiben in «Undercover» diskret politisch, weil Spielfilme nur unterhalten sollen. Fakt ist aber, dass das Bundesamt für Kultur dem Projekt bloss widerwillig Geld gab. War der Film selbst Bern zu brav?

Giacobbo: Damit hat das nichts zu tun. Wenn sie uns gesagt hätten, der Stoff sei irrelevant oder nicht umsetzbar, hätte ich das als Argument akzeptiert. Aber es ist nicht deren Aufgabe zu entscheiden, was komisch ist und was nicht.

FACTS: Warum nicht? Das Publikum entscheidet ja auch selbst, worüber es lacht.

Giacobbo: Ja, aber ein Publikum muss kein Drehbuch lesen, sich also auch die Umsetzung nicht vorstellen können. Und Leute, die selber nie komische Filme machten, können das eben weniger gut als beispielsweise ein Rolf Lyssy.

FACTS: Das ist ja aber genau das Problem: Weder Rolf Lyssy noch Sie sitzen in dieser Kommission. Weil Sie sich in der kleinen Schweiz davor scheuen, den eigenen Kollegen auf die Füsse zu treten.

Giacobbo: Meinen Sie, wenn ich Angst hätte, jemandem auf die Füsse zu treten, würde ich öffentlich meine Geldgeber kritisieren? Filmprojekte sind objektiv schwer zu beurteilen, und jedes kann floppen, auch unseres. Ich finde nur, dass eine Kommission auch beachten sollte, ob jemand sein Talent schon bewiesen hat – wie beispielsweise «Undercover»- Regisseurin Sabine Boss mit «Ernstfall».

FACTS: Apropos Sabine Boss: Warum gibt es eigentlich nach wie vor so wenig Frauen, die Komik machen – hinter und vor allem vor der Kamera?

Giacobbo: Ich weiss es nicht. Was mir Komikerinnen aber schon anvertrauten: Viele Männer haben Angst vor lustigen Frauen. Ich kann das nicht verstehen. Ich finde lustige Frauen sehr attraktiv – weil sie meist auch sehr selbstbewusst sind.

FACTS: Sie waren ja auch länger mit Nadeschkin zusammen. Hält man Sie privat überhaupt aus? Oder sind Sie ein notorischer Witzler?

Giacobbo: Überhaupt nicht, ich mache sicher nicht den Harry Hasler im Ehebett. Da würde ich mich selber nicht mehr aushalten.

«Öl ins Feuer giessen macht Spass»

3. November 2005, Facts

Viktor Giacobbo über Humor in Somalia, Kommunismus und Harry Hasler im Ehebett. Facts: Herr Giacobbo, früher hatten Sie einen klaren […]

Möglichst durchschnittlich: Hauptdarsteller und Ko-Autor Viktor Giacobbo über seine Rolle im Film «Undercover».

Der biedere Normalo, der in Wahrheit ein Superagent ist: War «Undercover» als helvetische Version von «True Lies» gedacht, mit Ihnen in der Rolle von Arnold Schwarzenegger?

Nein, ich wusste zwar von «True Lies», hatte den Film aber nie gesehen. Unser Ausgangspunkt war die Bellasi-Affäre, es ging uns um die Arbeit eines verdeckten Ermittlers aus der Schweiz. Nach Vorgabe von Fausto Cattaneo, der das Buch «Deckname Tato» geschrieben hat, wollten wir zeigen, wie die Bundeskriminalpolizei arbeitet und wie über Geldwäscherei ermittelt wird. Nur dass unser Ermittler natürlich ein paar absurde Fähigkeiten besitzt: den Wurf des Panforte zum Beispiel, dieser italienischen Spezialität. Wir fanden das witzig, aber wie das halt so ist: Die einen finden es witzig, die andern nicht. Natürlich bin ich im Grunde genommen eine Fehlbesetzung. Aber solche verdeckten Ermittler sehen nun mal möglichst durchschnittlich und bünzlig aus. Und der Ermittler in «Undercover» hat genau deshalb Erfolg, weil ihn alle unterschätzen.

Sie betonen gern die fundierte Recherche und Realitätsnähe von «Undercover». Wird der Satiriker Giacobbo, wenn er Kino macht, plötzlich zu einem Realismusverfechter?

Nein, ich stehe ja am Morgen nicht auf und sage mir: Heute bin ich Satiriker. Diese Prämisse hab ich nicht. Ich mache das, wovon ich finde, das sei lustig oder originell. Was das Kino angeht, so haben schon bei «Ernstfall in Havanna» viele Leute gefragt, wieso ich nicht als Harry Hasler oder Fredi Hinz auftrete. Aber diese Figuren haben eine Halbwertszeit von dreissig Minuten, danach gehen sie einem auf den Wecker – am meisten mir selber. Und ich mag nicht einen Monat lang als Harry Hasler drehen, schon aus Gründen des persönlichen Komforts.

Heisst weniger Make-up denn auch zwangsläufig weniger Maskerade?

Es ist weniger Klamauk, ja. Der Ermittler in «Undercover» ist eine Eins-zu-eins-Figur, jemanden wie ihn könnte es geben im wirklichen Leben. Wie schon bei «Ernstfall in Havanna» hat mich auch hier interessiert, dass die Grundlagen der Realität entsprechen, das heisst, dass sich die Geschichten im Extremfall genau so abspielen könnten.

Als Komödie scheint mir «Undercover» aber doch ziemlich bieder. Weniger diplomatisch ausgedrückt: Dieser Film dürfte auch den Herren Blocher und Mörgeli gefallen . . .

Das ist möglich. Aber solche Urteile stammen meist von Leuten, die fixiert sind auf die politisch pointierten Sachen, die ich sonst mache. Und immerhin: Die Quintessenz des Films ist doch die, dass unser Justizminister am Ende eine Frau zur Bundesanwältin ernennt, die illegalerweise Kokain bei einem Geldwäscher in Italien beschafft hat. – Es ist ja so, dass man während der Drehbuchentwicklung immer mit vielen Leuten spricht, und alle reden irgendwie mit. Was ich sagen will: Es hätte auch einen anderen Weg geben können, und ich wäre darüber nicht unglücklich gewesen.

Welchen anderen Weg?

Die persönlichen Verhältnisse der Hauptfigur wurden irgendwann immer wichtiger. Das finde ich zwar auch reizvoll, aber es gab früher mal eine Phase, wo ich der Meinung war, dass das eher die Nebensache bleiben müsste und dass alles ein bisschen gewagter oder absurder daherkommen sollte.

Sie empfinden also eine gewisse Unzufriedenheit?

Ich bin nie zufrieden, mit keinem meiner Produkte. Das heisst, offiziell ist natürlich immer das, was man gerade gemacht hat, das Wunderbarste, was man je vollbracht hat – vor allem in Interviews wie diesem hier. Anderseits ist Film halt eine enorme Teamarbeit, und manchmal kippen ganze Handlungsstränge, weil die Bedingungen am Drehort nicht so sind, wie sie sollten. Ich bin eben das Gegenteil gewohnt. Gerade an den Kolumnen oder meinen Liveauftritten schätze ich, dass man als Autor bis zuletzt verantwortlich ist. Beim Film ist das nicht möglich, ausser man macht sich vor dem Team zum Arschloch. «Undercover» ist jetzt eher ein Beziehungsfilm geworden, und ich finde diese Beziehungen nicht uninteressant. Ob wir wirklich jede Chance zur Komik genutzt haben, das weiss ich nie.

«Im Grunde genommen bin ich eine Fehlbesetzung»

2. November 2005, Tages-Anzeiger, von Florian Keller

Möglichst durchschnittlich: Hauptdarsteller und Ko-Autor Viktor Giacobbo über seine Rolle im Film «Undercover». Der biedere Normalo, der in Wahrheit ein […]

In der Komödie «Undercover» von Sabine Boss spielt Viktor Giacobbo einen Geheimagenten. Die Komik leidet am Ernst des Lebens.

 

Der Unterschied zwischen Arnold Schwarzenegger in seiner besten und Viktor Giacobbo in seiner durchschnittlichen komischen Form liegt nicht in der Schauspielkunst, die beim einen und beim anderen mit begrenzten Mitteln auskommen muss. Sondern er gründet in dem, was man den zweien nicht glaubt, wenn sie dasselbe tun, der eine im komischen Action-Spektakel «True Lies» (1994) von James Cameron, der andere jetzt in «Undercover» von Sabine Boss, einer Agentenkomödie, in der die schweizerische Seriosität geradezu bannerhaft die Komik durchweht.

Beide Filme erzählen davon, wie ein Mann und Verbrecherjäger seine abenteuerliche und auch brachialgewaltige Natur hinter einem Schein von Langweilertum verbirgt, was der Ehe und der väterlichen Autorität nicht gut tut, von den privaten Teilen des Selbstbewusstseins nicht zu reden. Während aber der übertrainierte Arnold Schwarzenegger schon rein figürlich nicht bestimmt war zur Verkörperung eines unathletischen Würstchens, hat der unmaskierte Viktor Giacobbo die grösste Mühe, seinen, wie man sagen könnte, physiognomischen Biedersinn gewaltsam zu unterdrücken. Beide tragen ihr Image als Bürde, und keinem gelingt die Verwandlung in den anderen.

Dem Schwarzenegger konnte das seinerzeit egal sein, weil es ihm in «True Lies» erlaubt war, seinen parodistischen Tarncharakter gleich durch einen antiterroristischen Aktionismus ins Eck zu drücken, wo er dann keine Rolle mehr spielte. Der Giacobbo in «Undercover» hingegen hat es schwerer, weil der Film es todernst meint mit der Parodie und sich das Schwarzeneggerische und das Giacobbohafte als eine Harmonie realer Kontraste denkt. Als ginge das im Kino so einfach, dass einer, dessen Dienstwaffe im sonstigen künstlerischen Leben der schnelle Witz ist, einem afghanischen Drogenhändler in seinem Wüstenzelt schnell eine Pistole in den Mund stecken muss, um einen Spielfilm lang auch als Geheimagent durchzugehen (und seis nur als ein schweizerischer Bundespolizist).

Die Idee, ein wenig Schwarzenegger im Schweizer Bünzli zu finden, ist reizvoll.

Die Idee ist natürlich trotzdem reizvoll, das Harmlose kriegstauglich zu machen, das Komische im Wirklichen zu suchen und ein wenig Schwarzenegger im Bünzli zu finden oder umgekehrt. Und es ist wirklich keine schlecht erfundene Geschichte, wie der schweizerische Ermittler Boris Ruf sich zerreisst zwischen seiner Maskerade und seiner Persönlichkeit, wobei gar nicht so sicher ist, was nun die Maske ist und was das wahre Gesicht.

Die Frau (Sylvie Rohrer) läuft ihm davon, weil er ihr zu fad ist, und nimmt sich einen Harley-Fahrer, den so ein Boris Ruf mit der linken Hand auf den Rücken legen würde, wenn er dürfte. Die Geliebte (Nana Krüger), seine Chefin, schätzt den helvetischen Bond in ihm, er muss es mit ihr auf dem Schreibtisch treiben, obwohl ihm ein Bett und der Kick des Normalen lieber wären. Notwendige verdeckte Ermittlungen in Italien (Geldwäscherei, gleich nach der Aktion in Afghanistan) fallen in die geplanten Ferien mit der Tochter (Anna Schinz), das Mädchen muss jetzt mit auf die Geschäftsreise und macht es dem Vater nicht gerade leicht, und auf dem ganzen Agententum lastet überhaupt eine missmutige Sehnsucht nach jener Langeweile, die sonst der Tarnung dient.

Das klingt alles mehr nach wirklichkeitsbeschwertem Drama als nach der Komödie, die «Undercover» schliesslich sein will. Tatsächlich ist die Existenz des Boris Ruf in ihrer grundsätzlichen Wahrscheinlichkeit vielleicht lächerlich, aber eigentlich leider nicht zum Lachen, und das Allerkomischste in diesem Film ist nicht Viktor Giacobbo, sondern die kleine Szene mit Gerhard Polt als deutschem Touristen, den es aus einem anderen Film in diesen verschlagen hat.

«Havanna» war leichtfüssiger

Es gibt Komödien, die von den Kuriositäten der Realität profitieren. Diese hier leidet am Ernst und an der Trägheit des Lebens, die ihre dramatische Grundlage sind. Das Buch zu «Undercover» stammt vom bereits im «Ernstfall in Havanna» bewährten Autoren-Duo Giacobbo und Domenico Blass, ganz unschuldig ist der Hauptdarsteller also nicht an der etwas morosen Seriosität der Hauptfigur. Vielleicht ist das Buch sogar besser und charaktersatter. Aber damals in Havanna ist es leichtfüssiger zu und her gegangen, mit weniger Scheu vor der Tücke des Objekts und dem Affen, der seinen surrealen Zucker will. Und Viktor Giacobbo, der wirkliche und unser Bild von ihm, war näher bei sich als eine feine Mischung von Karikatur und Charakter.

Die Inszenierung verstärkt den Lebensernst durch eine heilige Angst vor der Karikatur. Auch die Regisseurin Sabine Boss schien damals in Havanna noch ein befreiteres Verhältnis zum höheren Blödsinn zu haben. Hier ist die Langsamkeit eines umständlichen Realismus erreicht, worin der Witz nur tröpfchenweise verabreicht wird. Der Rhythmus des Wahrscheinlichen sediert die vorhandene ungezogene Komik, bis sie brav ist. So passiert es dann, dass man in «Undercover» nicht immer weiss, was nun herrscht: die Bünzligkeit oder die komödiantische Idee davon.

Angst des Agenten vor Karikatur

, Tages-Anzeiger, von Christoph Schneider

In der Komödie «Undercover» von Sabine Boss spielt Viktor Giacobbo einen Geheimagenten. Die Komik leidet am Ernst des Lebens.   […]

«Undercover» – eine Deutschschweizer Kriminalkomödie von Sabine Boss mit Viktor Giacobbo

 

Der Vergleich von «Undercover» mit «Ernstfall in Havanna» (2002) ist nicht nur naheliegend – er wird von der jüngsten Produktion der Zürcher Vega-Film geradezu ultimativ eingefordert. Zwar heisst die Hauptdarstellerin nicht mehr Sabina Schneebeli (die wir übrigens gern einmal in einer etwas ordinäreren Rolle gesehen hätten), doch das erscheint angesichts des Barrique-Ausbaus von Viktor Giacobbo zum Superstar sekundär: Giacobbo, der nicht nur als Drehbuchautor, zusammen mit Domenico Blass, sich die Hauptrolle auf den hageren Leib geschneidert hat, sondern, als Koproduzent neben Ruth Waldburger, auch finanziell beteiligt ist. Erneut spielt er einen Bundesbeamten, nach dem trotteligen Botschaftsangestellten nun aber als der Mann für alle Fälle einen verdeckten Ermittler der Bundeskriminalpolizei. Anders als «Ernstfall in Havanna» mit seinem argen Durchhänger in der Mitte, aus dem er sich nur mit Mühe, in einem überraschenden Finale dann aber umso glanzvoller herausarbeitete, ist «Undercover» gleichmässiger gestrickt, fällt dafür zum Ende hin vielleicht etwas ab.

Sprachwitz

Was an «Ernstfall in Havanna» gefiel und ihn über die gängige Deutschschweizer Dialektkomödie hinaushob, war nicht nur der beständige ironische Seitenblick aufs Politische, sondern auch die einfallsreiche Verwendung der Sprache mit Dialekt, Hochsprache, Spanisch und Englisch. Dasselbe findet sich in «Undercover» wieder, der mit Arabisch als Einmaleinlage anhebt und in der Folge neben Dialekt und Hochsprache vor allem Italienisch zu hören gibt. (Die nächste Herausforderung für die Produzentin von Godard und Resnais wäre wohl das Französische, mit dem sich vielleicht sogar der Sprung in die Romandie schaffen liesse . . .) Die vergnügliche anagrammatische Verfremdung von Filmtitel («Con verdure»), Funktionen («Geier» – Regie) und Namen im Vorspann reflektiert schliesslich neben der witzigen Sprachspielerei auch das Prinzip der Verwechslung, wie es den (hier parodierten) Agentenfilm charakterisiert.

Bis zur Schmerzgrenze karikiert erscheint die ihr «ithaliano» radebrechende Deutsche (eine genüsslich nachsynchronisierte Gabi Bär-Richner). Und für ungetrübtes Vergnügen sorgt Hanns Zischler (den wir in durchaus guter, wenngleich etwas uniformer Erinnerung hatten) in seiner möglicherweise besten, zweifellos aber bisher komischsten Rolle als deutscher V-Mann der Schweizer Bundeskriminalpolizei, wenn sein Landsbichler, auf die Anrichte zeigend, die sich unter der Last der Köstlichkeiten nur so biegt, die «traditionelle sardische Küche» als «Armeleuteküche» bezeichnet oder sein auffälliges Spesengebaren mit «vergänglichen Repräsentationsrequisiten aus dem Piemont» begründet. Wie denn der Anteil der Gastronomie an der Verbrechensbekämpfung nicht unerheblich ist.

Rund ein Dutzend spielfreudige italienische Darsteller sorgen für Lokalkolorit in Porto Maggiore (gedreht wurde in Porto Santo Stefano und Orbetello): so der Operetten-Mafioso, der pomadige Bürgermeister (David Pietroni), der dekorative Carabiniere. Sabine Boss holt mit den Schauspielern aus den Figuren heraus, was ihnen das Drehbuch zugesteht. Aber letztlich geht es nicht um Entwicklung, wo bloss Typen angelegt sind, nicht einmal bei der Hauptfigur. Boss lässt Giacobbo schön zwischen linkisch und lässig agieren, bald als frisch geschiedenen Ex-Ehemann, bald als strapazierten Liebhaber und ausgefallenen Lover (der «undercover» eine neue Bedeutungsvariante hinzugewinnt), als überforderten Vater oder kampfsporttechnisch versierten Supercop.

Kabarett statt Satire

Der Film besitzt zwar eine durchgehende Erzählhandlung, die, nach einem Prolog in «Afghanistan», von Bern über Porto Maggiore zurück nach Zürich führt. Im Mittelpunkt die «mannstolle», «karrieregeile» Chefin der Bundeskriminalpolizei (Nana Krüger), deren Aspirationen auf den Posten der Bundesanwältin durch die Entwicklung der Dinge in Italien bedroht werden, wo Kokain und Geldwäscherei nach kreativen Lösungen rufen. Wenn sich dabei der Eindruck eines gewissen Nummerncharakters einstellt, dann wesentlich wegen einer Parallelhandlung, die durch beständige Zwischenschnitte den Gang der Dinge bremst. Darin hat sich die besorgte Mutter (Sylvie Rohrer) laufend beim genervten Ex nach dem Wohlergehen der Tochter (Anna Schinz) zu erkundigen, während im Übrigen vermittelt wird, dass Harley-Davidson-Fahrer Deppen sind.

Trotzdem will der Film den Schritt zur wirklich bissigen Satire nicht tun. In der Figurenzeichnung wie in der Episodenstruktur der Erzählung bleibt er bei der Nummernfolge des Kabaretts. Was uns Fans von «Viktors Spätprogramm» zum Finale noch etwas Blocher (Walter Andreas Müller) und Del Ponte (Birgit Steinegger) beschert. Was aber vielleicht auch aus dem Stoff hätte werden können, das suggerieren die wenigen Momente, in denen Teco Celio im Bild ist. Sein Tessiner Grottowirt Fumasoli, der aus einem betrügerischen Geschäft aussteigen will und nun von bösen Buben Kooperation eingebläut erhält, zeigt mit knappsten mimischen und gestischen Mitteln, was ein wirklicher Schauspieler ist. Das ist dann kein Kabarett mehr.

Christoph Egger

«Undercover» startet am Donnerstag, 3. November, mit 50 Kopien in den Deutschschweizer Kinos.

Con verdure oder Ernstfall in Porto Maggiore

, Neue Zürcher Zeitung, von Christoph Egger

«Undercover» – eine Deutschschweizer Kriminalkomödie von Sabine Boss mit Viktor Giacobbo   Der Vergleich von «Undercover» mit «Ernstfall in Havanna» […]

«Undercover» heisst der neue Film mit Viktor Giacobbo. Er liegt im Trend der neuen Schweizer Erfolgsfilme.

 

Im Vorfeld waren Unkenrufe zu vernehmen: «Undercover», der neue Spielfilm von und mit Viktor Giacobbo, sei besser, aber weniger lustig als der Kinoerstling «Ernstfall in Havanna». «Das habe ich auch schon von zwei Seiten gehört», bestätigt der Comedy-Star. Wir können Entwarnung geben: «Undercover» ist mehrschichtiger und realitätsnaher als der Vorgänger, weniger komisch ist er nicht. Komik ist sowieso eine Frage der Definition: «Man kann noch viel weniger  sein, damit etwas lustig ist», findet die Regisseurin Sabine Boss: «Ich hätte den Film sogar noch ruhiger gemacht.» Aber natürlich weiss sie, dass eine Genre-Form ihre Gesetze für die Umsetzung auf der Leinwand einfordert.

Sabine Boss, Viktor Giacobbo und sein Co-Autor Domenico Blass sind ein  Erfolgsteam. 313 000 Eintritte hat «Ernstfall in Havanna» erreicht, ein Höhenflug für Schweizer Verhältnisse. Warum also das Rezept nicht wiederholen? Es habe schon anders werden sollen, bekräftigt die Produzentin Ruth Waldburger, «etwas einfach zu wiederholen, ist aus Erfahrung nie gut, aber die Handschrift der Autoren ist unübersehbar – ebenso das Gemeinsame der beiden Filme: Komödien, die auch politisch sind, über Politik sprechen, über etwas, das spezifisch schweizerisch ist, obwohl in Italien gedreht».

Stressiges Doppelleben

Fettnäpfchentrampel Balsiger von der Schweizer Botschaft in Havanna aus dem Erstlingsfilm hat hier einem tüchtigen Ermittler der Bundeskriminalpolizei namens Boris Ruf (Giacobbo) Platz gemacht. Die furchterregende Eröffnungssequenz in Afghanistan setzt den Ton, der aber bald Behäbigerem weicht. Ruf führt gleich zweifach ein Doppelleben – privat und beruflich, Komplikationen sind garantiert. «Undercover» ist eine sich auch selber geniessende Agentenkomödie über Berlusconi-Italien, Küche, Fussball, Kokain, Kaffee und «treuhänderische» Geldwäscherei mit Mafiamethoden (und mit Mike Müller als Bösewicht), eine augenzwinkernde Konfrontation schweizerischer, italienischer und ein bisschen bajuwarischer Mentalität – deren Klischierung inklusive. In den Thriller eingebaut ist die Farce einer stressigen Liebesaffäre zwischen dem Agenten und seiner Chefin in der Bundeskriminalpolizei (Nana Krüger); diese will Bundesanwältin werden und strauchelt beinah über die Aktionen ihres auch erotisch Untergebenen.

Ganz schön draufgängerisch die Dame, und Boris/Giacobbo, der sich eigentlich nach nichts mehr sehnt als nach Sex wieder einmal in einem schlichten Bett, guckt fast so verzweifelt wie Woody Allen. Schliesslich dekliniert der Film eine nicht unkomplizierte Vater-Tochter-Beziehung so durch, dass die 16-Jährige (Anna Schinz) am angeblichen italienischen Ferienort just in die falschen Hände gerät, während die Mama (Silvie Rohrer), mit dem Harley-Macker Nick auf dem Befreiungstrip weg vom Langweiler Boris, die neusten Verzückungen ins Handy quäkt. Die Selbstironie, mit der Giacobbo hier mit dem Image des Biedermanns spielt, ist von feiner Komik.

Es ist also einiges los in «Undercover», woher denn eigentlich die Unkenrufe in Sachen Lustigkeit? Vielleicht sind sie symptomatisch für eine Erwartungshaltung im gegenwärtigen Schweizer Spielfilm, um dessen Popularität in Öchslegrad an Pointen konkurriert wird. Neuere Kino-Kassenschlager wie «Ernstfall in Havanna», «Achtung, fertig, Charlie!» (560 000 Eintritte), «Mein Name ist Eugen» (253 000) oder auch «Sternenberg» (123 000) stehen dafür. Die Pointe oder zumindest die Pointierung, die formal effektvolle Zuspitzung in Bild und Dialog, ist der gemeinsame Nenner von Filmen, die sich in manchem durchaus unterscheiden, deren Figuren sich aber primär durch die Situation charakterisieren, in die sie geraten – gemäss der Drehbuchmaxime: An ihrem Verhalten sollst du sie erkennen. Je verschachtelter, je bunter die Dramaturgie, desto vielversprechender die Ausbeute an Attraktionen. Mit andern Worten: In der Tendenz eine Fortsetzung der Fernseh-Soap mit Kinomitteln.

Nichts dagegen einzuwenden. Das Engagement des Fernsehens mit den Sonntagabend-Dialektfilmen hat in der Szene Schubkraft entwickelt, ermöglicht Regie- und Schauspieltalenten Kontinuität und Spielräume, überhaupt hat eine von altväterischem Respekt gegenüber dem Film unberührte Generation die Kamera in die Hand genommen. Der Schweizer Film tritt frischer auf, was dem Klima zwischen ihm und dem Publikum nur förderlich sein kann. Ein Trend zu Standards hockt sich aber im Bewusstsein fest, und wenn da inzwischen – auch! – ein Überdenken angesagt wäre, ist dies nicht zuletzt eine Forderung nach den jeweils adäquaten Kanälen der Filmförderung. Nicht um «Sternenberg» oder «Undercover» zu Problemfilmen über Landflucht und Geldwäscherei umzukrempeln; auch weiss Giacobbo, dass politische Satire im TV-Format aktuell besser aufgehoben ist. Es geht um die Kräftigung und Promotion der ganzen schönen Vielfalt an Qualitäten und Handschriften im gegenwärtigen Schweizer Film.

Neue Herausforderungen

Viktor Giacobbo ist da nicht skeptisch. Falls ein Trend zur Standardisierung tatsächlich bestehe, meint er, «dann wahrscheinlich als Reaktion auf die Zeiten, als man das innerhalb der Schweizer Filmszene nicht durfte, als die Bezeichnung  das grösste Schimpfwort war. Ich sehe eher die Tendenz, dass in der Schweiz Filme in den unterschiedlichsten Genres entstehen und diese nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden, dass eine Komödie nicht mehr grundsätzlich weniger wert ist als ein Flüchtlingsdrama. Zum Glück sind jetzt viele neue junge Filmer aufgetaucht, die sich um Muster, Tendenzen und Tabus nicht kümmern, sondern sehr kreativ an ihre Filme herangehen.»

«Undercover» kann ein Erfolg prognostiziert werden. Fortsetzung folgt? Kaum. Sabine Boss freut sich auf ihren Fernsehkrimi, wo sie mehr mit Bildern arbeiten will und «einem Drittel weniger Dialog – ich setze mir da immer so Vorgaben!» Und Viktor Giacobbo, der sympathische Star, hat ein Filmprojekt im Kopf, bei dem er Regie führen möchte. Vorerst aber heisst es eine Saison lang Zirkus Knie. Mit Fredi Hinz!

«Undercover» startet am 3. 11. 05.

Italokaffee und anderes Pulver

23. Oktober 2005, NZZ am Sonntag, von Martin Walder

«Undercover» heisst der neue Film mit Viktor Giacobbo. Er liegt im Trend der neuen Schweizer Erfolgsfilme.   Im Vorfeld waren […]

Er trinkt keinen Alkohol; an Silvester lässt er sich mit einem Glas Rimuss gehen. Und: Sogar in der Autowaschanlage behält er den Sicherheitsgurt an. So einer ist Felix Unger (Viktor Giacobbo). Ein missratener Lammrücken kann das Universum des Haushaltsperfektionisten ganz schön durcheinander bringen. Die Konflikte sind vorprogrammiert, wenn der überkorrekte Felix – von seiner Frau vor die Tür gestellt – bei seinem Freund Oskar Mäder (Mike Müller) einzieht. Der geschiedene Sportjournalist ist ein Lebemann, der es weder mit dem Sauberhalten seines Lofts noch mit den Alimentenzahlungen an die Ex-Frau allzu genau nimmt.

Viktor Giacobbo hat Neil Simons Komödie «The Odd Couple» ins Schweizerdeutsche übersetzt (Ausgabe vom Mittwoch). Das Stück hatte bereits in der Verfilmung mit Walter Matthau und Jack Lemmon in den Hauptrollen ein riesiges Publikum begeistert. Am Donnerstag fand im Casinotheater Winterthur die Uraufführung der schweizerdeutschen Version statt. «Ein seltsames Paar» (Regie: Stefan Huber) spielt nicht in Manhattan, sondern in Zürich und ist voller Bezüge auf die Limmatstadt. «Blas deinen Qualm doch nach Schwamendingen», rät etwa beim Pokern einer dem andern. Alle vier Szenen der äusserst kurzweiligen Produktion spielen in ein und demselben Raum, nur ist dieser zu Beginn der zweiten Szene kaum wiederzuerkennen; der Ordnungsfanatiker Felix war am Werk. Kein überquellender Aschenbecher steht mehr neben dem Sofa, kein schmutziges Geschirr auf dem Tisch. Wenn die Männerrunde sich wie jeden Freitag zum Pokern trifft, so gilt es seit neuestem beim Eintreten die Schuhe auszuziehen. Und selbst die Miró-Reproduktion über dem Sofa ist nicht mehr, was sie einmal war: Das Bild ist «aufgeräumt», nach dem Vorbild von Urs Wehrlis Buch «Kunst aufräumen» – ein lustiges Detail.

Am komischsten sind indes die beiden Hauptdarsteller selbst. Allein schon ihre Körperhaltungen sprechen Bände: hier Müller, bullig und mit vorgeschobenem Kopf wie ein Stier kurz vor dem Angriff, da Giacobbo mit fahrigen Bewegungen und Händen, die keinen Augenblick aufhören zu zappeln. Was die achtköpfige Schauspielertruppe während einer kurzen, aber intensiven Probezeit einstudiert hat, ist gute und gleichzeitig intelligente Unterhaltung. Die Figuren sind nicht plakativ, sondern psychologisch differenziert gezeichnet. Und so kommen – zwischen den Lachtränen – durchaus immer wieder auch ernste Gedanken auf. Und nicht wenige der Anwesenden dürften sich selber ein wenig erkannt haben …

Bis 1. Oktober.

Ein Spass mit ernsten Momenten

3. September 2005, Südostschweiz, von Anne Suter

Er trinkt keinen Alkohol; an Silvester lässt er sich mit einem Glas Rimuss gehen. Und: Sogar in der Autowaschanlage behält […]

2017